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Full text of "Der Ursprung der Syphilis : eine medizinische und kulturgeschichtliche Untersuchung"




^"^^'Ty 











Der 



Ursprung der Syphilis 



Eine medizinische und kuHurgeschichtliche 
Untersuchung 



Von 



Dr. med. IWAN BLOCH 



in Berlin 



Zweite Abteilung 



Hier ist kein luftiges Reich vergäng- 
licher Vermutungen, die Thatsachen 
reden selbst in tausend Erinnerungen. 
J. F. C. Hecker. 




JENA 

Verlag von Gustav Fischer 
1911 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



Dem Andenken 

seines Verlegers 

des Herrn Dr. Gustav Fischer sen, 

in Verehrung und Dankbarkeit 

der Verfasser. 



Inhaltsverzeichnis zur zweiten Abteilung. 



Vorwort 



Seite 
VII 



Zweites Buch. 

Kritik der Lehre von der Altertumssyphilis. 

Fünftes Kapitel. Die Knochenfunde aus prähistorischer und präcolumbischer Zeit 317- 

§ 21. Allgemeine Vorbemerkungen 

§ 22. Zur Geschichte der Funde prähistorischer Knochen mit krankhaften 
Veränderungen 

§ 23. Postmortale Veränderungen der Knochen 

§ 24. Ueber die Aehnlichkeit der krankhaften Veränderungen bei nicht- 
syphilitischen Knochenleiden mit denen bei Knochensyphilis . 

§ 25. Die wichtigsten Kennzeichen der Syphilis am isolierten Knochen . 

§ 26. Die angeblichen Funde prähistorischer syphilitischer Knochen 

Sechstes Kapitel. Die pseudosyphilitischen Hautkrankheiten 3C'5- 

§ 27. Allgemeine Bedeutung der pseudosyphilitischen Affektionen der Haut 
§ 28. Die pseudosyphilitischen Affektionen der männlichen und weiblichen 

Geschlechtsteile 

§ 29. Die pseudosyphilitischen Affektionen des Afters 

§ 30. Die pseudosyphilitischen Affektionen der Mundhöhle, des Rachens 

und der Nase 

§ 31. Pseudosyphilitische Affektionen, die zugleich an den Genitalien, am 

Anus, in der Mundhöhle und an anderen Körperteilen auftreten 
§ 32. Pseudosyphilitische Hautaffektionen der Neugeborenen 

Siebentes Kapitel. Die ,, Altertumssyphilis" im Orient 475" 

§ 33. Charakter der altorientalischen Medizin 

§ 34. Die Krankheit des Gilgamis und die Uchedu des Papyrus Ebers . 



J64 



3iy 

323 

326 
332 
339 

-474 
3Ö5 

372 
41(1 

434 

454 
472 

-507 
475 
479 



VI Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

§ 35. Kritische Analyse der „Syphilis"fäile in Bibel und Talmud . . . 483 

§ 36. Die indischen „Giftmädchen" 498 

Achtes Kapitel Die Nichtexistenz der Syphilis im klassischen Altertum . 508 — 765 

§ 37' Wesen der antiken Liebe 508 

§ 38. Die sexuellen Phänomene im öffentlichen Leben der Alten . . . 513 

§ 39. Prostitution und Psychopathia sexualis 545 

§ 40. Begünstigende und hemmende Faktoren für die Veibreitung der 

venerischen Krankheiten im Altertum 624 

§ 41. Allgemeine medizinische Anschauungen der Alten über die venerischen 

Krankheiten 665 

§ 42. Die antike Venereologie 708 



Vorwort zur zweiten Abteilung. 



Das Erscheinen der zweiten Abteilung dieses Werkes, die an 
Umfang- die erste noch bedeutend übertrifft, hat sich zu meinem 
eignen grössten Bedauern über Gebühr verzögert. Wenn sogar das 
„nonum prematur in annum" dabei überschritten worden ist, so muss 
ich als Entschuldigung teils äussere Verhältnisse anführen, teils die 
Notwendigkeit, all den neuen Problemen und Fragestellungen nach- 
zugehen, die sich während der Ausarbeitung des bereits bei Erscheinen 
der ersten Abteilung von mir zum grössten Teile zasammengetragenen 
Materials^) aufdrängten und besonders im achten Kapitel zahlreiche 
Excurse und Nebenuntersuchungen erforderten, die zur endgültigen 
Klärung der Frage nach der Existenz der Syphilis im Altertum un- 
erlässlich erschienen. Denn es handelt sich dabei nicht nur um eine 
kritische Prüfung der angeblichen Syphilisschilderungen in der antiken 
Literatur, sondern um eine Durchdringung des ganzen Geistes der 
antiken Medizin und ihres Zusammenhanges mit der Kultur, aus dem 
allein das Problem der „Altertumssyphilis" richtig begriffen und gelöst 
werden kann. Vorbedingung für eine solche Lösung ist die Lektüre 
der klassischen Autoren im ganzen und die ständige Berücksichtigung 
der neueren philologischen und archäologischen Forschung. 

Ferner sah ich mich genötigt, den anfänglich nur kurz gedachten 
Abschnitt über die pseudosyphilitischen Hautkrankheiten zu 
einer umfassenden Darstellung von 7 Bogen zu erweitern, weil eine 
solche Arbeit noch niemals geleistet worden ist und ihre ganz enorme 
Bedeutung für die Frage der Altertumssyphilis mir von Tag zu 
Tag mehr einleuchtete. Ich stehe nicht an, dieses sechste 
Kapitel für das allerwichtigste, für den Kern und den Mittel- 
punkt der ganzen Kritik der Lehre von der Altertums- 
syphilis zu erklären, weil es der erste systematische Versuch 
einer Verwertung aller Fortschritte der modernen Dermatologie 



i) Vgl. die Vorrede zu Teil I, S. X. 



VIII Vorwort. 

für die Lösung dieses alten Problems ist und weil die Kenntnis der 
zahlreichen und zum Teil häufigen, in ihrem Ensemble imponierenden 
syphilisähnlichen Krankheiten erst die wahre und exakte Grund- 
lage für die Beurteilung der „Syphilis"-Fälle des Altertums liefert, 
die bisher völlig gefehlt hat. Denn es gab keine solche ein- 
gehende, kritische und zusammenhängende Darstellung der pseudo- 
syphilitischen Hautkrankheiten, die auch, wie ich glaube, für die 
praktische Dermatologie einigen Wert besitzt. 

Durch die umfassende Darstellung der Kapitel VI und VIII ist 
nicht nur die Herausgabe dieser zweiten Abteilung zum Teil verzögert, 
sondern auch ihr Umfang derart vergrössert worden, dass ich mich 
entschlossen habe, noch eine dritte Abteilung hinzuzufügen, welche das 
Mittelalter, die dringend notwendigen Nachträge, einen Index 
graeco-latinus sowie das ausführliche Namen- und Sachregister 
enthalten wird. Da nämlich die vorliegende Abteilung bogenweise 
und successive in den Jahren 1902 — 191 1 gedruckt worden ist, so 
dass vor allem im fünften Kapitel (,,Die Knochenfunde aus prä- 
historischer und präcolumbischer Zeit") die Forschung nur bis zum 
Jahre 1902 berücksichtigt werden, und die wichtigen Untersuchungen 
aus den letzten Jahren (Elliot Smith, Tello u.a.) dort noch keinen 
Platz finden konnten, ebenso auch für den 1901 erschienenen ersten 
Teil inzwischen manches wertvolle neue Material beigebracht worden 
ist — ich erinnere nur an Franz Bolls ebenso einfache wie ingeniöse 
Aufklärung über die Bedeutung des Wortes „Syphilis" — so werden 
alle diese und viele andere Arbeiten in den Nachträgen eingehende 
Erörterung finden, wobei auch noch viele eigene Funde zu Teil I 
und II mitgeteilt werden sollen. Auch ist es meine Absicht, dann 
auf alle Kritiken und Anregungen zu antworten, die sich hoffentlich 
in reicher Zahl an das Erscheinen des nunmehr vorliegenden zweiten 
Teiles anknüpfen werden, der ja bereits die wesentlichsten Punkte 
der Kritik der Lehre von der Altertumssyphilis enthält. Ich vertraue 
dabei auf eine objektive Kritik und auf ein aus der zusammen- 
hängenden Lektüre des Ganzen geschöpftes Urteil, wie sie erfreu- 
licherweise dem ersten Teile in der überwiegenden Zahl der Fälle 
zu Teil geworden sind. Es ist mir eine besondere Genugtuung, an 
dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Beweisführung des ersten 
Bandes fast überall und von den hervorragendsten Medizinern und 
massgebenden Autoritäten auf dem Gebiete der Syphilisforschung 
anerkannt worden ist. Ich nenne nur A. Bayet, A. Blaschko, 
Alfred Fournier, Edmund Lesser, F. von Luschan, Albert 
Neisser, d'Arcy Power, P. G. Unna, Rudolf Virchow, 



Vorwort. IX 

W. Waldeyer, die mir brieflich oder mündlich oder in der Litteratur 
ihre volle Zustimmung ausgesprochen haben. Leider hat Virchow, 
dem der erste Teil gewidmet war, das Erscheinen des zweiten nicht 
mehr erlebt. 

Am meisten erfreute mich die Thatsache, dass mein Buch die 
Anregung zu anderen wissenschaftlichen Arbeiten gegeben hat, von 
denen folgende namhaft gemacht seien: die vorzügliche Rostocker 
Dissertation (unter der Aegide von Wolters) „Ueber Syphilis im Alter- 
tum, speziell in China und Japan" (1903) von Tokujiro vSuzuki, 
jetzigem Generalarzt der japanischen Marine, ferner das Büchlein von 
Joseph Pellier (Oberarzt der medizinischen Klinik in Toulouse) 
„Les origines de la S3'philis" (Toulouse-Paris igo8), endlich die grössere 
Abhandlung von A. von Notthafft (Privatdozent an der Universität 
München) „Die Legende von der Altertumssyphilis" (Leipzig 1907). 
Da ich bereits im Jahre 1896 gleichzeitig mit den Untersuchungen 
über den amerikanischen Ursprung der S3"philis und die mittelalter- 
lichen Chroniken auch diejenigen über die „Altertumssyphilis" be- 
gonnen und bei Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 1901 zum 
grössten Teil abgeschlossen hatte, wie dies aus meiner Erklärung in 
der Vorrede Seite X deutlich hervorgeht und sich bei dem einheit- 
lichen Aufbau des ganzen Werkes von selbst versteht, für das schon 
1901 als Grundlage 28, den Inhalt von Teil I, II und dem noch in 
Aussicht stehenden Teil III in buntem Durcheinander enthaltende 
Manuskripthefte vorlagen, so habe ich in demjenigen Teile des 
sechsten Kapitels, wo es sich um die auch von v. Notthafft vorge- 
nommene Nachprüfung der angeblichen Fälle von Altertumss^^philis 
handelt, absichtlich nur meine Ansichten und Ergebnisse mit- 
geteilt, die ich längst vor von Notthafft gewonnen hatte, der ja 
überhaupt nur einen kleinen Bruchteil des von mir in Teil II vor- 
gelegten Materials bearbeitet hat. Da ausserdem meine Forschungs- 
methode eine gänzlich andere ist (vgl. oben), so wird der Leser sich 
sogleich überzeugen können, dass meine Darstellung etwas ganz Neues 
und Unabhängiges bietet. Es ist aber erfreulich, dass ein zweiter 
Dermatologe bei Nachprüfung der „AltertumssN'philis" ebenfalls ihre 
Nichtexistenz erwiesen hat und nach Erscheinen von Teil II wird 
ja in den im dritten Teile zu erwartenden Nachträgen Gelegenheit 
gegeben sein, auf von Notthaffts Abhandlung näher einzugehen. Die 
Philologen und die für das klassische Altertum interessierten Aerzte 
erlaube ich mir auf die folgenden neuen Ergebnisse in Kapitel VIII 
hinzuweisen: Erklärung des Terminus technicus :rTove7i' (S. 574), Er- 
klärung von „ficus" (S. 576 ff.), Entwickelung der Terminologie der 



X Vorwort. 

Lepra (592 — 595), die neue Erklärung der 'ßijXeia vovaog (601 — 610), 
die Bedeutung- der Legionsversetzungen für die Verbreitung an- 
steckender Krankheiten, insbesondere des Aussatzes (633 — 635), die 
Abhandlung über das Mentagra (639 — 646), der Zusammenhang 
zwischen sexuellen Excessen und Krankheiten (675 — 679), die antike 
Lehre von den ansteckenden Krankheiten (684 — 688), die Erklärung 
des Begriffes dia&eoig (691- — 692), die Entdeckung der Prostatafunktion 
durch Rufus von Ephesus (S. 738 — 739). 

Indem ich mich der Hoffnung auf eine recht fruchtbare und 
die Wissenschaft fördernde Kritik von selten der Aerzte, Philologen 
und Kulturforscher hingebe und das Erscheinen der dritten, der 
Schlussabteilung-, für Mitte nächsten Jahres in Aussicht stelle, möchte 
ich zum Schlüsse allen denjenigen meinen herzlichsten Dank sagen, 
die das Zustandekommen dieses Werkes mit Rat und That, direkt 
und indirekt gefördert haben. Li erster Linie ist hier der Verleger 
des Buches, Herr Dr. Gustav Eischer jun. zu nennen. Ihm und 
seinem zu früh dahingeschiedenen Herrn Vater, dem um das medi- 
zinische und naturwissenschaftliche Schrifttum so hochverdienten 
Dr. Gustav Eischer sen. sei inniger Dank g"esagt für ihr immer 
wieder bewiesenes Wohlwollen und Entgegenkommen, die ich bei 
der langen Verzögerung der Herausgabe doppelt angenehm empfunden 
habe. Eerner habe ich der Königl. Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Göttingen und dem Curatorium der Puschmann- 
stiftung an der Universität Leipzig an dieser Stelle aufrichtigen 
Dank abzustatten für die Bewilligung namhafter Unterstützungen zur 
Vollendung dieses Werkes, das ja nicht bloss eine rein geschichtliche 
Untersuchung darstellt, sondern auch der Förderung der Krankheits- 
und Seuchenlehre dienen will, wie das am Schlüsse der Vorrede zur 
ersten Abteilung ausgesprochen wairde. Endlich ist es mir eine an- 
genehme Pflicht, allen denjenigen Forschern und Freunden hier öffent- 
lich zu danken, die durch lehrreiche Demonstrationen von pathologisch 
veränderten Knochen, durch Hinweisungen und Mitteilungen medi- 
zinischer, litterarischer und philologisch-kritischer Natur dieses Werk 
gefördert haben. Es sind das die Herren Dr. A. S. Ashmead in New 
York, Prof, A. Bayet in Brüssel, Prof. Gustav Behrcnd in Berlin, 
Prof. C. Binz in Bonn, Prof. A. Blaschko in Berlin, Prof. Franz 
Boas in New York, Prof. Franz Boll in Heidelberg, Prof. H. Cursch- 
mann (f) in Leipzig, Dr. Erich Ebstein in Leipzig, Prof. W. Ebstein 
in Göttingen, Dr. E. Fonahn in Kristiania, Prof. Alfred Fournier 
und Dr. Edmond Fournier in Paris, Prof. W. His sen. (f) in Leipzig, 
Prof. Edwin Klebs in Berlin, Dr. Gerhard Kropatscheck in 



Vorwort. XI 

Frankfurt a. Main, Prof. Robert Lehmann-Nitsche in I.,a Plata, 
Dr. Nicolas Leon in Mexico, Prof. Lortet in Lyon, Prof. Felix 
von Luschan in Berlin (Museum für Völkerkunde), Prof. A. Maca- 
1 ister in Cambridge, Prof. E. Manouvrier in Paris, Prof. Felix 
Marchand in Leipzig-, Dr. Ciaren ce B. Moore in Philadelphia, 
Prof. Albert Neisser in Breslau, Prof. Hermann Oncken in 
Heidelberg, Dr. H. T. Orton in Philadelphia, A. Otten in Lima, 
Prof. Julius Pagel in Berlin, Dr. Ricardo Palma jun. in Lima, 
Dr. M. Eden Paul in Parkestone (Dorset), Prof. Edmond Perrier 
in Paris (Jardin des Plantes), Dr. W. Pflug" in Berlin, Dr. d'Arcy 
Power in London, Dr. Julius Preuss in Berlin, Dr. Charles 
FL Reade in London (British Museum), Dr. Paul Richter in Berlin, 
Prof. W. H. Röscher in Dresden, Dr. Ernst Rothschuh in Aachen, 
Dr. M. A. R uff er in Alexandria, Prof. B. Scheube in Grei;^, 
Dr. W. Schonack in Berlin, Prof. Eduard Seier in Berlin (Museum 
für Völkerkunde), Prof. Georg Sticker in Bonn, Prof. Otto Stoll 
in Zürich, Prof. Karl Sudhoff in Leipzig, Dr. Julio C. Tello in 
Lima, Dr. Armin Tille in Leipzig, Prof. P. G. Unna in Hamburg, 
Prof. M. Verworn in Bonn. Dankbar gedenke ich auch der viel- 
fachen Anregungen, die mir aus den Diskussionen über lueine beiden 
Vorträge ,,Der Ursprung der S3'philis" (auf dem 14. Liternationalen 
Amerikanisten - Kongress in Stuttgart, 4. August 1904) und „La 
pretendue syphilis prehistorique" (in der Societe d' Anthropologie de 
Paris, 19. April 190Ö) zu Teil geworden sind. 

Berlin-Charlottenburg, den 24. März 191 i. 

Der Verfasser. 



Zw^eites Buch. 



Kritik der Lehre von der 
Altertumssyphilis. 



Bloch, Per T^i-sprung der Syphilis. 21 



FÜNFTES KAPITEL. 



Die Knochenfunde aus prähistorischer und präcolum- 

bischer') Zeit. 



§ 2 1. Allgemeine Vorbemerkungen. 

Die zuerst vor 25 Jahren (1877) von dem französischen Arzte 
Parrot angeregte Idee, die prähistorischen und präcohmibischen 
Funde krankhaft veränderter Knochen für die Frage nach dem Alter 
der Syphihs zu verwerten , war an sich eine sehr glückhche. Wir 
wissen, dass die Syphihs besonders im tertiären Stadium, und vor 
allem bei ungenügender oder gar keiner Behandlung, das Knochen- 
system in Mitleidenschaft zieht und verschiedenartig"e patholo- 
gische Veränderungen an demselben hervorbringt. Da nun die 
Knochen die einzigen Teile des menschlichen Körpers sind, welche 
nach dem Tode unter günstigen Umständen, die Unbilden der Zeit \-/CTyut^ 
überdauernd, in ihrer ursprünglichen Gestalt sich erhalten können — 
weshalb ihnen auch von jeher primitive Völker eine Art von gött- 
licher Verehrung zollten 2) — so lag es nahe, diese stummen, aber 
unter Umständen untrüglichen Zeugen für den Nachweis der Existenz 
der Syphilis in prähistorischen und präcolumbischen Zeiten zu ver- 
werten. 

In der That würde ein einziges im Bereiche der alten Welt ge- 
fundenes Skelett, das mit Bestimmtheit der Zeit vor 1493 zuge- 



i) Unter präcolumbischcr Zeit ist hier die Zeit vor der Entdeckung Amerikas durch 
Cokimbus ganz allgemein verstanden. Der Ausdruck bezieht sich daher als reines Zeitmass 
auch auf die alte Welt. 

2) „Die Verbindung des Lebens mit den Knochen", sagt Bastian, „ist eine viel- 
fach wiederkehrende, imd zeigt sich als natürliche Folge der mechanischen Anschauung, die 
beim Tode die Seele gespenstisch fortleben lässt und in ihrer Verknüpfung mit dem am 
längsten der Zerstörung widerstehenden Teil des Körpers die weit verbreitete Verehrung 
der Reliquien im Ahnenkultus hervorgerufen hat." Verhandlungen der Berliner Anthropo- 
ogischen Gesellschaft 18; i, Bd. III, S. 59. 

21* 



— 3 T '"^ — 

wiesen werden könnte und unzweifelhafte Spuren syphilitischer 
Erkrankung an sich trüge, mit einem Schlage der ganzen Diskussion 
über Alter und Ursprung der Lustseuche ein Ende machen. Und 
es war nach den Behauptungen der Anhänger der Theorie der 
Existenz der Syphilis im Altertum zu erwarten , dass nicht nur 
wenige, sondern zahlreiche mit S3'phili tischen Veränderungen behaftete 
Knochen in der alten Welt gefunden werden würden. Welch eine 
Menge solchen Beweismateriales müssten nicht die kolossale Unzucht 
des kaiserlichen Rom, die Ausschweifungen des Mittelalters geliefert 
haben , da die nach der Meinung jener Forscher damals existierende 
Syphilis in ihrem Wesen nicht erkannt und vor allem nicht rationell 
behandelt wurde, und da ja auch die schwersten Knochenaffek- 
tionen an Xase und Gaumen infolgedessen von den Vertretern dieser 
Theorie angenommen und g'eschildert wurden! 

Wie steht es in Wirklichkeit? Die seit hundert Jahren eifrig be- 
triebenen Ausgrabungen haben Tausende von menschlichen Skeletten 
aus den verschiedensten Gegenden der alten Welt und aus allen 
Epochen vor 1493 zu Tage gefördert, das antike Pompeji, das mittel- 
alterliche Paris, also Stätten, an denen die Syphilis sicher enorm ver- 
breitet gewesen sein musste, falls sie dagewesen wäre, haben zahl- 
reiche Knochen ihrer menschlichen Bewohner g'eliefert. In den 
Museen, anatomischen Sammlungen, Naturalienkabinetten sind ganze 
Geschlechter der Urzeit, des Altertums und Mittelalters versammelt, 
ja man darf sagen wieder auferstanden. Und unter diesen Tausenden 
und Abertausenden von Ueberresten des menschlichen Skeletts sind 
es nur einige wenige, die einigen Forschern den Verdacht auf 
S3'philis erweckt haben. Ganz abgesehen davon , dass auch dieser 
Verdacht bei der weiter unten erfolgenden näheren Prüfung sich 
nicht aufrecht erhalten lässt , ist es doch gewiss sehr auffällig, dass 
ein derartiges Missverhältnis besteht, das dadurch noch drastischer zu 
Tage tritt, wenn wir sehen, dass die meisten angeblich syphilitischen 
Knochen aus der sogenannten „prähistorischen" Zeit stammen, während 
Altertum und Mittelalter so gut wie gar nicht vertreten sind. 
Virchow hat wiederholt erklärt, dass ihm niemals ein präcolum- 
bischer bezw. prähistorischer Knochen aus der alten Welt bekannt 
geworden sei, und es ist ganz sicher, dass weder die englischen noch 
die deutschen Sammlungen und Museen solche Knochen enthalten. 
Dies wirft schon ein bezeichnendes Licht auf die angeblichen Funde 
syphilitischer Knochen in Frankreich. 

Es ist daher begreiflich , dass mehrere Forscher , wie z. B. 
Isidor Xeumann, auf die Heranziehung dieses Argumentes für 



— 319 — 

den Beweis der Existenz der Syphilis im Altertum gänzlich ver- 
zichtet haben. Selbst Proksch hat wenig Gewicht auf dasselbe ge- 
legt, da er den Knochenfunden nur eine ganz kurze Besprechung^), 
wesentlich in Anlehnung an die Schrift von Buret, widmet. Da 
aber eine eigentliche kritische Untersuchung der ganzen Frage von 
anderer Seite bisher nicht vorgenommen wurde, so halte ich eine 
ausführlichere Erörterung aller hier in Betracht kommenden Punkte 
für erforderlich und beginne mit einem historischen Ueberblick über 
die ersten Bestrebungen , die Funde prähistorischer pathologischer 
Knochen für die Geschichte der Krankheiten der Vorzeit zu ver- 
werten. 

'^ 2 2. Zur Gescliielite der Funde prähistorischer Knochen mit 
krankhaften Veränderungen. 

Schon die Alten richteten ihr Augenmerk auf fossile Knochen, 
wie aus einer Bemerkung des Theophrast bei Plinius (Xat. hist. 
XXXVI c. i8) hervorgeht-). Im Talmud findet sich sogar die über- 
raschende Angabe, dass man an den Knochen die Lebensweise ihres 
Trägers erkennen könne. ^) Das Mittelalter scheint keinerlei Inte- 
resse an den in der P>de gefundenen Knochenresten von Menschen 
und Tieren gehabt zu haben. Erst im i6. Jahrhundert regte sich 
dasselbe wieder. 

Felix Plater beschäftigte sich mit den Gebeinen eines ig jährigen' 
„Riesen", die aber nichts weiter als Knochen eines fossilen — Elephanten 
waren ^). Auch J. J. Scheuchzer's (1672 — 1733) berühmter „Homo 
diluvii testis" war leider ein Riesensalamanderskelett ^), so dass noch 
1788 Petrus Camper an dem wirklichen Vorhandensein fossiler 
Menschenknochen zweifelte ''). 



i) J. K. Pioksch, „Geschichte der venerischen Krankheiten", Bonn 1895, Bd. I, 
S. 1-7. 

2) Vergl. G. R. Treviranus, „Biologie oder Philosophie der lebenden Xatur'', 
Göttingen 1805, Bd. III, S. 12t. 

3) Der Totengräber Abba Saul behauptet: ,,Wer bei Lebzeiten ungemischten AVein 
getrunken hatte, dessen Gebeine sehen verbrannt aus, hatte er den Wein zu staik ge- 
wässert, so waren sie schwarz (oder fettlos, trocken), bei richtiger Mischung von Wein und 
AVasser waren sie fettig. Bei jedem, der mehr trinkt, als er isst, sind die Gebeine ver- 
brannt, beim Ueberwiegen des Essens fettlos, bei richtigem Verhältnis fettig (Xidd. 24 a)." 
Vergl. J. Preuss, „Materialien zur Geschichte der talmudischen Medizin. Der Tote und 
seine Bestattung." S.-A. aus ,.Allg. Med. Central-Zeitung" 1902, Nr. 25 ff., S. 14. 

4) Vergl. Treviranus a. a. O., III, S. 166. 

5) J. Ranke, ,, Diluvium und Urmensch", Leipzig o. J., S. 5. 

6) ,,Numquam enim hucusque, nee in ullo museo, videre mihi contigit verum os hu- 
manum petrefactum aut fossile." Nov. Act. Petropol. 1788, T. II, p. 251. 



— 320 — 

Der Erste, welcher einen krankhaft veränderten Knochen aus 
prähistorischer Zeit erwähnt, ist wohl E. J. C. Esper (1742—1810), 
Professor in Erlangen, der 1774 die traumatischen Veränderungen 
des Femur eines diluvialen Säugetieres beschrieb, die nach seiner 
Ansicht durch eine P'raktur hervorgerufen waren ^), während S. Th. 
V. Soemmering das Trauma einem Bisse zuschrieb'-). 

Soemmering beschäftigte sich in einer längeren Abhandlung 
mit der g"eheilten A^erletzung eines fossilen Hvänenschädels'^), des- 
selben, den schon vorher Cuvier erwähnt hatte ^). 

Als der eigentliche Entdecker der prähistorischen Knochen- 
krankheiten, als der Erste, welcher auf die eminente Bedeutung der- 
selben für eine Urgeschichte der Krankheiten hingewiesen hat, ist 
der berühmte Chirurg Ph. Er. v. Walther zu nennen. 

Der Naturforscher Sack hatte im Jahre 1824 in den Sund- 
wichs-Höhlen bei Iserlohn zahlreiche Knochen des Höhlenbären (Ursus 
spelaeus) gefunden, unter denen sich auch solche mit krankhaften 
Veränderungen befanden. Letztere, auf die auch Xöggerath auf- 
merksam machte^), wurden dann v. Walther zur genaueren Unter- 
suchung übergeben. Die Resultate derselben hat v. Walther 
in einer klassischen, form\-ollendeten, noch heute bemerkenswerten 
Abhandlung veröffentlicht''). Die pathologischen Veränderung'en der 
einzelnen Knochen waren sehr verschiedenartige. U. a. konstatierte 
V. Walther: Nekrose eines Oberschenkels, Ankylose der Rücken- 
wirbel, Caries eines Unterkiefers, Verdickung des Processus alveo- 
laris des Unterkiefers mit rauher cariöser Oberfläche und mit 
stacheligem Ansatz von neugebildeter Knochenmasse, Caries eines 
Lendenwirbels, einer Rippe. An einem Unterkiefer war die Spitze 
des Kinns sehr verdickt, mit schwammiger, schuppiger Knochen- 
masse äusserlich besetzt, in welche zahllose kleine Kanäle eindrangen; 



i) E. J. C. Esper, ,, Ausführliche Schriften von neuen tdecklen Zoolithen unbekannter 
vierfüssiger Tiere", Nürnberg 1774, S. 74. 

2) S. Th. V. So m nie ring, ,,Ueber die geheilte Verletzung eines fossilen Hyänen- 
schädels", in : Verhandlungen iler Kais. Leopold. -Carolin. Akademie der Naturforscher, 
Bonn 1828, Bd. VI, Abteil, i, S. 9. 

3) Ibidem, S. 3—44. 

4) G. Cuvier, „Recherches sur les ossemens fossiles", Paris 1823, Bd. IV, S. 39(1. 

5) Nüggerath in: Kastner's „Archiv für die gesamte Naturlehre", Bd. II, 
Heft 3, Nürnberg 1824, S. 323: ,, Meines Wissens ist man bis jetzt noch nie auf der- 
gleichen krankhafte Zustände der urweltlichen Knochen aufmerksam gewesen." 

6) Ph. Fr. von Walther, ,,Ueber das Altertum der Knochen-Krankheiten" in: 
,, Journal der Chirurgie und Augenheilkunde" von C. F. Gräfe und Ph. v. Walther» 
Berlin 1825, Bd. VIII, S. i — 16. 



ein Radius war mit einem g'aiizen Riffe von Exostosen und stache- 
ligen Prominenzen besetzt, seine Rindensubstanz war sehr dünn und 
die spongiöse Substanz von derselben Beschaffenheit, wie man sie an 
arthritischen Knochen antrifft. Aehnliche Veränderungen wies ein 
Halswirbel auf. v. Walther verglich diese beiden Knochen mit 
sogenannten arthritischen ]\[enschenknochen sehr sorgfältig und fand 
eine auffallende Uebereinstimmung'. 

„Also schon die Höhlenbären", sagt er, „litten an Knochen- 
krankheiten, sie litten am Beinfrass, am Knochenbrand, an Zahn- 
krankheiten, welche mit Caries des Processus alveolaris endeten, an 
Gelenkübeln, welche Ankylose etc. zur P'olge hatten" ^). Er führt die 
meisten Befunde auf äussere g'ewaltsame Verletzungen und die kon- 
sekutiven „höchst langwierigen organisch-vitalen Reaktionen" zurück. 
Diese mechanischen Verletzungen können zur Entstehung der Nekrose, 
der Caries, der Exostosen etc. Veranlassung geben. „Auch heute zu 
Tag'e sehen wir nicht selten bei Menschen, welche übrigens gesund sind 
und an keiner konstitutionellen Krankheit leiden, Xekrose der lang-en 
Röhrenknochen von ganz übereinstimmender Form aus dergleichen 
Ursachen entstehen" -). Die Caries der AVirbelsäule kann nach 
V. Walther auch durch mechanische Ursachen entstehen, ist aber 
meist das Produkt innerer konstitutioneller Krankheitsursachen^). 

Sehr wichtig ist auch v. Walther 's Hinweis auf die 
Arthritis der Höhlenbären, die nach ihm mit Sicherheit aus der 
„äusserst dünnen Rinde, der porösen, spongiösen Substanz und der 
ungemein grossen Fragilität" der Knochen zu erschliessen ist^). Die 
Richtigkeit dieser Beobachtungen hat später \^irchow durch seine 
Aufstellung des Krankheitst3^pus der „Höhlen gi cht" bestätigt. 

v. Walther zog' aus seinen scharfsinnigen Untersuchungen 
bereits beachtenswerfe Schlussfolgerungen für die Beurteilung patho- 
logischer Knochen der \"orzeit. Er betrachtet es als sicher, dass die 
Nekrose, Caries, Exostose, Arthritis jener prähistorischen Knochen 
in Beziehung auf Pathogenese und Symptomatologie völlig den 
durch dieselben Ursachen hervorgerufenen krankhaften Prozessen 
an den Knochen unserer Zeit entsprechen und gleichen. Diese Ueber- 
einstimmung der Form gewährt, abgesehen \'on ihrer Ueberzeugungs- 
kraft, dem „unterrichteten Schauer sogar ein gewisses ästhetisches 
Vergnügen", welches er in die schönen Worte kleidet: „Nicht nur 



i) A. a. O., S. 6. 

2) A. a. O., S. 9. 

3) A. a. O., S. II. 

4) A. a. O., S. II. 



— 322 — 

die Individuen vergehen und unterliegen dem allgewaltigen Wechsel 
der Dinge; ganze Tiergeschlechter sterben aus: — aber die Form 
ihrer Krankheiten ist ewig, so wie jene ihrer äusseren Gestalt" ^). 

Da Knochenkrankheiten fast immer mit Krankheiten der Weich- 
teile verbunden sind, so lassen sich nach v. Walther aus jenen 
Schlüsse auf diese ziehen und es ergiebt sich von diesem Stand- 
punkte aus eine „grauenerregende Ansicht auf das hohe Altertum 
der Krankheit selbst". Diese sei wohl ebenso alt, oder nicht viel 
jünger als das Menschengeschlecht-). 

Nach V. Walther beschrieben H. v. Meyer (1826), S. Nilsson 
(1848), Figuier (1870), Prunieres (1876) krankhafte Veränderungen 
an vorgeschichtlichen Knochen, die meist traumatischen Ursprungs 
waren, durch Fraktur oder Pfeilschuss oder Biss hervorgerufen. In 
einem Grabe aus der Steinzeit bei L'Aumede fand Prunieres ein 
ankylotisches Talo-Cruralgelenk mit ausgeheilter chronisch-eitriger 
Entzündung und Nekrose am unteren Ende der Tibia ; offenbar handelt 
es sich um einen Fall von Gelenktuberkulose ^). 



1) A. a. o., S. 16. 

2) A. a. O., S. 8. — Sehr bemerkenswert ist der Skeptizismus, mit welchem ein 
so geistreicher Autor wie Quitzmann die Ideen v. Walther 's betrachtete. Zunächst 
zwar meint er auch, dass die ^Menschen der Vorzeit dieselben gewesen seien wie heute (was 
nach den neuesten Ergebnissen der Forschung über die sogenannte ,,Neanderthalrasse" 
sicher unrichtig ist). Er sagt: ,, Wollte man selbst ein Gewicht auf die Belehrung legen, 
welche die Universal-Anthropologie zu ziehen vermöchte aus den Katakomben von Rom 
und Paris, aus dem nächtlichen Aufenthalte jahrtausendalter Mumien, aus den Eingeweiden 
der mütlerlichen Erde, wo am Granikus und Indus, in den katalaunischen Gefilden und an 
der unteren Donau ganze Generationen vermodert sind ; welche Schlusssätze könnte der Em- 
piriker daraus ibigern, dass er den einen Schädel dicker als den andern, die eine Zahnkrone 
breiter als die andere, eine Knochenröhre länger, die andere kantiger vorfindet ?" Mit Be- 
ziehung auf V. Walther 's Untersuchungen bemerkt er aber: „Dass man auch aus den 
stummen Ueberresten des Todes redende Zeugen für die Verhältnisse früherer Jahrtausende 
machen könne, haben geistreiche Forscher bewiesen; doch werden all' diese Ueberbleibsel 
aus den Saikophagen, wie die Ueberliefenmgen aus dem Leben, die Zustände der Vorzeit 
nur ahnen lassen." Deshalb kann nach ihm die wahre Empirie auf diese Dinge verzichten. 
,,Sie forscht nicht mehr nach antediluvianischen Menschenknochen, um sie mit den Gerippen 
späterer Jahrhunderte zu vergleichen, oder stört die Grabesrulie untergegangener Länder, um 
die Zeugen des Todes reden zu machen, wie es am Ende ihr beliebt. Nein ! sie geht hin- 
weg über diesen Schutt der Verwesung und greift grossartig mitten ins Leben selbst hinein, 
um über das Leben Aufschluss zu erhalten." E. A. Quitzmann, „Die Geschichte der 
Medizin in ihrem gegenwärtigen Zustande", Karlsruhe 1843, Abteil. 2, S. 5 — 6 und S. 16. 

3) Vergl. Xehring, ,,Ueber die letzten Aasgrabungen bei Thiede, namentlich über 
einen verwundeten und verheilten Knochen vom Riesenhirsch", Verband!, der Berl. Anthro- 
pologischen Gesellsch. 1882, Bd. XIV, S. 177 — 180 und Diskussion, S. 416 — 419; Pru- 
nieres im „Bulletin de la Societe d'Anthropologie de Paris 1876, S, 155. 



— 323 — 

Endlich hat Virchow den pathologischen Knochen der Vorzeit 
zahlreiche wertvolle Untersuchungen gewidmet, in denen er das A^or- 
kommen von Caries, Nekrose, Arthritis deformans (entsprechend der 
„Arthritis cavernarum" des Höhlenbären), Exostosen, H_yperostosen 
u. s. w. an denselben nachwies, ohne jemals bei seinen un- 
zähligen Untersuchungen bisher auf einen syphilitischen 
Knochen aus präcolumbischer Zeit zu stossen. Virchow, 
der die meisten Museen der alten Welt durchforscht hat, dem wohl 
kein Eund dieser Art in Deutschland und den angrenzenden Ländern 
unbekannt geblieben ist, hat noch bis heute keine krankhafte Ver- 
änderung an einem Knochen aus der Vorzeit, dem Altertum und 
Mittelalter wahrgenommen, die er als syphilitisch hätte deuten können. 
Weiter unten werden seine Untersuchungsbefunde und Urteile über 
angeblich syphilitische Knochen ausführlich mitgeteilt werden ^}. 

Auch Tillmanns-) und Lehmann-Xitsche''), welche ebenfalls 
dieses (jebiet bearbeiteten, haben keinerlei Spuren von Syphilis an den 
von ihnen beschriebenen krankhaften Knochen gefunden. 

Im Gegensatze zu den genannten angesehenen Anthropologen 
und Pathologen haben einige französische Forscher syphilitische Ver- 
änderungen an prähistorischen Knochen feststellen zu können geglaubt. 
Sie waren dabei, besonders in differential-diagnostischer Beziehung, 
mit wenig Kritik zu Werke gegangen. Klarheit und Gewissheit kann 
auf diesem Gebiete nur gewonnen werden, wenn man stets alle Eehler- 
quellen vor Aug'en hat, die hier in Betracht kommen können. Wir 
müssen also, um über jene Funde richtig urteilen zu können, diese 
Fehlerquellen genau untersuchen. 

Sehr bedeutungsvoll sind zunächst gewisse 

§ 23. Postmortale Veränderungeii der Knochen. 

Die Frage, welche Veränderungen die Knochen bei langer 
Lagerung im Erdboden erleiden, ist auch für unser Thema nicht un- 
wichtig, wobei die rein mechanischen Alterationen von grösserer 
Bedeutung sind als die chemischen. 



i) Bezüglich der zahlreichen Arbeiten Virchow's über prähistorische pathologische 
Knochen sei auf J. Schwalbe's „Virchow-Bibliographie", Berlin 1901, verwiesen, welche 
die gesamte Litteratur bis 1901 enthält, ferner auf R. Lehmann-Nitsche, „Beiträge zur 
prähistorischen Chirurgie nach Funden aus deutscher Vorzeit", Buenos Aires 1898. 

2) H. Till man ns, „Ueber prähistorische Chirurgie" in: v. La n gen b eck 's Archiv, 
Bd. XXVIII, S, 775 — 800. 

3) A. a. O. und „Ein Beitrag zur prähistorischen Chirurgie" in: Archiv für klin. 
Chirurgie, Bd. LI, Heft 4. 



— 324 — 

Nur kurz sei in Beziehung auf die letzteren^) bemerkt, dass durch 
den Einfluss der Atmosphärilien alhnählich die org-anische Substanz 
des Knochens zerstört wird, was eine starke Zunahme der Porosität 
des Knochens zur Folge hat. Von den anorganischen Substanzen 
wird besonders der kohlensaure Kalk durch die kohlensäurehaltige 
Bodenflüssigkeit zersetzt und aufgelöst. Auch der phosphorsaure 
Kalk unterliegt gewissen Veränderungen, welche bisweilen bei Gehalt 
des Erdbodens an Schwefelsäure durch Umsetzung von Thonerde- 
sulfaten mit dem phosphorsauren Kalk zu wahren Versteinerungspro- 
zessen führen, wie diese besonders oft bei fossilen Knochen beobachtet 
werden -). Bisweilen wird auch die Bildung von Vivianitkrystallen 
in menschlichen Knochen beobachtet. Die in Pfahlbauten gefundenen 
Zähne sind oft durch Vivianit blau gefärbt-^). 

Da diese chemischen Einwirkungen auf die Knochen die 
äussere Form derselben kaum beeinträchtigen und höchstens durch 
Konsistenzveränderungen einen indirekten Eintluss ausüben, so kommen 
sie für die Vortäuschung krankhafter Zustände kaum in Betracht. 
Dagegen vermögen gewisse Alterationen mechanischer Natur letzteres 
zu bewirken. In den Pfahlbauten und Höhlen finden wir ausserordent- 
lich häufig gespaltene, benagte, zerklopfte Knochen''). Liebe bezog zu- 
erst einzelne geglättete Stellen, Gruben und scharf randige Löcher an 
Knochen auf die Einwirkung von Schneckenzungen (Zonites) und auf 
das Einbohren von Larven einer Annobium-Art^). In einem Bericht über 
die Bärenhöhle von Aggletek in Oberungarn erwähnt Virchowan der 



1 ) Für das nähere Studium der postmortalen Einwirkungen chcnn'scher Natur sei 
auf folgende Schriften verwiesen: E. v. Bibra, ,, Chemische Untersuchungen über die 
Knochen und Zähne des Menschen und der Wirbeltiere mit Rücksichtnahme auf ihre phy- 
siologischen und pathologischen Verhältnisse", Schweinfurt 1844, S. 333 — 385; E. Wibel, 
„Die Veränderungen der Knochen bei langer Lagerung im Erdboden u. s. w.", Wissensch. 
Abhandl. zum Osterprogramm des Akadem. und Real-Gymnasiums, Hamburg 1869, 4", 
45 S.; C. A. Aeby , „Ueber die unorganische Metamorphose der Knochensubstanz", Bern 1870. 

2) Vergl. O. Olshausen, ,, Chemische Beobachtungen an vorgeschichtlichen Gegen- 
ständen, 1. Ersatz von Kalk in Knochen durch Thonerde" in: Verband!, der Berliner Ges. 
für Anthropologie 1884, S. 516 — 518. 

3) Correspondenzblatt der deutschen anthiopolog. Gesellsch. 1872, Nr. 7, S. 56. 

4) Vergl. R. Virchow, ,, Pfahlbauten im nördlichen Deutschland", Zeitschrift für 
Ethnologie 1869, Bd. I, S. 414. Vgl. ferner Lehmann-Nitsche, „Altpatagonische Schädel 
mit eigenthümlichen Verletzungen, wahrscheinlich Nage-Spuren" in: Vcrh. der Bcrl. Anthrop. 
Gesellsch. 1900, S. 547 — 552; F. v. Luschan, ,, Schädel mit Narben in der Bregma-Gegend; 
ibidem 1896, S. 65 — 69; R. Virchow, ,,Osteol<3gische Funde aus der Bilsteiner Höhle", 
ibidem 1895, S. 682. 

5) Virchow und Liebe, ,,Die Lindenthaler Hyänenhöhle'', Verhandl. d. Berliner 
Gesellsch. f. Anthropologie 1875, S. 127. 



Oberfläche benagte Knochen, worin Baron Nyary die Einwirkung- 
anderer Tiere erbhckte. „In der That erkennt man nicht selten 
längere, breite Furchen, die von der nag'enden oder schabenden Ein- 
wirkung der Zähne eines Raubtieres, oder rundliche Eindrücke, wie 
sie durch das Beissen einer starken Bestie hervorgerufen werden. 
Ein nicht geringer Teil der Gruben und Furchen der Oberfläche 
erinnert mich jedoch an Erscheinungen, auf welche zuerst Herr Liebe 
an Knochen der Lindenthaler Höhle bei Gera anfmerksam gemacht 
und welche er auf das Aushöhlen der Schnecken und das Einbohren 
gewisser Larven bezogen hat. Nachdem ich im vorigen Jahre in der 
schönen Geraer Sammlung diese Erscheinungen studiert habe, glaube 
ich mit vieler Wahrscheinlichkeit auch an Knochen von Aggletek 
ähnliche Veränderungen in grosser Zahl aufgefunden zu habend." 

Dass unter LTmständen derartige rein mechanische Veränderungen 
der Knochen Syphilis vortäuschen können, beweist ein in einer Höhle 
auf Portorico gefundenes menschliches Schädeldach, das jetzt im ana- 
tomischen ]\Iuseum zu Stockholm aufbewahrt wird. Virchow unter- 
zog dasselbe einer eing'ehenden Untersuchung, die Folgendes ergab. 

„Es zeigt sowohl an seiner äusseren als an seiner inneren Ober- 
fläche eine Masse von Löchern und grösseren Erosionen, die in un- 
regelmässig verästelte, weite Kanäle mit zerfressenen Rändern führen, 
von denen das ganze Stück, auch in der Tiefe, durchzogen ist. 
Dieser „wurmstichige" Zustand ist innen stärker als aussen." Er 
glich auffallend einer syphilitischen Nekrose des Schädels. 
Trotzdem blieb Virchow ein Bedenken, zumal da die den Zer- 
störungen benachbarten Oberflächen keine Erscheinungen von Ver- 
dickung oder Eburnation zeigten. Bei genauerer Untersuchung fand 
er nun, dass ,,in verschiedenen Erosionen, die in die Knochen hinein- 
reichen, bald in Form von Gängen, bald von Buchten und Höhlen, 
eine schwärzliche, erdige Masse steckte, an der hier und da Pflanzen- 
wurzeln und kleine Schnecken klebten. Als ich ein Stück davon 
herausnahm und es mikroskopierte, fand ich in der Erde kleine Eier, 
die zum Teil schon cmbryoniert waren und die den Eiern gewisser 
die Erde bewohnender Würmer, die wir auch bei uns treffen, glichen, 
und die zur Zeit, als die Trichinen die allgemeine Aufmerksamkeit 
erregten, von manchen Sonntagsforschern für Trichinen gehalten 
wurden. Sowohl Pflanzen wurzeln wie kleine Tiere erzeugen 
in Knochen allerlei Löcher und Gänge, besitzen also ge- 
wissermassen fressende Eigenschaften." So ist nach Virchow 

i) R. Virchow, „Die Bärenhöhle von Aggletek in Obeiungarn" in: Verhandl. d. 
Berl. GescUsch. f. Anthropologie 1877, S. 312. 



— 326 — 

die Veränderung des Schädeldaches von Portorico nicht als eine 
SA'philitische, sondern als eine postmortale, durch Pflanzen unter 
Mitwirkung von Schnecken und Würmern hervorgebrachte anzusehen ^). 
Hiernach müssen prähistorische Knochen mit angeblichen syphilitischen 
Veränderungen stets auf diese Möglichkeit hin untersucht werden, 
und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass bisweilen auch jene 
von Virchow noch nachgewiesenen tierischen Reste in den Knochen- 
löchern im Laufe der Zeit verschwunden sein können, so dass der 
Untersucher leicht geneigt sein wird , die Veränderungen als syphi- 
litische zu betrachten. Jedenfalls belehren uns die interessanten Be- 
funde Virchow's bereits über dieSchwierigkeit einer sicheren Diagnose 
der Natur krankhafter Veränderungen von Knochen, die lange Zeit 
im Erdboden oder in Höhlen gelagert haben. 

§ 24. lieber die Aehiilichkeit der krankhaften Veränderungen 

bei nichtsyphilitischen Knochenleiden mit denen bei 

Knochensyphilis. 

Mehr als jedes andere Organ des menschlichen Körpers neigt 
das Knochensystem dazu, auf verschiedene krankhafte Zustände in 
derselben Weise zu reagieren. Periostitische Prozesse, Exostosen, 
Hyperostosen, Caries, Nekrose können bei der denkbar verschieden- 
artigsten Aetiologie doch dieselbe Form darbieten, so dass unter 
Umständen schon in vivo die aetiologische Diagnose eine unsichere 
sein kann. Gerade am meisten beim Knochen ist es „nicht zulässig, 
aus der Natur der einzelnen Produkte einen Rückschluss zu machen 
auf die besondere Qualität der Dyskrasie 2)." Bei Lebzeiten des 
Kranken wird es fast immer möglich sein, aus zahlreichen Symptomen 
in anderen Organen, aus der Anamnese, dem Krankheitsverlauf u.a.m. 
die richtige Diagnose der Natur des betreffenden Knochenleidens zu 
stellen. Wenn aber nur noch die Knochen selbst übrig sind, dann 
wird die DifFerentialdiagnose äusserst schwierig, ja, sie ist wohl das 
Schwierigste überhaupt in der Wissenschaft der Diagnostik. Das 
kann nicht deutlich genug betont werden im Hinblick auf die 
Schnelligkeit, mit welcher manche Autoren mit der Diagnose „Syphilis" 
bei einem prähistorischen Knochen bei der Hand sind. 



i) Vergl. R. Virchow, ,, Beitrag zur Geschichte der Lues" in: Dermatologische 
Zeitschrift, Berlin 1896, Bd. III, S. 5 — 6. Auch "\yasserthiere vermögen Löcher und Furchen 
im Knochen hervorzubringen, vgl. R. Virchow, ,, Pfahlbauschädel des Museums in Bern" in: 
Verh. der Berliner Anthropol. Gesellsch. 1885 S. 286. 

2) R. Virchow, „Die krankhaften Geschwülste", Berlin 1863, Bd. I, S. 77. 



— 327 — 

Zur Illustration dieser These wird es genüg-en, bei der Durch- 
musterung der einzelnen Knochenaffektionen auf gewisse Ueberein- 
stimmungen mit syphilitischen Prozessen hinzuweisen. 

Da die Phosphornekrose eine verhältnismässig neuere 
Knochenkrankheit ist, so kommt sie für unseren Zweck nicht in Be- 
tracht. Immerhin ist es von Interesse zu erfahren, dass Virchow 
die Phosphorerkrankung der Knochen sowohl in ihrer periostealen als 
in ihrer medullären Form als die der Knochensyphilis am meisten 
ähnliche Affektion bezeichnet i). 

Sehr gross ist das Gebiet der nichtsyphilitischen Knochen- 
auswüchse und Knochenneubildungen, die sehr häufig weder 
durch ihren Sitz noch durch ihr Aussehen von den syphilitischen zu 
unterscheiden sind. Die Vorgäng^e der Osteosklerose, Hyper- 
ostose und Exostose können die verschiedenartigste Aetiologie 
haben. 

Als Ursachen der Craniosklerose führt Virchow nicht bloss 
die Syphilis, sondern auch die Rachitis und Traumen an, ja Huschke 
wollte nur die Rachitis als aetiologisches Moment bei Craniosklerose 
gelten lassen -). 

Noch mannigfaltiger ist die Aetiologie der Hyperostosen und 
Exostosen. Marchand ^) bemerkt: Bei der Bildung vieler periostealen 
und parostealen Knochen Wucherungen spielen chronisch-entzünd- 
liche Prozesse eine grosse Rolle. Die übermässige Knochen- 
produktion ist bekanntlich eine gewöhnliche Erscheinung bei chronisch- 
entzündlichen Prozessen, welche den Knochen im ganzen oder das 
Periost betreffen. In der Regel führt diese zu einer mehr oder 
weniger diffusen Verdickung (Periostose, Hyperostose) des Knochens 
in der Umgebung des Entzündungsherdes, z. B. eines cariösen Ge- 
lenkes oder eines osteomyelitischen Abscesses. Mit dem Ablauf der 
Entzündung fällt die Verdickung nicht selten der Resorption anheim, 
sie kann jedoch auch persistieren und also eine bleibende 
Ex- oder Hyperostose liefern. Eines der deuthchsten Beispiele 
dieser Art ist die schildförmige Hyperostose oder Exostose der Tibia 



i) R. Virchow, ,, Beitrag zur Geschichte der Lues", a. a. O., S. 8. 

2) J. Neumann, „Syphilis", Wien 1896, S. 750. Hierher gehört auch die von 
Le Den tu beschriebene „Peiiostite diffuse non syphilitique des os de la face et du crane" 
in: Revue niensuelle de medecine et de Chirurgie 1879, Nr. 11. Nach Billrolh, ,,Allg. 
Chirurg. Pathol. u. Therapie", 4. Aufl., BerHn 1889, S. 608 sind sogar die meisten Osteo- 
sklerosen nichtsyphilitischer Natur. 

3) F. Marchand, Artikel ,,Exostosis" in: Real-Encyklopädie der gesamten Heil- 
kunde'' von Alb. Eulenburg, 3. Aufl., Bd. VII, Wien 1895, S. 409 — 410. 



— 32Ö -- 

und Fibula bei chronischem Unterschenkelg'eschwür und mehr noch 
die diffuse, mit zahlreichen spitzen Stacheln besetzte Hyperostose der 
Unterschenkelknochen bei Elephantiasis ^). Aus demselben Grunde 
haben für die Entstehung dieser Exostosen traumatische Ursachen 
eine grosse Bedeutung-, und zwar können deiraus sowohl die rein 
periostealen als die parostealen Formen hervorgehen (Reitknochen, 
Exerzierknochen). Das beste Beispiel dieser Art liefert der Callus 
luxurians bei Frakturen, namentlich den komplizierten, wobei es sich 
zunächst um die Bildung eines anfangs weichen, teils knorpeligen, 
teils osteoiden Gewebes aus dem Periost handelt, durch dessen Xcr- 
knöcherung nach allen Seiten hin starrende Knochenvorsprünge sich 
bilden, welche in der Regel mit der Zeit resorbiert werden, häufig 
genug aber als wahre Exostosen zurückbleiben"-). Aber auch 
anderweitige Traumen, Quetschungen u. dergi. können Anlass zur 
Bildung von Exostosen geben". 

Auch die sogenannten , .multiplen Exostosen" werden viel häufiger 
durch andere Ursachen (Heredität, Gicht, rheumatische und neuro- 
tische Einflüsse) hervorgerufen. Für die meisten Fälle wird der Ein- 
fluss der Lues zurückgewiesen ^). 

Sehr bemerkenswert sind die Aeusserungen Alfred Fournier's, 
des hervorragenden französischen Syphilidologen und eines der besten 
Kenner syphilitischer Knochenaffektionen, über die grosse Aehnlich- 
keit, ja Identität nichtsyphilitischer Hyper- und Exostosen mit den 
durch das syphilitische Virus hervorgebrachten Knochenauswüchsen. 
Gegenüber Zambaco Pascha, der geneigt war, gewisse Exostosen 
an Knochen aus dem alten Aegypten als syphilitische zu deuten, 
betont Fournier die Möghchkeit und grössere Wahrscheinlichkeit 
einer anderen Aetiologie: 



i) Hieraus ersieht nican schon, wie irrig die Ansicht derjenigen Autoren ist, nach wclclien 
alle Knochenauswüchse der Tibia als sj-philitische zu betrachten sind. Auch an die Exostosen 
des Oberschenkelknochens als Folge von Senkungsabscessen sei erinnert. Vgl. R. Virchow, 
„Pilhecanthropus erectus" in: Veih. der Berliner Gesellsch. f. Anthropologie, 1895 .S. 439. 

2) Nach E. Lesser, „Lehrbuch der Geschlechtskrankheiten", 10. Aufl., Leipzig 
1901, S. 204 gleichen die syphilitischen Knochenauftreibungen an der Clavicula und den 
Vorderarmknochen ,,äusserlich oft völlig der Callusbildung nach einer Fraktur". 

3) Birch-Hirschfeld, Artikel ,, Osteom" in F-ulenburg's Real-Encyklopädie, 
3. Aufl., 1898, Bd. XVIII, S. 102; Marchan.d, a. a. O., S. 410; Pcrls-Neelsen, 
,, Lehrbuch der allgemeinen Pathologie", Stuttgart 1894, .S. 295. — Multiple Exostosen- 
bildung hat man z. B. an den Knochen alter Peruaner gefunden. Vergl. R. Virchow, 
,,Ueber krankhaft veränderte Knochen alter Peruaner", Sitzungsbcr. der Kgl. Preuss. Akad. 
der Wissenschaften 1885, S. 1135 — 1139. 



— 329 — 

„D'autant que l'experience nous a appris ceci; que nombre de 
maladies peuvent determiner sur les os des lesions tres voisines 
comme aspect macroscopique de Celles qui derivent de la syphilis. 
Ainsi, un simple traumatisme suffit parfois ä produire des 
exostoses tont ä fait comparables aux exostoses speci- 
fiques. De meine la fievre typhoide realise des intumescences 
ossenses, circonscrites ou diffuses, qu'il est souvent bien difficile, 
pour ne pas dire impossible, de differencier, cliniquement 
au moins, des exostoses issues de la verde. De meme, au 
voisinage des ulceres variqueux, il se constitue frequemment des 
hyperostoses tibiales que je ne me chargerais certes pas de 
distinguer d'hyperostoses de meme siege, mais d'origine 
specifique. Souvent encore des lesions diverses du Systeme nerveux 
determinent des osteopathies des plus variees, dont plusieurs ne sont 
pas Sans analogie avec les osteopathies specifiques. J'ai vu par 
exemple (et j'en conserve plusieurs exemples photographies) 
des exostoses tabetiques simuler absolument des exostoses 
specifiques. Et ainsi de suite" i). 

Nicht anders steht es um die car lösen Prozesse an den 
Knochen. Auch diese können durch zahlreiche nichtsyphilitische 
Affektionen hervorgerufen werden und sind sogar in den meisten 
Fällen tuberkulöser Natur. E. Kirchhoff bemerkt über die Aetio- 
logie der Knochencaries: „In der That können ausser der Tuber- 
kulose und Syphilis fast sämtliche andere Infektionskrankheiten , wie 
Typhus, Scharlach, Masern, Pocken, ja selbst Diphtherie. Malaria und 
Erysipelas gelegenthch zu Affektionen der Knochen führen, welche 
nach ihrem Verlauf, sowie nach dem anatomischen Befund als cariöse 
bezeichnet werden müssen. Ja selbst Knochen wunden können infolge 
chronischer Sepsis zu unzweifelhaften cariösen Prozessen Veranlassung 
geben. Jedoch ist die Caries oder chronische Ostitis aus den eben 
angegebenen Ursachen an und für sich seltener als die tuberkulöse 
Caries . . . Die tuberkulöse Caries ist die weitaus häufigste 
Form der Caries""-) xVuch Rotz, Noma und Aktinomykose ver- 
mögen Caries der Knochen zu erzeugen. Die aktinomykotische 
Caries des Unterkiefers, der Wirbelsäule, Rippen, Beckenknochen, 
der Oberkiefer und anderer Skelettteile kann nach Kirchhoff am 

i) A. Fournier in der Diskussion über Zambaco's Vortrag „De quelques lesions 
palhologiques datant des temps des Pharaons" in: Bulletin de l'Academie de Medecine, 
1900, 3? Serie, tome XLIV, S. 65. 

2) E. Kirchhoff, Artikel „Ostitis" in Eulenburg's Real-Encyklopädie 1898, 
Bd. XVIII, S. 135 — 136. 



— 330 — 

ehesten mit syphilitischen Erkrankungen verwechselt werden ! ') Auch 
das phagedänische Geschwür der Tropen greift auf die Knochen 
über '). 

Auch die atrophischen und osteoporotischen Processe im 
Knochen sind keineswegs etwas der Syphilis allein Eigentümliches. 
Sie sind sogar nach Kirchhoff für die Syphilis nicht einmal so 
charakteristisch wie die Hyperostose und Osteosklerose •^). Bei allen 
chronischen Knochenentzündungen kommt es schliesslich teils zu Osteo- 
porose, teils zu Hyperostose des Knochens^), und besonders kommt 
hier die sogenannte „senile Osteoporose" in Betracht, welche am 
Schädel und anderen Skelettteilen der syphilitischen Osteoporose 
sehr ähnliche Zustände erzeugt. Da hier, wie bei der Syphilis, 
gleichzeitig neben den rareficierenden auch sklerosierende Vorgänge 
in den Knochen sich abspielen, so kann unter Umständen die Unter- 
scheidung sehr schwierig oder unmöglich werden. Wenn Virchow 
bemerkt: „Der senilen Atrophie fehlt jener aktive, entzündliche 
Charakter, \velcher die syphilitische Atrophie regelmässig begleitet; 
die Hyperostose, die Sklerose und Gefässneubildung, wenn sie wirk- 
lich vorhanden sind, finden sich doch nicht im nächsten Umfange 
der atrophisierenden Stelle, sondern in grosser Entfernung^. So kann 
z. B, bei der Atrophie der Tubera ossis bregmatis gleichzeitig Hyper- 
ostose, Sklerose und Gefässneubildung am Stirnbeine bestehen, aber 
an dem Orte der Atrophie selbst ist der Prozess so wenig aktiv, dass 
häufig sogar die Markhöhlen der Diploe offen bleiben" 5), so lässt 
Ziegler gerade in der Diploe neben der Osteoporose auch eine Ver- 
dickung des Knochens durch Apposition neuer Knochenanlagen an 
die alten vor sich gehen '"'). In Wirklichkeit dürfte es schwierig sein, 
an dem blossen Knochen stets mit Sicherheit die syphilitische Osteo- 
porose von der senilen zu unterscheiden. 

Wir sehen also, dass die wichtigsten durch die Syphilis am 
Knochen hervorgerufenen Veränderungen unter Umständen auch durch 
andere Leiden und Dyskrasieen erzeugt werden können. Verdickung, 



i) Ibidem, S. 145. 

2) J. Brault in: IMonatshefte für prakt. Dermatologie von Unna und Tänzer 1897, 
Bd. XXIV, S. 637. 

3) Kirchhoff, a. a. O., S. 132. 

4) E. Ziegler, „Lehrbuch der spezieller; pathologischen Anatomie", 8. Aufl., Jena 
1895, S. 144. 

5) R. Virchow, „Uebcr die Natur der konstitutionell -syphilitischen Affektioiien" 
in seinem Archiv 1858, Bd. XV, S. 247. 

6) E. Zieglcr, a. a. O., S. 115. 



— 331 — 

Eburnation, Anschwellungen und Höcker, Erosionen und Caries 
charakterisieren keineswegs die Knochensyphilis. Virchow kon- 
statierte an den Knochen der mit „Höhlengicht" behaftet gewesenen 
Höhlenbären Hyper- und Exostosen der verschiedensten Form und 
sogar traumatische Knöchengeschwüre mit „tiefer Zerstörung und 
grossen Knochenwucherungen im Umfange", welch letzterer 
Umstand immer als für die syphilitische Caries charakteristisch her- 
vorgehoben wird. So kommt der grosse Kenner der prähistorischen 
Knochen zu dem Schlüsse: „Wenn man als sicher voraussetzen darf, 
dass die Bären der Vorzeit keine specifische Infektion gehabt und 
doch solche Krankheiten erduldet haben, so wird man auch die Alög- 
lichkeit zugestehen müssen, dass vielleicht beim Menschen der A^or- 
zeit gelegentlich etwas Aehnliches wie beim Bären eingetreten ist 
und dass nicht jede derartig'e Anschwellung und Zerstörung, nicht 
jede Form von Caries und Wucherung den Verdacht der Syphilis 
erregen muss" ^). 

Bevor wir daher uns zu der Besprechung der wichtigsten Kenn- 
zeichen der Knochensyphilis wenden, betonen wir nochmals, dass 
selbst diese an fossilen und prähistorischen sowie überhaupt sehr 
alten Knochen wohl kaum jemals mit absoluter Sicherheit festzu- 
stellen sind, wenn auch aus gewissen näher zu erörternden Merk- 
malen die Diagnose der syphilitischen Xatur der betreffenden Knochen 
mehr Wahrscheinlichkeit hat als die eines anderen Leidens. Ich bin 
mir wohl bewusst, dass hieraus die Anhänger der Lehre von der 
Altertumssyphilis den Schluss ziehen könnten, dass dann auch bei 
den in Frage kommenden Knochen der alten Welt die Syphilis nicht 
ohne weiteres ausgeschlossen werden könnte, (iewiss nicht. So lange 
wir aber die bisher gefundenen krankhaften Veränderungen ebenso 
einleuchtend durch eine nichtsyphilitische Aetiologie erklären können 
wie dies Virchow, Fournier, Bayet u. A. thun, ist also für die 
Lehre von der Altertumssyphilis mit der blossen Möglichkeit nichts 
gewonnen. Wir wollen Gewissheit. Und die ist bisher auf diesem 
Gebiete noch nicht erreicht worden. Wird sie jemals erreicht werden? 
Kaum, wenn man v. Zeissl glaubt, dessen „unmassgebliche Meinung 
dahin geht, dass es dem geübtesten Anatomen nach dem heutigen 
Standpunkte des Wissens sehr oft schwer fallen dürfte, mit positiver 
Gewissheit die Natur der Knochenerkrankung an einem ihm isoliert 
dargebotenen Knochen zu diagnostizieren; der Anatom v.'ird 
sich höchstens zu einem Wahrscheinlichkeitsschlusse herbeilassen 



i) Virchow, „Beilrag zur Geschichte der Lues", a. a. O., S. 5. 
Bloch, Der Ursprung di-r Syphilis. -'-• 



— 33-^ — 

können; der Kliniker iedoch wird bei der Diagnose des Knochen- 
leidens ebensogut an eine gewisse Mehrheit von Symptomen appel- 
lieren müssen, so wie er dies bei den syphilitischen Erkrankungen 
der allgemeinen Bedeckung und der Schleimhaut zu thun bemüssigt 
ist. So wie der Dermatolog ausser stände wäre aus einem mit syphi- 
litischen Papeln oder Pusteln besetzten aus der Haut herausge- 
schnittenen Lappen die Qualität der Erkrankung zu erkennen ^) , so 
wird auch der Anatom nicht immer in der Lage sein, gewisse Ver- 
änderungen eines Knochens -) gewissen Dyscrasieen zuzuschreiben. 
Am Krankenbette aber wird die Diagnose durch den Verlauf, durch 
die Antecedentien, Concomitantien . ja sogar aus den Adjuvanten 
und endlich per exclusionem ermöglicht" ^). 

Wie gross aber auch immer Zweifel und Unsicherheit sein mögen, 
so müssen wir jedenfalls die wichtigsten Charakteristica der Knochen- 
syphilis untersuchen und an dieser Stelle verzeichnen, schon um eine 
weitere Grundlage für die Beurteilung der angeblichen Funde prä- 
historischer syphilitischer Knochen zu gewinnen. 

§ 25. Die wichtigsten Keniizeicheii der Syphilis am isolierten 

Knochen. 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, an diesem Orte die g'anze 
Symptomatologie und Pathogenese der Knochensyphilis wiederzu- 
geben, wie dies in den Lehrbüchern der vSyphilidologie und der patho- 
logischen Anatomie ausgiebig geschieht. Hier können nur jene Ver- 
änderungen ins Auge gefasst werden, welche sich an dem isolierten 
Knochen zeigen müssen , die also ganz allein für das Studium der 
prähistorischen Skelettteile in Betracht kommen. Nur die End- 
resultate, die nach Ablauf der syphilitischen Knochenaffektionen am 
Knochen zurückbleibenden, krankhaften Veränderungen interessieren 
uns. Und auch diese reduzieren sich auf sehr wenige, wenn man be- 
rücksichtigt, dass es sich bei den prähistorischen Funden um den 
macerierten oder sonstwie entblössten trockenen Knochen 
handelt, 

Virchow bezeichnet als „einzig sichere und pathogno- 
monische Erscheinung" der Knochensyphilis, welcher er persönlich 
einen ganz besonderen diagnostischen Wert beilege, die nach einer 



i) Dies wäre sogar durch die histologische Untersuchung unter Umständen möglich. 

2) Die gummösen Erkrankungen ninunt v. Zeissl dabei aus, unseres Erachtens mit 
Unrecht. 

3) H. Zeissl, „Lehrbuch der konstitutionellen Syphilis", Erlangen 1864, S. 263. 



gummösen peripherischen Ostitis, der sogenannten „Caries sicca" 
zurückbleibende Knochennarbe ^). 

In seiner berühmten Abhandkmg „lieber die Natur der kon- 
stitutionell-syphilitischen Affektionen" charakterisiert er die syphili- 
tische Knochennarbe durch den folgenden kurzen Satz: „Jede syphi- 
litische Narbe im Knochen zeichnet sich durch Mangel an 
Produktivität im Mittelpunkte, durch Uebermass derselben 
im Umfange aus"-). Bezüglich der Pathogenese dieses Zustandes 
sei auf die lichtvollen Ausführungen an jener Stelle verwiesen. Eine 
ausführlichere Schilderung der syphilitischen Narben des Knochens 
giebt er dann an der ersterwähnten Stelle: „Wenn man diese Form 
zurück verfolgt zu den kleinsten Narben, so zeigen sie stets die 
gleichen Eigenschaften. Ich weiss keine andere Krankheit, welche 
solche Veränderungen macht, und ich möchte das recht stark hervor- 
heben. Es ist leicht, solche Stellen, so leicht sie auch sein mögen, 
zu erkennen; aber wenn man sagen soll, worin gerade ihre Ver- 
schiedenheit von anderen Knochendefekten liegt, so ist das ziemlich 
schwer. Am häufigsten erregt die Aufmerksamkeit eine eigentüm- 
lich zackige, nicht selten sternförmige Vertiefung, deren Mittelpunkt 
den stärksten Defekt bildet und deren Ränder verhältnismässig glatt, 
gerundet, nirg'ends höckerig oder zerfressen aussehen. Es ist also 
das Ensemble der Erscheinungen, welches die Diagnose ergiebt. Man 
muss wahrnehmen können, wie die Veränderungen sich um einen 
Mittelpunkt gruppieren, von da ausstrahlen, unter einander zusammen- 
treten und doch den Gesamteffekt eines einheitlichen Herdes machen. 
Das ist das Entscheidende. Gleichgiltig- ist, ob der Defekt ein wenig 
mehr in die Tiefe geht oder sich flach ausbreitet. Immer sind das 
Formen, die durch keine Art von wirklicher Caries (Eiterung-), von 
Lupus oder von Lepra hervorgerufen werden" ^). 

Auch A. P'oerster unterscheidet die Veränderungen nach syphi- 
litischer Caries von den durch einfache Caries bedingten. „Ein 
syphilitisches Knochengeschwür heilt meist so, dass im Knochen eine 
tiefe Depression zurückbleibt, welche mit einer glatten Rinde über- 
zogen und von einem über das Niveau des normalen Knochens her- 
vorragenden Knochenwulst umgeben ist. Ausgebreitete cariöse Zer- 
störung der äusseren Rinde hinterlässt eine tiefe Lücke im Knochen, 
in deren Umgebung dieselbe hyperostotisch und sclerotisch bleibt; 



i) Virchow, „Beitrag zur Geschichte der Lues", a. a. O., S. 7. 

2) Virchow 's Archiv 1858, Bd. XV, S. 257. 

3) Virchow, „Beitrag u. s. w.", a. a. O., S. 7. 

22^ 



— 334 — 

waren zwischen cariösen Stellen Brücken und Inseln des Knochens 
frei geblieben, so erscheint nach der Heilung der Knochen sehr 
höckerig, indem jene Inseln hyperostotisch weit über die tiefen De- 
pressionen vorragen, in welche sie mit flach abfallenden Rändern 
übergehen ^)." 

Nach E. Kirchhoff haben die syphilitischen Knochennarben 
eine „rein weisse Farbe und ein strahliges Gefüge und führen in der 
Mitte zu einer vertieften Knochenstelle, während die Umgebung in 
der Form eines dunklen Knochenwalles erhoben ist" -). Diese Er- 
scheinungen genügen, um eine „syphilitische Knochennarbe auf den 
ersten Blick mit voller Deutlichkeit zu erkennen"^). 

Bei meiner Untersuchung der reichhaltigen Sammlung syphili- 
tischer Knochen des Royal College of vSurgeons zu London habe ich 
nur in wenigen Fällen diese Narben finden können, dagegen war bei 
den meisten syphilitischen Geschwüren und Zerstörungen die Hype- 
rostose und Sklerose der Umgebung, die sogenannte „lesion de 
voisinage" sehr deutlich ausgesprochen. Auch ein neuerer hervor- 
ragender Pathologe, E. Ziegler, übergeht in seinem Lehrbuch der 
speciellen pathologischen Anatomie^) die syphilitische Knochennarbe 
mit Stillschweigen. Nach Michaelis glätten sich sogar die Narben 
bald ab, so dass sie in späterer Zeit schwer zu entdecken sind^). 
Endlich muss man bedenken, dass es in vielen Fällen von starker 
Zerstörung der Knochen überhaupt nicht zur Narbenbildung kommt. 
Dann dürfte sich die Hyperostose und Osteosclerose der Umgebung 
der zerstörten Partien nicht immer von der durch tuberculöse Caries 
hervorgerufenen unterscheiden lassen, da auch diese Reaktion Osteo- 
sclerosen in der Nachbarschaft hervorruft '0. Alles dies wäre aber 
nicht ausschlaggebend, wenn man jemals an einem krankhaft verän- 
derten bezw. für syphilitisch erklärten Knochen der prähistorischen 
oder präcolumbischen Zeit eine solche charakteristische Narbe ge- 
funden hätte, die von Virchow für das einzige wahre Merkmal 
abgelaufener Syphilis erklärt wird. Bisher ist dieselbe an keinem in 
der alten Welt aufgefundenen Knochen konstatiert worden. 



i) A. P'oerster, „Handbuch der speziellen jialhologischen Anatomie", 2. Aufl., 
Leipzig 1863, S. 956—957- 

2) E. Kirchhoff, a. a. O., S. 131. 

3) Ibidem, 

4) 8, Aufl., Jena 1895, S. 156—158. 

5) A. C. J. Michaelis, ,,Compendiuni der Lehre von der Syphilis", Wien 1859, 
S. 299. 

6) E. Ziegler, a. a. O., S. 151. 



— 335 — 

Dass die Osteoporose, die „wurmstichige" Beschaffenheit des 
Knochens nicht nur durch S}'philis bedingt zu sein braucht, haben 
wir oben gesehen. Doch sei erwähnt, dass nach H. Oeffinger die 
Ostopeorose bei Syphihs sieh meist durch eine ganz eigentümhche, 
braune, dunklere Färbung der vielfach und oft äusserst fein siebförmig 
durchlöcherten Knochensubstanz markiert, sodass letztere an manchen 
Stellen geradezu dem Querschnitt eines Meerrohrs oder einer Wasser- 
binse gleicht^). 

Was die syphilitischen Hyperostosen betrifft, so genügt der 
Hinweis auf das Urteil Virchow's, dass sie „nicht so patho- 
gnomonisch sind, dass sie ohne Anamnese an einem einzelnen oder 
auch an mehreren macerierten trockenen Knochen die Diagnose 
sichern können. Wir kennen kein Merkmal, um die periosteale 
Hyperostose traumatischen Ursprungs oder die medullären Herde mit 
allgemeiner Hyperostose tuberculösen Ursprungs von der S3^philitischen 
bestimmt unterscheiden zu können" -). Es ist deshalb belanglos, auf 
gewisse Praedilectionsstellen der syphilitischen Hyperostosen (Crista tibiae, 
Clavicula, Ulna, Aussenfläche des Schädels) hinzuweisen, da gerade 
diese oberflächlich gelegenen Knochen auch am ehesten traumatischen 
Einflüssen unterliegen. Ob die von Broca für pathognomonisch 
erklärten isolierten und jäh absetzenden Hyperostosen bezw.Osteosklerosen 
des Stirnbeines bezw. der Nasenbeine und der Stirnfortsätze des 
Unterkiefers mit Ergriffensein von Teilen der Wand des Antrum 
Highmori mit Sicherheit auf Syphilis deuten, vermag ich nicht zu 
entscheiden. Herr Professor v. Luschan zeigte mir einen japanischen 
Schädel (Nr. S. 478 des Museums für Völkerkunde in Berhn) mit 
einer über i Centimeter (statt normal y.,— i Millimeter) dicken 
Hyperostose des Nasenbeins, die er als für Syphilis pathognomonisch 
ansah. Trotz des Schweigens der Lehrbücher der pathologischen 
Anatomie, Syphilidologie und Chirurgie über diese isolierten Hyperos- 
tosen^) muss diese Anschauungder beiden hervorragenden x\nthropologen 



i) H. Oeffinger, „Beschreibung zweier Fälle von Knochensyphilis" in Virchow's 
Archiv, Berlin 1868, Bd, 43, S. 473. 

2) R. Virchow, , .Beitrag u. s. w.'", a. a. O., S. 6. Dagegen möchte Virchow 
die medullären osteomyelitischen Herde der platten Knochen mit tiefen Zerstörungen ohne 
Hyperostose als für Syphilis pathognomonisch ansehen. 

3) Virchow spricht von der Hyperostose der Nasenbeine bei Ozaena syphilitica 
mit bleibenden Zerstörungen. ,,Die eingesunkene Nase wird durch dicke, oft elfenbeinerne, 
an ihrem unteren Ende wie abgescliliffene Nasenbeine gestützt, ja nicht selten bildet sich 
eine liefe Rinne über dem Nasenrücken, gegen welche die Nasenbeine umgekehrt dach- 
förmig zusammengehen und deren Fläche mit zahlreichen, radial gestellten Gefässfurchen be- 
setzt ist. — Zuweilen setzt sich dieser Process der Sklerose und Hyperostose 



- 336 - 

bei künftigen Untersuchungen und Funden beachtet werden, wobei 
allerdings die Frage beantwortet werden muss, ob es sich nicht 
eventuell um eine Teilerscheinung- der sogenannten „Leontiasis ossea 
faeiei" handelt. 

Die rein cariösen Zerstörungen der Nase und des Gaumens 
können am macerierten Knochen in Beziehung auf ihre Aetiologie 
kaum voneinander unterschieden werden. Insbesondere kommen hier 
Rotz und Tuberkulose in Betracht, welche zu schweren Zerstörungen 
der Knochen in der Nasenhöhle und im harten Gaumen führen, die 
am macerierten Knochen einander sehr ähnlich sind ^). 

Bezüglich der syphilitischen Spina ventosa bemerkt E. v. 
Düring: „Diese Atfektionen sehen, besonders an den Knochen des 
Hand- und Fussskelettes, tuberkulösen, cariösen Knochenentzündungen 
sehr ähnlich, und hinterlassen nach der Ausheilung Verkürzungen 
des Skelettes ganz wie die tuberkulösen Prozesse" 2). 

Die bekannten Veränderungen der Zähne, welche J. Hut- 
chinson als sichere Zeichen der hereditären Syphilis betrachtet^), 
nämlich die rundlichen Erosionen und Strichelungen der Zahnfläche 
und vor allem die halbmondförmigen Defekte der unteren Kante der 
mittleren oberen Schneidezähne, sind nach den Erfahrungen der her- 
vorragendsten Kinder- und Zahnärzte durchaus nicht für Syphilis 
pathognomonisch. 

So sprachen sich der Zahnarzt Busch und der Syphilidologe 
G. Lewin ganz entschieden gegen eine solche Bedeutung dieser 
Zahndefekte aus*), ebenso der Syphilodologe Isidor Neumann^). 
Unter den Pädiatern erhoben sich die gewichtigen Stimmen von 
E. Henoch und H. Neu mann dagegen. Ersterer bemerkt: „Den 
von Hutchinson stark betonten Symptomenkomplex, eigentümliche 
Beschaffenheit der Zähne (kurze, schmale, auseinanderstehende und 
gekerbte obere Incisoren), Keratitis und Taubheit, möchte ich um so 



auf die ganze Umgebung weithin fort, z. B. auf die Knochen des Schädelgrundes." 
So beobachtete er eine Sklerose des Keilbeines bei einem 66jährigen Individuum. Virchow, 
„Ueber die Natur der konstitutionell-syphilitischen Affektionen", a. a. O., S. 259. 

i) Vergl. E. Kirchhoff, a. a. O., S. 144; E. Ziegler, a. a. O., S. 624; A. 
Focrster, a. a. O., S. 335 — 336. 

2) E. V. Düring, „Klinische Vorlesungen über Syphilis", Hamburg und Leipzig 
i8c)5, S. 140. 

3) Brit. med. Journal vom 2. Oktober 1858. 

4) Monatshefte für prakt. Dermatologie von Unna und Tänzer, 1896, Bd. XXIII, 
Nr. 8, S. 450—451. 

5) J. Neumann, ,, Ueber einige Erscheinungen der hereditären Syphilis", Wiener 
klinische Rundschau 1900, Nr. 15. 



— 337 — 

weniger als sicheres Zeichen einer tardiven Syphilis betrachten, als 
gerade solche Schneidezähne sich auch bei Kindern finden» 
welche von Lues absolut frei sind"^). 

H. Neumann kommt in seinem auf der Frankfurter Natur- 
forscherversammlung (1896) gehaltenen Vortrage über die „Beziehungen 
von Krankheiten des Kindesalters zu Erkrankungen der Zähne" zu 
dem Schlüsse, dass der Hutchinson 'sehe Defekt durchaus nicht 
immer auf Syphilis beruht, sondern bei allen pathologischen 
Zuständen vorkommen kann, in welchen die Gesamtent- 
wickelung des Körpers eine mangelhafte ist, wobei vor allem 
die Rachitis in Betracht kommt -). 

Aehnliche Anschauungen vertreten die Pädiater Hochsinger^), 
A. Baginsky und L. Bernhard^), ferner die Syphilidologen M. v. 
ZeissP), E. Lang und E. Welander^), die Odontologen Baume, 
P. Ritter^) und Quinet^). 

Interessante Diskussionen über die Bedeutung dieser Zahnver- 
änderungen fanden in den Sitzungen der Pariser Anthropologischen 
Gesellschaft vom 21. Juni 1881, 19. April 1883 und 18. Januar 
1894 statt. 

M. J, Parrot, der im Jahre 1881 sehr energisch für die Be- 
rechtigung der Hutchinson'schen Behauptungen eingetreten war^), 
hatte auch gewisse, transversale Strichelungen an Zähnen prähisto- 
rischer Skelette, die von Le Baron ausgegraben worden waren, als 
solche syphilitischer Natur bezeichnet. Der berühmte Odontologe 
Magitot widersprach dem ganz entschieden, und Le Baron selbst 
schloss sich Magitot's Anschauung an, indem er miteilte, dass er 
an den Zähnen eines Ochsen dieselben Erosionen gesehen habe ^^). 



i) E. Henoch, ,, Vorlesungen über Kinderkrankheiten", 7. Aufl., Berlin 1893, S. 114. 

2) Referat in: Deutsche Medizinal-Zeitung 1896, Nr. 84, S. 892. 

3) Hochsinger, „Beiträge zur Kinderheilkunde", Wien 1890, S. 157. 

4) A. Baginsky und L. Bernhard, Artikel ,, Rachitis" in: Eulenburg's 
Realencyklopädie, 3. Aufl., 1899, Bd. XX, S. 158. 

5) M. V. Zeissl, Artikel „Syphilis", ibidem 1900, Bd. XXIII, S. 672. 

6) E. Lang, „Vorlesungen über Pathologie und Therapie der Syphilis", 2. Aufl., 
Wiesbaden 1896, S. 696. 

7) P. Ritter, ,,Zahn- und Mundleiden mit Bezug auf Allgemeinerkrankungen", 
Berlin 1897, S. 201 — 202. 

8) Quinet im Bulletin de l'Acad. Royale de medecine de Belgique 1879, Nr. i. 

9) M. J. Parrot in: Gazette des höpitaux 1881, Nr. 74, 78, 80. 

10) Diskussion über den Vortrag von Le Baron, ,,Sur les lesions osseuses prehisto- 
riques" in: Bulletin de la Societe d'Anthropologie de Paris", 36 serie, 1881, Bd. IV, 

s. 597—598- 



- 338 - 

Auch Capitan beschrieb später ganz ähnhche Erosionen an Hunde- 
zähnen, die nach Pietrement durchaus nicht selten seien i). Im 
Anschkiss an den Vortrag Capitan's bemerkte Magitot ganz 
richtig, dass Hunde und Ochsen nicht syphilitisch werden können. 
„On voit quelles conscquences nous sommes force de tirer de ce fait 
au point de vue de la doctrine de M. Parrot". Er hat diese Zahn- 
defekte besonders bei Kindern beobachtet, die an Konvulsionen 
litten, womit übereinstimmt, dass auch Hunde und Herbivoren in den 
ersten Lebensjahren oft von Konvulsionen heimgesucht werden 2). 
Parrot glaubte sich dadurch aus der Affäre zu ziehen, dass er sich 
für inkompetent in Beziehung auf seine Kenntnisse der Zahnver- 
änderungen beim Hunde erklärte-^), worauf ihm Magitot ironisch 
erwiderte: „Maintenant M. Parrot nous dit qu'il ne connait pas l'evo- 
lution des dents chez le chien: je lui en demande pardon; il la 
connait tres bien, car eile ne differe en rien chez tous les mammi- 
feres en general. Ce sont les memes tissus constituants et le meme 
mecanisme de developpement, d'oü il suit que les memes perturba- 
tions d'evolution , l'erosion entre autres, y doivent reconnaitre, la 
meme origine. On peut des lors conclure d'un mammifere ä 
l'homme. II faut donc prendre parti entre les deux hypotheses: 
Celle de M. Parrot, qui rattache l'erosion ä la syphilis hereditaire, 
et Celle que je soutiens et ä laquelle s'etait rallie Broca, ä 
savoir que l'erosion est la consequence de l'eclampsie infantile"*). 

Adolphe Bloch veröffentlichte 1892 eine Abhandlung „Patho- 
genie des erosions et autres anomalies dentaires", in welcher er die 
ganze Geschichte der Zahnerosionen behandelt und nachweist, dass 
die Syphilis durchaus nicht die häufigste Ursache derselben sei, son- 
dern dass man diese Zahndefekte am häufigsten bei Kindern neuro- 
pathischer, tuberkulöser und alkoholistischer Eltern antreffe^). 

Henoch erklärt die von Parrot als syphilitisch angesehenen 
Zahnveränderungen für solche rachitischer Natur*'). 



Das Hauptergebnis der Betrachtung der Kennzeichen der 
Syphilis am isolierten Knochen ist die Erkenntnis der grossen 
Schwierigkeiten, welche sich einer sicheren Feststellung der syphi- 



i) M, Capitan, „Erosions dentaires chez le chien", ibidem, 3c serie, 1883, Bd. VI, 
S. 342—348. 

2) Magitot, ibidem, S. 346. 

3) Parrot, ibidem, S. 346. ' 

4) Magitot, ibidem, S. 347. 

5) A. Bloch, ibidem, 4« serie, 1894, Bd. V, S. 70. 

6) E. Henoch, a. a. O, S. 114, 



— 339 — 

litischen Natur einer x\ffektion der Knochen aus prähistorischer bezw. 
präcolumbischer Zeit entgegenstellen. Wir sind über die durch 
Parrot inaugurierte Epoche einer vorschnellen, allzu enthusiastischen 
Diagnostik der Knochensyphilis längst hinaus. Männer wie Virchow, 
Fournier, Hunt, Blake, Bayet haben ihre warnenden Stimmen 
gegen solche Deutungen erhoben, und wir werden jetzt und künftig 
gut thun, auf sie zu hören. 



§ 26. Die angeblichen Funde i)rähistoi'isclier syphilitischer 

Knochen. 

Wenn auch die eigentlichen Bestrebungen und Anregungen, 
syphilitische Veränderungen an prähistorischen Knochen aufzufinden, 
mit dem Namen von Parrot verknüpft sind, der seit 1877 bis zu 
seinem Tode unermüdlich auf diesem Gebiete thätig war, so ist doch 
schon vor ihm diese Frage in einer gelehrten Gesellschaft diskutiert 
und bezeichnenderweise verneint worden. 

Es dürfte wenig bekannt sein, dass bereits im Jahre 186.4, »^^so 
13 Jahre vor Parrot, eine Diskussion über angebliche syphilitische 
Affektionen prähistorischer Knochen in der Londoner Anthropo- 
logischen Gesellschaft stattfand. Es geschah dies im Anschlüsse 
an einen Vortrag von Bollaert^). 

Hier machte der Präsident James Hunt die sehr wichtige Be- 
merkung, dass er niemals an einem alten Schädel Spuren von 
Syphilis getroffen habe, während er solche bei modernen Schädeln 
aus der Zeit nach der Entdeckung Amerikas sehr häufig gefunden 
habe!-) Auf seine Anfrage, ob noch andere Mitglieder der Gesell- 
schaft Kenntnis von präcolumbischen Schädeln mit syphilitischen Ver- 



1) William BoUaert, „On the alleged introduction of syphilis from the new 
World. Also some notes on the Local and iinported diseases into America" in: Journal of 
the Anthropological Society of London 1864, S. CCLVI — CCLXVIII und Diskussion 
S. CCLVIII— CCLIX. 

2) „In no ancient skull that he was aware of had there been found any trace of 
Syphilis, but it was easily discoverable in many modern skulls, the bone of the skull or 
the teeth being more or less affected by the disease . . . They might, perhaps, arrive at 
some satisfactory result by the examination of ancient skulls, for if marks of the disease 
could be found on skulls of persons who died before the discovery of America, such evi- 
dence would be conclusive. In the examination of most modern skulls of soldiers it had 
been ascertained that ihere was scarcely one skull of men who died in the army that was 
not affected by syphilis, and some were in a frightful State. Even some of the beauti- 
fuUy white prepared skulls on the table, which had been presented to the Society by Pro- 
essor Hyrtl, showed marks of the disease." A. a. O., S. CCLXVII. 



— 340 — 

änderungen hätten, berichtete Carter Blake über einen angeblich 
aus der Zeit Richard's III. oder noch früherer stammenden Schädel, 
an dem er Spuren von Syphilis gefunden haben wollte. Doch war 
es sehr zweifelhaft, ob der Schädel wirklich jenes Alter besass ^). 

Eine ähnliche Diskussion fand am i6. März 1876 in der Pariser 
Anthropologischen Gesellschaft statt. Hier demonstrierte Broca 
Schädel aus den Dolmen von L'Aumede mit Exostosen am Occi- 
pitale, die er aber für „loin d'etre caracteristiques" für die wSyphilis 
erklärt. „La premiere presente toutefois quelque ressemblance avec 
certaines exostoses syphilitiques ; si cet os etait moderne, on con- 
sidererait la lesion dont il est le siege comme un indice probable de 
la Syphilis tertiaire. Une pareille conclusion serait ici peu 
justifiee". Trotz dieser sehr berechtigten Zweifel über die syphili- 
tische Natur der Exostosen sprach sich Broca doch im Hinblick 
auf die litterarischen Nachrichten (Morbus Campanus, Annalen des 
Petrus Olaus u. s. w.) für die Annahme einer Existenz der Syphilis 
im Altertum aus. Er erwähnte dann noch, dass er eine grosse Zahl 
syphilitischer Veränderungen an den Knochen eines zu einer alten 
Eeproserie gehörigen Kirchhofs gefunden habe, der vor ungefähr 
1 5 Jahren in der Rue Bruxelles zu Paris aufgegraben worden sei 2). 
Gegenüber Broca trat de Quatrefages sehr energisch für den 
amerikanischen Ursprung" der Syphilis ein , die in den Traditionen 
der präcolumbischen Indianer klar und deutlich beschrieben werde. 
Andererseits plädierte Hure au de Villeneuve für die Ricord'sche 
Hypothese vom Ursprünge der Syphilis aus dem Coitus von Menschen 
mit rotzkranken Pferden und verstieg sich zu der ungeheuerlichen 
Behauptung, dass Amerika 1495, bei der Belagerung von Neapel, 
noch nicht entdeckt gewesen sei! Topinard, offenbar ein Anhänger 
der Lehre vom neuzeitlichen Ursprung der Lustseuche, glaubte doch 
bei dieser Gelegenheit daran erinnern zu müssen, dass es drei ver- 



i) „Mr. Carter Blake stated that about two years ago a skull was submilted to 
liim , which was absurdly alleged to be the skull of Richard III., but it proved to be the 
skull of a female, and exhibited Symptoms of having been affected with Syphilis. The 
skull was Said to have been associated with bones of the extinct Bos priniigenius, but 
that sort of evidence was of a very doubtful kind. That was the only skull of reputed 
antiquity in which he had observed traces ot Syphilis." Ibidem. 

2) Sollten diese Knochen wirklich syphilitische Veränderungen aufgewiesen haben, 
so würden sie nicht das Geringste für die Altertumssyphilis beweisen, da es feststeht, dass 
die Friedhöfe der Aussätzigen in späterer Zeit auch zur Beerdigung von Armen gedient 
haben, weil die meisten „Siechenhäuser" nach Verschwinden des Aussatzes in Armenhäuser 
umgewandelt wurden. 



— 341 — 

schiedene venerische Krankheiten gebe, nämhch den Tripper, den 
weichen Schanker und die Syphilis ^). 

Der Erste, der den Versuch machte, die Existenz der Syphihs 
in 23rähistorischer Zeit durch S3'stematische Untersuchungen von 
Skelettfunden zu erhärten, war Parrot, der hervorragende fran- 
zösische Pädiater. Er hielt seine ersten Vorlesungen über prähisto- 
rische Syphilis im Jahre 1877 im „Hopital des Enfants-Assistcs" und 
wiederholte dieselben im Laufe des Jahres in der Pariser Anthro- 
dologischen Gesellschaft und auf dem Kongresse zu Havre'^). Ein 
im Jahre 1882 in der „Revue scientifique" erschienener Aufsatz fasst 
alle Ergebnisse der Parrot'schen Untersuchungen zusammen^). 

Parrot beschäftigt sich zunächst darin mit den Ansichten des 
Lyoner Syphilidologcn Rollet, der die Existenz der Syphilis in 
Europa vor dem Ende des 15. Jahrhunderts leugnete und das damit 
begründet: „que les fouilles faites dans les terrains d'alluvions et 
dans les anciens cimetieres, bien qu'ayant mis ä jour un graad 
nombre de cränes, qui remontent soit aux epoques prehistoriques, 
soit aux temps les plus recules de notre histoire, n'ont fait de- 
couvrir sur aucun d'eux des lesions caracteristiques de la 
Syphilis." Rollet erwähnt dann das 1872 von dem Abbe Ducrost 
bei Solutre im Departement Saone et Loire ausgegrabene, an- 
scheinend der merowingischen Epoche angehörige Skelett einer 
Frau , deren Tibien mit Exostosen besetzt waren, die angeblich von 
Broca, Ollier, Parrot und Virchow (??) für sichere syphilitische 
Veränderungen erklärt worden seien. Aber der Abbe Ducrost 
hege selbst starke Zweifel über das wirkliche Alter dieses Grabes. 
Rollet, der geneigt ist, diese Exostosen als syphilitische zu betrachten, 
legt mit Recht auf Ducrost's Zweifel an der merowingischen Her- 
kunft des Skelettes von Solutre so viel Gewicht, um die Annahme 
einer prähistorischen Syphilis zu verwerfen. Aber auch die Knochen- 
veränderungen an sich, lediglich Exostosen der Tibia, während 
das übrige Skelett weiter keine Veränderung'en zeigt, sind für die 
Diagnose der Syphilis absolut unzureichend , und ganz gewiss ist 
Virchow, der wiederholt gegen Parrot's und Broca's Befunde 
Stellung g'enommen hat, nicht unter denjenigen gewesen, die die 
„syphilitische" Natur dieser Exostosen bestätigt haben. 



i) Vergl. Bulletin de la Societe d'Anthropologie de Paris 1876, Bd. XI, S. 154 
bis 159. 

2) F. Buret, „La Syphilis aujourd'hui et chez les Anciens", Paris 1890, S. 44. 

3) J. Parrot, „Une maladie prehistorique" in: La Revue Scientifique, Paris 1882, 
S. HO — 113. 



— 342 — 

Parrot stellt dann die nach seiner Ansicht massgebenden dia- 
gnostischen Merkmale der hereditären Syphilis am Schädel zusammen. 
Vor allem kommt hier zunächst nach ihm die 1843 von Elsässer 
beschriebene Craniotabes in Betracht. Parrot unterscheidet zwei 
Arten von Craniotabes. Die eine findet sich symmetrisch auf den 
Frontalia und Parietalia längst der Sagittalnaht und soll intrauterin 
entstehen. Es ist die „Craniotabes con genital peribregmatique". Die 
andere nimmt die hintere Gegend der Scheitelbeine und des Occiput» 
entsprechend den Fossae cerebrales, ein und tritt erst nach der Geburt 
auf. Parrot sieht die erste Art für rein syphilitisch an, während 
die zweite durch komplizierende Rachitis verursacht werden soll. 
Lang hält die Craniotabes der hereditär-syphilitischen Kinder über- 
haupt für eine solche rachitischen Ursprungs i). Auch Lesser, 
der die Craniotabes gar nicht erwähnt, konstatiert das häufige 
Auftreten rachitischer Prozesse bei Heredosyphilitikern 2). Ebenso 
bemerkt Henoch, dem ebenfalls jene von Parrot beschriebene Form 
einer syphilitischen Craniotabes unbekannt ist, dass die Craniotabes 
sogar innerhalb der Grenzen der physiologischen Entwickelung ohne 
eine krankhafte Aetiologie vorkommen könne •'^). Dasselbe gilt von 
den übrigen deutschen Autoren, wie denn auch Heubner in seiner 
erschöpfenden Bearbeitung der Syphilis im Kindesalter*) dieser Art 
der Craniotabes nicht gedenkt. 

Weiter bezeichnet Parrot Hyperostosen und Osteophyten auf 
den Stirn- und Scheitelbeinen (bosses parietales), besonders die so- 
genannte „deformation natiforme" (Knochenbuckel, die um die 
grosse P'ontanelle angeordnet sind), als charakteristisch für hereditäre 
Syphilis. Das ist durchaus unzutreffend. 

Diese „Vierhügelform" des Schädels an der grossen Fontanelle 
ist nach A. Baginsky gerade typisch für Rachitis^), und Couth 
bemerkt, dass die Knochenbuckel der Rachitis leicht mit jenen der 
hereditären Syphilis zusammengeworfen w^erden. Die Gegend der 
Stirn- und Scheitelbeine, welche Parrot als den typischen Sitz der 



i) E. Lang, „Vorlesungen über Pathologie und Therapie der Syphilis", Wiesbaden 
1896, S. 628. 

2) E. Lesser, ,, Lehrbuch der Geschlechtskrankheilen", lo. Aufl., Leipzig 1901, 
S. 276. 

3) E. Henoch, a. a. O., S. 871—872. 

4) O. Heubner, ,, Syphilis (Hereditaria acquisita, tarda) im Kindcsalter", Tübingen 
1896, 8», 135 S. 

5) A. Baginsky, Artikel „Rachitis" in: Eulenburg's Encyklopädie 1899, 
Bd. XX, S. 157. 



— 343 — 

syphilitischen Knochenbuckel bezeichnet, ist nach IMacnamara 
gerade immer bei syphilitischer Schädelerkrankung frei. Dadurch 
lässt sich die Schädelsyphilis von der Schädelrachitis unterscheiden. 
Auch dauern syphilitische Knochenbuckel selten über das erste Lebens- 
jahr hinaus und hinterlassen keine Spur ihrer früheren Anwesenheit, 
während rachitische Buckel persistenter sind ^). 

Die von Parrot neben dem Hutchinson 'sehen Zahndefekte 
beschriebenen Deformitäten der Zähne, welche angeblich nur bei 
hereditärer vS3"philis vorkommen sollen, die sogenannte „Atrophie 
cupuliforme" (napfförmig'e Erosionen, die kreisförmig um die Krone 
angeordnet sind, in einer oder zwei Etagen), die „Atrophie sulciforme" 
(durch Verschmelzung der „cupules" zu Furchen), die „Atrophie cus- 
pidienne" (Zweiteilung der Krone an den Canini und ersten Alolaren) 
und die , .Atrophie en hache" (konsekutive Caries der vier oberen 
Incisivi bei der ersten Dentition) sind von keinem anderen Autor 
als Folgen der SN'philis beobachtet worden. Lang beobachtete 
einen Fall von „Atrophie cupuliforme" der Zähne bei einem 20jährigen 
Burschen-), der aber an frisch acquirierter Syphilis litt, während die 
Zahnveränderungen schon viel älter waren. Er bemerkt darüber : 
„Ueber die Ursachen dieser Alteration sind wir nicht genügend 
orientiert. Alanchmal fanden sie sich bei Individuen vor, die voll- 
kommen gesund und bei denen auch nicht die Spur eines Anhalts- 
punktes für Vererbung irgend einer Krankheit vorliegt; so war auch 
der Bursche, dessen Zähne in Figur 96 photographiert erscheinen, 
sehr gut konstituiert; in der Kindheit soll er an Rachitis gelitten 
haben, doch fehlte bei ihm jedes Indicium für hereditäre 
Syphilis. Indessen mag in vielen Fällen mangelhafte Ernährung 
im allgemeinen auch an der fehlerhaften Entwickelung der Zahn- 
keime die Schuld tragen; diese Annahme gewinnt einige Berech- 
tigimg', wenn wir bedenken, dass genau die gleichen Verände- 
rungen oft genug neben Skrofulöse oder anderen depravie- 
renden Konstitutionsbedingungen einhergehen. Demgemäss 
lässt sich also nur behaupten, dass die Lues durch Herabsetzung der 
Ernährungsbedingungen auf die Entwickelung der Zahnkeime wohl 
einen verschlechternden Einfluss zu nehmen vermag, dass aber andere 
Dyskrasien in gleich ungünstiger Weise einwirken können". 



i) J. A. Couth, „The Hunterian Lechires on infantile Syphilis" in: The Lancet 
vom II., 18. und 25. April 1896 (Referat in: Archiv für Dermatologie und Syphilis, 
herausgegeben von F. J. Pick, 1898, Bd. XLII, S. 307). 

2) E. Lang, a. a. O., S. 695 — 696 und Fig. 96. 



— 344 — 

Wir werden also die von Parrot als syphilitische Erkrankung 
gedeutete „atrophie sulciforme" der Unterkieferzähne eines Franken- 
schädels der merowingischen Zeit aus dem Friedhof von Breny durch- 
aus nicht als erstere anerkennen können. Ebenso zweifelhaft sind 
seine übrigen Deutungen. An dem Occipitale dieses menschlichen 
vSchädels, den mit anderen Knochen Dr. Prunieres in den Höhlen 
der Lozere (Dolme von Cauquenos) gefunden hatte, konstatierte Parrot 
zwei Perforationen „identiques ä Celles que produit le craniotabes 
syphilitiquc", fügt aber hinzu: „Autour d'elles, la table interne est 
un peu poreuse, comme il est habituel de la trouver chez les 
rachitiques." An dem Rest der hinteren Hälfte dieses kindlichen 
Parietale (Dolme von Boujassac) fluid er an der Aussenfläche eine 
unregelmässig begrenzte krankhafte Stelle (couche pathologique) mit 
sehr zahlreichen Oeffnungen und Kanälchen. Er steht nicht an, 
diesen Osteophyten für syphilitisch zu erklären. Aehnlich waren die 
Veränderungen an einem anderen Stücke, die er folgendermassen be- 
schreibt: „Un autre fragment, plus curieux que les precedents, ä cause 
de la nettete de ses caracteres, est encore celui d'un parietal d'enfant, 
trouvc, comme ceux dont je viens de parier, dans un dolmen de la 
Lozere. Haut de 55 millimetres et large de 44, de forme irregu- 
lierement triangulaire, sa face interne est normale; sur presque toute 
l'etendue de la table externe existe une couche morbide dure, poreuse, 
identique aux osteoph3^tes, que Ton rencontre generalement sur les 
cränes des enfants atteints de syphilis hereditaire. Dans les points 
oü il es conserve, son bord est arrondi et tranche nettement sur les 
parties saines. Son epaisseur varie de 2 ä 3 millimetres. Les petits 
orifices qui couvrent sa surface sont assez reguherement distribues. 
11 est forme de trabecules perpendiculaires ou legerement obliques 
ä la surface du parietal." 

Auch aus diesem Befunde ergiebt sich nicht der geringste An- 
haltspunkt dafür, dass es sich um Syphilis handelt. Dieselben Ver- 
änderungen können durch Rachitis und Tuberkulose hervorgebracht 
werden. Dieser ganz isolierte Osteophyt besagt gar nichts, zumal da 
wir leider den Zustand der übrigen Skelettteile nicht kennen. 

Es ist daher sehr bemerkenswert, dass Parrot am Ende seiner 
Abhandlung zugiebt, dass die prähistorische .Syphilis in Europa an- 
gesichts dieser unbedeutenden Knochenbefunde einen sehr milden 
Verlauf gehabt haben müsse, und dass es wahrscheinlich sei, 
dass die Gefährten des Columbus ein „exotisches Gift mit 
mehr toxischen Eigenschaften" eingeschleppt hätten. Wie 
stimmen aber dazu die Hinweisungen der Verfechter der Altertums- 



— 345 — 

Syphilis auf so schwere Knochenzerstörungen wie die der Nase und 
des Gaumens, die angeblich durch Syphilis hervorgerufen sein sollen? 

Selbst Ruret, der sonst die Deutungen Parrot's anerkennt, 
macht am Schlüsse des betreffenden xVbschnittes seines Buches dem- 
selben den Vorwurf, dass er überall Syphilis wittere, wo ganz andere 
Ursachen, z. ß. die Rachitis, im Spiele seien. „D'apres lui, toutes les 
deformations osseuses que nous connaissons comme rachitiques, ont 
pour origine la Syphilis hereditaire; et, chose plus grave, il va jus- 
qu'ä ecrire que le rachitisme, chez les enfants, est uniquement du a 
la Syphilis de leurs parents" ^). 

Der „crane nati forme par hypertrophie des bosses parietales", 
wjrde noch einmal Gegenstand der Diskussion in der Sitzung der 
Pariser Anthropologischen Gesellschaft vom ig. März 1885. Parrots 
Hypothese einer syphilitischen Aetiologie des Knochenbuckels wurde 
nicht anerkannt. Xach Manouvrier ist die Aetiologie ganz dunkel; 
Topinard schloss sich dem an, wies aber auf die Möglichkeit der 
Entstehung' einer derartigen Veränderung durch Hydrocephalus hin-). 

Eingehende Studien über krankhafte Veränderungen an vor- 
geschichtlichen Knochen stellte J. Le Baron in seiner Pariser Dok- 
tordissertation vom Jahre 1881 an^), über deren Ergebnisse er auch 
der dortigen Anthropologischen Gesellschaft Mittheilung machte-*). 
Le Barons Ausführungen zeichnen sich durch eine gesunde Kritik 
aus, welche Buret ganz mit Unrecht auf die Aengstlichkeit des 
Doktoranden und seine Furcht, bei seinen Lehrern durch Mitteilung 
seiner wahren Anschauungen Anstoss zu erregten, zurückführt^). Im 
Gegenteil sind die Gründe, mit welchen er Parrots Hypothesen 
über die Xatur gewisser Knochenveränderungen widerlegt, durchaus 
stichhaltig und schlagend. 

Es ist nun sehr bemerkenswert, dass Le Baron unter 121 pa- 
thologischen Knochen der Vorzeit nur einen einzigen fand, an dem 
er syphilitische Veränderungen wahrzunehmen glaubte! Die übrigen 
120 Knochen boten nur Hyperostosen, Exostosen, atrophische, ent- 
zündliche, cariöse, arthritische Veränderungen dar, die Parrot z. T. 
mit Unrecht als syphilitische gedeutet hatte. Xur an dem Fragment 



i) Buret, a. a. O., S. 64. 

2) Bull, de la Soc. d'Anthrop. de Paris 1885, 3t' serie, Bd. VIII, S. 223 — 226. 

3) J. Le Baron, ,, Lesions osseuses de l'homme prehistorique en France et en 
Algerie", These de Paris, 1881, 8", 118 Seiten. 

4) „Sur les lesions osseuses prehistoriques" in der Sitzung vom 21. Juli 1881, 
Bulletin etc. 1881, Bd. IV, S. 596—598. Vergl. auch Buret, S. 51 — 55. 

5) Vergl. Buret, a. a. O., S. 55. 



— 346 — 

einer Tibia aus dem Dolmen von Lery (Eure) glaubte Le Baron Sy- 
philis konstatieren zu können. Seine Beschreibung des Knochens 
lautet: „Vers le milieu de la crete de ce tibia, il existe une hyper- 
trophie considerable de la moitie anterieure de la diaphyse. II en 
resulte que le bord anterieur presente une courbure tres marquee 
ä convexite anterieure. Cette hypertrophie a la forme d'un ovoide 
tres allonge et sa surface est aussi lisse que le reste de l'os. Elle 
s'ctend sur une hauteur de 85 millimetres. En cet endroit, le tibia 
est de 24 millimetres. Une section longitudinale, pratiquee sur une 
tumeur, montre qu'elle est entierement formee de tissu compact. 
Le canal medullaire a conserve ses dimensions normales. 

Faut-il attribuer cette hypertrophie ä un ulcere variqueux ou 
autre? Je ne le crois pas, ä cause de la surface polie de la tumeur. 
J'aime mieux y voir une alteration syphilitique de l'os. C'est 
d'ailleurs un des points oü la syphilis porte de preference ses ravages." 

Diese, übrigens sehr schüchtern vorgebrachte Annahme von 
dem syphilitischen Charakter der Hyperostose der Tibia von Lery ist 
durchaus zweifelhaft. Die „glatte Obertläche" der Hyperostose genügt 
wahrlich nicht, um andere Ursachen als Syphilis auszuschliessen, da 
auch rein traumatische Hyperostosen dasselbe zeigen und postmortale 
Einflüsse eine solche Glättung hervorbringen können. Es handelt 
sich eben um weiter nichts als eine einfache Hyperostose, deren 
Aetiologie die allerverschiedenartigste sein kann ^). 

Nur beiläufig sei eines Schädels der Merowingerzeit von dem 
Kirchhofe von Breny (Aisne) gedacht, den de Mortillet in der 
Sitzung der Pariser Antropologischen Gesellschaft vom 18. November 
1880 demonstrierte-), an dessen Zähnen sich die bereits oben er- 
wähnten horizontalen Furchen fanden, die nach Parrot für Syphilis 
charakteristisch sein sollen, in Wirklichkeit aber es durchaus nicht 
sind, worüber die obigen Ausführungen zu vergleichen sind. 

Ich vermute, dass A. F. Le Double in seiner Schrift „La 
medecine et la Chirurgie dans les temps prehistoriques" (Tours 1889, 
8^, 24 S.) auch über angebliche syphilitische Veränderungen an prä- 
historischen Knochen sich äusserte, konnte aber leider dieser Abhand- 
lung nicht habhaft werden. 

Nach längerem Intervall ist die Frage der Syphilis prähisto- 
rischer Knochen wieder aktuell geworden durch die Funde von 



1) Charakteristisch ist die Erklärung Le Baron 's, dass die Syphilis, „relative- 
ment rare dans les temps anciens", erst mit dem 15. Jahrhundert eine so grosse Ver- 
breitung erlangte. 

2) Buret, a. a. O., S. 55 — 56. 



— 347 — 

Fouquet und Zambaco. Wieder waren es zwei französische 
Forscher, welche die prähistorische Syphihs mit Hilfe der Knochen 
erweisen zu können glaubten. 

Zuerst hat Dr. Fouquet, Arzt in Kairo, seine darauf sich be- 
ziehenden Beobachtungen veröffentlicht '). Er wollte an mehreren 
Schädeln der altägyptischen Xekropolen von Negadah, Karwamil, El- 
Amrah u. a. krankhafte Veränderungen entdeckt haben, welche auf 
die Existenz der S3^philis und Tuberkulose zu jener, 8000 Jahre zu- 
rückliegenden Epoche hinwiesen. Ueber Fouquet's Funde und Deu- 
tungen hat dann der bekannte Dermatologe Zambaco am 3- Juli igoo 
in der Pariser „Academie de Medecine" einen Vortrag mit Demon- 
stration von Photographien der betreffenden Knochen gehalten -), in 
welchem er die Deutung'cn des Dr. Fouquet acceptiert. 

Die von Zambaco an einem vSkelette aus der Nekropole von 
Karwamil festgestellten krankhaften \'eränderungen werden von ihm 
folgendcrmassen geschildert : 

„Le ciiine presente, sur ie c6te gauche <Ui front, einpie tant sur la siUiire intcr- 
ftoiitale pcrsistantc, et la depassaiU quelque pcu ä droitc, une siuface inöqalc rugueiise, en 
ecumoire, dcgarnie de la couche siiperficielle de l'os, vennoulue. Cette lesion est plus 
sii]>erficiellc que celle du cntne prccedont. Elle n'atteint pas la table vitree. Les bords qui 
ciiconscrivent ce placard sont arrondis. Ils lemoignent d'un travail reparateur, ce qui eloigne 
lout soupcou de degäts artificieis occasionncs par le fouilleur. II s'agit donc, encore, d'une 
osteite suppuree, destruclive. 

Les deux feniurs sont re]ii"esentes par leurs faces anterieures et posterieures. Ils sont 
absoiumcnt normaux ii leurs diaphyses et atteints ä leurs extremites. Ainsi, le femur gauche 
[iresente im cnl gonfle, niameloiine: son exliemiie infericure est aussi trcs volumineuse, 
liy|>erlrophique, cnuvertc de bossehires exostosiques dont plusieurs sont deteriorees. Au- 
dcssus de celte extreniite, si deformec, se voit une epine osseuse saillante de 25 miilimelrcs 
i-nviron, que nous croyons physiologique. On rencontre, cn effel, sur plusieurs os anüques 
egyptiens, de cos saillies, et surtout des crelcs tres accentuees qui ont dii donner allache ä 
de puissanls muscles. 

II s'agit donc d'une osteite localisee dans la region diaphyso-epiphysaire, laissant in- 
lacte la diaphyse. Cette lesion est caracterisee par l'epaississcinent des diaphyses presentant, 
par endroits, des bosselures, des deprcssions de surface rarefiee, a cöte de portions exube- 
rantes. Les extremites articuiaires conservcnl leur forme et leurs caracteres normaux. Les 
libias et les perones de cc nit-mc squelette sont, egalement, normaux ä leurs diaphyses; 



1) In der Schrift von Morgan, ,,Recherches sur les origines de l'Egypte. Ethno- 
graphie prehistorique et tombeaii roj'al de Negadah", Paris 1896, S. 377 — 379- Abdruck 
der betreifenden Stelle in: Jean Capart, ,, Notes sur les origines de l'Egypte d'apres les 
fouilles recentes", Brüssel 189S, S. 24. 

2) Zambaco, a. a. O., S. 58 — 65. Vergl. auch P. Schober in: Die Heilkunde 
1900, S. 784. 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. '^o 



- 348 - 

mais leurs extremites superieures et inferieures sont, comme celle des femurs, deformees, 
gonflees, hypertrophiques. De plus, elles sont sondties en haut et en bas, conime on peut 
le voir, tres nettement, sur les photographies. L'extiemite supericure du perone droit est 
unie ä ia tete du tibia correspondant, demcsurernent gonflee et tres bosselee, par un pont 
osseux volumineux, faisant tumeur saillante, posterieurement surtout comme une forte amande 
verte. La couche superficielle couvrant ce tison, de nouvelle formation, est detruite, et 
laisse voir une substance spongieuse qui s'emiette facilement. 

Les extremites inferieures de ces niemes Os, volumineuses, gonflces, hj-pertrophiees, 
sont completement soudees ensemble et se confondent. Un coup d'oeil jete sur les photo- 
graphies feia bien mieux saisir cette disposition que les descriptions les plus detaillees. 

Les os de la jambe gauche se sont detaches par ies manipulations. Mais on peut 
voir, sur les jihotographies, que cette Separation lineaire a ete accidentelle, et que leur sou- 
dure (itait complete avant la violence extericure qui l'a detruite. 

Les dcux humerus de ce meme squelctte sont symmetriqucment atteints ; ils sout 
hypertroph iques, irregulierement tumefies, deformes ä leur tiers superieur, bosseles au voi- 
sinage des tetes des os, dont les surfaces articulaires restent normales, ainsi que les dia- 
physes et les extremites inferieures. 

Le cubitus gauche de ce sujet presentc, ä son tiers inferieur, plusieurs petites exosl- 
oses, plus dures, plus resistantes que Celles des femurs, dejä menfionnees. Son extremite 
caipienne est, aussi, gonflee, mamelonnee. Tous les autres os du squelette sont absolument 
normaux" '). 

Wie Zambaco diesen geradezu klassischen Fall von Arthritis 
deform ans für S3^philis erklären kann, ist unbegreiflich. Das charak- 
teristische Befallensein der Gelenkenden der Extremitätenknochen 
mit Freibleiben der Diaph3^sen spricht mit absoluter Sicherheit gegen 
die S3'philitische Natur der krankhaften Veränderungen dieses Ske- 
lettes. Daher hat bereits M. Gangolphe, einer der anerkanntesten 
Forscher auf dem Gebiete der s\^philitischen Knochenkrankheiten -), 
sich auf den ersten Blick geg^en die Annahme syphilitischer Ver- 
änderungen an diesem altägyptischen Skelett ausgesprochen ^). 
Dann hat der bekannte Brüsseler Dermatologe Dr. Bayet auf die 
Bitte seines Freundes, des Aegyptologen C apart, die Befunde 
Zambaco's einer Nachprüfung unterzogen und ist ebenfalls zu dem 
Ergebnis gekommen , dass es sich hier keineswegs um S^'philis 
handeln könne. 

Er sagt: ,,Si c'etait de la Syphilis, ce ne pourrait etre qu'une 
Syphilis tertiaire. Or, celle-ci n'a jamais la Symmetrie observee sur 
les ossements dont nous nous occupons; il ne saurait non plus etre 



i) Zambaco, a. a. O., S. 59 — 61. 

2) Vergl. saine Schrift ,,Contribution ä l'etude des localisations osseuses de la Syphilis 
tertiaire." Paris 1885. 

3) J. Capart, a. a. O.. S. 24 Anmerkung. 



— 349 — 

question d'osteomyelite gommcnse; enfin, clernier argument, les 
Sieges de predilection de la syphilis osseuse tertiaire sont epargnes. 
En eifet, ni la diaphyse des os longs, ni la crete anterieure du tibia, 
ni les cotes, ni le sternum , ni la clavicule, ne presentent de lesions 
hyperostosiqucs. Contrairement a l'opinion de Zambaco et con- 
formement ä celle de Gangolphe, je me prononce contre l'hypo- 
these de lesions syphilitiques" ^). 

Was die Affektion des Schädels betrifft, so erklärt Bavet, 
dass sie den von Virchow am Schädel von Portorico beschriebenen 
postmortalen Veränderungen auffallend gleichen. Zambaco hatte 
offenbar auch zuerst an die Möglichkeit postmortaler Einwirkung'en 
gedacht, da er sie ausdrücklich zurückweist. Nach ßayet kommen 
hier nur postmortale Veränderung"en, wahrscheinlich durch die Thätig'- 
keit gewisser Tiere, in Betracht -). 

An zwei anderen Schädeln fand Zambaco noch cariöse Stellen, 
eine am rechten Parietale, die andere am vStirnbein, die er für solche 
syphilitischer Natur erklärte. Bayet, der in seinen Bemerkungen bei 
Capart noch die Möglichkeit, dass es sich bei der Affektion des 
Stirnbeins um Syphilis handeln könne, zulässt, hat neuerdings mir 
g'egenüber brieflich seine Ueberzeugung ausgesprochen, dass in keinem 
der von Zambaco angeführten Befunde Syphilis mit Sicherheit anzu- 
nehmen sei. Jedenfalls ist es sehr charakteristisch, dass auch die 
Extremitätenknochen anderer Skelette nur am epiphysären Teile Yer- 
ändervmgen darboten, während durchweg die Diaphysen frei 
w a r e u . 

In der betreffenden Sitzung der „Academie de Medecine" erhob 
denn auch alsbald Eournier seine g'ewichtige Stimme gegen die 
Deutungen Zambaco's. Seine Erklärung ist sehr geeignet, den 
Enthusiasmus in der Diagnostik syphilitischer Veränderungen an prä- 
historischen Knochen zu dämpfen und kann in dieser Hinsicht nicht 
genug beherzigt werden. 

„Je viens d'admirer comme vous tous, Messieurs", sagt er, ,,les tres 
belles photographies que nous presente notre savant collegue. M. 
Zambaco. Mais, apres avoir reconnu comme vous l'interet qu'elles 
comportent, je ne puis partager l'opinion de M. Zambaco sur la signi- 
fication qu'il accorde ä certaines d'entre elles comme demonstratives de 
la qualite syphilitique des lesions qu'elles representent. 



ij Bayet bei Capart, S. 24. 
2) Bayet, a. a. O., S. 25. 

23^ 



— 350 — 

Aucune de ces photographies , mc semble-t-il (tout au moins a 
nn premier examen) ne reproduit im 13^30 bien authentique, irrecu- 
sable, de lesions sürement imputables a la Syphilis. 

On sait d'ailleurs combien est difticile d'une fagon generale le 
diagnostic de la S3''philis osseuse, alors surtout qu'on ne dispose pour 
l'instituer que de pieces seches, et plus encore d'os anciens tres 
anciens, recueillis dans les cimetieres, les tumuli, etc. II convient 
donc d'apporter dans un tel diagnostic les plus expresses reservcs" '). 

Fournier machte dann den Vorschlag, die Frage einer wissen- 
schaftlichen Kommission zu unterbreiten, worauf die Academie de 
medecine die Herren Fournier, Perrier, Filhol, Cornil und 
Lannelongue damit beauftragte, die angeblichen syphilitischen 
Knochen aus präcolumbischcr Zeit g'enauer zu untersuchen. Bis- 
her ist das Erg'ebnis dieser Untersuchungen noch nicht bekannt ge- 
worden. 

Es ist aber sehr bemerkenswert, dass Eve an alten ägyptischen 
Knochen ähnliche, an den Gelenkenden lokalisierte Prozesse mit Ex- 
und Hyperostosen fand, wie sie an den von Zambaco untersuchten 
Skeletten anzutreffen waren. Auch Eve spricht sich für die arthritische 
und gegen die syphilitische Natur dieser krankhaften Verände- 
runo-en aus'-'). 



i) P'ournier boi Zambaco a. a. O., S. 65. — Achnlich urteilt Herr Dr. Bayet 
in einem Briefe an den Verfasser vom 12. Oictober 1901: ,,Sur les pieces fraiclies, le dia- 
gnostic anatomique est souvent tres difficile. Qne dire, des lors, de pieces remontant ä 
une antiqiiitc aiissi rcculee, iine antitjuiLe dont la patliolo^ie nous est presqiie entierement 
inconnue, qui, pciu-elre, a connu des maiadics aujourd'hui disparucs et dont l'action jiou- 
vait, conune la tubcrculose et la syphilis ä nolre epnjnic, amencr des lesions des os." 

2) ,,The cliicf point for consideration in regard to tbese specimeiis is thc cause of 
the Periostitis. The co - existence of osteo - artbritis of the articular ends with Perio- 
stitis suggests at once that the two processes have a cansal relationship; a process of e.\- 
clusion favoiirs tliis view. 

The formation of new bone in ils Situation and distribution diffcrs from that occur- 
ring in syphilis. It is situated chiefly along the outcr surfacc of the tibia and around the 
articular ends, the crest and inner surface where syphilitic nodes are observed being free. 
Again, it takcs the form of a gcnrral ,,frosting", and no circumscribed patches or nodes 
exist. Nor is there any evldence of the other causes of periostitis as injury, chronic Ostitis 
and ulcers of the integuments , . . Apart from their interest in confirming the antiqiiily of 
osteo-arthritis these boncs appear to me of great palhological importance as furnishing strong 
grounds for believing that an osteo-plastic periostitis may occur as a manifestation of the 
same morbid condition producing the typicai articular changcs of osteo-arthritis." Frederic 
S. Eve, ,,Bones of ancient Egyptians showing periostitis associated wilh osteo-arthrilis and 
symmetrical atrophy of the skull" in: Transactions of the Pathological Society of London 
1890, Bd. XLT, S, 243 — 244. 



— 3.51 -- 

Nach alledem bleibt das Urteil Virchow's zu Recht bestehen, 
dass bisher kein einziger unzweifelhaft syphilitischer Knochen aus der 
Zeit vor der Entdeckung- Amerikas in dem Bereiche der alten Welt 
gefunden worden ist. „Und doch", sagt ebenderselbe Virchow, 
„sehen wir häufig Knochen von wilden Stämmen aus den verschie- 
densten Teilen der Welt, welche unzweifelhaft Zeugnis dafür ablegen, 
dass nach dem Kontakt mit den Europäern Syphilis unter 
ihnen verbreitet worden ist. Ich erinnere nur an Knochen von den 
Philippinen, von Neu-Caledonien, von Australien" M. 

Eragen wir nun, wann der erste Kontakt mit den oben er- 
wähnten Völkern geschah, so ergiebt sich die überraschende That- 
sache, dass dies erst nach der Entdeckung Amerikas und vor 
allem erst nach dem Ausbruche der g-rossen S3'philisepi- 
demic am Ende des 15. Jahrhunderts der Eall war. Für 
die Bewohner der Philippinen hat dies Virchow in einer bekannten 
Abhandlung nachgewiesen '-). 

Es ist mir nicht g^elungen, in England einen einzigen syphili- 
tischen Knochen aus präcolumbischer und prähistorischer Zeit aufzu- 
treiben. Dies hatte schon die oben erwähnte Diskussion in der Lon- 
doner Anthropologischen Gesellschaft ergeben. ]\Ieine Nachforschungen 
haben das bestätigt. Herr Dr. Charles H. Reade, Vorsteher der 
Ethnologischen Abteilung des British Museum, hatte die Güte, mich 
auf die zahlreichen Skelette der Römer-, Sachsen- und mittelalter- 
lichen Zeit hinzuweisen, welche bei den Ausgrabungen nahe Steaford 
und Boston in Lincolnshire gefunden wurden und jetzt im Ro^'al 
College of Surg'eons aufbewahrt werden. jMan hätte annehmen sollen, 
dass unter einer so grossen Zahl von Schädeln und Skelettrestcn aus 
so verschiedenen Epochen wenigstens einige mit S3'philitischen Ver- 
änderungen sich befinden müssten, falls die Syphilis zu jenen Zeiten 
existiert hätte. Besonders sollte man dies von den mittelalterlichen 
Schädeln erwarten, welche dem Friedhofe eines Mönchsklosters ent- 
stammen, im Hinblick auf die weiter unten noch eingehender zu er- 
wähnende kolossale Unzucht der inittelalterlichen Mönche. Allein 
nicht ein einziger Knochen mit derartigen Vcnlnderungen ist hier 
anzutreffen, ebensowenig' findet man einen solchen unter den übrigen 



i) R. Virchow in: Verhandlungen der Berliner Anthropologischeil Gesellschaft 
r895, S. 306. 

2) R. Virchow, „Ueber die Schädel der cältcren Bevölkeiiing der Philippinen, ins- 
besondere über künstlich verunstaltete Schädel derselben" in: Zeitschrift für Ethnologie 1870, 
Bd. II, S. 151 — 158. 



präcolumbischen Knochen des Hunterian Museum (aus Aegypten u. s. w.). 
Das Gleiche gilt \'om South Kensington Museum und nach freund- 
licher Mitteilung des Herrn Professor A. Macalister auch von den 
Sammlungen des Naturhistorischen Museums in Cambridge. Letzterer 
hat alle prähistorischen und präcolumbischen Knochen des Museums, 
wie er mir in einem Briefe vom 5. August 1901 mitteilt, auf etwaige 
S3^philitische Veränderungen hin untersucht, ohne solche zu finden. 
Auch einige altägyptische Knochen der Sammlung, welche von 
anderer Seite für syphilitisch erklärt worden waren, erwiesen sich bei 
näherer Untersuchung als nicht syphilitisch. Ebenso hat der Cam- 
bridger Chirurg Dr. Griffiths die ganze Sammlung untersucht und 
keine Spur einer syphilitischen Affektion an einem prähistorischen 
Knochen gefunden (Mitteilung von Professor Macalister). 

Somit dürfte Virchow's in den letzten Jahren mehrmals wieder- 
holte I3ehauptung, dass im Bereiche der alten Welt bisher kein ein- 
ziger SN'philitischer Knochen aus der Zeit vorder Entdeckung Amerikas 
gefunden worden sei, zu Recht bestehen. Wir dürfen es im Hin- 
blick auf die Thatsache der absolut negativen Befunde in Deutsch- 
land und England als sicher hinstellen, dass es solche Knochen über- 
haupt nicht giebt, womit der unumstösslichste Beweis für die Nicht- 
existenz der Syphilis in Europa vor dem Zeitalter der Entdeckungen 
geliefert ist. 



Wenn aber, wie ich im ersten Teile nachgewiesen habe, die 
S3'philis als ein Urleiden der Neuen Welt, speciell von Centralamerika 
betrachtet werden muss, so müsste man auch dort syphilitische Knochen 
finden. 

Aber auch hier verbinden sich mit den ausserordentlichen Schwie- 
rigkeiten der Diagnose noch andere Fehlerquellen, die uns bisher die 
sichere Feststellung von syphilitischen Knochen der präcolumbischen 
Zeit erschwert haben. Immerhin ist bemerkenswert, dass Virchow, 
einer der entschiedensten Verfechter des neuzeitlichen Ursprungs der 
Syphilis, die Berichte über P\mde syphilitischer Knochen in Amerika 
nicht mit demjenigen Misstrauen betrachtet, wie diejenigen in der 
Alten Welt. 

Welches sind nun die hauptsächlichen Umstände, welche der 
näheren Feststellung der präcolumbischen Syphilis der Knochen in 
Amerika vSchwierigkeiten bereiten ? 



I. Gewisse Gebiete, die gerade besonders in dieser Hinsicht in 
Betracht kommen, weisen aus klimatischen und anderen Gründen 
kaum irgend welche Skelettreste auf. So erklärt Herr Professor 
Franz Boas, der berühmte amerikanische Ethnologe, den ich am 
i8. Juli igoi persönlich darüber befragte, dass in dem Gebiet von 
Mexiko nur sehr spärliche menschliche Skelettreste gefunden seien, 
mit Ausnahme des ausserhalb -der Kulturcentren gelegenen Nord- 
westens. In den zahlreichen Gräbern der Provinz Chirique in Columbia 
fehlten ,.fast ausnahmlos menschliche Ueberreste" ^). Das hängt nicht 
bloss mit dem weit verbreiteten Brauche des V erbrenne ns der 
Leichen zusammen, sondern erklärt sich auch aus klimatischen Gründen 
(grosse Feuchtigkeit), wie in Mexiko. 

2. Ist es nach den Berichten von Diaz de Isla, Oviedo, Las 
Casas u. A. sicher, dass wenigstens in einigen Gebieten (Antillen) 
die Syphilis einen sehr milden Verlauf nahm, so dass Knochen- 
krankheiten sehr selten waren. 

Unna"-) und Scheube^), die neuerdings energisch für den neu- 
zeitlichen, amerikanischen Ursprung der Syphilis eingetreten sind, be- 
tonen besonders diesen milden \"erlauf der Syphilis. Freilich muss man 
nach den mexikanischen Schilderungen annehmen, dass auch schwere 
Fälle von Syphilis, wenigstens in Alexiko, vorkamen. 

3. Ist es fast immer sehr schwierig, die präcolumbische Natur der 
Gräber und Alounds in Nord-, jMittel- und Südamerika mit Sicherheit 
festzustellen, wie auch Autoritäten, wie Professor Franz Boas und 
Professor E. Sei er wiederholt, versichert haben. Dieselben Bestat- 
tungsarten und Grabformen erhielten sich noch Jahrhunderte nach 
der Entdeckung Amerikas, und so ist es fast immer unmöglich, mit 
Bestimmtheit ein Urteil darüber abzugeben, ob ein solches Grab prä- 
columbisch ist oder nicht. Virchow bemerkt: „Die Frage, ob dieses 
oder jenes Grab, das man eröffnet, schon vor Columbus existiert 
habe oder ob es vielleicht erst vor 200 oder g'ar erst vor 100 Jahren 



1) W. H. Holmes, ,,Ancient Art of thc Province of Chirique", Washington 1888. 
Referat in der Zeitschrift ,,Am Urquell" 1890, Ed. I, S. 93. 

2) In der Besprechung von Teil I des vorliegenden Werkes in : Monatshefte für 
praktische Dermatologie 1902, Bd. XXXIV, S. 27. 

3) B. Scheube, ,,Ueber den Urspnmg der Syphilis" in: Janus, Archives inter- 
nationales pour l'Histoire de la Medecine 1902, Bd. VII, S. 39. 



— 354 — 

errichtet worden ist. lässt sich ausserordenthch schwer beantworten 
und kann immer wieder bestritten werden" '). 

4. Kommen auch hier alle jene Punkte in Betracht, welche die 
Diagnostik s}-philitisclicr Affektionen an Jahrhunderte alten Knochen 
überhaupt erschweren und die wir oben näher gewürdigt haben. 

Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass über die amerika- 
nischen P'unde ebenfalls im allgemeinen ein „Noii liquet" ausge- 
sprochen werden muss, woraus aber nun jene Verfechter der Lehre 
von der Altertumss}-philis nicht etwa den Schluss ziehen mögen, dass 
es also auch mit dem neuzeitlichen, d. h. amerikanischen Ursprünge 
der Syphilis nichts sei. Nicht wir waren es, die zuerst aus den 
Gräbern die Beweise für die prähistorische Syphilis hervorholen wollten, 
sondern jene. Männer wie Unna und Scheu be, der geniale Der- 
matologe und der ausgezeichnete Kenner der Tropenpathologie, wie 
Fournier, der erfahrene S3'phihdologe, Lieber meister, der scharf 
beobachtende Kliniker, Binz, der ingeniöse Pharmakologe und auf 
dem Gebiete der Renaissance erfahrene medizinische Geschichtsforscher 
haben richtig erkaimt und deutlich ausgesprochen, dass die wahren, 
unumstösslichen Beweise für den neuzeitlichen Ursprung der vS3^philis 
auf nosologisch-epidemiologischem Gebiete liegen, wozu die plötzliche 
LTmwandlung der gesamten medizinischen Litteratur am Ende des 
15. Jahrhunderts die ausführlichste Erläuterung liefert. 

Kehren wir zu den Gräbern zurück. Parrot war der Erste, 
welcher an peruanischen Schädeln im IMusee Broca .Syphilis zu kon- 
statieren glaubte. Zunächst untersuchte er vier Kinderschädel aus 
Arica in Peru, angeblich ,,d'une anciennete non douteuse", was aber 
gerade bei peruanischen Gräbern eine sehr unbestimmte Bedeutung 
hat, indem man nur ganz ausnahmsweise entscheiden kann, ob diese 
prä- oder postcolumbisch sind. Parrot fand an den Kindcrschädeln 
weiter nichts als Osteophyten an den Orbitalrändern und an einem 
die bekannte Veränderung des ,,cräne natiforme", ferner zeigte die 
Innenseite der Parietalia ,,une couchc mince d'un tissu morbide tres 
poreux et plein de sillons vasculaires". Aus diesen Befunden folgerte 
er, dass „die Syphilis in Peru vor der Entdeckung Amerikas durch 
die Spanier existierte" und „dass diese Krankheit dort häufig war, 
da die meisten dorther stammenden Kinderschädel Spuren davon auf- 
weisen" -). 



i) R. Viichow, „lieiliag u. s. w.", n. a. O., S. 3. 
2) Buret, a. a. O., S. 46. 



.10 >1 



Tn einem Briefe an den Amerikanisten Wiener vom 7. Dezember 
1878 berichtet der Anthropologe de Quatrefages, Ijekannth'ch ein 
Verteidiger des neuzeithchen, amerikanischen Ursprungs der SyphiHs 
über 316 peruanische Schädel und schreibt u. a.: „T.cs cränes ont ete 
pris dans vingt-trois localites differentes; 239 ont appartenu ä des in- 
dividus sains, 14 ä des individus atteints de diverses affections. Ces 
derniers ont, ä divers points de vue, un interet tout particulier. 
L'etude de quelques- uns d'entre eux a permis de constater definiti- 
vement l'existence de la syphilis au Perou avant la venue des 
Europees" ^). 

Worauf sich dieser „definitive Nachweis" der Syphilis an prä- 
columbischen Menschenknochen Perus gründet, wissen wir nicht genau, 
da die oben erwähnten Schiklerungen Parrot's durchaus nicht etwas 
für Syphilis Charakteristisches darbieten. Vielleicht bezieht sich die 
Bemerkung^ Quatrefag^e's auf zwei andere von Parrot beschriebene 
und als syphilitisch gedeutete Schädel des Musee Broca. Der eine 
aus Arica in Peru stammende Schädel eines Ewachsenen wies eine 
längs der Sagittalnaht sich erstreckende poröse Stelle der beiden 
Parietalia auf, die mit zahlreichen und tiefen vaskularisierten Furchen 
verschen war (couche poreuse av'ec des sillons vasculaires nombreux 
et profonds). Das Stirnbein zeigte in der Nähe des Bregma eine 
ähnliche \^erändcrung. Ferner war eine vSynostose der rechten Fronto- 
Parietalnaht vorhanden. 

Es ist klar, dass diese Veränderungen nichts für Syphilis Cha- 
rakteristisches darstellen. Es fehlen alle Symptome eines destruk- 
ti\-cn Prozesses und der mit ihm fast immer verbundenen hyper- 
plastischen Vorgänge. Caries sicca, Ex- und Hyperostosen sowie die 
Osteosklerose der Umgebung der cariösen Stelle fehlen gänzlich. Die 
blosse „Porosität" und „Vaskularisation" oder g^ar die S3mostose liefern 
nicht den geringsten Beweis für die syphilitische Natur des sie be- 
ding'enden Krankheitsprozesses. 

An einem zweiten peruanischen Schädel konstatierte Parrot 
zwei Knochenbuckel am Frontale und Exostosen der Scheitelbeine, 
die porös und von Furchen durchzogen waren. Ausserdem war eine 
deutliche Osteosklerose des Knochens im Bereiche der affizierten 
Stellen wahrzunehmen, die an einzelnen Stellen sich durch eine drei- 
fache Dicke des Knochens aussprach. Es muss zugegeben werden, 
dass diese Befunde mit grösserer Wahrscheinlichkeit fiir die Diagnose 
der Syphilis zu verwerten sind als die anderen. Da aber über die 

I) Charles Wiener, „Perou et Bolivie", Paris 1880, S. 646. 



- 356 - 

Zeit der Schädel absolut wSicheres nicht feststeht, miiss auch hier die 
„präcolumbische" Syphilis in dubio gelassen werden. 

Am 5. Juli 1877 sprach Thulie in der Pariser Anthropolo- 
gischen Gesellschaft über die syphilitischen Affektionen des vSchädels 
und legte dabei einen Indianerschädel aus Pernambuco (aus nach- 
columbischer Zeit) vor. Bei dieser Gelegenheit betonten Parrot und 
Broca nochmals ihre Ueberzeugung von der präcolumbischen Existenz 
der Syphilis in Peru ^). 

Im Jahre 1880 demonstrierte Moreno der Pariser Anthropo- 
logischen Gesellschaft prähistorische Schädel aus Patagonien, die nach 
Moreno der glacialen Epoche angehörten, also sicher präcolumbisch 
waren. Der Bericht verzeichnet dann die folgenden Aeusserungen 
über den einen dieser Schädel: 

„M. Bordier fait remarquer la lesion evidemment syphilitique 
de Tun des cränes rapportes par M. Moreno . . . 

M. Berti Hon fait observer que ce second cräne presente les 
traces profondes d'une osteite de tres longue duree „et ajoute-t-il, je 
ne vois que la Syphilis qui ait pu la causer." 

M. Broca partage cet avis. „L'osteite, dit-il, ne parait ni tuber- 
culeuse ni traumatique; la syphilis tertiaire peut seule l'avoir produite. 
Cette piece est encore plus demonstrative que les cränes d'enfants 
rapportes du Perou et sur lesquels se constataient des lesions attri- 
buees ä la meme cause" -). 

Leider fehlt eine genauere Beschreibung dieser syphiHtischen 
Ostitis, so dass auch in diesem Falle die Zweifel nicht beseitigt 
werden. 

In einem Aufsatze über „autochthone Syphilis in Bolivia und 
Peru" erwähnt A. S. Ashmead uralte ausgegrabene Schädel der 
Aymaras in Peru mit narbigen Vertiefungen und Usuren , die auf 
Syphilis hindeuten^). 

Die eigentliche Diskussion über die präcolumbische 
Syphilis an Knochen von Urbewohnern Amerikas knüpft 
an die in der That sehr bemerkenswerten Funde von Joseph 
Jones in den Mounds und Gräbern von Tennessee an. Sie 
sind in der That von allen bisher besprochenen Knochenfunden die 
einzigen, die am meisten auf Syphilis hindeuten. 



1) Thulie, ,,Sur la deformation syphilitique du cräne" in: Bulletin de la Societe 
d'Anthrop. de Paris, 2e serie, Paris 1877, T. XII, p. 459 — 460. 

2) Buret, a. a. O., S. 50 — 51. 

3) Referat in Monatshefte für praktische Dermatologie 1895, Bd. XXI, S. 650. 



Der Bericht von Dr. Joseph Jones erschien im Jahre 1876 i). 
Es seien aus demselben die die Funde syphihtischer Knochen be- 
treffenden Stellen wörtlich angeführt. 

Bezüglich einiger Knochen aus den Mounds am Cumbcrland 
River bemerkt Jones: 

„Several of the skeletons in tliesc mounds bore unmistakable marks of the lavages 
of Syphilis. In one skeleton, which appearcd lo manifest in the greatest degree the ravages 
of ihis fearful disease, the bones of the cranium, the long bones of the arm (the humerus, 
iilna, and radius), and the long bones of the thigh and leg (the femur, tibia and fibula) bore 
deep erosions, nodcs, and marks of severe inflammatory action. Many of the 
long bones were greatly thickened, presenting a nodulated, eroded and cnlarged appcarance. 
When sections were made, they presented a spongy appearance, with an almost complete 
obliteration of the mcdullary cavities. The specific gravity of the bones was diminished, 
and the microscopical characters were in all respects similar to those of undoubled cases of 
constitutional Syphilis, which I have observed in my hospital and civil medical practice. 
Every competent medical observer to whom these bones have lieen sub- 
mittcd, has concurred in the vicw that Syphilis is the only disease which 
Cüuld have produccd such profound and universal structural alterations. 

. . . The grave by the side of the one last mentioned was about six feet in length, 
and contained the skeleton of an adult male, the bones of which were extensively diseased 
as if by Syphilis. The long bones of the arms, ihighs and legs were disfigured by n o d e s 
and erosions. . . . 

Towards the northern boundary of the mound, in a stone grave immediately at the 
foot of the two principal graves, and at right angles with them, a skeleton was found with 
the head towards the setting sun, The long bones are strongly niarked by syphilitic 
nodes. The skull is in good State of preservation. This cranium had several Indu- 
ration s and nodes on the bones, as if they had been acted on during life by the 
syphilitic virus. The external table of the frontal bone appears to have been especially af- 
fected. The superciliary ridge is very rough and nodulated, and the nasal bones are 
thickened, roughened and rounded. The occipital bone shows the effccts of pressure, 
M-hich is much more marked in the right parietal protuberance, it being much fuller and 
thrown further back than the lelt. The upper extremities of the occipital bone are separated 
by a transverse suture about one inch in length. 

I have shown by careful observalions that bones taken from stone coffins and burial 
mounds at Nashville, Franklin, Old Town in Tennessee, and at Hickman in Kentucky 
bcar unmistakable marks of the ravages of Syphilis . . . The bones are in many instances 
thoroughly diseased, enlarged and thickened, with the medullary cavity completely obliterated 
by die effects of inflammatory action and with the surface eroded in many places. These 
erosions resemble, in all respects, those caused by syphilis, and attended with ulceration of 
the skin and soft parts during life . . . The bones of the cranium, the fibula, the ulna, 
the radius , the clavicle, the sternum, and the bones of the face exhibited immistakable 
traces of periostitis, osiitis, endostitis, caries, necrosis and exostosis. 
The medullary membrane was evidenlly involved in many cases to an equal degree witli the 



i) J. Jones, „Explorations of the Aboriginal remains of Tennessee" in: Smiht- 
äonian Contributions to Knowledge, Washington 1876, S. 49, 61, 65^ — 73, 85. 



— >-)0O — 

periosteuni ; the differcnce in ihe appearance of thc inoducls of tbe syphilic tlisease being 
due most probably to the great quantity of fat and other loosc tissues, among which the 
vessels of the medullary mcmbrane run. Wlien thin scctions df these bones were caiefully 
examined with the naked eye, and by the aid of niagnifying glasses, portions were found 
rcsembling cancellous tissue fiom the enlargement and irregulär erosions of the Haversian 
canals, and increase in the number and size of the iacunae ; whiist other portions prcsentcd 
tlie hardened condition known as sclerosis. I observed in these bones, and espc- 
cially in those of the cranium, the various forms of osseous ulcera- 
t i o n s which h a v e li e e n d e s c r i b e d b y p a t h o 1 o g i s t s a s c h a r a c t e r i s t i c o f 
the action of Syphilis, viz., rounded ulcerations with glazed surfaces, 
and with m a r k e d h a r d e n i n g o r e b u r n i f i c a t i o n o f the b o n e b e n e a t h ; 
tuberculated ulcerations, dependent not only on periosteal deposit but upon chronic inflain- 
niation of the compact tissue itself; reticulated ulcerations, in which a network of periosteal 
deposit bad been fornied, and which had been perforated by ulcers, subsequcntly forming 
and assuming the annular type. . . . 

The bones of another cranium, froni a slone grave on the banks of the river pre- 
sented nodular swellings, and the long bones of the skeleton to which it belonged 
gave unmistakable evidences of the ravages of Syphilis in the numerous nodcs, and in the 
almost complete obl Iteration of the medullary cavity in the tibia." 

Auf Grund dieser Befunde, die allerdings, wie jeder l.eser zu- 
geben wird, sehr starken Verdacht auf die syphilitische Natur der 
konstatierten Veränderungen erwecken, kommt Jon eszu dem Schlüsse, 
dass die „diseased bones which I coUected from the stone graves of 
Tennessee are probably the most ancient syphilitic bones in the 
World". Dies sei von grösster Bedeutung für die Geschichte der 
Syphilis und für den Nachweis ihrer Herkunft aus der westlichen 
Hemisphäre. 

Da Jones besonders von den krankhaften Veränderungen am 
letztgenannten Schädel ausdrücklich hervorhebt, dass alle für die sy- 
philitische Caries charakteristischen Befunde, insbesondere die Ebur- 
nation des umgebenden Knochens vorhanden waren, auch die an 
einem anderen Schädel beschriebene Verdickung der Nasenbeine für 
Syphilis spricht, während allerdings die übrigen Befunde auch bei 
anderen Krankheiten vorkommen könnten (Periostitis, Ostitis, Caries, 
Nekrose, Exostose), so verdienen seine Mitteilungen allerdings die 
grösste Beachtung. 

Wie schw^ierig es aber trotz alledem ist, zu einem absolut sicheren 
Urteile über die Erdige: Knochcns3'philis oder nicht? zu kommen, 
und wie berechtigt daher der oben begründete Skepticismus in dieser 
Beziehung ist, das geht mit aller Deutlichkeit aus dem Umstände 
hervor, dass selbst diese scheinbar so undeutlichen Befunde von Jones 
die verschiedenartigste Beurteilung von Seiten angesehener Patho- 
logen gefunden haben. 



— 359 — 

Virchow, der die betreffenden Knochen nur nach der Be- 
schreibung- kennt, äussert sich folgendermassen darüber: 

„Während man früher sehr achtlos an den alten Knochen vorüber- 
ging-, ist seit ung-efähr lo Jahren auch in Amerika das Interesse an 
den prähistorischen Knochen allmählich gewachsen, und es sind immer 
mehr Beispiele angeführt worden, dass man auch Knochen mit syphili- 
tischen Veränderungen gefunden habe. Es ist das um so merk- 
würdiger, als bei uns in der alten Welt meines Wissens aus alten 
Gräbern keine derartig'en Knochen notiert worden sind; so ist meiner 
Erinnerung nach nicht berichtet worden, dass z. B. dieser oder jener 
einen syphilitischen Knochen in einem Hünengrabe gefunden habe. 
Aber in Amerika ist es nicht g'anz selten, dass man einen sogenannten 
Mound anschneidet und nach einiger Zeit einen syphilitischen Knochen 
daraus produziert. Am meisten sind bis jetzt in den A'^ordergrund 
getreten die alten IMounds von Tennessee, zum Teil auch die von 
Kentucky, namentlich ist über erstere eine Reihe von Angaben vor- 
handen, die alle darin übereinstimmen, dass sie auf Knochensyphilis 
bezogen worden sind. Wir besitzen solche Berichte von Aerzten, 
die als glaubwürdig und sachverständig gelten, z. B. von Joseph 
Jones. • — Ich muss nun leider sagen, dass eines noch immer fehlt, 
nämlich eine wirklich exakte Beschreibung. Es wird gesagt, dass die 
Knochen verdickt seien, die Markhöhle mit Knochensubstanz gefüllt, 
dass Eburnation , Anschwellungen und Höcker, gelegentlich auch 
„Erosionen" und geschwürige Stellen (Caries) daran vorkämen. Aber 
keine von diesen Veränderung-en ist so deutlich charakterisiert, dass 
ich sagten könnte: sie muss syphilitisch sein"'). 

Noch wichtiger ist das skeptische Urteil von Putnam, der die 
von Jones ausg-egrabenen Skelette selbst gesehen hat und auch 
das gleiche auf Autopsie beruhende Gutachten anderer Pathologen 
mitteilt: 

„Several bones collected in this mound show the effect of di- 
sease of some kind, and are such aswould be generally called syphi- 
liti(^; but several pathologists who have examined them unite in sta- 
ting that they do not prove the existence of syphilis, as other diseases 
than Syphilis might leavc such effects. — I am forced to differ from 
liim in some of his conclusions. particulary so in regard to the evi- 
dence of syphilis prevailing in this old nation of Tennessee. Undoub- 



I R. Virchow, ,, Beitrag zur Geschichte der Lues", a. a. O., S. 4. 



— 36o — 

tedly very man}^ of the human bones show the results of diseasc. 
but it may be that the disease was not syphihs, and that other di- 
seases affect the bones in a similar manner" ^). 

Demgegenüber betont auf der anderen Seite ein hervorragender 
deutscher Pathologe, Prof. Edwin Klebs, der im Jahre 1896 die 
Sammlung von Jones selbst besichtigt hatte, die syphilitische 
Natur der betreffenden Knochenaffektionen. „Indem ich", schreibt er 
in einer Korrespondenz der „Medizinischen Woche", ,,die bemerkens- 
werte Auseinandersetzung" von Scheu be in Ihrer letzten Nummer 
lese, welcher sich so überzeugend für den amerikanischen Ursprung 
der Syphilis ausspricht, erinnere ich mich eines oder mehrerer alter 
Gräberschädel aus der Sammlung des Dr. Jones in New Orleans 
(Corner of Washington Camp), w'elche der Vater des jetzigen Besitzers 
aus Steingräbern der sogen. Mound-Builders im Mississippithal ge- 
sammelt hatte und die unverkennbare syphilitische Knochen- 
erkrankungen aufwiesen. Es ist möglich, dass Virchow von 
diesen Funden keine Kenntnis hatte"-). Nach Klebs deutete die 
Schädelbildung auf eine dem heutigen Indianertypus zeitlich voraus- 
gehende Race ^^). 

PVeilich ist der springende Punkt dieser ganzen Diskussion die 
Frage des Alters jener Gräber in Tennesse. Ihr präcolumbischer 
Charakter ist keineswegs sicher ermittelt. Darüber bemerkt L. Wolff : 
„Wenn auch die Steinsärg"e und die „Mounds" der Indianer Skelette 
lieferten, die gewiss verdächtige Merkmale der Syphilis zeigten, und 
diese Begräbnisorte und Behälter als sehr altertümlich geschildert 
wurden, so ist nicht ausser Acht zu lassen, dass solche .Sarkophage 
und Begräbnisplätze selbst bis auf neuere Zeiten für die Beisetzung 
der toten Indianer gebraucht wurden, und Dr. Brinton sowie auch 
andere haben denselben Ornamente und Artikel entnommen, die ent- 
schieden europäischen Ursprungs waren" ■*). 



i) F. W. Putnam, ,,Arcliaeological Explorations in Tennessee" in: Reports of ihe 
Peabody Museum of American Archaeology and Ethnology, Cambridge 1880, Vol. II, 
p. 316 u. p. 305. 

2) Dies ist nicht zutreffend, wie aus der obigen, sclion Ende 1895 i" ^^^ Berliner 
Dermatologischen Gesellscdaft vorgetragenen Mitteilung Virchow's über die Jones'schen 
Befunde hervorgeht. 

3) Die Medizinische Woche 1902, Nr. 3, S. 28. 

4) L. Wolff, ,,Die Syphilis unter den Unvölkern Amerikas mit besonderer Bezug- 
nahme auf ihr Bestehen daselbst vor der Entdeckung Amerikas durch Columbus" in: Der- 
matologische Zeitschrift 1894, herausgegeben von O. Lassar, Bd. I, S. 230. 



— 36i — 

Damit entfällt also jeder Grund, noch weitere Untersuchung'en 
über den syphilitischen oder nichtsyphilitischen Charakter der Jon es- 
schen Skelette anzustellen. 

Negativ in Beziehung auf die sichere Feststellung von Syphilis 
fielen auch die Untersuchungen aus, die Whitney an alten Skeletten 
anstellte ^}. 

Laut pers(")nlicher JVIitteilung von Professor Franz Boas (vom 
i8. Juli igoi) hat Dr. Weir Mitchell Prudden eine grosse Zahl 
von präcolumbischcn Knochen aus Kentucky' , die im Museum of 
Natural History in Xew York sich befinden, durchforscht, aber 
nichts mit Sicherheit als Syphilis zu Deutendes gefunden, ob- 
gleich eine sehr grosse Zahl (2o"/o) von Knochen die merkwürdigsten 
pathologischen A'eränderungen (Wucherungen , Erosionen u. s. w.) 
zeigten. 

Derselbe Dr. Prudden konstatierte nach IMitteilung von Dr. 
Hyde an zwei Tibien aus einem altertümlichen „Indian Mound" in 
Colorado eine „chronische, rareficierende und formative Ostitis mit 
Osteomyelitis und chronisch formativer Periostitis", konnte aber die 
Frage der Syphilis weder bejahen noch verneinen -). 

Nach Putnam und J. P. ]\Iac Lean befanden sich in der 
grossen Sammlung von Indianerschädeln in dem Museum der „Aca- 
demy of Natural Science of Philadelphia", wo auch die berühmte 
,,Morton-Collection" aufbewahrt wird, einige Specimina mit krank- 
haften Veränderungen , die auf SyphiHs hindeuten. Jedoch ist auch 
in diesem Fall das Alter fraglich ^). 

Von grossem Interesse sind die im Jahre igoi von Dr. Thomas 
Gann, Districts-Chirurg" in Corozal (Britisch Honduras) in einem 
Mound der dortigen Gegend gemachten Funde ■*). In einem nahe 
dem Städtchen San Andres im nördlichen Britisch Honduras g'e- 
legenen Indianermound fand Gann ein irdenes (jefäss, in welchem 
neben anderen Geg-enständen drei Thonfiguren sich befanden, von 



i) W. F. Whitney, „On ihe existence of syphilis. in America before the discovery 
by Columbus" in: Boston Medical and Surgicai Journal vom 19. April 1883. 

2) J. N. Hyde, ,,A contribulion to the study of Pre-Columbian Syphilis in America" 
in Journal of the Medical Sciences, Philadelphia 1891, S. 117 — 131. 

3) L. Wolff, a. a. O., S. 232. 

4) Thomas Gann, ,,Recent discoveries in Central-America proving the precolani- 
bian existence of Syphilis in the new world" in: The Lancet vom 12. Oktober 1901, 
S. 968 — 970. 



— 302 — 

denen die eine in den Besitz des British Museum übergeg-angen ist. 
Jede dieser Figuren ist 4Y2 '^^^^ hoch und stellt eine Person dar, die 
nach der Kopfbedeckung wahrscheinlich ein Maya-Priester ist. Der- 
selbe sitzt auf einem niedrigen vierbeinigen Stuhle. Die Figuren 
sind bemalt. Das AuffälHgste waren eigentümliche Veränderungen 
der Genitalien. Die Geschlechtsteile sind in allen drei Fällen unver- 
hältnismässig gross dargestellt. Der Penis hat den Umfang eines 
Unterschenkels; er wird an der Eichel von der einen Hand umfasst, 
während die andere Hand ein spitzes Instrument hält, mit welchem 
eine Operation am Gliede gemacht werden soll oder gemacht worden 
ist, wahrscheinlich das Letztere. Denn man sieht an der oberen 
Fläche der enorm vcrgrösserten Eichel mehrere Incisionen. 

Neben diesen bemalten Figuren fand Ga nn noch das imbe- 
malte Modell eines menschlichen Penis in natürlicher Grösse und im 
Zustande der halben Erektion und mit drei länglichen Incisionen an 
der Oberseite der Glans, die offenbar mit einem scharfen Messer auf 
den noch weichen Thon eingeritzt waren. 

Was aber das Merkwürdigste war, in einer Steinkammer des- 
selben Mound entdeckte Gann die Knochenreste eines männlichen 
Individuums von mittlerer Grösse. vSie waren sehr fragil, einige 
Knochen waren ganz verschwunden. Die übriggebliebenen zeigten 
keine Spuren teilweiser Verbrennung- und mit Ausnahme der Tibien 
keinerlei Abnormitäten. 

Die Veränderungen der Tibien beschreibt (iann folgcnder- 
massen : „The upper articular surfacc of the right tibia had dis- 
appeared. The shaft instead of being triangulär was rounded in 
section , the proeminent angles at the fronts and sides being obli- 
terated; it was slightly bowed, with the convexity anteriorly, and 
was a g-ood deal enlarged, especially in its upper two-thirds, wdiich 
were composed chiefly of friable spongy, cancellous tissue, which 
rendered the böne much lighter than it appeared. The surface was 
exceedingl}^ rough, especially in the upper part of the bone, being 
covered with a number of small nodular outgrowths, between which 
were .small pits or depressions. The bone was not examined micro- 
scopically. Of the left tibia only small fragments remained, but as 
far as could be judged from these a change somewhat similar to 
that undergone b}^ the right bone had also taken place here, though 
not to such a marked extcnt". 

Die Fibulae waren nicht mehr vorhanden. Gann bemerkt weiter, 
dass er gegen 100 alte Mounds in Central-Amerika geöffnet habe. 
Aber nur in diesem einzigen Falle hätten die Knochen keinerlei 



- 363 - 

Spuren von vorhergegangener Verbrennung dargeboten. Nach den 
Berichten von Sahagun, Torquemada u. A. sei diese nur bei 
Leuten unterlassen worden, die an Syphilis verstorben waren. Daher 
schliesst Gann auch hier auf das Vorhandensein derselben, obgleich 
er zugiebt, dass auch Caries oder andere nichtsyphilitische Prozesse 
die Veränderungen verursacht haben könnten. Hierzu komme nun 
aber noch die bildliche Darstellung einer Affektion des Penis an 
demselben Individuum, sowie der Umstand, dass beide Tibien 
afficiert waren. Daraus könne man mit Sicherheit auf Syphilis 
schliessen. 

Da mir dieser Bericht auf den ersten Blick etwas abenteuerlich 
erschien, so bat ich den auf dem Gebiete der centralamerikanischen 
Kultur am meisten erfahrenen deutschen Gelehrten, Herrn Professor 
Eduard Seier, um Nachprüfung der Angaben von Gann. Der- 
selbe hatte die Güte, in einem Briefe vom 26. April 1902 sich 
folgendermassen darüber zu äussern: 

,,Ich muss, nachdem ich den Artikel genau gelesen, doch sag'en, 
dass mir der ganze Bericht einen vertrauenerweckenden Eindruck 
macht und ich zunächst keine Veranlassung habe, an der Richtigi-ceit 
des P\mdes und den Einzelheiten zu zweifeln. Die Thonfigürchen 
scheinen allerdings furchtbar roh zu sein. Auch scheint mir, wenn 
man erwägt, dass bis in das 18. Jahrhundert hinein in dem benach- 
barten Peten ununterworfene heidnische Ma3^a-Reiche bestanden, der 
präcolumbische Charakter des Grabes nicht ausser Zweifel zu 
stehen. Die an den Figuren und an dem Penismodell zur An- 
schauung gebriichte Handlung scheint mir weniger eine Operation 
als eine religiöse Handlung, Blutentziehung am Penis, wie sie in 
der That wiederholt berichtet wird, darstellen zu sollen". 

Dieses massgebende kritische Urteil lässt die Bedeutung des 
Gann 'sehen Fundes für unsere Frage ids sehr gering erscheinen, 
wenn er auch ein erhebliches kulturg-eschichtliches Interesse darbietet. 

Da sich in ganz Amerika nach den Urteilen eines Sei er, 
Brinton, Boas, v. Euschan u. A. eine Kontinuität zwischen prä- 
und postcolumbischer Indianerkultur nachweisen lässt, so dürften auch 
spätere ähnliche Funde wie die von Jones, bei denen man mit 
grosser Wahrscheinlichkeit auf Syphilis schliessen darf, dieselben 
Schwierigkeiten der chronologischen Beurteilung- mit sich bringen wie 
alle bisherigen. 

Anders steht es mit der alten Welt. Hier kennen wir ganz 
genau das hohe Altertum der Hünengräber, der Pfahlbauten, der 
Sieinkammern, der altg'ermanischen, altslavischen Grabhügel, ja sogar 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 24 



— 364 — 

der Begräbnisstätten aus dem Mittelalter, und in allen diesen 
wurde bisher niemals ein einziger syphilitischer Knochen 
gefunden. 

Wenn man also auch in Beziehung auf Amerika zu einem „non 
liquet" kommt, so scheint mir doch dieser Unterschied zwischen der 
neuen und der alten Welt gebührend herv^orgehoben werden zu 
müssen, und die unerbittliche Forderung an die Gegner des neuzeit- 
lichen Ursprunges der Syphilis bleibt bestehen, dass, wenn sie nun 
einmal auf die präcolumbischen Knochenfunde einen so grossen 
Werth legen, sie zunächst für die alte Welt solche beibringen 
müssten , was ihnen bisher noch nicht gelungen ist und niemals ge- 
lingen wird. 



SECHSTES KAPITEL. 

Die pseudosyphilitischen Hautkranl<heiten. 

§27. Allgemeine Bedeutung' der pseudosypliilitisclien Affektionen 

der Haut. 

Die erstaunliche Entwickelung" der Dermatolog"ie in der zweiten 
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hat besonders die klinische Dia- 
gnostik der Hautkrankheiten in reichstem Masse gefördert. Indem 
einerseits eine Meng"e von reinen Sammelbegriffen der älteren Derma- 
tologen, wie „Ekzema", „Krätze", „Impetigo", „Porrigo", ,, Liehen" u. s. w. 
in viele einzelne, klinisch und pathogenetisch scharf von einander ge- 
trennte Krankheitsformen aufgelöst wurden, andererseits eine schärfere, 
nach wissenschaftlichen (jrundsätzen verfahrende Beobachtung eine 
grosse Zahl neuer Hautkrankheiten zu Tage förderte, erfuhr die 
dermatologische Diagnostik eine ausserordentliche Bereicherung ihres 
Inhaltes^) und eine immer mehr sich verfeinernde Ausbildung" ihrer 
Methode. Hieraus ergaben sich zwei Notwendigkeiten in Beziehung 
auf die Stellung der Dermatologie innerhalb der klinischen Medizin. 
Erstens musste dieselbe als eine eigene Disciplin, welche sowohl in 
wissenschaftlicher als praktischer Hinsicht die Lebensarbeit des ein- 
zelnen Forschers vollkommen in Anspruch nimmt, von der inneren 
Medizin bezw. Chirurgie abgetrennt werden -), so dass auch die Der- 



1) Sehr fein bemerUt Rille im Vorwort zu seinem Irefflichen „Lehrbuch der Haut- 
und Geschlechtskrankheiten" (Jena 1902, S. 3): „Bekanntlich ist das Material an Haut- 
krankheiten gerade dort am grössten, wo es am besten diagnostiziert wird." • 

2) Deshalb hat W. v. Leube mit Recht die Maut- und Geschlechtskrankheiten in 
sein klassisches Werk über die spezielle Diagnose der inneren Krankheiten nicht mit auf- 
genommen, hat aber Unrecht mit der Begründung dieses Verfahrens. Denn nach ihm 
kommen bei den Hautkrankheiten, die er fälschlich immer noch als ,, integrierende Bestand- 
teile der inneren Medizin'- auffasst, der ,, diagnostische Calcül, die Zusammenfassung von 
Symptomenkomplexen, die Abwägung, welche von den gefundenen Erscheinungen aus der 
diagnostischen Verarbeitung des einzelnen Krankheitsbildes auszuschalten sind, nur in unter- 
geordnetem Maasse in Betracht", während die Kenntnis der äusseren Form das allein Maass- 
gebende sein soll. {W. von Leube, „Spezielle Diagnose der inneren Krankheiten", 

24* 



- 366 - 

matolog-ie, trotz ihrer vielfachen Beziehungen zur inneren ]\Iedizin 
und Chirurgie, als ein selbständiger Zweig der Medizin mit 
eigenen wissenschaftlichen Aufgaben betrachtet werden 
muss. Zweitens aber musste im Gegensatze zu dieser 'JVennung die 
innige Verknüpfung der Dermatologie mit den venerischen Leiden, 
insbesondere der Syphilidologie, immer deutlicher zu Tag'e treten. 
Hebra's bekanntes Wort, dass nur der ein guter Syphilidolog-e sei, 
der zugleich als guter Dermatologe sich erweise, drückt die Un- 
möglichkeit einer Trennung' der Dermatologie von der 
S3"philidologie deutlich aus. 

Nichts aber illustriert dies letztere besser als die Thatsache, 
dass die neuere Dermatologie eine grosse Zahl von sogenannten 
pseudosyphilitischen Krankheiten der äusseren Decke zu Tage ge- 
fördert hat, d. h. solche Teiden, die mit S}'philis zu verwechseln sind 
und gewiss nicht nur in der früheren Zeit fast immer für syphilitisch 
gehalten wurden, sondern auch heute noch oft g'enug mit 
Syphilis verwechselt werden, sogar von specialistisch ausge- 
bildeten Dermatologen. 

Es betrifft dies einerseits Affektionen der männlichen und weib- 
lichen Geschlechtsteile, der Regio analis, der Alund- und Rachenhöhle, 
der Nase u. s. w. , andererseits aber jene wichtige Kombination, bei 
welcher krankhafte nichts\philitische Veränderungen zugleich an 
Genitalien und After, an Genitalien und Mundschleimhaut, an Anus 
und Mundschleimhaut, am übrigen Körper und den Genitalien , end- 
lich am ganzen Körper, den Genitalien, der Regio analis und den 
oberen Luftwegen vorkonunen. Schliesslich kommen noch jene Krank- 
heiten in Betracht, die, ohne syphilitisch oder venerisch zu sein oder 
sich durch jene Lokalisation auszuzeichnen, doch nach einem Bei- 
schlaf bezw. durch geschlechtlichen Verkehr auftreten und so als 
scheinbar venerische Leiden imponieren können. 

Die Litteratur über die syphilisähnlichen Hautkrankheiten ist 
eine verhältnismässig spärliche. Da erst die neueren Fortschritte in 
der Dermatologie eine schärfere Differenlialdiagnose ermöglichten und 
die Erkenntnis, dass z. B. ein Symptomenkomplex von „breiten Con- 
dylomen" am Anus, Geschwüren und Plaques im Munde oder von 



5. Aufl., Leipzig 1898, Bd. 11, S. 544.) Dies ist meines Erachtens völlig unzutreffend, da 
der „diagnostische Calcül" , die klinische Kombination in der heutigen Dermatologie 
mindestens eine ebenso grosse Rolle spielen wie m der Diagnose der inneren und chirur- 
gischen Krankheiten. Man denke z. B. an ein so vielgestaltiges und doch in klinischer 
Hinsicht so scharf umgrenztes Krankheitsbild wie das des von Unna entdeckten sebor- 
hoischen Ekzems, welches dem diagnostischen Calcül reichste Gelegenheit bietet, sich zu belhätigen. 



- 367 - 

Papeln am Penis, am Körper und im ^Munde durchaus nicht S3'phili- 
tischer Natur zu sein braucht , so werden wir begreifen , dass in 
früherer Zeit diese und viele andere pseudosyphilitische Hautaffek- 
tionen der Syphilis zug'erechnet wurden. Indessen fehlt es, obgleich 
eine eigentliche grössere Monographie über die pseudosyphilitischen 
Hautkrankheiten bis heute noch nicht \-erfasst worden ist, nicht an 
einzelnen PTinweisungen auf das ^"orkommen und die Wichtigkeit 
derselben. 

Schon 1685 bemerkte der Züricher xVrzt Johannes Aluralt, dass 
sehr oft den venerischen ähnliche Geschwüre, ohne venerische An- 
steckung-, am männlichen Gliede entstehen können ^). Aehnlich heisst 
es in einem alten gerichtlich -medicinischen Gutachten vom Jahre 
17 12: „Warum kan denn in pcne nicht so wohl, als in andern 
Corporis partibus ohne V^enere impura ein Geschwüre und 
Xarben werden? Man findet ohnzehliche Casus, da einer Cicatrices 
in hac vel ista parte Corporis bekoemt und hat, da die Ursachen 
verborgen seyn. Und kan denn nicht auch ex ruptura praeputii etiam 
in congressu cum uxore dergleichen erfolgen ? Sequitur ergo , dass 
Gegentheils ex Cicatrice genommene Argumentum g^ar weit herge- 
hohlet sey" 2). Von besonderem Intel esse ist diese Stelle, weil sie 
beweist, dass bereits in alter Zeit die grosse forensische Bedeutung 
der pseudosyphilitischen und pseudovenerischen Hautaffektionen er- 
kannt wurde, auf welche ich noch öfter zurückzukommen Gelegenheit 
haben werde. 

Im Jahre 174g beobachtete Dr. Xicolau in Sempe (Bigorre) 
in Frankreich eine eigentümliche in epidemischer Weise auftretende 
Krankheit, deren hauptsächliche Symptome Geschwürsbildungen im 
Munde und an den Genitalien, verbunden mit Dysurie, waren. Die 
Pariser Aerzte, welche sich eingehend mit dieser merkwürdigen 
Krankheit beschäftigten, kamen zu dem Ergebnis, dass dieselbe nicht 
syphilitischer Natur sei, obgleich in so verdächtiger Weise Alund- 
höhle und Geschlechtsteile gleichzeitig befallen seien ^). Dieses Urteil 
macht ihnen alle Ehre, und wir werden in der That zahlreiche 



1) J. M uralt, „Observ. Cancer penis.'' In: MisccU. medico-phys., Nürnberg 1685, 
S. 259, citiert nach C. Gir tanner, „Abhandlung über die Venerische Kränkelt", Göttingen 
1789, Bd. II, S. 336. 

2) Älartin Schurig, ,,Gynaecologia historico-inedica", Dresden 1730, S.. 263. 

3) ,,Sur une maladie epidemique caracterisee par des uiceres ä la bouche, et aux parties 
genitales, avec ardeur d'urines, douleurs de reins, et autres symptomes veneriens" in: Con- 
sultations choisies de plusieurs medecins celebres de l'universite de Montpellier sur des 
maladies aigues et chroniques", Paris 1755, -ß*^- -^i S- ^'° — -'5- 



- 368 - 

Krankheitsbilder kennen lernen, die sich durch eine gleichzeitige 
Lokalisation an jenen Körperteilen auszeichnen. 

Am Anfange des ig. Jahrhunderts waren es vorzüglich eng- 
lische Aerzte, welche auf das häufige Vorkommen pseudosyphilitischer 
Hautleiden hinwiesen, so John Abernethy^), Richard Car- 
michael-') und William Judd^). Teils beschäftigten sich diese 
Autoren, wie Carmichael mit den nichtsyphilitischen, aber syphilis- 
ähnlichen Geschwüren der Geschlechtsteile — wie denn Carmichael 
vier infektiöse Genitalulcerationen unterschied — teils richten sie ihr 
Augenmerk auf die mehr allgemeinen Erscheinungen solcher syphilis- 
ähnlichen Krankheiten, wie dies Abernethy und Judd thun. 
Ersterer konstatierte z. B. in einem Falle die Coincidenz von Gaumen- 
geschwüren und einer Corona Veneris-ähnlichen Affektion der Stirn- 
haut bei einem nichtsyphilitischen Individuum. 

Recht bemerkenswert ist auch die Arbeit des Hamburger Arztes 
V. Embden (eines Verwandten des Dichters Heinrich Heine) aus 
dem Jahre 1819 ■*), eine Abhandlung, die uns durch die darin sich 
offenbarende scharfe Beobachtung und kritischen Geist als ganz 
modern anmutet, v. Embden handelt darin u. a. bereits von dem 
oft so trügerischen Symptome der Induration venerischer Geschwüre, 
von den traumatischen Ulcera der Genitalien, von denen bei Herpes, 
bei Gravidität, von den leukorrhoischen und aphthösen Affektionen 
der weiblichen Genitalien , von den ziihlreichen nichtsyphilitischen 
Affektionen des Afters, von den nichtvenerischen Bubonen, den ver- 
schiedenartigen nichsyphilitischen Geschwüren der Mundhöhle, den 
nichtsyphilitischen Knochenschmerzen u. s. w. 

Mit Beziehung auf die Frage der Existenz der Syphilis im 
Altertume äusserte sich der berühmte Kliniker Carl Canstatt-^) 
über die Bedeutung der pseudosyphilitischen Affektionen der Geni- 
talien : 



1) J. Abernethy, „Von den Krankheilen, die dem venerischen Uebel ähnHch sind", 
in: Sanimhmg auserlesener Abhandhingen zum (iehrauche praktischer Aerzte, Leipzig 1806, 
S. 524—589. 

2) R. Carmichael, „An essay on the venereal diseases which havc been con- 
founded with Syphilis etc.", Dublin 18 14. 

3) Friedrich J. Behrend, ,,Syphilidologie", Leipzig 1839, Bd. I, S. 288. 

4) V. Embden, „Versuch über die der. Lustseuche gleichenden Krankheiten", 
in: Magazin für die gcsammlc Heilkunde von J. N. K u s t , Berlin 18 19, Bd. V, S. 368 
bis 467. 

5) C. Canstatt, „Handbuch der medizinischen Klinik", Erlangen 1841, Bd. I, 
S. 830-837. 



— 369 — 

„Leiden der Geschlechtsteile haben ohne Zweifel von jeher existiert, und will man 
jedes Leiden dieser Organe, sofern es infolge von Beischlaf entstanden, für venerisch be- 
trachten, so hat man allerdings auch im frühesten Altertiimc die verschiedenartigsten Affek- 
tionen beobachtet, die eine gewandte Darstellung teils mit der Tripper-, teils mit der 
Schankergruppe der Syphilis analog erscheinen wird lassen können. Hensler, Weather- 
liead, Rosenbaum haben für die Verteidigung dieser Ansicht mit bewimdernswertem 
Sammlerfleisse die Beweisstellen zusammengetragen. Von der Richtigkeit derselben bin ich 
aber ebensowenig als Astruc, Gibert, Gauthier u. A. überzeugt worden. Dass 
Leiden der Geschlechtsorgane von uralten Zeiten her beobachtet wurden, ist sehr natürlich ; 
ebenso begreiflich ist, dass diese Genitalaffeklionen in ihren örtlich-formellen Charakteren 
mit den heutzutage herrschenden aufifallende Aehnlichkeit darbieten. "Wir wissen ja, dass 
die lokalen Elementarformen der Krankheit überhaupt sich in ihrer Erscheinungsweise gleich 
oder <ähnlich sein können, wie verschieden auch das sie bedingende Moment sei. Und sehen 
wir nicht heute noch, ebenso wie im Altertume, Ausfluss aus den Geschlechtsteilen, Exco- 
riationen, Geschwüre an denselben unter Umständen entstehen, wo ein spezifisches Virus 
nicht miigewirkt hat ? Will man aber den Begriff der Syphilis nicht so weit ausdehnen, 
dass man ohne Unterschied alle nach geschlechtlichem Umgange entstandenen Affektionen 
der Genitalien darunter zusammenfasst, wie einige generalisierende französische Aerzte ohne 
grossen Gewinn für die Wissenschaft geihan haben, — beschrankt man vielmehr den Begriff 
der Syphilis auf jene Krankheiten, welche ihren Ursprung aus einem spezifischen, durch 
Uebertragung von Generation auf Generation fortpflanzbaren Virus nehmen, so wird der Be- 
weis unmöglich, dass wahre Syphilis bereits im Altertume geherrscht habe. Nirgends 
ist klar dargethan, dass jene damals beobachteten Affektionen der Sexualorgane sich ähnlich wie 
heutzutage durch ein sich immer wiederzeugendes Contagium fortgepflanzt haben, — überall 
sind jene antiken pseudovenerischen Krankheiten denen ähnlich, wie man sie auch in unseren 
Tagen, z. B. nach Coitus mit menstruierenden oder mit dem Lochicnflusse, einfacher Leu- 
korrhoe, aber nicht syphilitisch affizierten Frauen entstehen sieht, — nirgends ist davon die 
Rede, dass auf diese Lokalaffcktionen so konstant jene konsekutiven allgemeinen Zufälle 
folgten, welche einen integrierenden Bestandteil der wahren Syphilis ausmachen. Würde 
man wohl am Ende des 15. Jahrhunderts so über die plötzlich auftauchende, über alle 
Länder rasch sich verbreitende Lues so verwundert gewesen sein und sie als neue Krankheit 
bezeichnet haben, wenn man von Alters her mit ihren Erscheinungen vertraut gewesen wäre? 
Aehnlichkeit stellt noch keine Gleichheit her." 

Auf das häufige Vorkommen von pseudosyphilitischen Affek- 
tionen bei Prostituierten lenkte, nachdem schon H. Lippert der- 
selben gedacht hatte i), besonders J. B. Venot, Chefarzt des Hospitals 
Saint -Jean in Bordeaux, in einer kleinen diesem Gegenstande ge- 
widmeten Schrift die Aufmerksamkeit der Aerzte-). Ueber den Zweck 
dieser Schrift äussert er sich in dem \^orworte u. a. folgender- 
massen : 

,,I1 existe, chez les fciumes inscrilcs au cadic de la prnstilulion, une notable Serie de 
lesions des organes genitaux (jui n'ont aucun caractere special, et dont le siege, la forme et 
l'aspect peuvent devenir d'incessantes causes d'errcnr. — De prinie-abord, ces alterations de 
tissu survenues apres des fatigues, des efforts fonclionnels, des couches laborieuses etc.. 



1) H. Lippert, ,,Die Prostitution in Hamburg", Hamburg 1847, S. 100 — loi. 

2) J. B. Venot, ,,De la pseudo-syphilis chez les jirostiiuees", Bordeaux 1859. 



occupant divers points d'un appareil expose ä toutes les vicissiludes de la contagion, se prc- 
sentent au diagnostic avec la prevention de l'origine syphilitique. II faut, en effet, connaitre 
de longue main la physionomie de ccs accidents, pour en dislinguer de piano la nature et 
le degre d'innocuite. 

Mais si l'assiietude et l'analyse experimentaie de ces faits manqiient au praticien, son 
jugemenl fera inevitablement fausse route, et ses appieciations seront entachees d'inexactitude 
et d'hesitation" '). 

In der allerneuesten Zeit waren es vor allen zwei hervorragende, 
durch die Schärfe und Subtilität ihrer klinischen Beobachtung" sich 
auszeichnende Dermatologen , welche die Wichtigkeit der pseudo- 
S3'philitischen Hautleiden erkannt und ausgesprochen haben. Es sind 
dies Rudolph Bergh in Kopenhagen und Heinrich Köbner 
in Berlin. 

Wer einen Blick in die in ihrer Art klassischen, bei aller Präg- 
nanz des Stiles eine Fülle von interessanten Beobachtungen und Er- 
fahrungen darbietenden Jahresberichte von Bergh über die vene- 
rische Abteilung des Allgemeinen Hospitals in Kopenhagen (von 
1866 — 1884) und in die Berichte über das unter seiner Leitung stehende 
Vestre Hospital (von 1885 — 1900) geworfen hat, dem wird sogleich 
der umfangreiche Abschnitt mit dem Titel „Pseudo venerische 
Affektionen" auffallen, auf dessen reichen Inh^dt im Folgenden 
oft Bezug genommen werden wird -). 

Einen Ueberblick über eine Reihe der wichtigsten syphilisähn- 
lichen Hautkrankheiten gab H. Köbner, veranlasst durch die ,, all- 
täglich e Verwechselung der blasenbildenden Prozesse auf den 
vSchleimhäuten und der äusseren Haut mit s}'philitischen Affektionen". 
Diese Abhandlung-') stellt einen höchst gedieg'enen Beitrag zur Lehre 
von den pseudosyphilitischen Krankheiten dar. Wir entnehmen daraus, 
wie häufig, selbst von Spezialisten, jene Leiden fälschlich der Syphilis 
zugerechnet werden. 

Diese häufige Aehnlichkeit der syphilitischen Hautaffektionen 
mit anderen Hautkrankheiten , welche im stände i.st „to perplex the 
inexperienced", hebt auch Malcolm Morris hervor-*), und bringt 
Chotzen im Titel und Inhalt seines Atlas zum Ausdruck^). 



i) Venot, a. a. O. S. 3 — 4. 

2) Leider standen mir nur die Jahresberichte über das Vestre- Hospital 7Air Verfügung, 
von denen ich die Jahrgänge 1886 bis 1900 einsehen konnte. 

3) H. Köbner, ,,Ueber Pemphigus vegetans, nebst diagnostischen Bemerkungen über 
die anderen mit Syphilis verwechselten, blasenbildenden Krankheiten der Schleimhäute und 
der äusseren Haut," in: Deutsch. Arch. f. klin. Med., Bd. LHI, Leipzig 1894, S. 61 — 89. 

4) Malcolm Morris, „Diseases of the Skin," London 1899, S. 37. 

5) M. Chotzen, „Atlas der Syphilis und der syphilisähnlichen Hautkrankheiten," 
Hamburg 1898. 



— 371 — 

Hiernach erschien es mir an der Zeit, eine möghchst vollständige 
Uebersicht über die Quellen der auf diesem Gebiete möglichen 
Täuschungen und diagnostischen Irrtümer zu g'eben, zumal da meines 
Wissens noch keine derartige monographische Bearbeitung der pseudo- 
syphilitischen Hautkrankheiten existiert. 

Ich betrachte dieselben: 

1. mit Rücksicht auf ihre praktische Bedeutung. 
Hierher gehören vorzüglich jene Affektionen , die auch heute 

noch mit syphilitischen verwechselt werden, wie an zahlreichen Bei- 
spielen gezeigt werden wird. 

2. mit Rücksicht auf die litterarische Ueberlieferung 
der älteren Zeit. 

Unter diesem Gesichtspunkte müssen im folgenden auch zahl- 
reiche Hautleiden als „pseudosyphilitische" herangezogen werden, die 
heute gar nicht mehr oder doch nur unter ganz besonderen Um- 
ständen zu Verwechselungen mit syphilitischen Affektionen Anlass 
geben. Da indessen , wie in einem späteren Abschnitt eingehender 
dargelegt werden wird, die dermatologische Diagnostik und Klassi- 
fikation der Alten an der blossen Form der krankhaften Verände- 
rungen der Haut haften blieb, während Aetiologie und Pathogenese 
fast ganz ausser Spiel blieben , mithin die Beschreibung der Haut- 
leiden eine rein formalistische war, so mussten dieselben in Be- 
ziehung auf die Form übereinstimmenden Produkte verschiedener 
Dermatosen als der gleichen Krankheit angehörige aufgefasst werden, 
so dass es z. B. unmöglich wäre, aus der rein formalistischen Be- 
schreibung einer Acne des Penis zu erkennen , dass es sich um 
diese Affektion und nicht etwa um eine P'orm des Primäraffekts 
handle. 

Von ungeheurer Wichtigkeit ist diese Seite der Betrachtung 
der pseudosyphilitischen Hautkrankheiten für die Frage nach der 
Existenz der Syphilis im Altertum. Nachdem wir nämlich alle jene 
Affektionen kennen gelernt haben, kann, wenn wir die Beschrei- 
bungen der antiken Aerzte prüfen, mit Evidenz gezeigt werden, 
dass die meisten (von den dermatologisch nicht vorge- 
bildeten Syphilishistorikern) als „S3'philis" gedeuteten Haut- 
affektionen sich als solche „pseudosyphilitische" Haut- 
krankheiten entpuppen. 

Dies wird noch dadurch bekräftigt, dass die Zahl dieser pseudo- 
syphilitischen Dermatosen eine sehr grosse ist, sowohl mit Rück- 
sicht auf Punkt i wie auf Punkt 2. Gewiss kommen einzelne Leiden 
nur selten vor, aber das Ensemble dieser verschiedenen, seltenen 



— 372 — 

pseudosyphilitischen Affektionen ist ein sehr statthches, und ihm ge- 
sellen sich mehrere sehr h ä u f i g e syphilisähnliche Hautleiden zu. 
Man denke nur an das ausserordentlich häufige Vorkommen der eine 
Sklerose vortäuschenden Veränderungen der Geschlechtsteile! 

Im Hinblick auf die hier in Frage kommenden mannigfaltigen 
Schwierigkeiten urteilt der hervorragende Syphilidologe H. Zeissl: 
„Der syphilitische Krankheitsprozess in seiner Totalität bietet von 
seinem Beginne bis zu seiner Kulmination und vollendeten Invo- 
lution solche diagnostische Schwierigkeiten , welche dem minder ge- 
übten Praktiker unglaublich erscheinen" '). Dass dieser Ausspruch 
sehr wahr ist, wird aus der nunmehr folgenden Betrachtung der ein- 
zelnen pseudos3'philitischen Affektionen hervorgehen. 

§28. Die pseiidosyphilitischeii Affektioneii der iiiäiinlirheii uiid 
weibliclieii Geschlechtsteile. 

Die zahlreichen, syphilisähnlichen, krankhaften Veränderungen 
an den Geschlechtsteilen des Mannes und des Weibes können in 
Beziehung auf ihre Aetiologie in folgende Gruppen geschieden 
werden. 

Sie treten sehr häufig als direkte oder indirekte Folgen 
eines Beischlafes oder sonstigen geschlechtlichen Verkehrs auf, 
wobei ihre Entstehung auf Ansteckung oder auch auf rein 
mechanische Einflüsse (mit eventueller sekundärer Infektion) zu- 
rückzuführen ist. 

Zweitens können sie ohne geschlechtlichen Verkehr absichtlich 
oder unabsichtlich durch mechanische und chemische Einflüsse 
hervorgerufen werden. 

Drittens giebt es lokale pseudosyphilitische Affektionen der 
Genitahen, die ohne die Mitwirkung der eben erwähnten Ursachen 
rein spontan entstehen. 

Viertens treten solche lokalen Veränderungen infolge anderer 
nichtsyphilitischer Allgemeinleiden auf. 

Mit stetiger Beziehung auf diese ätiologischen Momente be- 
trachten wir zunächst 

a. Die mit Induration einhergehenden, eine Initialsklerose vortäuschen- 
den pseudosyphilitischen Affektionen der Genitalien. 

Jeder Arzt weiss, dass gleich das erste Symptom der begitmen- 
den Syphilis, der sogenannte ,, Primäraffekt", die „Initialsklerose", der 



i) H. Zeissl, „Ueber die Schwierigkeiten, welche sich der Diagnostik luetischer 
Affektionen entgegenstellen," in: AUgem. Wiener med. Zeitung 1878, No. 19, S. 177. 



— 373 — 

harte Schanker in zahlreichen Fällen kaum mit Sicherheit zu dia- 
gnostizieren ist und den Arzt in die Notwendigkeit versetzt, den 
nach Gewissheit drängenden Patienten auf später zu vertrösten. Es 
passiert das nicht nur dem allgemeinen Praktiker, sondern auch dem 
spezialistisch ausgebildeten Dermatologen, der ehrlich genug ist, es 
zu gestehen. Geistreich sagt der erfahrene Zeissl: „Die Syphilis 
ist nämlich schon in ihrem Beginne so hinterlistig, dass sie gleich an 
ihrer Schw'elle, das heisst an der Eintrittsstelle des syphilitischen 
Giftes, eine oft schwer zu erkennende krankhafte Veränderung er- 
zeugt, welche A^eränderung ich als einen wahren Druidenfuss 
bezeichnen möchte. Diese Veränderung wird heutzutage von den 
Pathologen mit dem Namen der syphilitischen Initialsklerose be- 
zeichnet" ^). 

In der That kann das hauptsächliche pathognomonische Merk- 
mal des syphilitischen Primäraffektes, die Verhärtung, Sklerose, 
Induration, seines Grundes und seiner Ränder von anderen, nicht- 
syphilitischen Lokalaffektionen der Geschlechtsteile täuschend nach- 
geahmt werden. Schon v. Embden hat auf das häufige Trügerische 
des Symptomes der Induration hingewiesen und betont, dass nicht- 
syphilitische Geschwüre sehr leicht nach „reizenden Applikationen" eine 
Härte und Verdickung erlangen können-). Aber erst E. Finger 
hat in einer sehr gediegenen Arbeit ^'') den Nachweis erbracht, dass 
die Induration ein sehr unsicheres Merkmal des S3'philitischen Schankers 
sei, da sie in genau derselben Weise bei anderen Geschwüren der 
Genitalien vorkommt^). 

Zunächst giebt es gewisse Stellen an den Genitalien (und am 
übrigen Körper), an welchen geschwürsartige Prozesse stets mit In- 
duration einhergehen und auch einfach entzündliche Affektionen eine 
auffallende Derbheit zeigen. Solche Stellen sind nach Finger der 
Rand des Präputiums, der Sulcus coronarius, besonders die Umgebung 



1) H. Zeissl, a. a. O. S. 177. 

2) V. Embden, a. a. O. S. 378. 

3) E. Finger, „Die Diagnose der syphilitischen Initialsklerose und der lokalen con- 
tagiösen Helkose," in: Vierteljahrsschrift für Dermatologie und Syphilis 1885, Bd. XVII, 
S. 261 — 273. 

4) ,,Es ist uns eine Reihe verschiedener, von der Initialsklerose differenter Prozesse 
bekannt, die eine Induration darbieten können, die auch der geübteste Finger von der des 
syphilitischen Initialaffektes nicht zu unterscheiden vermag . . . Nichtsyphilitische 
Affektionen gesunder, nichtsyphilitischer Individuen können oft eine auf- 
fallende Derbheit annehmen, die, wenn noch Ulceration und der Sitz am Genitale 
hinzukommen, die Differentialdiagnose vom syphilitischen Initialaffekt wesentlich erschweren 
oder unmöglich machen." E. P'inger, a. a. O. S. 261 u. 263. 



— 374 — 

des Frenulums, das Orificium urethrae; bei Weibern der Rand der 
grossen und kleinen Labien; bei beiden Geschlechtern die Mundlippen 
und die Interdigitalfalten ^). 

Da nun an den erwähnten Stellen der Geschlechtsteile sehr 
häufig nichtsyphilitische Geschwürsformen, insbesondere weiche Schanker 
und herpetische bezw. balanitische Ulcerationen vorkommen, so ist 
denn die Verhärtung derselben ebenfalls ein sehr häufiges Ereignis, 
welches nur allzuleicht zur Diagnose eines syphilitischen Primär- 
affektes verleitet. 

Darüber giebt Finger bemerkenswerte Aufschlüsse: „Auch 
anderweitige Ulcerationen , Erosionen und entzündliche Infiltrate 
können an diesen Stellen auffallend derbe Basis besitzen. Herpes 
progenitalis und Erosionen bei Balanitis im sulcus coronarius sitzen 
oft derber Basis auf; wir beobachteten im Laufe der letzten zwei 
Jahre einen Patienten, der, ein ziemlich vernachlässigtes Lidividuum, 
dreimal mit Balanitis und consekutiver Phimose aufgenommen wurde. 
Alle drei Mal war der Margo des Präputiums so derb infiltrirt, dass 
man leicht hätte an Indurationen denken können, welche Dia- 
gnose übrigens bei dem Patienten von einigen unsere 
Klinik besuchenden Fachkollegen in der That gestellt 
wurde. Die irrtümliche Diagnose ,, Sklerose" bei weichem .Schanker 
im Sulcus coronarius habe ich unzählige Male von sehr tüch- 
tigen Spezialisten stellen sehen. Ebenso bietet bei recenter 
acuter Urethritis das orificium urethrae oft eine Derbheit dar, die 
zur Diagnose „Sclerosis in orificio urethrae" verleitet. Geschwüre 
und furunculöse Infiltrate der Mundlippen sind oft so derb, dass sie 
insbesondere bei konsekutiver Drüsenschwellung Sklerosen der Mund- 
lippen auf das täuschendste simulieren, wie mir einige Fälle aus 
meiner Erfahrung bewiesen haben" -). 

Das Auftreten der Induration an diesen Prädilektionsstellen er- 
klärt sich aus der reichlicheren Vaskularisation derselben und aus 
dem Umstände, dass es sich meist um doppelte Infiltrate zweier 
Randflächen und Ecken handelt. 

Neben der Lokalisation kommen in zweiter Linie traumatische 
und chemische Läsionen für die Ausbildung einer Induration in Betracht. 

Dass äussere Verletzungen der Genitalien mitunter eine s}'phili- 
tische Induration vortäuschen können, lehrt die folgende von Dr. 
Alquie erzählte Geschichte^): 

1) Ibidem S. 268. 

2) Ibidem S. 269 u. 270. 

3) Alquie, ,,Ueber die Experimentalinokulation der venerischen Krankheiten," in: 
F. J. Behrend, „Syphihdologie," Leipzig 1839, Bd. I, S. 209 u. 210, 



— 375 — 

j.Bei einem Mittagsmahle fiel die Unterhaltung auf venerisclie Krankheiten und auf 
die Ideen der Neueren über diesen Gegenstand. Als wir die Behauptung aussprachen, dass 
man sich über die eigentliche Natur der an den Geschlechtsorganen befindlichen Ulcerationen 
sehr wohl täuschen könne , und dass eine grosse Anzahl unter ihnen nicht syphilitischer 
Natur wäre, erhob sich ein fast allgemeines Geschrei gegen uns, und einer der Gäste, 

M. B , meinte sogar, dass man mit etwas Uebung nie irre gehen könne. Vierzehn 

Tage waren verflossen, als ein Militär, 38 Jahre alt, der an Krätze und an einer Ver- 
wachsung der Vorhaut mit der Eichcikrone, infolge von vor 5 Jahren gehabtem Schanker, 
litt, ims bat, die Verwachsung zu lösen, was wir mit einem scharfen Bisturi alsbald ihaten. 
Die daiaus entstehende Wunde war sehr einfach, aber die Basis derselben ward drei Tage 
nachher der Sitz einer sehr merklichen Verhärtung. Wir gingen deshalb sogleich zu 
M. B . . . ., dessen Meinung der unsrigen so sehr entgegengesetzt war, und baten ihn, seinen 
Ausspruch über eine zweifelhafte Ulceration abzugeben. ,,Es ist ganz klar," antwortete er, 
nachdem er die Teile untersucht hatte, „es ist ein Schanker, der durch Merkurialmittel be- 
handelt werden muss''. — ,,Wir müssen Ihnen nur gestehen," sagten wir darauf zu 

M. B , ,,dass diese Ulceration nur das Resultat einer kleinen Operation ist, welche 

wir vor ungefähr vier Tagen gemacht, inn eine Verwachsung der Vorhaut mit der Eichel 

zu lösen." — Nachdem B von seinem Erstaunen zu sich gekommen war, sagte er: 

„Da diese Verwachsungen aber die Folge von Schau kergeschwüren waren, so habe ich 
mich doch nicht geirrt." — „Diese Schanker," erwiderten wir, „sind schon seit fünf Jahren 
geheilt." — ,,Das diut nichts," fügte er hinzu, „ich behaupte dennoch, dass dieser Kranke 
am Schanker leidet und einer merkuriellen Behandlung unterworfen werden muss." — Um 
zu einer sicheren Ueberzeugung zu gelangen, machten wir darauf die Inokulation der von 
diesen Wunden abgesonderten kleinen Quantität Eiter, und weder Schanker noch die ge- 
ringste Ulceration war die Folge davon. Natürlich vernarbten die Wunden an der Rute 
ebenso rasch wie ganz gewöhnliche "Wunden." 

Nicht selten sieht man auch infolge der rituellen Beschnei- 
dung- solche pseudosyphilitischen A^erhärtungen am Glied auftreten. 
H. und ]\I. V. Zeissl bemerken darüber: „Zu wiederholten Malen 
haben wir an Kindern, welche nach orthodox jüdischem Ritus cir- 
cumcidiert wurden, in dem zurückg-ebliebenen Teile der Vorhaut und 
in der Glans selbst deutlich in ZerfiiU begriffene Indurationen be- 
obachten können, wobei die benachbarten Lymphdrüsen hochgradig 
hyperplastisch vergrössert und zuweilen in Vereiterung begriffen 
waren, ohne dass aber selbst nach längerer Beobchtung der betreffen- 
den Kinder konsekutive Syphilis ausgebrochen war. Es scheint uns 
somit, dass derartige Indurationen dem rohen Operationsv^ erfahren, 
namentlich dem Einreissen des inneren Blattes des Präputiums zuge- 
schrieben werden müssen" ^). 

Sehr auffallend ist die grosse Aehnlichkeit von Brandwunden 
an den Geschlechtsteilen mit indurierten Geschwüren. Diese That- 
sache ist selbst den Laien so bekannt, dass sie oft dieselbe benutzen, 
um syphilitische Schanker zu simulieren, wie dies besonders von Ge- 



l) Prof. Dr. Herrn, v. Zeissl, Grundriss der Pathologie und Therapie der Syphilis. 
Zweite Auflage, bearbeitet von Dr. Maximilian v. Zeissl, Stuttgart 1884, S. 140. 



— 376 — 

fangenen und Militärpflichtigen berichtet wird. Brocq erzählt, dass 
einige Rekruten, um v^om Militärdienste befreit zu werden, sich 
mittelst heisser Cigarren- und Pfeifenasche Verbrennungen an der 
Glans beibrachten. Es bildeten sich danach elevierte, äusserst 
derbe Geschwüre, die ganz harten Schankern glichen und auch für 
solche so lange gehalten wurden, bis man die wahre Ursache 
entdeckte. Manchmal schwoll nun die eine oder die andere Drüse 
in der Seite schmerzhaft an ^). Aehnliche Erfahrungen machte 
O. V. Petersen 2). 

Nicht selten beobachtet man Cig'arrenbrandwunden an den 
Genitalien von Prostituierten, die teils durch Fahrlässigkeit entstanden 
sind, teils ihnen von sadistischen Liebhabern beigebracht werden und 
als typische Primäraffekte imponieren ^). 

Auch chemische Aetzungen \'on Excoriationen und Ge- 
schwüren der Geschlechtsteile bewirken oft eine typische Induration 
solcher Ulcerationen. Oesterlen weist darauf hin, dass gewisse 
Caustica und Escharotica auch auf ganz einfachen oberflächlichen 
Geschwüren und Excoriationen die Charaktere syphilitischer 
Geschwüre erzeugen können ^). Besonders gilt das von den 
früher ja fast ausschliesslich bei Genitalgeschwüren angewandten 
Quecksilberverbindungen. vSchon Bonorden hob die auffallende Aehn- 
lichkeit von Sublimatätzgeschwüren mit dem Hunter'schen Schanker 
hervor^). William Acton bemerkt: „Wetui nun aber auch ein pri- 
märes syphilitisches Geschwür allerdings eine eigentümliche Physio- 
nomie darbietet, so ist doch nicht zu leugnen, dass auch andere Ge- 
schwüre, die nicht syphilitisch sind, ganz wie wirkliche Schanker aus- 
sehen; man darf nur z. B. etwas »Sublimat zwischen Vorhaut 
und Eichel bringen, so wird ein Geschwür entstehen, wel- 
ches dem Ansehen nach vom Schanker gar nicht zu unter- 
scheiden ist*')". Aehnliche Beobachtungen machten Carmichael, 
Desruelles, Robert, Ricord, Bumstead und Bäumler, welche 



i) Brocq in: „Annales de Dermatologie et de Sypliiligraphie," 1880, citiert nach 
Finger, a. a. O. S. 267. 

2) O. V. Petersen, ,, Ulcus molle" in: Archiv für Dermatologie und Syphilis 1895, 
Bd. XXX, S. 393 u. 394. 

3) Vergl. A. Dron, „Pseudovenerische Läsionen" in: Lyon medical 1900, Nr. 44 
(Referat in Monatshefte für prakt. Dermatologie 1901, Bd. XXXIII, S. 241.) 

4) Finger, a. a. O. S. 264. • 

5) Ibidem S. 263. 

6) W. Acton, ,,Ueber die venerischen Krankheiten u. s. w." bei: Behrend, 
,,Syphilidologie," Leipzig 1841, Bd. III, S. 520. 



— 377 — 

alle konstatierten, dass Caustica wie vSublimat, Chromkali, Plumbum 
aceticum, Tannin, Alaun, Alkohol Indurationen und indurierte Ge- 
schwüre an den Geschlechtsteilen hervorbringen können , die von 
syphilitischen nicht zu unterscheiden sind^). 

Endlich können einzelne nicht syphilitische Affektionen der 
Genitalien das Symptom der Induration darbieten. 

Bei Carcinomen- und Epitheliomen hat schon oft das 
Eintreten einer Verhärtung zur falschen Diag'nose des harten 
vSchankers geführt. Geber berichtet über zwei sehr interessante Fälle, 
in denen Epitheliome Initialaffekte vortäuschten -). Noch bemerkens- 
werter ist ein von Ihle mitgeteilter Fall, in welchem sog-ar ein Uni- 
versitätsprofessor die richtige Diagnose „Carcinom" verwarf, 
nachdem dieselbe bereits von Ihle gestellt worden war und den 
Krebs für einen harten Schanker erklärte-^)! 

Weiche Schankergeschwüre zeigen bei der oben erwähnten 
Lokalisation, nach Aetzung, Irritation u. s. w. sehr gewöhnlich eine 
typische Induration, so dass sie von Initialsklerosen kaum zu unter- 
scheiden sind''). 

Am meisten aber wird eine besondere Form des weichen 
.Schankers mit dem syphilitischen Primäraffekt verwechselt. Das ist 
das sogenannte Ulcus molle folliculare. „(Gelangt nämlich", sagt 
Petersen, „das Virus in einen Follikel und bewirkt nicht raschen 
Zerfall desselben , so entsteht eine Perifolliculitis und infolgedessen 
erhält man das Bild eines kleinen, tiefen Geschwürs, welches von einem 
geröteten, härtlichen Ringe umgeben ist, der etwas hervorragt. Der- 
artige Fälle bieten leicht die Möglichkeit der Verwechselung mit 
Sklerosen, umsomehr, da sie sehr hartnäckig sind und sich lange der 
Therapie widersetzen" ^). 

Erosionen bei Flerpes und Balanitis können bei Vernach- 
lässigung- oft eine knorpelig-e, der syphilitischen täuschend ähnliche 
Derbheit aufweisen ^). 



i) Finger, a. a. O.. S. 265 u. 266. 

2) Geber, ,, Differentialdiagnose zwischen Syphilis und Epitheliom'' in: W"iener med. 
Presse, 1871, bei tinger, a. a. O. S. 261. 

3) AI. Ihle, ,,Z\vei operativ behandelte Fälle von Carcinom des Penis" in: Monats- 
hefte für praktische Dermatologie 1890, Bd. XI, S. 384 — 388. 

4) Vergl. die Litteratur über solche Beobachtungen und Täuschungen bei Finger, 
a. a. O. .S. 267. 

5) O. Petersen, „Ulcus molle" in: Archiv für Dermatologie 1894, Bd. XXIX, 
S. 431. 

6) P'inger, a. a. O. S. 267. 



- 37» - 

Auch Akne und T.upus des Penis täuschen unter Umständen 
eine Sklerose vor. Ebenso können abscedierende Infarkte der Talg- 
drüsen für Primäraffekte gehalten werden. 

Periurethrale Infiltrate bei Gonorrhoe, die „Plaque indurative" 
des Penis'), l3a-nphang-oitische Prozesse, insbesondere die sog-enannten 
„Bubonuli" oder „Nisbeth'schen Schanker", Cavornitis gehen eben- 
falls mit Induration einher-). 

Nach alledem kr)nnen wir nur dem Resume Finger 's bei- 
stimmen, welches das Ergebnis seiner eingehenden Untersuchungen 
darstellt : 

„Die Induration ist kein absolut pathognomonisches Zeichen des 
syphiHtischen Initialaffektes, ihr Vorhandensein ist ebensow^enig ein 
sicheres positives, als ihr Fehlen ein sicheres negatives Symptom 
ist, d. h. die Induration ist ein unzuverlässiges Symptom"^). 

b. Nichtsyphilitische Geschwüre, Abscesse und entzündliche Affektionen 
der männlichen und weiblichen Geschlechtsteile. 

Erst in neuerer Zeit ist man auf das häufige Vorkommen ein- 
facher nichts^'philitischer Geschwüre an den Geschlechtsteilen aufmerk- 
sam geworden, die sogar nichts mit den gewöhnlichen weichen 
Schankern zu thun haben, trotzdem aber offenbar venerischen Ur- 
sprungs sind, d. h. nach einem unreinen Beischlaf aufzutreten pfleg'en. 
Diese Geschwüre haben eine sehr mannigfaltige Aetiologie, sind 
früher oft mit ähnlichen Affektionen syphilitischer Natur verwechselt 
worden und werden gewiss auch heute noch häufig genug damit 
verwechselt. Die P'requenz aller dieser leichteren oder 
schwereren ulcerativen Prozesse an den (xen Italien ist 
eine sehr grosse. 

Betrachten wir zunächst jene Geschwüre, Abscesse oder ent- 
zündlichen Veränderungen, die infolge oder nach einem Bei- 
schlaf bezw. sonstigen geschlechtlichen Manipulationen 
auftreten, also im eigentlichen Sinne „venerischer" Natur sind. 

Auf rein mechanischem Wege kommen gewisse Kontinuitäts- 
trennungen und geschwürige Affektionen der Genitalien beim Ge- 
schlechtsverkehr zustande. Ein stürmischer gewaltsamer Coitus, be- 
sonders wenn ein membrum permagnum mit Gew^alt in eine enge 



i) Vergl. Posner in Monatshefte für prakt. Dermatologie 189g, Bd. XXVIII, 
S. 198. Vergl. auch andere Fälle ibid. XXVIII, S. 470—71 u. Bd. XXIII, 1896, S. 83. 

2) Vergl. M. Horowitz, ,,Ueber Cavernitis und Lymphangioitis Penis" in: Wiener 
medizinische Presse 1900, No. 10, Spalte 438 — 443. 

3) Finger, a. a. O. S. 273. 



— 379 — 

Vagina introduziert wird, führt häufig' zu Abschilferungen, Einrissen, 
ja Rupturen der männlichen und weiblichen Geschlechtsteile. Sie 
finden sich bei Männern meist am Praeputium und Frenulum ^), bei 
Weibern am häufigsten in der Fossa navicularis, dann im Vestibulum, 
um die Mündung der Urethra, an den Nymphen und grossen 
Labien -). Sie werden fast immer durch sekundäre Infektion ge- 
schwürig, nicht selten gangränös und diphtherisch, häufig Sitz von 
weichen Schankern. Bei Prostituierten sind diese rein mechanischen 
Verletzungen durch den Coitus ausserordentlich häufig. 1887 beob- 
achtete Bergh sie bei 135 Individuen. 

Seit alten Zeiten bedienen sich bei wilden und civilisierten 
Völkern raffinierte Wüstlinge zu eigener und ihrer Partnerinnen Er- 
götzung gewisser künstlicher Apparate, welche am männlichen Gliede 
befestigt werden und meist mit scharfen Spitzen, rauhen Oberflächen 
u. s. w. versehen sind, um in coitu eine stärkere und wollustreichere 
Friktion der weiblichen Geschlechtsteile herbeizuführen. Besonderer 
Beliebtheit und Verbreitung erfreut sich der sogenannte „Reiz- 
condom" (Stachelcondom), ein mit Gummistacheln besetzter gewöhn- 
licher Condom, oder ein einfacher, im Sulcus coronarius angelegter 
,,R e i z r i n g" von ähnlicher Konstruktion ^). 

Einmalige oder wiederholte Anwendung dieser Reizcondome 
und Reizringe ruft Exkoriationen in der Vagina hervor^), die durch 
immer wiederholte Irritation sich vergrössern , geschwürig werden 
und so als venerische Ulcera imponieren können. Dass sie dann 
auch leicht die Prädilektionsstelle für das Eindringen des syphili- 
tischen Giftes abgeben können, ist klar, wie dies auch eine inter- 
essante Beobachtung von Bockhart ^) bezeugt, der eine solche 
Infektion nach Benutzung eines Stachelcondoms beschreibt. 

Andere Verletzungen und Veränderungen der Genitalien (Ero- 
sionen, Wunden, Hypertrophien etc.) entstehen bei Gelegenheit ver- 
schiedener perverser Bethätigungen der Libido sexualis, wie z. B. 
bei Ausführung der Kohabitation im Stehen*^), durch Cunnilingus 
(Saugen, Beissen und Kratzen an den Genitalien '), durch Flagellation 

i) E. Lang, „Das venerische Geschwür," Wiesbaden 1887, S. 39. 

2) R. Bergh, „Vestre-Hospital i 1887," Kopenhagen 1888, S. 9. 

3) Nach Bergh, ,,Veslre-Hospilal i 1897," Kopenliagen 1898, S. 8 erwähnen die 
Goncourt in ihren Tagebüchern diese Reizringe als ,,Anneaux de Venus." 

4) Ibidem S. 8. 

5) M. Bockhart, ,,Ein Fall von hartem Schanker der Vagina/' in: Monatshefte 
für praktische Dermatologie 1885, Bd. IV, S. 419. 

6) Bergh, „Vestre-Hospital i 1887, S. 12. 

7) Bergh, „Vestre-Höspital i 1892," S. 12. 

Bloch, ])ei' Ursprung clor Syphilis. 25 



— 38o — 

und andere sadistische Manipulationen ^), ja sogar bei zoophilen Weibern 
durch Hundebiss ! -) 

Meist schhessen sich an diese Verletzungen und Erosionen 
sekundäre Infektionen mit Eitererregern an. Am häufigsten ge- 
schieht dies bei Prostituierten, deren Geschlechtsteile durch den täg- 
lichen Verkehr mit zahlreichen Individuen ständig gereizt werden, 
so dass etwaige Verletzungen nicht zur Heilung kommen. Die so- 
g-enannte „chronische Ulceration der Prostituierten" ist fast 
immer nichtsyphilitischer Natur. Es sind dies jene Geschwürs- 
bildungen an der Vulva, von denen Fournier, ihren syphilitischen 
Charakter bestimmt leugnend, kurz, aber treffend gesagt hat: „Ce 
sont des ulcerations et voila tout" ^). 

Eingehende Untersuchungen über das chronische Geschwür der 
Prostituierten hat Jacobi angestellt*). Der Lieblingssitz der Ulcera- 
tion ist die Gegend des Orificium urethrae und die Commissura 
posterior. Das Geschwür hat eine grosse Aehnlichkeit mit dem ty- 
pischen Ulcus molle, unterscheidet sich aber von demselben durch 
den harten , oft elephantiastischen Untergrund , weniger scharf ge- 
schnittene Ränder und die Unmöglichkeit der Verimpfung. Die 
Grösse der Ulcera ist verschieden; in manchen Fällen sind „das 
Orificium urethrae, der Introitus vaginae und die kleinen Scham- 
lippen , zuweilen auch der Anus durch polypöse , elephantiastische 
Wucherungen, zwischen denen Pissuren, Erosionen und tiefe, schmierig 
belegte Geschwüre sich finden, zerklüftet und zerrissen. Die wulstigen, 
sehr derben Partien füllen bisweilen die ganze Vulva aus, so dass es 
fast unmöglich ist, sich in diesem Chaos zu orientieren." 

Für die Aetiologie der hier geschilderten chronischen Verände- 
rungen kommen hauptsächlich die oben erwähnten mechanischen 
Momente in Betracht. Nach Jacobi liefert für die Geschwürsbildung 
meist das Ulcus molle (sehr selten der Primäraffekt), dessen Narbe 
durch den häufigen Coitus immer wieder aufgerissen wird, den Aus- 
gangspunkt, wozu sich durch Behinderung des Lymph- und Venen- 



i) Derselbe S. 12 und in den anderen Jahresberichten. 

2) Vestre-Hospital i 1900, S. 11. 

3) Vergl. Tb. Landau, ,,Zur Kasuistik der chronischen Ulcerationen an der 
Vulva,'' in: Archiv für Gynäkologie, Bd. XXXIII, H. i (nach Monatshefte für praktische 
Dermatologie 1888, Bd. VII, S. 1270). 

4) E. Jacobi, ,,Ueber die sogenannte gonorrhoische Vulvitis imd über chronische 
Ulcerationen an den Genitalien Prostituierter," in: Verhandlungen der Dermatolog. Gesell- 
schaft, Wien 1889, S. 193 — 199. — Auch die ,,kraterförmigen, erosiven Geschwüre der 
Vulva und Vagina von unerklärlicher Aetiologie", die F'ritsch (,, Krankheiten der 
Frauen", 10. Aufl., Leipzig 1901, S. 55) beobachtete, gehören wohl hierher. 



- 38i - 

blutstromes infolge von Bubonennarben , der bei Prostituierten so 
häufigen habituellen Verstopfung und der ständigen mechanischen 
Insulte elephantiastische A^eränderungen gesellen. Jacobi schliesst 
bei der absoluten Erfolglosigkeit der antiluetischen The- 
rapie eine Beteiligung der Syphilis aus^). 

Ebenso konnte Landau in der oben erwähnten Abhandlung 
Syphilis als ätiologisches Moment der „chronischen Ulceration" der 
Vulva ausschliessen '-). 

Den erwähnten Zustand der Genitalien der mit chronischen 
Ulcerationen behafteten Prostituierten hat bereits Venot in der folgen- 
den klassischen Weise geschildert: 

,,11 est donc une categorie nombreuse de femmes publiques portant aux parties geni- 
tales l'indelebile stigmate de leur ignoble existence, restes impuissants d'un mal incurable, ou 
resultats d'efforts, de labeurs inherents ä leur perilleuse Industrie. Vieilles ou jeunes, mais 
egalemeut decrepites, ces malheureuses s'offrent ä la visite avec des lesions qu'au premier 
coup d'oeil on est tente de regarder corame dangereuses. Les unes sont affectees d'ulce- 
rations vastes, sinueuses, frangees, veritables esthiomenes aux anfractuosites sans fond, sans 
issue. — D'autres, ä ces incroyables Solutions de continuite, joignent d'anorniales hyper- 
trophies des grandes et des pelits levres; des caroncules myrtiformes dilacerees ou grossies 
hors mesure; des boursoufflures du meat urinaire; des decoupures en gouttiere de la four- 
chette, sortes de rail-way du plancher vaginal, qu'aucun inodule ne parvient jamais ä cica- 
triser. — II en est encore dont l'epaisseur de la vulve contient d'antiques clapiers, absces 
eternels et rebelles ä toutes les combinaisons de l'arl; sources purulentes, lubrefiant depuis 
plusieurs annees les surfaces oü s'ouvrent leur pertuis fistuleux. — Chez certaines, la resi- 
stance du tissu a limite les desordres; aussi n'ont-elles que des rougeurs insolites, des 
eraillures de l'epithelium, des excroissances charnues. — Mais quand la friabiüte des parties 
tient aux fatigues d'un coit exagere, aux manoeu\Tes imprudentes de la parturition, aux 
mille excentricites de la debauche, alors, et les circonstances du lymphatisme aidant, il se 
produit des monstruosites semblables ä celles reiatees plus haut, voire meme des fistules 
•recto-vaginales , infirmites repoussantes dont le cadre de la prostitution bordelaise possede 
deux ou trois specimens." ^) 

i) Jacobi, a. a. O. S. 198. 

2) Wenn daher Bandler neuerdings, sich stützend auf die Häufigkeit der Syphilis 
bei Prostituierten, dieselbe als hauptsächliche Ursache der geschilderten Veränderungen an- 
spricht (V. Bandler, ,,Zur Kenntnis der elephantiastischen und ulcerativen Veränderungen 
des äusseren Genitales und Rectunis bei Prostituierten," in: Archiv für Dermatologie und 
Syphilis 1899, Bd. XLVIII, S. 337—348), so ist diese Schlussfolgerung des „post hoc 
ergo propter hoc" ungerechtfertigt, da man dieselben Veränderungen bei Prostituierten 
beobachtet, die der Lues entgangen sind und die letztere doch höchstens eine besonders 
prädisponierende Rolle spielen könnte, indem jene elephantiastisch -ulcerativen Veränderungen 
mit den häufigen Insulten der Geschlechtsteile in Zusammenhang stehen. Auch Herr Professor 
G. Behrend, der neben Bergh über diesen Punkt gegenwärtig wohl die grösste Erfahrung 
besitzt, hat mir das häufige Vorkommen nichtsyphilitischer elephantiaslischer und 
ulcerativer Veränderungen bei Prostituierten bestätigt. 

3) J. B. Venot, ,,De la pseudo-syphilis chez les prostituees," Bordeaux 1859, 
S. 14-15. 

9* 



- 382 - 

Alle diese auffälligen Veränderung-en entstehen durch eine Kom- 
bination von mechanischen Insulten, Verletzungen, Einrissen mit nach- 
folgender sekundärer nichtsyphilitischer Infektion (Streptokokken, 
Staphylokokken, Streptobacillus ulceris mollis Unna, Gonococcus, 
Tuberkelbacillus u. a.;, wozu dann als drittes ätiologisches Moment, 
die eine Hypertrophie der Geschlechtsteile begünstigenden, Störungen 
der Lymph- und Blutcirkulation der Beckenregion sich gesellen. 
Es ist ja in letzterer Hinsicht bekannt, dass schon allein perverse 
Praktiken, wie z. B. das Saugen und Lecken der weiblichen Genitalien 
(Cunnilingus, Sapphismus) eine Hypertrophie der betreffen-den Partien 
herbeiführen ( M a r t i n e a u ) ^). 

Wichtiger als die aus ursprünglich mechanischen Einwirkungen 
beim sexuellen Verkehr hervorgehenden Affektionen der Geschlechts- 
teile sind die ohne solche vorherige Verletzungen auftretenden krank- 
haften Veränderungen der Genitalien infolg'e oder nach einem Bei- 
schlafe bezw. sonstiger geschlechtlichen Berührung. 

Dabei müssen wir auch in dieser Rubrik jene Genitalleiien auf- 
führen, welche sich häufig nach dem Coitus zeigen, ohne bisher in 
einen direkten ätiologischen Zusammenhang mit demselben gebracht 
werden zu können, wie z. B. den Genitalherpes, der sehr häufig im 
Anschlüsse an einen Coitus erscheint bezw. recidiviert. Ueberhaupt 
sind von jeher manche Genitalaffektionen auf einen unreinen Bei- 
schlaf zurückgeführt worden, ohne dass sie mit diesem etwas zu thun 
hatten, w^ährend andererseits die Venus impura in Gestalt verschiedener 
nichtsyphilitischer Infektionserreger an den Genitalien krankhafte Ver- 
änderungen hervorruft. 

Unter diesen seien zunächst die sogenannten einfachen 
Genitalgesch würe (Ulcus genitale simplex) erwähnt. 

Jedem Dermatologen und allgemeinen Praktiker in der Gross- 
stadt wird es aufgefallen sein, dass neben den „syphilitischen" und 
„venerischen" Geschwüren (Ulcus durum et Ulcus molle) relativ häufig 
kleine, oberflächliche Geschwüre an den Geschlechtsteilen nach einem 
unreinen Coitus auftreten, die weder durch die ebenerwähnten Er- 
reger der Syphilis und des weichen Schankers hervorgerufen werden, 
noch auch mit einem Herpes oder einer Balanitis zusammenhängen, 
indem sie die gruppenförmige Anordnung und polycyklische Form 
der herpetischen Geschwüre vermissen lassen und eine Balanitis in 



l) Vergl. auch G. B. Moraglia, „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Krimi 
nalistik, Prostitution und Psychopathie." Berlin 1897, S. 41. 



— 3«3 - 

den meisten Fällen fehlt. Vielmehr scheinen diese „einfachen Genital- 
g'eschwüre" durch beim Coitus übertragene p}'ogene Mikroorganismen 
hervorgerufen zu werden und stellen demgemäss eine eigenartige 
Form der venerischen Ansteckung dar. 

Es sind kleine, oberflächliche, scharf abgegrenzte Geschwüre, 
mit nicht unbedeutender eitriger Absonderung, die auffallend schnell 
unter der Anwendung indifferenter Streupulver heilen und seltener 
als die Ulcera mollia von Komplikationen (fkibo) begleitet werden. 

Buschke, der mit zuerst auf diese häufigen emfachen Genital- 
geschwüre hinwies 1), bemerkt: „Wir müssen die Bezeichnung Ulcus 
molle reservieren für ein Geschwür, dass dem Ducrey' sehen Bacillus 
seine Entstehung verdankt und ihm gegenüberstellen ein Ulcus 
simplex, unter welcher Bezeichnung die vielen einfachen geschwürigen 
Prozesse an den Genitalien zusammengefasst werden, die unter 
anderem auch beim Coitus entstehen und gewöhnlichen pyogenen 
Mikroben ihre Entstehung verdanken." 

Buschke zählt zu den Ursachen dieser einfachen Geschwüre 
ausser Coitus auch Traumen , Balanitis u. s. w. , worin ich von ihm 
abweiche, indem, wie ich schon früher berichtete 2), diese einfachen 
Genitalgeschwüre ihre direkte Ursache in einem unreinen Coitus haben, 
während ausgedehntere balanitische oder herpetische Prozesse an den 
Genitalien fehlen , also das Geschwür auf scheinbar ganz intakter 
Haut sich entwickelt, wie beim harten und weichen Schanker, von 
welchen es aber toto coelo verschieden ist. 

Diese Beobachtung von dem Ulcus molle ähnlichen, aber in 
ihrem Verlaufe von demselben verschiedenen Geschwürsbildungen 
an den Genitalien mag wohl Finger 's bekannte Theorie veranlasst 
haben, dass überhaupt die verschiedenen Eitererreger einen 
„weichen Schanker" erzeugen könnten. Die Ursache dieses Irr- 
tums ist die fälschliche Identifizierung des Ulcus simplex mit dem 
Ulcus molle. 

Unzweifelhaft die wichtigste aller pseudosyphilitischen Geschwürs- 
formen an den Genitalien ist das sogenannte venerische Ge- 
schwür, der weiche Schanker (Ulcus molle), welche Affektion 
wohl am häufigsten mit einem syphilitischen Primäraffekt verwechselt 
wird. Denn die Multiplicität des venerischen Geschwüres ist durch- 
aus nicht immer vorhanden, dagegen eine „Induration" oft deutlich 
ausgeprägt, wie bereits oben auseinandergesetzt wurde. Besonders 

1) A. Buschke, „Ueber die Pathogenese des weichen Schankers und der venerisclien 
Bubonen" in: Verhandlungen des V. Deutschen Dermatologenkongresses 1896. 

2) J. Bloch, „Einige Mitteilungen aus der dermatologischen Praxis" in: Allgemeine 
medizin. Centralzeitung, 1898, No. 99. 



- 384 - 

chronisch verlaufende venerische Helkosen können oft g'anz den 
Charakter eines harten Schankergeschwüres annehmen , so dass man 
in solchen Fällen aus der blossen klinischen Beobachtung keine ent- 
scheidende Diagnose stellen kann, sondern die Autoinokulation und 
die bakteriologische Untersuchung zu Hülfe nehmen muss. 

Unter unseren modernen antiseptischen Behandlungsmethoden 
des weichen Schankers sind die phagedänischen Formen desselben 
sehr viel seltener geworden, die, wie auch O. Petersen in seiner 
klassischen Monographie über das Ulcus molle betont, in früheren 
Zeiten viel häufiger vorkamen ^). 

Zwei besondere Formen des Ulcus molle sind am leichtesten 
mit syphilitischen Affektionen zu verwechseln, nämlich der sogenannte 
FoUikularschanker, dessen bereits oben gedacht wurde, und das 
Ulcus molle elevatum oder der einfache papulöse Schanker. 
Letzterer entsteht durch das Emporschiessen üppiger Granulations- 
wucherungen vom Grunde des Geschwürs, so dass ein Gebilde ent- 
steht, welches, wie Lebert mit Recht hervorhebt, „eine solche Aehn- 
lichkeit mit den Condylomen annehmen kann, dass sie miteinander 
leicht verwechselt werden" ^). Sitzt der papulöse Schanker in der 
Regio analis, so sehen jene breiten, erhabenen Wucherungen dem 
breiten Condylom täuschend ähnlich. 

Die Balanitis (Balano-Posthitis) entsteht zwar in vielen 
Fällen ohne direkten Zusammenhang mit einem Beischlaf, es giebt 
aber eine bestimmte Form der Balanitis, welche häufig post coitum 
auftritt und daher wohl auf eine Infektion zurückzuführen ist. Das 
ist die Balanitis follicularis. Sie besteht „in dem Erscheinen röt- 
licher Knoten, seltener weisslicher Bläschen, nach deren Platzen ein 
scharf randiger Substanz verlust des Epitheliums übrig bleibt" ^). Diese 
follikulären balanitischen Abscesse im unmittelbaren Anschlüsse an 
einen Coitus, meist cum puella publica, beruhen höchstwahrscheinlich 
auf einer Infektion mit pyogenen Mikroorganismen. ■^) 



i) O. Petersen, ,, Ulcus molle" in: Archiv für Dennatologie und Syphilis 1895, 
Bd. XXX, S. 395. 

2) H. Lebert, „Handbuch der praktischen Medizin," 3. Aufl. Tübingen 1863, 
Bd. I, S. 374. Vergl. auch O. Baude, ,, Beitrag zum Studium des einfachen Schankers. 
Einfacher papulöser Schanker.'' These de Lille 1887. 

3) Englisch, Artikel ,, Penis" in Eulenburg's ,,Real-Encyclopädie der gesamten 
Heilkunde," 3. Auflage, Berlin-Wien 1898, Bd. XVIII, S. 382. 

4) Auf eine solche Infektion, freilich nicht durch Coitus, deutet auch folgende 
Beobachtung G e i g e 1 s : „Eine sehr merkAvürdige Form von Balanitis, nämlich die 
folliculär abscedierende, habe ich nur ein einziges Mal nach artificieller Durch- 
schneidung des von Natur kurzen Frenulums bei einem jungen, gesunden Manne beob- 



- 385 - 

Aehnlich wie die Balanitis follicularis tritt auch der Herpes 
genitalis, vorzüglich der Männer, fast ausschliesslich nach einem 
Beischlafe auf. Alle Fälle von Herpes genitalis des männlichen 
Gliedes, die ich beobachtet habe, wurden von den betreffenden 
Patienten direkt auf einen Coitus zurückgeführt. 

Auch G ei gel nennt den Herpes praeputialis et glandis eine 
„bei vielen Männern häufig und vorzüglich nach dem Coitus auf- 
tretende" Affektion ^); ebenso nimmt Michaelis den Coitus als 
hauptsächliche Ursache des Herpes genitalis an, welcher als „Folge 
der Reibung- bei Missverhältnis der Geschlechtsteile" aufzufassen sei -). 

Handelt es sich dabei um eine Infektion ? 

Die Anschauungen über die Aetiologie des Herpes genitalis 
sind sehr verschieden und noch keineswegs geklärt. 

Nach Diday und Doyon geht dem Genitalherpes stets eine 
venerische Erkrankung voraus und zwar meist ein Ulcus moUe. 

Unna hat diesen Zusammenhüng bestritten , da verheiratete 
Frauen trotz Lues oder Ulcus molle selten an Herpes genitalis er- 
kranken , welcher vielmehr mit Vorliebe die öffentlichen Mädchen 
heimsucht. Bei den Frauen scheinen Menstruation, Gravidität, Puer- 
perium mehr in Betracht zu kommen ^^). Neisser beobachtete einen 
Fall von Herpes am Finger an einer Stelle, wo eine syphilitische 
Initialsklerose bestanden hatte ^). Danach scheint es, als ob die vene- 
rischen Geschwüre eine Prädisposition für Herpes schaffen. Epstein 
fasst daher den Herpes genitalis als eine traumatische Herpes- 
form auf, wofür auch die häufige Doppelseitigkeit der Affektion bei 
Männern spreche, die sich nur durch eine traumatische Ursache er- 
klären lässt°). 



achtet, wo unter heftigen Fiebererscheinungen und sympathischer Anschwellung der Leisten- 
drüsen auf der geschwollenen, hochrotglänzenden Eichel 20 — 30 kleinerbsengrosse, hellgelbe, 
prominierende Follicularabscesse in disseminierter Anordnung erschienen, welche zum Teil so 
tief in das Parenchym reichten, dass nach ihrer Entleerung drei oder vier Perforationen der 
Urethra entstanden, so dass beim Urinieren der Harn radiär in feinen Strahlen wie aus einer 
Giesskanne ausströmte. Doch schlössen sich diese Urinfisteln und alles kehrte zum nor- 
malen Zustande zurück." A. Geigel, ,, Geschichte, Pathologie und Therapie der Syphi- 
lis," Würzburg 1867, S. 97. 

i) Geigel, a. a. O. S. 137. 

2) A. C.J. Michaiis, „Kompendium der Lehre von der Syphilis,'' Wien 1859, S. 141. 

3) Unna, ,,0n Herpes progenitalis, especially in woman" im Journal of cutaneous 
and venereal diseases, 1883, Bd. I, S. 321 — 335, citiert nach Ernst Epstein, ,,Ueber 
Zoster und Herpes facialis und genitalis" in : Vierteljahrsschrift für Dermatologie und Syphilis 
1886, Bd. XVHL S. 796 — 797. 

4) Ibidem S. 799. 

5) „Wenn von einer Wunde der Genitalien aus eine Entzündung oder wenigstens 



- 386 - 

Von grossem Interesse sind die Aeusserungen des erfahrenen 
Bergh über die Aetiologie des Herpes genitalis bei Männern. Wie 
Fournier und Hallopeau beobachtete auch er einige Male die 
Affektion bei „sexuell oder wenigstens venerisch intakten'' Knaben 
und ganz jungen Individuen ohne venerische Antecedentien. Ferner 
sah er, wie Schwimmer, den Ausbruch von Herpes progenitalis, bei 
jugendlichen Onanisten kurz nach schnell wiederholten Masturbationen. 
Nach Bergh ist der genitale Herpes bei Ehemännern selten, so lange 
sie „auf eigenem Gebiete treu verharren", dagegen kommt er häufiger 
vor bei Männern, die ihre „losen Verbindungen häufig variieren" und 
dadurch eine gewisse „sexuelle nervöse Irritabilität" fortdauernd unter- 
halten, weshalb bei dem „grossen und mächtigen Refrigerans, dem 
Alter, der Herpes vollständig verschwindet". Bergh fasst seine 
Beobachtungen dahin zusammen, dass in der Aetiologie des genitalen 
Herpes Neurasthenie und Sensualität eine grössere Rolle spielen 
als vorausgegangene venerische Ansteckung und „Herpetismus" ^). 

Auch Jaquet erblickt die Ursache des Herpes in der „heftigen 
Erregung nervenreicher Körperenden, die eine vielseitige dynamische 
Erschütterung hervorruft" ^). 

Demgegenüber muss hervorgehoben werden, dass blosse Neu- 
rasthenie und Variation der geschlechtlichen Beziehungen nicht aus- 
reichen , um das Zustandekommen des genitalen Herpes zu erklären, 
worauf schon Bergh's Beobachtung von dem häufigeren Vor- 
kommen der Affektion bei mit puellis publicis verkehrenden Männern 
hindeutet, sowie die ebenso unzweifelhafte traumatische Entstehung 
des Herpes. 

Es scheint, dass bei vorhandener nervöser Erregbarkeit doch 
noch gewisse direkte Schädlichkeiten hinzukommen müssen, um 
Herpes hervorzurufen. Welcher Natur diese Noxe sei, lässt sich 



ein länger anhaltender Reizzustand der in derselben mitgetroffenen Nervenästchen angefacht 
wird, so wird es selbstverständlich nur von der Lage der Wunde abhängen, ob die Nerven 
nur auf einer oder auf beiden Seiten hineingezogen werden in jenen Reizzusland, ob also 
auch der Herpes ein- oder doppelseitig auftreten wird. Beim Manne, wo für die Hautdecke 
der äusseren Genitalien die Mittellinie nur mehr geometrische Bedeutimg hat, wird also 
ebenso wenig wie das Ulcus molle auch der Herpes die Medianlinie zu respektieren brauchen. 
Anders beim Weibe; hier stellt die Mittellinie noch eine wirkliche Grenze dar, die nur an 
einigen Punkten, wie Praeputium clitoridis, Damm, überschritten werden kann." Epstein, 
a. a. O. S. 800, nach Unna, der zuerst auf diese Verhältnisse hingewiesen hat. 

1) R. Bergh, ,,Ueber Herpes menstrualis'". in: „Monatshefte für prakt. Dermatologie 
1890, Bd. X, S. 10 — II. 

2) L. Jacquet, ,, Beitrag zur Pathogenese des Herpes vulgaris'' in: Festschrift für 
Kaposi, Wien 1901 (Referat in Monatshefte für prakt. Dermatologie 1902, Bd. XXXIV, 
No. 9, S. 467). 



- 387 - 

nicht mit Bestimmtheit eruieren, aber es ist zweifellos, dass thatsäch- 
lich der geschlechtliche Verkehr als eine weitere Ursache des 
genitalen Herpes angesprochen werden muss. 

Gau eher betrachtet als Ursachen des Herpes progenitalis des 
Mannes den Coitus, besonders mit einer bereits an Herpes der Ge- 
schlechtsteile leidenden Frau, ferner Excesse beim Coitus, Absonde- 
rungen blennorrhoischer und schankröser Natur der weiblichen Geni- 
talien, Leukorrhoe. Oft kommt er in den Flitterwochen vor i). 

Ebenso beobachtete Basedow das häufige Auftreten des 
Herpes nach einem Coitus, besonders mit einer an Fluor albus 
leidenden Frau ^). 

In einem Falle von Le Für trat Herpes genitalis fast unmittel- 
bar nach dem Beischlafe mit einer an Herpes menstrualis leidenden 
Frau auf, dazu gesellte sich noch eine Urethritis herpetica ■''). 

Es scheint also, dass während des Coitus ein infektiöses Agens 
eindringt und die betreffenden Xerven reizt. Für solche direkten 
toxischen Einflüsse spricht auch das Vorkommen von Herpes geni- 
talis bei Infektionskrankheiten, wie z. B. bei lyphus^j. Nach 
Fuchs wird die Affektion häufig durch alimentäre Schädhchkeiten 
erzeugt. Er sah sie oft bei jungen Leuten, die an Verdauungsstörungen 
litten '">). Auch dies deutet auf einen direkten toxischen Einfluss auf 
das Nervengebiet hin, innerhalb dessen der genitale Herpes auftritt. 
In ähnlicher Weise müssen wir uns das Zustandekommen des Herpes 
nach einem Beischlafe denken, durch welchen das Eindringen einer 
infektiösen Noxe vermittelt wird. 

Jedenfalls ist der zeitliche Zusammenhang des Herpes pro- 
genitalis mit dem geschlechthchen Verkehr so oft und von so vielen 
zuverlässigen Beobachtern konstatiert vrorden, dass er in diesem 
Sinne zu den „venerischen" Krankheiten gezählt werden muss. Es 
ist ferner unzweifelhaft, dass die Aerzte des Altertums und Mittel- 
alters die herpetischen Geschwüre der Genitahen mit einem unreinen 
Beischlaf in Zusammenhang brachten. 

1) M. Gaucher, ,,Ueber Herpes genitalis" in: Independance medicale 1899, p. 281 
(Referat in Monatshefte für prakt. Dermatologie 1900, Bd. XXX, S. 184 — 185). 

2) Basedow, ,,Ueber den Vorhaut-Herpes" in: Journal der Chirurgie und Augen- 
heilkunde von V. Gräfe und v. Walther 1825, Bd. VIII, S. 612. 

3) R. Le Für in: Annales des maladies des organes genito-urinaires 1897, No. 9 
(Referat in Monatshefte für prakt. Dermatologie 1898, Bd. XXVI, S. 43). 

4) H. W. Webber, ..Herpes der glans penis bei Typhus" in: British medical 
Journal vom 18. Mai 1895 (Referat in Älonatshefte für praktische Dermatologie 1896, 
Bd. XXII, S. 381). 

5) C. H. Fuchs, „Die krankhaften Veränderungen der Haut," Göttingen 1840, 
S. 154. 



- 388 - 

Eine Verwechselung des Herpes genitalis mit syphilitischen 
Affektionen ist durchaus nicht selten. Die typischen Herpesbläschen 
in gruppenförmiger Anordnung machen zwar die Diagnose unzweifel- 
haft, sind indessen durchaus nicht immer vorhanden, da sie rasch zu 
relativ tiefen Excoriationen ^) verschmelzen können. Die nicht seltene 
Komplikation mit einer eitrigen Balanitis steigert noch die Schwierig- 
keit der Diagnose 2).. 

Nach Köbner wird der Herpes genitalis der Weiber noch 
häufiger mit syphilitischen Affektionen verwechselt als derjenige 
der Männer. Bei beiden Geschlechtern wird er sehr oft mit weichen 
Schankern verwechselt; der Herpes des Collum uteri imponiert sehr 
leicht als Plaque muqueuse ^). 

Basedow berichtet die traurig-ergötzliche Geschichte eines an 
einem recidivierenden Herpesgeschwüre des Präputiums leidenden 
Patienten, der ihm in betreff der Diagnose „Herpes" nicht Glauben 
schenken wollte und von anderen Aerzten, darunter sogar einem Pro- 
fessor in Halle, auf Lues kuriert wurde. „In einzelnen Fällen", be- 
merkt Basedow weiter, „bekommen die Herpesgeschwüre auch Ge- 
schwulst unter sich, sie ahmen dann der venerischen Pustel um so 
mehr nach, indem sie mehr in die Tiefe gegangen zu sein scheinen. 
Es tritt dieselbe durch Reibung beim Gehen, durch zu grosse Em- 
pfindlichkeit der Teile ein, ist aber häufig das Produkt einer falschen 
Behandlung" "*). 

In unzweifelhaftem direkten Zusammenhange mit dem Geschlechts- 
verkehr entwickeln sich pseudosyphilitische Affektionen gonorrhoi- 
scher Natur an den Geschlechtsteilen des Mannes und Weibes. 

Beim Mann können besonders die peri- und paraurethralen 
gonorrhoischen Affektionen zur Bildung von Abscessen und Ge- 
schwüren des Gliedes führen. Noch häufiger werden bartholini- 
tische Abscesse beim Weibe mit s)'philitischen Affektionen ver- 
wechselt, indem sich infolge von Bartholinitis oft Geschwüre mit 
völlig schankrösem Aussehen entwickeln^). 



i) Das Vorkommen sehr tiefer Excorationen beim Herpes der weibliclien Genitalien 
betont besonders Paul Zweifel, „Die Krankheiten der äusseren weiblichen Genitalien," 
Stuttgart 1885, S. 53—54- 

2) Vergl. O. Petersen, a. a, O. S. 390. 

3) H. Köbner, „Ueber Pemphigus vegetans, nebst diagnostischen Bemerkungen 
über die anderen mit Syphilis verwechselten blasenbildenden Krankheiten der Schleimhäute 
und der äusseren Haut" in: Deutsches Archiv für klinische Medizin, Leipzig 1894, 
Bd. LIII, S. 62. 

4) Basedow, ., Etwas über den Vorhaut-Herpes," a. a. O. S. 610, 612 — 13. 

5) Vergl. R, Bergh, ,, Beitrag zur Kenntnis der Entzündung der Glandula vesti- 
bularis major" in: Monatshefte für praktische Dermatologie, Bd. XXI, 1895, S. 378 und 



Nicht selten schliesst sich an einen Tripper eine Lymphangitis 
suppurativa an ^). 

Durch den Beischlaf wird auch häufig' die Scabies auf die 
Geschlechtsteile übertragen. „An der Penishaut lokalisierte Scabies- 
eruptionen werden nicht selten , namentlich von den Kranken selbst, 
für venerische Affektionen gehalten und können in der That syphi- 
litischen Papeln oder, wenn es unter den Borken zu Ver- 
schwärung gekommen ist, weichen Schankergeschvvüren ähnlich 
sehen" "). 

Chr. F. Paulini's Beobachtung 2), dass „einem avisschweifenden 
Manne das männliche Glied von Filzläusen zernagt und zerfressen 
wurde", dürfte mit Recht in Zweifel gezogen werden, w^enngleich 
nicht bestritten werden soll, dass, besonders bei Weibern, an den 
Genitalien bei Pediculosis sekundär durch Kratzen Excoriationen 
und Geschwüre entstehen können. 

Höchst bemerkenswert ist Audry's Beobachtung einer Impe- 
tigo herpetiformis der Eichel unmittelbar nach einem Coitus. 
Der Patient bemerkte bald nach dem Beischlafe, dass sich auf dem 
inneren Vorhautblatte zwei bis drei Vesicopusteln gebildet hatten. 
Bald bedeckte sich die Eichel mit Pusteln, die zusammenflössen und 
eine grosse eitrige Fläche bildeten , in ihrer Anordnung aber das 
typische Bild der Impetigo herpetiformis erkennen Hessen ^). 

Mit der Aufzählung dieser im Anschluss an einen Beischlaf 
auftretenden Affektionen der Geschlechtsteile ist die Zahl derselben 
gewiss nicht erschöpft. Jeder Arzt, der hierauf seine Aufmerksam- 
keit gerichtet hat, dürfte sich solcher Fälle erinnern, wo für gewöhn- 
lich nicht als „venerisch" betrachtete krankhafte Veränderungen der 
Genitalien im Zusammenhange mit dem Geschlechtsverkehre auftraten. 
Ich erinnere z. B. nur an die unzweifelhafte Beobachtung eines 
Carcinoma penis bei Männern , die mit ihrer an Krebs der Portio 
leidenden Frau fortdauernd in geschlechtlichem Verkehr gestanden 
hatten, so dass es hier in der That nahe liegt, an eine direkte In- 
fektion und Uebertragung des Leidens durch den Beischlaf zu 
denken. 



Nivet, ,,Ulceration consecutive ä un absces de la glande de Bartholin simulant un chancre 
simple" in: Annales de Dermatologie 1886, 2e serie, T. VIII, p. 423 — 424. 

i) Vergl. Billard in: Monatshefte für prakt. Dermatologie 1897, Bd. XXV, S. 4. 

2) J. H. Rille, „Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten," Jena 1902, 
S. 168. 

3) Bei Chr. Gir tanner, „Abhandlung über die venerische Krankheit", Göttingen 
1789, Bd. II, S. 340. 

4) Vgl. Monatshefte für prakt. Dermatologie 1898, Bd. XXVII, S. 410. 



— 39f> — 

Wenn wir uns nun zu der Gruppe der mit Geschwürsbildung 
und Entzündung einhergehenden Genitalaffektionen wenden, die nicht 
in einem direkten Zusammenhange mit dem Geschlechtsverkehr stehen, 
so können wir die dahingehörenden pseudosyphilitischen Affektionen 
unterscheiden in solche, die auf mechanischem Wege Zustandekommen, 
die spontan auftreten bezw. auf Infektion ausserhalb des Coitus be- 
ruhen, und die im Gefolge von Allgemeinleiden erscheinen. 

Was die durch mechanische Insulte entstandenen Genitalaffek- 
tionen betrifft, kommen hier besonders die Excoriationen und 
Erosionen nach Kratzen bei juckenden Affektionen, insbesondere 
Pruritus vulvae, in Betracht. Aus den von Bergh in seinen ver- 
schiedenen Jahresberichten (vergl. insbesondere Jahrgang 1887 S. 8 
und 1S88 S. 7) aufgestellten Tabellen erhellt das überaus häufige 
Vorkommen der verschiedensten Excoriationen rein mechanischen 
Ursprungs an allen Teilen der weiblichen Genitalien, meist an mehreren 
Stellen zugleich. Anhaltendes Reiben und Kratzen infolge von Pru- 
ritus pudendorum ^) oder als onanistische Procedur ^) vermag sogar 
Geschwüre der Genitalien zu erzeugen. 

Unter den spontan bezw. durch Infektion ausserhalb des Coitus 
auftretenden entzündlichen und geschwürigen Affektionen der Geni- 
talien seien zunächst die aphthösen Geschwüre der weiblichen 
Geschlechtsteile erwähnt, über w'elche neuerdings Isidor Neu- 
mann eingehender berichtet hat^). 

Neumann betont die grosse Wichtigkeit dieser Affektion im 
Hinblick auf ihre Verwechselung mit venerischen und syphilitischen 
Geschwüren. Er beobachtete in den letzten Jahren neun Fälle, in 
denen es zu tiefgreifenden und ausgedehnten Ulcerationen kam. 
Meist erstrecken sich die Aphthen von der Vulva bis zum After. 
Am häufigsten sah Neumann das Auftreten der Affektion intra 
partum. Schon v. Embden^) hatte auf die prädisponierende Rolle 
der Gravidität hinge.wiesen. Nach Neu mann ist die Differential- 
diagnose zwischen aphthösen und syphilitischen Geschwüren oft 
schwierig. 

In gerichtsärztlicher Beziehung ist es von Wichtigkeit, dass bei 
IG bis 12 jährigen Mädchen nach allgemeinen Infektionskrankheiten 



1) V. Embden, a. a. O. S. 382. 

2) Beobachtung Sollier's bei v. Schrenpk- Notzing, „Die Suggestionstherapie bei 
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinns," Stuttgart 1892, S. 7. 

3) J. Xeumann, „Die Aphthen am weibHchen Genitale" in: "Wiener klinische 
Rundschau 1895, ^'o- ^9- 

4j V. Embden, a. a. O. S. 382. 



— 391 — 

(Keuchhusten, Scharlach, Diphtheritis) aphthöse Auflagerung"en auf 
der Vulva sich einstellen, die rundliche Geschwüre bilden, welche mit 
einem grauen , pulpösen Eiter bedeckt sind. Diese Ulcerationen 
können sich durch die ganze Vulva, auf das Perineum und den Anus 
ausbreiten und sogar Kontinuitätstrennungen des Hymen zur 
P'olge haben ^). 

Auch Soor des weiblichen Genitale ist beobachtet worden -) ; 
ebenso verdient die Leukoplakia oder Leukokeratosis vulvo- 
vaginalis nur eine beiläufige Erwähnung^). 

Hieran schliessen sich zweckmässig die mannigfaltigen gan- 
gränösen Prozesse an den männlichen und weiblichen Genitalien 
(Gangraena, Xoma, Diphtherie, Erysipelas), die durchaus nicht zu den 
seltenen Vorkommnissen gehören und, wie wir aus einem weiter 
unten erwähnten von Wilde mitgeteilten Falle ersehen werden, eben- 
falls ein erhebliches forensisches Interesse darbieten. 

Ueber eine eigentümliche Epidemie von akuter infektiöser 
Gangrän der weiblichen Geschlechtsteile berichtete der dä- 
nische Arzt Otto^): „Das Uebel besteht in einer Anschwellung der 
weiblichen Geschlechtsteile, die aber bisweilen mit Geschwüren 
eigentümlicher Xatur verbunden ist. Diese Geschwüre, die einen 
speckartigen Boden und erhabene Ränder haben , fangen mit einer 
Excoriation an und besitzen dann ein syphilitisches Aus- 
sehen; sie breiten sich mit einer ausserordentlichen Schnelligkeit 
nach den benachbarten Teilen aus und können schon binnen 24 Stun- 
den in einen tötlichen kalten Brand übergehen". Es hing diese con- 
tagiöse Affektion nicht mit Puerperalfieber zusammen, da Otto 
sie bei durchaus gesunden , nicht graviden oder geboren habenden 
Frauen beobachtete. 

Sehr wichtig in differentialdiagnostischer Beziehung ist die 
„Aidoiotitis (sie) gangraenosa puellarum Richter und Wie- 
gan d" ^) oder die Xoma pudendorum, welche nicht selten mit 



i) Kurzes Repetitorium der gerichtlichen Medizin, Leipzig u. Wien o. J. S. 55. 

2) J. Fischer, ,,Soor des weiblichen Genitale" in: Wiener med. W^ochenschrift 
1897, Xo. 15. 

3) Carruccio in: Giornale italiano delle malattie veneree e della pelle 1898, H. 3, 
nach Monatshefte für prakt. Dermatologie 1899, Bd. XXVIII. S. 144, und Pniffe de 
Magondeau, These de Paiis 1899. 

4) Otto, „Ueber die Krankheiten in Kopenhagen und ihre Behandlungsart" in: 
J. N. Rust's Magazin für die gesamte Heilkunde, Berlin 1839, Bd. lÄV, S. 253. 

5) C. H. Fuchs, ..Die krankhaften Veränderungen der Haut," Göttingen 
1840, S. 309. 



— 392 — 

harten Schankergeschwüren verwechselt wird, da die stark ödema- 
tösen Ränder des Noma-Ulcus eine ausgeprägte Induration darbieten 
können. Casper erörtert diese „gefährhche Verwechselung des 
Schankergeschwürs bei kleinen Mädchen mit dem wirklichen Noma 
pudendorum" ausführlich in Band I § 17 seines „Handbuches der ge- 
richtlichen Medizin" und teilt in den „klinischen Novellen" den folgen- 
den bemerkenswerten Fall des Dubliner Arztes Wilde mit. 

,,Ein lojähriges Mädchen hatte am 22. Oktober 1857 mit einem Knecht in der 
Stube ihrer Eltern in einem Bett geschlafen , die in der Nacht nichts Auffallendes gehört 
hatten. Drei Tage später erkranlite das Kind. Es bildeten sich rasch verbreitende brandige 
Geschwüre an den Genitalien und 13 Tage nach jener Nacht starb das Kind. Man fand 
brandige Zerstörung bis zum Uterus und zur Harnblase, das Perinaeum zerstört u. s. w. 
Der der Notzucht angeschuldigte Knecht wurde zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilt, 
während es nach Wilde's genauer Darstellung unzweifelhaft ist, dass hier gar keine Not- 
züchtigung stattgefunden hatte, sondern dass ein Noma pudendi vorlag. 
Vergebens petitionierte Wilde bis in die höchste Instanz, um den unglücklichen Knecht zu 
retten, und citiert A. Cooper, welcher schon behauptet hat, dass gewiss viele Ange- 
schuldigte aus einem ähnlichen Irrtum gehängt worden seien (die frühere Strafe in England 
bei Notzucht)!" '). 

Auch Rille weist auf die Häufigkeit, Bedeutung und ver- 
schiedenartigen Ursachen der gangränösen Prozesse an den männ- 
lichen und weiblichen Genitalien hin. Der Eintritt der Gangrän 
macht die ursprüngliche Erkrankung unerkennbar. 

Von Fournier wurde zuerst eine mit dem Erysipelas gan- 
graenosum penis nicht identische spontane akute Gangrän des 
Penis beschrieben, von welcher Sorgo kürzlich einen Fall beob- 
achtete 2), 

Auch das primäre gangränöse Erysipel der Genitalien ist 
durchaus nicht selten und bildete sicherlich einen Teil der im Mittel- 
alter so häufigen „St. Antoniusfeuer-Epidemien" der Genitalien. Be- 
sonders Penis und Scrotum sind Prädilektionsstellen für die erysi- 
pelatöse Gangrän ^). 



i) J. L. Casper, „Klinische Novellen zur gerichtlichen Medizin," Berlin 1863, 
S. II, — Einen ähnlichen Fall beschrieb Dr. Maximilian Heine, der Bruder des 
Dichters, in der Prager Vierteljahrsschrift 1859, Bd. IV, S. 108. 

2) Josef Sorgo, „Ueber spontane akute Gangrän der Haut des Penis u. s. w." 
in: Wiener klin. Wochenschrift 1898, No. 49. 

3) M. Kaposi, „Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten," 4. Aufl., Wien 
und Leipzig 1893, S. 401; S. Röna, „Ein Fall von primärem gangränc'isem Erysipel des 
Penis" in: Archiv für Dermatologie und Syphilis 1896, Bd. XXXIV, .S. 397 — 400; 
Hoff mann, ,, Demonstration von Erj'sipelas gangraenosum penis et scroti" im Verein der 
Charite-Aerzte in Berlin am 7. März 1901, vergl. Monatshefte für praktische Dermatologie 
1892, Bd. XXXIV, S. 302, 



— 393 — 

Der Hospitalbrand befiel, als er noch häutiger war, oft auch 
die Regio genito-analis und seine scharfrandigen, runden, infiltrierten 
Geschwüre konnten sehr leicht mit syphilitischen Geschwüren ver- 
wechselt werden. 

Nach Rille kommt bei Frauen ein gangränöser Krank- 
heitsprozess unter dem Bilde des feuchten Brandes an der 
Vulva, den Genitocruralfurchen und der Analgegend vor. „Bei ver- 
wahrlosten, gewöhnlich jugendlichen und kräftigen Individuen finden 
sich ausgedehnte, mit schmutziggTauem diphtheroiden, übelriechendem 
Belage und infiltriertem geröteten Rande versehene schmerzhafte 
Geschwürsflächen. Dieselben sind rasch progredient und können zur 
Freilegung des Kreuzbeines oder der Oberschenkeladduktoren, gleich- 
wie Zerstörung des Sphincter ani führen" ^). 

Es Hessen sich verschiedene andere gangränöse Prozesse an 
den Geschlechtsteilen hier anführen, und es sei besonders darauf hin- 
g'ewiesen , dass alle diese verschiedenartigen phag"edänischen und 
brandigen Affektionen in der vorantiseptischen Zeit unendlich viel 
häufiger waren als sie jetzt beobachtet werden und demgemäss auch 
oft zu Verwechselungen mit syphilitischen Affektionen Veranlassung 
gaben. 

Sehr schwer von syphilitischen Ulcerationen zu unterscheiden 
ist der im ganzen seltene L u p u s der Genitalien -), der an den weib- 
lichen Genitalien häufiger vorkommt als an den männlichen ^), in der 
Form des „Lupus hypertrophicus" dessen Wucherungen sich über 
Vulva und Perineum bis zum After erstrecken , die sehr leicht mit 
syphilitischen Schleimpapeln verwechselt werden können, oder als so- 
genannter „Esthiomene" der Vulva, der auch wchl als eine Art 
des Lupus zu betrachten ist. Beim „Esthiomene" können „vom Anus 
bis zum Mons Veneris die ganzen Weichteile in eine unförmige, 
feuchte, festödematöse, brüchige, zum Teil ulcerierte, eiternde, zer- 
klüftete, fistulöse Geschwulstmasse verwandelt sein, ohne dass über 
Schmerzen und Beschwerden geklagt wird" ^). 



1) Rille, a. a. O. S. 52. 

2) Petersen, ,, Ulcus molle", a.a.O., 1895, S. 391 ; über Lupus des Scrotums vergl. 
E. Tauffer, ,, Beitrag zur Pathogenese und Histologie des Lupus vulgaris" in Monatshefte 
für praktische Dermatologie, 1898, Bd. XXVII, S. T57 ff. 

3) Vergl. Paul Zweifel, ,,Die Krankheiten der äusseren weiblichen Genitalien'', 
Stuttgart 1885, S. 58 — 62. 

4) H. Fritsch, „Die Krankheiteu der Frauen'', 10. Aufl., Leipzig 1901, S. 68. 
Vergl. auch Mazarakis, „Contribution ä l'etude du traitement et de l'etiologie de l'esthio- 
niene de la region vulvo-anale'', These de Paris 1894. 



— 394 — 

Einen eigenartigen Fall von circinärer pustulöser Derma- 
titis der männlichen Genitalien beschrieb Morelle. Bei einem 
13 jährigen Knaben entwickelte sich im Verlaufe von sechs Jahren 
in der Gegend der Genitalien eine über das Hautniveau erhabene 
Plaque von rotbrauner Färbung mit scharfen Rändern und höckriger, 
eine serös-eitrige Flüssigkeit secernierender Oberfläche. Dabei bestand 
heftiges Jucken. Allmählich wurde die ganze Haut des Penis er- 
griffen. In der Umgebung der Plaque zeigten sich einzelne Pusteln. 
Die Plaque selbst war aus einem Konglomerat solcher Pusteln ent- 
standen. Morelle bezeichnet diese Affektion als eine „Dermatite 
pustuleuse en foyers a progression excentrique" ^). 

Auch der Herpes zoster der Genitalien ist nach Köbner 
öfter mit syphilitischen Affektionen verwechselt worden -). 

In der .Sitzung der französischen Gesellschaft für Dermatologie 
vom 12. November 1896 stellte Darier einen Fall von Ekthyma 
terebrans des Penis vor. Man beobachtet bei dieser Affektion am 
Penis und auf der Glans eitrige Erosionen , die ganz wie Schanker 
aussehen können, sich aber nicht übertragen lassen und leicht nach 
einfachen Verbänden heilen. Es sind dies durch Eitercoccen herv^or- 
gebrachte Läsionen, d. h. Fälle von Impetigo und Ekthyma terebrans 
mit ungewöhnlicher Lokalisation ^). 

Wichtig für die Aetiologie von pseudosyphilitischen Genital- 
geschwüren ist auch die Seborrhoe der männlichen und weiblichen 
Geschlechtsteile, die zu einer vermehrten Absonderung des Smegma 
führt, welches sich besonders bei Männern mit verengter Vorhaut 
und bei Frauen während der Menses und bei Unsauberkeit jener 
Teile leicht zersetzt und als ein intensives Irritament auf die zarte 
Schleimhaut wirkt, so dass es bald zur Eiterung und Ausbildung 
von scharf umschriebenen Geschwüren kommt M- Dieselben 



1) Morelle in: Presse niedicale beige 1898, Nr. 44 (Referat in: Monatshefte für 
prakt. Dermatologie 1894, Bd. XXVIII, S. 649). 

2) H. Köbner, a. a. O., S. 63 — 64. 

3) Monatshefte für prakt. Dermatologie 1897, Bd. XXIV, S. 28. — Wohl identisch 
mit dem oben beschriebenen „Ulcus genitale simplex". 

4) Besonders in tropischen Ländern und bei den oft erstaunlich unreinlichen Einge- 
borenen treten diese seborrhoischen Geschwüre der Genitalien sehr häufig auf. Dr. Virey 
bemerkt: ,,iMan denke sich einmal die schmutzigen, unsauberen Neger in ihrem wilden Zu- 
stand, wie sie mit den Negerinnen der AVoUust pflegen, die noch viel ekelhafter sind als 
sie, wenn sie eben ihren Monatsfluss gehabt haben, und sich dabei nicht waschen. Ausser- 
dem sondern die Schleimbälge der Eichel unter der Vorhaut eine talgartige Feuchtigkeit ab, 
deren Menge und Schärfe die Beschneidung nötig machte; ebenso sammelt sich ähnliche 
Masse unter den grossen äusseren Schamlefzen der Negerinnen, und haucht faule Dünste 
aus; zudem kommt noch der Schmutz von dem Monatsblut oder vom weissen Fluss oder 



— 395 — 

führen häufig die Patienten zum Arzt, weil sie glauben, an einer 
syphilitischen Krankheit zu leiden. 

Der folgende Fall von Steinbacher ^) ist dafür charakter- 
istisch. 

Ein junger Mann von ca. i6 Jahren kam zu mir mit einer engen Vorhaut und klagte 
bitterlich, versicherte mir aufs Gewissen, nie bei einem Mädchen gewesen zu sein, — und 
doch habe er 20 — 30 Schankergeschwürchen bemerkt. 

Mir ward sogleich klar, wie seine Leiden, seine viertelhundert ihn betrübenden kleinen 
Schankerchen nichts weiter waren als ebenso viele durch Smegma in Reizzusland versetzte 
und eiternde Drüschen, deren krankhafter Zustand und Schmerzhaftigkeit durch fleissige 
Waschungen und Zurückziehen der Vorhaut in einigen Tagen zur grösslen Freude des 
betreffenden Patienten vollkommen gehoben wurden. 

Bei Frauen führt die genitale Seborrhoe oft zu Excoriationen 
und Geschwüren der kleinen und grossen Labien, der Femoro-Labial- 
turchen und der Gegend unterhalb des Praeputium clitoridis -). 

Eine kontagiöse Balanoposthitis circinata beschrieben 1891 
Berdall und Bataille. Es handelte sich um scharfrandige, kreis- 
runde Erosionen der Glans, des Präputiums, der \'ulva und Clitoris, 
die einen reichlichen stinkenden Eiter secernierten , der als äusserst 
infektiös sich erwies. Auch bestand Komplikation mit Lymphangitis 
und Lymphadenitis. Csillag beobachtete nicht weniger als sieben 
Fälle dieser Art ^). 

Hieran reiht sich die sehr wichtige und häufige Folliculitis 
der Genitalien, welche Neu mann in seinem grossen Werke über 
Syphilis im Anschluss an die Besprechung des Primäraffektes an- 
führt, weil sie leicht zu Verwechselungen mit syphilitischen 
Primäraffekten führen könne^). 

,,Die Folliculitis am Genitale ist fast ausschliesslich eine Erkrankung des weiblichen 
Geschlechtes und erscheint vorwiegend an den grossen Labien, an deren Rändern und 
Aussenfläche, sowie an der Innenfläche der Oberschenkel, den Contaktstellen mit dem Genitale 
entsprechend. Es sind dies kirschkern- bis erbsengrosse, rot gefärbte, im Centrum nicht 
vertiefte , nicht selten eitrig belegte Efflorescenzen , meist von Haaren durchbohrt und 
schmerzhaft. Diese Erkrankung betrifft demnach die Ausmündungsstellen der Haare und 
ihre Follikel, schwindet, sich selbst überlassen, in einem Zeitravune von zwei Wochen ohne 
Hinterlassung von Narben. Prädisponiert sind hierzu meist fettleibige Individuen, ferner 
solche, welche an stärkerer Sekretion der Genitalschleimhaut leiden, bei denen Sekrete und 



Ausflüssen aus der Scheide, auch wurde das Weib in den heissen Ländern während ihrer 
Monatszeit stets für unrein gehalten, weil dort schneller als anderswo die Fäulnis um sich 
greift." J. J. Virey, ,.Die Ausschweifung in der Liebe und ihre Folgen für Geist und 
Körper". A. d. Französ. von L. Hermann, Leipzig 1829, S. 64. 

1) J. Steinbacher, ,,Die männliche Impotenz", 5. Auflage, Berlin 1892, S. 17. 

2) Bergh, .,Vestre-Hospital i 1897", S. 8; Rille, a. a. O., S. 6. 

3) Monatshefte für prakt. Dermatologie 1898, Bd. XXVII, S. 180. 

4) Isidor Neumann, ,, Syphilis", Wien 1896, S. 79. 

Bloch, Der Urspnuig der Syphilis. 26 



— 396 — 

Exkrete auf die Mündungen der Haarfollikel irritierend einwirken , weiters Individuen , die 
früher an Syphilis gelitten haben und noch Erscheinungen derselben darbieten. Haben diese 
Efflorescenzen oft mit syphilitischen Primäraffekten und mit venerischen Geschwüren morpho- 
logisch eine gewisse Aehnlichkeit, so können dieselben andererseits, zumal bei syphilitischen 
Individuen, den Herd der Infektion für andere abgeben". 

Die Häufigkeit dieser genitalen Follikulitiden wird z. B. durch 
die Zahlen Bergh's illustriert, der 1887 bei 144 Frauen im Vestre 
Hospital solche beobachtete ^). 

Baudouin und Gaston 2) machen neuerdings auf die Bedeu- 
tung der Folliculitis der Umgebung der Genitalien bei beiden 
Geschlechtern aufmerksam , da von hier aus ständig den Genitalien 
die Gefahr einer Infektion droht. Als Beispiel hierfür kann wohl ein 
von F o u r n i e r beobachteter Fall mitgeteilt werden , der dadurch 
noch besonders interessant ist, dass die offenbar von vereiterten 
Follikeln am Oberschenkel ausgehende Infektion des Penis zu 
einer Ulceration führte, die grosse Aehnlichkeit mit einem syphili- 
tischen oder auch gewöhnlichen Schanker zeigte. Syphilis Hess sich 
aber nicht eruieren. Impfversuche waren negativ. Eine parasitäre 
Ursache der Geschwürsbildung war aber unverkennbar.-^) 

Baumgarten beschreibt einen sehr merkwürdigen Fall von 
Talgdrüsenblennorrhoe und Narbenkeloid des Penis^). Das 
Keloid gehört zu jenen knotigen Gebilden an den Genitalien, bezüg- 
lich deren Hebra-Kaposi bemerken: 

„An den Genitalien, am Schamberge, auf der Mund- 
lippe kommen knotige Bildungen nicht syphilitischer Natur 
vor, die mit der Sklerose des harten Schankers sehr grosse 
Aehnlichkeit haben können. Als die häufigsten wären zu 
erwähnen Furunkel, Carcinom, Keloid, Knoten der Milben- 
gänge bei Scabies"^) 

Furunkel sind namentlich an den weiblichen Geschlechtsteilen 
eine sehr häufige Erscheinung. Kleine oder grosse, viele oder wenige 
Furunkel an den Schamlippen und der Innenfläche der Oberschenkel 
können nach Fritsch*^) die Folge der Hautreizung bei Vulvitis 
bezw. der Infektion der Talgdrüsen sein. Hebra-Kaposi weisen 



1) Bergh, „ Vestre-Hospital i 1887", S. 11. 

2) Demonstration in der französischen Gesellschaft für Dermatologie und Syphili- 
graphie am 7. März iqoi. Referat in: Monatshefte u. s. w. 1901, Bd. XXII, S. 521. 

3) Monatshefte u. s. w. 1897, Bd. XXIV, S. 27 — 28. 

4) S. Baumgarten, ,,Ein Fall von Talgdrüsenblennorrhoe und Narbenkeloid des 
Penis" in: Wiener med. Wochenschrift 1895, No. 24. 

5) F. Hebra und M. Kaposi, „Lehrbuch der Hautkrankheiten", Stuttgart 1876, 
Bd. II, S. 523. 

6) H. Fritsch, a. a. O. S. 54. 



— 397 — 

auf die täuschende Aehnlichkeit dieser Furunkel mit dem Primär- 
affekte hin, da beide Affektionen einen circumscripten Knoten inner- 
halb einer ödematösen Geschwulst aufweisen^), ßergh hat diese 
Furunkel der Anogenitalregion (Perifolliculitis) in jedem Jahresbe- 
richte verzeichnet. 

Zu den recht häufigen Affektionen der Genitalien gehören 

Akne und Comedonen. Die Akne vulgaris des Penis ist besonders 
an der Pars pendula nicht selten 2) ; ich selbst habe auffallend häufig 
einfache Akneknoten am Penis beobachtet, wegen welcher die 
Patienten ärztlichen Rat erbaten, da sie die Affektion, welche 
übrigens öfter, vielleicht infolge eines infektiösen Reizes, in relativ 
kurzer Zeit sich entwickelt, von einer venerischen Infektion ableiteten. 
Die knotige Infiltration, welche man oft dabei beobachtet, macht die 
Unterscheidung von der syphilitischen Sklerose durchaus nicht 
immer so leicht. Rille macht besonders auf die Theer-x\kne 
(Akne picea) aufmerksam, die häufig an der inneren Schenkel- 
fläche, den Nates, am Scrotum und Penis Knoten erzeugt, welche 
grosse Aehnlichkeit mit syphilitischen Papeln haben 3). 

Eine ebenfalls gar nicht seltene Erscheinung ist das Ekzem 
der männHchen und weiblichen Genitalien. Acton unterscheidet ein 
besonderes „Eczema praeputiale", einen „Bläschenausschlag auf ent- 
zündetem Grunde". Aber die Bläschen sind kleiner als die des Herpes 
praeputialis, so gross wie Hirse- oder Mohnkörner und stehen nicht 
wie die Herpesbläschen in Gruppen neben einander, sondern unregel- 
mässig. Jucken, Hitze und Röte ist stärker; die Stellen sind ge- 
schwollen. Wird das Jucken lebhaft und der Kranke kratzt die 
Bläschen auf, so fliesst eine dünne seröse Flüssigkeit aus, die zu 
kleinen Schuppen vertrocknet und die Reizung noch vermehrt. — 
Bisweilen nimmt dieses Ekzem der Vorhaut eine chronische Form 
an; dann ist die Vorhaut rot, geschwollen, mit Borken bedeckt und 
mit nässenden Stellen besetzt, zwischen denen sich Risse durchziehen, 
während das Sekret eine mehr purulente Form bekommt"'*). Einen 
solchen charakteristischen Fall von Ekzema chronicum crustosum des 
Präputiums habe ich kürzlich bei einem Patienten im Anschluss an 
einfache Genitalgeschwüre beobachtet. 

Rille äussert sich über die Genitalekzeme folgendermassen : 
„Zu den häufigsten Ekzemen gehören die an den männlichen 



1) Hebra-Kaposi, a. a. O. S. 523. 

2) Petersen, ,, Ulcus molle", a. a. O. S. 390. 

3) Rille, a. a. O. S. 105. 

4) W. Acton, ,,Ueber die venerischen Krankheiten u. s. w." bei Behrend, „Sy- 
philidologie", Bd. III, Leipzig 1841, S. 500. 

26* 



- 398 - 

Genitalien. Die Penishaut ist verdickt, die Berührungsfläche mit 
dem Scrotum nässend, gegen das Präputium hin finden sich cirkuläre 
Einrisse. Bei längerer Dauer wird die Penishaut verdickt und in- 
filtriert. Die Glans M und die innere Präputiallamelle sind fast stets 
frei von Ekzem; nicht selten ist Phimose und Paraphimose als Folge- 
zustand vorhanden. Sehr häufig sind die Ekzeme am Scrotum, die- 
selben sind entweder trocken oder, namentlich wenn stark gekratzt 
wurde, heftig nässend, und ist der grösste Teil der Epidermis abge- 
stcssen. Bei jahrelangem Bestände ist die Scrotalhaut infiltriert, ver- 
dickt, die normalen Furchen und Linien sind mächtig vertieft und 
die Raphe ist geschwellt. Dabei ist das Jucken von höchster Inten- 
sität, geradezu qualvoll und anfallsweise auftretend" -). 

Die Ekzeme der weiblichen Genitalien kommen nach 
Fritsch^) besonders oft in der klimakterischen Periode vor und be- 
fallen vornehmlich die grossen und kleinen Labien und den Introitus 
vaginae *). 

Auch Favus ist an den Genitalien beobachtet worden. White 
und Hardy sahen denselben an der Glans penis, ebenso berichtete 
Glück über Favus des Penis ^), Leitz beobachtete einen Fall von 
Favus scrotalis**). 

Sehr bekannt ist die Lokalisation des parasitären Ekzema 
margin atum und der Sycosis in der Genitalregion und am Mons 
Veneris. 

Nach Rille ist die Psoriasis sehr häufig am männlichen 
Genitale, an Scrotum, Penis und Glans lokalisiert '). 

Als vierte Gruppe betrachten wir die lokalen pseudosyphili- 
tischen Geschwüre, Abscesse und entzündlichen Affektionen der 
männlichen und weiblichen Geschlechtsteile, welche als Folgen 
nichtsyphilitischer Allgemeinleiden auftreten. 

Rokitansky und A. Förster haben ein meist an den Geni- 
talien alter Frauen vorkommendes Ulcus phagedaenicum corro- 
dens (Clarke) be.schrieben , das nach E. K'lebs auf eine lokale 
Cirkulationsstörung zurückzuführen ist. Zahn constatierte in einem 



1) Doch beobachtete Gottheil ein nässendes Ekzem der Glans penis. Vergl. 
Monatshefte f. prakt. Dermatologie 1899, Bd. XXVIII, S. 49. 

2) Rille, a. a. S. 78. 

3) Fritsch, a. a. O. S. 55. 

4) Rille, a. a. O. und Behrend, a. a. O., Bd. III, S. 501. 

5) Monatshefte u. s. \v. 1895, Bd. XX, S. 115. 

6) Deutsche med. Wochenschr. 1897, No. 31. 

7) Rille, a. a. O. S. 55. 



- 399 — 

solchen Falle eine allgemeine Arteriosklerose \). Das so häufige 
Ulcus rotundum simplex vaginae gehört wohl hierher. 

Ein weiteres konstitutionelles Leiden, bei dem Genitalaffektionen 
sehr häufig sind, ist der Diabetes 2). Man hat die Frequenz dieser 
diabetischen Dermatosen nicht besser auszudrücken gewusst, als durch 
Beilegung eines eigenen Namens, der sogenannten „Diabetiden". 

Die meistbekannten Formen der Diabetiden der Genitalien sind 
Furunkel und Balanitis. Bei der diabetischen Balanitis ist das 
„Präputium ziemlich gleichmässig verdichtet, nicht besonders gerötet, 
der \'orhautrand fissuriert und der Präputialsack mit weisshchen. 
blätterigen Partikeln erfüllt, welche charakteristische Fadenpilze 
enthalten. In der Folge kann es zu sehr schmerzhafter Geschwürs- 
bildung und selbst zu Gangrän kommen" 3). 

Barthelemy hat diese Geschwürsbildungen sehr häufig be- 
obachtet. Er bezeichnete auf dem Moskauer Kongress (1897) als 
..Diabetiden der Genitalien": ausgedehnte, tiefe, ulcerierte konfluierende 
Flächen, deren Aussehen durch Eindringen von allerlei Parasiten 
dem der syphilitischen Geschwüre, Epitheliome, phagedänischen 
Ulcera gleicht^). 

Die Tuberkulose tritt nicht selten primär oder sekundär an 
den Geschlechtsteilen auf. aber viel häufiger bei Weibern als bei 
Männern. 

Nach Fritsch rühren „eigentümliche, schlaffe Geschwüre an der 
Vulva" oft von Tuberkulose her^). Genauer beschreibt J. Müller 
die tuberkulösen Geschwüre der Vulva ^). Havas beobachtete bei 
einer jungen Prostituierten kleine, massig vertiefte, mit gelbem 
Detritus bedeckte, mit unterminirtem Rande versehene Geschwüre 
am Scheideneingange, in deren Eiter Tuberkelbacillen nachweisbar 
waren. Später gesellte sich Phthisis pulmonum hinzu '). 

Wickham berichtet über einen sehr eigenartigen Fall von 
pseudosyphilitischem Geschwür des Penis von tuberkulöser Natur. 
Es handelte sich um ein eirundes Geschwür auf dem Rücken des 



i) E. Lang, „Das venerische Geschwür", Wiesbaden 1887, S. 42. 

2) Vergl. O. Lassar, „Die dermatologischen Komplikationen des Diabetes", in: 
Dermatolog. Zeitschrift 1899, Bd. VI, Heft i, 

3) Rille, a. a, O. S. 6. 

4) Monatshefte u. s. w. 1898, Bd. XXVI, S. 648. 

5) Fritsch, a. a. O. S. 55. 

6) Julius Müller, „Zur Kasuistik der Hauttuberkulose". Vergl. Monatshefte u. s. w. 
1895, Bd. XXI, S. 320. 

7) A. Havas, „Ulcera tuberculotica introitus vaginae", in: Centralblatt für die 
Krankheiten der Harn- und Sexualorgane, Bd. VIII, Heft 12. 



— 400 — 

Penis mit verhärtetem Grunde. Die Geschwürsfläche war ziemlich 
glatt, oberflächlich, mit scharfen Rändern versehen. Da ausserdem 
die Leistendrüsen geschwollen, hart und unter dem Finger 
verschiebbar waren, so lag nichts näher, als an einen harten 
Schanker zu denken. Der Patient, ein 17 jähriger Mann, hatte 
das Geschwür aber schon seit 10 Jahren! Es hatte sich aus einem 
weichen, schmerzlosen Knoten entwickelt^). Im Museum des 
St. Bartholomew's Hospital in London, unter No. 2887, befindet sich 
ein Präparat von Penistuberkulose nach primärer Nierentuberkulose. 
Bisweilen tritt die Tuberkulose des Penis in Form von grossen 
Geschwüren rings um das Orificium urethrae auf^); auch können 
die Geschwüre in der Harnröhre sitzen und Urethralschanker vor- 
täuschen ^). 

Durch die Untersuchungen von Glück sind wir über die Häufig- 
keit der krankhaften Veränderungen der männlichen Geschlechtsteile 
bei Lepra unterrichtet worden. In über gs^/o finden sich solche, 
und zwar in Form von Knoten, Infiltraten und Geschwüren an der 
Eichel, dem äusseren Vorhautblatte, am Saume des Präputiums und 
der Haut des Penis, auch am Scrotum. Sie können schon im ersten 
Krankheitsjahre auftreten und lange persistieren ^). 

Bei akuten Infektionskrankheiten ist eine Lokalisation des 
Krankheitsprozesses an den Genitalien, besonders der Weiber, nicht 
selten. Lartigan beobachtete bei zwei an Typhus erkrankten jungen 
Mädchen Geschwüre an der Vulva, in denen sich Typhusbacillen 
nachweisen Hessen ^). 

Gangrän der Vulva ist nach Fritsch bei Typhus, Scharlach 
und Masern beobachtet worden '5). Rille demonstrierte in der Inns- 
brucker Aerztegesellschaft 1901 einen Fall von Stenose der Vagina 
durch Narbenbildung nach einem gangränösen Prozesse bei Masern ^). 
Auch am männlichen Genitale kommen gangränöse Prozesse bei 



i) Wickham, ,,Ein Fall von tuberkulösem Geschwür des Penis", in: Monats- 
hefte u. s. w. 1895, Bd. XX. S. 609. 

2) Malecot, „Tuberkulose des Penis", in: Annales des maladies des organes genito- 
urinaires 1893, November, nach: Monatshefte 1895, Bd. XX, S. 583. 

3) E. Soloweitschik, „Tuberkulose der Harn- und Geschlechtsorgane, Urethral- 
Schanker simulierend", in: Archiv für Dermatologie und Syphilis, 1870, Bd. II. S. i — 10. 

4) Leopold Glück, „Zur Klinik der Lepra des männlichen Geschlechtsapparates", 
in: Archiv für Dermatologie 1900, Bd. LVII, Heft 2 (nach Monatshefte 1900, Bd. XXXI, 
S. 102 — 103). 

5) Lartigan, in British medical Journal vom 14. Oktober 1899. 

6) Fritsch, a. a. O. S. 55. 

7) Monatshefte 1902, Bd. XXXIV, S. loi — 102. 



— 40I — 

Typhus und Variola vor^). Rona sah Cowperitis im Verlaufe von 
]\Iasern auftreten -). 

c. Neoplasmen der Geschlechtsteile. 

Unter den Neubildungen der männlichen und weiblichen Ge- 
schlechtsteile, welche besonders im Hinblick auf die litterarische 
Ueberlieferung der älteren Zeiten als pseudosyphilitische Affektionen 
in Betracht kommen, steht das sogenannte spitze Condylom, die 
spitze P'eigwarze, (Condyloma acuminatum) oder Vegetation 
an erster Stelle. Die Wichtigkeit und Häufigkeit dieser Neubildung, 
ihre so verschiedenartige Aetiologie, die mannig-faltigen Formen 
ihrer Erscheinungsweise rechtfertigen eine ausführlichere Betrachtung. 

Schon die Aetiologie der spitzen Cond3"lome ist insofern von 
grossem Interesse, als dadurch die Schwierigkeit einer genauen ur- 
sächlichen Diagnostik dargethan wird. Nach meinen Beobachtungen 
ist der Tripper durchaus nicht die häufigste Ursache der Bildung 
von \"egetationen an den Geschlechtsteilen, sondern participiert etwa 
nur zur Hälfte an der Zahl der Fälle, die übrige Hälfte wird durch 
andere ursächliche Momente geliefert, die man am besten unter dem 
allgemeinen Ausdrucke eines auf die Haut und Schleimhaut der 
Genitalien wirkenden Irritamentes von verschiedenartiger Pro- 
venienz zusammenfassen kann. 

Ich will an dieser Stelle die Erfahrungen einiger vorzüglicher 
klinischen Beobachter vom Anfang bis zum Ende des i g. Jahrhunderts 
anführen, welche sich über die so mannigfaltigen Ursachen der so 
häufig vorkommenden, sogenannten „spitzen" Feigwarzen geäussert 
haben. 

Der ältere Cullerier sagt: „Es entstehen Gewächse an der 
Eichel und auf der inneren Fläche der Vorhaut, sie verschwinden 
auf blosses Waschen, zeigen sich aber zum zweiten und dritten IVIale 
wieder, und weichen abermals demselben IMittel, endlich erscheinen 
sie nicht mehr . . . Eine junge Person war noch niemals der Gefahr 
einer Ansteckung ausgesetzt, sie ist sogar noch Jungfrau; allein sie 
weiss sich für die Genüsse, welche ihr untersagt sind, durch andere 
sie ersetzende Reizungen zu entschädigen. Das zu starke und oft 
wiederholte Kitzeln der Teile macht, dass sie sich übermässig ent- 
wickeln, indem das Gefässsystem die Oberhand gewinnt. In einem 



1) Englisch, Artikel „Penis" in Eulenburg's Real-Encyclopädie, 3. Auflage, 
1898, Bd. XVIII, S. 383. 

2) S. Rona, „Cowperitis im Verlaufe von Masern", in: Archiv für Dermatologie 
und Syphilis 1890, Bd. XXII, S. 375—377. 



— 402 — 

anderen Falle bemerkt eine junge kräftige, in der Fülle des Lebens 
üppig entwickelte Frau, deren Mann gesund ist, nach den ersten 
Monaten ihrer Schwangerschaft Gewächse in der Gestalt von Blumen- 
kohl und Erdbeeren an ihren Geschlechtsteilen; sie wird darüber un- 
ruhig und zieht einen Arzt zu Rat; glücklich ist sie, wenn sie einen 
findet, der durch seine und anderer Erfahrung belehrt ist, dass der 
Druck, den der Kopf des Kindes auf die Gefässstämme im Unter- 
leibe ausübt, ebensogut, wie er zu Krampfadern Veranlassung giebt, 
auch das Gefässsystem zu allerlei anderen Afterbildungen bestimmen 
kann, besonders da diese Teile so blutreich sind und in ihnen eine 
starke Schleimabsonderung statt hat. In einem solchen Falle muss 
der Arzt oft bei zweifelhaften Verhältnissen die Klugheit besitzen, 
die Sache abzuwarten. Wie häufig habe ich bei dergleichen Ge- 
legenheiten den Weibern ihre Ruhe wieder gegeben, und die finsteren 
Gedanken, den Argwohn und die Unruhe der Männer verscheucht! 
Meine Kollegen Ane, Baudelocque, (xilbert und andere waren 
oft Zeugen davon. Welche Unannehmlichkeiten, welche Gefahren 
kann es nicht bringen, wenn man eine schwangere Frau durch eine 
unnütze Behandlung belästigt und einen Mann mit leeren Besorg- 
nissen quält! Denn in der That, einige Tage nach der Niederkunft 
sucht man vergebens sogar die Spuren solcher Gewächse, sie haben 
mit der veranlassenden Ursache aufgehört, und erscheinen sehr selten 
bei einer zweiten Schwangerschaft wieder". ^) 

Cullerier unterscheidet hier also eine scheinbar spontane, eine 
durch mechanische Reizungen und eine durch Reizung infolge von 
lokalen Stauungserscheinungen bei Gravidität hervorgerufene 
Entstehung der Vegetationen. 

Acton erblickt die Ursachen der spitzen Condylome haupt- 
sächlich in Reizung und schliesst sich in Beziehung auf die Natur 
der einzelnen Irritamente der Ansicht von Ricord an, der alle 
Sekrete, welche in der Regio genito-analis sich bilden und auf die 
Haut einwirken, für fähig erklärt, die Vegetationen zu erzeugen. 
Daher sieht man diese nicht nur bei Tripper, sondern auch bei Bala- 
nitis, Phimose, Leukorrhoe, bei stark secernierenden Schankern, bei 
Skrophulose ^). 



1) Cullerier, ,,Ueber die Lustseuche, ihre Zufälle und Heilmittel", herausgegeben 
von J. Kl. Renard, Mainz 1822, S. 96 — 98. 

2) W. Acton, „Ueber die venerischen Krankheiten", in: Behrend's Syphilidologie, 
Leipzig 1841, Bd. III, S. 497. 



— 403 — 

Eine sehr gründliche Untersuchung über die Ursachen der Con- 
dylome in einer speciell diesem Gegenstande gewidmeten Mono- 
graphie stellte A. Krämer an^). 

Gonorrhoe und Balanitis bilden nach diesem Autor die 
häufigsten Ursachen der Bildung von Feigwarzen. Oft entstehen 
aber Condylome ohne vorhergegangenen oder nachfolgen- 
den Tripper und ohne nachfolgende Syphilis nach einem 
einfachen Coitus-). Schhesslich können sie auch ohne jeden ge- 
schlechtlichen Verkehr ganz von selbst sich entwickeln. Krämer 
teilt solche Fälle mit, u. a. den folgenden, der wegen des von 
Krämer supponierten ätiologischen Momentes von Interesse ist: 

„Mein zweiter Fall betraf einen Stud. med., bei dem sich auf der Eichel, im Um- 
kreise der ^lündung der Urethra, Papillarkondylome entwickelten, ohne dass er bislang 
jemals sich fleischlich vermischt hatte. Der junge Mann litt gleichzeitig an erblichen 
Hämorrhoiden und zeigte auch an der Unterlippe, entsprechend der Stelle, wo er (ein 
starker Raucher) die Pfeife zu halten pflegte, einen kleinen Varix. Ich glaube nun die 
Beobachtung gemacht zu haben, dass in der That Individuen mit Hämorrhoiden oder 
Hämorrhoidalanlagen zur Produzierung von Papillarcondylomen vorzüglich geneigt sind, sowie 
^ie auch bei ihnen hartnäckiger zu sein pflegen''^). 

Wie man sieht, nimmt auch Krämer eine gewisse Plethora 
der Beckenregion als prädisponierend für die Entstehung von Vege- 
tationen an. Uebrigens ist dieses Zusammentreffen von Feig- 
warzen mit Hämorrhoiden sehr wichtig für die Beurteilung der 
ähnlichen Angaben in der älteren Litteratur, worüber Näheres noch 
bei der Besprechung der pseudosyphilitischen Affektionen des Afters 
mitgeteilt wird. 

Venot bemerkt über die Aetiologie der spitzen Condylome: 

,,Etiologiquement lies ä la vaginite, et lubrefies par l'arrosement muco-purulent de la 
blennorrhagie, les vegetaux immondes qui ont nom porreaux, choux-fleurs, etc., les cretes de 
cocq et autres excroissances du canal vulvo-uterin sont inattaquables par le traitement mer- 
curiel; souvent rebelies ä toutes les medications locales, capricieux dans leur marche, leur 
evolution, leiu- recrudescence ; mais ne sont jamais, quoiqu'on dise et qu'on pense, les moni- 
teurs de l'infection constitutionelle. — Ils sont eux et rien de plus.'"*) 

Nach Michaelis ist die Bildung der Vegetationen von einem 
beliebigen äusseren Reiz, wenn er anhaltend und intensiv genug 
wirkt, abhängig, daher man sie schon bei ganz unschuldigen, aber 
unreinlichen Kindern antrifft. Ferner erzeugt Balanitis, besonders 
bei ihrem Verschwinden , häufig ausserordentlich stark entwickelte 

i) A. Krämer, .,Ueber Condylome und Warzen", in: Göttinger Studien, Göttingen 
1847, Bd. I, S. 85 — 147. 

2) Krämer, a. a. O. S. 98. 

3) Ibidem S. 99. 

4) Venot a. a. O., b. 'i. 



— 404 — 

Vegetationen. Auch Gonorrhoe, Ulcus molle, ja selbst Syphilis 
können durch ihre Sekrete Ursachen der Bildung von spitzen Con- 
dylomen sein 1). 

Ricord sah die Vegetationen im Anschlüsse an Herpes auf- 
treten-). Geigel nimmt neben dem Irritament durch krankhafte 
Sekrete noch fortgesetzte ätzende Medikamente und vor 
allem die multitudo et variatio coitus als Ursachen der Feig- 
warzen an ^). 

Eine eigenartige Auffassung bezüglich der Aetiologie der spitzen 
Condylome vertritt Petters, indem er annimmt, dass sehr ver- 
schiedene Reizzustände solche erzeugen können, vornehmlich dies aber 
dann thun, wenn die sie hervorrufenden krankhaften Sekrete nicht 
vom eigenen, sondern von einem fremden Körper stammen. Ins- 
besondere kommt nach Petters das sich zersetzende Smegma 
genitalium in Betracht, dessen Quantität und verschieden scharfe 
Qualität, besonders die Vermengung des von den beiderseitigen, mit- 
einander geschlechtlichen Umgang pflegenden Individuen abstammen- 
den Smegma-*). 

Diese Anschauung läuft also wieder auf die Theorie einer In- 
fektion hinaus. Demgegenüber betont G. B ehrend wieder die blosse 
„Irritation durch krankhafte oder physiologische Sekrete", 
als Ursachen der Bildung von Vegetationen, als welche Reize er 
Trippersekret, Eiter exulcerierter Bubonen, Absonderung bei 
virulenten und nicht virulenten Katarrhen der weiblichen Genitalien 
und Seh weiss anführt^). 

Durch eine eingehende Untersuchung*^) hat E. Bumm die 
wichtige Frage zu klären und zu beantworten versucht. Er sah 
sowohl bei schwangeren als auch bei nichtschwangeren Frauen spitze 
A^egetationen an den Genitalien entstehen, ohne dass ein virulenter 
Fluss vorhanden war. Bumm verfügt über drei Beobachtungen, in 
welchen er bei „sicher konstatierter Abwesenheit eines virulenten Fluor 



i) Michaelis a. a, O., S. 254. 

2) ,,Die Pathologie und Therapie der venerischen Krankheiten". Nach Philippe 
Ricord's System entworfen von H. Lippert, Hamburg 1852, S. 263. 

3) A. Geigel, „Geschichte, Pathologie und Therapie der Syphilis", Würzburg 1867. 
S. 185 — 186. 

4) Wilhelm Petters, „Zur Frage der Ansteckungsfähigkeit der Vegetationen oder 
der spitzen Condylome" in: Vierteljahrsschrift für Dermatologie 1875, Bd. VII, S. 274. 

5) G. Behrend, „Lehrbuch der Hautkrankheiten", Berlin 1883, S. 334. 

6) E. Bumm, ,,Zur Aetiologie und diagnostischen Bedeutung der Papillome der 
weiblichen Genitalien" in: Münchener med. Wochenschrift 1886, Nr. 27, S. 473 — 474 und 
Nr. 28, S. 494 — 496. 



— 405 — 

spitze Condylome sozusagen unter den Augen hervorsprossen sah. 
Alle drei Patientinnen waren schwanger; die eine bekam durch eine 
Durchnässung in der Waschküche einen profusen milchigen Vaginal- 
fluor und gleichzeitig damit ein Ekzem der Vulva und der Labien, 
welches von massenhaften papillären Wucherungen gefolgt war. Die 
beiden anderen litten, ohne dass eine besondere Ursache nachweisbar 
gewesen wäre, bereits seit Mitte der Gravidität an milchig eitrigem 
Fluor." 

Als Resultat der Bu mm 'sehen Untersuchungen über die Aetio- 
logie der spitzen Condylome ergab sich, dass jeder länger 
dauernde Reiz, sei er chemischer oder mechanischer Natur 
Papillome an den Genitalien erzeugen kann. 

Diese Ansicht wird von den meisten Gynäkologen, wie z. B. 
von Tarnier\), Fritsch u. x\. geteilt. Decoster freihch macht die 
Schwangerschaft an sich für die Genesis der Vegetationen ver- 
antwortlich, da er sie auch auf den äusseren Bedeckungen und auf 
der Wangenschleimhaut auftreten sah^). 

Die neueren Dermatologen huldigen wohl durchgängig der An- 
sicht von der rein irritativen Aetiologie der spitzen Condylome 3). 
Erwähnensw^ert ist noch die Ansicht Unna's, der Durchfeuch- 
tung. Seborrhoe und Ekzem als die prädisponierenden Momente 
für die Bildung der Condylomata acuminata anspricht-*). 

Nach alledem muss heute der Satz als feststehend betrachtet 
werden, dass das sogenannte spitze Condylom die Folge eines be- 
liebigen Irritamentes auf die zarte Haut und Schleimhaut der Geni- 
talien ist. Hierfür spricht auch das schon von Ricord^) betonte 
entschieden seltenere Vorkommen der Vegetationen bei Juden, ob- 
gleich dieselben doch gew^iss nicht seltener an Tripper, der gewöhn- 
lich als Hauptursache der Condylome supponierten Affektion, er- 
kranken als andere IMänner. Aber die nach der Circumsion ein- 
tretende stärkere Verhornung der Eicheloberfläche zusammen mit 
dem Fortfall der so überaus zarten Präputialschleimhaut gew^ährt 
einen entschieden besseren Schutz gegen irritative Einflüsse jeder Art. 



1) Tarnier, „Vulvo-vaginale Vegetationen in der Schwangerschaft" in: Semaine 
medicale vom 3. Febr. 1892 und Deutsche Medizinal-Zeitung vom 22. Jan. 1894, S. 77. 

2) Decoster, ,,Zur Behandlung der Vegetationen bei schwangeren Frauen'- (These 
de Paris 1887), nach Monatshefte u. s. w. 1888, Bd. VII, S. 1096 — 1097. 

3) Vgl. z. B. E. Finger, „Die Sj^shilis und die venerischen Krankheiten", Wien 
1896, S. 300. 

4) Unna, „Histopathologie der Hautkrankheiten", Berlin 1894, S. 791. 

5) Ricord a. a. O., ed. Lippert, S. 262. 



— 4o6 — 

Sehr wichtig im Hinblick auf die Beschreibungen in der älteren 
Litteratur ist die Betrachtung der verschiedenen Formen der Vege- 
tationen der Regio genito-analis, welche man, wie auch ZeissP) 
hervorhebt, sehr unzweckmässig, als „spitze" Condylome be- 
zeichnet hat, indem sie vielfach durchaus nicht als solche spitze Ge- 
bilde imponieren, ja sogar oft als „breite" Feigwarzen auftreten. 

Auch das Wort „Cond3'loma" bezeichnet nur einen Teil, nur 
eine bestimmte Form der Vegetationen ; ein anderer Teil wird durch 
das Wort „Ficus", „Feigwarze" bezeichnet; eine dritte Form geht 
auch unter dem Namen „Crista". Weitere Formen der Vegetationen 
empfingen in früherer Zeit ihre Namen nach der Aehnlichkeit mit 
Früchten und vegetativen Bildungen. Es ist aber doch nur eine einzige 
Gruppe, welche diesen ganzen Formenreichtum erzeugt, welche man 
am besten unter dem Namen „Vegetationen" zusammenfasst. 

Indem wir bezüglich der antiken Nomenklatur der Vegetationen 
auf den betreffenden Abschnitt verweisen, sollen an dieser Stelle nur 
einige Schilderungen neuerer Autoren angeführt w^erden, als Beleg 
für die Richtigkeit und Notwendigkeit der Beseitigung des gänzlich 
irreführenden Namens: „spitze" Condylome, der bei w^eitem nicht 
dem Formenreichtum der Vegetationen gerecht wird. 

Der ältere Cullerier äussert sich über die von ihm beobachteten 
verschiedenen Arten der Vegetationen folgendermassen : „Die Aus- 
wüchse erhalten verschiedene Namen nach der Gestalt, welche sie 
besitzen. Sind sie gross, fest, mit einem runden Kopfe und Stiele 
versehen, so heissen sie Condylomata, von der Vergleichung, die 
man zwischen ihnen und den Gelenkköpfen des Knochens angestellt 
hat. Zeigen sie im Gegenteile eine Art von geschwürigem Aufblühen, 
so nennt man sie Feigwarzen (Fici). Haben sie eine längliche, 
breite Basis und ist ihr oberer Rand gezähnt und scharf, so erhalten 
sie den Namen Hahnenkämme. — Die krumm gefurchten, ästigen 
und mit einer dünnen Basis versehenen Gewächse heissen Blumen- 
kohl; sind sie dick, rund und höckerig, Himbeeren oder Maul- 
beeren, je nachdem die Farbe dunkler ist; mit weniger bemerk- 
baren Unebenheiten auf ihrer Oberfläche heissen sie Erdbeeren; 
und sind sie kleiner und auf der Oberfläche glatt, so nennt man sie 
Stachelbeeren. Diese verschiedenen Arten von Afterbildungen 
finden sich oft zusammen oder teilweise bei einem und demselben 
Subjekte; seltener ist nur eine einzige Art vorhanden. 



i) M. V. Zeissl, Artikel „Condylom" in: Eulenburg's Real-Encyklopädie, 3. Aufl., 
1895, Bd. V, S. 98. 



— 407 — 

Der Sitz der Auswüchse ist mannigfaltig; beim Manne sind die 
Eichel und Vorhaut, beim Weibe die grossen und kleinen Scham- 
lippen , die myrtenförmigen Wärzchen am Eingange der Mutter- 
scheide, das Schambändchen, die Clitoris und ihre Vorhaut, und bei 
beiden Geschlechtern der After und das Mittelfleisch derjenigen Teile, 
wo sie am häufigsten beobachtet werden; dann kommen die ver- 
schiedenen Organe des Mundes, der Eingang der Nasenlöcher, die 
Augenlider, die Ohren, die Brüste, der Nabel und die Weichen; 
seltener sitzen dieselben an den übrigen äusseren Teilen des Körpers 
und auf den inneren Membranen" ^). 

Der Leser möge beachten, dass diese Einteilung der „spitzen" 
Condylome nur auf der Beobachtung der äusseren Form beruht, 
welche bekanntlich gerade bei den Vegetationen ausserordentlich 
variabel ist. Cullerier's Schema ist nicht etwa aus der älteren Litte- 
ratur ohne weiteres übernommen, sondern es entspricht auch den 
thatsächlichen Verhältnissen. Denn Kraemer, der wirklich in der 
sorgfältigsten Weise diese Bildungen untersucht hat, gelangt sogar 
zu einer Aufstellung von noch mehr Formen. Er unterscheidet 
folgende Arten : 

Papilloma Condyloma seu mucosum. Papillom der Schleim- 
haut und deren Uebergangsstellen zur äusseren Haut. 

1. Papilloma Condyloma simplex seu solitare. Einzeln 
stehende hervorgewucherte Papille. 

a. Papilloma Condyloma simplex filiforme. Zugespitzte 
einzeln stehende Papille. 

b. Papilloma Condyloma simplex globatum. An der 
Spitze kolbenförmig angeschwollene Papille (ficus). 

2. Papilloma Condyloma compositum seu vulgare. Aus 
dicht beisammenstehenden Papillen zusammengesetztes Schleim- 
hau tpapillom (gewöhnliche Feigwarze). 

a. Papilloma Condyloma compositum acuminatum. Die 
Papillen sind zugespitzt (spitzes, pfriemenförmiges Con- 
dylom, fraise). 

b. Papilloma Condyloma compositum granulatum. Die 
Papillen sind abgerundet (framboise, morum, chou-fleur). 

c. Papilloma Condyloma compositum cristatum. Die 
Feigwarze erscheint durch Druck umgelegt und hahnen- 
kammförmig abgeplattet (crista, crete de coq). 



i) Cullerier a. a. O., S. 90 — 91. 



— 4o8 — 

3. Papilloma Condyloma subcutaneum (syphilitischer Por- 
zellantuberkel, Fritze). Dasselbe kann als acuminatum oder 
granulatum erscheinen ^). 

Ebenso viele Arten von Warzen der äusseren Haut werden 
von Kraemer unterschieden und, was sehr bedeutsam ist, er trennt 
von allen diesen Vegetationen aufs strengste die sogenannten 
„platten Condylome", d. h. unsere heutigen syphilitischen Condy- 
lomata lata^). 

Xach Esterle wird die Form der Vegetationen durch ihren 
Sitz bestimmt. Die am After, am Scrotum, an der Haut des Penis 
vorkommenden sind die breitaufsitzenden, die am inneren Blatte 
der Vorhaut vorkommenden die gestielten, die häufig sich zu 
ganzen Bündeln entwickeln; am Rande der Eichel sitzen die steck- 
nadelkopfförmigen 3). 

Sehr anschaulich hat A. Geigel den Formenreichtum der Vege- 
tationen geschildert"^), dem er ebenfalls für die historische Unter- 
suchung über das Alter der Syphilis die grösste Bedeutung beimisst. 
Daher mögen seine genauen Beobachtungen zur weiteren Erläuterung 
hier Platz finden: 

„Hingegen bieten die Vegetationen oder eigentlichen Feigwarzen eine wahre Aus- 
wahl der mannigfaltigsten Formen dar, deren gemeinsamer Charakter in dem warzenartigen, 
in die Länge wachsenden, gelappten, papillären oder dendritischen Baue besteht. Meistens, 
auch an den Orten, wo sie beständig in Sekreten gebadet sind, von einer dickeren Epidermis 
bedeckt, mehr hart als weich, bieten sie von den kleinsten stecknadelkopfgrossen Wärzchen 
bis zu den grössten, oft mehrere Zoll langen, gelappten und verzweigten Excrescenzen alle 
möglichen Uebergänge dar. Bald stehen sie über grössere Flächen verbreitet einzeln, gleich 
Pallisaden oder Krautköpfen da, bald sind sie auf einen Haufen agglomeriert, hier bilden 
sie durch ihre Anhäufung und Wucherung ein beerenartiges Gewächs von papillärem Bau, 
dort selbst vermöge der örtlichen Verhältnisse breite, platte, auf den ersten Blick an echte, 
syphilitische Kondylome erinnernde Erhöhungen, von denen sie sich aber bei näherer Unter- 
suchung leicht durch ihren gelappten Bau und durch das Vorhandensein eines Stiels unter 
der platt gedrückten -Wucherung unterscheiden. In andern Fällen, besonders an den weib- 
lichen Genitalien, an der Raphe und um den After haben sie bei längerem Bestehen und 
grösserem Wachstum ihren Stiel eingebüsst, sind zu emzelnen, mit breiterer Basis auf- 
sitzenden, grossen, harten, pyramidenförmigen Tumoren herangewachsen, die wieder gar keine 
Aehnlichkeit mit den breiten Kondylomen besitzen. Denn wenn diese sich nur einige 
Linien über die Haut erheben, an ihrer Oberfläche glatt, weich und stark secernierend sind, 
so erreichen diese Warzen eine bedeutende Höhe, mit einem scharfen, meistens eingekerbten 
oder noch gelappten Rande, sind oft knorpelhart und trocken, von rötlichem oder lividem 



i) Hierher gehört ein Teil unseres heutigen „Molluscum contagiosum". 

2) Krämer a. a. O., S. 147. 

3) Karl Esterle, „Ueber die Behandlung der primären Syphilis'' in: Behrend's 
Syphilidologie, Leipzig 1840, Bd. II, S. 79 — 80. 

4) A. Geigel a. a. 0., S. 184—185. 



— 409 — 

Aussehen, kurz wahre Hahnenkämme. Oder endlich sie entwickeln sich bei der übelsteii 
Behandlung zu wahrhaft kolossalen, rissigen, von Geschwüren unterminierten, mit hässlicher 
Sekretion bedeckten Geschwülsten, die sich dem äusseren Aussehen nach fast gar nicht von 
Epidermoidalkrebsen und Blumenkohlgewächsen unterscheiden lassen." 

Eine ähnliche, die ausserordentlich grosse Mannigfaltigkeit der 
Form der Vegetationen zum Ausdruck bringende Schilderung giebt 
E. Lang^). 

Von besonderer Bedeutung sind die Vegetationsformen beim 
weiblichen Geschlecht. Hier kommen überhaupt die Feigwarzen 
entschieden häufiger vor als beim Manne 2) und erreichen eine be- 
deutendere Ausdehnung und einen grösseren Umfang. Nach Fritsch 
bilden die spitzen Condylome beim Weibe mitunter eine bis apfel- 
grosse, weisse, warzigknollige, runde Geschwulst, welche, wenn auch 
nicht gestielt, doch deutlich abgrenzbar pilzförmig an den kleinen 
oder grossen Labien sitzt und dünnflüssige, übelriechende Sekrete 
abscheidet. In anderen häufigeren Fällen spriessen mehr oder weniger 
zahlreiche ca. 2 bis 3 mm dicke und ca. i cm lange, kleine Zotten 
überall zerstreut aus der Haut empor. In der Rima ani, auf den 
Analbacken, ja herab bis auf die Oberschenkel, findet man Excre- 
scenzen. Auch sieht man wenige Condylome gerade über dem 
Frenulum, in der Fossa navicularis oder vorn an der Urethral- 
mündung. Der Ausführgang der Bartholin 'sehen Drüse kann so- 
wohl an einem Ende von Condylomen, als auch innerhalb seines 
Lumens mit einigen Excrescenzen besetzt sein. Ebenso wie die 
Condylome nach abwärts, namentlich nach hinten gehen, findet man 
sie auch oberhalb in der Scheide, selbst auf der Portio. Ich habe 
mehrere derartige apfelgrosse Geschwülste aus der Scheide Schwangerer 
heraus — , auch von det Portio abgeschnitten" ^). 

Auch Lang schildert anschaulich diese roten, saftigen, bis 
kindesfaustgrossen Papillome, welche die ganze weibliche Regio genito- 
analis überziehen, ein unangenehm riechendes, reichliches Sekret ab- 
sondern und zu schmerzhaften Rhagaden und Erosionen Veranlassung 
geben. An der Vaginalportion des Uterus sah Lang sie in der 
niederen Pallisadenform, öfter jedoch als dendritische Bildungen bis 
zur Grösse einer Bohne, Kirsche oder Pflaume^). 



1) E. Lang, ,,Der venerische Katarrh", Wiesbaden 1893, S. 116 — 118. 

2) G. Behrend, „Studien über das breite Kondylom", Leipzig 1871, S. 27; 
Lang a. a. O., S. 119. 

3) Fritsch a. a. O., S. 63. 

4) Lang a. a. O., S. 120 und 121. 



— 4i<^ — 

F r i t s c h konstatiert bei 7 5 ^j^ der von ihm untersuchten 
Puellae publicae die Anwesenheit dieser nichtsyphilitischen Vege- 
tationen ^). 

Von grösster Wichtigkeit ist nun der Umstand, dass diese 
Vegetationen, wie wir ja schon aus den bisher mitgeteilten Schilde- 
rungen entnehmen können, häufig eine ausserordentlich grosse 
Aehnlichkeit mit den sogenannten „breiten Condylomen" syphi- 
litischen Ursprungs aufweisen können. 

Um die Aftermündung und an den Labien blennorrhoischer 
und schwangerer Frauen kommen Vegetationen vor, die durchaus 
breiten Condylomen in ihrer äusseren Form ähnlich sind, übrigens 
auch bei Kindern beobachtet worden sind 2). G. Behrend kommt 
in seiner interessanten Doktordissertation über das breite Condylom 
ebenfalls zu dem Ergebnis, dass es diesem ähnliche Vegetationen 
nichtsyphilitischer Natur giebt und bringt wichtige Belege 
dafür bei. 

So berichtet Heller den Fall eines 43jährigen verheirateten 
Mannes, bei dem sich unter der Vorhaut überaus grosse „breite Con- 
dylome" entwickelt hatten, die man trotz der Versicherung des 
Patienten, „sich in seinem Leben nie einer Ansteckung ausgesetzt zu 
haben", durch eine Dzondi'sche Sublimatkur zu bekämpfen suchte, 
jedoch vergeblich; erst als man nach Spaltung des Präputiums den 
alsdann zu Tage gekommenen wallnussgrossen Auswüchsen durch 
Argentum nitricum teils in Substanz, teils in Lösung zu Leibe ging, 
verschwanden sie gänzlich nach einem viermonatlichen Bestehen. 
Heller hielt „Arthritis" für das aetiologische Moment, und nannte 
diese eigentümliche Form der Vegetationen „arthritische wasch- 
schwammförmige Condylome" ■''), 

Wenn man sich daran erinnert, dass gerade die syphilitischen 
breiten Condylome zu denjenigen Erscheinungen der konstitutionellen 
Syphilis gehören, welche am -promptesten und sichersten auf eine 
Quecksilberhandlung zurückgehen, so kann über die nichtsyphilitische 
Natur dieser von Heller beobachteten breiten Abart der gewöhn- 
lichen Vegetationen kein Zweifel bestehen. 

Behrend zieht aus seinen Beobachtungen den Schluss, dass es 
bei Erwachsenen eine Klasse von breiten Condylomen in der Genito- 
Analsphäre gebe, die mit Syphilis nichts zu schaffen haben "^j. 

i) Fritsch a. a. O., S. 64. ' 

2) W. Petters, ,,Das breite Kondylom" in: Archiv für Dermatologie, Prag 1872, 
Bd. IV, S. 363. 

3) G. Behrend, ,, Studien über das breite Kondylom", S. 24. 

4) Behrend a. a. O., S. 27. 



— 4H — 

Petters beobachtete breite Vegetationen bei an Diarrhöe leiden- 
den, herabgekommenen, unrein gehaltenen Säuglingen. Einige solche 
Kinder geben zu der irrigen Annahme der Uebertragung der Syphilis 
durch die .Schutzpockenimpfung Veranlassung^). 

Ich selbst sah kürzlich einen Fall von Ekzema papulosum 
der Beine, der inneren Fläche des Oberschenkels und der Perineal- 
gegend, die ich auf den erst-en Blick für typische breite Condylome 
hielt, indem gerade an der Innenfläche der Oberschenkel und am 
Perineum das Ekzem sich in Gestalt von grossen isolierten Plaques 
zeigte, die sich auch um den Anus gruppiert hatten, und zum Teil 
durch den Prozess der „Lichenifikation" eine täuschende Aehn- 
lichkeit mit syphilitischen Condylomata lata aufwiesen. Die Ana- 
mnese ergab aber nicht den geringsten Anhaltspunkt für S3^philis, 
ebensowenig die Untersuchung des übrigen Körpers. Dag-egen liess 
sich der Zusammenhang jener isolierten Ekzempapeln mit einem all- 
gemeinen Ekzem nachweisen. 

Insbesondere dänische Aerzte haben zuerst auf die nicht- 
syphilitischen breiten Papeln der Prostituierten aufmerksam 
gemacht, die eine weitere wichtige Kategorie der pseudosyphilitischen 
Affektionen der Genitalregion bilden. Zuerst berichtete darüber 
Engelsted: 

„Es kommen bei öffentlichen Frauenzimmern, seltener bei anderen Frauen, einzelne 
Erhöhungen an oder in der Nähe der äusseren Geschlechtsteile vor, die bisweilen in einem 
gewissen Verhältnis zur Menstruation zu stehen scheinen, indem sie sich ungefähr um diese 
Zeit einfinden, nach einigen Tagen von selbst oder durch einfache Behandlung, z. B. durch 
Waschungen von Bleiwasser, leichte Aetzung von Lapis infern, schwinden können. 

Da diese Papeln bei öffentlichen Frauenzimmern vorkommen, so kann man die 
Möglichkeit dessen, dass sie in einem Verhältnis zur Syphilis oder Gonorrhoe stehen, nicht 
läugnen, aber schwierig bleibt es, ihnen in der Reihe der syphilitischen Affektionen ihren 
Platz näher anzuweisen; als primäre Affektionen, durch Ansteckung übertragen, lassen sie 
sich ihrer periodischen Wiederkunft wegen nicht gut auffassen, ihr akuter Verlauf und der 
Umstand, dass sie auch bei Frauen vorkommen können, die nie an Symptomen der 
konstitutionellen Syphilis gelitten haben, macht die Ansicht, dass sie Symptome 
der konstitutionellen .Syphilis oder Recidive sind, auch nicht sehr wahrscheinlich; am rich- 
tigsten scheint es unter diesen Verhältnissen, sie als nichtsyphilitische Gebilde aufzufassen, 
die in einem gewissen Verhältnisse zur Menstruation zu stehen scheinen und wahrschein- 
licherweise auch mit der stetigen Irritation der Geschlechtsteile und der dadurch veranlassten 
Veränderung der Sekrete, die ihren Grund in der Lebensweise der öffentlichen PVauen- 
zimmer hat, zusammenhängen. Unter allen Umständen ist es von Wichtigkeit, das Vor- 
kommen dieser Papeln und ihre Verschiedenheit von den gewöhnlichen durch konstitutionelle 
Syphilis bedingten Schleimpapeln erkannt zu haben, da eine Diagnose nach dem Aussehen 
dieser Gebilde allein nicht gestellt werden kann, indem selbst geübte Beobachter 
keine Verschiedenheit auffinden können. Man muss sich durch den Umstand 



I) Petters a. a. O., S. 365. 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 27 



— 412 — 

leiten lassen, ob sich gleichzeitig andere Symptome der konstitutionellen Syphilis auffinden 
lassen oder nicht." \) 

Genau dieselben Beobachtungen verzeichnet Rudolf 
Bergh in den einzelnen Jahresberichten über das Vestre Hospital. 
Auch nach ihm giebt es verschiedene Papelformen bei Prosti- 
tuierten, die man zu den pseudovenerischen und pseudosyphi- 
litischen Affektionen der Genitalien rechnen muss und zu denen 
auch die als ,,Induratio", „Ulceratio redux". „.Syphilome chancri- 
forme I.eloir", „recidivierende Pseudoschanker Fournier - Hut- 
chinson" von anderen Autoren bezeichneten Affektionen gehören. 
Auch Bergh sah das häufige Auftreten dieser pseudosyphilitischen 
Papeln in Verbindung mit den Katamen ien und das ebenso un- 
zweifelhafte Vorkommen derselben bei Individuen, die niemals 
Syphilis gehabt hatten. Derartige Pralle werden in jedem Jahres- 
bericht in grosser Zahl verzeichnet ^). 

Man g-eht nicht fehl, wenn man einen grossen Teil dieser 
Affektion den gewöhnlichen Vegetationen zurechnet, wofür die Ab- 
hängigkeit ihrer Bildung von der Einwirkung gewisser Irritamente, 
wie sie z. B. zur Zeit der Menstruation in reichlicherem Masse 
vorhanden sind, spricht. Möglich, dass auch der von Unna be- 
schriebene recidivierende Herpes genitalis der öffentlichen Frauen- 
zimmer sowie der Herpes menstrualis mit diesen Papelbildungen in 
einem ätiologischen Zusammenhange steht. 

Jedenfalls werden wir nach Feststellung dieser Thatsachen die 
Schlussfolgerungen, zu denen C. v. Hübbenet in seinem merk- 
würdigen Buche „Die Beobachtung und das Experiment in der 
Syphilis" (Leipzig 1859) gekommen ist, mit ganz anderen Augen be- 
trachten können und ihnen einen unzweifelhaft richtigen Kern 
einräumen. Diese Schlussfolgerungen lauten: 

1. Die Schleimpapeln treten als konsekutive Erscheinung der 
Syphilis auf und das vielleicht am häufigsten. 

2. Sie treten auch unstreitig als primitive Erscheinung der 
Syphilis auf. 

3. Sie erscheinen als hereditäre Form der Syphilis. 

4. Sie entwickeln sich aber auch unabhängig von der Syphilis, 
entweder rein lokal bei vollkommener Gesundheit, oder bei anderer 
Ernährungsstörung, aber fern von anderen syphiHtischen Erscheinungen 
und stellen höchstens hier eine endemische degenerierte Syphilis dar, 
das „Kleinrussische oder polnische Syphiloid." 



1) S. Engelsted, „Die konstitutionelle Syphilis nach klinischen Untersuchungen". 
Aus dem Dänischen übersetzt von C. Uterhart, Würzburg 1861, S. 20 — 21. 

2) R. Bergh, Yeslre Hospitel i 188;, S. 1 1 ; 1891, S. 10. 



— 4U — 

Wenn auch diese Sätze in ihrer damaligen Formulierung sich 
nicht mehr aufrecht erhalten lassen, so wird man die ihnen zu Grunde 
liegende Beobachtung von breiten Cond3domen ähnlichen, aber 
nicht syphilitischen Gebilden durchaus als thatsächliche annehmen 
können. Das ist aber wiederum von grösster Bedeutung für die 
kritische Beurteilung der Angaben in der älteren Litteratur vor dem 
Auftreten der Syphilis. 

Endlich verdienen auch einige Beziehungen der „spitzen" Con- 
dylome zu venerischen Leiden Erwähnung. Petersen hat sehr 
häufig Ulcera mollia gerade an den Stellen beobachtet, wo Condy- 
lomata acuminata sitzen und beim Coitus verletzt worden sind^). 
Ferner täuschen nicht selten im Vorhautsack sitzende und durch eine 
Phimose dem Auge verborgene, entzündlich gereizte Vegetationen, 
einen Primäraffekt und andere syphilitische Krankheitserscheinungen vor. 
Ueber einen sehr instruktiven Fall dieser Art berichtet Gaither-). 
Ein 3ojähriger Mann kam wegen Anschwellung des Penis und Aus- 
fluss aus dem Vorhautraum zur Aufnahme. Der Zustand hatte 
seit fünf Monaten bereits bestanden und hatte sich stetig ver- 
schlimmert. Das Glied war um das Dreifache geschwollen, und auf 
dem Dorsum fand sich ein kleinbohnengrosses Geschwür, welches 
mit dem Sulcus retroglandularis kommunizierte. Die Diagnose 
schwankte wegen der Infiltration des Gewebes zwischen Gumma und 
Carcinom. Die Spaltung der Vorhaut ergab den überraschenden Be- 
fund einer zahllosen Aussaat von Condylomata acuminata auf der 
Glans und dem inneren Blatte des Präputiums^). 

Die Hartnäckigkeit der Vegetationen gegenüber jeder Therapie 
verdient auch noch im Gegensatze zu dem leichten Verschwinden 
der breiten Condylome hervorgehoben zu werden, da wir jene Eigen- 
schaft in der antiken Litteratur oft erwähnt finden. Trotz alles Ab- 
schneidens, Abbindens und Aetzens schiessen aus dem Halse der Hydra, 
wie Geigel sagt, immer wieder neue Köpfe hervor, bis es endlich 
einer ebenso hartnäckigen Therapie gelingt, diese Gebilde auszurotten. 



1) O. Petersen, ,, Ulcus niolle", Archiv für Dermatologie 1894, Bd. XXIX, S. 433. 

2) A. B. Gaitber, „Eine durch das unvennutete Vorhandensein von Kondylomen 
bedingte Phimose, welche Gumma d-s Penis vortäuschte" in: Medical News vom 3. August 

1895- 

3) M. V. Zeissl beobachtete Gangrän der Vorbaut durch massenhafte Entwickelung 
venerischer Vegetationen an der Eichel. Artikel ,, Kondylom'' in: Eulen bürg 's Eiicyklo- 
pädie, 3. Aufl., Bd. V, S. 99. 

27* 



— 414 — 

In Vergleichung mit den Vegetationen sind die übrigen nicht- 
s)^philitischen Neoplasmen der männlichen und weiblichen Geschlechts- 
teile relativ seltener, ergeben aber zusammengenommen doch immer 
noch eine recht stattliche Frequenz dieser Aftergebilde. 

Zunächst kommen hier jene Neubildungen in Betracht, die nach 
ihrer histologischen Struktur sowie ihrem äusseren Aussehen den Vege- 
tationen nahestehen, die Warzen, Hauthörner, Fibrome, Hyper- 
trophien u. a. m. 

Die wirkliche Verruca vulgaris kommt an den Genitalien 
nur selten vor. Ein Fall, den Renault beobachtete, ist wegen der 
Aetiologie sehr interessant. Er konnte nämlich eine direkte Ueber- 
tragung von Warzen des Fingers auf das Präputium feststellen^). 
Unna beschreibt ein „plattenförmiges Akanthom" des Penis-). Das 
Cornu cutaneum kommt häufiger am männlichen Gliede vor. 
Leber t verzeichnet acht solche Fälle ^). Nach ßergh (a. a. O.) und 
Englisch kommen sie besonders am Rande der Eichel vor, seltener 
an anderen .Stellen und häufiger bei Erwachsenen als bei jungen 
Leuten. Sie recidivieren äusserst leicht^). Pick sah ein weiches 
Cornu cutaneum des Penis aus einem spitzen Condylom hervorgehen. 
Dabei bestand gleichzeitig eine Hautaffektion des Körpers, nämlich 
Psoriasis^). Uebrigens mag auch an das Vorkommen syphilitischer 
Hauthörner erinnert werden. 

Gelegentlich werden auch Fibrome an den Genitalien beobachtet, 
über ein solches an der Clitoris berichtet Bourrier*^); Haslam sah 
ein Fibromyom des Penis ^). 

Auch gewisse Excrescenzen und Hypertrophieen gehören 
hierher. Die sogenannten „Carunkeln" der weiblichen Harnröhre ge- 
hören zu den häufigsten Tumoren der Urethra. IManchmal kann ein 
Prolaps der Urethralschleimhaut solche vortäuschen'^). Ferner ist 
zu erinnern an die „Genitalexcrescenz der äg3^ptischen Mädchen". Nach 



1) Monatshefte u, s. w. 1897, Bd. XXIV, S. 623. 

2) Unna, „Histopathologie der Hautkrankheiten", S. 805. 

3) R. Bergh, ,, Fälle von Haulhörnern", Archiv für Dermatologie 1873, Bd. V, 

S. 195. 

4) Englisch, Artikel ,, Penis" in: Eulenburg's ,,Encyklopädie", Bd. XVIII, 
S. 388. 

5) F. J. Pick, ,,Zur Kenntnis der Keratosen" in: Archiv für Dermatologie 1875, 
Bd. VII, S. 315-323- 

6) British Medical Journal vom 16. Septeniber 1899. 

7) Ibidem vom 19. Nov. 1898. 

8) J. Neuberger, ,,Ueber die sogenannten Karunkeln der weiblichen Harnröhre" 
in: BerHncr klinische Wochenschrift 1894, Nr. 20. 



— 415 — 

Sonnini („Yoyage dans la haute et basse Egypte" Paris An 7, 
Tome II, p. 32) sollen die Mädchen ägyptischer Rasse eine mit zu- 
nehmendem Alter sich vergrössernde Excrescenz an den Genitalien 
haben, welche bei der Beschneidung verkürzt wird. Bei einem acht- 
jährigen Mädchen, das dieser Operation in seiner Gegenwart von einer 
Frau unterzogen wurde, „cette excroissance prenoit naissance au-dessous 
de la commissure des grandes levres et eile pendoit d'un demi-pouce 
le long de cette meme commissure"^). Andere Condylom ähnlichen 
Hypertrophien der Vulva beschreibt Fritsch: „Es kommt sowohl 
vor, dass die ganze Geschwulst papillomatös, blumenkohlartig, einem 
Klumpen spitzer Condylome ähnelt (vergl. Fig. 34, S. 52), als dass 
nur an einzelnen Teilen die Geschwulst warzig, höckerig ist". Ge- 
wöhnlich sondern diese condylomartigen Gebilde ein Secret ab und 
ulcerieren nach traumatischen Einflüssen. Die wichtigste Ursache der- 
selben ist Onanie -). 

Auch eine bestimmte Form der Elephantiasis, nämlich die 
Elephantiasis verrucosa, die besonders an den grossen und kleinen 
Labien und am Anus, namentlich nach Entbindungen, auftritt, hat 
grosse Aehnlichkeit mit den Vegetationen^). 

Die männlichen und weiblichen Genitalien bilden eine Prädi- 
lektionsstelle für das Vorkommen des sogenannten Molluscum 
contagiosum (Epithelioma moUuscum , Condyloma subcutaneum, 
Epithelioma contagiosum). Dieses contagiöse Gebilde kommt sehr 
häufig vor, am häufigsten bei Prostitutierten^), wie das besonders 
aus den in dieser Beziehung sehr instruktiven Jahresberichten von 
Bergh hervorgeht. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass auch das 
Molluscum contagiosum in einem gewissen Zusammenhange mit dem 
geschlechtlichen Verkehr steht, jedenfalls sich sehr häufig an denselben 
anschliesst. Die oft sehr grosse Aehnlichkeit der Mollusca conta- 
giosa mit Formen der Vegetationen ergiebt sich schon aus der 
früher üblichen Bezeichnung „Condyloma subcutaneum". 

Eine Affektion, die namentlich bei Männern sehr häufig nach 
dem Coitus (besonders cum femina angusta) auftritt, ist die Lymph- 
geschwulst (Lymphangiectasie) des Penis (Präputium), auf die neuer- 



1) Vergl. E. Guilt, ,, Geschichte der Chirurgie", Berlin 1898, Bd. I, S. 19. 

2) Fritsch a. a. O., S. 51. 

3) Vergl. Antal in: Orvosi Helilap 1883, Nr. 8; Woravesik in: Monatshefte 
u. s. \v. 1889, Bd. VIII, S. 40. 

4) Vergl. Unna, Artikel „Molluscum" in: Eulenburg's Encyklopädie, 3. Aufl., 
Bd. XVI, S. 9. 



— ^\6 — 

dings Nobl in vortrefflichen Arbeiten die Aufmerksamkeit gelenkt 
hati). 

Ferner hat man auch das Carcinom und Epitheliom der 
Geschlechtsteile, auf dessen häufige grosse Aehnlichkeit mit dem 
S3^philitischen Primäraffekte schon oben hingewiesen wurde 2) und 
dessen contagiöse Natur neuerdings wieder Gegenstand einer leb- 
haften Diskussion geworden ist, im Anschlüsse an den geschlecht- 
lichen Verkehr auftreten sehen. Einen dahingehörigen Fall berichtet 
L. Marciere. Ein 48jähriger Patient, der vor 10 Jahren einen glatt 
geheilten Tripper acquiriert hatte, vollzog vor 2 Jahren den Coitus mit 
einem jungen Mädchen. 8 Tage später gewahrte er an der linken 
Seite der Eichel ein kleines Geschwür und an der rechten ein Condy- 
lom. An diesen Stellen entwickelte sich dann allmählich ein Epitheliom 3). 
Natürlich ist es sehr zweifelhaft, ob beim Coitus ein Krebskeim direkt 
übertragen wurde, dagegen hat der Geschlechtsverkehr mit seinen 
Folgen offenbar die Prädisposition für die Entwickelung des Epithe- 
lioms geschaffen. Jedenfalls mussten den Alten solche Fälle als in 
gewisser Beziehung zum Coitus stehend erscheinen. 

Von anderen Geschwülsten sind, namenlich an den weiblichen 
Genitahen, noch Sarkome^), Lipome^), Angiokeratome*^) und das 
sogenannte Granuloma fungoides') beobachtet worden. 

§ 29. Die pseudosyphilitischeii Affektioneii des Afters. 

Die dermatologischen Affektionen des Afters und die mit ihnen 
im Zusammenhange stehenden Erkrankungen des Mastdarmes sind 
erst in der neuesten Zeit Gegenstand einer eingehenderen Aufmerk- 
samkeit von Seiten der Kliniker und Dermatologen geworden. Die 
Regio anahs ist aus demselben Grunde eine terra incognita ge- 
blieben, aus welchem auch die Lehre von den Faeces bisher arg ver- 



i) G. Nobl, „Zur Kenntnis der erworbenen genitalen Lymphangiectasie" in: Wiener 
med. Wochenschr. 1901, Nr. 47, S. 2194— 2196 und Nr. 48, S. 2253 — 2259; vergl. auch 
dessen ,, Pathologie der blennorrhoischen, syphilitischen und venerischen Lymphgefäss- 
erkrankungen", Wien und Leipzig 1901. 

2) Vergl. darüber auch G. Behrend, „Lehrbuch der Hautkrankheiten", 2. Aufl., 
Berlin 1883, S. 470. 

3) Monatshefte für Dermatologie 1897, Bd. XXV, S. 465. 

4) Savage in: British Medical Journal vom 27. Mai 1899. 

5) Graefe, „Ein Fall von Lipoma labii majoris" in: Zeitschrift f. Geburtsh. 1887, 
Bd. XIV, Heft I. 

6) Fordyce in: Monatshefte u. s. w. 1896, Bd. XXHI, S. 34. 

7) Hutchinson, ibidem 1899, B^. XXVIH, S. 462. 



— 417 — 

nachlässigt wurde, um erst jetzt durch die Arbeiten von Schmidt 
(Bonn) u. a. energisch in Angriff genommen zu werden. Die 
Aesthetik hat hier der Medizin einen bösen Streich gespielt, weshalb 
auch noch heute sogar erfahrenen Praktikern, die jene ästhetische 
Scheu von der genauen Betrachtung und Untersuchung dieser Gegend 
abhält, nicht selten recht verhängnisvolle Irrtümer begegnen und 
harmlose hypertrophische Analfalten oder verödete Hämorrhoidal- 
knoten für syphilitische Condylome gehalten werden. Seit ich meine 
Aufmerksamkeit auf eine genaue Untersuchung der Regio analis auch 
bei nichtsyphilitischen Individuen gerichtet habe, konnte ich zu meinem 
Erstaunen recht oft erhebliche abnorme Veränderungen in der Um- 
gebung des Anus feststellen, die sichthch einem Teile der Schilderungen 
der alten und mittelalterlichen Aerzte zu Grunde liegen. Das wird 
in der Darstellung dieser einzelnen Affektionen offenbar werden. 

Jedenfalls sollte jeder Arzt die Mahnung des grossen Ricord 
in Beziehung auf die Diagnostik der Analaffektionen beherzigen. Er 
sagt: „Die krankhaften Affectionen des Anus geben zu vielen 
und häufigen Irrtümern Veranlassung. Ein Hauptgrund ist, 
dass viele Aerzte nicht gern gar zu nah zusehen mögen. Aber hier 
muss man den Grundsatz des Mascagni festhalten: es giebt nichts 
Schmutziges in der ]\Iedizin! Man kann recht wohl als Arzt gegen 
die Aesthetik sündigen, und doch dabei ausserhalb des Berufes ein 
PYeund von Blumen und Parfüm sein"^). 

Im Folgenden sollen nur die Krankheiten des Afters betrachtet 
werden, so weit sie nicht mit Hautleiden kombiniert sind. Die so 
bedeutungsvolle Komplikation von Genital- und Analleiden mit einer 
Erkrankung der übrigen Haut wird in einem besonderen Abschnitte 
besprochen werden. 

Auch die pseudosyphilitischen Affektionen des Afters sind wie 
diejenigen der Genitalien entweder venerischen oder nichtvene- 
rischen Ursprungs. 

Die venerischen Erkrankungen der Regio analis treten als 
direkte oder indirekte Folgen eines Beischlafs oder einer geschlecht- 
Hchen Berührung auf und entstehen durch Ansteckung oder auf 
mechanischem Wege. 

Bezüglich des Beischlafs muss dann noch wieder der Unterschied 
gemacht werden, ob derselbe ein natürlicher oder ein unnatür- 
licher war. Denn leider muss an dieser Stelle von vornherein fest- 



i) Ph. Ricord, ..Pathologie und Therapie der venerischen Krankheiten", bearbeitet 
von H. Lippert, Hamburg 1852, S. 133. 



— 4iö — 

gestellt werden, dass der letztere Modus der Entstehung einer vene- 
rischen Affektion des Afters auch heute noch durchaus nicht selten 
ist, in früheren Zeiten entschieden häufiger war und sogar gegen- 
wärtig in bestimmten Gegenden sich in erschreckendem Umfange 
nachweisen lässt. 

Leider kommt in der Beurteilung der Aetiologie der venerischen 
und pseudosyphilitischen Affektionen den sogenannten „Figurae 
Veneris" eine sehr grosse Bedeutung zu, wie wir insbesondere bei 
der Erörterung der bezüglichen Verhältnisse im klassischen Altertum 
darlegen werden, ein Punkt, auf den Rosenbaum trotz seiner aus- 
führlichen Citate viel zu wenig Gewicht gelegt hat. In verstärktem 
j\Iasse gilt von der antiken Welt und deijenigen des islamitischen 
Orients, was ganz allgemein Michaelis von den geschlechtlichen 
Aberrationen der Gegenwart sagt: 

„Die Ausschweifungen in Venere beschränken sich nicht auf 
die Kommunikation der Genitalien, da ein ekelhafter Missbrauch die 
Wollüstlinge zur Päderastie, zur Benutzung- der zusammengehaltenen 
weiblichen Brüste, des Mundes und anderer sonderbarer Mittel be- 
wegt. Am Munde verworfener Dirnen, an der Conjunktiva, am 
After, an den Brustwarzen kommen daher primäre Geschwüre vor, 
die nicht immer zufällige xVnsteckungen sind. Zuweilen geben un- 
reinliche Menschen wohl Anlass, dass ein Genitalgeschwür den be- 
nachbarten After in Mitleidenschaft versetzen kann, zumal beim Weibe, 
wo die mechanischen Verhältnisse förderlich sind, oder sie beschmutzen 
in unachtsamer Weise mit besudelten Fingern das Auge, die Lippe, 
Nase, Ohr etc. Jedoch kann man mit grosser Sicherheit auf Abusus 
schliessen, wenn die Genitalien des Individuums gesund sind, und das 
Geschwür sich an einer Stelle befindet, in deren Nähe der Wollüstling 
einen brauchbaien Ort für die gesuchte Erregung findet"'). 

Als ein solch „brauchbarer Ort" für die Befriedigung perverser 
geschlechtlicher Gelüste muss neben dem Munde vor allem der After 
bezeichnet werden, so dass man sogar in Frankreich dafür den un- 
geheuerlichen Ausdruck der „Defloration anale" (Lacassagne) er- 
funden hat-). Diese widernatürliche Art des geschlechtlichen Verkehrs 
ist nicht nur bei den homosexuellen Männern (Paederasten) ein sehr 
gewöhnliches Vorkommnis, sondern wird auch von Männern an 
Weibern vollzogen (sogenannte „Paedicatio mulieris"). NachBergh^), 



1) A. C. J. Michaelis a. a. O., S. 23. 

2) E. Hofmann und Dittrich, Artilcel ,,Paederastie" in: Eulenburg' s Ency- 
klopädie, Bd. XVIII, S. 205. 

3) R. Bergh, ,, Bemerkungen über venerische Katarrhe bei Frauenzimmern" in 
Monatshefte f. prakt. Dermatologie 1898, Bd. XXVII, S. 395. 



— 419 — 

Venot') und IMartineau^) ist dieser Missbrauch des Weibes bei den 
romanischen Völkern häufiger als bei den germanischen. Indessen 
höre ich von Herrn Prof. Behrend, dass die Berliner Prostituierten 
sich ebenfalls relativ häufig dem Akte der Paedikation unterwerfen 
müssen und nicht selten Veränderungen der Regio analis aufweisen, 
die hiermit im Zusammenhange stehen. In erschreckender Ausdehnung 
huldigt, wie allbekannt, der gesamte islamitische Orient diesen per- 
versen Praktikenn. 

Es ist hier nicht der Ort, ausführlich auf die sogenannten 
„Kennzeichen" der vollzogenen Paederastie einzugehen, die in den 
Werken über gerichtliche Medizin einen immer noch strittigen Gegen- 
stand der Diskussion bilden. Es kann jedoch m. E. keinerlei Zweifel 
darüber bestehen, dass der Coitus per anum noch mehr die Ent- 
stehung venerischer und pseudosyphilitischer Affektionen begünstigen 
muss, als dies der per vias naturales ausgeübte Beischlaf thut, indem 
im ersteren Falle das grosse Missverhältniss rein mechanischer 
Natur zwischen dem ]\Iembrum virile und dem Orificium ani viel 
stärkere Frictionen und häufigere Verletzungen dieser Gegend ver- 
anlasst. In der That sind letztere viel sicherere Kennzeichen der 
Päderastie, als die bekannte, besonders durch Tardieu zu dem 
wichtigsten diagnostischen Symptom erhobene „trichterförmige Ein- 
ziehung" des Afters , welche übrigens schon von dem älteren 
Cullerier^) als ein untrügliches Merkmal des Coitus analis angesprochen 
wurde, während bereits Ricord dies ganz entschieden bestritt^). Die 
genaue Diagnose der Paederastie wird sich besser auf den Befund von 
Affektionen des Afters gründen können, welche erfahrungsgemäss 
hauptsächlich durch diesen Modus des Geschlechtsverkehrs zustande 
kommen, obgleich auch dieser nicht ein ausschliessliches ätiologisches 
Moment für jene darstellt, wie bei den nunmehr zu erwähnenden 
einzelnenen Affektionen zu Tag'e treten wird. 

Nach Martin eau's Erfahrungen^) kommt der weiche Schanker 
als Folge der Paedikation viel häufiger am After vor, als der syphili- 
tische Primäraffekt, nach v. Petersen findet sich das Ulcus moUe des 



i) Venot a. a. O., „Ce goüt anti-pliysique se propage d'iine fac^on deplorable". 

2) C. Martineau, „Lecoiis sur les deformations vulvaires et anales", Paris (1885), 
S. 121 — 187. — Martineau verweist auf die Häufigkeit der Paedicatio mulieris in der 
Ehe, wo nicht bloss Lüsternheit des Mannes, sondern auch vulvovaginale Affektionen der 
Frau die Ursache sind. Auch ist die Paedication in gewissen Gegenden Volkssitte. 

3) Cullerier a. a. O., S. 93. 

4) Ricord, ,, Pathologie und Therapie der venerischen Krankheiten", S. 20. 

5) Martineau a. a. O , S. 158 und S. 173. 



— 4-0 — 

Anus öfter bei Weibern als bei Alännern und fast ausschliesslich 
durch Coitus analis bedingt'). Neumann bemerkt: , .(Venerische) 
Geschwüre am After, die zumeist bei Weibern vorkommen, sind ent- 
weder an den Afterfalten selbst gelegen und erstrecken sich bis auf 
die Rectalschleimhaut, oder sie liegen vor oder hinter der Anal- 
öffnung. Im ersteren Falle erscheinen sie spaltförmig dreieckig, die 
betreffende Afterfalte ist im Beginne gerötet, geschwellt, die Ränder 
unterminiert, der (ürund speckig belegt, Die Infektion erfolgt bei 
mangelhafter Reinigung vom Genitale her, häufiger durch Coitus per 
anum. Sie lassen sich nicht leicht von Sklerose und schwerer 
noch von der zerfallenden Papel unterscheiden" 2). Bemerkenswert ist 
die starke Hypertrophie der Analfalten im Bereiche des venerischen 
Geschwürs, welche nicht selten das letztere überdauert und einen Teil 
wenigstens jener antiken „Kondylome" und „IMariscae" gebildet haben 
dürfte, welche als Folgen von Entzündungen und Geschwüren in 
jener Gegend auftreten. 

Durch neuere Forschungen ist festgestellt worden, dass auch 
der Anal- und Rectaltripper in grösserer Häufigkeit vorkommt, 
als man bisher angenommen hat. Besonders die x\rbeit von Neu- 
berger und v. Borzecki hat darüber wichtige Aufschlüsse gegeben^). 
Nach diesen Autoren kommt die gonorrhoische Infektion des Anus 
relativ häufig vor, am mei-sten bei Weibern, wo sie auf dreierlei Art 
zustande kommt, nämlich erstens durch einen Durchbruch eines 
Bartholin'schen Drüsenabscesses ins Rectum, zweitens durch Herab- 
flicssen des Trippersecretes aus Urethra und Vagina gegen die Anal- 
öffnung und drittens durch Coitus analis. Bezüglich des letzteren 
Modus bemerken die Verfasser: „Es ergab sich auch in unseren 
Fällen, dass gewiss vorzugsweise durch den Coitus analis das gonor- 
rhoische Virus auf die Analschleimhaut übertrag-en wird. Sicherlich 
ist diese geschlechtliche Verirrung bei den Prostituierten sehr 
gebräuchlich oder wenigstens gebräuchlicher, als allgemein 
selbst in medizinischen Kreisen angenommen wird. In 
unseren Fällen hat allerdings nur eine einzige Patientin diesen Akt 
zugestanden, alle anderen haben mit mehr oder weniger grosser Ent- 
schiedenheit einen derartigen Vorgang in Abrede gestellt, worauf 
jedoch naturgemäss kein grosses Gewicht zu legen ist". 



1) O. V. Petersen, , .Ulcus niolle", a. a.- O., S. 434. 

2) J. Neumann, ,, Syphilis", S. 16. 

3) J. Neuberger und E. v. Borzecki, ,,Ueber Analgonorrlioe" in: Archiv für 
Dermatologie 1894, Bd. XXIX, S. 355 — 368. 



— 421 — 

Auf die häufigere Entstehung des Analtrippers durch Pädikation 
weist auch dieThatsache hin, dass derselbe viel öfters bei Prostituierten 
angetroffen wird^), als bei anderen mit Tripper der Genitalien be- 
hafteten Weibern. Deshalb verlangt Horand mit Recht, dass bei 
der ärztlichen Untersuchung der Prostituierten jedes Mal auch der 
Anus sorgfältig inspiciert werde. Er fand bei 23 analen Ausflüssen 
in 1 1 Fällen Gonococcen -). 

Rollet berichtet über einen Fall von Analtripper bei einem 
Mann, der an einem Harnröhrentripper litt und sich den Finger in 
der ]\Iastdarm eingeführt hatte ^). 

Als Folgezustände der Analgonorrhoe nennt Jullien hauptsäch- 
lich Fissuren, Condylome und schankröse Geschwüre^). Bezüglich 
der ersteren sei auf die weiter unten erfolgende Erwähnung- verwiesen. 
Die schankrösen Geschwüre theilt Jullien in zwei Formen ein: i. das 
„Ulcere mixte blenno-chancrelleux" und 2. das „Ulcere mixte 
blenno-syphilitique". Ersteres, die häufigere Form, verdient als eine 
pseudo- syphilitische Affektion des Anus Beachtung; es ist nach 
Jullien ein durch den Gonococcus und den Streptobacillus ulceris 
mollis (Unna) gemeinschaftlich hervorg-erufenes Schankergeschwür. 
Jullien hat zahlreiche Fälle dieses gemischten Schankers beobachtet. 

* 

Die Fissuren und Rhagaden des Anus müssen auch an dieser 
Stelle erwähnt werden, weil sie in der älteren Litteratur eine grosse 
Rolle spielen und in der That von vielen Syphilishistorikern als Be- 
weise für die Existenz der Syphilis im Altertum mit herangezogen 
werden. Nun soll keineswegs geleugnet werden, dass auch die 
Fissuren des Afters eine Folge der syphilitischen Infektion sein 
können, was besonders der Fall ist, wenn lange bestehende breite 
Condylome allmählich an der Oberfläche maceriert werden und die 
Haut an jenen Stellen Einrisse bekommt. Aber weitaus die 
meisten Rhagaden sind nichtsyphilitischen Ursprungs. 

Nach Kelsey entstehen die Analfissuren nach Verletzungen 
der Schleimhaut durch harte Kotmassen, ferner bei angeborener Enge 



i) Vergl. A. Hub er, ,,Ueber Blennorrhoea recti" in: Wiener med. Wochenschr. 
1898, Nr. 25—28. 

2) Horand, ,,Ueber Blennorrhoe beim Weibe und beim weiblichen Kinde", nach 
Monatshafte 1889, Bd. VIH, S. 193. 

3) Charles B. Kelsey, ,, Diseases of the Rectum and Anus", London 1883, S. 6g. 

4) L. Jullien, ,,Considerations ä propos de la blennorrhagie anorectale chez la 
femme" in: Beiträge zur Dermatologie und Syphilis. Festschrift für G. Lewin, Berlin 

1896, s. 73—76. 



— 42- — 

des Orificium ani bei starker Entvvickeking des Sphincter ani. Bei 
Frauen hat sehr häufig Leukorrhoe (durch die macerierende Wirkung 
des herabfliessenden ^Sekretes) Einrisse des Afters zur Folge. Endlich 
kommen Herpes und vor allem der weiche, nichtsyphilitische Schanker 
nach Kelsey für die Aetiologie der Fissuren in der Regio analis in 
Betracht, i) 

Cullerier beobachtete nicht selten Rhagaden des Afters, welche 
„durch gewaltsame Erweiterung infolge von Vermischungen, w^elche 
die Natur, die Vernunft und Moral verdammen", hervorgebracht 
worden waren.-) 

Da die chronische Obstipation eine typische Krankheit der 
Prostituierten ist und ferner die Pädikation am häufigsten bei den 
öffentlichen Frauenzimmern ausgeführt wird, so dürfen wir erwarten, 
Analfissuren infolge dieser beiden Ursachen häufiger bei dieser Klasse 
zu finden als bei den übrigen Frauen. In der That v^erzeichnet 
R. Bergh in jedem Jahresberichte über das Vestre-Hospital zahl- 
reiche Fälle von Rhagaden des Afters bei Puellae publicae, die fast 
stets auf habituelle Obstipation oder auf den Coitus analis zurück- 
zuführen waren. ^) 

Eine sehr häufig beobachtete Ursache der Fissura ani, besonders 
bei Kindern, ist das Ekzem der Regio analis, das bei Kindern be- 
sonders nach langandauernden Diarrhoeen auftritt.^) 

Die sekundäre Infektion der Analfissuren bedingt häufig die 
Entstehung von Geschwüren und Absc essen in der Analgegend, 
welche durch die verschiedensten Infektionserreger hervorgerufen 
werden können. Besonders kommen hier gonorrhoische Prozesse in 
Betracht. Neuberger^) bemerkt über die Aetiologie der Analulce- 
rationen: „Im allgemeinen neigte man mehr der Ansicht zu, dass die 
Analgeschwüre syphilitische Prozesse darstellen. So meinte noch 
Kopp u. a., dass ihm „eine luetische Aetiologie für die erwähnten 
Vorg-änge (chronische ausgedehnte Ulcerationen mit konsekutiver Bil- 
dung von Narbenstrikturen) plausibler erscheine." Andererseits hat 
es aber auch nicht an Bestrebungen gefehlt, die luetische Natur der 
Mastdarmgeschwäire etwas einzuschränken. So hat Ponfick (Bres- 
lauer ärztliche Zeitschrift 1884) den Coitus praeternaturalis für die 
Entstehung mancher Anal-Ulcerationen haftbar gemacht, der wegen 



i) Ch. B. Kelsey, ,, Diseases of the Recfiuii and Anus", S. i6o. 

2) Cullerier a. a. O., S. 64. 

3) Vergl. z. B. „Vestre Hospital i 1887", S. 10 (55 Fälle). 

4) Vergl. Brunn in: Hospitals Tidende 1892, Bd. VIH, Nr. 45. 

5) Neub erger a. a. O., S. 365. 



— 4^3 — 

der gefässreichen und infolge der lockeren Befestig^ung an ihrer 
Unterlage stark gefalteten Rektalschleimhaut leicht zu Rhagaden, 
Fissuren u. s. w. führen könne. Vorzugsweise war es aber Poelchen 
(Virchow's Archiv ßd. 127 S. 189), welcher in diesem Sinne wirkte 
und den Beweis erbrachte, dass „Rektumverschwärung auch ohne 
Syphilis vorkomme," und dass Mastdarmulcerationen durch Rekto- 
vaginalfisteln und Bartholin 'sehe Drüsenabeesse vermittelst viru- 
lenten Scheidensekrets entstehen können." Fink fand öfter Gono- 
kokken in Analgeschwüren. Ebenso Neuberger, der aber annimmt, 
dass es sich häufig dabei um sekundäre Infektionen nach Coitus 
analis und nach Irritationen durch Kotstauungen u. s. w. handle und 
die Rhagaden- und Fissurenbildung- stets das erste Stadium darstelle. 
Jedoch giebt es auch primäre Fälle von Periproctitis gonorrhoica. 

Der Analrand d. h. der Uebergang von äusserer Haut in die 
Schleimhaut ist überhaupt eine bevorzugte Stelle für die Bildung 
abscedierender und ulcerativer Prozesse. Dies gab Dan y au Ver- 
anlassung zu einer eigenen Monographie über die Abscesse des 
Analrandes. ') 

Was die eigentümlichen Anschauung"en Bandlers über die 
Aetiologie der meisten Ulcerationen der Analgegend bei Prostituierten 
betrifft, so soll darauf weiter unten eingegangen werden. 

Es ist bekannt, dass der Flospitalbrand vorzugsweise auch 
die Regio analis befällt. Eine andere Art der Grangrän kommt 
nach Rille-) bei Frauen in den Genitocruralfurchen und in der Anal- 
region unter dem Bilde des feuchten Brandes vor. Hierbei entstehen 
ausgedehnte schmerzhafte Geschwürsflächen um den Anus, die zur 
Zerstörung des Sphincter führen können. 

* 

Von anderen entzündlichen Affektionen des Afters sei zunächst 
des Herpes gedacht, der nicht selten in dieser Gegend beobachtet 
wird^) und dann hier mitunter dieselben differentialdiagnostischen 
Schwierigkeiten macht wie der Herpes der Genitalien, zumal wenn 
er mit dem letzteren gleichzeitig auftritt. 

Ebenso kommen, besonders bei weiblichen Individuen, die 
Aphthen, oft gleichzeitig am Anus und an der Vulva vor.'*) 

Zu den häufigsten Analaffektionen g'ehören kleinere oder 
grössere Furunkel der Perinealgegend und des Analrandes. Sie 



i) A. C. Danyau, „Des absces de La marge de l'anus", Paris 1832. 

2) Rille a. a. O., .S. 52. 

3) Kelsey a. a. O., S. 162. 

4) Siehe oben S. 390-391. 



entstehen durch Trauma oder eine andere Irritation (Gebrauch 
unreinen und harten Papiers nach der Defäkation, langes Reiten, 
Reiz durch Menstrualbkit oder diarrhoische und d)^senterische Stühle, 
Diabetes) kommen öfter bei Männern als bei Frauen und sehr 
selten bei Kindern vor. Sie schmelzen rasch eitrig ein und ver- 
wandeln sich in kleine Geschwüre, i) 

Auch Aknepusteln sind in der Regio analis öfter beobachtet 
werden. G. Löwenbach sah die „Acne urticata" besonders um den 
Anus herum lokalisiert. 2) 

Wichtig als eine häufig vorkommende pseudosyphilitische 
Affektion der Aftergegend ist das Ekzem, besonders in seinen 
chronischen Formen, die auffallend breiten Kondylomen gleichen 
können. Unna bemerkt darüber in seiner grossen Abhandlung 
über das Ekzem : „Die Diagnose des nässenden Ekzems ist nicht 
schwer. Doch kann immerhin zuweilen die Unterscheidung 
von nässenden syphilitischen Efflorescenzen Schwierigkeiten 
bereiten, besonders wenn die betreffenden Stellen an solchen Orten 
vorkommen, die sowohl vom Ekzem wie von der Syphilis bevorzugt 
werden, wie die Kontaktflächen z. B. der Achselhöhle und der After- 
kerbe. Zumal wenn beim Ekzem die Akanthose stärker ausgebildet 
ist, kann die Aehnlichkeit mit condylomatösen Papeln auf- 
fallend gross werden".^) 

Ebenso leicht kann eine andere erythematöse und papulosa 
Affektion des Afters mit Syphilis verwechselt werden, die bei kleinen 
Kindern vorkommt und auf welche zuerst französische Autoren 
(Jaquet, Schwartz, Sevestre, Besnier) die Aufmerksamkeit ge- 
lenkt haben: das sogenannte „Syphiloide post-erosi ve" oder 
„Syphiloide infantile" oder „Erytheme papuleux fessier post - erosif '. 

Jarisch giebt nach den Mitteilungen der französischen Autoren'^) 
von dieser früher wohl sehr häufig als syphilitisch angesprochenen 
Affektion folgende Schilderung: 



1) Kelsey a. a. O., S. 71 — 72; Krüche, „Spezielle Chirurgie", 10. Aufl., Leipzig 
1899, S. 233; R. W. Ramsey in: Monatshefte 1895, Bd. XXI, S. 99. 

2) G. Löwenbach, ,,Ueber Akne u. s. w." in: Archiv für Dermatologie 1899, 
Bd. XLIX, H. I. 

3) P. G. Unna, ,, Ekzem" in: Mracek's Handhucli der Hautkrankheiten, Wien 
1902, Bd. II, S. 281. 

4) E. Besnier, , .Syphilis infantile (Syphilides et syphiloidesj" in: Annales de Der- 
matologie 1887, p. 658 ff.; L. Jaquet, „De Tery-theme papuleux fessier post- erosif" in: 
Revue mensuelles des maladies de l'enfance 1886; derselbe, „Des syphiloides erosives, 
etude de pathologie cutanee infantile", These de Paris 1888; M. Schwartz, ,,Dermatoses 
liees aux troublcs gastro-intestinaux chez les enfants", These de Paris 1892; Sevestre, 
„Ueber das Erylhema papulosum des Gesässes" in Gazette hebdomad. 1887. 



■ — 425 — 

„Die Affektion entwickelt sich unter dem Einflüsse diarrhoischer 
Stühle und des Urins in Form von Bläschen, welche sich successive 
entwickeln und platzen. Ein Theil derselben überhäutet, ohne zu 
weiteren Veränderungen zu führen, bei einem andern Teile verhärtet 
die Basis und es bilden sich blau- bis braunrote, hanfkorn- bis bohnen- 
grosse, harte, glänzende, in ihrer Mitte erodierte oder wieder über- 
häutete und daselbst leicht deprimierte Knoten, deren Epidermis in 
der Peripherie leicht gefältelt erscheint, und welche sich in der Anal- 
gegend und an den Nates, dem Mittelfleische, Scrotum oder den 
Schamlippen lokalisieren. — Ihr Sitz, ihre zentrale Depression, ihr 
Glanz , ihre gelegentliche Härte imd der Umstand, dass sie nicht 
selten zu kreisförmigen Linien aneinandergereiht sind, macht sie 
syphilitischen Efflorescenzen ausserordentlich ähnlich, und 
in einem Fall meiner Beobachtung war die Diagnose eines 
Primäraffektes sehr nahegelegt. — Die Kenntnis dieser, übrigens 
unter entsprechender Reinlichkeit und entsprechender Behandlung in 
der Regel innerhalb ein bis zwei Wochen abheilenden Affektion er- 
scheint demnach von einiger Wichtigkeit"^). 

Von den bei Allgemeinleiden auftretenden Affektionen der 
Aftergegend verdienen nur die tuberculösen Hautkrankheiten eine 
Erwähnung, weil sie zu den häufigeren Hautaffektionen dieser Region 
gehören. 

Kelsey unterscheidet zwei Formen der tuberkulösen Anal- 
geschwüre; die erste ist eine direkte Wirkung- des Tuberkelbacillus, 
die zweite ist nur eine „Ulceration bei Tuberkulösen". Das echte 
tuberkulöse Geschwür ist nach Kelse}^ selten. Es occupiert meist 
den Analrand und bietet alle Charaktere eines chronischen Ulcus dar, 
die andere, häufigere Form ist mehr entzündlicher Natur, welche 
häufig durch traumatische Veranlassungen hervorgerufen wird, und 
gewöhnlich sich durch starke purulente Sekretion auszeichnet. Als 
eine dritte Art tuberkulöser Ulcerationen der Analgegend kann man 
auch den sogenannten „Esthiomene" des Anus (Lupus exedens der 
Regio analis) anführen, welcher meist mit Hypertrophieen kompli- 
ziert ist und vom Perineum ausgeht, auch bei Weibern öfter be- 
obachtet wird als bei Männern. Gerade diese letztere Art von Ge- 
schwüren gleicht syphilitischen Schankern bisweilen in einer täuschenden 
Weise 2). 

1) A. Jarisch, ,, Hautkrankheiten", Wien 1900, S. 268 — 269. 

2) Kelsey a. a. O., S. 162 — 165; Mazaiakis, „Contribution ä l'etude du traite- 
ment et de l'etiologie de l'esthioniene de la region vulvo-anale", These de Paris 1894. 



— 4^6 — 

Die Tuberkulose der Regio analis führt nicht selten zu starken 
Wucherungen, die kond3'lomartigen Charakter annehmen. Ueber 
solche Fälle von tuberkulösen Papillomen der Aftergegend be- 
richtete u. a. RiehP), ferner Csillag, der bei einem Patienten nach 
tuberkulöser Periproctitis das Auftreten solcher Wucherungen in der 
Perianalgegend beobachtete-). 



Eine sehr grosse Bedeutung für die Lehre von den pseudo- 
syphilitischen Affektionen besitzt die Thatsache, dass die Regio analis 
in einem hohen Masse einen Prädilektionsort für die Entstehung v'on 
hypertrophischen Bildungen der verschiedenartigsten Aetiologie 
bildet. 

Neuerdings hat Bandler in einer sehr wenig überzeugenden 
Abhandlung zu erweisen versucht, dass alle diese Hypertrophieen der 
Analgegend, die „Plicae anales hypertrophicae" mit ihren sekundären 
Geschwüren und Rhagaden, wenigstens bei Prostituierten auf .S^^philis 
zurückgeführt werden müssten''), wobei er aber auch die Blutstauung 
durch habitulle Obstipation und sonstige Irritamente als mögliche 
Ursachen dieser Hypertrophieen anspricht. 

Man findet aber dieselben hypertrophischen Bildung-en 
auch bei Individuen, die niemals Syphilis gehabt haben, und 
nach den mir mitgeteilten Erfahrungen von G. Behrend haben diese 
„Mariscae" und „Cristae" auch bei den Prostituierten nichts mit 
S3'philis zu thun. 

Schon Astruc^) bringt dieEntwickelung der analen Hypertrophieen, 
die von den Alten unter dem Namen „cristae", „thymi", „fici", 
„mariscae" etc. beschrieben w^urden, mit dem Vorgange der De- 
fäkation und der passiven Pädikation in Verbindung. 

„Prima cristarum rudimenta in ano apparent, quoties ultra tonum 
an US vi saepius distrahitur vel a versa venere, vel violenta 
duriorum faecum egestione; dum enim diducta cutis sibi denuo 



i) G. Riehl, „Beiträge zur Kenntnis der Hauttuberkiilose", Wiener klinische 
Wochenschrift 1894, Nr. 31. 

2) Csillag, „Ein Fall von Tuberculosis perinei", Referat in: Monatshefte 1892, 
Bd. XXIX, S. 122 — 123. Vergl. ferner Marianelli, „Tuberkulöse Hautulcerationen am 
Perineum" in: Giornale italiana delle malattie veneree e della pelle 1888, Heft i (Referat 
in: Monatshefte für Dermatologie 1888, Bd. VII, S. 933 — 934). 

3) Victor Bandler, „Ueber die venerischen Affektionen der Analgcgend bei Pro- 
stituierten" in: Archiv für Dermatologie 1898, Bd. XLIII u. XLIV (Festschrilt für F. 
J. Pick), S. 19 — 30. 

4) J. Astruc, ,,De morbis venereis libri novem", Paris 1740, Bd. I, S. 392. 



permittitur, laxata in sese concidit atque in plicas pendulas corru- 
gatur. Leviores illae plicae sese in dies paulatim promittunt in 
cristas, quoniam stagnante lympha uberius nutriuntur. Stagnat 
autem in iisdem Ivmpha causa gemina, i. Visciditate, quam habet 
seu ab admixto contagio venereo, seu ab alia quacunque causa, 
unde fit ut aegrius progrediatur , 2. Nimia partis ipsius mollitie, 
unde fit ut debilius propellatur. 

Hinc ergo liquet cristas legitimas luem veneream et muliebrem 
patientiam frequenter quidem, sed non semper arguere." 

Hierbei muss berücksichtigt werden, dass hier Astruc unter 
„Lues venerea" wesenthch die „Gonorrhoea venerea" versteht, deren 
infektiöses Sekret bei der Päderastie die Haut und Schleimhaut zu 
diesen Bildungen, die er dann noch weiter in die obengenannten 
Formen zergliedert, anregt. 

Aehnlich urteilt Girtanner über die Aetiologie der gewöhn- 
lichen Hypertrophien des Afters. Er sagt beim Abschnitte „Aus- 
wüchse aller Art am After (fici, mariscae, thymi, mora, fraga, cristae^ 
rhagades)": „Fici und mariscae heissen grosse, runde, unebene, auf 
einem Stiel aufsitzende Warzen, sind sie kleiner, so werden sie thymi, 
mora, fraga u. s. w. genannt. Alle diese Warzen sehen bleich und 
weiss aus, wie die Haut, auf welcher sie sitzen. Zuweilen gehen sie 
in Entzündung und Eiterung über und verursachen eine Mastdarm- 
tistel. Cristae werden runde, rauhe, herabhängende, lange Zapfen 
genannt, welche weich sind und einige Aehnlichkeit mit einem 
Hahnenkamme haben. Auch diese entzünden sich zuweilen und gehen 
in Eiterung über. Diese Auswüchse entstehen zuweilen von dem aus 
venerischen Schankern ausfliessendem Eiter, das, bei unreinlichen Per- 
sonen, leicht durch Kleidungsstücke an den After gebracht werden 
kann. Zuweilen entstehen die Schwielen, ohne alle vorhergegangene 
Ansteckung, blos durch die Ausdehnung, welche harte Excremente 
verursachen. Aber in den meisten Fällen sind diese Auswüchse und 
Schwielen am After nur zu deutliche Beweise eines verabscheuungs- 
würdigen Lasters, das ich nicht nennen mag"M. 

Nach neueren sorgfältigen Beobachtungen ist die Päderastie nur 
eine Ursache dieser „Mariscae" des Afters, welche schon an der be- 
kannten, später zu erörternden Stelle des Juvenal als Zeichen der 
erduldeten Pädikation gedeutet werden. So hatte der erfahrene 
Tarnowsky allerdings Gelegenheit, „an habituellen Kyneden, be- 
sonders an prostituierten, die zuweilen den Akt der Sodomie (Pä- 



I) C. Girtanner, ,,Abliandluiig über die venerische Krankheit", Bd. I, S. 234 — 235. 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 28 



— 428 — 

derastie) mehrmals an einem Tag begehen, die Bildung warzenförmiger 
Auswüchse am Rand des Orificium ani, an den radiären Falten der 
Haut und sogar an den Wänden des Rectums selbst zu beobachten. 
Doch noch häufiger entstehen solche Gebilde unabhängig von der 
Sodomie. Bei katarrhalischer Entzündung des Rectums, die bei 
Kindern durch die Anwesenheit von Würmern bedingt wird, bei 
hämorrhoidalen Leiden Erwachsener, bei Pruritus analis im Greisen- 
alter bilden sich eben solche Papillome" i). 

Dem entsprechend sind jene kondylomartigen Hypertrophien 
des Anus Ijei den verschiedensten krankhaften Zuständen beobachtet 
worden, unter denen natürlich auch solche durch Päderastie hervor- 
gerufene eine Rolle spielen. 

Fritsch beobachtete bei Hypertrophia vulvae lymphatischen 
Ursprungs gleichzeitig einen „dicken Kranz rissiger Wulstungen um 
den Anus", ohne dass die betreffenden weiblichen Personen syphili- 
tisch waren oder gewesen waren '^). 

Ferner bemerkt derselbe: „Bei Urinfisteln findet man oft die 
Vulva bis zum After hin entzündet, geschwollen und ödematös. 
Die Haare sind mit harnsauren Salzen incrustiert, und die Haut kann 
so hypertrophieren, dass hahnenkam mähnliche Geschwülste 
und Schwarten in den Falten sich bilden"^'). 

Was oben von den so sehr verschiedenen Ursachen der Bildung 
der sogenannten „venerischen", nichtsyphilitischen Vegetationen („spitze 
Condylome") an den Geschlechtsteilen gesagt wurde, gilt durchaus 
auch von den analogen (jeschwülsten der Aftergegend. Auch hier 
entstehen die Vegetationen und papillomatösen Bildungen nach Ein- 
wirkung verschiedener Irritamente. Sehr gut hat Campana-*) in 
seinen geistreichen, zahlreiche wertvolle Beobachtungen enthaltenden 
„Frammenti di Dermatologia" diese so sehr differenten aetiologischen 
Momente für die Genesis dieser Vegetationen des Afters zusammen- 
gestellt: 

„Neir ano si vcrificaiio spesso queste vegetazioni. Cola ha luogo soventi Stasi san- 
"uigna, per uno stato meccanico, dipendente da feci dure neu' intestino, da vizi epatizi, da 
elmintiasi, da alterata niitrizione dei vasi sanguigni iiella gotta od altro, che non (anno veri- 
ficare facihnente la circolazione di rilorno peiianale; ciö avviene piu di tutto nei gottosi, 
negli alcoolizzati, in (jiulli con distinbi nevropatici vasali. 



1) P. Tarnowsky, „Die kiankhaflen Erscheinungen des Geschlechtssnines", Berhn 
1886, S. 12;. 

2) Fritsch a. a. O., S. 51. 

3) Ibidem, S. 53. 

4) R. Campana, ,, Frammenti di Dermatologia", Genua 1899, S. 116. 



— 42Q — 

Con la Stasi si ha l'esfoliazzione epiteliale perianale e della mucosa, e la lacerazione 
deir epitelio, sotto forma di ragadi, formatesi pel distendimento dell' organo, per il pas- 
saggio forzato delle fecce; da ciö iperplasia del tessuto connettivo e dello epitelio rettale ed 
anale, ed essudazione. Soventi, qiiesti fenomeni anatomici, assumono il carat- 
tere di una eruzione condilomatosa, a vegetazioni multiple villiformi. Si 
hanno fatti identici nella iiretra, sul faringe, sulla congiuntiva, nella sclineideriana, negli inter- 
femori, sul cuoio capelluto ecc. 

Oueste vegetazioni, asportate, e curate le altre alterazioni, che le complicano, non 
lasciano infezione, ne conseguenze di sorta. Nella donna si pun verificare 
questa eruzione, accompagnata o non, da uretrite iperplastica diffusa, e, piü di frequente, 
accompagnata da essudazione catarrale." 

Auch aus diesen Beobachtungen ergiebt sich, was übrigens 
auch Koch und Tschlenoff^) in neueren Arbeiten hervorgehoben 
haben, dass Bandler's Ansicht von der ausschhesslich syphihtischen 
Aetiologie der Analhypertrophieen unhaltbar ist. 

Ferner wird diese Anschauung mit aller Sicherheit durch jene 
Beobachtungen der Entstehung von Vegetationen und Hypertrophieen 
bei gesunden Individuen und nach rein mechanischen und chemi- 
schen Eingriffen widerlegt. Von Interesse in dieser Beziehung ist 
eine Diskussion in der ungarischen dermatologischen Gesellschaft 
vom 26. Januar 1899, im Anschlüsse an einen von A. Alpar vor- 
gestellten Fall. Bei einem 42jährigen Manne war die Analöff- 
nung durch ausgebreitete papillomatöse Wucherung'en verlegt. Vom 
Sphincter bis zum Gesässrande sah man zahlreiche haselnussgrosse, 
papillomatöse Geschwülste, welche stellenweise hahnenkammähnliche 
Figuration zeigten. Das Leiden bestand seit drei IMonaten. Der 
Patient bemerkte damals in der Analöffnung ein erbsengrosses Ge- 
schwülstchen. Alpär konnte für die mächtige Wucherung dieser 
Papillome in diesem Falle schwer eine Erklärung finden, da irgend- 
welche irritierenden Produkte sowohl seitens des Darmes als auch 
seitens der perianalen Haut nicht nachweisbar waren. Der Patient 
hatte nie an irgendwelcher akuten oder chronischen Darmerkrankung 
gelitten. Durch öfter vorgenommene mikroskopische Untersuchung 
des rektalen »Sekrets konnte die Blennorrhoe ausg'eschlossen werden. 
Auch irgend ein Macerationsprocess in der Perianalregion war nicht 
vorhanden. In der Diskussion berichtete Weiss über einen ähnlichen 
Fall von dunkler Aetiologie, wo bei einer 11 jährigen gesunden Virgo 
intacta kopfgrosse Papillome des Afters ohne nachweisbare Reizung 
entstanden. Demgegenüber hat Rona bei einem 16jährigen jungen 
Mann derartige Wucherungen gesehen, der eingestand, dass er 



i) M. Tschlenoff, ,, Syphilis und Elephantiasis vulvae" in: Med. Obosrenje 1902, 
Nr. II. 

28* 



— 430 — 

Päderast sei. Havas suclite die ersten Fälle durch die Annahme 
zu erklären, dass die papilläre H3^pertrophie durch die Anhäufung- 
des Schweisses und durch Maceration infolge von Intertrigo ent- 
standen sei ^). 

Oft können diese gänzlich unschuldigen Vegetationen völlig den 
syphilitischen Condylomata lata gleichen. Einen merkwürdigen Fall 
dieser Art beobachtete Brouardel^). Er sah in P'ournier's Ab- 
teilung einen jungen Mann, der der passiven Päderastie ergeben war 
und um den Anus herum aus einem Herpes hervorgegangene Herde 
hatte, die durchaus wie „Plaques muqueuses" aussahen, obgleich der 
Patient keine Syphilis hatte. Diese eigentümhchen Gebilde ver- 
schwanden sehr schnell nach Applikation einer einfachen Zinkpaste. 

Auch das sogenannte „Papilloma ani der Chirurgen" gehört 
hierher. Albert, der eine Abbildung davon giebt"), bemerkt über 
dasselbe: „Es tritt ohne jeden Zusammenhang mit einer vene- 
rischen Infektion auf, und Esmarch sah eines, das in Erbsen- 
grösse schon auf die Welt gebracht wurde. Ein bei Weibern noch 
ausgebreiteteres als das hier abgebildete sah ich auf der v. Dumre ich er- 
sehen Klinik; es war fast so gross, dass es auf einer Seite des Afters 
die Fläche einer aufgedeckten Hand bedeckte, während es auf der 
anderen Seite eine etwa halb so grosse Fläche einnahm. . . Häufig 
folgt der Abtragung oder Wegätzung dieser Gebilde kein Recidiv; 
ich sah aber auch schon hartnäckige Recidiven". 

Ferner muss an dieser Stelle eine die Geschlechtsteile und die 
Regio analis gleichmässig befallende Krankheit der Tropen erwähnt 
werden, dass sogenannte „venerische Granulom" (groin ulceration, 
ulcerating" granuloma of the pudenda, chronic venereal sores), welches 
besonders in Ostindien, Fiji, Melanesien, Nordaustralien und Neu- 
Guinea vorkommt. 

„Das Leiden stellt sich dar als eine hellrote, glänzende, leicht 
blutende Granulationsmasse von verschiedener Ausdehnung, welche 
eine dünne, leicht blutig gefärbte Flüssigkeit absondert und einen 
fötiden Geruch verbreitet""^). 



i) Referat in: Monatshefte für Dermatologie 1899, Bd. XXVIII, S. 413. 

2) G. Brouardcl, „Lesions lierpetiqiies simulant des plaqiies muqueuses" in: 
Gazette hebdomadaire de medecine 1897, Nr. 8, S. 87. 

3) E. Albert, ,, Lehrbuch der Chirurgie", Wien und Leipzig 1885, Bd. III, S. 547 
(Fig. 109) und S. 545. 

4) B. Schcube, ,,Die Krankheiten der warmen Länder", 2. Auflage, Jena 1900, 
S. 605. 



— 431 — 

Der Sitz der Krankheit sind in der Regel die Genitalien und 
ihre Umgebung, Pubes, Unterleib, Leistengegend, Oberschenkel, 
Damm, Umgegend des Afters hinauf bis zum Steissbein und 
Gesäss. Diese Granulationsgeschwulst ist k o n t a gi ö s und autoincolubabel, 
tritt immer erst nach der Pubertät auf und wird demgemäss häufig 
durch den Beischlaf übertragen i). 

Von der Framboesia tropica, welche ja in der Aftergegend 
typische „breite" Condylome erzeugt, wird weiter unten die Rede sein. 

Dass Hämorrhoiden die Entstehung von Analhypertrophieen 
begünstigen, wurde bereits oben (S. 403) hervorgehoben. Aber auch 
der hämorrhoidale Zustand selbst bietet sehr häufig eine auffällige 
Aehnlichkeit mit condylomatösen Bildungen dar. 

Zunächst kann selbst ihre Aetiologie eine scheinbar venerische 
sein. So pflegten sich bei einem meiner Patienten regelmässig nach 
in kurzer Zeit öfter wiederholtem Beischlaf äussere Hämorrhoidal- 
knoten einzustellen, die ebenso reg'elmässig bei einer darauf folgenden 
geschlechtlichen Abstinenz von selbst wieder verschwanden. Eich- 
horst hat ebenfalls diese Beobachtung gemacht und erklärt die Ent- 
stehung von Hämorrhoiden durch geschlechtliche Excesse 
daraus, dass dabei übermässige Blutwallungen zum Gebiete der Mast- 
darmvenen zustande kommen-). 

Besonders im Orient, wo ja Hämorrhoiden in ausserordentlicher 
Frequenz als ein endemisches Leiden auftreten'^), wird ihr Auftreten 
im Anschlüsse an geschlechtliche Excesse sehr häufig beobachtet, 
wie schon aus den Schriften der arabischen Aerzte hervorgeht. 

Wichtiger aber ist, dass viele Hämorrhoiden ein typisches 
Warzen- und condylomartiges Aussehen darbieten. 

Der ältere Cullerier bemerkt: ,.Es sitzen zum Beispiele Hahnen- 
kämme und Condylomata am After, bestehen eine Zeit lang fort, 
werden weich und verschwinden zum Teil auf den örtlichen Gebrauch 
erweichender und öliger Mittel; früher waren Hämorrhoidalknoten 
vorhanden, und man sieht keine Spur von Lustseuche mehr: in einem 
solchen Falle darf man nicht mehr zweifeln, dass die Auswüchse 
nichts weiter als Hämorrhoidalknoten sind"^). 



i) Ibidem, S. 605 — 608. 

2) H. Eichhorst, Artikel „Hämorrhoiden" in: Eulenl^urg's ,,Real-Encylclopädie", 
3. Aufl., Bd. IX, S. 466. 

3) A. Hirsch, „Handbuch der historisch-geographischen Pathologie", 2. Auflage, 
Stuttgart 1886, Bd. III, S. 313. 

4) Cullerier a. a. O., S. 96. 



- 43 2 — 

Kelsey unterscheidet direkt zwei Formen von Hämorrhoiden, 
I. den venösen Tumor, 2. die daraus sich entwickelte Hauthyper- 
trophie, welche man auch als „Cond^dom" bezeichnet^). 

Sehr bedeutungsvoll sind die Beobachtungen des erfahrenen Eich- 
horst über das Aussehen der Hämorrhoiden. Zunächt unterscheidet auch 
er knotenartige, von normaler Haut bedeckte Anschwellungen von den 
warzenartigen Hämorrhoiden, bei denen die Epidermis selbst ver- 
dickt ist^). Dann aber schildert er die Umwandlung dieser Gebilde 
in jene Form der Hypertrophie, welche, wie er ganz richtig erkannt 
hat, die Alten unter dem Namen „Mariscae" beschrieben haben, 
worunter sie ähnliche Hypertrophien verschiedener Provenienz ver- 
standen. Eichhorst sagt: „In Fällen, in welchen sich eine bedeutende 
Hyperplasie des den After umgebenden Bindegewebes ausgebildet 
hat, kann es sich ereignen, dass die von ihnen umschlossenen Er- 
weiterungen der hämorrhoidalen Venen von der allgemeinen Cirkulation 
ausgeschlossen werden und teilweise nach vorausgegangener Throm- 
bosenbildung obliterieren oder sich zum Teil in kystenartige und mit 
blutigem oder mit mehr serösem Inhalte erfüllte Räume umwandeln. 
Man findet alsdann denAfter von prom ini erenden Wucher- 
ungen umgeben, welche ein condylomartiges Aussehen 
darbieten und von den älteren Aerzten als Mariscae be- 
nannt wurden. "2) 

Dass diese , .Mariscae", diese ,, blinden Hämorrhoiden"^) sich be- 
sonders häufig auch bei den der passiven Päderastie ergebenen Individuen 
entwickeln, ist erklärlich, und dieser Umstand ist ebenfalls geeignet, 
gewisse Stellen bei antiken Schriftstellern zu beleuchten. Mit Bezug 
hierauf sagen die Gerichtsärzte Hof mann und Dittrich: „Die Ma- 
riscae und Cristae der Alten sind Vorwölbungen der Afterschleimhaut, 
welche entweder in Form von Knoten oder hahnenkammartigen Ge- 
bilden auftreten oder einen prolapsartigen Saum (Casper) darstellen. 
Eine genauere Untersuchung dieser Gebilde hat in der Regel nicht 
stattgefunden, und es ist begreiflich, dass dieselben ebenso gut nur 
Hämorrhoidalknoten als wirkliche Wucherungen der Schleimhaut oder 
eine Vorstülpung der letzteren gewesen sein konnten. Hämorrhoidal- 
knoten sind allerdings für sich allein nach keiner Richtung beweisend, 
doch ist es begreiflich, wenn sie bei habituellen Päderasten sich ent- 



i) Ktlsey a. a. O., S. 92. 

2) Eichhorst a. a. O., S. 468. 

3) Ibidem, S. 464 — 469. 

4) Vergl. J. Hyrtl, , .Topographische Anatomie", "Wien 1882, S. 155 — 156. 



433 

wickeln, da durch jede Reizung des Sphincter ani die Venae haemor- 
rhoidales coinprimiert werden. Ebenso muss man zugestehen, dass 
der wiederholte mechanische Insult sowohl Wucherungen der Schleim- 
haut als auch prolapsusartige Vorstülpungen derselben bewirken kann."^) 

Bisweilen geben Hämorrhoiden Anlass zu Geschwürbildung am 
After, wie dies schon v. Embden beobachtet hat. 2) 

Von den eigentlichen Neoplasmen des Afters sind u. a. Fi- 
brome beobachtet worden, die zur Ulceration neigen (Curling, 
Hovel)-^). Franks constatierte bei einem 66jährigen Manne, der 
lange Zeit an Obstipation gelitten hatte, grosse, mehr oder weniger 
gestielte, den Anus vollständig umgebende Tumoren. Diese Anal- 
fibroide wuchsen augenscheinlich vom Afterrande aus ^). 

Nicht gar so selten sind Lipome der Regio perineo-analis. 
Es liegen Beobachtungen darüber von Esmarch, Weiss, Böse, 
Molliere, Spencer Wells, Molk u. a.^) vor. Eine besondere Ab- 
handlung über die Lipome des Dammes schrieb Lejars, aus welcher 
hervorgeht, dass sowohl die perinealen als die perianalen Lipome 
manchmal an der Oberfläche verschwären ''). 

Ebenso werden öfter angeborene Cysten in der Perineal- und 
Analgegend beobachtet (Kelsey, Lejars, Danzell, Perrin). 

Endlich kommen Sarkome und Carcinome in der After- 
gegend vor, die nicht selten eine syphilitische Geschwulst vortäuschen 
können. Bezeichnend dafür ist ein von Du Castel beobachteter 
Fall. Es handelte sich um eine junge Frau, die in der rechten Glu- 
täalgegend, dicht bei der Rima ani ein grosses, an seiner Basis stark 
verhärtetes Geschwür aufwies, welches man anfangs für ein 
ulceriertes Syphilom hielt, bis die genauere Untersuchung die 
sarkomatöse Natur desselben ergab '). 



1) E. Hofmann und Dittrich, Anikel ,, Päderastie" in: Eulen buri^ 's ,,EncykIo- 
pädie", Bd. XVIII, S. 206. 

2) V. Embden a. a. O., S. 382. 

3) Kelsey a. a. O., S. 149. 

4) K, Franks, ,, Ungewöhnlich grosse Analfibroide" (British Medical Journal 1894, 
3. Nov.), Referat in: Monatshefte 1895, Bd. XXI, S. 189. 

5) Kelsey a. a. O., S. 150. 

6) Lejars in: Annales des nialadies des organes genito-urinaires 1897, Nr. 4. 

7) Du Castel, „Ueber ein Sarkom des Afters'' nach: Monatshefte für Derma- 
tologie 1895, Bd. XX, S. 398—399. 



— 434 — 

§ 3o Die pseudosyphilitisehen Affektioneii der Mundhöhle, 
des Rachens und der Xase. 

Eine Prädilectionsstelle für das Auftreten der syphilitischen 
Krankheitserscheinungen bildet die zarte, mannigfaltigen Reizungen 
ausgesetzte Schleimhaut der Mundhöhle und des Rachens. „Nächst 
der allgemeinen Decke," sagt Neumann i), „giebt es kein Organ oder 
Organteil, welches von der Syphilis in allen ihren Stadien so häufig 
ergriffen wird wie die Schleimhaut der Mundhöhle und des Rachens. 
Die mechanischen, chemischen und thermischen Reize, denen die 
Schleimhaut dieser Bezirke ausgesetzt sind, möglicherweise auch der 
Einfluss der in grosser Menge in der Mundhöhle vorkommenden 
Bakterien erklären zur Genüge die grosse Häufigkeit der syphili- 
tischen Affektionen dieser Organe." 

Aber ebendieselben Eigentümlichkeiten sind auch die 
Ursache der nicht minder grossen Frequenz syphilisähnlicher 
Erkrankungen der Mundhöhle, die hier um so grössere differential- 
diagnostische Schwierigkeiten bereiten, als selbst die specifisch syphi- 
litischen Affektionen der Mundhöhle hier in anderer Weise auttreten 
als an den übrigen Stellen des Körpers. Die Blasen- und Pustel- 
formen der Haut erfahren „durch die abweichende Beschaffenheit des 
Grundgewebes, durch äussere Einwirkung wie erhöhte Temperatur, 
permanente Befeuchtung, Druck und Reibung, chemische Wirkung 
der Ingesta und der Secrete der Mundhöhlendrüsen sehr beträchtliche 
Veränderungen," 2) durch welche ihr specifischer Charakter mehr oder 
weniger verwischt wird. So kommt es, dass nirgends die Frage: 
syphilitisch oder nichtsyphilitisch? schwieriger zu beantworten ist, als 
bei den Affectionen der Mundschleimhaut, die bei verschiedenartiger 
Aetiologie oft ein völlig gleiches Aussehen darbieten. Auch ist das 
Vorkommen solcher pseudosyphiHtischen Affektionen in der Mund- 
höhle ein sehr häufiges wegen der oben angeführten Schädigungen 
und äusseren Einflüsse, deren Wirkung durch die „exponierte Lage" 
(Lieven)'') der Organe des Mundes und Rachens begünstigt wird. 
Da für die primären syphilitischen Affektionen der Mundhöhle 
relativ häufig ein venerischer Ursprung durch widernatürlichen 
Geschlechtsverkehr (Coitus in os, P'ellatio, Cunnilingus) in Betracht 



i) J. Neumann, „Syphilis", S. 287. 

2) Neumann a. a. O., S. 297. 

3) A. Lieven, „Die Syphilis der oberen Luftwege u. s. w. Teil II. Die Syphilis 
der Mund- und Rachenhöhle", Jena 1900, .S. 38. 



— 435 — 

kommt — Venot^) nennt nach seinen Erfahrungen bei den Prosti- 
tuierten von Bordeaux den Mund geradezu „l'alter eg-o du canal vulvo- 
uterin" — so dürfte anch bisweilen für die Aetiologie gewisser 
pseudosyphilitischer Affektionen ein gleicher error loci anzunehmen 
sein. Der weiche Schanker wird wohl fast ausschliesslich durch 
solchen perversen Geschlechtsverkehr auf die Schleimhaut der Lippen 
und der Mundhöhle übertragen-'), wenn auch diese Localisation nur 
selten zu erfolgen scheint^). 

Ebenso scheint unter Umständen der Coitus per os eine gonor- 
rhoische Stomatitis mit Ulceration herbeiführen zu können. Von 
Menard wurden mehrere derartige Fälle beobachtet. Cutler be- 
richtet über einen Fall, wo bei einem 21jährigen Mädchen nach Coitus 
per os schon am folgenden Tage eine Entzündung der Mundhöhlen- 
schleimhaut mit eitriger Secretion sich einstellte, die zu Einrissen 
und Geschwüren an Wangen, Lippen und Zunge führte, wobei im 
Secrete dem Gonokokkus sehr ähnliche Mikroorganismen gefunden 
wurden^). Nach Horand soll sogar ein Mann durch Coitus in os 
bei einem Mädchen sich einen Tripper zugezogen haben ''). Jeden- 
falls ist durch Rosinski, Dohrn u. a. die Existenz einer Stomatitis 
gonorrhoica bei Neugeborenen sichergestellt, und so dürfte auch wohl 
das Vorkommen derselben bei Erwachsenen w^ahrscheinlich sein. 

Es ist möglich, dass auch noch andere Hautleiden in der Um- 
gebung des Mundes durch widernatürlichen Geschlechtsverkehr und 
durch Küssen übertragen werden können. Hieran muss man auch 
bei Beurteilung des rätselhaften „Mentagra" der römischen Kaiserzeit 
denken, dessen Natur später zu untersuchen sein wird. Auch jene 
merkwürdigen Beobachtungen von Santlus'') vom Auftreten einer 
Sycosis parasitaria nach Cunnilingus sollen in jenem Zusammen- 
hange näher erörtert werden. Die Möglichkeit einer nichtsyphilitischen 
Infection durch Cunnilingus ist also ebenfalls ins Auge zu fassen. 

Immerhin stellen diese Fälle relativ seltene Erscheinungen dar 
in Vergleichung mit der grossen Häufigkeit der entzündlichen 
Veränderungen in der Mund- und Rachenhöhle, welche mit syphi- 
litischen Affektionen verwechselt werden können. 



i) Venot a. a. O., S. i6. 

2) J. Neumann, ,, Syphilis", S. 17. 

3) E. Lang, ,, Vorlesungen über Syphilis", S. 298. 

4) J. Lang, „Der venerische Katarrh", Wiesbaden 1893, S. 107. 

5) Ibidem, S. 107. 

6) Santlus, „Eine Fiage über die Bartfinne (MentagraJ" in: Deutsche Klinik 1854, 



s. 377. 



— 436 — 

Was zAinächst derartige pseudosyphilitische Affektionen der Lippen 
betrifft, so giebt es auch hier solche, die offenbar auf einer Infek- 
tion (durch Küssen u. a.) beruhen, also sehr leicht eine Verwechse- 
lung mit syphilitischen Leiden veranlassen können. 

Der Zahnarzt Paul Ritter beobachtete häufig akute Oedeme 
der Lippen, besonders bei Näherinnen, die er als Folgen einer Lifek- 
tion betrachtet, bei denen manchmal die L^nterscheidung von einem 
syphilitischen Primäraffekt sehr schwer ist. Bisweilen entstehen diese 
Lippenödeme auch im Verlaufe einer Zahn - Periostitis '). 

Eine weitere contagiöse Erkrankung der Lippen ist die ulcerosa 
Rhagade der Mundwinkel, die sogenannte „Faulecke", die, wie 
Lang2) hervorhebt, ihrem Sitze und Aussehen nach sehr an eine 
syphilitische Affektion erinnert. Er beschreibt dieselbe folgendermassen : 

„Die Faul ecke repräsentiert sich als ein kleines Spaltgeschwür, als eine uiceröse 
Rhagade an den Mundwinkeln. Man findet gewöhnlich eine mehrere Millimeter lange bis 
in das Corium hineinreichende, empfindliche Dehiscenz, mit belegtem Grunde und weisslich 
verfärbten, leicht aufgelockerten und etwas prominenten Rändern; bei verwahrlosten Indi- 
viduen erreicht die Faulecke den Umfang eines Gerstenkorns. Dieses Spaltgeschwür wird 
am gewöhnlichsten durch Trinkgeschirre, gelegentlich auch durch Küsse und andere Be- 
rührungen übertragen ; gemeinsame Trinkbecher an öffentlichen Brunnen geben häufig ein 
Infektionsmedium ab. Die Ansteckung macht sich sehr rasch, namentlich schon nach 
Stunden, bemerkbar und betrifft bald nur einen, bald beide Mundwinkel. Uebertragungen 
auf andere Regionen sind mir nicht vorgekommen ; nur einmal habe ich den Prozess von 
den Mundwinkeln gegen die Wange hin, in einer Linie, die der Berührung beider Zahn- 
reihen entspricht, sich foitsetzen sehen; möglich, dass in dem Falle Bissstellen an der 
Wangenschleimhaut die Autoinoculation mit dem Sekrete der Mundwinkel begünstigt haben. 
Die benachbarten Lymphdrüsen sind in der Regel in keine Mitleidenschaft gezogen. — Die 
Faulecke heilt, wenn den gewöhnlichen Gesetzen der Reinlichkeit Rechnung getragen wird, 
in wenigen Tagen; bei Vernachlässigung kann der Zustand eine unabsehbar lange Zeit 
dauern." 

Eine dritte infektiöse Erkrankung der Lippen stellt die eine 
auffallende Aehnlichkeit mit serpiginösen syphilitischen Geschwüren 
darbietende „ Katocheilitis der Schnitter" oder „serpiginöse 
mykotische Ulceration der Unterlippe" dar, welche Moretti 
in den italienischen Marken beobachtet hat. Nach Tommasoli 
handelt es sich um eine parasitäre Form des Ekzems-') 



i) P. Ritter, ,,Zahn- und Mundleidcn mit Bezug auf Allgemein-Erkrankung", 
Berlin 1897, .S. 120; „Beitiag zur Diagnose und Therapie syphilitischer Affektionen der 
Mundhöhle und der Kieferknochen" in: Zahnärztliche Rundschau 1899, Nr. 377, -S. A., S. 5. 

2) E. Lang, ,,Das venerische Geschwür",' Wiesbaden 1887, S. 42 — 43. 

3) Tommasoli in: Rivista Clinica di Bologna 1887, Nr. 3 (Referat in: Monats- 
hefte für Dermatologie 1887, Bd. VI, S. 630 — 631). 



— 437 — 

Auch Lieven^) macht darauf aufmerksam, dass die krustösen 
Ekzeme der Lippen sowohl einer syphilitischen Erosion als auch 
einem krustösen Schanker sehr ähnlich sehen können. Besonders 
durch häufiges Kratzen mit dem Fingernagel und Abreissen der 
Kruste, auch durch Touchieren mit Höllenstein kann eine völlige In- 
duration des Grundes hervorgerufen werden, so dass „ein der spe- 
cifischen Induration täuschend ähnliches Bild entsteht." 

In der „Clinical societ_y of London'" stellte 1901 Tarn er einen 
58jährigen Mann mit einer eigentümlichen Affektion der Lippen vor, 
die er als „intraktable LI Iceration"' bezeichnete. Anderthalb 
Jahre vorher hatten sich bei dem Patienten ausgedehnte Ulcerationen 
am Zahnfleisch des Oberkiefers gezeigt, die die Entfernung fast aller 
oberen Zähne erforderlich machten. Nach Heilung dieser ülceration 
zeigten sich vor 6 Monaten die gleichen auf den Innenflächen der 
Ober- und L'nterlippe, die sich allmählich auch auf die Aussenflächen 
ausdehnten nnd äusserst schmerzhaft waren. Syphilis konnte als Ur- 
sache ausgeschlossen werden, da alle Arten der specifischen Therapie 
sich als gänzlich wirkungslos erwiesen -). 

Volkmann^) beschrieb als „Myxadenitis labialis"" eine Er- 
krankung der Lippenschleimhaut, deren Wesen eine geschwulstartige 
Hypertrophie der Lippenschleimdrüsen darstellt. Solche eigentüm- 
lichen Krankheitsformen wurden auch von Eränkel und Wright 
beobachtet. Nach Lieven^) unterscheiden dieselben sich so wenig 
von der von Thimm und von v. Düring gegebenen Beschreibung 
der specifischen Infiltration der Lippenschleimdrüsen, dass ohne x\na- 
mnese und ohne specifische Therapie eine Entscheidung über den 
Charakter der Affektion unmöglich ist. 

* 

Unter den entzündlichen pseudosyphilitischen Affektionen der 
eigentlichen Mundhöhle sind zunächst die verschiedenartigen Formen 
der Stomatitis zu erwähnen. 

Nach Lang^) zeigt bei Frauen eine benigne Stomatitis, 
die in Form seichter Geschwüre auftritt, einen gewissen Zusammen- 
hang mit der Sexualität, indem dieselbe meist während der Laktation 



i) Lieven a. a. O., S. 9. 

2) Referat in: Deutsche Medizinal-Zeitung 1901, Nr. 23, S. 274. 

3) R. Volkmann, ,, Cheilitis glandul. aposlematosa" in: Virchow's Archiv, Bd. L, 
142. 

4) Lieven a. a. O., S. 57. 

5) E. Lang, ,, Vorlesungen über Sj'philis", 2. Aufl., S. 298. 



— 438 - 

(„Stomatitis materna" der Alten), der Gravidität oder der Menstruation 
erscheint, auch öfter pathologische Zustände des Uterus begleitet. 

Wichtiger ist die eigentliche Stomatitis ulcerosa, die ent- 
weder als idiopathische contagiöse Infektionskrankheit auftritt oder 
auch im Gefolge schwerer fieberhafter Allgemeinleiden erscheint >) 
und sich durch schmerzhafte Schwellung und Bildung zahlreicher Ge- 
schwüre auf der Lippen- und Wangenschleimhaut und auf der Zunge 
auszeichnet'^). 

Die Singhalesen Ceylons leiden besonders in den Kinderjahren 
vielfach an einer Stomatitis (Stomacace simplex vesiculosa), 
die man dem Essen unreifer Früchte (Ananas) zuschreibt ^j. 

Die bedeutsamsten Formen der Stomatitis sind die durch Herpes 
und durch Aphthen hervorgerufenen. 

Die Unterscheidung eines Herpes der Lippen und einer Stoma- 
titis herpetica von syphiHtischen Symptomen, insbesondere von Pla- 
ques muqueusos ist oft sehr schwierig. Nach Lieven^) besteht ins- 
besondere zwischen der einzelnen Herpeserosion, welche aus dem 
geplatzten Bläschen resultiert und einer erosiven kleinen Plaque mu- 
queuse oft eine „absolute Aehnlichkeit". Die meist als so charakte- 
ristisch angegebene polycyklische Begrenzung der Herpeserosion en 
ist in der Tiefe der Mundhöhle oft kaum oder gar nicht zu erkennen. 
Eine weitere Schwierigkeit ist die, dass der Herpes mit Vorliebe 
einen locus minoris resistentiae befällt, daher häufig auch nach einer 
syphiHtischen Erkrankung der Mundhöhle in derselben auftritt und 
ähnlich den Plaques muqueuses öfter recidi viert. Daraus erklärt 
sich die überaus häufige Verwechslung der herpetischen Affektionen 
der Lippen- und Mundhöhlenschleimhaut, die auch Köbner^) kon- 
statiert. Auf die für die Diagnose noch fatalere Kombination einer 
Stomatitis herpetica mit einem Genitalherpes wird im folgenden Para- 
graphen hingewiesen werden. Erwähnt sei nur noch, dass auch der 
Herpes zoster der Mund- und Rachenschleimhaut schon oft mit 
syphilitischen Affektionen verwechselt wurde *^). 



1) Vergl. darüber Schrakamp, „Zur Diffcrenlialdiagnose der Erkrankungen der 
Mundhöhle" in: Deutsehe med. Wochenschrift 1887, Nr. 41, S. 892 — 894. 

2) Lang a. a. O., S. 298; A. Hirsch, „Handbuch der historisch-geographischen 
Pathologie", 2. Aufl., Stuttgart 1883, Bd. II, -S. 356. 

3) A. AVernich, ,, Geographisch-medizinische Studien u. s. w.", Berlin 1878, S. 371. 

4) Lieven a. a. O., .S. 42. 

5) H. Köbner, ,,Uaber Pemphigus vegetans u. s. w.", a. a. O., S. 63. 

6) Ibidem, S. 63 — 64. 



— 439 — 

Gewöhnlich findet man in den dermatologischen Lehrbüchern 
angegeben, dass die vStomatitis aphthosa fast ausschliesslich bei 
Kindern vorkomme. Nach den Erfahrungen vielbeschäftigter Zahn- 
ärzte kommen die aphthösen Geschwüre aber auch sehr häufig bei 
Erwachsenen vor. Ich hatte selbst Gelegenheit, kürzlich einen der- 
artigen Fall zu beobachten, in welchem auch von Zahnarzt P. Ritter 
die Diagnose „Aphthen" gestellt wurde. Die Unterscheidung von 
syphilitischen Plaques und Erosionen der Mundhöhle ist um so 
schwieriger, wenn das aphthöse Geschwür, eine seichte grauweise 
oder gelbliche Ulceration darstellend, nur einzeln auftritt, was bei 
Erwachsenen öfter vorkommt als eine Ausbreitung der Aphthen auf 
die Schleimhaut der ganzen Mundhöhle, die bei Kindern die Regel 
ist. Bei Erwachsenen haben die aphthösen Geschwüre, wie auch in 
dem von mir beobachteten Falle, meist ihren Sitz am Zahnfleische, 
wo sie bald durch Schmerzhaftigkeit, leichte Anschwellung der nächst- 
gelegenen Lymphdrüsen sich bemerkbar machen. Sie pfleg-en auf 
Pinselung mit Jodtinktur, Aetzung mit dem Höllensteinstift oder auch 
blosse vSpülung mit antiseptischen Mundwässern schnell zurückzugehen '). 
Auf die grossen diagnostischen Schwierigkeiten bei Aphthen hat auch 
H. Isaac hingewiesen. In einem Falle, wo von einem Arzt Syphilis, 
von einem anderen Tuberkulose diagnosticiert war, trat entsprechend 
Isaacs Diagnose ,, Aphthen" bei Anwendung von Kali chloricum 
Heilung ein-). Es braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, dass 
es sich hierbei fast immer um Individuen handelt, die niemals syphi- 
litisch infiziert w^orden sind. Recht oft mögen dann solche aphthösen 
Geschwüre und Erosionen, die bisher in der dermatologischen Litte- 
ratur viel zu wenig gewürdigt wurden , fälschlich für syphilitische 
Plaques gehalten worden sein. Unter Umständen können durch 
Aphthen auch destruktive Prozesse hervorgerufen werden. So berichtet 
v. Embden sogar über eine Zerstörung des Gaumenseg'els durch 
Stomatitis aphthosa^). Zu den aphthösen Leiden der Mundhöhle ge- 
hören auch die sogenannten „Bednar' sehen Aphthen" der Kinder, 
die ihren Sitz gewöhnlich am harten Gaumen haben, wo sie rundHche, 
wie mit dem Locheisen ausgeschlagene Geschwüre bilden, die oft 
einen grossen Teil der Schleimhaut des harten Gaumens überziehen, 
ferner die Stomatitis aphthosa epizootica, die Maul- und Klauenseuche, 



1) Vergl. dazu P. Ritler, ,,Zahn- und INIundleiden", S. l8o, S. 190; ,, Beitrag 
zur Diagnose u. s. \v.'', S. 7 u. 8. 

2) Deutsche Medizinal-Zeitung 1893, Nr. 44. S. 495. 

3) V. Embden a. a. O., S. 417. 



— 440 — 

die aber wohl wegen ihres stürmischen Verlaufes als pseudos3^phili- 
tische Affektion nicht in Betracht kommt. 

Eine Reihe von Mundentzündungen, die durch sekundäre Infektion 
infolge vernachlässigter Mundpflege zustande kommen, wobei die 
zahlreichen schädlichen Pilze der Mundhöhle eine ätiologische Rolle 
spielen, fasst Ritter unter dem Namen der „Stomatitis sordida" zu- 
sammen'). Sie dürfte wohl seltener Schwierigkeiten in der Diagnose 
machen. 

Dagegen muss die Stomatitis mercurialis als eine der wich- 
tigsten pseudosyphilitischen Affektionen bezeichnet werden , da sie 
„ausserordentlich häufig Bilder hervorbringt, die nur auf Grund reich- 
licher Ueberlegung" und reicher Erfahrvmg" von der Papulose zu unter- 
scheiden sind"-). Die merkuriellen Plaques und Geschwüre sind oft 
durch nichts von den syphilitischen zu unterscheiden. Die oft betonte 
Schmerzhaftig'keit kommt auch bei S3^philitischen Erosionen vor. Die 
begleitenden entzündlichen Veränderungen sind nicht immer so stark 
ausgeprägt, dass sie eine sofortige sichere Eeststellung der Natur des 
Geschwüres ermöglichten. Erst längere Beobachtung und die Steige- 
rung der Erscheinungen durch eine Quecksilberbehandlung können 
dann die Diagnose klarstellen. 

Als Folgen häufig^er Quecksilberkuren erwähnt Ritter „soor- 
artige Infiltrationen" im Munde, an den Tonsillen und auch auf 
dem Zäpfchen, die Aehnlichkeit mit den glänzenden roten Flecken 
haben, die man h;iufig bei »Syphilitikern sieht •^). Der eigentliche 
Soor der Kinder dürfte differentialdiagnostisch kaum in Betracht 
kommen. 

Auch ohne das Vorhandensein einer eigentlichen Stomatitis kommen 
zahlreiche Geschwürsformen der verschiedenartigsten Aetiologie in 
der Mundhöhle, vor, die sich mit Vorliebe auf der Zunge lokalisieren, 
die ja auch für syphilitische Affektionen einen Prädilectionsort 
darstellt. 

Solche Geschwüre werden z. B. bei Glossitis superficialis be- 
obachtet, deren Wesen in einer hochgradigen Verdüimung' und 
Vulnerabilität der Schleimhaut besteht, welche auf Irritamente ver- 
schiedener Art durch Bildung- einer oberflächlichen Ulceration reagiert. 
Diese verbindet sich nach Lieven zuweilen mit einer reaktiven Indu- 



1) Ritter, ,,Zahn- und Miindlciden", S. i66. 

2) Lieven a. a. <)., S. 43. 

3) Ritter a. a. O., S. 233. 



— 441 — 

ration des Geschwürsgrundes und Randes, die durchaus eine syphiH- 
tische Sklerose vortäuschen kann i). 

Eine ähnliche reaktive Härte bieten die traumatischen Zungen- 
und Wangen geschwüre dar, die infolge der Irritation durch kariöse, 
scharfkantige Zähne sich bilden und deren Frequenz eine ziemlich 
grosse ist-). Förster^) beschreibt diese ,,Reizungsg-eschwüre" folg'ender- 
massen : 

„Diese Geschwüre sind ziemlich tief, kraterförmig, haben harte 
Ränder und Basis, und nicht selten ist ring-sum durch eine partielle 
chronische Glossitis das Zungenparenchym angeschwollen und hart". 

Aehnliche Geschwüre entstehen auch durch die Einwirkung- 
ätzender Stoffe z. B. Schwefelsäure und durch Verbrennung mit 
heissen Speisen. So beobachtete Dron syphilisähnliche Plaques am 
Gaumen als Folge einer Verbrennung' durch heisse Kartoffel n'*). 
Fang hat in seinem Werke über Syphilis die Abbildung (Fig. 55 
S. 308) eines eigentümlichen ringförmig'en Ulcus der Zunge, welches 
er als „coccog'enes" bezeichnet, da sich bei dem betreffenden Patienten 
weder für Tuberkulose noch für Syphilis irgendwelche Anhaltspunkte 
gewinnen Hessen. Die annuläre P'orm macht diese Ulcera S3'phili- 
tischen Geschwüren täuschend ähnlich. 

Andere merkwürdig-e Geschwürsformen der Mundhöhle sind 
nachweisbar neurotischen Ursprungs. Sibley, der drei solche 
Fälle beobachtete, bezeichnet dieselben als „vStomatitis neurotica 
chronica". Er sah diese Ulcerationen, welche den aphthösen Ge- 
schwüren sehr ähnlich sind, bei hysterischen oder stark nervösen, 
beinahe geistesgestörten Frauen^). Kirk, der ebenfalls solche neuro- 
tischen Ulcerationen beobachtete, glaubt, dass sie mit Störungen der 
Schilddrüsenfunktion zusammenhängen, da bei Myxödem oft Risse 
auf der Zung-e vorkommen*^). A. Court berichtete über den Fall 
einer 36jährigen, weder an Syphilis noch an Tuberkulose leidenden 
Frau, die seit 10 Jahren mit chronischen Ulcerationen im Munde be- 



1) Lieven a. a. O., S. 12. 

2) Vergl. B. Collomb, „Medizinisch-chiiiirgisclie \Veike", deutsch von W. Harcke, 
Braunschweig 1800, Bd. 11, S. 339 — 341; v. Em b den a. a. O., S. 456; Lieven a. a. 
O., S. 12. 

3) A. Fürster, ,,Handliuch der pathologischen Anatomie", 2. Aufl., Leipzig 1863, 
Bd. II, S. 38. 

4) Dron, ,, Lesions pseudoveneriques" in: Lyon medical 1900, Nr. 44. 

5) W. K. Sibley in: British Medical Journal vom 15. April 1899 (Referat in: 
Monatshefte für Dermatologie 1900, Bd. XXX, S. 445. 

6) R. Kirk, ibidem 20. Mai 1899. 



— 442 - 

haftet war, welche sich besonders bei nervösen ErrecrunQSZuständen 
verschlimmerten 1). Hudelo beschrieb Ulcera des Mundes tabischen 
Ursprungs. Sie fanden sich an der Schleimhaut des Unter- und 
Oberkiefers, zeigten einen grauen fungösen Grund, waren absolut 
anästhetisch und nahmen die ganze Dicke der Schleimhaut ein, so 
dass sie unverkennbare Analogien mit dem „Mal perforant" aufwiesen. 
In der Diskussion erklärte der Syphilidologe A. Fournier dieses Ge- 
schwür für ein veritables Mal perforant des IMundes-). 

Einen eigentümlichen Fall von Geschwürsbildung am harten 
Gaumen stellte v. Szontagh im ärztlichen Verein zu Budapest vor: 

,,Karl T . . ., 6 Wochen alt, wurde am 9. Dezember 1887 im Ambulatorium des 
Budapester Stefani-Kinderhospitals vorgestellt. Am harten Gaumen rechts, etwas nach vorn 
von dem Ort, wo wir die Bednar 'sehen Aphthen anzutreffen pflegen, d. i. dem hamulus 
pterj'goidevis, war ein ungefähr Fünfpfennigstück giosses, grünlichgelbes, weissfarhiges Ge- 
schwür sichtbar, an dessen Peripherie die angrenzende Schleimhaut bedeutend geschwollen 
war. Das Bild, das das Geschw'ür bot, entsprach keinem der ulcerativen Prozesse, die am 
harten Gaumen im Jünglingsalter beobachtet werden. I^ues konnte mit Sicherheit ausge- 
schlossen werden, auch war der Säugling gut genährt, d. h. nicht atrophiert, an ein Ge- 
schwür decubitalen Ursprungs war auch nicht zu denken. In dem Geschwürsgrunde konnte 
die Sonde nirgends auf entb!(")ssten Knochen stossen. Therapie machtlos. Am 13. April 
— nach viermonatlicher Behandlung — - wurde mittelst Sonde in der Tiefe des Geschwürs 
ein resistenter Körper entdeckt, der mit Leichtigkeit befreit werden konnte, und zum nicht 
geringen Erstaunen als ein wurzelloser Molar zahn sich entpuppte. Jetzt erfolgte 
spontane Heilung" ''). 

In g-anz hervorragendem Masse können insbesondere die syphili- 
tischen Plaques muqueuses der Zunge und des Mundes von anderen 
Affektionen nachgeahmt wereen. In Fournier's differentialdiagno- 
stischer Zusammenstellung^) fig-urieren: der recidivierende Herpes, die 
Aphthen, Hydroa des Alundes, Glossitis exfoliativa marginata, 
die „Perleche (eine in Epidemieen auf den Lippen der Kinder auf- 
tretende epitheliale Exfoliation der Schleimhaut mit einer ulcerösen 
Furche), die Stomatitis mercurialis, die traumatischen Ulcerationen der 
Mundschleimhaut durch kariöse Zähne, der weiche Schanker, ulce- 
rierte Psoriasisplaques, Ulcerationen des Zungenbändchens 
bei Keuchhusten. 



ij Court, ibidem 20. Mai 1899. 

2) Referat in: Deutsche Medizinal-Zeitung 1893, Nr. 57, S. 637. 

3) F. V. Szonthag, ,,Ein interessanter Fall von Geschwürsbildung am harten 
Gaumen bei einem fünfmonatlichen Kinde" in: Monatshefte für Dermalolugie 1889, Bd. 
VIII, S. 188. 

4) Foiirnier, , .Diagnostic diffeienlial des plaques muqueuses" in: La niedecine 
moderne 1900, Nr. 47. 



— 443 — . 

Die sogenannte „Glossitis exfoliativa", die man früher zur 
Syphilis rechnete, ist von Fournier davon abgetrennt worden, sie 
hängt nach Besnier und Barthelemy mit Verdauungsstörungen zu- 
sammen'). Mit ihr dürfte auch die Erscheinung der „wandernden 
Hecken" und der ,, Plaques benignes" zusammenhängen. Ueber alle 
diese Affektionen bemerkt Lang: 

„Sehr oft mag folgende an der Zunge beobachtete Veränderung für Syphilis imponieren. 
Am Zungenrande und an der Zungenspitze, weniger häufig am Rücken und an der unteren 
Fläche dieses Organes, gewahrt man manchmal verschieden grosse, einzeln stehende oder in- 
einander fliessende, rote, nur sehr wenig oder gar nicht infiltrierte Flecke, die von einem 
scharf gezeichneten, schmalen, schmutzigweissen oder lehmgelben Epithelsaume lungeben sind. 
Diese Plaques beobachten nach Einigen (Gubler, Wilhelm Hack) ein continuierliches 
Fortschreiten, nach Anderen verharren sie selten längere Zeit im gleichen Zustande, sondern 
wechseln sehr häufig Form und Sitz; oder sie verschwinden ganz, um, wie ich wiederholt 
beobachtet habe, nach längerer oder kürzerer Zeit wieder sichtbar zu werden; Beschwerden 
veranlassen sie nicht, ausgenommen sie führen zu Erosionen und UIcerationen. Ich habe 
solche Flecke an der Zunge bei Kindern und Erwachsenen , einzelne Male neben Ver- 
dauungsstörungen, gesehen. Alterationen des Intestinal tractes und herabgesetzte Ernährung 
(Anämie) scheinen thatsächlich in den meisten Fällen zu diesen Plaques in Beziehung zu 
stehen (Möller), J. Caspary, P. G. Unna, V. Gautier." ^) 

Eine wichtige pseudosyphilitische, mit Plaques muqueuses sehr 
leicht zu verwechselnde Affektion stellt auch die sogenannte Leuko- 
plakia buccalis dar, die zwar noch von dem ersten Monographen 
E. Schwimmer als selten hingestellt wurde 3), aber in der letzten 
Zeit als eine ziemlich häufige Erscheinung erkannt worden ist. 

Schwimmer hat als ätiologische Momente der nichtsyphili- 
tischen Leukoplakie hauptsächlich die Einwirkung von Seite des 
Verdauungstractes und den Einfluss des Tabaks bezeichnet^). 
In Beziehung auf letztere Ursache sagt schon Ricord: „Auch die 
bei Pfeiferauchern entstehenden „Aphthen" sind ins Auge zu 
fassen. Die Schleimhaut zeigt sich hier an Wangen und Zunge ver- 
dickt, vorspringend, hart, von grauem Aussehen, wodurch sie oft den 
Schleimhautplaques ähnelt. Bisweilen findet man Kranke mitten 
in voller Alercurialbehandlung', deren Mundschleimhaut 
nichts zeigt als Pfeifensymptome!"^) 

Eine von den französischen und englischen Aerzten längst fest- 
gestellte Thatsache ist ferner, dass Gicht sehr häufig Ursache der 



1) Monatshefte für Dermatologie 1898, Bd. XXVII, S. 142. 

2) E. Lang a. a. O., S. 301. 

3) E. Schwimmer, „Die idiopathischen Schleimhautplaques der Mundhöhle (Leuko- 
plakia buccalis)", Wien 1878, S. 28. 

4) Ididem S. 1 1 1 . 

5) Ph. Ricord, „Pathologie und Therapie der venerischen Krankheiten", 2. Aufl., 
Hamburg 1852, S. 13 1. 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. ^ 



— 444 — 

Entwickelung der Leukoplakie darstellt. Hier kommt der „Artri- 
tismus" wirklich zu Ehren. Dr. Bullin, eine anerkannte Autorität 
auf dem Gebiete der Mundkrankheiten, versicherte Dr. Lieven 
persönlich, dass die ätiologische Bedeutung- der Arthritis urica für 
ihn unumstösslich feststehe. Sämtliche von G. Petit beobachteten 
Fälle von Leukoplakie betrafen Gichtiker ^). Auch Diabetes soll 
Ursache von Leuköplakia buccalis sein 2). Ueber das Vorkommen 
dieser Affektion bei Hautleiden (Psoriasis u. a.) wird im nächsten 
Paragraphen berichtet werden. 

Das Aussehen dieser als Leuköplakia, „Lingua geographica", 
„Papeln der Zunge" u. a. m. bezeichneten Affektion bietet eine sehr 
grosse Aehnlichkeit mit syphilitischen Plaques muqueuses dar. 
Schwimmer sagt: „Vermöge der Lokalität der Erkrankung und 
ihres äusseren Bildes hat sie gerade mit den Syphiliden der Mund- 
höhlenschleimhaut eine so frappante Aehnlichkeit, dass man häufig 
in Versuchung kommt, diese Affektion immer nur als eine specifische 
zu betrachten. Zahlreiche Aerzte begehen in solchen Fällen einen 
beklagenswerten Irrthum, und da die Syphilis oft nur durch eine 
einzelne Symptomengruppe diagnosticiert werden kann, so genügt 
es, eine oder die andere von den zu beschreibenden Veränderungen 
in der Mundhöhle wahrzunehmen, um, auf falscher Diagnose fussend, 
auch eine nicht entsprechende Therapie einzuleiten" ^j. Wie die 
syphilitischen Plaques muqueuses gehen auch die leukoplakischen 
Flecken aus einem „erythematösen Vorstadium" hervor. Noch 
schwieriger kann die Unterscheidung werden, wenn, was O. Rosen- 
thal beobachtet hat*), die Lingua geographica zu papulären Er- 
hebungen führt. Es nimmt daher nicht Wunder, dass sogar in derma- 
tologischen Gesellschaften derartige Befunde zu lebhaften differential- 
diagnostischen Debatten Veranlassung geben, wie eine solche z. B. 
am 14. Januar 1896 in der Berliner dermatologischen Gesellschaft 
stattfand, ohne dass eine Einigung über die Deutung erzielt werden 
konnte^). Auch im Rachen hat man derartige Veränderungen be- 
obachtet*^). 



i) Lieven a. a. O., S. 40. 

2) Seegeii bei Lang a. a. O., S. 300. 

3) E. Schwimmer, Artikel ,,Leukoplalcia buccalis" in Eulenburg's Encyclopädie 
1897, Bd. XIII, S. 483. 

4) Lieven S. 46. 

5) Vergl. Lieven a. a. O., S. 46. 

6) Rosenberg, ,, Leuköplakia pharyngis non specifica" in: Berliner klinische Wochen- 
schrift i8q8, No. 18. 



— 445 — 

Nach Lang ist sicher ein Teil der Fälle von sogenannter 
„Glossitis cicatrisans" nichtsyphilitischer Natur, da er dieselbe 
auch bei Individuen beobachtete, die nie eine syphilitische Infektion 
erlitten hatten. Diese mit Erosionen und Verlust der Papillen ein- 
hergehende Affektion führt allmählich zu tiefen narbigen Einziehungen, 
wie diese auch in genau derselben Weise durch tertiärsyphilitische 
Prozesse hervorgerufen werden ^). 

Unter den chronischen Infektionskrankheiten der 
Mundhöhle, die mit Syphilis verwechselt werden können, ist zunächst 
die Aktino mykose zu erwähnen. Besonders scheint hier die 
Aktinomykose der Zunge in Betracht zu kommen. „Die Diagnose 
der Aktinomykose der Zunge ist nicht immer leicht: in manchen 
Fällen kann man sie leicht mit einer anderen Affektion, besonders 
mit Syphilis verwechseln, um so mehr, als die Behandlung der 
Aktinomykose und der SyphiHs ein und dieselbe ist (Jodbehandlung), 
so dass die aktinomykotische Affektion, wenn sie in Folge eines 
diagnostischen Irrtums als Syphilis gedeutet und dementsprechend 
mit Jod behandelt wird, unentdeckt bleiben und als Syphilis rubriziert 
w^erden kann""-). Smirnow unterscheidet verschiedene Formen der 
Zungenaktinomykose, nämlich i. Knoten in der Zungenspitze und 
dem Zungenrücken, 2. Fissuren und danach Knotenbildung, 3. schmerz- 
lose Zungenulcerationen. Gesichert wird die Diagnose nur durch die 
mikroskopische Untersuchung, welche die Anwesenheit der charak- 
teristischen Strahlenpilze ergiebt. 

Noma dürfte wohl kaum zu Verwechselungen mit Syphilis 
Anlass geben. 

Nach Lang pflegt die Syphilis innerhalb der Alund- und 
Rachenhöhle „am täuschendsten" durch Lupus nachgeahmt zu 
werden 3). Es ist dies besonders dann der Fall, wenn es sich um 
reinen „Schleimhautlupus" ohne Beteiligung der äusseren Haut handelt. 
Die lupösen Geschwüre und Infiltrate können syphilitischen Prozessen 
äusserst ähnhch sein. Sogar die narbigen Schrumpfungen in der 
Lippe durch diffuse syphilitische Infiltration finden sich genau in der- 
selben Weise auch bei Lupus ^). Auch Lupus der Zunge ist beob- 
achtet worden ^). 

i) Lang a. a. O., S. 307 — 308. 

2) W. J. Smirnow, „Aktinomykose der Zunge beim Menschen" in: Medizinische 
Woche 1902, Xo. 13, S. 133 — 136. 

3) Lang a. a. O., S. 302. 

4) Lieven a. a. O., S. 56. 

5) Darier in: Monatshefte für Dermatolotjie 1895, Bd. XXI, S. 229. 

29* 



— 446 — 

Ebenso schwierig wie beim Lupus ist die Differentialdiagnose 
zwischen den acuten tuberkulösen Geschwüren der Mundhöhle 
und den Erscheinungen der Syphilis, besonders dem Primäraffekte '). 
Solche Geschwüre kommen auf der Wangen- und Lippenschleimhaut 
und der Zunge-) und auf dem weichen^) und harten Gaumen*) vor. 
Wie schwierig manchmal die Unterscheidung derartiger Geschwüre 
von Syphilis werden kann, beleuchtet folgender am 2. Mai 1893 von 
Heller in der Berliner dermatologischen Vereinigung vorgestellter Fall. 

Die 28 jährige Patientin, die hereditär tuberkulös belastet ist, machte 1890 eine 
Lungenerkrankung durch, die nicht recht einer typischen Pneumonie entsprach. Sie wurde 
auch mit Tuberkulin behandelt, ohne auf die Einspritzungen zu reagieren. Schon vorher, 
1886, war sie infolge des sexuellen Verlcehrs mit einem jungen Manne er- 
krankt; es wurden ihr Vaginalausspülungen verordnet. Sie selbst hielt sich für syphilitisch 
und wandte sich, nachdem im Jahre 1891 Halsschmerzen, die keiner Behandlung 
wichen, aufgetreten waren, 1892 an einen Syphilidologen, der die Affektion mit Quecksilber- 
pillen behandelte. Sie entzog sich sehr bald der Behandlung und suchte ^/^ Jahre später 
Heller auf. Es wurde (April 1893) auf der Grenze zwischen hartem und weichem Gaumen 
ein Kranz von oberflächlichen Geschwüren konstatiert. Auf der linken Tonsille befand sich 
ein fünfpfennigstückgrosses missfarbiges Geschwür. Die Uvula, die beiden linken Gaumen- 
bogen, die linke Tonsille waren von kleinen, gelben Knötchen völlig durchsetzt, die ohne 
weiteres als miliare Tuberkel aufgefasst werden mussten. Ulcerationen der Epiglottis und 
der Stimmbänder wurden nicht konstatiert. Obwohl die Kranke ziemlich viel hustete, 
konnten an den Lungen nur geringe katarrhalische Erscheinungen konstatiert werden. Im 
Sputum wurden sehr spärlich Tuberkelbacillen gefunden. Ein Zeichen bestehender oder ab- 
gelaufener Syphilis (Leukoderma, Drüsenschwellung) wurde nicht eruiert. Zweifellos handelt 
es sich um einen Fall von Tuberkulose der Mundschleimhaut, die in ihren ersten Anfängen 
an Syphilis erinnerte und auch, zumal da die Anamnese für Syphilis sprach, eine antisyphi- 
litische Behandlung indiciert erscheinen Hess. Die Wichtigkeit der exakten Diagnose ist 
um so grösser, als die specifische Therapie, die für andere Kranke unschädlich ist, auf 
Tuberkulöse depotenzierend wirkt. 

In der Diskussion bemerkt G. Lew in, dass die primäre Tuberkulose der Mund- 
schleimhaut häufiger ist als man gewöhnlich annimmt, und dass vielleicht in einzelnen Fällen 
von der Erkrankung der Mundschleimhaut auch die Erkrankung der Lungen ausgeht, ebenso 
wie die tuberkulösen Analgeschwüre der Kinder nicht selten die Veranlassung zur Darm- 
tuberkulose geben ^). 

Die Lepra ruft häufig auf den Schleimhäuten, besonders der 
Mundhöhle, syphiHsähnliche Prozesse hervor*^), die besonders als Ulce- 
rationen auftreten. Ein solches lepröses Geschwür, welches einem 



i) Vergl. Lieven, a. a. O., S. 13; Lang a. a. O., S. 304. 

2) Rille in: Monatshefte 1899, Bd. XXVIH, S. 140. 

3) Schwimmer, ibidem 1898, Bd. XXyi, S. 405. 

4) Crocker, ibidem 1900, Bd. XXXI, S. 100. 

5) Referat in: Deutsche Medizinal-Ztg. 1893, No. 44, S. 494—495. 

6) Vergl. Lang a. a. O., S. 305. 



— 447 — 

syphilitischen täuschend ähnlich sah, beobachtete Wagner an der 
Schleimhaut der Unterlippe ^). 

Das Rhinosklerom der Schleimhaut der Mundhöhle und des 
Rachens ahmt mehr die Veränderungen der tertiären Syphilis nach, 
wie dies vor allem bei der Infiltration und Verunstaltung des Gaumens 
und Rachens hervortritt, welche nur sehr schwer von der gleichen 
durch Syphilis hervorgerufenen Veränderung zu unterscheiden ist-). 

Höchst bemerkenswert ist die Thatsache, dass an der Schleim- 
haut der Mundhöhle, insbesondere am weichen Gaumen und den 
Tonsillen Papillome und spitze Kondylome unter ähnlichen Um- 
ständen vorkommen wie an den Genitalien, d. h. als Folgen eines 
längere Zeit einwirkenden Irritamentes. Lang bezeichnet die Mehr- 
zahl dieser Papillome der Mundhöhle als venerische, weil sie am 
gewöhnlichsten neben venerischen Katarrhen zur Entwicke- 
lung gelangen^). Sie sind gestielt oder breitbasig wie die ent- 
sprechenden Vegetationen an den Genitalien und am Anus. Förster 
beobachtete diese Papillome als locale Geschwülste in Form kleiner 
rundlicher, platt aufsitzender oder gestielter, beerenartiger, körniger 
Körper am Zahnfleisch, dem Boden der Mundhöhle, der Innenfläche 
der Wangen und am Zäpfchen. Nach ihm gehören auch die von 
Schuh (Pseudoplasmen 1854, S. 64) beschriebenen „weissen Aus- 
wüchse" an der Schleimhaut der Backe, Lippe und des Gaumens 
hierher^). Ein gutartiges Papillom der Unterlippe mit schankerähn- 
licher Ulceration beobachteten Gaston und Henryk); Heidingsfeld 
sah solche Cond34omata acuminata auf der Zunge einer 24jährigen 
Puella publica*^); Albert beobachtete eine fast ausschliesslich bei 
Frauen vorkommende eigentümliche Neurose der Zunge, welche sich 
in Anfällen von Brennen, Prickeln und neuralgischen Schmerzen in 
der einen Zungenhälfte äusserte. Bei allen Kranken fand sich am 
Zungenrande, vor der Basis des Zungengaumenbogens eine kleine 
Excrescenz, einem Tripperkondylom an Gestalt ähnlich, welche 
auf Druck sehr schmerzhaft war und den Ausgangspunkt der Neu- 
rose bildete. Sie entwickelte sich offenbar aus der Papilla foliata '). 

1) H. L. Wagner in: New York medical Journal, 15. Oct. 1898, nach Monats- 
hefte u. s. w. 1899, Bd. XXVIII, S. 586. 

2) Rille a. a. O., S. 135. 

3) Lang, „Vorlesungen über Syphilis", S. 306. 

4) A. Förster a. a. O., S. 19 und Lang a. a. O., S. 305 — 306. 

5) Monatshefte für prakt. Dermatologie 1898, Bd. XXVII, No. 3, S. 141 — 142. 

6) M. L. Heidingsfeld, ,,Condylomata acuminata linguae oder venerische Warzen 
der Zunge", ibidem 1901, Bd. XXXIII, S. 291. 

7) Albert, Artikel ,, Zungenerkrankungen" in Eulenburg's Real-Encyclopädie der 
Heilkunde, 3. Aufl., 1901, Bd. XXVI, S. 513. 



- 448 — 

Sehr häufig täuschen Carcinome im Bereiche der Mundhöhle 
eine S3philitische Affektion vor. Hier bereitet die Differentialdiagnose 
zwischen Krebs und einem tertiären syphilitischen Neoplasma selbst 
erfahrenen Specialisten oft unüberwindliche Schwierigkeiten. Lieven 
bemerkt: „Beide Affektionen haben die neoplastische Tendenz 
und Neigung zum Zerfall der neugebildeten Gewebe gemeinsam. 
Wenn auch das Carcinom durch Vorwiegen der ersteren Eigenschaft 
charakterisiert ist, während beim ausgesprochenen Gumma die Er- 
weichung eine viel rapidere und umfangreichere zu sein pflegt, so 
kommen bei beiden Krankheiten dennoch derartige Modifikationen 
des Verlaufs vor, wodurch sie einander klinisch sehr ähnlich 
werden, sodass die Schwierigkeiten der Diagnose fast un- 
überwindlich sein können"^). 

Hauptsächlich kommt — neben den Lippen- und Wangenkrebsen 
— hier das Carcinom der Zunge in Betracht, welches häufig eine 
täuschende Aehnlichkeit mit einem Gumma zeigen kann. Langen- 
beck, Hutchinson, Jesset, I^ang u. A. haben die grossen vSchwie- 
rigkeiten der Differentialdiagnose zwischen beiden Affektionen hervor- 
gehoben ~), und es ist ja allbekannt, wie häufig Chirurgen vor der 
Operation eine antisyphilitische Therapie einleiten müssen, um selbst 
über den Fall ins Klare zu kommen. 

Unter den Rachenaffektionen stellen die verschiedenen Formen 
der Anginen das grösste Kontingent zu den pseudosyphilitischen. 
Trautmann hat neuerdings die einschlägigen Verhältnisse zusammen- 
gestellt und auf die grossen differentialdiagnostischen Schwierigkeiten 
auf diesem Gebiet hingewiesen^). Darnach treffen wir häufig das 
wichtigste Allgemeinsymptom der nichtsyphilitischen Anginen, das 
Fieber, auch bei den Anginen syphilitischen Ursprungs an. Was 
insbesondere die so sehr häufige Angina catarrhalis betrifft, so 
kann nach Trautmann eine Differentialdiagnose zwischen ihr 
und der Angina syphilitica catarrhalis oder erythematosa in „das 
Bereich der Unmöglichkeiten" gehören, da die subjektiven und ob- 
jektiven Symptome völlig identisch sein können, wie dies Fälle von 
Moritz Schmidt und Levinger beweisen. 



1) Lieven a. a. O., S. 57. 

2) Vergl. Lang a. a. O., S. 306 — 307. 

3) G. Trautniann, ,,Zur Differentialdiagnose von Dermatosen imd Lues bei den 
Schleimhauterkrankungen der Mundhöhle und oberen Luftwege", Wiesbaden 1903, S. 150 
bis 161. — Diese interessante Monographie ging mir erst während der Drucklegung meines 
Werkes zu und konnte nur für Bogen 29 und folgende benutzt werden. 



— 449 — 

Bei der Angina follicularis können die „kraterförmigen 
Substanzverluste" specifische Ulcerationen vortäuschen ^), ebenso kann 
die von C. König igoi beschriebene „Angina eroso-membranacea" 
mit Syphilis verwechselt werden, und eine von Vincent 1898 be- 
obachtete Anginaform erhielt von Raoul und Thiry den ihren 
pseudos3'philitischen Charakter deutlich kennzeichnenden Namen : 
Amygdalite ulcereuse chancriforme, da häufig durch dieselbe 
ein syphilitischer Mandelschanker vorgetäuscht wird. Die Häufigkeit 
dieser Form ist eine relativ grosse 2). 

Endlich beschrieb Heryng 1890 eine Exulceration des Pharjmx 
unter dem Namen des „benignen Pharynxgeschwüres"^), eine 
fast immer einseitige und solitäre, seichte Ulceration am vorderen 
Gaumenbogen über der Mandel mit scharfen Rändern und grau- 
weissem Belag, die häufig grosse Aehnlichkeit mit syphilitischen 
Geschwüren aufweist. 



Unter den Erkrankungen der Nase und der sie umgebenden 
Gesichtsteile machen die verschiedenen Formen der Acne häufig 
Schwierigkeiten in Bezug auf eine difFerentialdiagnostische Abgrenzung 
von syphilitischen Affektionen ähnlicher Art. 



1) Schon Ricord hat über diese und andere pseudosyphilitische Anginen interessante 
Beobachtungen mitgeteilt. In Lippert's Darstellung seiner Lehren (Hamburg 1852, 
S. 131 — 132) heisst es: „Ebenso findet man oft Zufälle an den Mandeln, die venerische 
oder merkuiielle Affektionen simulieren können. Die gewöhnliche febrile Angina bietet 
keine Anhaltspunkte für eine etwaige Verwechslung; aber ausserdem giebt es chronische 
fieberlose Zufälle der Mandeln and des Velum palatinum ohne allen spezifischen Cha- 
rakter. Den gelehrten Theoretikern, die, wie zur Mehrzahl, Sypbilophoben sind, genügt es 
freilich, wenn sie bei der Inspektion des Halses nur etwas Röte sehen, um sofort die Ueber- 
zeugung zu gewinnen, dass die Syphilis bereits in der zweiten Etage des Organismus ange- 
langt sei! Eine Affektion bedingt aber wirklich eine täuschende Aehnlichkeit — dies ist 
die chronische follikuläre Amygdalitis, eine Acne sebacea der Mandeln. Man findet 
hier an einem Punkte der Mandeln eine scharf abgeschnittene Ulceration mit grauem Grunde, 
während die Nachbargegend sich ganz kalt verhält. — Bisweilen werden die Geschwüre 
selbst gangränös, ohne starke Entzündung der benachbarten Gewebe; dann findet eine phage- 
dänische Zerstörung der Mandeln statt, die ganz die syphihtische Geschwürsform simuliert. 
Man muss diese Krankheitsform in ihrer Reinheit bei Individuen studieren, die frei sind 
von jedem Verdacht sj^^hilitischer Infektion." 

2) Vergl. Lieven a. a. O., S. 18; Trautmann a. a. O., S. 159 — 161. — Des 
selteneren Vorkommens einer primären Gangrän des Rachens sei nur beiläufig gedacht. 
Eine solche Beobachtung teilt Blume nau (Deutsche Med. AVochenschr. 1896, No. 26) mit. 

3) Heryng, „Ueber benigne Pharynxgeschwüre" in: Internat, klin. Rundschau 1890, 
Xo. 41 u. 42. 



— 4.50 — 

Die meisten Schwierigkeiten macht in dieser Hinsicht die Acne 
varioliformis und die ihr verwandte Acne necrotica^). Diese 
namentlich an der Stirn und den Schläfen, zuweilen auch im Gesicht, 
am Nacken und an der Brust lokalisierte Acneform zeichnet sich 
durch die Bildung von braunroten Knoten in gruppenförmiger 
Anordnung aus, die zu Pusteln und Borken sich ausbilden und mit 
Hinterlassung vertiefter Narben heilen. Diese Gruppenbildung macht 
die Aehnlichkeit mit Syphiliden oft ausserordentlich gross, wozu auch 
noch die specifische Wirkung der Quecksilbersalben auf diese 
AfFektion nicht wenig beiträgt, sodass eine Differentialdiagnose selbst 
für geübte Spezialisten manchmal Schwierigkeiten darbietet. 

So führt Kaposi 2) einen Fall von ausgebreiteter Acne varioli- 
formis des Gesichts an, bei „dem vor vielen Zeiten irrtümhch die 
Erkrankung für Syphilis angesehen worden war. Ebenso wairde ein 
Fall, den E. Schwimmer in der Sitzung der Ungarischen dermato- 
logischen Gesellschaft vom 5. Dezember 1895 vorstellte, von mehreren 
Anwesenden für Syphilis gehalten ^j, und in der Dermatologischen 
Gesellschaft von Grossbritannien zeigte Dr. x\braham am 27. November 
1895 einen Fall von Acne varioliformis der Wangen und der Stirn, 
der ebenfalls eine lebhafte Diskussion, ob Syphilis oder Acne, her- 
vorrief *). 

Sogar darin kann die Acne varioliformis den syphilitischen 
Exanthemen gleichen, dass sie eine universelle Ausbreitung unter 
Fiebererscheinungen erlangt. Grunewald-^) beobachtete einen solchen 
Fall mit tödtlichem Ausgange, wo lange die Diagnose zwischen 
Syphilis und Acne geschwankt hatte. Ja, es scheint bei diesen Fällen 
sogar, wie bei der Syphilis, eine Ansteckungsfähigkeit vorhanden 
zu sein, wie die merkwürdige von Ibotoon*') beobachtete Epidemie 
von Acne varioliformis bezeugt, die unter den Arbeitern einer Fabrik 
plötzlich ausbrach. 



i) C. Boeck, Ueber Acne frontalis und necrotica in: Archiv für Dermal, u. Syph. 
1889, Bd. XXI. 37—39; F. J. Pick, Zur Kenntnis der Acne frontalis seu varioliformis 
(Hebra), Acne front, necrotica (Boeck), ebendas. S. 551 — 560. 

2) M. Kaposi, Ueber einige ungewöhnliche Formen von Acne (Folliculitis) in: 
Archiv für Dermatologie 1894, Bd. XXVI, S. 87, vergl. auch Vorlesungen über die 
spezielle Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten, Wien 1893, 4. Aufl., S. 529 ff. 

3) Unna's Monatshefte 1896, Bd. XXII, No. 10, S. 526. 

4) Ibid. 1896, Bd. XXIII, No. i, S. 19.. 

5) Grunewald, Ein Fall von Acne varioliformis universalis mit tödtlichem Ausgange 
in: Unna's Monatshefte 1885, Bd. IV, S. 81 — 91. 

6) G. C. Ibotoon, Notizen über einige Hautaffektionen in: Lancet 14. Dec. 1901, 
(Referat in: Unna's Monatshefte 1902, Bd. XXXIV, No. 8, S. 418). 



— 451 — 

Eine andere Form der Acne, die bei schwerer Allgemein- 
erkrankung auftritt und dann oft Schwierigkeiten in Beziehung auf 
die Unterscheidung von syphilitischer Acne darbietet, ist die sogenannte 
Acne cachecticorum bei skrophulösen, tuberkulösen und diabetischen 
Individuen. Zumal wenn die Pusteln und Ulcerationen dieser eigen- 
tümlichen Affektion, wie gewöhnlich, an verschiedenen Teilen des 
Körpers auftreten und wenn nicht selten eine Caries der Knochen 
daneben zu Tage tritt, kann die Unterscheidung von Syphilis äusserst 
schwierig sein. Besonders die Geschwüre bei Acne cachecticorum 
gleichen oft täuschend den syphilitischen Geschwüren ^). 

Eine dritte destruierende Form der Acne, die von Kaposi 
zuerst beschriebene Acne exulcerans nasi führt ebenfalls zu 
Geschwürsbildungen an der Nase und deren Umgebungen, die mit 
syphilitischen Ulcerationen verwechselt werden können. In Kaposi 's 
Fällen war die Aehnlichkeit mit Syphilis pustulosa sehr gross-). 

Dass die Acne rosacea der Nase bisweilen syphilisähnliche 
Formen annehmen kann, hat schon v. Embden hervorgehoben^). 
In den späteren Stadien derselben kommen Knochen- und Geschwürs- 
bildungen vor, sowie Narben, die grosse Aehnlichkeit mit syphili- 
tischen Prozessen darbieten können, wie z. B. ein in der New Yorker 
dermatologischen Gesellschaft am 26. Januar 1886 demonstrierter 
Fall bewies^). 

In eben derselben fachwissenschaftlichen Gesellschaft fand im 
Jahre 1888 eine sehr interessante Debatte über einen Fall von Lupus 
erythematosus nasi statt, den Bronson demonstrierte, und der von 
einer grossen Zahl der Mitglieder für syphilitisch erklärt wurde, 
während schliesslich die Majorität sich für die erwähnte Diagnose 
entschied^). Auch Lesser konstatiert die Aehnlichkeit der allgemein 
ausgebreiteten Fälle der diseminierten Form des Lupus erythematosus 
mit papulösen Syphiliden ^). Namentlich wenn beim Lupus erythematosus 
der Nase und des Gesichts die Submaxillardrüsen geschwollen sind, 
was nicht selten vorkommt, liegt eine Verwechselung mit S3'philis 
besonders nahe. 



i) Vergl. Lang, a. a. O., S. 223. 

2) M. Kaposi, Artikel „Acne'' in Eulenburg's Encyclopädie, 3. Aufl., Bd. I, 
S. 204; vergl. auch E. Lang, Lehrbuch der Hautkrankheiten, Wiesbaden 1902, S. 257. 

3) V. Embden, Versuch über die der Lustseuche gleichenden Krankheiten 1819, 
a. a. O., S. 448. 

4) Monatshefte für praktische Dermatologie 1887, Bd. VI, S. 228 — 229. 

5) Ibidem 1888, Bd. VII, S. 395 — 396. 

6) E. Lesser, Lehrbuch der Hautkrankheiten, 4. Aufl., Leipzig 1896, S. 79. 



— 452 — 

Bei weitem häufiger als der Lupus er3'thematosus wird der 
Lupus vulgaris der Nase und der Mund- und Rachenhöhle mit 
Syphilis verwechselt. Sagt doch Hutchinson von ihm, dass „er 
in allen seinen Formen die Syphilis nachahme" i), so dass selbst ge- 
wiegte Dermatologen nicht selten über die Diagnose „Lupus" oder 
„Syphilis" im Unklaren sind. Massei in Neapel wurde ein Larynx- 
lupus mit der Diagnose Lues zugesandt, die ein hervorragender 
Dermatologe auf Grund der Hauterscheinungen gestellt hatte 2). 
Lang bemerkt, dass die diagnostische Schwierigkeit sich in einzelnen 
Fällen so steigert, „dass selbst gewiegte Praktiker zu einem Auskunfts- 
mittel griffen, das immerhin nur als ein Zeichen ihrer Verlegenheit 
angesehen werden musste und das zur genauen Distinction gewiss 
nicht beitrug. 

Dieses Auskunftsmittel beruhte darin, dass sie in zweifelhaften 
Fällen sich der Bezeichnung ,, Lupus syphiliticus" bedienten und 
sich dadurch nach beiden Seiten hin, sowohl gegen Lupus, als auch 
gegen Syphilis, deckten''). Nur eine längere Beobachtung und die 
Erfolglosigkeit einer antisyphilitischen Therapie kann hier die Ent- 
scheidung bringen, für die Lang die besonderen dififerentialdiagnosti- 
schen Anhaltspunkte im einzelnen angibt*). 

Auch die mit Lupus einhergehenden zerstörenden Prozesse 
in der Nasen- und Mundhöhle können den durch die Syphilis be- 
wirkten destruktiven Veränderungen sehr ähnlich sein. Lang be- 
richtet über solche lupösen Defekte der Nase und des harten Gaumens, 
die eine ausserordentlich grosse Aehnlichkeit mit den syphilitischen 
Perforationen aufwiesen ^). 

Im Zusammenhang hiermit muss auch das sog. „Ulcus septum- 
nasi perforans" erwähnt werden, eine Geschwürsform sui generis, 
die weder mit Lupus noch mit Syphilis etwas zu thun hat, und analog 
dem Ulcus ventriculi und dem „mal perforant du pied" als selbst- 
ständige lokale Erkrankung am knorpeligen Septum der Nase, auf 
der Schleimhaut der Cartilago quadrangularis auftritt und bisweilen 
ähnliche Ulcerationen und Perforationen macht wie die Syphilis dies 
thut^). 



i) Trautmann, a. a. O., S. 137. 

2) Ibidem. 

3) Lang, Syphilis, S. 253. 

4) Ibidem, S. 254—255. 

5) Ibidem, S. 35°— 35i- 

6) Vergl. Trautmann, S. 163 ff.; Rille, a. a. O., S. 123; Lang, a. a. O., S. 351 
bis 352. 



— 453 — 

Aehnliche gutartige nichtsyphilitische „Geschwüre des Nasen- 
randes" beschrieb SherwelP). 

Auch die Kälte kann öfter durch Gangrän weitgreifende Zer- 
störungen der Nase herbeiführen, wie dies nach v. Walther öfter 
in Sibirien beobachtet worden ist 2). 

Auf die Verw^echselung des chronischen Rotzes der Nase und 
der übrigen Schleimhäute der oberen Luftwege machte schon Ricord 
aufmerksam^). Neuerdings hat Buschke in einer gründlichen Unter- 
suchung über die klinischen Erscheinungen des Rotzes auch diese 
Frage gestreift. Er bemerkt u. a.: „Sowohl die visceralen Formen 
(des chronischen Rotes) als auch die auf Schleimhäuten und Haut 
lokalisierten Formen bereiten der Diagnose grosse Schwierigkeiten. 
Zumal die ganz schleichenden, ganz chronisch entstehenden Rotz- 
geschwüre an der Nasenschleimhaut und an der Haut haben so wenig 
Charakteristisches, dass oft klinisch die Unterscheidung von syphi- 
litischen, tuberkulösen Geschwüren eventuell Actinomykose der 
Haut einfach nicht zu machen ist." Bei Rotzgeschwüren der Lippen, 
des harten Gaumens, der Nase, Oberlippe, des weichen Gaumens und 
Gaumensegels erschien zuerst die Diagnose „Lues" am wahrschein- 
lichsten, bis eine längere Zeit erfolglos fortgesetzte antisyphilitische 
Kur auf die richtige Diagnose hinleitete^). In einem von Neisser 
beobachteten Falle von Rotz wies freihch Jodkalium eine erfolgreiche 
Wirkung auf^). 

Es ist ja bekannt, dass die gonorrhoische Affektion sich auch 
auf der Schleimhaut der oberen Luftwege etablieren kann, so nament- 
lich bei kleinen Kindern in der Mundhöhle (Rosinski). Der fol- 
gendemerkwürdige, von Edwards in der „Lancet" vom 4. April 1857 
mitgeteilte Fall*^) betrifft sogar einen Fall von primärer gonorrhoischer 
Infektion der Nase bei einer Erwachsenen: 

Eine Frau bekam den Besuch ihres Sohnes, welcher am Tripper litt und da- 
bei sich eines Schnupftuches als eines Tragbeutels für den Hodensack be- 
diente. Dieses Schnupftuch Hess er im Zimmer liegen; die Mutter nahm es 
auf und bediente sich desselben einige Tage für ihre Nase. Am 5. Tage 
wurde die linke Nasenhälfte heiss und trocken und juckte sehr stark, und bald stellte sich 



i) Unna's Monatshefte 1899, Bd. XXIX, No. 4, S. 177. 

2) Ph. Fr. V. Walther, Ueber das Alterthum der Knochen-Krankheilen, a. a. O., S. 12 

3) Ricord, a. a. O. (Ausgabe von Lippert), S. 133. 

4) A. Buschke, ,, Ueber chronischen Rotz der menschlichen Haut u. s. w. in: 
Archiv für Dermatologie 1896, Bd. XXXVI, S. 324, 328—329. 

5) A. Neisser, ,,Ein Fall von chronischem Rotz" in: Berliner klin. Wochenschr. 
Bd. XXIV, No. 14. 

6) Vergl. F. J. Behrend, Syphilidologie N. F., Bd. II, S. 143 — 144, Erlangen 1860. 



— 454 — 

ein gelber Ausfluss aus derselben ein; einige Zeit darauf wurde die rechte Nasenhälfte ganz 
ebenso ergriffen und die Augen etwas entzündet. Diese Symptome waren mit Kopfschmerz, 
Gliederreissen und Frösteln begleitet. Anfangs hielt sie es für einen Anfall von Grippe, die 
Nase wurde immer schlimmer und sie wendete sich an mehrere Aerzte, die ihr verschiedene 
Mittel verordneten. So dauerte die Krankheit an 6 Monate und, als sie endlich an Herrn 
E. sich wendete, bot sich folgender Zustand dar: Das ganze Angesicht geschwollen, beson- 
ders die Augenlider, die Nase und die Oberlippe. Etwas Kongestion in der Bindehaut 
beider Augen, am linken Mundwinkel einige kleine Abscesse; die Nase sehr empfindlich 
beim Drucke und die Haut darüber rot, gespannt, etwas glänzend, mit einigen entzündeten 
Papeln. Die Haut auf der Oberlippe exkoriiert und zwar deutlich infolge des aus der Nase 
ausfliessenden scharfen Schleimes. Dieser Ausfluss war sehr übelriechend und die Frau ab- 
gemagert imd schwach. Herr E. öffnete zuerst die kleinen Abscesse, bestrich die Ober- 
lippe und die Nasenränder mit Glycerin und verordnete häufig wiederholte Ausspritzungen 
der Nase mit warmem Wasser. Innerlich gab er Fernim citratum und Chinin in Pillen und 
später, als die Entzündung grösstenteils vorüber war, machte er verdünnte Einspritzungen 
von Myrrhentinktur. Damit wurde die Kranke vollständig geheilt. 

Auch spitze Kondylome werden bisweilen am Eingang der 
Nase beobachtet, wie z. B. kürzlich Reale einen solchen Fall mit- 
geteilt hat^). 

Endlich muss noch die sog. „Nasen geschwulst der afrikanischen 
Westküste" erwähnt werden, das Produkt einer osteoplastischen Perio- 
titis, das wohl eine syphilitische Affektion vortäuschen könnte 2). 

§ 31 Pseiulosyphilitische Af'fektioiien, die zugleich an den 

Genitalien, am Anus, in der Mundhöhle und an anderen 

Körperteilen auftreten. 

Diese Gruppe umfasst diejenigen krankhaften Veränderungen 
der Haut und der Schleimhäute, die sich durch ein gleichzeitiges 
Auftreten an den Genitalien und am After, an jenen Teilen und in 
der Mundhöhle oder an anderen Teilen des Körpers auszeichnen. 
Der Kombinationen sind viele, und dieser eigenartige Symptomen- 
komplex ist es vor allem, der für die Deutung älterer Texte die 
grösste Beachtung verdient. Gar viele einfache nichtsyphilitische 
Affektionen, denen die Eigentümlichkeit zukommt, zugleich an den 
Genitalien und am Anus oder an den Genitalien und im Munde u.s. w. 
Erscheinungen zu machen, galten entweder in früheren Zeiten als 
solche syphilitischer Natur oder sie wurden bei undeutlicher Be- 
schreibung, wie dies in älteren Werken die Regel ist, von den Medizin- 
historikern und Aerzten als Syphilis gedeutet. Erst mit der fort- 
schreitenden Entwickelung der modernen Dermatologie ist man sich 



1) Monatshefte für prakt. Dermatologie 1901, No. 5, Bd. XXXH, S. 243. 

2) B. Scheube, Die Krankheiten der warmen Länder, 2. Aufl., Jena 1900, 
S. 616—617. 



— 455 — 

über die nichtsyphilitische Natur dieser Art von Leiden klar geworden. 
Ich habe vor allem aus dem Studium dieser Gruppe von pseudo- 
syphilitischen Affektionen die feste Überzeugung von der Haltlosig- 
keit der Deutungen antiker oder mittelalterlicher Krankheitsschilde- 
rungen als syphilitische Leiden gewonnen. Wer einfach, klar und 
unbefangen sich die hier noch heute alltäglich beobachteten Kom- 
binationsmöglichkeiten vergegenwärtigt, die die Lokalisation 
nichtsyphilitischer Affektionen in täuschender AehnHchkeit mit solchen 
syphilitischer Provenienz haben kann, der wird eine zuverlässige 
Grundlage für die richtige Beurteilung jener älteren Krankheits- 
schilderungen gewonnen haben. 

Auch hier kommen zunächst solche Affektionen in Betracht, die 
in einem näheren oder entfernteren Zusammenhang mit dem Bei- 
schlaf oder anderen sexuellen Handlungen stehen, also eigentlich 
„venerischen" Ursprungs sind, ohne doch syphilitischer Natur zu sein. 

Gleichzeitig mit der Lokalisation am Genitale kann beim Bei- 
schlafe der weiche Schanker durch Berührung auf andere Körper- 
stellen übertragen werden. Häufig ist namentlich bei Frauen das 
gleichzeitige Auftreten von Ulcus molle- Geschwüren an Vulva und 
After. Bekanntlich hat man aber auch solche Schankergeschwüre 
an anderen Körperteilen, wie z. B. am Sternum, auf der Hand, an 
den Fingern, am Arm, im Gesicht, am Kopfe u. s. w. beobachtet ^). 
Lifolge widernatürlicher Ausübung des Geschlechtsaktes können weiche 
Schankergeschwüre auf der Schleimhaut des Anus, der Mundlippen, 
der Zungenspitze und Tonsillen hervorgerufen werden -) und sich mit 
den durch vorher ausgeübten regulären Geschlechtsverkehr entstan- 
denen venerischen Geschwüren an den Genitalien kombinieren. Hoff- 
mann demonstrierte auf dem Internationalen Dermatologenkongresse 
in Berlin (September 1904) einen Mann, der sich durch Ausübung 
des Cunnilingus Ulcera mollia gangraenosa der Lippe und Zunge zu- 
gezogen hatte, zu denen erst einige Wochen später sich syphilitische 
Primäraffekte gesellten ^), und es scheint keinem Zweifel zu unter- 
liegen, dass Fälle vorkommen, in denen gleichzeitig an den Geni- 
talien, den Lippen und auf der Mundschleimhaut schankerartige und 



i) Vergl. Rudolf Krefting, ,, Extragenitale Ulcera mollia" in: Norsk Magazin for 
Laegevidenskaben, Februar 1896 (Referat in: Unna's Monatsheften 1897, Bd. XXIV, 
S. 46); J. Csyllag, „Vier Fälle von extragenitalem weichem Schanker"' in: Archiv für 
Dermatologie 1899, Bd. XLVIII, Heft 3. 

2) M. V. Zeissl, Artikel „Schanker" in: Eulenburg's Encyclopädie 1899, Bd. 
XXI, S. 519. 

3) Monatshefte für prakt. Dermatologie 1905, Bd. XL, S. 124. 



— 456 — 

echte venerische Geschwüre vorkommen, die durch Kombination per- 
verser Praktiken (CunniHngus, Coitus in os) mit dem regelrechten 
Coitus entstanden sind. 

Hierher gehört auch das Auftreten von Aphthen der Vulva 
und des Mundes nach Coitus. In einer Inauguraldissertation „Ueber 
Stomatitis und Vulvitis aphthosa" (Würzburg 1895J berichtet Otto 
Christlieb über das gleichzeitige Auftreten aphthöser Geschwüre 
an der Vulva und der Mundschleimhaut bei einer 24jährigen Patientin, 
im Anschluss an einen Coitus! Es fanden sich Geschwüre an den 
äusseren Genitalien, rote Flecke am Unterschenkel von kreisförmiger 
Anordnung. Auffällig war der knorpelharte Rand der Geschwüre. 
An der Gingiva des Unterkiefers sass ein aphthöses Geschwür, ebenso 
befanden sich an der Uvula kleine Geschwüre. „Die ausgedehnte 
Geschwürsbildung an der Vulva, die geschwollenen Leistendrüsen, 
das Exanthem und die Geschwüre in der Mundhöhle sprachen sehr 
für Syphilis." Aber diese konnte mit Sicherheit ausgeschlossen werden. 
Es handelte sich um das gleichzeitige Auftreten einer aphthösen 
Vulvitis und Stomatitis. 

Eingehend hat Isidor Neumann die Aphthen am weiblichen 
Genitale studiert^) und auf ihre leichte Verwechselung mit venerischen 
Geschwüren aufmerksam gemacht. Es kommt nämlich recht häufig 
bei den aphthösen Affektionen der weiblichen Geschlechtsteile zu 
tiefgreifenden und ausgedehnten Ulcerationen, und die Aphthen er- 
strecken sich von der Vulva oft bis zum After, so dass die Diffe- 
rentialdiagnose zwischen ihnen und den syphilitischen Ulcera recht 
schwierig ist. Neu mann sah Auftreten der Aphthen jedesmal intra 
partum. Das Interessanteste und in Bezug auf Deutung alter Schil- 
derungen Bemerkenswerteste ist das gleichzeitige Auftreten von 
Anomalien der Hautdecke neben der aphthösen Erkrankung der 
Genitalien. So beobachtete Neumann zwei Mal ein Erythema multi- 
forme, ebenso oft ein Erythema nodosum dabei; auch andere toxische 
Exantheme (pustulöse Formen u. s. w.) können sich mit Aphthen der 
Geschlechtsteile vergesellschaften und so Syphilis vortäuschen. Ferner 
sah Neumann bei einer 26jährigen, früher gesunden Magd nicht 
bloss auf der Mund- und Gaumenschleimhaut, sondern auch an der 
Innenfläche der Labia minora, der Vulva, Vagina und Vaginalportion 
des Uterus aphthöse Geschwüre. Diese vermehrten sich unter Stei- 
gerung des Fiebers gleichzeitig mit „linsen- bis kreuzergrossen, derben, 



l) J. Neumann, ,,Die Aphthen am weiblichen Genitale" in: Wiener klinische 
Rundschau 1895, No. 19. 



— 457 — 

lividroten Knoten an den unteren Extremitäten, von welchen einzelne 
im Centrum mit miliaren gelben Punkten besetzt waren" ^). 

Seltener als Aphthen kommen kondylomatöse Wucherungen 
gleichzeitig an den Genitalien und an anderen Körperstellen vor. So 
beobachtete Thevenin solche Kondylome an der Vorhaut und am 
behaarten Kopf '-). 

Auch das venerische Granulom, bei dessen Entstehung geschlecht- 
liche Beziehungen eine offenbar begünstigende Rolle spielen (s. S. 431), 
etabliert sich bisweilen ausser an den Genitalien, dem After und Um- 
gebung auch in der Mundhöhle, an der Innenfläche der Wangen, 
Lippen, am Zahnfleische und der Zunge ^). 

Von grösstem Interesse ist es, dass derselbe Coitus impurus, der 
eine Gonorrhoe zur Folge hat, als weitere indirekte Folgen das 
Auftreten von Exanthemen hervorruft, die neuerdings besonders von 
Buschke^) studiert worden sind. Es handelt sich um einfache Ery- 
theme, urticarielle und Erythema nodosum-ähnliche Affektionen, hämor- 
rhagische und bullöse Hauteruptionen und Keratodermien als „Haut- 
manifestation" der Gonorrhoe. Sie stehen in direkter ätiologischer 
Beziehung zu dem durch den Beischlaf übertragenen gonorrhoischen 
Virus. Ohne Zweifel hätte man einen neuerdings von Orlipki^) 
mitgeteilten Fall, in dem ein Mann drei Mal hintereinander an einer 
Quaddeleruption der Haut erkrankte, sobald er sich gonorrhoisch 
inficierte, als „Syphilis" gedeutet, wenn er etwa in der primitiven 
Beschreibung der alten Aerzte mitgeteilt worden wäre. 

Einen höchst merkwürdigen pseudosyphilitischen S3'mptomen- 
komplex boten vier Tripperpatienten, die Menard im Jahre 1889 
beobachtete. Es handelte sich bei allen Patienten um Harnröhren- 
gonorrhoe, die mit Orchitis, Arthritis und mit Auftreten von Ge- 
schwüren im Munde kompliziert war*'). 



i)J. Neumann, „lieber die klinischen und histologischen Veränderungen der er- 
krankten Vaginalschleimhaut" in: Archiv für Dermatologie 1899, S. 635. 

2) Journal des maladies aitanees 1898, No. i, Referat in Monatshefte XXVII, 
1898, S. 407. 

3) B. Scheube a. a. O., S. 605—608. 

4) A. Buschke, Ueber Exantheme bei Gonorrhoe (Verhandl. d. Berl. derm. Ge- 
sellschaft vom 21. März 1899), Referat in Monatshefte f. pr. Derm. 1899, Bd. XXVIII, 
S- 515 — 518, Archiv für Dermatologie 1899, Bd. XLVIII, S. 181—204; 385—398. 

5) In Münchener med. Wochenschr. 1902, No. 40, citiert nach M. v. Zeissl, 
Diagnose imd Behandlung der venerischen Krankheiten, Berlin und Wien 1905, S. 192. 

6) L. Jullien, Seltene und weniger bekannte Tripperformen. Deutsch von G. Merz- 
bach, Wien vuid Leipzig 1907, S. 22. 



- 458 — 

Baudoin und Gastou konstatierten bei einem mit Tripper 
behafteten jungen Manne zugleich einen ganzen Kranz von Pyo- 
dermatitiden auf der Innenfläche der Oberschenkel, in denen man 
Gonokokken nachweisen konnte ^). 

Dass natürlich auch ein zufälliges gleichzeitiges Zusammen- 
treffen von Hauterkrankung und Gonorrhoe einen ursächlichen Zu- 
sammenhang zwischen beiden vortäuschen kann, ist klar. So hat 
man Coincidenz von Furunkulose und Gonorrhoe gesehen ^). 

Auch die bei einem Beischlaf acquirierte Scabies kann zu 
gleicher Zeit an den Genitalien und dem übrigeu Körper lokalisiert 
sein und so den Verdacht einer syphilitischen Affektion erwecken. 
Eduard Lang berichtet, dass er mehr als einmal in die Lage ge- 
kommen sei, Patienten mit an den Genitalien sitzenden Scabiespusteln 
und Borken zu untersuchen, die von Praktikern für venerisch ange- 
sehen und behandelt worden waren und am übrigen Körper ähnliche 
Efflorescenzen aufwiesen ^). 

Auch das seborrhoische Ekzem kann durch den Beischlaf 
übertragen werden. L. Perrin beobachtete das besonders bei Ehe- 
leuten. In zwei Fällen trat einen Monat nach erfolgtem Coitus ein 
typisches seborrhoisches Ekzem bei dem gesunden Teile auf, das von 
der Leistengegend des kranken Teiles übertragen worden war^^). 

* 
Unter den Affektionen, welche unabhängig vom Beischlafe sich 
am Körper, der Schleimhaut des Mundes und in der Genitalregion 
zu gleicher Zeit etablieren können, erwähnen wir zunächst das Ery- 
thema exsudativum multiforme. Namentlich die Kombination 
der Schleimhauterytheme mit denjenigen der Körperfläche und speciell 
der Genitalien kann zur Verwechselung mit syphilitischen Exanthemen 
Veranlassung geben. Es seien nur einige besonders augenfällige 
Beispiele genannt, die das Erythema multiforme zu einer pseudo- 
syphilitischen Hautaffektion par excellence stempeln. So beobachtete 
Rosenthal die gleichzeitige Lokalisation eines Erythema bullosum 
im Munde und an den Genitalien^), und nach H. Köbner'') tritt 
besonders die als „Herpes Iris" bekannte Form des Erythema ex- 



i) L. Jullien, ibidem S. 65. 

2) B. Tarnowsky, Vorträge über venerische Krankheiten, Berlin 1872, S. 104. 

3) Eduard Lang, Das venerische „Geschwür", Wiesbaden 1887, S. 38 — 39. 

4) L. Perrin, „Contagiosität und Uebertragbarkeit des Eczema seborrhoicum der 
Leistengegend", Archiv f. Derm. 1899, Bd. LX, S. 459 — 460. 

5) Verhandlungen der Deutschen dermatologischen Gesellschaft 1894, S. 564. 

6) lieber Pemphigus vegetans etc., 1894 a. a. O., S. 65 — 66. 



— 459 — 

sudativum multiforme zugleich an den Lippen, in der Mund- 
höhle, den Genitalien, dem Perineum, um den Anus und zer- 
streut auch auf den Hinterbacken auf. 

„Ich habe", sagt er, „einen solchen Fall 1887 demon- 
striert, welcher 8 Jahre hindurch antisyphilitisch (notabene 
von modernen Spezialisten!) behandelt worden war, am an- 
greifendsten in Aachen und Wiesbaden, und der damals gerade 
einen seiner heftigeren Ausbrüche an den Beugeseiten der Finger, 
den Handtellern, auf dem Nagelbett einiger Fingernägel, dem Penis, 
Scrotum, die Raphe entlang sich steigernd bis um die Analöffnung 
herum und auf einer Hinterbacke, nur wenig an der einen Fusssohle, 
dagegen höchst intensiv in der Mundhöhle darbot. 

An der Vorderseite der Genitalien meistens schon in runde 
Excoriationen verwandelt und nur an der Hinterseite des Scrotum 
bis um den Anus gleichwie an den Handtellern noch als Bläschen- 
ringe konserviert, erschien der massenhafte Ausbruch derselben im 
Munde als zahllose, wie zum Teil mit einem dünnen, grauweißen oder 
graugelblichen, nicht fest haftenden Belag bedeckte, von geschwellten, 
lebhaft roten, schmerzhaften Höfen halbmondförmig umsäumte, con- 
fluierte Erosionen der Lippen-, Wangenschleimhaut und des Mund- 
bodens neben dem Frenulum linguae, welche weiter die Pallisaden 
des Zahnfleisches sämtlicher Unter- und Oberkieferzähne als con- 
tinuierliche, halbkreis- oder kranzförmige Bläschengrenze umsäumten 
und sich am harten und etwas zerstreuter am weichen Gaumen und 
dem Gaumenbogen bis zur Epiglottis und der hinteren Rachenwand 
erstreckten." 

Als eine Form des Erythema multiforme ist wohl auch die von 
Eduard Lang^) als „lokal recidivierender Blasenausschlag" be- 
zeichnete Affektion anzusehen, die „bald an der Zunge, bald an den 
Lippen, Wangen und Gaumen linsengroße und noch größere 
Erosionen hervorruft, welche auf schwach infiltrierter Basis ruhend, 
lebhaft rot oder mit einem weißlichen Belage behaftet waren und um 
so eher zur Annahme von erodierten Papeln verlockten, als die 
ganz gleichen Veränderungen auch am Genitale (Glans, Prä- 
putium, Scrotum) zu sehen waren; nur ließen sich am Rande einzelner 
Erosionen (des Scrotum) nebenher Blasenreste konstatieren." 

Auch Rille^) weist auf die „oftmals recht schwierige" 
Unterscheidung des Erythema multiforme von .syphilitischen Papeln 



i) E. Lang, Vorlesungen über Syphilis 1896, 2. Aufl., S. 297. 
2) J. H. Rille, Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten, Jena 1902, S. 30. 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. ^^ 



— 460 — 

hin, da „insbesondere chronisch recidivierendes Erythema iris ausser 
an der Mundschleimhaut auch noch atypisch an den Handtellern 
(statt an den Handrücken) vorkommt und so wegen der naheliegenden 
Verwechselung mit einem Palmarsyphilid die Schwierigkeit erhöht 
wird". Besondere diagnostische Schwierigkeiten bietet nach Rille 
eine „bei schlecht menstruierenden oder sterilen Frauen vorkommende, 
sehr chronische, an den Händen und namentlich an der Stirn e 
lokalisierte Form, die aus gruppierten braunroten, derben, etwa erbsen- 
grossen Knoten besteht und kutane Gummen resp. Corona venerea 
vortäuschen kann". 

Endlich hat man noch eine merkwürdige Kombination von 
Erythema multiforme mit Angina beobachtet^). 

Gleich dem Erythema multiforme wird auch der chronische 
recidivierende Herpes der Mundhöhle oft mit syphilitischen 
Plaques muqueuses verwechselt, um so mehr, wenn er, wie sehr häufig, 
abwechselnd oder gleichzeitig mit Herpes genitalis auftritt. 

Besonders eklatante Beispiele hierfür beobachteten Sabrazes^), 
Th. S. FlatauS) und Köbner*). 

Der Herpes zoster (Zoster) der Genitalien und der Mund- 
und Rachenschleimhaut ist ebenfalls schon sehr oft mit syphilitischen 
Affektionen verwechselt worden. 

Von großem Interesse sind auch die von Köbner (a. a. O. 
S. 64 — 65) geschilderten akuten Ausbrüche grösserer zahlreicher 
Blasen auf der Zunge und einzelner, meistens kleinerer auf 
dem Penis, Scrotum oder auch in der Regio ani, denen 
Pruritus vorauszugehen pflegt. 

., Einmal habe ich eine gleichfalls noch nicht sicher zu systematisierende Phlyktänose 
fast nur der Schleimhäute bei einem 40jährigen Manne beobachtet, deren kleine Blasen und 
Bläschen auf der Conjunctiva oder wenigstens mit der Conjunctivitis begonnen haben und 
sich zunächst auf die Nasen-, dann die Rachen- und Mundschleimhaut, gelegentlich auch 
auf den Kehlkopfeingang, später auf die Glans penis und endlich auf die Haut von 
Hämorrhoidalknoten verbreitet haben sollten, und deren oberflächliche, linsengroße, leicht 
blutende und schmerzhafte Erosionen , welche während mehrerer Jahre am häufigsten nur 
auf der Nasen- und Rachen-Mundschleimhaut wiederkehrten, für Syphilis gehalten 
worden waren." 

Eine wichtige Rolle unter den pseudosyphilitischen Blasen- 
erkrankungen der Haut spielt der Pemphigus, an erster Stelle die 



1) C. Boeck in Vierteljahrsschrift f. Derm. u. Syph. 1883, Bd. XV, S. 481—490. 

2) Sabrazes, Herpes recidivant de la bouche et de la verge (seit 9 Jahren), in 
Annales de la Policlin. de Bordeaux 1890, p. 1S8. 

3) Th. S. Flatau, Deutsche med. Wochenschr. 1891, No. 22. 

4) Köbner a. a. O., S. 63. Vergl. auch die Monographie von P. Diday und 
A. Doyon, ,,L'herpes recidivant des parlies genitales." 



— 4^1 — • 

als „Pemphigus vegetans" 1886 von J. Neumann beschriebene Form 
desselben, die früher nach seinem Zeugnis nicht bloss von Dermato- 
logen ersten Ranges wie Hebra, Kaposi und J. Neumann 
selbst stets als „Syphilis cutanea papillomiformis s. vegetans" 
behandelt worden war, sondern nach Köbner auch heute noch „fast 
überall" mit Syphilis verwechselt wird. Köbner (a. a. O. 
71 — 89) teilt mehrere Beobachtungen dieser Pemphigusform mit. 

In dem einen Falle handelte es sich um einen Epithelverlust der ganzen 
Mundschleimhaut, flache Ulcerationen am Naseneingang, auf den Conjunctivae bulbi, 
um Condylom ähnliche Bildungen am After und Hau tcondy lome und nässende 
Wucherungen unter der Unterlippe und in der Achselhöhle, zwischen Scrotum und 
Schenkel. Dabei bestand widerlicher Foetor ex ore. 

Ein Patient war wegen ,, Halsbeschwerden und weisser Bläschen auf Zunge und 
Wangenschleimhaut'' und ,,Condylomata intra nates" sogar antisyphilitisch behandelt worden. 
Diese ,, Kondylome" widerstanden aber hartnäckig allen antisyphilitischen 
Kuren. Später traten neue Ausbrüche im Munde auf, Erosionen der Schleimhaut, Blasen 
zwischen den Schenkeln und am Perineum und Scrotum, die sich zum grossen Teil in rund- 
liche, flache, breiten Condylomen ähnliche, nässende und sehr juckende Er- 
hebungen umwandelten und trotz Calomel-Streupulver immer höher und dichter empor- 
wucherten imd eine kolossale Ausdehnung am Scrotum und den inneren Oberschenkeiflächen 
über die Inguinalgegenden hinweg bis auf den Mons pubis, sowie von der Wurzel des 
Scrotum über das ganze Perineum bis nahe an den Anus erreichten. 

In einem dritten Falle traten bei einer 45jährigen Frau zuerst Halsbeschwerden, 
Erosionen der Mucosa buccalis sinistra, Blasen an der Zunge und in der ganzen Mundhöhle 
und Rachen auf. Antisyphilitische Behandlung trotz jeden Fehlens eines Anhaltspunktes. 
Schliesslich ergab sich folgendes Bild: Der Mund war voll von aus Blasen entstandenen 
Excoriationen, der Naseneingang mit Borken besetzt, desgleichen fanden sich zwei thalergrosse 
Stellen am Mittelkopf. Am Nabel und den Genitalien, der Clitoris und den Nymphen 
zahlreiche teils mit graulich weissen Epithelien bedeckte oder imirandete, teils tiefrote, rund- 
liche, isolierte und confluierende Excoriationen, stellenweise mit knopfförmigen Erhaben- 
heiten besetzt. An der Innenseite der rechten grossen Scham lefze luid der 
kleinen ein etwa erbsengrosses oberflächliches, gelb belegtes Geschwür. An der Innen- 
seile des rechten Oberschenkels eine Gruppe von condylomartigen Wucherungen. 

Auch Rille betont (a. a. O., S. 96) nachdrücklich die „größte 
Aehnlichkeit" der Pemphigus vegetans- Wucherungen mit breiten 
Condylomen. Hierfür spricht auch die interessante Thatsache, dass 
der ältere Hebra die Krankheit noch als „Syphilis cutanea 
papillomiformis" bezeichnet hat, während schon Sauvages diese 
Fungi der Achselhöhle und der Genitahen als besondere Krankheit 
beschrieben hat^). 

Wenn also einem so hervorragenden Diagnostiker wie Hebra 
dieser Irrtum am lebenden Menschen passiert ist, wie will man sich 
da vermessen, aus den doch viel unklareren vSchilderungen dieser 



i) Vgl. J. Neumann, „Ueber Pemphigus vegetans" in: Vierteljahrsschr. f. Dermat. 

i886, Bd. XVIII, S. 157, 158. 

30* 



— 4^2 — 

Art in der älteren Literatur mit Sicherheit auf Syphilis zu schliessen 
und ähnhche nichtsyphilitische Leiden wie das eben geschilderte aus- 
zuschliessen ? 

An den Pemphigus vegetans reiht sich in Bezug auf ihre 
Syphilisähnlichkeit die tropische Framboesie (Yaws, Plans, Bubas, 
Patek etc.), an, eine in Afrika, Niederländisch-Indien, der Südsee und 
den Antillen endemische Krankheit; die ihrem Wesen nach von der 
Syphilis durchaus verschieden ist, wie schon die Beobachtungen*) 
der älteren Autoren ergeben haben, die erwiesen, dass die Framboesie 
auch ohne medikamentöse Therapie heilt, gegen Quecksilber sich 
refraktär verhält und öfter neben der Syphilis an demselben Indi- 
viduum beobachtet wird. Aus diesen Gründen sprechen sich auch 
neuere Autoren, wie G. Lewin-) und B. Scheube'^) gegen die syphi- 
litische Natur der Framboesie aus. Sehr wertvoll ist das Urteil 
unseres bedeutendsten Venereologen, der beide Krankheiten an Ort 
und vStelle genau studieren konnte. Herr Professor Albert Neisser 
schrieb mir nach seiner Rückkehr von der ersten Tropenreise, auf 
meine Anfrage, unter dem 23. Januar igo6: 

„Meiner Ansicht nach kann nicht der geringste Zweifel 
bestehen, daß die tropische Framboesie und die S3'philis zwei ganz 
verschiedene Krankheiten sind. Es ist zwar ganz sicher, daß 
sehr viele Fehldiagnosen nach beiden Richtungen hin gemacht 
worden sind und auch zur Zeit noch gemacht werden — ich selbst 
z. B. würde mich nicht getrauen, in allen Fällen eine sichere 
Differentialdiagnose zu stellen — aber dadurch wird die Frage 
nach der Aetiologie ebenso wenig berührt, wie etwa in früheren Zeiten 
die ätiologische Beurteilung des sog. Lupus syphiliticus. 

Dass die beiden Krankheiten absolut verschieden sind, geht hervor: 

1. Aus den alten in den 8oer Jahren von Charlouis gemachten 
Impf versuchen , veröffentlicht im Archiv für Dermatologie und 
Syphilis und 

2. aus meinen eigenen Affen- Versuchen. 

Man kann sehr wohl mit Framboesie behaftete Menschen und 
Tiere nachträglich mit S)'philis und zwar mit positivem Erfolge 
impfen und ebenso umgekehrt." 



") Vgl. August Hirsch, Handbuch der historisch -geographischen Pathologie, 
2. Aufl., Stuttgart 1883, Bd. H, S. 71. 

2) In der Diskussion zu einem von O. Lassar vorgestellten Falle von Framboesie. 
Berliner khn. Wochenschr. 1887, Nr. 47. 

3) B. Scheube, Die Krankheiten der warmen Länder. 2. Aufl., Jena 1900, 
S. 325 — 333 und Eulenburg's Realencyclop., 3. Aufl., Bd. XXVI, 1901, S. 291. 



— 4^3 — 

Wie die S3^phiHs hat auch die Framboesie einen Primäraffekt an 
der Stelle, wo das spezifische Framboesiegift i) eingedrungen ist, und 
sekundäre, nach einigen Autoren sogar auch tertiäre Symptome. Das 
Hauptcharakteristikum des Leidens sind himbeerartige, rote verrukös 
zerklüftete Papeln im Gesicht, an den Lippen, Nacken, Extremitäten 
und den Genitalien. Eine besondere Form der Framboesie stellen 
die brasilianischen „Boubas" dar, die nicht bloss an Haut und den 
schleimhautbedeckten Orificien lokalisiert sind, sondern auch andere 
Partien der Lippe, des Gaumens, des Zungenrückens, des Pharynx, 
ferner den Larynx und die Trachea ergreifen 2). 

Vielleicht eine nur durch Komplikation mit Malaria und den 
Einfluß der hohen Lage komplizierte Form der Framboesie ist die 
sog. ,, Verruga peruviana", eine contagiöse chronische Infektions- 
krankheit mit Fieber, Anämie und warzenartigen Hauttumoren''). 

Nach Geber wird ferner die sog. „endemische Beulen- 
krankheit" oft mit Syphilis verwechselt. Es handelt sich bei ihr um 
Knötchen, die sich in Geschwüre umwandeln und beim Sitz an den 
Genitalien einen Schanker vortäuschen. Das Leiden ist ansteckend*). 

Auch die „Kro-Kro" genannte infektiöse Hautkrankheit der 
Kamerunküste gehört hierher. Sie tritt teils in Form einer Derma- 
litis nodosa der Oberschenkel, des Scrotum, der Glutäal- und Ingui- 
nalgegend auf und repräsentiert sich dann in beetartigen, flachen, 
harten Auflagerungen von höckeriger Oberfläche, teils zeigt sie sich 
als ulceröse Dermatitis in Form von multiplen Geschwüren an den 
unteren Extremitäten, dem Fußrücken, der Glutäalgegend, den Nates 
und am Anus^). 

Als eine pseudosyphilitische Affektion muß ferner die von Hallo- 
peau*') beschriebene „Pyodermitis vegetans" erwähnt werden, 
Eiterbläschen, die sich zu polycyklischen Herden vereinigen, im 
Centrum abblassen, in der Peripherie sich stetig vergrößern und nach 



i) A. Castellani fand als Erreger der Framboesie eine Spirochätenform (Sp. per- 
tenuis seu pallidula), die sehr grosse Aehnlichkeit mit dem kürzlich entdeckten Erreger der 
Syphilis, der Sp. pallida hat, aber auch verschiedene Unterscheidungsmerkmale aufweist. 
Deutsche med. Wochenschr. 1906, Nr. 4. 

2) A. Breda, Beitrag zum klinischen und bakteriologischen Studium der brasiliani- 
schen Framboesie oder „Boubas". Archiv f. Dermat. 1895, Bd. XXXIII, S. 3 — 28. 

3) Vgl. Scheube a. a. O., S. 334—343; Hirsch a. a. O., Bd. II, S. 78 — 83. 

4) Scheube a. a. O., S. 597 — 604. 

5) Scheube a. a. O., S. 585—587. 

6) H. Hailopeau, ,,Pyodermite vegetante", ihre Beziehungen zur Dermatitis her- 
petiformis und dem Pemphigus vegetans. In: Archiv f. Dermat., Bd. LXIII/LXIV, 1898, 
S. 289 — 306 und ßd. LXV, S. 323 — 328. 



— 464 — 

ihrer Rückbildung keine anderen Spuren hinterlassen als stark pigmen- 
tierte Flecke. Das Leiden zieht auch ganz regelmäßig die Schleim- 
haut des Mundes in Mitleidenschaft. 

So hatte eine Patientin derartige Krankheitsherde an den Händen, den behaarten 
Hautstellen, dem Nacken, in den Achselhöhlen, an der Vulva und Umgebung, in inguine, 
am Perineum, Nates, Rücken, Lippen-, Mund- und Gaumenschleimhaut. 

Bei einem Manne fanden sich solche multiplen Herde pustulöser Dermatitis an der 
Wange, den Lippen, der Zunge, der Wangenschleimhaut, den Tonsillen, dem Gaumensegel, 
in den Achselhöhlen und am Penis. 

Bei einem zweiten Patienten entwickelten sich schliesslich Protuberanzen mit roter, 
drüsiger, wuchernder Oberfläche am Rücken, Arm, Kopfhaut, Mund- und Nasenschleimhaut, 
Genitalien und Anus. 

Lieblingsstellen der Pyodermitis vegetans sind die Geschlechts- 
organe und ihre Umgebung, der Anus und seine Umgebung, die 
Achselhöhlen, Lippen, die Mundschleimhaut, die Nasenhöhlen. 
Die eigentümliche Neigung zur Wucherung läßt an Pemphigus 
vegetans denken, von dem aber die AfFektion durch die günstigere 
Prognose sich unterscheidet. 

Als „Pustulosis acuta varioliformis" beschrieb Fritz Julius- 
berg i) eine Affektion, bei der Pusteln am Kopf, Rücken und um 
den Anus, sowie rote Flecke an den Beinen auftraten. 

Unter Umständen sind auch gewisse Acne-Formen leicht mit 
dem entsprechenden pustulösen Syphilide, der sog. „Acne syphilitica" 
zu verwechseln. Besonders gilt das von der sog. Acne varioli- 
formis seu necrotica-), weil sie gleich der syphilitischen Acne zu 
ulzerativen, mit Narben endigenden Prozessen führt. Auch die Lokali- 
sation an der Stirnhaargrenze kann zu Verwechselungen mit der 
ebenso lokalisierten „Corona venerea" Veranlassung geben. Wenn 
sich gar, wie in einem von F. J. Pick (a. a. O. S. 53) beobachteten 
Falle, die Acne varioliformis mit Halsentzündungen kompliziert, 
so ist die Gefahr einer Verwechselung mit Syphilis noch viel größer^). 

Die bei marantischen Individuen vorkommende „Acne cach- 
ecticorum" macht namentlich dann differentialdiagnostische Schwierig- 
keiten, wenn gleichzeitig multiple Lymphdrüsenschwellungen und 
Karies an Knochen und Gelenken vorhanden sind. Nicht selten ent- 



i) Fritz Juliusberg, Ueber Pustulosis acuta varioliformis. In: Archiv f. Dermal. 
1898, Bd. LXVl, S. 21 — 28. 

2) Vgl. C. Boeck, Ueber Acne frontalis s. necrotica. Archiv f. Dermat. 1889, 
Bd. XXI, -S. 37 — 49. F. J. Pick, Zur Kenntnis der Acne frontalis seu varioliformis. 
Ibidem, S. 551 — 560. 

3) Ein Fall von Acne necrotica, den Schwimmer in der .Sitzung der ungarischen 
dennatologischen Gesellschaft vom 5. Dezember 1895 vorstellte, wurde von Anderen für 
Syphilis gehalten! Monatsh. f. prakt. Dermat, 1896, Bd. XXII, S..526. 



— 465 — 

steht durch gleichzeitiges Auftreten von Angina cachectica und 
Glossitis cachectica ein noch augenfälligeres, syphilisähnliches Krank- 
heitsbild, Trautmann 1) vermutet sogar einen Kausalnexus zwischen 
diesen drei Krankheitsformen. Der in Frage stehende Symptomen- 
komplex bietet jedenfalls große differentialdiagnostische Schwierig- 
keiten. Beiläufig sei hier überhaupt auf das gewiß nicht seltene rein 
zufällige Zusammentreffen von Angina und Haut- bzw. Genital- 
affektionen hingewiesen, das selbst heute noch gelegentlich den Ver- 
dacht auf S3^philis erwecken kann, in den älteren literarischen Be- 
richten aber wohl häufig als solche gegolten hat bzw. heute so ge- 
deutet wird. 

Doch gibt es auch gleichzeitige infektiöse Entzündungen der 
Genitalien und anderer Teile, die in einem kausalen Zusammenhange 
stehen und vom rein literarischen Gesichtspunkte unter den pseudo- 
syphilitischen Affektionen kurz erwähnt werden müssen. Dahin ge- 
hört die bekannte merkwürdige Komplikation der Parotitis mit 
Orchitis und Urethritis (bzw. Vaginitis und Ödem der Labien), ferner 
eine 1749 zuerst beobachtete, eigentümliche epidemische Erkrankung, 
die sich durch Ulcerationen im Munde und an den Genitalien 
sowie durch Dysurie und Nierenschmerzen charakterisierte und zuerst 
für Syphilis gehalten wurde-), dann die gangränösen Affektionen 
der Vulva bei Rachendiphtherie, Morbilli, Scarlatina, Typhus, die 
Gangrän des Scrotums bei Pocken und Varicellen, die Ulcerationen 
der äußeren Genitalien gleichzeitig mit der „Mundseuche" oder 
Stomatitis epidemica durch Uebertragung der Maul- und Klauen- 
seuche auf den Menschen (vgl. Köbner a. a. O. S. 62). 

Eine pseudosyphilitische Affektion par excellence ist die Im- 
petigo herpetiformis, die zuerst die Genitocruralgegend, dann 
Rumpf, Extremitäten, Kopf ergreift, gelegentlich auch auf der Mund- 
und Rachenschleimhaut und in der Vulva und Vagina sich zeigt. 

„Der den Schleinihautpusteln folgende eitrige oder aus schmierigen grauen Massen 
bestehende, fötide Belag dieser einzelnen linsen- bis bohnengrossen Plaques, z. B. der 
Zungen-, Lippen- oder Wangenschleimhaut, hat namentlich dann zu Irrungen geführt, wenn, 
wie bei einer von mir beobachteten Frau, enorm grosse, bogenförmig begrenzte 
Flächen der Un terbauch- und der ganzen Genitocruralgegend mit zusammen- 

i) G. Trautmann, Zur Differentialdiagnose von Dermatosen und Lues etc. Wies- 
baden 1903, S. 157. 

2) ,,Sur une maladie epidemique caracterisee par des ulceres ä la bouche, et aux 
parties genitales, avec ardeur d'urines, douleurs de reins et autres symptomes veneriens." 
In: Consultations choisies de plusieurs medecins celebres de l'universite de Montpellier sur 
des maladies aigues et chroniques, Paris 1755, Bd. X, S. 210 — 219. 



— 4^6 — 

hängenden Beeten hoher, spitzen Condylomen völlig gleichender Wärzchen 
mit schmierigem höchst fötiden Belag bedeckt sind."') 

Nach Du Mesnil und Marx treten bei diesem Leiden ver- 
einzelte kleine Wärzchengruppen sogar auf der Wangen- und Ton- 
sillenschleimhaut auf'). 

Die Impetigo vulgaris kann ebenfalls außer der Haut auch die 
Schleimhaut der Lippen, Zunge, des Rachens und (jaumens befallen. 
Unna und Schwenter-Trachsler beobachteten 7 solche Fälle •*). 
Manchmal kann die Differentialdiagnose zwischen Lnpetigo und 
Syphilis recht schwierig sein, w'ie ein von H. Isaac^) beschriebener 
Fall beweist in dem ein impetiginöses Ulcus an der Vulva neben der 
Hauteruption vorhanden war. Als Teilerscheinung einer Impetigo cor- 
poris kann ferner b'ei Kindern eine diphtheroide impetiginöse »Stomatitis 
auftreten ^). 

Verschiedene lokale entzündliche Hyperämieformen der Haut 
können eine syphilitische Roseola vortäuschen. So gibt es eine 
chronische Form des Erysipels, das ohne Fieber in bogenlinigen 
Eruptionen auftritt und einer ringförmigen , syphilitischen Roseola 
auffallend ähnlich ist*'). Nicht häufig wird die Pityriasis rosea 
(Herpes maculosus) wegen der Aehnlichkeit der Efflorescenzen und 
der Gleichheit der Lokalisation mit Roseola syphilitica verwechselt, 
seltener mit dem circinären Syphilid. Ueber eine syphilisähnliche 
,,papuloerythematöse Eruption" sui generis berichtete Eudlitz''), 
und Gastou beschrieb sogar eine syphilisähnliche exfoliative 
Erythrodermie mit doppelseitiger Iritis^). 

In der Sitzung der Berliner Dermatologischen Gesellschaft vom 
6. Februar 1900 stellte Heller'*) einen Fall von Lupus erythema- 
todes acutus vor, der einem S3'philitischen Exanthem sehr ähnlich 
war, weshalb auch zuerst eine antisyphilitische Therapie vorgeschlagen 
wurde. Einen gleichen Fall teilt Kantorowicz mit^°). Genauer hat 



1) Köbner a. a. O., S. 67—68. 

2) Einen Fall von Impetigo herpeliformis mit Beteiligung der Zunge, Lippe und des 
Zahnfleisches teilt auch Rille mit. Monatsh. f. prakt. Dermat. 1890, Bd. XXVIII, S. 141. 

3) Vgl. Unna-Blnch, Die Praxis der Hautkrankheiten, Berlin-Wien 1908, S. 

414—415- 

4) H. Isaac, Impetigo oder Lues? Monatsh. f. Dermat. 1896, S. 243. 

5) Deguy, Journal des Praticiens 1899, Nr. 31. Referat in INIonatsh. f. prakt. 
Dermat. 1900, Bd. XXX, S. 554. 

6) Rille a. a. O., S. 11. 

7) Monatsh. f. Dermat. 1898, S. 399 — 400. 

8) Monatsh. f. Dermat. 1896, Bd. XXII, S. O49. 

9) Monatsh, f. Dermat. 1900, Bd. XXX, S. 324. 
10) Ibidem 1898, S. 173. 



— 467 — 

Trautmanii ') die Verwechselungsniöglichkeiten zwischen Lupus 
erythematosus und Syphilis erörtert. Seine interessanten und wichtigen 
Ausführungen seien im Wortlaut wiedergegeben: 

„I. Die Scheibenform (L. e. discoides) ist manchmal unregehnässig und kann die 
Gestalt von Kreisbögen und eine serpiginöse Conf iguration annehmen. Bei Ge- 
sichtslokalisalion kann es auch zu Anschwellung der .Submaxillardrüsen kommeH. Kaposi 
spricht von der Verwechslungsmöglichkeit mit einem Syphilid. Die disseminierte Form 
kann nach Kaposi und Joseph Knoten aufweisen, die den syphilitischen Papeln 
täuschend ähnlich sein können. Dazu kommt noch, dass solche Efflorescenzen auf der 
Palma manus (Kaposi) und Planta pedis (Du Castel) aultreten können und dass nach 
Kaposi, allerdings nur zuweilen und dann unter einer acuten, fieberhaften Eraption, sich 
nächtliche, bohrende Knochenschmerzen und Intumescenz der Lymphdrüsen 
einstellen können. Hallopeau erwähnt auch das Vorkommen der Lokalisation am Penis 
und Henri Piffard hat einen solitären Fall von Lupus erythematodes des Penis beschrieben, 
der in Form mehrerer Kreisflecken, einem Herpes tonsurans circinatus sehr ähnelnd, auf 
der Glans sich befand. Die Verwechslung mit einem annulären Syphilid dürfte in einem 
solchen Falle nicht zu den Unmöglichkeiten gehören. . . . 

Im obigen Falle Du Castel's (generalisierter L. e.) bestanden am Stamme teilweise 
papulo-squamöse Eruptionen, ferner eine Cervicailymphdmsenanschwellung in Form einer 
langen Kette, deren einzelne Drüsenglieder indolent waren und unter dem Finger rollten. 
Eine spezifische Behandlung war ohne Nutzen. 

2. Um so mehr Faktoren für die Annahme einer Lues können gegeben sein, wenn 
die Schleimhäute der Mundhöhle und der oberen Luftwege in syphilisähnlichen Formen 
ebenfalls befallen sind, ganz besonders aber bei primärem oder sogar solitärem Sitz 
auf denselben. 

Ueberblicken wir unsere Litteraturfälle, so sehen wir bei einer Reihe derselben, dass 
die Diagnose Lues thatsächlich teils vermutet und gestellt, teils ex juvantibus 
erwartet worden ist. 

Im Falle Lassar' s legte die Affektion im Halse den Verdacht auf Lues nahe, in 
demjenigen von Dubreuilh-Audry lässt die Zungen erkrankung an Syphilis denken 
und man giebt der Patientin ein traitement mixte. 

Im Falle von Gros war die Erkrankung des Gesichts zweifellos als Lupus erythe- 
matodes zu bezeichnen, dagegen boten die ulcerierten Plaques auf der Zunge mit ihrem 
weisslichen, pseudo-membianösen Ueberzug ganz das Bild von syphilitischen Plaques. 
Dazu kamen noch die Anschwellungen der Submaxillar- und C€r\'icaldrüsen, in der Gegend 
der Parotis, sowie der Halsdrüsen in der Tiefe dem Muse, sterno-kleido-mastoideus endang. 
Dieselben rollten unter dem Finger, waren hart, nicht adhärent, ohne jegliche Fluktuation, 
von der Grösse einer Haselnuss bis Taubenei. Eine antisyphilitische Behandlung war 
erfolglos. 

Im Falle Sherwel, in welchem Tonsillen, Pharynx und Larynx ergriffen waren, 
wurde ebenfalls resultatlos eine spezifische Kur eingeleitet. 

Im Falle Feulard wurde die Affektion an der Unterlippenschleimhaut von anderer 
Seite für eine Plaque muqueuse angesehen und Feulard selbst sagt, dass man glauben 
könnte, eine sekundäre syphilitische Affektion vor sich zu haben, welcher Meinung 
sich auch Fournier anschliesst. Die betreffende Patientin war von einem Arzte dem 
Krankenhaus mit der Diagnose Syphilis überwiesen worden. Capelle weist auf die 

i) A. a. O., S. 124 — 125. 



— 468 — 

Moulage Nr. 1862 des Museums St. Louis, Paris, hin, welche einen Zungenschanker 
darstellt und ein frappantes Beispiel für die Verwechslungsmöglichkeit darbietet. 

Kurz, die diagnostischen Schwierigkeiten der Lues gegenüber sind beim Lupus ery- 
thematodes der Schleimhäute bei der ersten Untersuchung grosse, manchmal unüberwindliche." 

Eine exquisit pseudosyphilitische Affektion ist der Liehen ruber, 
besonders der Liehen ruber planus, da er bereits bei blossem 
Vorkommen am Stamme mit jener Form des kleinpapulösen Syphilids 
verwechselt werden kann, die schon durch ihre Bezeichnung als „Liehen 
syphiliticus" darauf hinweist. Noch schwieriger wird die Diagnose, 
wenn, wie sehr häufig, sich Lichenpapeln und Erosionen auf der 
Schleimhaut des Mundes oder an den Genitalien finden bzw. 
an beiden Teilen zugleich. Auch Anus, Urethra, die Palmar- 
bzw. Plantarfläche von Hand und Fuss können von der Lichen- 
eruption ergriffen werden. Hieraus ergeben sich die merkwürdigsten 
syphilisähnlichen Bilder. Nur einige besonders drastische Fälle seien 
erwähnt. 

So demonstrierte Jadas söhn ') einen Liehen ruber planus mit gleichzeitiger Lokali- 
sation an Scrotum, Penis und Mundschleimhaut. Ebenso berichtet S. Röna^) über einen 
Liehen der Wangenschleimhaut und am Penis bei demselben Individuum. 

Lang^) stellte einen Fall vor, der infolge seines Sitzes und seiner Configuration 
leicht ein serpiginöses Syphilid des Penis und der Scrotalhaut vortäuschen konnte. Am 
übrigen Körper sehr wenige und undeutlich ausgeprägte Efflorescenzen. Das Ganze besteht 
5 — 6 Monate. Vor dieser Zeit soll der Patient auch nach einem Coitus einen Urethral- 
ausfluss bemerkt haben, den er, nachdem nach 14 Tagen keine Sistierung eintrat, eigen- 
mächtig mit Injektionen behandelte, worauf Verschlimmerung eintrat. Die Urethra lieferte 
ein eigenthümliches Sekret, in dem keine Gonococcen nachweisbar waren. Lang nahm 
Liehen der Urethra an. 

Wenn ausser den Genitalien auch noch die Mundschleimhaut in Fonn von Plaques, 
Erosionen und sogar Ulcerationen ergriffen ist, so liegt die falsche Diagnose „Syphilis" erst 
recht nahe. So berichtet Lang'') über einen 19jährigen Mann mit ausgedehntem Liehen 
planus corporis, Liehen penis, L. der Wangenschleimhaut; Bender^) sah folgenden selt- 
samen Fall: Beginn an den Händen, gleichzeitig weisse Plaques in der Mundhöhlen- 
schleimhaut und auf der Zunge. Die Inguinaldrüsen und Auro-occipitaldrüsen 
multipel geschwellt, nicht schmerzhaft, Exanthem am Penis! Welch eine 
Kombination ! Würden wir das bei einem alten Schriftsteller lesen, dann würde das selbst 
dem erfahrenen Kenner als Syphilis imponieren. Und doch ist es nur eines der vielen 
Syphilis vortäuschenden Krankheitsbilder, deren wir schon so viele kennen gelernt haben. 

In einem von Audry beobachteten Falle entstanden, während sich die primären 
Plaques auf der Schleimhaut der Wange, der Lippen und auf dem Zungenrücken innerhalb 
3 Wochen vergrösserten, kleine, rote, wachsartige, glänzende Knötchen auf der Glans, der 
Penishaut und dem Handrücken. 



i) Monalsh. f. prakt. Dermat. 1899, Bd. XXIX, S. 482. 

2) Ibidem 1889, Bd. VIII, S. 255—256. 

3) Archiv f. Dermat. 1893, S. 873, cit. nach Trautmann a. a. O., S. 33. 

4) Trautmann 1. c. 

5) Ibidem. 



— 469 — 

Page sah gleichzeitige Lokalisation in Mundhöhle, Anus und Urethra, Stobwasser 
in der Mundhöhle und auf der Analschleimhaut. 

Gleichzeitigen Eruptionen des Liehen auf der Haut, der Palma manus im Verein mit 
Drüsenanschwellungen legen den Verdacht auf Syphilis sehr nahe. 

In der Sitzung der Berliner Dermatologischen Gesellschaft vom 
6. Juni 189g stellte Berger ') einen Fall von „Liehen ruber verru- 
cosus" des behaarten Kopfes vor, der für ein tuberkulöses Syphilid 
gehalten worden war. 

In einem Falle von Liehen ruber acuminatus, in dem der ganze 
Körper und auch Handfläche und P\isssohle betroffen waren, be- 
obachtete Unna^) eine erosive Glossitis: 

,,Ich fand die Oberfläche der Zunge dicht besetzt mit hirsekorn- bis erbsengrossen 
Erosionen, die zum Teil wie mit dem Locheisen ausgeschlagen und sämtlich von einem 
weisslichen Rande unregelmässig abschuppender Hornschicht umsäumt waren." 

Auch andere lichenoide Eruptionen können mit S3'philis ver- 
wechselt werden. So berichtet Brück may er ^j über einen Fall von 
„Liehen scrophulosorum" bei einem 13jährigen Mädchen, der 
anfangs als Liehen syphiliticus aufgefasst wurde. Körper, Mons Ve- 
neris, und Labien waren mit Knötchen und conylomähnlichen Plaques 
besetzt. 

Als „lichenoides Vaccinalexanthem" beschreibt Rille (a. a. O., 
S. 25) einen nicht seltenen Impfausschlag, der aus über die ganze 
Hautoberfläche disseminierten hirsekorn- und stecknadelkopfgrossen, 
braunrot glänzenden, bisweilen an der Spitze eine kleine Vesikel 
tragenden Knötchen von ziemlich derber Konsistenz besteht, die immer 
erst nach voller Entwickelung der Impfpusteln entstehen und Aehn- 
lichkeit mit dem kleinpapulösen Syphilid besitzen, jedoch nicht die 
Neigung zur Gruppenbildung mit demselben teilen. 

Auch der sog. „Liehen urticatus", eine Varietät der Urticaria, 
ist bisweilen schwer von syphilitischen Papeln zu unterscheiden, zumal 
wenn er auch die Handteller befällt. 

Recht grosse Aehnlichkeit mit syphilitischen Plaques und Papeln 
kann endlich die sog. „Lichenification" des Ekzems (L. chronicus 
Simplex) aufweisen. Ein von mir beobachteter Fall zeigte das deut- 
lich, in dem einige solche isolierte Plaques an den Oberschenkeln 
und am Damme vorhanden waren, die man bei oberflächlicher Be- 
trachtung für syphilitische Papeln hätte halten können, wenn sie nicht 



1) Monatshefte 1899, Bd. XXIX, S. 171. 

2) P. G. Unna, Ueber die Mundaffektion bei Liehen ruber. In: Monatshefte f. 
Dermal. 1882, Bd. I, S. 257-261. 

3) Ibidem 1899, Bd. XXIX, S. 122. 



— 470 — 

mit einem allgemeinen typischen Ekzeme des übrigen Körpers deut- 
lich in Verbindung gestanden hätten. 

Hier ist noch der „Morbus Jadassohni" zu erwähnen, ein 
„psoriasiformes und lichenoides Exanthem", das vS. Rona^) in einem 
Falle auf dem Penis, dem Gesäss, den Handtellern und Fusssohlen 
beobachtete. 

Weniger häufig als der Liehen ruber wird die Psoriasis mit 
S3^philis verwechselt. Das gilt besonders von der sog. „Psoriasis 
rupioides", von der Mackenzie-) und Wallsch^) Fälle mitteilten, 
und von der Lokalisation der Psoriasis im Munde in Form der „Leuko- 
plakia psoriatica"^), am Nacken in Form des „Leukoderma psoriaticum"^) 
und am Genitale. Li der Sitzung' der Venerologisch-Dermatologischen 
Gesellschaft zu Moskau vom 5. April igoi stellte Krasnoff einen 
Fall von Psoriasis vulgaris vor mit Efflorescenzen an der Wangen- 
schleimhaut und an Handteller und Fusssohlen*'). 

Sehr eigentümlich ist die multiple Warzenbildung, die Gass- 
mann') nach vorangegangener Psoriasis am ganzen Körper und auch 
auf den Nates und am Penis auftreten sah. 

Auch seltenere Hautaffektionen, wie die von Mibelli ^) beschriebene 
„Porokeratosis", wie die teils am Körper, teils an den Genitalien 
lokalisierte, nicht selten in condylomartigen Vegetationen auftretende 
Psorospermosis von Darier^), wie die von Pollitzer und Ja- 



i) Monatshefte f. Dermal. 1898, Bd. XXVII, S. 180. 

2) Ibidem 1897, Bd. XXV, S. 131. 

3) Ibidem 1898, Bd. XXVII, S. 583. 

4) J. Schütz, ,,Leukoplakia oris bei Psoriasis und anderen Dermatosen". Archiv 
f. Dermal, u. Syphilis 1898, Bd. XLVI, S. 433 — 446. — Lang a. a. O., S. 302 — 303. 

5) Rille a. a. O., S. 58. 

6) Monatshefte f. Dermal. 1901, Bd. XXXIl, S. 524. 

7) A. Gassmann, Casuislische Beiträge zur Psoriasis. Archiv f. Dermal. 1897, 
Bd. XLI, S. 362—366. 

8) Victor Mibelli, Ueber einen Fall von Porokeratosis mit Lokalisation im Munde 
und an der Gians. In: Archiv f. Dermal, u. Syph. 1899, Bd. XL VII, S. 3 — 14 (Erup- 
tionen an der Glans, dem Präputium, auf den Lippen, am harten Gaumen und Alveolar- 
rande, an der ganzen Körperhaut). Ausserdem berichtete der 68 jährige Patient, dass Mutter, 
Grossmuller, der Bruder und die drei Kinder des letzteren an derselben Hauterkrankung 
litten. Also zugleich eine exquisit hereditäre Affektion! Welch ein Fund wäre das für 
die Verfechter der Altertumssyphilis gewesen. Ein Leiden, das im Munde, an den Geni- 
talien und am Körper lokalisiert und zugleich hereditär ist. Das kann doch nur Syphilis 
sein! Fälle, wie der von Mibelli mitgeteillp, die übrigens auch bei anderen Haulleiden 
vorkommen können, sind lehrreich hinsichtlich der Beleuchtung der zahlreichen Irrtümer, die 
aus der rein literarischen Diagnose der „Altertumssyphilis" ervvachsen können. 

9) Annales de dermalologie, Julihefl 1888; T. de Amicis, Klinische und patho- 
logisch-anatomische Beiträge zur Psorospermosis cutanea vegetans. In: Bibliolheca medica. 



— 471 — 

novsky^) zuerst beschriebene am Halse, den Achselhöhlen, der Mam- 
mar-, Anal- und Genitalregion lokalisierte „Akanthosis nigricans", 
müssen unter den pseudosyphilitischen Hautleiden erwähnt werden. 

Endlich können auch die verschiedenen Formen der Haut- 
tuberkulose Syphilis vortäuschen. Die Miliartuberkulose kann 
sowohl die Haut als die angrenzenden Schleimhäute in Mitleiden- 
schaft ziehen und z. B. am Anus kondylomartige papilläre und 
fungöse Wucherungen erzeugen. Kaposi-) berichtet über 22 Fälle 
dieser Art. Besonders syphilisähnlich war die Erkrankung bei einem 
53jährigen Mann, der nie an S3'philis gelitten hatte, bei dem ausser 
der Haut auch die Schleimhaut der Wangen, des harten und weichen 
Gaumens, des Larynx und die Umgebung des Anus von tuberku- 
lösen Geschwüren ergriffen waren. Auch die Ohren, Nasenrücken, 
Nasenflüg'el , Nasenspitze, das Septum narium cutaneum, Oberlippe, 
Unterlippe, Mundwinkel, Kinn, Nates und Ellenbogen, Zunge, Nasen- 
schleimhaut, Vulva und Vagina, Urethra und Blase können Sitz 
miliartuberkulöser Geschwüre sein, die nach Kaposi viel häufiger 
vorkommen als man bisher geglaubt hatte. 

Dass auch die „Tuberculosis verrucosa" der Haut mit 
Syphilis verwechselt werden kann, beweist ein von A. Blaschko in 
der Sitzung der Berliner Dermatologischen Gesellschaft vom 7. Januar 
1902 vorgestellter FalP). 

Es bandelt sich um einen 6jährigen Knaben, der seit 2 Jahren an einer verrukösen 
Affektion am Rücken, beider Handgelenke und am Knie leidet. Die Erkrankung scheint 
auf den ersten Blick eine Tuberculosis verrucosa cutis vorzustellen. Mit Rücksicht auf die 
kreisbogenförmige Anordnung, die Multiplizität der Herde, die stellenweise Abheilung mit 
glatter Narbe ohne restierende Lupusknötchen, den Allgemeinstatus (schwächliches Kind mit 
Zeichen von Hydrocephalus chronicus, Zahnanomalien) und die Ascendenz (Vater vor der 
Verheiratung mit Syphilis infiziert und mehrfach behandelt, Grossmutter mit grossem serpi- 
ginösem Syphilid am Kopf) diagnostiziert Blaschko „Syphilis verrucosa". 

Jedoch ergab die spätere mikroskopische Untersuchung, dass es 
sich trotz der syphilitischen Ascendenz um Tuberkulosis verrucosa 
cutis handelt. 



Abteilung für Dermatologie, Cassel 1894, Heft 3; vgl. ferner einen Fall von Psorospermosis 
des Körpers und der Genitalien. In: Journal of cutaneous diseases 1896, S. 309. 

i) Pollitzer und Janovsky, im: „Internationalen Atlas seltener Hautkrankheiten" 
von P. G. Unna, Hamburg 1890, Heft 4. 

2) M. Kaposi, Ueber Miliartuberkulose der Haut und der angrenzenden Schleim- 
häute. In: Archiv f. Dermat. 1898, Bd. XLIII/XLIV, S. 384 ff. — Von grossem In- 
teresse ist auch das relativ häufige Vorkommen ano-genitaler ^Miliartuberkulose bei jugend- 
lichen Prostituierten (Jesionek). Vgl. Jadassohn in Mracek's Handbuch der Haut- 
krankheiten, Wien 1907, Bd. IV, S. 241 — 242. 

3) Monatshefte f. prakt. Dermat. 1902, Bd. XXXIV, S. 128 u. 579. 



— 47 2 — 

Wichtig sind ferner die sog. „chankriformen tuberkulösen 
U Icerationen", die Schanker zum Verwechseln nachahmen können. 
Nach J. Jadassohni) scheinen diese Formen besonders in der Mund- 
höhle (speziell Lippen und Zunge) und an den Genitalien (speziell am 
Penis) vorzukommen, und machen häufig ganz den Eindruck einer 
erodirten syphilitischen Sklerose. 

Der unkompHzierte Lupus vulgaris, besonders in der dissemi- 
nierten Form, bei gleichzeitiger Lokalisation an den Schleimhäuten, 
kann die tertiäre Syphilis nachahmen, und der sog. „Lupus syphiliti- 
cus" ist oft genug ein echter tuberkulöser Lupus. 

Zum Schlüsse sei erwähnt, dass auch die Arzneiexantheme 
Syphilis vortäuschen können. Besonders gilt das von Antipyrin, 
SaHpyrin und Migränin-), für die hauptsächlich gleichzeitige Eruptionen 
in der Mundhöhle und an den Genitalien charakteristisch sind. Für 
die Frage der „Altertumss3^philis" kommen wohl nur die vesikulösen 
Eruptionen nach dem Genüsse von Morphium in Betracht. 

§ 32. Pseiulosyphilitische Hautaffektioneii der Neugeborenen. 

Die gleich oder kurze Zeit nach der Geburt bei Neugeborenen 
auftretenden krankhaften, nicht syphilitischen Hautveränderungen, die 
als „hereditär" imponieren können, falls sie auf Ansteckung von 
Seiten der Mutter zurückzuführen sind, sind von grosser Bedeutung 
für die Beurteilung ähnlicher Fälle in der antiken und mittelalterlichen 
Literatur, die mit Vorliebe von den Verfechtern der „Altertumssyphilis" 
herangezogen werden, um die Existenz der „Erbsyphilis" in jenen 
Zeiten zu erweisen. 

Demgegenüber kann nur nachdrücklich betont werden, dass noch 
heute, wo die Differentialdiagnostik der einzelnen Hautleiden so ge- 
waltige Fortschritte gemacht hat, nicht selten bei Neugeborenen 
„Syphilis diagnosticiert wird, wo sie nicht vorhanden ist". ^) 

In dieser Beziehung erwähnen wir zunächst die pemphi gus- 
artigen Erkrankungen, die sowohl morphologisch genau den Pemphi- 
gus syphiiticus neonatorum voi täuschen als auch scheinbar hereditär 
sein können. So hat man nichtsyphilitischen Pemphigus wenige Tage 
nach der Geburt in Fällen beobachtet, wo die Mütter selbst daran ge- 



i) J. Jadassohn, Die Tuberkulose der Haut. In: Mracek's Handbuch der 
Hautkrankheiten 1907, Bd. IV, S. 249 — 250. 

2) Vgl. C. Berliner, Zur Differentialdiagnose der Syphilis und syphilisähnlicher 
Arzneiausschläge. In: Monatshefte f. Dermat. 1902, Bd. XXXV, S. 137 — 147. 

3) H. Finkelstein, Lehrbuch der Säuglingskrankheiten, Berlin 1905, Bd. V, S. 143. 



— 473 — 

litten hatten^). Es sind aber auch, z. B. von C. F. MarshalP), Fälle von 
kongenitalem Pemphigus bei Neugeborenen beobachtet worden, ohne 
dass dabei die Mutter erkrankt war. Hierher gehört auch die „Der- 
matose bulleuse hereditaire et traumatique" von Hallopeau, 
die auch Rona gleichzeitig bei Mutter und Kind beobachtete. 3) 

Der sog. „Pemphigus neonatorum ist nach Unna mit der „Im- 
petigo neonatorum" identisch^), einer contagiösen BlasenafFektion 
der Haut, die natürlich auch von der Mutter auf das Neugeborene 
übertragen werden kann. So beobachtete Matzenauer einen Fall, 
wo eine an Impetigo contagiosa leidende Frau während der Erkran- 
kung ein Kind gebar, das ebenfalls dieselbe Afifektion bekam. ^) Fälle 
solcher Art in der alten Literatur, die bisher als „hereditäre Syphilis" 
gedeutet wurden, erklären sich so zwanglos, z. B. jene später zu er- 
örternde bei Oribasius. 

Kurze Erwähnung verdienen auch, weniger wegen einer Mög- 
lichkeit der Verwechselung mit Syphilis, als wegen unklarer Be- 
schreibung in der älteren Literatur, die septischen Erkrankungen der 
Neugeborenen, wie das Erysipelas neonatorum, die Dermatitis 
exfoliativa neonatorum, die Dermatitis gangraenosa neona- 
torum (sog. „Pemphigus gangraenosus"). 

Von höchstem Interesse ist eine Beobachtung von J. Grindon^). 
Er sah ein voll ausgetragenes, gut gebautes, sonst gesundes Kind 
mit Varicellen zur Welt kommen. Syphilis konnte ausgeschlossen 
werden. Die Mutter aber hatte kurz vorher ebenfalls Varicellen durch- 
gemacht! Es handelte sich also um t3'pische Ansteckung in utero, 
um echte hereditäre Varicellen. Die Schilderung eines solchen 
Falles in antiken oder mittelalterlichen Schriften würde sicher heute von 
den Verfechtern der Altertumssyphilis gerade in ihrem Sinne gedeutet 
werden, wenn man sie nicht sogleich durch den Hinweis auf die er- 
wähnte moderne Beobachtung ad absurdum führen könnte. 

Wie die Varicellen können natürlich auch die echten Pocken 
schon in utero auf das Kind übertragen werden. 



1) Monatsh. f. prakt. Dermal. 1899, Bd. XXVIII, S. 463. — Vgl. ferner Jarisch 
O., S. 201. 

2) Monalsh. f. prakt. Dermat. 1900, Bd. XXXI, S. 570. 

3) Ibidem 1900, Bd. XXX, S. 244 u. 296. 

4) Vgl. Unna-Bloch, Die Praxis der Hautkrankheiten, Berlin-Wien 1908, S. 401, 420. 

5) Monatsh. f. Dermat. 1901, S. 85. 

6) Monatsh. f. Dermat. 1901, Bd. XXXIII, S. 292. 



— 474 — 

Sehr bedeutsam ist das Vorkommen gonorrhoischer Ex- 
antheme bei Neugeborenen'). Sie treten nicht blos als Metastasen 
der Augenentzündung auf, sondern kommen auch als primäre Infek- 
tionen nicht ganz selten vor, da Paulsen in einem halben Jahre 
nicht weniger als 12 Fälle beobachtete. Es handelt sich meist um 
gonokokkenhaltige Papeln und Bläschen am Körper der Neuge- 
borenen, au('h an den Extremitäten und am Kopfe, während die 
Mütter Symptome einer gonorrhoischen Peri- und Parametritis bzw. 
eines Cervixkatarrhes aufweisen. Jedenfalls sind gonorrhoische Haut- 
erkrankungen bei Neugeborenen weit häufiger als solche im An- 
schlüsse an genitale Gonorrhoe Erwachsener. Sie kommen durch 
direkte Infektion von selten der Mutter zustande. 

Zu den hereditären Hautleiden gehören auch gewisse Fälle von 
Psoriasis. Man hat dieses Leiden gleichzeitig bei Mutter und Kind 
beobachtet. Rille sah Psoriasis schon am 6. Lebenstage bei Neu- 
geborenen auftreten ^). 

Ebenso kommt Herpes tonsurans bei Neugeborenen vor^). 

Andere Hautleiden der Neugeborenen, wie Ichthyosis con- 
genita, Fibrome, Naevi, Angiome etc. kommen wohl auch rein 
literarisch nicht in Betracht, wo es sich um die Frage, ob Alter- 
tumsyphilis oder nicht, handelt. 

i) J. Paulsen, Über gonorrhoische Exantheme bei Neugeborenen. In: Münchener 
mediz. Wochenscbr. 1901, Nr. 25, S. 10 11 — 1012. 

2) Monatsh. f. Dermat. 1898, Bd. XXVI, S. 328. 

3) S. Toch, Ueber Herpes tonsurans bei Neugeborenen. In: Archiv f. Dermat. 
1895, Bd. XXXIl, S. 365—368. 



SIEBENTES KAPITEL. 

Die ,,Altertumssyphilis'^ im Orient. 

§ 33. Charakter der altorieiitalischeu 3Iedizin. 

Der Orient, dessen Geschichte dank den modernen Forschungen, 
speziell den Ausgrabimgen in Mesopotamien und Aegypten, bis zum 
Beginn des dritten Jahrtausends vor Christo verfolgt werden kann, 
stellte damals, wie in g'ewissem, historisch allerdings ganz anders be- 
dingtem Sinne noch heute, ein zusammenhängendes Kultur- 
gebiet dar, das wesentlich unter babylonischem Einflüsse stand. 

Die Kultureinheit des alten Orients auf babylonischer Grundlage, 
die besonders Hugo Winckler^) ins rechte Licht gesetzt hat, 
kommt hauptsächhch durch die Weltanschauung zum Ausdruck, die 
sich im gesamten geistigen Leben wiederspiegelt und von derjenigen 
des Occidents, speziell des sog. klassischen Altertums (Griechen- 
land und Rom) grundsätzlich verschieden ist. Der orientalischen 
Anschauung war die Quelle alles Wissens die Gottheit. Die Wissen- 
schaft war Offenbarungskunde. Dieser theocentrischen Auf- 
fassung stand die anthropocentrische der Griechen diametral gegen- 
über. Das berühmte Wort „Der Mensch ist das Mass aller Dinge" 
erleuchtet diesen Gegensatz vollkommen. Gegenüber der göttlichen 
Offenbarung wurden die von Älenschen beobachteten Erfahrungs- 
thatsachen in den Vordergrund gestellt und damit die empirische 
Wissenschaft begründet, die, wie sich gerade bei den Anfängen der 
griechischen ^Medizin sehr instruktiv verfolgen lässt, durch eine all- 
mähliche Emancipation von theurgischen Einflüssen und OfFen- 
barungsheilkunde sich entwickelte. 

Wenn „alles, was dort oben geschieht, das wiederspiegelt, was 
auf der Erde geschehen muss" (Win ekler), so musste bei den Alt- 
orientalen die x\stronomie die wichtigste Wissenschaft werden. In 
ihrer Anwendung auf das praktische Leben, also auch auf die Heil- 
kunde, wurde sie zur „x\strologie", dieser Urform des ]\Iedizinal- 



I) Hugo Winckler, Die Weltanschauung des alten Orients. Leipzig 1904. 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. ^'- 



- 476 - 

abergiaubens. Ihren ausschliesslichen Einfluss auf das ganze Geistes- 
leben schildert Winckler (a. a. O., S. 8) sehr anschaulich: 

„Wie tief und gewaltig ihr Einiluss aber auf die Menschheit der vormodernen "Welt 
gewesen ist, wie sie alles, was diese dachten, durchdrungen hat, in einer Weise, wie es 
keine moderne Lehre bis jetzt auch nur vorübergehend vermocht hat, wie alles, was man 
im Leben that, was man beobachtete, die Art, wie man das Beobachtete beurteilte und in 
einer etwaigen Darstellung zum Ausdruck brachte, wie alles diesem System eingefügt wurde, 
was überhaupt eine Aeusserung des geistigen Lebens des alten Orients ist, das vermag man 
erst zu ermessen, wenn man an sich selbst erfährt, wie einem die Augen geöffnet werden, 
wenn man das scheinbar ungereimte Zeug, von dem die Ueberlieferung des Altertums 
strotzt, plötzlich seinen tiefen Sinn erhalten sieht. Freilich einen falschen Sinn für uns, 
aber keinen abgeschmackten mehr, denn auch wir haben das Weltenrätsel noch nicht gelöst, 
und über manches triumphierende Dogma der Gegenwart lächelt schon die nächste Generation." 

Dass bei solcher Anschauung von einer medizinischen Wissen- 
schaft in unserem Sinne nicht die Rede sein kann und eine Beur- 
teilung der spärlichen und völlig fragmentarisch-incohärenten medi- 
zinischen Ueberlieferungen von unserem modern-wissenschaftlichen 
Standpunkte nicht nur lächerlich ist, sondern avich zu ganz falschen 
Urteilen führen muss, liegt auf der Hand. Ich stehe allen Deutungs- 
versuchen in Bezug auf bestimmte Krankheitsbilder der altorien- 
taHschen Medizin ungläubig gegenüber. Der astrologische Aber- 
glaube, der die Vorgänge im Makrokosmos und Mikrokosmos paralleH- 
siert, konnte nur Unklarheit und Mystik hervorbringen, aber keine 
Wissenschaft. Daher gab es nach v. Oefele keine strenge Scheidung 
zwischen Arzt, Traumdeuter, Seher und Astrologe i). 

Unter diesem Gesichtspunkte muss die altorientalische, speziell 
semitische Medizin beurteilt werden, ebenso nach Albrecht (vgl. 
V. Oefele a. a. O., S. 55) die altchinesische und ihr Ableger, die 
altjapanische Medizin, während wir bei Aegyptern und den alten 
Jndern bereits eine teilweise Emancipation von der Offenbarungsheil- 
kunde antreffen. 

Dass der Charakter der altorientalischen Medizin keinerlei Diagnostik im modernen 
Sinne zuliess, hat neuerdings Hugo Magnus-) in geistvoller Weise ausgeführt. 

„Solange", sagt er, „unter dem strengen Walten des Theismus in der Äledizin wie 
in den Naturwissenschaften das Kausalitätsbedürfnis auf den erdenklich niedrigsten Grad 
herabgedrückt wurde, hatte der Heilbeflissene kein Interesse daran, die Einzelwahrnehmung, 
welche er an seinen Klranken machte, durch Zuordnimg anderer Wahrnehmungen zu einer 
Diagnose auszugestalten. Denn mit dem Glauben , dass die Krankheit unmittelbar aus der 



i) F. v. Oefele, Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der medi- 
terranen Vorasier. In: Neuburger-Pagel, Handb. der Geschichte der Medizin. Jena 1901, 
Bd. I, S. 59. 

2) Hugo Magnus, Kritik der medizinischen Erkenntnis. Breslau 1904, S. 8 — 11 ; 
derselbe. Die Entwickelung der Heilkunde in ihren Hauptzügen. Breslau 1907, S. 58. 



— 477 — 

Hand der Götter hervorginge, musste ja doch der Arzt jedes Interesse an der Wesenheit 
des krankhaften Prozesses verlieren. Ja in den Augen der Gläubigen mag sogar jede Be- 
trachtung der pathologischen Natur der Krankheit als Ueberhebung, als unbefugte Kritik 
der göttlichen EntSchliessungen übel genug vermerkt worden sein. Die ersten christlichen 
Jahrhunderte liefern hierfür sogar noch ein schlagendes Beispiel. . . . 

Auf diesem Standpunkt dürfte sich der Erkenntnisgang der Medizin lange genug be- 
wegt haben, und wir besitzen einschlägige Quellen noch in genügender Anzahl. So bespricht 
z. B. der neueste von Küchler') veröffenthchte assyrische Text verschiedene Krankheiten 
in der Weise, dass irgend ein Hauptsymptom, etwa Leibschmerz, und das dagegen anzu- 
wendende Mittel einfach nebeneinander gestellt werden. . . . 

So war denn also die Medizin in dieser ihrer Entwickelungsperiode noch nicht im 
Besitz dessen, was man später unter Diagnose verstanden hat, sondern sie kannte niir ein- 
fache oder reichhaltigere Symptomgruppen, welchen man allenfalls, um ihnen eine charakte- 
ristische Eigenartigkeit zu sichern, mit irgend welchen symbolischen Namen belegte; so 
finden wir z. B. im Papyrus Ebers Krankheitsnaraen , wie aufsteigendes Wasser im Auge, 
Krokodilskrankheit u. dgl. m. Verhältnismässig einfache Symptomgruppen treten uns in 
der bisher erschlossenen Keilschrift-Literatur entgegen, während in der altägyptischen Medizin 
bereits die Versuche zu einer Diagnosenstellung ganz klar hervortreten , denn hier sind die 
Symptomengruppen nicht allein oft recht charakteristische und reichhaltige, sondern sie be- 
ziehen sich auch auf ganz bestimmte Organe." 

Auch letzteres ist natürlich noch lange keine Diagnose im 
modernen Sinne oder auch nur eine solche im Sinne der späteren 
wissenschaftlichen griechischenMedizin. Ausserdem waren jene Symptome 
nicht Ausdruck einer Störung des Organismus, sondern das Werk von 
bösen Geistern, die Krankheiten waren auch nach Ansicht der ägyp- 
tischen Medizin rein dämonischer Natur-). Diese religiöse Auffassung, 
die sogar bis zur Schöpfung von Specialdämonen für die einzelnen 
Körperteile sich verstieg, hinderte durchaus eine genaue anatomische 
Lokalisierung und die Zurückführung einfacher wie komplizierter 
Symptomgruppen auf einzelne Körperorgane. Die überirdische Auf- 
fassung der Krankheitserscheinungen bedurfte einer irdischen Er- 
klärung nicht weiten Beschwörungen und Zauberformeln standen im 
Vordergrunde des medizinischen Wissens. Heilanstalt war identisch 
mit Heiligtum, Medizinschule mit Priestertempel. 

Wenn wir mit dieser theurgischen Symptomatologie und Therapie 
vom Standpunkte unseres ärztlichen Wissens so gut wie nichts an- 
fangen können, so muss noch eine weitere Schwierigkeit erwähnt 
w^erden, die selbst unter der, wie wir sahen, nicht zutreffenden Vor- 
aussetzung umschriebener Krankheitsbilder in der mesopotamischen 
und ägyptischen Medizin eine zuverlässige Deutung dieser Bilder 



1) Friedrich Küchler, Beiträge zur assyrischen Medizin (Dissertation). Marburg 
1902; derselbe, Beiträge zur Kenntnis der assyrisch-babylonischen Medizin. Leipzig 1904. 

2) Vgl. Alfred Wiedemann, Magie und Zauberei im alten Aegypten. Leipzig 
1905, S. 21 ff. 

31* 



- 478 - 

unmöglich macht. Das ist die sprachliche Schwierigkeit. Ich 
berufe mich hier auf die Erklärung eines ausgezeichneten Kenners 
der Keil- und Hieroglyphenschrift, des geistvollen Felix v. Oefele^). 
Er sagt: 

„Unüberwindliche Schwierigkeiten tauchen auf, sobald wir zu einer Besprechung 
der rein medizinischen Einzeldisciplinen übergehen. Es ist hier zu bedenken, dass wir eine 
Sprache vor uns haben, die Jahrtausende tot und unverständlich war und deren Verständnis 
aus sich selbst entwickelt werden muss. Zu der Menge von anatomischen Begriffen , die 
erst bestimmt werden müssen, kommt die weitere Schwierigkeit einer grösseren Zahl ver- 
schiedener Bezeichnungen für denselben Körperteil einerseits und anderseits der gleichlauten- 
den Bezeichnung für verschiedene Körperteile. So wird mit gleichem Worte Magen und 
Herz, lingua und uvula frons und umbilicus, os und vulva, Xasenmuschel und Ohrmuschel etc. 
bezeichnet. . . . Einzelne Krankheiten sind schwer anzuführen, da auch die vielen 
Krankheitsnamen noch nicht über philologische Vorarbeiten herausge- 
kommen sind." 

Dieses Urteil v. Oefele's über die ägyptische medizinische Ter- 
minologie gilt beinahe in noch höherem Grade von der babylonischen. 
Da ist wirklich der Versuch, irgend eine Symptombezeichnung mit 
unseren medizinischen Termini wiederzugeben, lächerlich, wenn z. B. 
selbst ein so hervorragender Ass3Tiologe wie Jensen nicht weiss, ob 
an einer Stelle des Gilgamis-Epos die Bezeichnung „Häute" sich auf 
Kleidung oder eine Hautkrankheit bezieht und ersteres für wahr- 
scheinlicher hält. Und gerade aus dieser Stelle hat man Syphilis 
herauslesen wollen! 

v. Oefele, der doch gewiss vor kühnen Konjekturen nicht 
zurückschreckt, warnt davor (a. a. O., S. 98), ,,in der Kultur des 
Zweistromlandes in höherem Masse, als es Altgriechenland besass, 
scharf umschriebene Krankheitstypen im Rahmen moderner Termi- 
nologie finden zu wollen". Er meint, dass gerade die erhöhte Schwie- 
rigkeit der Selbstlesung gegenüber griechischen, indischen, hebräischen 
und selbst ägyptischen Texten Philologen und Medicohistoriker sich 
dabei gegenseitig in Fehler hineintreiben lässt, deren Kor- 
rektur nachträglich fast unmöglich wird. 

Erst nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit von Philologen und 
Medizinern werde eine Klärung möglich sein. 

Wenn also schon die einzelnen Symptome höchst unsicher sind, 
ja in vielen Fällen es nicht einmal sicher ist, ob es sich überhaupt 
um Krankheitserscheinungen handelt, so ist es völlig phantastisch, 
auf solcher Basis die Diagnose eines_ Krankheitsbildes und Symp- 
tomenkomplexes, wie desjenigen der Syphilis aufbauen zu wollen. 
Leider hat man es doch versucht, und so sieht sich der Verfasser 

i) F. V. Oefele, a. a. O. S. 84. 



— 479 — 

genötigt, auf die beiden berühmten Syphilisdiagnosen der altorien- 
tahschen Medizin näher einzugehen. 

§ 34. Die Krankheit des Gilgamis und die Uchedu des 
Papyrus Ebers. 

Das 1S54 entdeckte babylonische Gilgamis-Epos, dessen neueste 
und zuverlässigste Ausgabe und deutsche Uebersetzung von 
P. Jensen 1) stammt, soll im wesentlichen über Leben und Tod und 
über das Jenseits belehren. Es erzählt die Geschichte des Helden 
Gilgamis und seines Freundes Ja-bani, der jenem durch die Ver- 
lockungen einer Buhldirne gewonnen wird und gleiche Schicksale 
mit ihm teilt, als der Fluch der von Gilgamis verschmähten und von 
Ja-bani durch Tötung des „Himmelsstiers" verhöhnten Liebesgöttin 
Istar sie beide trifft. Ja-bani erkrankt und stirbt. Gilgamis wird von 
demselben „Leiden" befallen, aber durch die Fahrt zum Herrn der 
Unterwelt üt-napistim und Reinigung in den dortigen Gewässern 
„geheilt". 

Nach Jensen (a. a. O., S. 421 — 423) stellt „die Heimat des Gilgamis, die Königs- 
stadt Erech, mit ihren " ,, Innenräumen" die 7 Innenräiime des Totenreiches dar, und der 
König Gilgamis war Oberrichter im Tolenreiche. Mit dem Charakter des Werkes als 
Schilderung von Leben, Tod und Jenseits hängt zusammen der darin berichtete Mauerbau 
der Bau an der ^Nlauer von Erech, welche derjenigen der Unterwelt entspricht, die Schil- 
derung der ausgelassenen Liebes- und Lebenslust Ja-banis (in dem sehr drastisch geschil- 
derten, 6 Tage und 7 Nächte währenden Geschlechtsverkehr mit einer Hure), sein Traum 
von dem Totenreiche und seinem Eintritt darin, die Vorbereitungen zum Zuge nach der 
von Humbaba gehüteten hohen Ceder des Bei, gewiss dem Lebensbaume des [biblischen 
Paradieses, und dieser Zug selbst, vermutlich eine P'olge jenes beängstigenden Traumes, die 
Liebe der Istar zu dem wohl durch den Lebensbaum verjüngten und mit üppiger Lebens- 
kraft erfüllten Gilgamis und die Sendung des gewiss Tod hauchenden himmlischen Sturm- 
dämons (alii), die wohl damit zusammenhängende mysteriöse Erkrankung Ja-banis, die Reise 
Gilgamis' zu seinem Ahn Ut-napistim, um durch ihn das Leben, d. h. die Unsterblichkeit 
zu erlangen, die Geschichte seiner Errettung und Apotheose, die Auferstehung des Ja-bani 
und Höllenfahrt Gilgamis' am Schlüsse des Epos. 

Dieses scheint in grossen Zügen das ewig auf und nieder flutende Leben und Sterben 
im Jahre wiederzuspiegeln, also dessen Geschichte, individuell zugespitzt, darzustellen. Ist 
doch sein Held, der König Gilgamis, höchstwahrscheinhch zugleich ein Sonnengott und sein 
Freund Ja-bani, der auf dem Felde geboren ist, der Schützer der Tiere, vermutlich ein Gott 
der tierischen Fruchtbarkeit oder ein Feld- und Flurengott. Und nun bringt die Legende 
gleich im Anfang die Erzählung von dessen Schöpfung und kraftvoller geschlechtlicher Be- 
thätigung, dann seinen Bund mit Gilgamis — Sonne und Erdenkraft im Bunde erzeugen das 
Leben auf der Erde — dann Ja-bani's Tod — Aufhören der tierischen Zeugungsfähigkeit 
oder der Fruchtbarkeit überhaupt — , dann das Jagen des immer mehr verelendenden 



i) P. Jensen, Assyrisch-Babylonische Mythen und Epen. Berlin 1900, S. 117 — 273 
(Das Gilgamis [Nimrod]-Epos). 



— 48o — 

Gilgamis nach dem Leben , dessen Verlust er fürchtet — vergleichbar dem "Wandern der 
immer schwächer werdenden Herbst- und Wintersonne — endlich sein Eingehen in die 
Unterwelt und die Auferstehung Ja-bani's, gewiss entsprechend dem Sonnentode am Jahres- 
ende und dem Wiedererwachen der tierischen Geschlechtslust oder Zeugimgs- imd Lebens- 
kraft überhaupt." 

Man ersieht aus dieser sehr ansprechenden und einleuchtenden 
Erklärung des Gilgamis-Mythus, dass es sich hier um eine rein alle- 
gorische Darstellung handelt, bei der von Krankheiten nur in einem 
ganz allgemeinen Sinne die Rede ist, wenn — überhaupt von ihnen 
die Rede ist. 

Damit komme ich zu der Stelle, die von Proksch, Buretu. A. 
allen Ernstes als Schilderung der Syphilis aufgefasst worden ist. 

Es spricht der Herr der Unterwelt, Ut-napistim, zum Schiffer 
Ur-nimin folgendermassen : ^) 

„Der Mensch (Gilgamis), vor dem du hergingst, 

von dessen Leibe eine . . . . t hat 

dem Häute die Schönheit seines Fleisches vernichtet haben, 

nimm ihn mit, Ur-nimin, und bring' ihn zum Waschort, 

sein (en) . . . wasche er mit Wasser rein wie Schnee, 

er werfe ab seine Häute und das Meer bringe sie fort! 

(Als) gut werde sein Körper ge . . t 

Erneuert werde die Binde seines Hauptes! 

Er mög' bekleidet werden mit einem Gewände, seinem Schamtuch! 

Bis dass er zu seiner Stadt hinkommt, 

bis dass er zu seinem Wege gelangt, 

soll das Gewand nicht ,, graues Haar abwerfen", sondern neu verbleiben. 

Nehmen wir einmal an, diese Schilderung bezöge sich wirklich 
auf eine Krankheit, also in diesem Falle eine Hautkrankheit, eine 
universelle Dermatose, wie etwa Psoriasis, Lepra oder ähnliches, die 
auch die Genitalien ergriffen hat, so ist damit noch lange nicht die 
Diagnose „Syphilis" gegeben, selbst in dem doch bei Gilgamis nicht 
erwiesenen Falle einer Infektion bei dem Freudenmädchen. Die ganz 
allgemein gehaltene Schilderung lässt, falls sie sich auf ein Hautleiden 
bezieht, alle möglichen Diagnosen nichtsyphilitischer Dermatosen 
zu, die hier überhaupt in Betracht kommen können und die in dem 
vorhergehenden Kapitel zur Genüge gekennzeichnet worden sind. 
Wer kann z. B. die rein willkürliche Diagnose ,, Lepra'' oder „Pso- 
riasis" oder „universelles Ekzem" u. dgl. m. widerlegen? Ebenso 
schwebt die Diagnose ,, Syphilis" völlig in der Luft und ist offenbar 
durch die Thatsache suggeriert worden, dass Ja-bani, nicht GilgamLs, 
die Gunst einer Buhldirne in überreichlichem Masse genossen hat 



i) Jensen, a. a. O. S. 249. 



und später von Istar verflucht und mit tödlicher Krankheit heim- 
gesucht wird 1). 

Nach dem Kommentar Jensens zu der oben mitgeteilten Stelle 
über die Reinigung- des Gilgamis ist es aber sehr wohl möglich, dass 
es sich gar nicht um eine Krankheit, sondern bloss um die, bei 
den die Vorschriften der Reinlichkeit und Körperh3^giene aufs ge- 
naueste befolgenden Babyloniern als solche empfundene äusserliche 
Verwahrlosung und Verschmutzung handelt. 

Nach Jensen nämlich bedeutet in der zweiten Strophe („dessen 
Leib eine (Hau)t hat") die „Haut" = malü so viel wie „vSchmutz, 
schmutziges Kleid" (S. 515). Auch die „Häute" = masku in der 
dritten Strophe übersetzt Jensen mit „Haut, Tierhaut, Fell", nicht 
mit ,, Hautkrankheit (a. a. O., S. 401). Und sogar das „Schamtuch" 
(subat bulti) der 9. Strophe bedeutet nach Jensen (S. 398) nicht 
bloss Schamtuch, sondern wirkliches Kleid. Auch die Schlussstrophen 
lassen darauf schliessen, dass es sich um die Anlegung neuer Kleider 
handelt, die vor dem Schicksal der alten, „graues Haar abzuwerfen", 
d, h. verschmutzt zu werden und so abzufasern, durch das Gebot des 
Ut-napistim geschützt werden sollen. 

Von Syphilis ist also in dem Gilgamis-Mythus nicht nur keine 
Spur zu finden, sondern kann auch mit dem besten Willen nicht 
hineinkonstruiert werden, 

* 

Ein klassisches Beispiel für die eigentümliche Methodik gewisser 
Verfechter der Lehre von der Altertumssyphilis, aus einem einzelnen 
Symptom gleich einen Symptomenkomplex zu machen und gar 
einen so komplizierten wie den der Syphilis, liefert das berühmte „u;^d" 
des Papyrus Ebers, das wirkHch und wahrhaftig Syphilis bedeuten 
soll. So erklärt ein hervorragender SyphiHshistoriker -) , dessen un- 
bestreitbaren Verdienste auf einem ganz anderen Gebiete liegen als 
auf dem der philologisch-medizinischen Interpretation. Dagegen weist 
der verdienstvolle Uebersetzer des Papyrus Ebers, H e i n r i c h Jo a c h i m 3), 



1) „asakku", das Ja-bani trifft, bedeutet nach Jensen (S. 433) die verschiedensten 
Arten von menschlichen Leiden oder ganz allgemein Unglück. — Uebrigens ist das Freuden- 
mädchen eine sogen. ,,Tempeldime" (vgl. über deren bedeutsame Rolle in Babylon das 
Gesetzbuch Hammurabis und die bekaimte Stelle bei Herodot), eine der Istar Geweihte, 
durch deren Vermittelung die Göttin den Ja-bani dem Gilgamis zuführen will. Das geschieht 
durch die sexuelle Lockspeise, die hier ganz ohne Zusammenhang mit irgend einer Erkran- 
kung dargeboten und geschildert wird. 

2) J. K. Proksch, Geschichte der venerischen Krankheiten. Bonn 1895, ^d. I, 
S. 63—69. 

3) H. Joachim, Die u;f;du im Papyrus Ebers. Virch. Arch. 1892, Bd. CXXVIII, 
S. 140 — 160. 



- 482 - 

ein Arzt und Aegyptologe zugleich, in überzeugender Weise nach, 
dass die ,,U;^du", die übrigens so ziemlich an allen Körperteilen vor- 
kommen können (was gerade Proksch für besonders syphilisverdächtig 
erklärt!) weiter nichts bedeutet hat als eine fieberhafte oder heisse 
schmerzhafte Anschwellung. 

Ebers selbst sagt über u;<du: „Das Wort bedeutet gewöhnlich 
die Schmerzen, doch ist es auch als das Schmerzliche, Krankhafte im 
allgemeinen zu fassen." ^) 

Joachim führt verschiedene Stellen an, die eine Identificierung 
der u;fdu mit Syphilis ganz unmöglich machen, z. B, die Empfehlung 
von Mitteln, um das Wachsen der U;^du an den Zähnen zu vertreiben 
(offenbar schmerzhafte Anschwellungen des Zahnfleisches), u;fdu im 
Auge, im Herzen u. a. m. U;^^du in der Seite sind wohl Bubonen, 
u;^du in allen Gliedern deutet Joachim als Gichtknoten. 

Chabas definierte die U;^du als ,,inflammation intestinale" und 
„engorgement des articulations", Loret als „une sorte d'absces" 2). 

Die Deutung von Joachim dürfte die richtige sein, zumal da 
in der That „schmerzhafte Anschwellung" an ganz verschiedenen 
Körperstellen etwas ganz Verschiedenes bedeuten kann. 

Wenn Proksch schliesshch das ägyptische „Uchet" mit dem 
angeblichen Namen der oben erwähnten Hure im Gilgamis-Epos in 
Beziehung bringt, so muss auch diese Kombination zurückgewiesen 
werden, da der von Jeremias als ,,Uchat" übersetzte Name nach 
Jensen keineswegs feststeht, sondern von ihm als sam-hat gelesen 
werden muss. 

Ich halte die rein symptomatologische Auffassung von u;^du, 
wie sie von Joachim vertreten wird, für die einzig' richtige und aus 
den Texten sich ganz natürlich ergebende. Deshalb kann ich auch 
der uns hier weniger interessierenden Hypothese von Ebbeil ^), dass 
das Wort die Pocken bezeichne und mit dem hebräischen „schechin" 
identisch sei, nicht zustimmen. Es handelt sich nicht bloss um eine 
akute, inflammatorische Hautkrankheit, wie Ebbeil annimmt, sondern 
um ein auch die Zähne und innere Organe, wie Herz, Drüsen etc., 
betreffendes Symptom^). 

1) Papynis Ebers. Die Masse und die Kapitel über die Augenkrankheiten. Ab- 
handl. der philologisch-historischen Klasse der Kgl. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften, 
Bd. XI, No. II u. III, S. 201; cit. nach Joachim, a. a. O., S. 150. 

2) "Vgl. auch James Finlayson, Ancient Egyptian Medicine. A Bibliographical 
Demonstration etc. Glasgow 1893, S. 47 — 48:'Clinical Sketch of Ouchet, Uh'tu or Uha. 

3) B. Ebbeil, La variole dans l'ancien testament et dans le papyrus Ebers. In: 
Nordisk Medicinskt Arkiv 1906, Afd. 11, Heft 4, No. 11, S. i — 58. 

4) Vgl. auch Wilhelm Ebstein, Bemerkungen über den angeblichen Ursprung der 
Variola. Janus, Dezember 1907. 



- 483 — 

§ 35- Kritische Analj^se der „Syphilis"fäUe in Bibel und Talmud. 

Die altjüdische Medizin ist uns nicht in irgend welchen rein 
ärztlichen Schriften erhalten, wie dies bei der ägyptischen Medizin 
der Fall ist, sondern sie kann nur aus den Stellen rekonstruiert werden, 
die sich in Bibel und Talmud darüber finden. Diese aber sind in 
erster Linie Gesetzbücher, die im allgemeinen medizinische Dinge 
nur von der legalen Seite behandeln. Ausserdem finden sich zahl- 
reiche zerstreute Mitteilungen über medizinische Dinge, die von 
Männern der Wissenschaft und von Laien stammen. 

Es ist das grosse Verdienst von Julius Preuss, der in sich die 
drei Eigenschaften eines tüchtigen ärztlichen Praktikers, gründlichen 
Hebraisten und Talmudforschers und ausgezeichneten Kenners der 
g-esamten älteren und neueren medizin- und kulturgeschichtlichen 
Literatur vereinigt, zum ersten Male eine kritische Bearbeitung der 
biblisch-talmudischen Medizin vom modernwissenschaftlichen Stand- 
punkte unternommen zu haben, die sich über beinahe zwei Decennien 
erstreckt und so reiche Ausbeute g-ehefert hat, dass die Zahl seiner 
grösseren Monographien aus diesem Gebiet bereits zwei Dutzend 
beträgt. 

Preuss ist, da er ein genauer Kenner der hebräischen Original- 
schriften und ein scharfsinniger und vorsichtiger Kritiker ist, gegenwärtig 
der einzige wirklich zuverlässige Gewährsmann für die richtige 
Deutung der einzelnen Termini technici, Schilderungen und Andeutungen 
in den biblisch-talmudischen Schriften. Der nicht ärztliche Uebersetzer, 
und sei er ein noch so ausgezeichneter Hebraist, kann niemals Sinn und 
Bedeutung der medizinischen Ausdrücke und Schilderungen in dem 
Masse ergründen, wie ein zugleich die hebräische Sprache und die 
vergleichende medizingeschichtliche Methode beherrschender Arzt. 

Die Arbeiten von Preuss haben uns in die glückliche Lage 
versetzt, bei der Analyse gewisser als Syphilisschilderungen ange- 
sehener Stellen der Bibel endlich auf sicherem Boden zu stehen. Die 
zahllosen früheren Streitigkeiten über diese Stellen mussten unfruchtbar 
und ergebnislos bleiben, weil jener sichere Boden durchaus fehlte. 
Es ist zwecklos, alle Meinungen und Hypothesen noch einmal zu 
beleuchten. Erst mit Preuss — ich wiederhole es nachdrücklich ^ 
beginnt die eigentliche wissenschaftliche Erforschung der 
biblisch-talmudischen Medizin. Mag es auch interessant sein, die 
Ansichten bedeutender, aber des Hebräischen nicht kundiger Kliniker, 
wie z. B. Wilhelm Ebstein, zu hören — die eigentliche Grundlage 
für die kritische Beurteilung ist uns jetzt einzig und allein durch die 
Arbeiten von Preuss gegeben. 



- 484 - 

Die altjüdische Medizin stand teils unter babylonischem Ein- 
flüsse, wie der Glaube an Krankheitsdämonen, der Einfluss der Astro- 
logie und sonstiger Aberglaube („böses Auge") beweisen, teils unter 
dem Einflüsse der griechischen Heilkunde, aus der namentlich in 
der talmudischen Zeit manche Anschauungen und auch Namen über- 
nommen wurden. 

Gehen wir nun zu einer Besprechung der angeblichen Erwäh- 
nungen der ., Syphilis" in Bibel und Talmud über^). 

I. Baal Peor. — J. Rosenbaum hat der „Plage des Baal 
Peor" eine ausführliche Untersuchung gewidmet-), in der er den 
Nachweis zu erbringen sucht, dass es sich um eine Epidemie von 
Syphilis handle. Preuss hat diese Hypothese endgültig widerlegt. 
Ich folge durchweg seinen scharfsinnigen Ausführungen ^). 

Die betreffende Stelle findet sich Numeri 25, 3 ff. und besagt 
nach Preuss folgendes: 

Als Israel in Sittim lagerte, begann das Volk zu buhlen mit den Töchtern Moabs. 
Diese luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter. Und Israel hing dem Baal Peor an, so 
dass der Zorn Gottes über Israel entbrannte. Die Anführer des Volkes werden standrecht- 
lich gehängt, die Richter verurteilen (die übrigen), die den Baal Peor verehrt, zum Tode. 
Es entsteht eine Pest, maggepha, die 24 000 Menschen wegrafft. 

Nach Preuss giebt die Bibel keinerlei Auskunft über den 
Kultus des Baal Peor. Rosen bau ms Behauptung^), dass ,,die Rab- 
binen den Namen von pecor, aperire sc. hymenem virgineum herleiten", 
ist nicht wahr. An der von ihm citierten Stelle des Targ. Jonathan, 
einer aramäischen Bibelübersetzung aus der Zeit vor Chr. Geb., steht 
nichts davon. Und selbst wenn hier derartiges stände, so würde 
die Auffassung eines Uebersetzers für den Bibeltext nichts beweisen. 
Nach der Ueberlieferung der Rabbinen handelt es sich vielmehr bei 
diesem Kult um ein aperire anum, d. h. um eine Entblössung, viel- 
leicht soofar um eine Defäkation vor dem Götzenbild. Trotzdem 
es sich hier offenbar nach dem Empfinden Andersgläubiger eher 
um eine Verhöhnung handelt, wird diese Thatsache von den Tal- 
mudisten als ein Beispiel von „Götzendienst" angeführt, der auch in 
dieser Form verwerflich sei. 



1) Die Reihenfolge der aufgezählten Krankheiten ist, soweit das möglich ist, eine 
chronologische. 

2) Julius Rosenbaum, Geschichte der Lustseuche im Alterthume, 6. Aufl. Halle 
1883, S. 76—87. 

3) J. Preuss, Prostitution und sexuelle Perversitäten nach Bibel und Talmud. In: 
Monatshefte f. prakt. Dermat. 1906, Bd. XLIII, S. 28 — 30. 

4) Rosenbaum, a. a. O., S. 77. 



— 485 — 

Erst der Kirch vater Hieronymus identifizierte den Peor mit 
dem Priapus; die Frauen hätten ihn verehrt, ob obscoeni magnitudinem. 
„Peor" heisse er, weil er „idohim tentiginis (des Penis) haberet in ore, 
ein Bild des Penis im geöffneten Mund habe (wie der indische 
Schiwa). 

Sickler^) und nach ihm Rosenbaum haben die Plage des Baal 
Peor für eine venerische Krankheit, speziell für SyphiHs erklärt, weil 
die Verführung zum Götzendienst von den Frauen ausgegangen sei 
vnid weil, als die Israeliten im Kriege gegen Midian alle Männer 
töteten, die Frauen aber am Leben Hessen. Moses ihnen zürnend 
sagt: „Gerade die Frauen waren die Ursache euerer Sünde gegen 
Gott (d. h. der syphilitischen Infektion) wegen des Peor, und so kam 
die Pest in die Gemeinde Israel. Nun tötet alle Frauen, die beieits 
den Beischlaf eines Mannes kennen" (weil sie syphilitisch infiziert 
sind). ,,Nur die weiblichen Kinder dürft ihr für euch am Leben 
lassen. Und nun lagert ausserhalb des Lagers sieben Tage (zur 
Desinfektion, vielleicht zur klinischen Schmierkur, bemerkt Preuss 
ironisch) jeder, der einen Menschen getötet oder einen Erschlagenen 
berührt hat, und entsündigt auch am dritten und siebenten Tage ihr 
und euere Gefangenen. Und jedes Kleid, alles was von Leder oder 
Ziegenhaar gemacht ist, und alles Holzgerät müsst ihr entsündigen." 
(Numeri 31, 16 ff.) Zur Zeit Josuas wirft ihnen Pinehas, der Augen- 
zeuge jener Epidemie, vor: „Dass wir von der Misse that Peors uns 
nicht gereinigt bis auf diesen Tag" (Jos. 22, 17). Das gilt als Be- 
weis für die Fortdauer der Krankheit. Auch der Verfasser der Apo- 
kalypse spricht von der damaligen Hurerei (noqvEvom, Apoc. 2, 14), 
Zieht man nun doch die Thatsache in Betracht, dass das in der 
Wüste geborene Geschlecht unbeschnitten, die Gefahr der venerischen 
Infektion also besonders gross war, so ist die Diagnose „S3^philis" fertig. 

Aber selbst Proksch^) hat diese verlockenden Stellen sehr 
kritisch beurteilt, da sich „in der weitläufigen Beschreibung von Schuld 
und Sühne nicht ein einziges Wort über die x\rt der »Plage« finde". 
Preuss giebt folgende durchaus stichhaltige und einleuchtende Er- 
klärung. Da die Verführung zum Götzendienste nach dem Sprich- 
worte „cherchez la femme" von den Frauen ausging, wurden, um 
weitere Anreizungen unmöglich zu machen, alle Verführerinnen aus- 
gerottet (die Männer waren ja bereits getötet). Jeder aber, der 
einen Leichnam berührt, ist nach mosaischem Gesetz unrein und 



i) W. E. C. A. S ick 1er, Dissertatio inauguralis exhibens novum ad historiam luis 
venereae additamentum. Jena 1797. 

2) Proksch a. a. O., Bd. L S. 89. 



— 486 — 

muss sich entsündigen. Die Verfehlung ist eine so schwere, dass 
Pinehas, als man wieder anfängt, gegen das Gesetz Altäre zu bauen, 
meint, sie sei moralisch noch nicht gesühnt. Der Krankheitsname 
des Textes, maggepha, heisst weiter nichts als Epidemie (Pest, 
Seuche), das /^taa/ia Phil os, der Aot/io? des Josephus(Ant. IV, c. 6, 12). 
Die Epidemie entsteht durch den Zorn Gottes (Xum. 25, 3) und rafft 
24000 Menschen dahin, was doch schon ohne weiteres S3^philis aus- 
schliesst. Durch die Energie des Pinehas, der ein besonders freches 
Buhlerpaar niedersticht, wird der Seuche endlich Einhalt gethan. Um 
welche Seuche es sich hier handelt, bleibt ganz im Dunklen. Für 
Syphilis spricht nicht das Geringste. 

2. Die gara'"ath (Zaraath)-K rankheit. — Ueber die seltsame 
Zaraath-Krankheit im 13. Kapitel des dritten Buches Moses sind un- 
zählige Hypothesen aufgestellt worden , unter denen natürlich die 
Syphilis nicht fehlt, die Final}^^) für erwiesen hält, Proksch-) „nicht 
ausschliessen kann". Münch^) hat bekanntlich die Zaraath für Viti- 
ligo, Kazenelson und Sack-*) haben sie für eine Art von Tricho- 
ph3^tie erklärt, Ebstein'^) für einen Sammelnamen für verschiedene 
nicht diagnostizierbare Hautleiden. Ohne Frage ist das Zaraath-Kapitel 
das allerschwierigste bezüglich einer genaueren medizinischen 
Interpretation. Preuss^') erklärt am Beginn seiner wertvollen Arbeit 
über Zaraath, dass er sich von all seinen Vorgängern darin unter- 
scheide, dass er zahlreiche Einzelheiten des Zaraath-Kapitels nicht ver- 
stehe, dass er von manchen sogar glaube, dass sie uns unlösbare 
Aufgaben stellen. Vor allem protestiert Preuss gegen die u. a. von 
Münch vertretene Meinung, als sollte in der Bibel ein Krankheitsbild 
in allen seinen Stadien gezeichnet werden. Die Bibel ist kein Lehr- 
buch der Aledizin, sondern ein religiöses Gesetzbuch, das Normen 
für die Bestimmung der Reinheit oder Unreinheit giebt, deren Beur- 
teilung in der Hand sachv^erständiger Priester lag. Jeder zweifellos 
mit der Zaraath Behaftete war unrein und wurde isoliert. Und zwar 



1) S. Finaly, Ueber die wahre Bedeutung des Aussatzes in der Bibel. In: Archiv 
f. Dermat. u. Syph., Bd. II, S. 125 — 132, Prag 1870. 

2) Proksch a. a. O., Bd. I, S. 84. 

3) G. N. Münch, Die Zaraath (Lepra) der hebräischen Bibel. Hamburg 1893. 

4) Arnold Sack, Was ist die Zaraath (Lepra) der hebräischen Bibel? Virchow's 
Archiv 1896, Bd. CXLIV, S. 202 — 223 (deutsche Bearbeitung einer russischen Schrift 
Kazenelsons). 

5) Wilhelm Ebstein, Die Medizin im Alten Testament, S. 89. Stuttgart 1901. 

6) J. Preuss, Materialien zur Geschichte der biblisch-talmudischen Medizin. Die 
Erkrankungen der Haut. Sep.-Abdr. aus Allg. med. Central-Zeit. 1903, Xr. 21 ff., S. i — 19. 



— 487 — 

ist sowohl von den ersten Anfängen wie von „veralteter garaath" 
die Rede. Die Symptome betreffen in beiden Fällen die äussere 
Haut. 

Vor der IMitteilung der die Zaraath betreffenden Bibelstellen, 
wie sie jetzt in der neuen kritischen Uebersetzung von Preuss vor- 
liegen, müssen wir die Auffassung des letzteren über die wichtigsten 
an diesen Stellen vorkommenden Termini technici kennen lernen. 

1. Das Wort „garaath" (Zaraath) wurde früher von J. PageU) 
mit dem Stammwort „Zar'a" = säen, kombiniert und als eine „Aus- 
saat", eine Dissemination auf der Haut aufgefasst. Dagegen spricht 
nach Preuss, dass in Vers 38 gerade diejenige Form, die durch das 
Auftreten multipler Flecke charakterisiert ist, nicht ,,caraath", sondern 
„Bohaq" heisst. Dass „Zaraath" sich auf eine bestimmte Krankheit 
bezieht, hält Preuss für sicher und er stimmt der Meinung, die 
bis vor einigen Jahrzehnten fast alle Forscher vertraten, zu, dass 
darunter der Aussatz (Lepra) zu verstehen sei. 

2. „Bahereth" von bahar, glänzen = ein glänzender, heller 
Fleck; „seeth", ein Infinitum von nasa, erheben = eine Erhebung auf 
der Haut; „sappachoth", eine Schuppenkrankheit, transponiert von 
chasaph, abschälen, abschuppen (vgl. Exod. 16, 14). 

Preuss glaubt, dass hiermit drei Formen der „Lepra" unter- 
schieden würden, nämlich die Fleckenlepra (bahereth), der Knoten- 
aussatz (seeth) und die einst von Willan als „Lepra vulgaris" be- 
zeichnete Schuppenfiechte, die Psoriasis. Angesichts der Thatsache, 
dass bei der echten Lepra Abschuppung selten ist, jedenfalls kein 
charakteristisches Svmptom bildet, ist die letztere Deutung annehm- 
bar, wenn auch nicht sicher. 

3. j.neg'a" von „nag'a = berühren ist das lateinische contagium, 
das griechische owacpeia und entstammt der alten Anschauung, nach 
der ein Mensch von einem ausserhalb seines Körpers befindlichen 
Agens „berührt" und dadurch krank wird. Den Gegensatz zu nega 
bildet „machla", „die Krankheit nach dem Laufe der Welt". x\uch 
„deber". das Wort für die Pest, die viele Menschen schnell weg- 
raffende Seuche, ist von nega verschieden. Dieses ist ein allgemeiner 
Begriff: Kontagium, der erst durch einen weiteren Zusatz näher be- 
stimmt wird, z. B. nega garaath = das Kontagium des Aussatzes, der 
ansteckende Aussatz, Den neuerdings von Sachs gemachten Ver- 
such, einen Gegensatz zwischen nega und nega ^araath zu kon- 
struieren, hat Preuss schlagend widerlegt. 



i) Deutsche Medizinal-Zeitung 1893, S. 683. 



— 488 — 

Ob auch in der Bibel der nega als kontagiöse Krankheit in 
unserem Sinne aufzufassen ist, wissen wir nicht. Die „mispachath" 
ist ein nega, aber rein (3. Mose 13, 6). 

Der Bibeltext (3. Mose 13 V. 2 ff.) lautet nach Preuss' Ueber- 
setzung folgendermassen : 

,,(2) Ein Mensch, auf dessen Leibeshaut seelh oder sappachath oder 
bahereth entsteht, soll, wenn es (sc. eine dieser Erkrankungen nach Laienmeinung) 
zur nega <;araath auf seiner Leibeshaut geworden ist, zum Priester gebracht 
werden (da et freiwillig schwerhch kommen wird). (3) Der Priester soll den nega 
auf der Leibeshaut betrachten: ist Haar in dem nega weiss geworden und 
der nega sieht tiefer aus als die Leibeshaut, dann ist es (wirklich) nega 9ara- 
ath, und wenn das der Priester sieht, so soll er ihn für unrein erklären. 

[(J^araath auf vorher normaler Haut. A. Die Bahereth.] 

Bei der Besichtigung findet sich: (4) Die Bahereth ist (zwar) weiss auf der 
Leibes haut, sieht aber nicht tiefer aus als die Haut und ihr Haar ist nicht 
weiss geworden, so schliesse der Priester den nega sieben Tage ein. (5) Ist 
nach Ablauf dieser Zeit der nega in seinem Aussehen (oder: ,,nach des Priesters 
Augenmaass") stehen geblieben, hat sich nicht auf der Haut verbreitet, so 
schliesse ihn der Priester zum zweiten Male sieben Tage ein. (6) Ist bei 
der Besichtigung am siebenten Tage der nega matt (blass, geworden oder ge- 
blieben) und hat sich nicht auf der Haut ausgebreitet, so erkläre er ihn für 
rein; es ist die mispachath. (7) Wenn sich aber (später) die mispachath auf 
der Haut ausbreitet, nachdem der Kranke dem Priester behufs Reinspre- 
chung vorgeführt war, so soll er dem Priester nochmals gezeigt werden. 
(8) Wenn dieser die Ausbreitung bestätigt, soll er ihn für unrein erklären: 
es ist 9araath. 

[B. Die Seeth.] 

(9) Ein Mensch wird wegen nega (jaraath zum Priester gebracht. (10) 
Es findet sich eine weisse seeth auf der Haut, die das Haar in weiss ver- 
wandelt hat und in der seeth ist eine Stelle lebenden Fleisches: (11) es ist 
eine inveterierte 9araath der Leibeshaut, eine weitere Beobachtung nicht 
nötig. (12) Blüht die (jaraath auf der Haut und bedeckt die ganze Haut 
des nega von Kopf bis Fuss, so weit der Priester sieht, (13) so spreche er 
den nega rein; ist er ganz in Weiss verwandelt, so ist er rein. (14) Aber 
am Tage, da sich' lebendes Fleisch darin zeigt, ist er unrein; das lebende 
Fleisch ist unrein, es ist 9araath. (16) Verwandelt das lebende Fleisch sich 
wieder in Weiss, so erkläre der Priester den nega für rein. 

[Lepra auf vorher veränderter Haut.] 

(18) Auf der Haut eines Menschen war ein schechin und ist geheilt. 
Nun findet sich an der Stelle des schechin eine weisse seeth oder eine weiss- 
rötliche bahereth, so soll er dem Priester gezeigt werden. (20) Sieht der 
Priester, dass es flacher aussieht als die Haut und dass sein Haar in Weiss 
verwandelt ist, so erkläre ihn der Priester für unrein, es ist der nega der 
^araath, die in dem schechin blüht. (21) .Ist kein weisses Haar darin, nicht 
flacher als die Haut und blass, so verschliesse ihn der Priester sieben Tage. 
(22) Verbreitet es sich auf der Haut, so erkläre ihn der Priester für unrein, 
es ist ein nega. (23) Steht aber die bahereth an ihrer Stelle still und verbreitet 
sich nicht, so ist es die carebeth der schechin und rein. (24) Oder auf der 



— 489 — 

Haut eines Menschen war ein Feuerbrand (Brandmal). Nun wird die Brand- 
stelle eine bahereth, weiss-rötlich oder (rein) weiss. (25) Findet der Priester 
bei der Besichtigung Haar in der bahereth weiss geworden, und ihr Aus- 
sehen tiefer als die Haut, so ist es caraath in dem Brande blühend. Der 
Priester erkläre ihn für unrein, es ist nega (jaraath. (26) Findet er aber in 
der bahereth kein weisses Haar, und es sieht nicht flacher aus als die Haut 
und ist matt, so schliesse er ihn sieben Tage ein. (27) Hat er sich bei der 
erneuten Besichtigung ausgebreitet, so erkläre er ihn für unrein, es ist nega 
caraath. (28) Steht die bahereth aber an ihrer Stelle still, hat sich nicht 
ausgebreitet und ist matt, so ist es „seeth der Brandwunde". Der Priester 
erkläre ihn für rein; denn es ist 9arebeth der Brandwunde. 

[Lepra an Kopf und Bart.] 

(29) Wenn Mann oder Frau einen nega an Kopf oder Bart haben (30) 
und der Priester findet ihn (den nega) tiefer aussehend als die Haut und es 
ist kurzes goldgelbes Haar darin, so ist er unrein, es ist der netheq, die 
(jaraath des Kopfes oder des Bartes. (31) Ist aber der nega des netheq nicht 
tiefer als die Haut und auch kein schwarzes Haar darin (sondern dieses — 
Normalhaar — ist ausgefallen), so verschliesse der Priester den nega des netheq 
sieben Tage. (32) Hat sich der netheq am siebenten Tage nicht ausgebreitet, 
goldgelbes Haar ist nicht darin und tiefer als die Haut sieht der netheq 
auch nicht aus, (33) so lasse er sich scheeren (damit eine etwaige Ausbreitung nicht 
durch das Haar verdeckt wird), den netheq aber scheere er nicht und der Priester 
isolire ihn nochmals sieben Tage. (34) Hat sich dann der netheq auf der 
Haut nicht ausgebreitet und sieht nicht tiefer aus als die Haut, so erkläre 
er ihn für rein. (35) Wenn aber nach der Reinsprechung der netheq sich 
ausbreitet, (36) so braucht man nach dem unterscheidenden goldgelben Haar 
nicht zu sehen, er ist unrein. (37) Stand aber der netheq in seinen Augen 
still und schwarzes Haar sprosst darin, so ist der netheq geheilt, er ist rein 
und der Priester spreche ihn rein. (38) Sind an der Leibeshaut eines Mannes 
oder einer Frau beharoth (und zwar) weisse beharoth, (39) so soll der Priester 
sehen, ob an der Haut ihrer Leiber matte, weisse beharoth sind. Dann ist 
es der bohaq, er blüht auf der Haut, er ist rein. (40) Ein Mann, dessen (ganzer) 
Kopf kahl (oder ausgerauft) ist, ist ein Kahlkopf und rein. (41) Wenn von 
einer Ecke seines Gesichts an sein Kopf kahl ist, so ist er ein Glatzkopf, 
gibbeach, und ebenfalls rein. (42) Wenn aber auf dem Kahlkopf oder der 
Glatze ein weiss-rö tlicher nega ist, dann ist es blühende (floridej cjaraath auf 
dem Kahlkopf oder der Glatze. (43) Sieht der Priester, daß die Erhebung 
der nega weiss-rötlich ist an dem Kahlkopf oder der Glatze, wie das Aus- 
sehen der Qaraath der Leibeshaut, (44) dann ist er ein aussätziger Mann, 
unrein ist er, unrein erklären soll ihn der Priester: an seinem Kopfe ist 
sein nega." 

Wer diesen Text unbefangen prüft, muss zu dem meines Er- 
achtens sicheren Schlüsse kommen, dass die ganze umständliche 
Procedur der Erkennung und Diagnostik eines schweren infek- 
tiösen Hautleidens zwecks Isolierung des davon Befallenen sich 
der ganzen Beschreibung nach nur auf eine einzige Krankheit be- 
ziehen kann, die erstens so einschneidende Massregeln notwendig 



— 490 — 

macht und auf die zweitens die hervorstechenden Symptome der 
Flecken, Knoten und Ulceration einigermassen passen: die echte 
Lepra, dass man aber ganz deutlich andere Hautleiden (Psoriasis, 
Herpes tonsurans, Favus, Vitiligo) davon zu trennen versuchte, ohne 
dass dies immer gelang. Aus Vers 2 geht deutlich hervor, dass 
die einzelnen Symptome für sich noch keine „nega garaath" machen, 
sondern diese erst auf Grund einer Veränderung gestellt wird, die 
die drei Formen aufweisen. In Vers 3 wird eine dieser Verände- 
rungen, die für die Nervenlepra so charakteristische weissliche 
Verfärbung (morphaea alba) und zentrale Atrophie der leprösen 
Flecken, deutlich beschrieben. Dieses atrophische Zentrum ist zu- 
nächst von schwachrosa oder leicht graurötlicher Farbe und wird 
erst weiterhin intensiv weiss ^). Das war auch den jüdischen Priestern 
bekannt, da nicht jede bahereth für lebana (intensiv weiss) erklärt 
wurde, sondern auch in Vers 18 eine weiss-rötliche (morphaea 
rubra) erwähnt wird. Die weisse Bahereth ist das vorgeschrittenere 
Stadium, in dem auch gewöhnlich (nach A. v. Bergmann) die 
Atrophie und zentrale Depression stärker ausgeprägt ist. In ihr ist 
gewöhnlich auch das Haar pigmentlos. Aus Vers 4 — 8 geht her- 
vor, dass man auf die Ausbreitung der Flecke, wahrscheinlich auch 
auf das Auftreten neuer Flecke, grosses Gewicht für die Diagnose 
„Lepra" (nega Qaraath) legte. Sicher sind „mispachath" oder nach 
gleicher Wurzel gebildete „sappachath" S3^mptome nichtlepröser 
Hautleiden (Vers 6), wahrscheinlich Psoriasis- und Ekzemflecke, die 
ja stehen bleiben und abblassen können. 

In Vers 9 — 11 wird die Ulceration der Lepraknoten, der 
seeth, geschildert, wie sie im späteren Verlaufe der Lepra vorkommt. 
Gänzlich unklar sind dagegen Vers 12 — 16, in denen von einem 
plötzlichen Weisswerden der ganzen Körperhaut und von einem 
Weisswerden der Ulcerationen die Rede ist. Weder Psoriasis, noch 
Vitiligo noch Herpes tonsurans können für eine Erklärung dieser 
Stelle herangezogen werden. Sie ist und bleibt dunkel. 

In Vers 18 — 28 werden jene Fälle in Betracht gezogen, wo 
die Lepra auf der Basis eines anderen Hautleidens entsteht bzw. zu 
einem solchen hinzutritt und hier natürlich etwas andere Formen und 
Nuancen zeigt, als wenn sie die vorher gesunde Haut affiziert. 
„Schechin" (Vers 18) ist nach Preuss das Ekzem, Schachan heisst 
brennen oder heiss sein, schechin w'äre also = inflammatio, Entzün- 
dung. In Vers 18 — 20 wird die Differentialdiagnose zwischen 

I) Vgl. A. V. Bergmann, Die Lepra. In: Handbuch der Hautkrankheiten von 
Mracek, Wien 1904, Bd. HI, S. 638. 



— 491 — 

postekzematösen Residuen und Lepra nach Ekzem behandelt. Nach 
Preuss muss man sich die damahge Auffassung ungefähr folgender- 
massen vorstellen: Tritt an solchen Stellen, die früher Sitz eines (viel- 
leicht nässenden) Ekzems waren, ein weisses Lepramal auf, so wird 
es je nach dem Alter der Narbe einen verschiedenen Ton annehmen; 
ist die Narbe alt, weiss, ist sie noch frisch und zart, rötlich. Eine 
Schuppung wird hier nicht erwähnt, weil sie auf der Narbe, die ja 
Bindegewebe und keine neue Oberhaut ist, nicht vorkommen kann. 
Dass die Ausschläge auch bei diesen Formen tiefer ("amoq) sein 
sollen, als die gesunde Haut, wird nicht verlangt, eine Ekzemnarbe 
w'ird nicht so sehr einsinken; die kranke Stelle soll hier also nur 
flacher, schaphal, sein. Fehlen beide Kriterien, ist der Fleck nicht 
glänzend, sondern opak, dehnt sich aber aus, so ist es zwar auch 
eine nega, die verunreinigt (Keloid??), aber keine Lepra, die auch 
Entfernung aus dem Lager bedingt. Dehnt sich die scheinbare 
bahereth in der Narbe nicht aus, so ist es nur ein besonderer Zu- 
stand des ursprünglichen Ekzems, und zwar eine carebeth. Dieses 
Wort ist entweder ^= (frische) Entzündung des schechin oder = Bil- 
dung einer Pseudomembran (Fibrinschicht, Kruste, „qerum") auf dem 
eben heilenden Ekzem. 

Ob die Deutung ,, Ekzem" für diese Stelle zutreffend ist, halte 
ich für zweifelhaft, da Ekzeme für gewöhnlich keine Narben hinter- 
lassen. Es handelt sich ganz allgemein um eine entzündliche Haut- 
affektion, die zur Ulceration und Narbenbildung führt. Mehr kann 
man nicht sagen. 

In Vers 24 — 28 wird in analoger Weise die Differentialdiagnose 
zwischen einer Brandnarbe und einem Leprafleck besprochen, in einer 
dunklen, für die heutige klinische Diagnostik nicht verw^ertbaren 
Weise. 

Aus Vers 29 — 3 g geht deutlich hervor, dass zur echten Lepra 
auch der so hartnäckige Favus gerechnet wurde. Denn das „kurze 
goldgelbe" Haar in der affizierten Stelle ist höchstwahrscheinlich ein 
Favusscutulum. Die Heilung des Favus knüpft sich in der That an 
das Verschwinden der goldgelben Stellen und das Wiederauftreten 
der ursprünglichen schwarzen (bei den Juden) Haare. 

Ebenso wird in Vers 38 — 39 ein anderes Hautleiden geschildert, 
wahrscheinlich Vitiligo oder Psoriasis, dessen nichtlepröse Natur aus- 
drücklich betont wird. 

Endlich wird in Vers 40 — 44 die Differentialdiagnose zwischen 
einfacher und lepröser Alopecie besprochen bzw. das Auftreten eines 
leprösen Infiltrats auf schon bestehender Glatze geschildert. Dass 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 32 



— 492 — 

dies wirklich vorkommt, lehrt ein von A. v. Bergmann mitgeteilter 
analoger Fall ^). 

Gerade diese letzten differentialdiagnostischen Bemerkungen be- 
weisen, dass man den Aussatz als schwere ansteckende Krankheit von 
leichteren Hautaffektionen trennte. Nur für die Lepra haben die fol- 
genden Worte in Vers 45 und 46 einen Sinn: 

(45) Der Aussätzige, an dem der nega ist, seine Kleider sollen zer- 
rissen, sein Haar wild wachsend sein, über seinen Lippenbart soll er sich 
verhüllen und „unrein, unrein!" rufen. (46) So lange der Ausschlag, nega, 
an ihm ist, ist er unrein, einsam soll er wohnen, ausserhalb des Lagers soll 
seine Wohnung sein. 

Wie im Mittelalter, galt schon damals der Athem des Leprösen 
als ansteckend. Daher die Vorschrift der Verhüllung des Mundes. 
Ausserdem dienen die übrigen Bestimmungen bezüglich der Kleidung, 
des Haarwuchses und des Rufes der Erkennung des Aussätzigen 
schon aus der Ferne, ganz wie im Mittelalter, wo auch der Lepröse 
sein Nahen mit lauter Stimme oder mittelst einer Klapper ankündigen 
musste. Offenbar gab es schon bei den alten Juden Leproserien ausser- 
halb der übrigen Wohnstätten, worauf Vers 46 hindeutet. Auch vom 
König Asarja erzählt die Bibel, er war aussätzig bis zu seinem Tode 
und wohnte im „beth ha-chophschith" (IL Kön. 15, 5), im „Zufluchts- 
hause", einem offenbar für die Leprösen bestimmten Gebäude. Im 
Talmud war der Lepröse für die menschliche Gesellschaft so gut wie 
tot (Ned. 64 b), er lebt ausserhalb der Stadt „vor der Thür des Stadt- 
thores" (IL Kön. 7, 3). Wenn er sich in die Stadt wagte, so konnte 
es ihm passieren, dass sogar fromme Leute mit Steinen nach ihm 
warfen und ihm zuriefen: „geh' an deinen Ort und beschmutze (in- 
fiziere) die Menschen nicht!" (Lev. r. XVI, 3). 

Nach alledem wird man nicht daran zweifeln können, dass die 
garaath der Bibel im wesentlichen die echte Lepra gewesen ist. Für 
die Diagnose „Syphilis" bietet die Krankheitsschilderung nicht die 
geringste Handhabe. Auch die Aetiologie kann nicht heran- 
gezogen werden, da in der Bibel die garaath lediglich als Strafe für 
üble Nachrede erscheint. Erst in dem viel späteren Talmud wird 
unter den mannigfaltigen Vergehen, deren Strafe der Aussatz ist 
(Götzendienst, Gotteslästerung, Blutschande, Blutvergiessen, Diebstahl, 
falsches Zeugnis, Hausfriedensbruch, Hochmut, Neid etc.). auch die 
Unzucht hervorgehoben. Hat ein Mann seiner Frau während der 
Menstruation beigewohnt, so wird das aus diesem Coitus stammende 
Kind aussätzig. Fand die Beiwohnung am ersten Tage der Men- 



[) A. V. Bergmann a. a. O., S. 635. 



— 493 — 

struation statt, so erkrankt das Kind nach lo Jahren, wenn am zweiten 
Tage mit 20 Jahren, am siebenten Tage mit 70 Jahren! (Tanch. 
me^. 3, S. 22 b). 

Dass im späteren Altertum und Mittelalter die Unzucht, speciell 
der Coitus mit einem menstruierenden Weibe als Ursache aller mög- 
lichen Krankheiten galt, darum also nimmermehr ein Rückschluss 
auf S3^philis zulässig ist, habe ich bereits im ersten Theile (S. 107 ff.) 
des Näheren ausgeführt und muss darauf verweisen. Diese Thatsache 
macht die Deutung der garaath als „Syphilis" unmöglich, für welche 
übrigens auch sonst keinerlei greifbare Anhaltspunkte vorliegen, da 
in der Bibel selbst keine Affektion der Geschlechtsteile erwähnt wird. 
Bei der eminenten Contagiosität des Aussatzes ist natürlich eine 
Uebertragung durch den Coitus sehr wohl möglich und wahrschein- 
lich. Diese Contagiosität spiegelt sich auch in der biblischen Vor- 
stellung von der Lepra der Kleider wieder, wofür die Stelle IL Kön. 
5, 27 am meisten charakteristisch ist. Der von seinem Aussatz geheilte 
Syrier will dem Propheten Elisa aus Dankbarkeit Gold und Kleider 
schenken, die dieser aber ablehnt. Dagegen erbittet sich Elisas' 
Diener Gehasi beides und — wird selbst leprös. Hierbei ist natür- 
lich an eine direkte Uebertragung des Aussatzes durch die Kleider 
zu denken. 

3. Die Plage der Philister (i. Sam. Kap. 5 und 6). — Seit 
Josephus, der (Antiq. Jud. VI, Kap. i, i) die Krankheit der Philister 
für Dysenterie erklärte {e&vi]oxov ydg vjio dvoevregiag), ist diese rätsel- 
selhafte Krankheit Gegenstand zahlreicher Untersuchungen gewesen i). 
Wir folgen auch hier Preuss, der die Frage zweimal bearbeitet hat 2), 
dabei aber nach mündlicher Mitteilung nur die zweite Arbeit gelten 
lässt, in der er zu ganz anderen Ergebnissen bezüglich der Deutung 
des Leidens gelangt ist. 

Die Philister hatten (ca. 1000 v. Chr.) beim Siege über die Is- 
raeliten die Bundeslade erbeutet und in Asdod aufgestellt. 

„Und die Hand des Herrn lag schwer auf den Asdodim, und 
er verheerte sie und schlug sie mit 'aphalim". 

Sie senden darauf die Lade nach Gath, aber auch hier kam in 
die Stadt „eine sehr grosse Zerrüttung, und der Herr schlug die Leute 
der Stadt von Klein bis Gross, und es spalteten sich (von sathar) 
ihnen, — oder nach einer anderen Lesart: „es traten bei ihnen an 
verborgenen Körperstellen auf (von sathar") — "aphalim". 

i) Die ältere Literatur bei Kanne, Die goldenen Aerse der Philister. Nürnberg 1820. 
2) Allg. med. Centralzeitung 1898, No. 39 ff., Sep.-Abdr., S. 14/15 und Zeitschr. f. 
klin. Medizin 1902, Bd. XLV, Heft 5/6, S. 22. 

32* 



— 494 — 

Nun schickt man die Lade nach der dritten Hauptstadt Ekron, 
aber wie in den beiden anderen Städten kommt „eine Zerrüttung des 
Todes in die ganze Stadt. Und die Leute, welche nicht starben, 
wurden mit 'aphalim geschlagen und das Geschrei der Stadt stieg 
zum Himmel". 

Nachdem die Lade sieben Monate im Philisterlande gewesen, raten 
die Priester und Wahrsagter, die man befragt, sie zurückzugeben und 
gleichzeitig fünf 'aphalim von Gold und fünf Aläuse von Gold mitzu- 
senden. In Beth-Schemesch findet die Uebergabe an die Leviten 
statt, wobei der Transportwagen samt den Zugtieren verbrannt und 
die Lade auf einen grossen Stein gestellt wird. Auch von den Leuten 
dieses Ortes schlägt der Herr noch 50070 Mann, „weil sie angesehen 
die Lade des Herrn'^ 

Der Name „"aphalim" kommt nur noch in einer Strafandrohung 
(Deut. 28, 27: „Der Herr wdrd dich schlagen mit dem Aussatze Egyp- 
tens und mit aphalim") vor und bedeutet weiter nichts als „An- 
schwellungen, Beulen". Man kann also darin mit Preuss nur 
das Krankheitsbild einer Seuche erkennen, die beim Transport der 
Lade von einer Stadt zur andern verschleppt wird, und deren Pro- 
dukt sich plastisch in den Weihgeschenken darstellen lässt. Aus dem 
ekronitischen Bericht folgt, dass unter Umständen schon der Tod ein- 
treten kann, bevor noch die Beulen sich entwickelt haben. Diese 
treten an verborgenen Körperstellen auf. 

Nach Preuss ist dieses Krankheitsbild mit grösster Wahr- 
scheinlichkeit auf die echte Beulenpest zu beziehen. Es handelt 
sich um eine mörderische Seuche, an der viele sterben, ohne dass 
es zur Bildung von Beulen kommt (Lungenpest), während bei anderen 
sich Beulen an verborgenen Körperstellen, besonders in den Leisten- 
beugen, bilden. 

Da das Wort „"aphalim" irrtümlich von Aquila mit „phage- 
dänisches Geschwür", von Buxtorf mit „mariscae" übersetzt w^urde, 
so haben viele Autoren angenommen, dass es sich um Syphilis ge- 
handelt habe ^). Hierfür lässt sich aus der Bibel selbst aber keinerlei 
Anhaltspunkt beibringen. 

Nach Preuss war den alten Erklärem die Kenntnis der Beulenpest allmählich ver- 
loren gegangen. Statt des Wortes 'aphalim lasen die Masoreten ,,techorim", das für 
decenter galt (Meg. 25 b) und das Gesäss (die nates) bezeichnen soll. Bei den chaldäischen 
Uebersetzem ist dieses Wort das allein gebräuchliche. Sie deuten sogar die Psalmstelle 
{78, 66): „Gott schlägt seine Feinde von hinten", mit diesen techorim, einem Leiden des 



I) ^gl- J- B- Friedreich, Zur Bibel. Naturhistorische, anthropologische und medi- 
zinische Fragmente. Nürnberg 1848, Bd. I, S. 243^ — 245. 



— 495 — 

Afters, wie sie also zu meinen scheinen, da ihnen wahrscheinlich die Beulenpest nicht mehr 
bekannt war. 

Ziemlich dunkel ist das Weihgeschenk der goldenen Mäuse. 
Die Septuaginta und Josephus schieben einfach noch eine Aläuse- 
plage, für deren Abwehr das Geschenk danken soll, in den Text ein, 
wozu dieser, indem er (Cap. 5, 6) von „Mäusen, die das Land ver- 
derben", spricht, selbst den Anlass gab. Nach G. Sticker (Wiener 
klinische Rundschau vom 10. Xov. 1898) geht dem Ausbruch der 
Beulenpest gewöhnlich ein grosses Sterben von Ratten voraus. Viel- 
leicht war dieser Zusammenhang den Philistern schon bekannt. Da- 
her die merkwürdige Votivgabe. Nach Asch off und Peypers 
(Janus V, 611) ist die Maus das Bild der Zerstörung-. Im Tempel 
zu Theben hält Ptah, der Gott der Zerstörung, in einer Hand eine 
]\Iaus, nach der Maus heisst der Pestsender Apollo ZfÄivdevg, auf 
manchen Münzen droht er mit einer Maus, die die rechte Hand hält, 
während die linke den vorgestreckten Pfeil zeigt. Es ist auch be- 
merkenswert, dass, während in der biblischen Erzählung von einer 
Pest im Heere Sanherib's die Rede ist (II. Kön. ig, 35), Herodot 
(II, 141) von einer grossen Mäuseschaar berichtet, die das Heer ver- 
nichtet hätte. Die Wahl der Maus als Pestsymbol erklärt sich nach 
Preuss daraus, dass das aus unterirdischen Löchern des Ackers 
schaarenweise heraustretende Tier vielleicht ursprünglich das Zeichen 
der unterirdischen Gottheiten war, die dem Menschen Böses bringen 
und zu deren Versöhnung, „die sich reinigen von Sünden und heiligen 
wollen", daher Mäuse als Opfertiere essen (Jes, 66, 17). 

Auch W. Ebstein 1), der ebenfalls die Plage der Philister für 
die Beulenpest hält, nimmt keinen kausalen, sondern nur einen sym- 
bolischen Zusammenhang zwischen der Epidemie und der Mäusenot an. 

4. Die Krankheit Hiobs. — Das schon von den Talmudisten 
als Dichtung aufgefasste Buch Hiob schildert die Leiden einer fin- 
gierten Persönlichkeit, die vom höchsten Glück ins tiefste Unglück 
gestürzt wird, und nachdem sie aller irdischen Reichtümer beraubt 
ist, von schwerer Krankheit heimgesucht wird. Hiob wird ,,mit 
schechin ra geschlagen, von der Sohle seines Fusses bis zu seinem 
Scheitel. Und er nahm einen Scherben, um sich damit zu schaben 
und er sass in der Asche" (Hiob 2, 7/8). Drei Freunde, die all dieses 
Unglück hören, kommen jeglicher von seinem Wohnorte; als sie ihn 
von ferne sehen, erkennen sie ihn nicht wieder. Sie setzen sich mit 
ihm auf die Erde, ohne zu sprechen; denn sie sehen, dass der Schmerz 



i) W. Ebstein, Die Medizin im alten Testament. Stuttgart 1901, S. 96 — 97. 



— 496 — 

sehr gross war. Der Unglückliche klagt: das Kleid meines Leibes 
(= die Haut) ist Gewürm und Staubkruste, meine Haut birst und 
löset sich auf (7, 5), meine Haut ist schwarz von auf mir weg (hängt 
schwarz von mir herab [30, 30]), an meiner Haut und an meinem 
Fleische klebt (fettlos) mein Gebein, ich habe nur die Haut meiner 
Zähne (mein Zahnfleisch, sonst nichts) übrig behalten (ig, 20). Der 
Schlaf wird durch böse Träume gestört (7, 13), mein Gesicht glüht 
vom Weinen (16, 16), ich zucke vor Schmerz (6, 10) und zahlreiche 
andere Klagen ähnlichen Inhalts, unter denen diejenige: „bei Nacht 
bohrt er (der Schmerz) meine Gebeine" (30, 17) als besonders syphilis- 
verdächtig hingestellt worden ist. 

Es handelt sich in Wahrheit um die poetisch ausgeschmückte, 
hyperbolische Schilderung schwerer seelischer und körperlicher Leiden 
verschiedener Art, die über Hiob verhängt werden, um sein Gott- 
vertrauen zu erproben. Schon die seelischen Leiden, die durch die 
plötzliche Verarmung und durch die gleichzeitige Ermordung seiner 
IG Kinder hervorgerufen werden, können vollauf seine Abmagerung, 
sein Weinen, seinen unruhigen Schlaf erklären. Dazu kommt ein 
„schechin", eine entzündliche Affektion der Haut, die mit starkem 
Jucken einhergeht, das Hiob durch Kratzen mit einem Scherben zu 
lindern sucht. Die Haut birst (== schmerzhafte Rhagaden) und 
löset sich auf (= starke seröse Absonderung), ist stellenweise 
schwarz und krustös (= sanguinolente Krusten). Das ist, ohne 
dass man dem Texte irgendwie Gewalt anthut, ziemlich deutlich das 
Bild eines schweren chronischen Ekzems, dessen universelle 
Ausbreitung zu den bekannten Folgeerscheinungen (unerträgliches 
Jucken, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Abmagerung und Anämie) führt. 
Der Ausdruck „bei Nacht bohrt der Schmerz meine Gebeine" ist 
ganz gewiss nur als dichterische Uebertreibung der grossen Schmerz- 
haftigkeit des Ekzems zu nehmen, die dem Kranken das Liegen er- 
schwert und ihm daher bei Nacht mehr zu schaffen macht als am 
Tage. Es ist nach Preuss sehr fraglich, ob der Ausdruck „Gebeine" 
an dieser Stelle mit „Knochen" zu identifizieren sei. Aber selbst 
„nächtliche Knochenschmerzen" können bei nichtsyphilitischen Leiden, 
wie Typhus, Blei- und Merkurintoxikationen, Erkrankungen der blut- 
bildenden Apparate etc. vorkommen. 

• Man sieht also, dass auch die Krankheit Hiobs für die Diagnose 
„Syphilis" nicht den geringsten Anhaltspunkt darbietet. 

5. Die Basale rathan^). — Wenn ein verheirateter Mann an 
Lepra erkrankt, so soll nach der Vorschrift der Mischna (Keth. VII, 10) 

1) Vgl. J. Preuss, Chirurgisches in Bibel und Talmud. In: Deutsche Zeitschr. f. 
Chirurgie, Bd. LIX, S. 521—524. 



— 497 — 

das Gericht ihn ex officio zur Scheidung zwingen, selbst wenn die 
Frau die Ehe mit ihm fortzusetzen gewillt ist, „weil sie ihn hin- 
schwinden macht", nach der gewöhnlichen Erklärung: weil die Coha- 
bitation den Verfall der Körperkräfte des Kranken beschleunigen 
würde. 24 Arten Aussatz giebt es, hat ein Alter von den Männern 
Jerusalems dem R. Jose und ein Alter von den Aussätzigen in 
Sepphoris) dem R. Schimeon ben Gamliel erzählt (T. Keth VII, 
II und Lev. r. 16,1), und von allen Formen sagen die Weisen, der 
Coitus sei ihnen schädlich, am schädlichsten aber den „ba'"ale rathan" 
(Keth. 77 b). Das bezieht sich nach Preuss auf den frühzeitigen 
Verlust der Potenz, wie er bei der Lepra im Altertum und Mittel- 
alter angenommen wurde. 

Als Ursache der geheimnisvollen Krankheit ,, rathan" gibt die Tradition an: Hat der 
Mann zur Ader gelassen und coitiert dann, so werden die Kinder kachektisch, haben beide 
Ehegatten vor der Cohabitation venäseciert, so bekommen sie mit rathan behaftete Kinder. 
Nach Rab gilt das nur, wenn der Mann vor dem Coitus nichts gegessen hat (Nidd. 17a). 

„Welches sind die Zeichen der Krankheit? Es rinnen seine Augen, es fliessen seine 
Nasenlöcher und es kommt ihm Speichel aus dem Munde und es werfen sich die Fliegen 
auf ihn. 

Und was ist seine Heilung? Abaje sagt: Man koche Phyllon, Ladanum, Nuss- 
schalen, Lederabschabsel , Melilotus und Dattelschalen zusammen und bringe den Kranken 
in ein Marmorhaus — das auch noch an anderer Stelle als Operationsraum genannt wird 
(B. mec. 83 b). Dann giesse man dem Kranken 300 Becher von obiger Abkochung über 
den Kopf, bis der Boden seines Gehirns weich wird, und spalte dann das Gehirn. Dann 
nimmt man vier Blätter der Myrthe, hebt jeden Fuss einzeln auf und legt ihn wieder nieder 
(nachdem man je ein Myrthenblatt untergeschoben), zieht es (das Gebilde in toto) dann mit 
der Zange heraus und verbrennt es, denn sonst kommt es (oder die Krankheit) wieder 
auf ihn. 

R. Jochanan liess ausrufen: Hütet euch vor den Fliegen der Rathan-Kranken ! R. Zeira 
setzte sich nicht in ihren Wind, R. Ami und R. Assi assen nicht Eier aus der Strasse, in 
der jene Kranken (isoliert?) wohnten, nur R. Josua ben Levi setzte sich zu ihnen und unter- 
richtete sie, vertrauend, dass die Gotteslehre ihm ein Schild sei, der ihn vor Schaden be- 
wahren würde. 

R. Chanina sagt: Warum gibt es keine Rathan-Kranken in Babylon? Weil sie 
(die Menschen überhaupt?) Mangold essen und Bier aus Hizmi-Hopfen trinken. R. Jochanan 
sagt: Warum gibt es keine (jar aath-Kranken in Babylon? Weil sie Mangold essen und 
Bier trinken und im Wasser des Euphrat baden (Keth. 77 b)." 

Preuss betont mit Recht die völlige Unbestimmtheit dieses 
Krankheitsbildes. Er meint, die Symptome lassen sich vielleicht auf 
Lepra beziehen, wenn, wie bei schweren Formen derselben, die 
Schleimhäute sich verändern, die Conjunctiva, die Schleimhaut der 
Nase, des Mundes und des Rachens Sitz lepröser Geschwüre werden 
und die umgebenden Partien (Lider, Nase, Lippen) dazu noch durch 
Infiltrate oder Knotenbildung starr geworden sind. Mit Recht hielt 
man diese stark absondernden Geschwüre für besonders ansteckend 



- 498 - 

und hatte vielleicht auch nicht ganz Unrecht, wenn man an eine Ueber- 
tragung der Lepra durch Fliegen dachte, nach Analogie der modernen 
Forschungen über Malaria, Schlafkrankeit und Pest. Eigentümlich 
ist freilich die sehr unbestimmt geschilderte Gehirn- oder Schädel- 
affektion, bei der man eine bestimmte Diagnose nicht machen und 
sowohl an einen Tumor, eine Caries oder einen Cysticercus denken 
kann. 

Diese Schilderung hat man denn natürlich auch als „Syphilis" 
gedeutet, ohne dass dafür der geringste Anhaltspunkt gegeben ist. 
Selbst der an die „Lues veterum" glaubende Peypers ist dieser 
Hypothese entgegengetreten i). 

§ 36. Die indischen „Giftmädchen". 

Schon im ersten Teile (s. oben S. 284 — 290) sind alle wichtigen 
Thatsachen mitgeteilt worden, aus denen die Einschleppung der Syphilis 
nach Ostindien und dem Indischen Archipel am Anfange des 16. Jahr- 
hunderts mit Sicherheit gefolgert w^erden kann. Inzwischen ist die 
von mir schon im Manuskript benutzte vorzügliche quellenkritische 
Darstellung der indischen Medizin aus der Feder des ausgezeichneten 
Sanskritisten Julius Jolly im Drucke erschienen 2). Wir ersehen 
daraus, dass die Inder sehr wohl die örtlichen Geschlechtskrankheiten 
von der Syphilis unterscheiden konnten. Jolly giebt (a. a. O. S. 105 
bis 106) die folgende Uebersicht dieser nichtsyphilitischen Geschlechts- 
krankheiten: 

Neben v j. d d h i {Hodenanschwellung, Hydrocele, Leistenbrach) wird upadamsa 
genannt. Diese Erkrankung des Penis entsteht durch Verletzung desselben beim Coitus mit 
den Händen, Nägeln oder Zähnen ^), Unterlassung der Abwaschung nachher oder Benutzung 
von verdorbenem Wasser bei derselben, Verkehr mit einer menstruierenden, unreinlichen 
oder an einer Frauenkrankheit leidenden Frau, erzwungenen Verkehr, den Gebrauch von 
„suka" (= Applikation von stimulierenden Insekten am Penis) und andere Stimulantien 
u. dgl. Die entstehenden Geschwülste und Pusteln sind schwarz, feigenartig, weiss u. s. w., 
je nach den sie verursachenden Grundsäften. Wenn das Fleisch am Penis geschwunden, 
von Würmern zerfressen ist, so dass nur noch die Hoden übrig sind, so ist der Fall hoff- 
nungslos. Wer nicht sofort nach dem Beginn der Krankheit dagegen einschreitet, sondern 
den sexuellen Verkehr fortsetzt, dessen Penis wird durch Geschwulst, Würmer, Hitze und 
Eiter zerstört, und er stirbt. Zunächst wird die Anwendung von Oelen und Wärme 
empfohlen, dann öffne man eine Ader mitten am Penis oder setze Blutegel an, gebe Purgir- 
und Brechmittel, bei schwachen Patienten ein Klystier. Je nach der Art der Erkrankung 



1) Nederl. Tydschr. voor Geneesk. 1893, Bd. H, S. 397. 

2) Julius Jolly, ,, Medizin", in: Grundriss der indo-arischen Philologie und Alter- 
tumskunde von Bühler-Kielhorn, Bd. III, Heft 10, Strassburg 1901. 

3) Das Beissen des Penis mit den Zähnen war ein Bestandteil der so raffinierten in- 
dischen ars amatoria. 



— 499 — 

sind verschiedene warme und icalte Einreibungen, Abwaschmigen und Umschläge zu machen. 
Der Arzt muss zu verhindern suchen , dass Eiterung eintritt und den entstandenen Eiter 
rasch mit dem Messer beseitigen. 

Ein anderes Leiden ist lingavarli oder liügärsas („Penisgeschwür"), ein Aus- 
wuchs an den Genitalien, der einem Hahnenkamm gleicht, mit länglichen, sich über ein- 
ander ansetzenden schleimigen und schmerzhaften Geschwüren, die schwer heilbar sind. Die 
Geschwulst ist vollständig auszuschneiden und zu brennen, oder man reibe sie mit einem 
Extrakt von Berberis asiatica, Realgar und anderen Arzneien ein. Nach Dutt, Nidäna 
169 f., wäre unter lingavarti Syphilis, unter lingärsas Warzen zu verstehen. Die bei 
Susruta 2, 2, 11 vorkommenden arsas hat schon Häser mit der Syphilis identifiziert. Sie 
entstehen aus verdorbenem Fleisch und Blut am Penis, beginnen mit Jucken, dann entsteht 
durch Kratzen eine Wunde, an der sich aus verdorbenem Fleisch entstehende, schleimiges 
Blut aussondernde, wulstige Auswüchse innen (in der Eichel) oder an der äusseren Haut 
bilden, den Penis und die Potenz zerstören. Aehnliche, übelriechende Auswüchse in der 
Vagina heben die Menstruation auf. Offenbar ist mit arsas, lingärsas und lingavarti 
die gleiche Krankheit gemeint, ob aber die Syphilis, ist ebenso zweifelhaft, wie bei den 
vedischen Krankheitsnamen, die Bloomfield auf Syphilis bezieht, wenn auch die obigen 
Symptome (hahnenkammartig u. s. w.) allenfalls auf syphilitische Condylome bezogen werden 
könnten ^). 

Die vedischen Stellen 2), die Bloomfield auf S3^philis bezieht, 
lauten : 

„Charm for curing tumours called gäyänya. 

3. The gäyänya that crushes the ribs, that which pams down to the sole of the 
foot, and whichever is fixed upon the crown of the head, I have driven out every one. 
4. The gäyänya, winged, flies; he settles down upon man. Here is the remedy both for 
sores not caused by cutting, as well as for wounds sharply cut! 5. We know, o gäyänya, 
the origin, whence thou didst spring. How canst thou slay there, in whose house we 
offer oblations?" 

Aus dieser ganz allgemeinen Schilderung einer in Form von 
Tumoren auftretenden Krankheit lässt sich die Diagnose „Syphilis" 
in keiner Weise rechtfertigen. Bloomfield gelangt zu ihr auch nur 
auf dem doch sehr zweifelhaften Wege der Etymologie, indem er 
„gä yänya" von „gä yä = Frau ableitet oder von der Wurzel „gan" 
= kongenitale Krankheit! Daraus würde doch höchstens zu schliessen 
sein, dass es sich um ein Frauenleiden bezw. um irgend ein ange- 
borenes Leiden handelt, das durchaus nicht Syphilis zu sein braucht. 



Für die präcolumbische Existenz der Syphilis in der Alten Welt 
hat man auch die uralte indisch-orientalische Sage von den „Gift- 



i) Diese Ansicht Jolly's ist dahin zu berichtigen, dass es sich ganz offenbar um 
typische, nicht syphilitische venerische, sog. spitze Condylome handelt. 

2) Hymns of the Alharva-Verda translated by Maurice Bloomfield, S. 17 — [8. 
Oxford 1807. 



— 500 — 

mädchen" herangezogen i). Da diese von Einfluss auf bestimmte 
ätiologische Anschauungen der mittelalterlichen Medizin gewesen ist, 
die auch für unser Thema Interesse haben, so gehen wir etwas aus- 
führlicher darauf ein. 

Skizzieren wir zunächst einige Formen der Sage vom Gift- 
mädchen, wie sie Wilhelm Hertz in seiner berühmten Abhandlung^) 
zusammengestellt hat. Hierauf werden wir auf den realen Kern 
dieses Aberglaubens einzugehen und zu prüfen haben, ob hierbei die 
Syphilis irgend eine Rolle spielt. 

In das im 12. Jahrhundert aus dem Arabischen übersetzten, 
unter dem Namen des Aristoteles gehende Werk „De secretis 
secretorum" oder „De regimine principum" ist eine Erzählung ein- 
geschaltet, wie Aristoteles durch sein Wissen das Leben Alexanders 
vor einem tückischen Anschlag gerettet habe. 

,, Alexander", so schreibt Aristoteles, „denke an die That der Königin von Indien, 
wie sie dir unter dem Vorwande der Freundschaft viele Angebinde und schöne Gaben 
übersandte. Darunter war auch jenes wunderschöne Mädchen, das von Kindheit auf mit 
Schlangengift getränkt und genährt worden war, so dass sich seine Natur in die Natur 
der Schlangen verwandelt hatte. Und hätte ich sie in jener Stunde nicht aufmerksam beob- 
achtet und durch meine Kunst erkannt, da sie so furchtbar ungescheut und schamlos ihren 
Blick unablässig an das Antlitz der Menschen heftete, hätte ich nicht daraus geschlossen, 
dass sie mit einem einzigen Bisse die Menschen töten würde, was sich dir hernach durch 
eine angestellte Probe bestätigt hat, so hättest du in der Hitze der Beiwohnung den 
Tod davon gehabt." 

Die Vergiftung erfolgt hier also während des Beischlafes, aber 
nicht durch diesen, sondern durch einen tödlichen Biss. 

In späteren Fassungen der Sage, z. B. bei Frauenlob, ist es 
nicht der Biss, sondern der blosse Blick und Hauch des Mundes, 
die tödlich wirken. 

Der Sage von der Vergiftung durch den blossen Blick, den sog. „bösen Blick", liegt 
nach Hertz offenbar eine Verwechselung des Giftmädchens mit der persisch-indischen 
Qaftär zu Grunde. Nach Ibn Batutah glaubte man, dass es unter den indischen Yogi 
Leute gebe, von denen ein einziger Blick genüge, um einen Menschen tot niederzuwerfen. 
Oeffne man die Brust des Toten, so fehle darin das Herz; denn das habe der Zauberer 
gefressen. Besonders Frauen sollten diese unheimliche Macht besitzen; eine solche nannte 
man mit einem persischen Wort qaftär, Hyäne. Kam ein Weib in Verdacht, mit dem 
Blick einem Kind das Herz im Leibe gefressen zu haben, so machte man mit ihr die 
Wasserprobe wie mit den Hexen des Abendlandes, und wenn sie mit den vier an ihren 
Armen und Beinen festgebundenen Krügen oben schwamm, so galt sie für überführt und 
wurde lebendig verbrannt. Ibn Batutah war Augenzeuge eines solchen indischen Hexen- 



1) Vgl. Haas, Zeitschr. der Deutschen morgenländischen Gesellschaft, Bd. XXXI, 
S. 657. 

2) Wilhelm Hertz, Die Sage vom Giftmädchen, München 1893. 



— 50I — 

Prozesses in Delhi in den dreissiger Jahren des 14. Jahrhunderts (Ihn Batoutah, Voyages, 
texte arabe, accompagne d'une traduction par Defremery et Sanguinetti, Paris 1853, 
Tom IV, p. 36 ff.) 

Die ursprüngliche Fassung der Sage vom Giftmädchen beruht 

auf dem Glauben an eine wirkliche materielle Ansteckung durch ein 

I 
reales Gift, das nicht der weiblichen Trägerin, wohl aber dem sie 

berührenden Manne den Tod bringt. Diese Idee ist specifisch indisch. 
Das Vorgehen dabei wird von Kazwini (f 1283) folgender- 
maßen geschildert: 

Zu den Wundern Indiens gehört das Kraut e 1 - b i s , das nur in Indien gefunden 
wird und ein tödUches Gift ist. Die indischen Könige, wird erzählt, nehmen, wenn sie 
einen feindlichen Herrscher beseitigen wollen, ein neugeborenes Mädchen und streuen das 
Kraut einige Zeit lang erst unter seine Wiege, dann unter sein Bettpolster, dann unter seine 
Kleider. Endlich geben sie es ihm in der Alilch zu trinken, bis das herangewachsene 
Mädchen es ohne Schaden zu essen beginnt. Dieses Mädchen schicken sie darauf mit Ge- 
schenken an den König, welchem sie Nachstellungen bereiten: wenn er ihr beiwohnt, stirbt 
er. (Silvestre de Sacy, Chrestomathie Arabe, äme edit., Paris 1826, Tom. III, p. 398.) 

Der arabische Name „bTs" kommt vom indischen ,.visa" = Gift 
und zwar bezeichnet man damit als das Gift schlechthin die Wurzel 
der in Indien heimischen Arten von Aconit, hauptsächlich Aconi- 
tum Napellus ^). 

Das auf die beschriebene Weise mit diesem furchtbaren Gift 
durchtränkte Mädchen heißt im Sanskrit „visakanyä" = Giftmädchen 
oder „visänganä" = Giftweib, und die indischen Schriftsteller sprechen 
davon als von einer allbekannten Sache. Es war sogar eine Pflicht 
der indischen Hofärzte, Küche, Keller und Frauengemach zu beauf- 
sichtigen, um veräterische Köche und Giftmädchen auszuspüren. 

Daß die Sage die Uebertragung des Giftes vorwiegend an das 
weibliche Geschlecht knüpft ''^), hängt mit dem uralten Glauben an die 
besondere Befähigung des Weibes für Vergiftungskünste zusammen, 
die es in seiner Eigenschaft als Hexe und Zauberin ausübt 3), wobei 
es besonders sich des Sexualtriebes der Männer bedient und 
vermittelst des „Concubitus venenatus" seinen teufhschen Zweck 
erreicht. 



1) Näheres über diese Giftpflanze bei Th. Husemann, Artikel ,, Aconit" in Eulen - 
bürg 's Realencyclopädie, 3. Aufl., 1894, Bd. I, S. 210. 

2) Allerdings kannte der indische Volkesglaube auch Männer, welche, ganz den 
Giftmädchen entsprechend, infolge fortgesetzter Einnahme von Giften gegen Gifte geschützt 
waren und ihrerseits die dämonische Macht hatten, Frauen durch ihre Liebkosung zu töten. 
Hertz a, a. O., S. 68. 

3) Vgl. hierüber die interessanten Ausführungen von K. F. H. Marx, Die Lehre 
von den Giften, Göttingen 1829, Bd. II, S. 276 — 278. 



— 502 — 

Dieser Concubitus venenatus läßt nun die mannigfaltigsten Deu- 
tungen zu. Er bildet einen merkwürdigen Bestandteil des mittel- 
alterlichen medizinischen Aberglaubens und hat als solcher auch in 
der Geschichte der Syphilis seine Rolle gespielt. 

Es gab gewisse Zustände der Frau, in denen man sie für „giftig" 
hielt und aus einem zu dieser Zeit vollzogenen Beischlafe alle mög- 
lichen schädlichen Folgen ableitete. Dazu gehörte zunächst die 
Blutung bei der Defloration. Hertz ^) sagt darüber: 

„Ueber tödliche Vergiftung im Liebesgenuss herrschten in der Vorzeit und 
und herrschen zum Teil noch heute die abenteuerlichsten Vorstellungen. In der beliebtesten 
und verbreitetsten Reisebeschreibung des Mittelalters, im Buch des Ritters von Mande- 
V i 11 e , wird von einer Insel im fernen Osten erzählt, dass dort der Bräutigam nicht selbst 
die Ehe vollziehe, sondern hierfür einen Stellvertreter miete, der wegen der Waghalsigkeit 
des Unternehmens in der Sprache des Landes cadyberis, d. h. ein toller Verzweifelter, ge- 
nannt werde. Dieser Brauch, so erklären die Eingeborenen, stamme aus alten Zeiten, in 
welchen die Jungfrauen kleine Giftschlangen im Schosse verborgen getragen hätten, durch 
deren Biss der erste, der ihnen beiwohnte, getötet worden sei . . . 

So fabelhaft der Bericht Mandevilles klingt, so enthält er doch einen Kern Wahrheit. 
Denn in der That bestand und besteht bei den verschiedensten Völkern der Brauch, dass 
jener Akt, für den sich die Römer eine eigene Schutzgöttin Pertunda bestellt hatten, als 
eine Sache angesehen wird, der man sich gern entzieht und die daher auf einem andern 
als dem natürlichen Wege, durch manuellen Eingriff, durch Instrumente, durch den Phallus 
eines Götzen oder durch einen Stellvertreter des Bräutigams, bald gegen Bezahlung, bald 
aus Gefälligkeit, vollzogen wird ... 

Eine Erklärung der eigentümlichen Anschauung werden wir jedoch nicht sowohl auf 
dem Gebiete der Moral als auf dem des volkstümlichen Aberglaubens zu suchen haben. Da 
findet sich denn, was schon Rosen bäum erkannt hat, dass bei einem Teile der Mensch- 
heit nicht bloss das Menstrualblut, sondern ebenso das bei der Defloration fliessende Blut 
für unrein und schädlich gehalten wurde. Ein sprechendes Zeugnis für diese Meinung bieten 
uns die altindischen Hochzeitsbräuche. Nach den Hochzeitsprüchen im Veda galten die 
vom Blute der Brautnacht geröteten Hemden für giftig und bösen Zaubers voll und mussten 
daher gleich am Morgen beseitigt werden. Zitternd vor ihrer dämonischen Macht steckte 
sie der Bräutigam auf die gespaltene Spitze einer Stange und bannte so ihren Zauber fest. 
Sie wurden dann dem Priester zu teil, der allein im stände war, sie wieder zu reinigen. 
Damit vertrieb man die bösen Dämonen des Ehebettes und verhütete, dass die junge Frau 
ihrem Gatten Schaden thue." 

Nicht bloss das Deflorations-, sondern auch das Menstrualblut 
und andere Ausflüsse aus den weiblichen Genitalien galten als giftig. 

Dass Frauen im Schosse Gift haben können, begegnet uns wiederholt in historischen 
Sagen des Mittelalters. Auf diese Art erklärte man den Tod des Königs Wenzel IL von 
Böhmen im Jahre 1305. Als dieser, so erzählt ein Zeitgenosse, Ottacker, in seiner 
steinschen Reimchronik ^), von Tag zu Tag hinsiechte und von den Aerzten aufgegeben wurde, 



1) A. a. O., S. 27—28, 38, 43. 

2) Pez, Scriptores Rerum Austriacarum veteres et genuini, Bd. III, 741a f., Ratis- 
bonae 1745. 



— 503 — 

da beschuldigte man gewisse Herren, dass sie ihm Gift beigebracht hätten, mit wunder- 
lichen Sachen. Der Argwohn fiel auf ein schönes Weib Agnes, das fiedeln und singen 
konnte und alle die Künste verstand, wowit die Weiber sich den Männern lieb und wert 
machen. Wenn der König sie selbst zum Werke der Minne begehrte, so gewann sie sein 
Wohlgefallen durch ihre lustlichen Sitten, und kam er um anderer Frauen oder Mädchen 
willen in Liebespein, so half sie ihm als Unterhändlerin, dass sie seine volle Freundschaft 
erwarb. Auch trug sie ihm heimliche Botschaft zu hohen Fürsten und ging oft für ihn 
als Kundschafterin furchtlos in fremde Lande. Dadurch erlangte sie solchen Einfluss auf 
ihn, dass er ihr all ihren Willen that und sie mit Gaben überschüttete, Sie wurde hof- 
färtig und lebte auf grossem Fusse, hielt sich zwölf und mehr Pferde und führte in einem 
eigenen Kammerwagen ihre Kleider und Kleinode mit sich. Diese Agnes wurde bezichtigt, 
dass sie, durch grosse Bestechungen gewonnen, ihm der Welt Lohn gegeben habe. ,, Minne, 
wie hast du es geschehen lassen, dass man falsche Zutat mischte unter die unergründliche 
Süssigkeit, welche die minniglichen Frauen an ihrem zarten Leibe tragen? Alle Frauen 
bitte ich, sie um die grosse Missethat zu hassen, die sie hieran beging. Der Mond und 
die Sterne sollen ihr ihren Glanz versagen. Die Sterne und das Firmament und die vier 
Elemente sollen ihr gram sein , da sie in Untreue sich selbst entehrte und ihren klaren 
Leib unrein, widerlich und abscheulich machte, als der König bei ihr lag und minniglicher 
Dinge pflag, womit er Freude wähnte zu erwerben, dass er davon musste sterben: 

wan er faulen pegan 

an der stat, da sich die man 

vor schäm ungerne sehen lant." 

Es liegt nahe, hier an ein venerisches Leiden zu denken, und 
zwar passt die Beschreibung durchaus auf einen nichtsyphilitischen 
gangränösen Schanker, dessen Ursprung durch eine Art von Ver- 
giftung erklärt wird^). 

Genau auf dieselbe Weise muss die Krankheit des Königs 
Ladislaus von Neapel (geboren 1375, gestorben 14 14) gedeutet 
werden. 

Der Chronist Kaiser Sigismunds, Eberhart Windecke, schreibt 
{um 1437): 

„Do starb der Konig Lasle emes jehen todes, und er füllet von seinem gemechte 
pis an sein herze, das tet Im eines bidermannes tochter von Nopels, die er genozoget hette 
wider Iren willen^)." 

Erich Ebstein^) erhielt vor kurzem durch den Münchener 
Privatdozenten Dr. Beckmann folgende bisher ungedruckte Notiz 
über die Krankheit des Königs aus einem Briefe vom August 14 14: 

^^ — prope Urbem in Castro Montis Rotundi quaedam letalis infirmitas in virga 
ipsum acriter invasit, cui Cancer se conjunxit, ipsum usque ad viscera corrodendo." 



i) Selbst Proksch hat bei Mitteilung dieser Verse nicht die Diagnose „Syphilis" 
zu stellen gewagt (Geschichte der venerischen Krankheiten, Bd. I, S. 362 — 363). 

2) Historia Imp. Sigismundi, c. 29 (Bernhard Mencke, Scriptores rerum Germa- 
nicarum, Lipsiae 1728, Bd. I, S. 109 1 f.; Hagen, Das Leben König Sigmunds von 
Eberhard Windecke, Leipzig 1886, S. 25. 

3) Erich Ebstein, Die Krankheit des Königs Ladislaus von Neapel. In: Medi- 
zinische Woche 1906, No. 8. 



— 504 — 

Mit Recht bezeichnet Ebstein diese Schilderung als eine ausser- 
ordentlich charakteristische Beschreibung eines typischen gangränösen 
serpiginösen Schankers (cancer), der vom Membrum virile aus weiter- 
kriecht, sich allmählich auf die Nachbarschaft verbreitet und bei un- 
zweckmässiger Behandlung zum Tode führen kann. 

Interessant ist, dass auch hier die Sage durch Vermittelung eines 
„Giftmädchens'' die Krankheit entstehen lässt. 

In den kirchlichen Annalen zu dem Jahre 1414 sagt Raynal- 
dus^;, sich auf Theodoricus e Niem beziehend: 

„Inter medios secundos successus cum Italiae imperium Ladislaus affectaret, morbo 
correptus ex illito genitalibus a scorto Perusino, ut ajunt, veneno, sive igne sacro divinitus 
immisso, ut per quae peccarat per ea puniretur, Neapolin reversus est, octavoque Augusti die 

interiit." 

Nach einer anderen Fassung der Sage bestachen die Florentiner 
einen Arzt in Perugia, mit dessen junger und schöner Tochter der 
König ein Liebesverhältnis hatte, und der unnatürliche Vater opferte 
seiner Habgier das Leben seines Kindes. Er redete ihr ein, wenn 
sie sich mit einer von ihm bereiteten Salbe an heimlicher Stelle ein- 
reibe, werde die Neigung des Königs zu ihr in solchem Grade wachsen, 
daß er nie mehr von ihr werde lassen können. Das verliebte Mädchen 
glaubte ihm, benutzte die Salbe — es war Saft vom Eisenhut — und 
vergiftete damit sich und ihn -). 

Da der Begriff des „Contagiums" und der „Infektion" in ältester 
Zeit fehlte, dagegen derjenige des „Giftes" schon sehr frühe bekannt 
war, so lag es für die primitive Anschauung nahe, geheimnisvolle 
Erkrankungen auf solche Vergiftungen zu beziehen. Seit uralter 
Zeit gilt im Volksglauben das Weib als Trägerin und Übermittlerin 
giftiger Stoffe, die in der Menstruation, dem weiblichen „Flusse", zu 
Tage treten, oder in anderen fremdartigen Absonderungen aus den 
weiblichen Genitalien (Fluor albus). Die Berührung mit dem giftigen 
Cunnus schädigt, verdirbt die männlichen Genitalien und macht sie 
krank. So heisst es in einem sizilianischen Volkliede^): 

Buttana cu la fissa nvilinata 
E ddhocu dintra ci teni lu focu, 
Ci teni un cani corsu ncatinatu 
Chi muzzica li cazzi a pocu a pocu. 

i) Annales ecclesiastici ab anno 1198 . . . Auetore O. Raynaldo, Accedunt in hac 
editione notae etc. Auetore Joanne Dominico Mansi Lucensi, Tom. VIII, Lucae 
1754, Fol. p. 376, Christi annus 1414. 

2) Hertz, a. a. O., S. 75 (nach Collenucio, Compendio delle Historie, del regno 
di Napoli, p. 148 f., Venedig 1541. 

3) Spigolatre siciliane. In: Rgviirdöia, Recueil de documents pour servir ä l'etude 
des traditions populaires, Vol. III, S. 212 — 213, Heilbronn 1886. 



— 505 — 

M'ha muzzicatu a mia, lu sfurtunatu, 
M'ha muzzicatu a parti unni haju locu; 
Diri ci ll'haju a ogni 'nnamuratu 
Cu futti a sta buttana campa pocu. 

In französischer Uebersetzung: 

Putain au con empoisonne 

La dedans tu gardes le feu, 

Tu gardes un chien de Corse enchaine 

Oui mord les pines peu ä peu. 

II m'a mordu moi aussi, pauvre malheureux, 

11 m'a mordu ä un endroit delicat; 

Je le dirai ä tous les amoureux, 

Celui qui fout avec cette putain, vivra peu. 

Der Volksglaube kennt zweierlei Arten von „Giftmädchen", 
diejenigen der indischen Sage, die nur Trägerinnen des Giftes sind, 
ohne selbst vergiftet zu sein, und solche, deren Körper selbst von 
dem Gifte in Mitleidenschaft gezogen ist. Nur bei den letzteren kann 
man an eine eigentliche „Krankheit" denken, die durch den geschlecht- 
lichen Verkehr übertragen wird, obgleich theoretisch auch der Fall 
möglich ist, daß eine Frau ein venerisches Gift von einem ]\Ianne 
empfangen hat und, ohne selbst infiziert zu werden, dies auf einen 
zweiten Mann überträgt. 

Ein Beispiel für die erste Art von ,, Giftmädchen" kommt in dem indischen Drama 
Äludräräkriasa (das Siegel des Räksasa) vor ^). 

In die Vorgeschichte der dramatischen Handlung fällt ein Mordanschlag, welchen 
Rakschasa, der Minister des Nandakönigs, gegen den Kronprätendenten Tschandragupta 
ausführte. Überwunden und zum Scheine sich unterwerfend, sandte er an ihn ein Gift- 
mädchen, das er mit Zauberkunst hergerichtet hatte. Aber der scharfsinnige Ratgeber 
Tschandraguptas , der Brahmane Vischnugupta Tschannaleya, der den bezeichnenden Bei- 
namen Kautilya (der krumme Wege liebt) führte, durchschaute den Plan und wusste es zu 
veranstalten , dass ein unbequemer Verbündeter seines Schützlings , dem die Hälfte des zu 
erobernden Reiches zugesagt worden war, die Jungfrau erhielt und in ihren Armen seinen Tod 
fand. Dabei ist ein unserem Drama eigentümlicher Zug bemerkenswert: Das Mädchen 
kann mit seinem Gift nur einen Mann verderben. Im Hinweis auf eine der berühmtesten 
Stellen des Mahabharata sagt Rakschasa: Wie der Held Karna mit Indras Speer nur einen 
einzigen Gegner töten konnte, 

So ward für Tschandragupta auch von mir 

Das Mädchen aufbewahrt, das einen nur 

Umbringen konnte; doch als Opfer fiel 

Ehi anderer. 
Es ist also nur der erste Liebhaber, auf den sich in der Beiwohnung das im Leibe 
des Mädchens angesammelte Gift mit seiner ganzen ISIacht entlädt. Ihr Magdtum ist die 
giftige Blüte, die dem, der sie berührt, den sicheren Tod bringt. 



i) Vergl. Hertz, a. a. O., S. 55 — 56. 



— 5o6 — 

Ob in Wirklichkeit ein Concubitus venenatus für den Mann 
möglich ist, d. h. ob auf den Mann von der weiblichen Scheide beim 
Geschlechtsakt Gift übertragen werden kann, ist sehr zweifelhaft. 
Dass dagegen ein Concubitus venenatus für das Weib existiert, ist 
zweifellos, da die Scheide sehr leicht Gift resorbiert. Aeltere und 
neuere Beispiele hierfür hat kürzlich Stick er in seiner interessanten 
Arbeit über „Vergiftungen vom Mastdarm und von der Scheide aus" 
gesammelt^). 

Sollten nicht aber doch der Sage vom indischen Giftmädchen 
wirkliche Tatsachen zu Grunde liegen, die die vage Vermutung eines 
indirekten Todes durch venerische Infektion ausschliessen und mehr 
für eine reelle Vergiftung durch Arsenik oder andere Gifte sprechen? 

Hier giebt mir Herr Professor Georg Sticker brieflich einen 
interessanten Hinweis und eine beachtenswerte Hypothese. Dr. Hankin, 
Gerichtsarzt in Ayra, teilte ihm mit, dass in Indien mehr Männer an 
Arsenikvergiftung als dem vorgeschützten „Schlangenbiß" sterben, 
und zwar mischen Weiber ihnen das Gift, wie in Rom und im Paris 
des 17. Jahrhunderts. Dass nun der Ort der Giftwirkung die Vulva 
beim Cunnilingus sein kann, ist eine naheliegende Vermutung, da nur 
vom Munde, aber nicht vom Penis aus eine Vergiftung möglich ist. 

Dass der Cunnilingus (aurapistaka) sowie der wechselseitige coitus 
ore conficiendus bei den Indern sehr verbreitet waren, wissen wir aus 
den Lehrbüchern der indischen ars amatoria 2), Schmidt zählt übrigens^) 
die Giftmädchen zu den käuflichen Prostituierten, und es ist sehr 
wahrscheinlich, dass diese sich zu solchen verbrecherischen Praktiken 
gegen gute Bezahlung hergaben. 

Ein Zusammenhang zwischen Hurerei und Giftmischerei findet 
sich schon in altdeutschsn Schriften. Hier kommt oft das Wort 
„Luppe" gleichbedeutend mit Hure vor, das Gift bedeutet (verlüpen = 
vergiften; lubed = vergiftet)^). 

Der schon von den mittelalterlichen Ärzten (Avicenna, Peter 
von Abano, Mizaldus, Bernhard von Gordon, Gentilis von 
Foligno, Carrerius, Caelius Rhodiginus) und im 16. Jahrhundert 



i) Georg Sticker, „Vergiftungen vom Mastdarm und von der Scheide aus". In: 
Archiv für Kriminalanthropologie, Bd. I, S. 290 — 365 (S. 300 wird der Fall des Königs 
Ladislaus von Neapel citiert). 

2) Vergl. Richard Schmidt, Beiträge zur indischen Erotik etc., S. 542 — 550, 
Leipzig 1902. Derselbe, Das Kämasütram des Vätsyäyana, S. 220 — 221, Berlin 1907. 
Derselbe, Liebe und Ehe im alten und modernen Indien, S. 260, Berlin 1904. 

3) R. Schmidt, Liebe und Ehe in Indien, S. 565. 

4) Vergl. K. F. H. Marx, Die Lehre von den Giften in medizinischer, gerichtlicher 
und polizeylicher Hinsicht, Bd. I, S. 3, Göttingen 1827. 



— d^/ — 

von Johann Juvenis, Hieronymus Mercurialis, Peter 
Andreas Matthioli, Leonhard Fuchs, Ulysses Aldrovandi 
u. A. geführte Streit^) über die Natur der Giftmädchen kann auch 
heute nicht mit Sicherheit entschieden werden. Wir haben im Ver- 
laufe der Darstellung auf die verschiedenen Möglichkeiten hingewiesen, 
die bei der Sage vom Giftmädchen in Betracht kommen können. Es 
kann sich um einen einfachen Aberglauben gehandelt haben, um 
blosse Zauberei, die man solchen Frauen zuschrieb, oder es kann 
wirkliche Vergiftung zugrunde liegen, die bei Gelegenheit des Ge- 
schlechtsaktes in Wirkung trat, wahrscheinlich bei Ausübung des 
Cunnilingus, oder endlich handelt es sich um eine wirkliche Infektion 
mit einer ansteckenden Krankheit, wobei es nicht ausgemacht ist, ob 
dies in jedem Falle ein venerisches Leiden war. Bejaht man letzteres, 
z. B. im Hinbhck auf den Fall des Königs Ladislaus, so spricht 
alles für die Annahme eines lokalen gangränösen Schankers, nichts 
dagegen für Syphilis. 

Für die Geschichte der Syphilis hat die Sage vom Giftmädchen 
nur insofern eine Bedeutung, als sie eine gewisse Nachwirkung aus- 
übte und beim ersten Auftreten der Lustseuche ebenfalls mit heran- 
gezogen wurde, um den plötzlichen Ausbruch der Krankheit zu er- 
klären. In der oben (Teil I, S. 154 — 155) mitgeteilten Erzählung 
des Gabriel Fallopia von den Spaniern, die die inficierten Freuden- 
mädchen zu den Franzosen schickten, um diese anzustecken und zu 
töten, findet sich ein deutlicher Anklang an jene alte Sage. 



I) Vergl. die ausführliche Darstelking desselben bei W. Hertz a. a. O., S. 58 — 63. 



Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 



33 



ACHTES KAPITEL. 

Die Nichtexistenz der Syphilis im l<lassischen Altertum. 

§ 37 Wesen der antiken Liebe. 

Die Beweise für die Nichtexistenz der Syphilis bei den Alten 
gründen sich nicht nur auf eine Kritik und Widerlegung- der in der 
antiken Literatur vorkommenden Aeusserungen über angebliche syphi- 
litische Erkrankungen, sondern vor allem auf eine allgemeine kriti- 
sche Betrachtung des Geschlechtslebens der Alten überhaupt, 
durch die jene litterarischen Angaben erst in ihrem wahren Lichte er- 
scheinen. Erst die genaue Kenntnis der allgemeinen und speciellen 
Erscheinungen im Geschlechtsleben der Griechen und Römer ermög- 
licht eine objektive und unbefangene Würdigung der antiken „Syphilis" 
im Lichte der modernen Forschung, sowohl in Beziehung auf die ob- 
jektive Seite, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängenden Krank- 
heiten, als auch subjektiv hinsichtlich des Reflexes auf die allge- 
meinen Anschauungen der Laien und der Aerzte. 

Es ist daher zunächst unsere Aufgabe, die Geschichte der öffent- 
lichen Sittlichkeit und des individuellen Geschlechtslebens bei den 
Alten unter den erwähnten Gesichtspunkten ganz kurz darzustellen. 
Es kann sich im Rahmen dieses Werkes naturgemäss nur um einen 
allgemeinen Ueberblick handeln, mit besonderer Berücksichti- 
gung der neueren Forschungen, während für eingehendere Details 
auf die älteren sittengeschichtlichen Werke von Forberg i), van 
Limburg Brouwer^), Julius Rosenbaum ^) und Ludwig Fried- 
länder ■^) verwiesen sei, deren Thatsachenmaterial allerdings durch 



i) Antonii Panormitae Hermaphroditus. Primus in Germania edidit et Apopho- 
reta adjecit Frider. Caroi. Forbergius, Coburg 1824. 

2) P. van Limburg Brouwer, Histoire de la Civilisation morale et religieuse des 
Grecs. 6 Bände (besonders Bd. I u. II), Groningen 1833 ff.. 

3) Julius Rosenbaum, Geschichte der Lustseuche im Alterthume, nebst ausführ- 
lichen Untersuchungen über den Venus- und Phalluscultus, Bordelle, Novoog ■&Tp.Eia der 
Skythen, Paederastie und andere geschlechtliche Ausschweifungen der Alten u. s. w,, Halle 
1839; 6. unveränderte Auflage, Halle 1893. 

4) Ludwig Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit 
von August bis zum Ausgang der Antonine, 6. Auflage, 3 Bände, Leipzig 1888. 



— 509 — 

neuere Entdeckungen auf literarischem und archäologischem Gebiete 
wesentlich vermehrt worden ist. Auch hat nur Rosen bäum die 
Frage mit Bezugnahme auf die Syphilis behandelt deren Existenz er 
irrtümlicherweise annahm und durch seine Untersuchungen über ge- 
wisse sexualpsychologische und sexualpathologische Erscheinungen 
bei den Alten zu stützen suchte. Wir werden sehen, daß seine Be- 
weisführung schon damals eine unzureichende war und heute sogar 
völlig nichtig ist, ja im Lichte der modernen dermatologischen und 
venereologischen Forschungen das Gegenteil ergeben muss: die 
Nichtexistenz der Syphilis im klassischen Altertum. 

Hat es im klassischen Altertum etwas wie Liebe gegeben? 
Jene moderne Liebe, die ein durchaus individuelles, mehr geistig als 
sinnlich betontes Geschlechtsverhältnis zw-ischen Mann und Weib als 
freien selbständigen Persönlichkeiten darstellt? Diese Frage muß 
sowohl für die Griechen als auch für die Römer verneint werden, 
wenn auch das hellenische Hetären wesen Ansätze zu einer solchen 
individuellen Gestaltung der Liebe zeigt und wenn auch — wovon 
weiter unten kurz die Rede sein wird — in späterer Zeit Spuren der 
sog. „romantischen" Liebe nachweisbar sind. Im großen und ganzen 
ist der Charakter der antiken Liebe ein durchaus sinnlicher, freilich 
ist diese Sinnlichkeit in den Blütezeiten der Griechen und der Römer 
eine ganz und gar naive, harmonische, aus demi natürlichen Wesen 
des Menschen mit Notwendigkeit hervorgehende und zeigt durch die 
unbefangene Auffassung des nackten Menschen und der Körper- 
schönheit durchaus plastisch-ästhetische Züge. Die für die christ- 
liche Kulturwelt so charakteristische dualistische Trennung von Leib 
und Seele übte noch nicht ihren verhängnisvollen Einfluss auf das 
Geschlechtsleben aus. Deshalb müssen sogar die sog. sexuellen Per- 
versitäten der Alten anders beurteilt werden als die moderne Psycho- 
pathia sexuahs, obgleich beide durchaus anthropologische Erschei- 
nungen sind und als solche sowohl bei Kultur- als auch bei Natur- 
völkern beobachtet werden i). Auch hier erscheint das Sinnliche un- 
gebrochener und minder raffiniert. Für den antiken Menschen lag 
eben das Geschlechtliche jenseits von gut und böse. Der christliche 
Begriff der „Sünde" wurde darauf nicht angewendet. Höchstens 
galten gewisse Ausartungen als „widernatürlich" oder als „Krank- 



i) Vergl. das Kapitel „Die anthropologische Betrachtung der Psychopathia sexualis" 
in meinem Werke „Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen 
Kultur", Berlin 1908, S. 503 — 526. 

33* 



— 5IO — 

heit" (vöoog). Es gab aber keinen mönchischen „Kampf" zwischen 
Fleisch und Geist, sondern das „Fleisch" war nur die schöne äussere 
Form des inneren, geistigen Lebens. In der sinnlichen Schönheit 
verehrte und genoss man die geistige. Der ideale Mensch ist der 
nackte, nicht der bekleidete^). Die grosse Verbreitung der Knaben- 
liebe bei den Griechen, auf die wir später noch zurückkommen, wäre 
nicht möglich gewesen, ohne diese tiefe Wirkung der blossen Körper- 
schönheit, die bei den jugendlichen männlichen Gestalten noch mehr 
hervortrat als bei den hellenischen Mädchen. Wie man heute grossen 
Denkern und Dichtern, so errichtete man damals hervorragend 
schönen Männern Denkmäler-). Auch die Geschlechtsmerkmale 
waren Gegenstand eines naiven ästhetischen Genusses. Fr. Th. Vischer 
meint, dass die Griechen mit gutem Grunde die Kraft der männlichen 
Geschlechtsteile wichtig behandelt und sich dessen ebensowenig ge- 
schämt haben, als wenn das Buch Hiob vom Nilpferd so gewaltig 
sagt: „Die Adern seiner Scham starren wie ein Ast."^) 

Der physische Geschlechtsgenuss in allen seinen Aeusserungen 
und Bethätigungen, auch den sog. perversen, war den Alten etwas 
Natürliches, Elementares, das weder unterschätzt noch überschätzt 
wurde, wie etwa bei den modernen europäischen Kulturvölkern, wo 
das Schwanken zwischen diesen beiden Extremen gerade die unheil- 
vollen Disharmonien des Geschlechtslebens hervorruft. Eine kräftige, 
ja glühende Sinnlichkeit, deren Zusammenhang mit dem südeuropäi- 
schen Klima"*) nicht geleugnet werden kann, war das hervorstechende 
Merkmal in der antiken Liebe. Die „Satyriasis" d. h. die sexuelle 
Hyperästhesie, ist eine specifisch antike Krankheit. Die alten Aerzte 
beschreiben den unersättlichen Trieb nach Geschlechtsgenuss als ein 
sehr häufiges Leiden^), während diese Zustände heute recht selten 
sind. Offenbar hingen sie auch mit den weiter unten zu erwähnenden 



i) Vergl. hierüber die schönen Ausführungen bei Hippolyte Taine, Philosophie 
der Kunst, Deutsche Ausgabe, Jena 1907, S. 58 ff. 

2) Vergl. J. J. Winckelmann's Geschichte der Kunst des Alterthums, herausg. 
von Julius Lessing, Berlin 1870, S. 94. 

3) Friedrich Theodor Vischer, Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen, 
Reutlingen und Leipzig 1847, Bd. II, S. 161. — Bei den Römern ist der Gartengott 
Priapus das Symbol dieser naiven Auffassung des Geschlechtlichen. 

4) Vergl. meine „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexualis", Dresden 1902, 
Bd. I, S. 20 — 23. — Die „sotadische Zone" Richard Burton's umfaßt Spanien, das 
südliche Frankreich, Italien, Griechenland, Kleinasfen, Nordafrika. 

5) Vergl. Alexander von Tralles, Original-Text und Uebersetzung nebst einer 
einleitenden Abhandlung. Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin von Dr. Theodor 
Puschmann, Wien 1878, Bd. I, S. 275 — 277. 



— 511 — 

orgiastischen Ausschweifungen zusammen, von denen Fr. Th. Vischer 
(a. a. O. II, 236) sagt: „Die Genüsse gaben jeden Taumel der Lust 
frei und das Orgiastische der Orientalen war namentlich noch in den 
Dionysien sichtbar." 

Das, was wir „geschlechtliche Korruption" nennen, entstand in 
Griechenland und Rom erst durch die Berührung mit fremden, be- 
sonders orientalischen Völkern, am frühesten bei den kleinasiatischen 
Griechen ^j, später dann in der hellenistischen Zeit und in Rom zu- 
erst durch den Einfluss der griechischen Kolonien Italiens und dann 
infolge des Zusammenflusses der Völker unter dem Imperium. Hier- 
für gewährt z. B. das Vocabularium eroticum interessante Anhalts- 
punkte -). 

Wenn man von der furchtbaren geschlechtlichen „Korruption" 
des kaiserlichen Rom spricht, so darf man nicht vergessen, dass das 
ganze antike Geschlechtsleben sich in weit grösserer Oeffentlich- 
keit abspielte als das moderne und dass die Naivetät der Aus- 
schweifung den Begriff des Lasters, der Sünde immerhin weniger 
aufkommen liess als heutzutage. Das werden wir im einzelnen noch 
nachweisen. 

Es ist jedenfalls eine eigentümUche Erscheinung, dass der antike 
Mensch die leidenschaftlichsten Ausbrüche elementarer Sinnlichkeit 
für weit weniger verhängnisvoll hielt hinsichtlich ihrer Wirkung auf 
seine persönliche Tüchtigkeit und Menschenwürde, die 'xa^oxcLyaöia 
oder virtus, als ein zu tiefes seelisches Erleben der Liebesleiden- 
schaft. „Stets empfanden die Griechen", sagt Erwin Rohde, „eine 
stürmisch übermächtige Gewalt der Liebe wie ein demütigendes Un- 
heil, ein „Pathos" zwar, aber nicht ein heroisch aktives, sondern ein 



1) Vergl. U. von Wilamowitz-Möllendorf , Aus Kydathen, Berlin 1880, S. 40. 

2) Vgl. Fr. O. Weise, Die griechischen Wörter im Lateinischen, Leipzig 1882: 
„Mit den asiatischen Sklaven hielt freilich auch die Unzucht und die Unsittichkeit in 
potenziertester Gestalt ihren Einzug in Rom. War schon früher, wie dies bei einer Handels- 
stadt nicht zu verwundern ist, mancher unlöbliche Brauch dort eingebürgert worden, und 
z.B. die Mai tr essen Wirtschaft durch die ältesten griechischen Kolonien (oder gar 
schon durch die Phönicier?) auf italischen Boden verpflanzt worden (vgl. pelex, paelex 
= jiä?.Äa^), so hören wir jetzt von Ehebruch (moechus, moecha, moechisso, moechor, 
moechimonium, moechias u. a.) [clinopale, embasicoetas, salaco u. a. sind meist dichterische, 
nicht entlehnte Ausdrücke; vgl. aber masturbor] und Knabenschänderei (paedicare von 
zä Jiaidixd Fick, Wörterbuch II, 153; moechocinaedus, vgl. pathicus, labda), und von un- 
natürlichen Wollüstlingen (cinaedus, spatalocinaedus , lastaurus, priapus, vgl. spatula, 
maltha) und Roues (asotus) und unter die Schar der Jünger der Aphrodite mischten sich 
die Kastraten (eunuchus, spado, androgynus) und Zwitter (hermaphroditus, androgynus: 
Lucr. 5, 836)." 



— 512 — 

rein passives^), das den sicheren Willen verwirrte, dem Verstände 
das lenkende Steuer aus der Hand schlug, und den Metischen, wenn 
es ihn in einen Abgrund leidenschaftlicher Verwirrung hinabriss, 
nicht im Untergange erhob, wie die heroischen Frev^elthaten der 
tragischen Helden, sondern ihn trübselig niederdrückte und ver- 
nichtete" 2). 

Gewiss hat es auch bei den Alten die ewigen Gefühle einer 
leidenschaftlichen, romantisch individuellen Liebe zwischen Mann und 
Weib gegeben, aber sie wurden teils durch Gesetz und Sitte unter- 
drückt, teils auf die Knabenliebe abgelenkt, die bei den Griechen 
wenigstens deutliche Kennzeichen einer solchen Individualisierung des 
Liebesgefühles aufweist. Die alexandrinische Zeit freilich trug auch 
in die heterosexuelle Liebe eine romantisch-sentimentale Empfindungs- 
weise hinein. Erst der Hellenismus erzeugte den griechischen Liebes- 
roman. 

Das eigentliche eheliche Leben der Griechen und Römer ent- 
behrte gänzlich der Romantik. Nach Finck^) waren es wesentlich 
drei Ursachen, die das Gedeihen der romantischen Liebe in Griechen- 
land verhinderten: die entwürdigende, unfreie Stellung des Weibes, 
das Fehlen des unmittelbaren vorehelichen Liebeswerbens und die 
Unmöglichkeit, eine persönliche Bevorzugung auszuüben, da die 
Gattenwahl Sache der Eltern war. 

Die antike Ehe^) wurde nicht aus Liebe, sondern nur wegen 
der Erzeugung von Nachkommenschaft geschlossen, wie dies z. B. 
S o r a n o s mit dürren Worten ausspricht ^). Ebenso spricht T a c i t u s 
(Hist. I, c. 6) von ,, jenen echten Römern, die ohne Liebe heirateten 
und ohne Feinheit und Hochachtung liebten" ^). Die Frauen führten 



1) Leidenschaftliche Liebe heisst daher vöoog, vöotjjLia; vorzüglich bei Euripides: 
z. B. Hippol. 477, 730, 764 ff., fr. 340; 4, 404. 

2) Erwin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer, 2. Aufl., Leipzig 
1900, S. 29. 

3) H. T. Finck, Romantische Liebe und persönliche Schönheit, 2. Aufl., Breslau 
1894, Bd. I, S. 159. 

4) Vgl. P'riedrich Jacobs, Vermischte Schriften, Leipzig 1830, Bd. 111, S. 233 
bis 307; W. Wachsmuth, Allgemeine Culturgeschichte, Leipzig 1850, Bd. I, S. 199 bis 
200; Ernst V. Lasaulx, Zur Geschichte und Philosophie der Ehe bei den Griechen. In 
Abhandlungen der Kgl. bayr. Akademie der Wissenschaften, Bd. VII, Abth. I, München 
1853, S. 23 — 128; van Limburg Brouwer, a. a. O. Bd. II, S. 80 — 173. 

5) Vgl. H. Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medizin, 3. Aufl., Jena 1875, 
Bd. I, S. 308. 

6) Ein Beispiel hierfür liefert der alte Cato, dem die Ehefrau nur ein , .notwendiges 
Uebel" und nur der Kinder wegen da war. Vgl. Mommsen, Römische Geschichte, 6. Aufl., 
Berlin 1874, Bd. I, S. 868. 



— 513 — 

innerhalb des Hauses ein abgeschlossenes unfreies Dasein, unterworfen 
dem Willen des Mannes und ferngehalten von jeder Bethätigung am 
öffentlichen Leben und von der Gesellschaft der Männer. 

Dagegen hatten die Männer des klassischen Altertums in einem 
weit ausgedehnterem Masse die Möglichkeit, ihre brutalen geschlecht- 
lichen Instinkte zu befriedigen, sich sexuell auszuleben, als die moder- 
nen Männer, da die Irradiation des geschlechtlichen Momentes in 
alle Lebensverhältnisse eine bedeutend grössere und intensivere war 
als heute. Der Betrachtung dieser Erscheinungsformen des Sexual- 
triebes im öffentlichen Leben des Alterthums sei der folgende Para- 
graph gewidmet ^). 

§ 38. Die sexuellen Phänomene im öffentlichen Leben der Alten. 

Der folgende kurze Ueberblick über die sexuellen Phänomene 
im öffentlichen Leben der Alten gliedert sich naturgemäss in vier Ab- 
schnitte: I. das Hervortreten dieser Erscheinungen im religiösen 
Leben, 2. in Sitte und Brauch (einschliesslich der Volkssprache), 
3. in der Literatur und 4. in der Kunst. 

I. Der Zusammenhang der Religion mit dem Geschlechtsleben 
als Urthatsache der Anthropologie ist von mir an anderer Stelle aus- 
führlich behandelt und kritisch analysiert worden -). Es handelt sich 
an dieser Stelle nur um den Nachweis der diesen Zusammenhang er- 
weisenden Tatsachen im religiösen Leben des klassischen Altertums. 

Die merkwürdigen Beziehungen zwischen Religion und Ge- 
schlechtlichkeit treten uns nirgends deutlicher und sinnfälliger ent- 
gegen als in den phallischen Kulten**), d. h. der Symbolisierung 
der zeugenden Naturkräfte durch die Genitalien. Und nirgends wieder- 
um bildet diese Vergöttlichung des Zeugungsaktes und der Zeug'ungs- 
teile einen so hervortretenden Zug im religiös-sexuellen Leben wie 
bei den Griechen und Römern. Das gilt von den ältesten und von 
späteren Zeiten. Die Personifizierung und Verehrung des Phallus 



i) Die niedrige Stellung der Frau bei den Griechen hat sich bis auf den heutigen 
Tag erhalten. Vgl. Ferdinand Hueppe, Zur Rassen- und Sozialhygiene der Griechen im 
Altertum und in der Gegenwart, Wiesbaden 1897, S. 52. 

2) Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, 4. — 6. Aufl., Berlin 1908, S. 104 
bis 134. 

3) Die ältere Litteratur darüber bei Rosenbaum, a. a. O. S. 64, Anmerk. 3; vgl. 
ferner J. A. Dulaure, Des divinites generatrices ou du culte du phallus chez les Anciens et 
Modernes. Reimprime sur l'edition de 1825, revue et augmentee, Paris 1885; Les Pria- 
peia, Note de Lessing, Traduite de Failemand et augmentee de commentaires. Par 
Philomneste Junior (= Gustave Brunet), Brüssel 1866; Otto Stoll, Das Ge- 
schlechtsleben in der Völkerpsychologie, Leipzig 1908, S. 654 — 667. 



— 514 — 

oder Priapus als des schöpferischen Naturprinzips gab den Mittel- 
punkt ab für die natürlich naive, prominente Rolle des Geschlecht- 
lichen im Leben und Fühlen, Sitte and Brauch der antiken Völker. 
Hier erschliesst sich das eigentliche Verständnis für den fundamen- 
talen Unterschied zwischen antiker und moderner Kultur in Beziehung 
auf die sog. „moralische" Auffassung sexueller Dinge. 

Der Phallus als materielles Symbol der Zeugungskraft der Natur') 
und der diese repräsentierenden Gottheiten, nämlich des Dionysos 
(Bacchus), der Priapos, des Hermes (Herodot, Hist. II, 51), auch 
des Herakles (Herkules)"-), spielte die Hauptrolle bei den diesen 
Gottheiten geweihten Kulten, Mysterien, Volksfesten und Schau- 
spielen, wobei er als Symbol des Gottes einhergetragen wurde unter 
Absingung von „phallischen" obscönen und erotischen Liedern und 
Vornahme geschlechtlicher Akte^) mit Freudenmädchen, Tänzerinnen 
oder auch Knaben. In seiner Abhandlung über „Die Phlyakendar- 
stellungen auf bemalten Vasen ^) bemerkt Heydemann: 

,,Mit den Schauspielern der alten Komödie teilen die Phlyaken ausser den gleich- 
gestalteten Masken auch den grossen Phallos (Aristoph. Wolken 734 mit Schol. Wolken 
538), welcher aus Leder gemacht und roth bemalt vorgebunden wurde zu Ehren des 
mächtigen zeugungsfrohen Dionysos : hiessen doch die Schauspieler davon in Sikyon : Phal- 
lophoroi (Athen., p. 621 F., anderswo hiessen sie WvcpaXXoi, ib. 622 B.)". 

Der Phallos wurde dabei auf zweierlei Arten getragen: entweder 
herabhängend oder aufgerichtet, nach oben aufgebunden. 

Es handelte sich um eine naive Verehrung der geschlechtlichen 
Prinzipien und um eine ebenso naive sexuelle Bethätigung zu Ehren 
der Zeugungsgottheiten 5), die oft in einen wahren Geschlechts- 
rausch überging und dann freilich nicht selten ausschweifende und 



i) So erscheint er auf der Darstellung einer griechischen Stele im Britischen Museum: 
Eine Frau streut Samen auf ein Beet aus, aus welchem vier große Phalloi hervorspriessen. 
Vgl. Paul Hartwig, Die griechischen Meisterschalen der Blütezeit des strengen rot- 
figurigen Stiles, Berlin 1892, S. 346. 

2) Vgl. Alexandre Colson, ,,Hercule phallophore dieu de la generation". In: 
Annales du Musee Guimet, Paris 1882, Tome IV, p. 39 — 44. 

3) Vgl- *^i6 ,,Acharner" des Aristophanes. 

4) H. Heydemann, ,,Die Phlyakendarstellungen auf bemalten Vasen". In: Jahr- 
buch des kaiserlich deutschen archäologischen Instituts, herausg. von Max Fränkel, Berlin 
1887, Bd. I, S. 263 — 264. 

5) Vergl. über diese ursprünglich natürlichen Grundlagen der phallischen Kulte die 
zutreffenden Bemerkungen von Emile Begin, Lettres sur l'histoire medicale du Nord-Est 
de la France, Metz 1840, S. 54, wo der Auffassung entgegengetreten wird, als ob nur eine 
„korrumpierte Gesellschaft" den Priapus angebetet habe. 



— 515 — 

widernatürliche Formen annahm und sich in obcönen Reden ^), ona- 
nistischen Proceduren und perversen Geschlechtsakten äusserte. Ueber 
diese Dinge äussert sich Crusius^) folgendermassen: 

„Leider unterliegt es keinem Zweifel, dass die hier vorausgesetzten Laster weite 
Schichten des Volkes ergriffen und sich sogar, wie böse Parasiten, an gewissen ausschweifen- 
den Scheinkulten festgesetzt hatten; wobei man nicht vergessen darf, dass bei den sog. 
Naturvölkern und selbst in unserem Mittelalter ähnliche Erscheinungen nachweisbar sind 
(Liebrecht, ,, Zur Volkskunde", S. 394 ff. u. ö.). Jetzt wissen wir auch, was die formatae 
inguinibus res der orphischen Baubo waren, dieser Carricatur der 'Idfxßrj xsSvsidvTa (Agla- 
oph. 818 ff., Abel Orph. fr. 215), und was die Landmännin des Kerdon, die mannstolle 
Elegeis von Milet, getrieben haben mag, deren Namen man mit aaeXyaiveiv in Zusammen 
hang brachte. In noch ekelhafterer Weise lässt bekanntlich Petron, ein Geistesverwandter 
des Herondas, das scorteum fascinum von der Priapus-Priesterin anwenden (Satir. 138). 
Dem Namen nach entspricht der ßavßcöv ziemlich genau dem mittelhochdeutschen .,wem- 
plinc" (zu „wampe"), von dem Allerlei im Stile des Herondas bei Nithart zu lesen ist; 
denn Hesych (s. v.) weiss, dass ßavßcö auch xoiXia bedeutet (c5?, JxaQ 'EfursSoxXsT), und 
ßovßojv wird etymologisch identisch sein. Man sieht, Baubo war eine Eponyme ganz eigener 
Art, die auf dem Thier zu reiten verdient, auf dem sie die Alten und Goethe reiten lassen''. 

Wir werden noch weiter unten bei Betrachtung der künst- 
lerischen Darstellungen sexuellen Charakters diese Thatsachen bestätigt 
finden. 

Eine Gottheit der Zeugungskraft, die gerade in der Geschichte 
der venerischen Krankheiten eine literarische Rolle spielt, warPriapus, 
dessen Symbol ein aufrecht stehendes, meist in übernatürlicher Grösse 
dargestelltes männliches Glied war. Sein Kultus scheint ursprünglich 
in der Gegend des Hellespont (besonders in Lampsacus) heimisch 
gewesen zu sein, wie dies CatulP) bezeugt: 

hunc lucum tibi dedico consecroque Priape, 
qua domus tua Lampsacist quaque silva Priape. 
nam te praecipue in suis urbibus colit ora 
Hellespontia ceteris ostriosior oris. 

Von hier kam der Priapuskult über Griechenland nach Italien, 
wo er hauptsächlich als Schutzgottheit der Gärten und Acker ver- 
ehrt wurde, als Schrecken der Diebe und Vögel, die „furum aviumque 
maxima formido" des Horatius. Als Strafen für solche Versündi- 
gungen gegen das Garten- und Feldeigentum werden vielfach sexuelle 



1) Is quidem (= Jamblichus) loquitur de illis aio/QO?.oyiai? JiQog leQoTg quibus 
non Cerealia solum et Dionysia sed etiam aliorum deorum sacra perstrepebant nee omnino 
festi coetus carere videbantur". K. Lobeck, Aglaophamus sive de Theologiae Mysticae 
Graecorum causis, Königsberg 1829, Bd. I, S. 689. 

2) Otto Crusius, Untersuchungen zu den Mimiamben des Herondas, Leipzig 1892, 
S. 128 — 130. 

3) Q. Valerii Catulli Carmina rec. Lucianus Müller, Leipzig 1897, S. 73 
(Fragm. 2). 



- 516 - 

Akte des Priapus angedroht, normaler und perv^erser Natur. Diese 
eigentümliche Rolle des Priapus tritt uns besonders in den „Carmina 
priapea" entgegen^), in denen uns das Symbol des Gottes in seinen 
verschiedenen Bethätigungen vorgeführt wird. Gerade hier hätte es 
nahe gelegen, als solche Strafe auch die Syphilis anzudrohen, falls sie 
existiert hätte. Gerade in den priapischen Gedichten wäre eine 
Schilderung der S3^philis am Platze gewesen. Wie wir sehen werden, 
ist aber hier nichts davon zu finden. 

Ausser dem Priapus hatten die Römer noch zahlreiche andere 
männliche und weibliche Gottheiten, die mit dem menschlichen Ge- 
schlechtsleben in Verbindung gebracht wurden. Sogar die speciellsten 
geschlechtlichen Vorgänge hatten ihre bestimmten Gottheiten, wie aus 
deren Namen hervorgeht, z. B. Dens Subigus („ut viro subigatur 
virgo"), Dea Prema („ut subacta ne se commoveat prematur"), Dea 
Pertunda („quae praesto est virginalem scrobem effodientibus maritis"), 
Dea Perfica (Arnobius IV, 7). Ferner waren Pilumnus, Rumina 
(Rumilia), Deverra, Cunina, Mena, Uterina, Fascinus u. a. 
bei den geschlechtlichen Vorgängen des Weibes thätig-). Besondere 
Erwähnung bedarf Mutunus Tutunus'^), der Gott der w^eiblichen 
Empfängnis und männlichen Befruchtung, bei dessen Anrufung sich 
die junge Frau auf ein „Fascinum" setzte, als welches sehr oft das- 
jenige der Priapus-Statuen benutzt wurde (Arnobius IV, 7; Augustinus 
VI, g: Priapus nimis masculus, super cuius immanissimum et turpis- 
simum fascinum sedere nova nupta iubebatur more honestissimo et 
religiosissimo matronarum). Er hatte eine Kapelle in Rom, in welcher 
die Frauen verhüllt zu opfern pflegten. 

In späterer Zeit bürgerten sich in Rom die Kulte dreier weib- 
licher Sexualgottheiten ein, der hellenischen Aphrodite (Venus), 
der ägyptischen Isis und der phrygischen Kybele. 

Die Liebesgöttin Aphrodite*) ist nach neueren Untersuchungen 
eine uralte autochthone griechische Gottheit und nicht orientalisch- 



i) Priapeia sive Diversorum Poetarum in Priapum lusus aliaqiie incertoram auctorum 
poemata emendata et explicata, 1781; Petronii Satirae et Liber Priapeorum. Tertium edidit 
Franciscus Buecheler, Berlin 1895, S. 137 — 158 (Buch-Ausgabe); Carmina Priapeia. 
In Nachdichtung von Alexander von Bernus mit einer kritischen Einführung von Adolf 
Dannegger, Berlin und Leipzig 1905. 

2) Näheres bei E. K. J. v. Siebold, Versuch einer Geschichte der Geburtshülfe, 
Berlin 1839, Bd. I, S. 114 — 122. 

3) Mutunus = fivTvog s. fivrzoiv = ro yvvatxsTov; Tutunus = Jiöa&rj, Jioadcov, äol. 
116&&COV, latein. Puttunus und Thutunus. 

4) Das Hauptwerk über sie ist die umfangreiche Abhandlung ,,Der Kult der Aphro- 
dite" bei W. H. Engel, ,,Kypros, eine Monographie", Berlin 1841, Bd. II, S. 3 — 649. 



— 517 — 

semitischen Ursprungs, wie Pausanias (Descript. Graec., lib. I, 14) 
und nach ihm viele andere Autoren berichteten. Nur in ihrer Be- 
ziehung zu dem rein sinnlichen Geschlechtsleben und zur Prostitution 
lässt sich ein späterer semitischer Einfluss nachweisen, der besonders 
von dem Kult der phönizischen Astarte ausging. 

L. V. Schröder bringt die „Aphrodite" in etymologischen Zu- 
sammenhang mit den indischen „Apsaras". den durch „Leibesschön- 
heit ausgezeichneten, stark aphrodisisch beanlagten, nymphenartigen 
weiblichen Wesen, welche sich in dem Luftraum bewegen, in deut- 
licher Beziehung zu den Wolkenwassern stehen und mit den priapisch 
angelegten Gandharven verbunden oder vermählt sind". 

Die 'AcpQoöm'] Ovgavia, die Himmelstochter, weist diese Beziehung 
zum Luftraum auf. „Sie wallt durch den Aether und in den Meeres- 
wogen", sagt Euripides von ihr im Hippolytos (v. 447): 

cponä &äv ai&eg', ioxi d'iv d^alaooicp JiXvdcovi KvuQig. 
Ursprünglich war sie die Göttin der himmlischen Wasser, die später 
bei den Griechen zu irdischen Wassern geworden sind, aus denen sie 
als die „Schaumgeborene" {äfpQoyevrig) emporstieg (Hesiod, Theogon. 
195 ff.; Plato, Cratyl. 406 C; Apulejus, Metam. 4, 28). 

Ursprünglich das Symbol der kosmischen Liebe und Anziehung 
zwischen Himmel, Erde und Meer, wurde später Aphrodite die aus- 
schliessliche Gottheit der irdischen geschlechtlichen Liebe und des 
physischen Liebesgenusses, sowohl die A. Ovqavia als die A. IJdvdrjiuog. 

Auch die Urania ist Göttin der Geschlechtslust und 
wird so gut wie die Pandemos als Göttin der Prostitution 
verehrt^). 

„Der Liebesgenuss", sagt v. Schröder, „ist nach der griechi- 
schen Anschauung geradezu das Gebot der Aphrodite-), und im Ein- 
klang mit der Entwicklung der späteren Zeit wird ihr Bild immer 
mehr dem der Hetären angeätinelt, wird Aphrodite geradezu Schutz- 
göttin der Hetären 3). 

Und nicht bloss die Hetären, sondern auch die gewöhnlichen 
Lustdirnen und Hafenhuren verehren die Aphrodite als ihre Schutz- 
göttin, daher auch A. Tlöovr] genannt, der zu Abydos ein Tempel 
geweiht war (jioQvtjg de ' AqDQodkrjg kgöv eori nagä ' Aßvöi-jvoig, wg (pt]ot 



— Vgl. ferner W. H. Röscher, Nektar und Ambrosia, Leipzig 1S83; Leopold v. Schröder, 
Griechische Götter und Heroen. Heft i: Aphrodite, Eros und Hephästos, Berhn 1887. 
i) Vgl. Preller, Griechische Mythologie, 3. Aufl., Bd. I, S. 277 — 278, 298. 

2) Besonders charakteristisch ist die Stelle in den homerischen Hymnen (3, 156 — 158) 
von der Verführung des Anchises zum Liebesgenuss durch Aphrodite. 

3) V. Schröder, a. a. O., S. 23. 



- 5IÖ - 

ndfifpiXog. Athen. Deipnos. XIII, 572 e). Als Tempeldienerinnen, 
Hierodulen , lagen die Mädchen in den der Aphrodite geweihten 
Tempeln, wie auf Cypern (Herodot. i, 187; vgl. Engel, Kypros II, 
143 ff.), in Korinth (Athen. XIII, 573 C; Strabo 8, 378) und anderen 
Städten der Prostitution ob. Die feineren Hetären gaben oft Vor- 
bilder für Aphroditen ab und empfingen diesen Namen als Beinamen, 
z. B. die Lamia und Leaena. Man weihte ihnen sogar Tempel. 
(Athen. VI, 253 a). Sie sassen Künstlern, wie Praxiteles und 
Apelles, zu Aphrodite-Bildern. 

Interessant für die rein sexuelle Auffassung der Aphrodite ist 
auch ihre bildliche Darstellung in Verbindung mit phallischen Symbolen. 
So erwähnt de la Chau eine Silbermedaille des zweiten Demetrius 
und eine Bronzemedaille des Kaisers An tonin us, auf denen die 
Aphrodite stehend in einem langen Rocke und von Priapen umgeben 
dargestellt ist^). Auch die Beziehung der Aphrodite zum Dionysos^) 
ist danach erklärlich. Als Frucht des Liebesverhältnisses zwischen 
diesen beiden galt Priapos (Pausan. 9, 31, 2; Diod. 4, 6; Tibull. i, 
4, 7). Auch zu anderen priapischen Dämonen, wie Konisalos, 
Orthanes, Tychon hat Aphrodite Beziehung-^). 

Früh schon kam der Kult der Aphrodite als Kult der Venus 
nach Italien, auch hier wurden ihr zahlreiche Tempel errichtet, wo 
die Liebesgöttin unter verschiedenen Beinamen (V. Cloacina, Ery- 
cina, Victrix, Verticordia, Calva, Lutea) verehrt wurde^). Der 
Aphrodite Pandemos und Hetaera der Griechen entspricht die „Venus 
Vulgaris" der Römer, deren Beziehungen zur Prostitution Ovid 
(Fast. IV) schildert: 

Numina vulgaris Veneris celebrate, puellae, 
Multa professorum quaestibus apta Venus; 
Poscite thure dato, formam, populique favorem, 
Poscite venditias, dignaque verba joco. 

Auch die „Venus plebeia" des Martial (II, 53, 7) gehört hierher. 

Als Symbol des rein Geschlechtlichen wurde der Name „Venus" 
auch für den Coitus (Tibull. I, 9, 75 ff.) und geschlechtliche Genüsse 
(Juven. XIII, 33 ff.), sowie für einzelne Geschlechtsteile gebraucht 
(Mart. I, 91, 7 ff.). 

Zur Zeit des zweiten punischen Krieges wurde durch eine be- 
sondere Gesandtschaft der Kult der phrygischen Fruchtbarkeitsgöttin 



i) Über die Attribute der Venus. Deutsche Ausgabe, Wien 1783, S. 15. 

2) Vgl. darüber Engel, Kypros II, S. 206, 654 ff. 

3) Vgl. V. Schröder, a. a. O., S. 79. 

4) Rosenbaum, a. a. O., S. 64. 



— 519 — 

Kybele nach Rom herübergebracht (Liv. XXIX, loff.). Ihr Kult 
war vorzugsweise ein päderastisch-homosexueller, weshalb wir ihn 
weiter unten besprechen. 

Eine dritte ausländische Sexualgöttin der Römer war die ägyp- 
tische Isis, die schon unter Sulla verehrt, doch erst unter den 
Triumvirn öffentliche Tempel erhielt (Dio Cassius 47, 15; 43, 2; Sueton, 
Domit. 12), in denen große Unzucht getrieben wurde (Sueton. Domit. i, 
Otho 12; Lampridius, Commodus 9, Sever. 26; Spartianus, 
Caracalla 9; Ovid. art. amand. I. 27; Juvenal. VI, 488 ff.). 

„Was in den sogenannten Isistempeln vorgegangen, entzieht sich aller menschlichen 
Berechnung. Aufgrabungen in dem verschütteten Herkulanum und Pompeji beweisen, daß 
ihre Fortschritte sich in die Provinz erstreckt. Jilit einer allmählichen, sanft vorschreitenden 
Umstrickung durch die Bande der Sinnlichkeit fesselten diese geistlichen Herren ihre weib- 
lichen Opfer fast unauflöslich an sich, und wenn eine Inschrift besagt, nur der Priester ist 
ein Mann, der das Weib befriedigen kann, so überlasse ich es der Beurteilung der Leser, 
was für eine Art von tierischem Magnetismus das gewesen, der auf den schwellenden 
Polstern, bei schwelgerischer Blütenpracht, berauschenden AVohlgerüchen und mattem Lampen- 
schein getrieben wurde. Die wissenschaftlichen Untersuchungen über diesen Gegenstand, 
namentlich von dem berühmten Franzosen Gauthier, der alle Tempelheilungen des 
Altertums anf Mesmerismus zurückführen wollte, haben zu keinem bestimmten Resultat ge- 
führt, aber so viel ist gewiss, dass der grossartige Einfluss jener Priester auf die Geschlechts- 
sphäre der Frauenzimmer ein nicht unbedeutendes Moment in der politischen Gestaltung der 
Dinge abgegeben haben muss ')." 

L. Preller (Römische Mythologie, 2. Aufl., von R. Köhler, 
BerHn 1865, S. 728) spricht von einer „schändlichen Kuppelei der 
ägyptischen Priester", da Isis als Heil- und Entbindungsgöttin vor- 
züglich von Frauen und Mädchen und am meisten von den zahl- 
reichen Libertinen gemischter Abkunft aufgesucht wurde, die damals 
in dem galanten Rom eine grosse Rolle spielten. Daher die „Isiacae 
sacraria lenae" des Juvenal (VI, 489). Dass auch päderastische Un- 
zucht bei den Isisfeiern vorkam, beweist das anzügliche Wort des 
Petronius (c. 140) über die „pygisiacra sacra"-). 

Im Zusammenhange mit den Sexualkulten mag hier die inter- 
essante Frage erörtert werden, ob auch bei der Verehrung der an- 
tiken Sexualgottheiten die uns von anderen Gottheiten her bekannten 
medizinischen Weihgeschenke (Donaria) üblich waren und ob aus 



i) R. Finkenstein, Zur medizinischen Sittengeschichte des alten Roms, in: Deutsche 
Klinik 1868, Nr. 37, S. 354. 

2) So liest Otto Keller (Lateinische Volksetymologie und Verwandtes, Leipzig 
1891, S. 32) das Wort „pigiciaca" in dem Satze: ,,Eumolpus", qui tarn frugi erat ut Uli 
etiara ego puer viderer, non distulit puellam invitare ad pigiciaca sacra", während Buche 1er 
(in s. Petron-Ausgabe, S. 107) hierfür das wenig überzeugende „physica" einseUen möchte. 



— 520 — 

ihrer Beschaffenheit vielleicht Schlüsse auf das Vorhandensein von 
venerischen Krankheiten, speciell der Syphilis, gezogen werden können. 

Es ist bekannt, dass die Römer aus dem altitalisch-etruskischen 
Kulte den rehgiösen Brauch übernahmen, den Gottheiten Nachbil- 
dungen menschlicher Eingeweide und Körperteile aus Bronze als 
Weihgeschenke darzubringen. So wurden beim Ablassen des kleinen 
Alpensees des Monte Falterone 1836 etwa 6 — 700 bronzene Eiguren, 
sämtlich Weihgaben, entdeckt, darunter „deutliche Darstellungen von 
Wesen, die an Krankheiten litten" (Brustwunde, Schwindsucht u. dgl. 
m.) 1). Mit Recht erklärt C. Eriederichs ein Paar Augen aus 
Bronze für das Weihgeschenk eines Augenkranken, da sich zahl- 
reiche Marmorplatten mit zwei Augen und Weihinschriften darauf 
erhalten haben 2). Homolle erwähnt Augen, Ohren, Brüste, Unter- 
leib, Geschlechtsteile, Arme und Hände, Beine und Eüsse, die 
man entweder in körperlicher Nachbildung oder als Reliefbild der 
Heilgöttin als Dankesgabe für die Genesung von der den betreffen- 
den Teil heimsuchenden Krankheit darbrachte. Ja, sogar das Haupt- 
haar von Erauen wurde im Relief bild als Votivgeschenk in dem 
Heiligtum der Gottheit niedergelegt^). 

L. Stieda, dem wir eine vorzügliche Monographie*) über die 
medizinischen Votivgaben verdanken, äussert sich über die Bedeutung 
der Weihgaben folgendermassen : 

„Körte meint, dass die einfachste Form der Weihgaben eine Nachbildung der ge- 
heilten Glieder sei. Es ist gewiss möglich, dass alle jene Körperteile, die wir finden. 
Arme, Hände, Füsse u. s. w., geheilte Glieder bedeuten sollen, aber wahrscheinlich ist es 
nicht. Es ist das nicht in der menschlichen Natur begründet, dem Gotte für die stattge- 
habte Heilung durch Darbringung eines gesundeten Körperteils, d. h. eines Geschenks, 
zu danken. Dass die Kranken damals Bilder ihrer kranken Glieder darbrachten, unter- 
liegt keinem Zweifel. Körte führt ein vortrefTliches Beispiel an, das kranke Bein mit der 
„Krampfader" (Varicen). Jene Bilder, die Körte als „geheilte" Glieder ansieht, z. B. 
Ohren, Augen u. s. w., sind gewiss Darstellungen solcher Personen, die an kranken Ohren 
und Augen litten. Die betreffenden Personen kannten ihre Einzel-Leiden nicht, sie konnten 
deshalb das Leiden selbst nicht darstellen; sie opferten ein Bild des entsprechenden Organs, 



i) Vgl. G. Dennis, Die Städte und Begräbnisplätze Etruriens, Leipzig 1853. 

2) K. Friederichs, Kleine Kunst und Industrie im Altertum oder Berlins antike 
Bildwerke, Düsseldorf 187 1, Bd. II, S. 279—285. 

3) Homolle, Artikel „Donarium" in: Dictionnaire des antiquites Grecques et Ro- 
maines par Daremberg et Saglio, Paris 1892, Tome II, p. 375. 

4) L. Stieda, Anatomisch-archäologische Studien. I. Ueber die ältesten bildlichen 
Darstellungen der Leber. IL Anatomisches über altitalische Weihgeschenke (Donaria). 
Mit 28 Abbildungen. S.-A. aus Bonnet-Merkels Anatomischen Heften, Bd. XV/XVI, 
Wiesbaden 1901, gr. 8", IV, 131 Seiten. 



um den Gott, der ihr Arzt war, an ihr Leiden zu erinnern — dann gingen sie gewiss nach 
Hause. Der Kranke geht heute wie damals zum Arzte, der Geheilte nicht" ^). 

Allerdings geht aus dem bekannten Gedichte 37 der Priapea 
hervor, dass erst nach der Heilung die Votivgabe dargebracht wurde. 
Dieses Gedicht ist auch ausschlaggebend für die Entscheidung der 
wichtigen Frage, ob wirklich Nachbildungen der kranken oder nicht 
vielmehr solche der gesunden Körperteile der Gottheit gestiftet wur- 
den. Es lautet nämlich: 

Cur pictum memori sit in tabella 

membrum, quaeritis, unde procreamur? 

cum penis mihi forte laesus esset 

chirurgamque manum miser timerem, 

dis me legitimis nimisque magnis, 

ut Phoebo puta filioque Phoebi, 

curatum dare raentulam verebar. 

huic dixi: ,fer opem, Priape, parti, 

cuius tu, pater ipse pars videris, 

qua salva sine sectione facta 

ponetur tibi picta, quam levaris, 

compar, consimilisque, concolorque' 

promisit fore mentidamque movit 

pro nutu deus et rogata fecit. 

(Carm. Priap. XXXVII ed. Buecheler.) 

Hieraus geht hervor, dass, wie es auch heute noch in katho- 
lischen Gegenden der Fall ist, erst nach der Heilung eine genaue 
Abbildung des geheilten Körperteils als Votivgabe dargebracht 
wurde, dass also diese nur für eine frühere Erkrankung des be- 
treffenden Teiles spricht, keineswegs aber uns Aufschluss 
giebt über die x\rt dieser Erkrankung oder gar diese 
noch anzeigt. 

Nachdem Stieda selbst seine Ansicht, dass die eigentümlich 
gestalteten Donarien, die in den römischen Museen unter der Be- 
zeichnung ,,Bubbone" (Erkrankungen der Leistendrüsen) aufbewahrt 
werden, Darstellungen der „krankhaft veränderten Eichel" des Penis 
seien (a. a. O., S. 105 — 166), nachträglich aufgegeben hat und sie 
lieber als „erkrankte Brustwarze" deuten möchte (a. a. O., S. 131), 
erübrigt es sich, auf die Frage einzugehen, welche Krankheiten 
der Geschlechtsteile bei jenen Weihgeschenken der Geschlechtsorgane 
in Betracht kamen. Die Thatsache, dass unter den Votivgaben sich 
sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane in grosser 
Zahl befinden, beweist nur, dass Krankheiten oder Verletzungen 
derselben vorkamen, weiter nichts. Es waren natürlich hauptsächlich 



i) Stieda a. a. O., S. 65. 



— 522 — 

die Sexualgottheiten, wie Priapos (Carm. Priap. XXXVII), Lu- 
cina ^), Isis (Tibull. I, 3, 27), denen die künstlichen Vulven und 
Phallen dargebracht wurden. 

Die Stelle in dem Carmen priapeum 37 „cum penis mihi forte 
laesus esset" lässt sich nur auf eine schwere Erkrankung oder Ver- 
letzung des Penis deuten. Welcher Art die ist, bleibt gänzlich dunkel. 

2. Wie im religiösen Leben, so trat auch in Sitte und Brauch 
der Alten, also im ganzen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, 
das sexuelle Element sehr stark und unverhüllt hervor. 

Da sei zunächst hingewiesen auf die grosse Verbreitung der 
sogen, „obscönen Gebärden" bei Griechen und Römern. Carl 
Sittl, dem wir hauptsächlich folgen, sagt darüber in seinem vorzüg- 
lichen Werke über die „Gebärden der Griechen und Römer" (Leip- 
zig 1890): 

,,Ein fast ebenso grosses Gebiet fügt die eigentümliche ]Moral des Altertums hinzu, 
welcher das Obscöne nur lächerlich war; sogar unter den Philosophen huldigten, wie man 
weiss, die Kyniker keiner besseren Ansicht. Wie konnte es auch anders sein, wo die 
Dionysos- und Demeterfeste das Volk anreizten? Zu den zahlreichen (obscönen) Schimpf- 
wörtern, welche die Lustspiele und die Wände Pompejis besonders leichlich liefern, 
fehlen die entsprechenden Gebärden nicht." 

Als „unzüchtiger Finger" par excellence galt der vorge- 
streckte Mittelfinger der rechten Hand, der italienische „dito 
impuro" -'). 

Sittl führt dafür (a. a. O., S. lOi ff.) die folgenden bezeichnenden Namen an: 
fiarajivycov , Pollux 2, 18 und Phot. lex; fiardjivyog, Arrian. Epict. 3, 11; ocpäxBlog , 
Suid.; Schol. Plat. Tim. 84b; öaxxvXog; }^siJi6deQfxog , Gloss. Graecol.; digitus im- 
pudicus, Priap. 56, i f.; Marlial. 6, 70, 5; Isid. orig. 11, l, 71; infamis, Pers. 2, 33; 
famosus, Porphyr, sat. 2, 8, 26; verpus. 

Das Zeigen des Mittelfingers galt ganz allgemein als Zeichen 
der grössten Verachtung (Juven. 10, 53; Martial. 2, 28, 2; 6, 70, 5; 
Schol. Pers. 2, 33). Bei Melampus (de palpitatione, p. 484, Franz) 
heisst es: Adxrvlog 6 rgirog rrjg de^iäg yßiQog rjroi 6 fxeoog ßaoxaviag 
di-jAoT xal Äoidooiag. Diogenes beschimpfte den Demosthenes, in- 
dem er ihn einigen Bekannten mit dem Mittelfinger zeigte (Diog. 
Laert. 6, 34). Besonders wurde der päderastische Pathicus und Ki- 
naede so bezeichnet (daher das anzügliche xardjivyog). Er hiess da- 
nach der xaTaday.Tv?ux6g, d. h. der, auf den man mit dem Finger zeigt 
(Aristoph. Eq. 1381). Wenn also ein Grieche oder Römer den Mittel- 
finger gegen jemand ausstreckte oder die Nase berührte (Hesych. 
oxiv&aQiI^Eiv), schalt er ihn stillschweigend einen cinaedus oder pathicus. 



1) O. Rossbach, Das Diana- Heiligthum in Nemi (Verhandl. der 40. Versammlung 
deutscher Philologen in Görlitz 1889, Leipzig 1890, S. 149 — 164). 

2) Auch der Zeigefinger wurde in diesem Sinne gebraucht. 



— ö^ö — 

Eine Interessante Darstellung dieser obscönen Gebärde findet sich auf einer Vase des 
Museo Nazionale zu Neapel. Ein bärtiger nackter Mann, die Linke an die Stirn gelegt, 
geht auf einen vor ihm hockenden nackten Mann zu, der die Rechte hoch erhebt und den 
Zeigefinger derselben emporstreckt. ') 

Eine andere unzüchtige Gebärde war die sogenannte „fica", 
griechisch ovy.ov, die Feige-), das Hindurchstecken des Daumens 
zwischen Mittel- und Zeigefinger, als Zeichen des Coitus. Gerhard 
und Panofka beschreiben eine antike phallische Bronce von der 
Form eines Arms, dessen Enden einerseits durch das männliche 
Glied, andererseits durch eine geschlossene Hand mit dem Zeichen 
der Fica gebildet werden ^). 

Nicht selten kam auch direkter Exhibitionismus vor. So 
heisst es in Theophrast's Characteren 1 1 : 'O de ßösXvoög Toiovrog olog 
änavjrpaq yvvai^lv eXev&egaig dvaovQajLievog dei^ai rö aldölov. Bei Nicht- 
bürgerinnen nahm man es also nicht so genau. C\'niker verübten 
solche exhibitionistische Akte auf dem Markte (Lucian. Peregrin. 17), 
die übrigens bei der Beschaffenheit des griechischen Chitons oft un- 
freiwillig vorkamen. 

Ausser dem stummen, aber vielsagenden Ausdrucke der obscönen 
Geberden gab es im Altertum einen äusserst reichen obscönen 
Wortschatz. Mit Recht bemerkt StolH), dass es kaum einen, auf 
geschlechtliche Handlungen und Situationen oder auf die Geschlechts- 
teile selbst bezüglichen bildlichen Ausdruck giebt, der nicht schon in 
der erotischen Literatur des Altertums reichliche Belegstellen fände. 
„Der geschlechtliche Verkehr", sagt Hübner, „in seinen natürlichen 
Grenzen wie in seinen unnatürlichen Verirrungen, wird von Griechen 
und Römern, wie von den südeuropäischen und manchen anderen 
Nationen noch jetzt, ja bis in das sechzehnte Jahrhundert und weiter 
herab auch bei uns, mit einer natürlichen Offenherzigkeit und Deut- 
lichkeit behandelt, die unser Gefühl verletzen"^). 

Das „Vocabularium eroticum" der Griechen und Römer 
bietet ein bedeutendes Interesse als getreues Spiegelbild der ge- 



i) Vgl. H. Heydemann, Die Vasensammlungen des Museo Nazionale zu Neapel, 
Berlin 1872, S. 395 (Nr. 2835). 

2) Vgl. Grimm, Wörterbuch, Leipzig 1862, Bd. III, Spalte 1444; C. J. Jage- 
mann, Dizionario Italiano-Tedesco, Leipzig 1803, Bd. I, S. 459. 

3) Neapels antike Bilderwerke. Beschrieben von E. Gerhard und Th. Panofka, 
Stuttgart u. Tübingen 1828, Bd. I, S. 465. 

4) Otto Stoll, Das Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie, Leipzig 1908, 
S. 751- 

5) E. Hübner, Martial. In: Deutsche Rundschau 1889, Bd. XV, S. 92. 
Bloch, Der Ursprung der Sypliilis. o4 



— 524 — 

schlechtlichen Korruption und der geradezu unglaublichen naiven 
Differenzierung der Geschlechtsgenüsse. Ohne Zweifel hatten die 
Hellenen, hierin vergleichbar den modernen Franzosen, die reichste 
sexuelle Terminologie, während die Römer hierin mehr Nachahmer 
waren und viele Worte von ihnen übernommen haben. Nur weil 
bisher ausschliesslich die lateinische Pornologie in besonderen Wörter- 
büchern bearbeitet worden ist^), hat man diese Thatsache nicht ge- 
nügend berücksichtigt. Hauptquelle für dieselbe ist das grosse Wörter- 
buch des Hesychios in der Ausgabe von Moritz Schmidt-). 

Es finden sich hier nicht weniger als 69 Ausdrücke für den 
Coitus {ovvovoia) und die verschiedenen Stellungen und Mani- 
pulationen dabei {oyj)fxaxa owovoiaotixa.) nebst den Ab- 
w^eichungen von der Norm. Es seien (und auch bei den folgen- 
den Rubriken) nur einige besonders interessante Beispiele genannt: 

I. äxgaoiag (I, 1 04 j = avco^aAmg. naga to /nr] avyxExgäodai (Etym. Magn. 52, 4: 
axQaala = XsyEjai de aal z6 fit] xara v6/novg owovoid^siv). 

3. avaoEOVQf.ievr] (I, 182) ^^jy ovqo/lisvov ifidziov ijiaiQovaa, xal juSgog yvfivovaa 
(Lobeck, Aglaoph. 826; Meineke Com. Gr. Frag. III, p. 118). 

8. dvaoplSiv (I, 186) :;= ■^EiQoxQißsXv alboXov. 

12. ' Aoxvävaooa (I, 308) = 'E^^svtjg 'd'sgdjiaiva. i'jrig jiqmti] i^evgsv 'A(pQo8iTt]V, 
xai dtiöXaaza o^rifiaza. 

15. ßaoayvxoQog (I, 361) = d ■&äaoov ovvovaiäCcov. 

16. ßiäzai (I, 375) = yvvatxag ßiaQEzai. 

18. ßgifit] (I, 399) = djZEiXr]. y.al yvvaiKEia dggt]zojioiia. 

21. öianaQ'dEVEVEi (I, 494) = (p^sigei xögag. 

22. diaoagxcöviafj,a (I, 498) = doeXysg zc axfjfia- 

23. eyvco (II, 11) = wf^iiXrjOEV dvijQ Jigög yvraixa. 

29. xagdg (II, 411) = d djioajiEg/j,aziofi6g. 

30. xagiKov (II, 413) = EvzsXsg, fuxgSv. SrjÄoT ds xal d(pgo8io(ov axijfia alaygör. 
xagixcß oxi^fiUTi = Xsyszai ds im ziov uxoXdazojv o/y^ia xagixöv (vgl. 
Meineke, Philologus, Bd. XIII, S. 555). 

33. XI XXI] (II, 481) = ovvovoia. r] djio zojv aldoiojv Svooo/nia. 

34. xiooa (II, 486) = mi&vfxca. ogvsov. xal Ix^vg Jioiög. xal yvraixeiov 
nd&og. 

35. xvgrjVfj (II, 557) =^ Jiogvt] zig ovzcog ExaXETzo 8coÖ£xafirjxci.vog, diu zo zooavza 
ox^fJ-OLza. 'A(pgo8iolo)v jioieTv. 

37. xvaßoxogwvrj (II, 560) = vvfxqii]. 
39. xcoßj]X7] (II, 562) = ovvovoia. 



1) Vgl. Pierrugues, Glossarium eroticum linguae latinae, Paris 1826; C. Ram- 
bach, Thesaurus eroticus lingue latinae, Stuttgart 1833 (frecher Nachdruck von Pierrugues); 
N. BJondeau, Dictionnaire erotique Latin-Fran^ais, Paris 1885. — Ferner die Werke 
von Rosenbaum und Forberg. 

2) Hesychii Alexandrini Lexicon rec. M. Schmidt. Jena 1857, T. IV, Index u. S. 88. 



— 525 — 

40. ?.saira sjil rvQoy.v7'jOTi8og (III, 19) = o/Jj/iia ovvovoiag dxöXaorov. Schol. 
Arist. Lysistr. 231; Phol. 211, 11. 

42. May Q IT 7] g (III, 71) = fiojgog rig, ij fitj sidcog fit^iv yvvaixög, xav ym'i] jiqo- 
TQSjTtjtai avzov. Arist. Poet. 4; Nicom. Eth. VI, 7. 

43. ixi^ig (III, iii) = xoirr], ovvovoia. 

50. oQd-oaradöv (III, 219) = x6 ogßor oKpQodiatd^stv. 

53. jiegiJiQcoHTiiöoa (III, 318) = TOvcpsQsvofihn} im tfj nvyfj. 

57. axivöagog (IV, 45) ^ »; ijraraoTaaig vvxxog d(pQo8iaiojv evsxa. 

58. oivcon:iaat (IV, 32) =^ zovro jis.-[oi7]zai :^aQd ri/v ExaiQav HiviÖttijv. ixco/iicp- 
SsTro yoLQ eni tw doxi]HOveiv. 

60. OHvla^ (IV, 52) = oxfjfia dtpQodioiaxöv, wg xo xü>v (foivixi^övxwv. 
62. 01.10X0080VV flV, 57) = x6 axtjfiaxi^eod'ai xdg yvvaTxag. 

Für die verschiedenen erotischen Temperamente und Dis- 
positionen führt Hesychios unter der Rubrik „y.aTaffeoeTg Jigog 
ä(pQodioia" 52 Ausdrücke. Unter ihnen seien folgende hervorgehoben: 

dxo?.aoia (I, 100) = dxQaaia. 1) elg xd d(pQo8iaia xaxa(pEQ£ia. 

rjXov (II, 275) = Xdyvov. 

OoQog (II, 320) = ßdxTjg, dq?Qo8iaiaaxi'jg. dysla, t) i'xxoioig xov ajiEQfiaTog. 

xdnoaira (II, 409) = tj xaxacpsQtjg, d-To rcDr xäjtQOiv. 

13. xaxajivyoaivt] (II, 432) = i)8ov)j /iisydhj. 

14. xiQOJv (II, 486) = d8v%'axog jiQog ovvovoiav. xal al8oiov ßkdßtj. xal dn- 
E{o)xo?J.v/.i/.iEvog. xal xvgicog fihv o adxvgog, xal ivxexafiEvog, 6 yvvaixiag, xal 
fxr) SvväfiEvog yQija^ai. 

21. kdoxai (III, 16) = TiÖQvai. 

22. XdoxavQOi (ib.) = oi tieoI xov o^Qov 8aoETg, xal tiÖqvoi xivkg övxEg. 

23. ÄsaßidCEiv (III, 27) = jiQog äv8Qa oxouaxEvsiv. 

27. fiiotjxtjv (III, 112) = xi]v xaxarpEQi] Uyovoiv fuarjztjv. fiia7jxac Ss yvvaixsg 

oXioßoioi yotjaorrai. 
32. olcfi 6 ).7]g (III, 191) = o 1X7] kyxQaxrjg, dlld xaxatpegijg jigog yvvaixa. 
35. Sa/.aßaxyw (IV, 5) = szÖQVtjg ovo/iia, dsio 8e xavxTjg xal zag xax(ocpEQETg sig 

xd 'A(fQo8ioia ovxcog tlsyov ' Axzixoi. 
42. i'YQÖg (IV, 192) = 6 EvxazarfEQtjg Eig 7'j8ovdg. 

Die verschiedenen Arten der Küsse wurden mit besonderen 
Namen belegt. Hesychios führt lo verschiedene Namen an, darunter 
z. B.: 

1. xaxayXcoxxi^Eiv (II, 421) = xd sQWxixd xal ^EQiEQya (pi)J]i.iaza. 

2. xaz aylvTizöv = si8og (piXrjfjiatog. 

3. d)'£/<(yj'?7 (I, 193) =^ q)iX7]/iia. 

7. xaßEtozov (II, 386) = El8og rpOJjfiaxog. 
9. axifißaa/iiög (IV, 45) = (pdrjfiazog Ei8og. 

10. OXQEJIXOV (IV, 84) = (piX7]fld XI JIOIÖV. 

Sehr zahlreich (56) sind die das gesamte Prostitutionswesen 
{jieQi 'Eraioojv xal IIoqvmv) und die Kuppelei {negi MaoTQonwv) 
betreffenden Namen (10): 

34* 



- 526 - 

2. dvÖQOfiavtjg (I, 189) := L-ri/isfiiivvTa rovg drögäoiv. 
5. dji6(/?aQaig (I, 262) = t) haiga, wg 'HyTjoavÖQog. 

7. yscpvQig (I, 427) = stÖQVt] rig im ye(pvQag, log 'HQaxkscov. 

8. daf^iovgyoi {1, 458) = ai TiÖQvai. 
SrjixirjV (I, 481) = uiÖQvrjv. kvtiqioi. 

II. dgo/Lidg (I, 537) = ^ haiga. 

13. i'jrtTraöTa? (II, 163) = haiQag s:;i(X)vvfiov. 

18. xaaaXßdg (II, 418) = Ttögv^]. 

19. xaaavga (II, 418) = xaocoQig. ^ögvrj. 
xaoavQEioig = ol'y.oig, k<p (bv ai haigai sxa&e^ovro. 

22. ;ifaro/i;A£<aTO« (II, 425) = iv Kogirdoj haigai rirsg. 

23. xsQafJ,£iH6g (II, 465) = röjiog ' Aß-r'jvrjoiv , ev&a 01 jiöqvol TTQosazr'jxsoav. 
£101 8e 8vo xEgafisixot, o fisv k'^co rsixovg, o 8s ivrog. 

25. xEXQafiai (II, 472) = S180S noQVsiag. 

28. XOIVEIOV (II, 503) = JIOQVEIOV. 

31. X CO /.toi (II, 564) = doElyrj ao/nam TTOQvixd. 

32. Xvjirä (III, 56), lupa = sraiga, jtoQVt]. 

33. Xüjydg (III, 59) = TTÖQVi]. 

34. fiaxQvXeiov (III, 76) = xönog töjv jioqtevovzwt, rovreari jioqveTov, 6'jtov 01 
fiaoTQOJToi, tjroi /navliozai, biEiQißov. 

36. fiaxXd8a (III, 77) = jiÖqvyjv. 

(.idxXrjg = jiÖQVog. 

fiax^ig = JioQvrj. 

fxdxXog = jioQvog. 

fiaxXoovrrj = r] jieqI tu dcfQoSiaia cooeI xaracpEQEia, dxoXaoia, TiOQVEia. 
39. droßdzt8£g (III, 209) = ai im fioixsia aXovoai yvvaTxsg xai i^EVEX&£ioai 

im OV03V. 
41. TzaQO^vvxai (III, 287) = oi zQE<p6/iisvoi vjio zöJv iraiQÖJv wg uv 81) igaazai. 

43. jTwXog (III, 416) = kzaiQü. jicöXovg yaQvavzdg MXEyov, oTov 'A<pQo8iztjg. 

44. SaXaßaxxfü (IV, 5) = jiögrt]? ovo/ia. dno 8e zavzt]g xul zug xazcoq)EQ£Tg 
Elg %d 'A(fQo8iola ovzoog sXsyov Azzixoi. 

47. 2!iv8vg (IV, 31) = »/ 2xvßia xal t) jiöqvij. 

49. oxa[A,/id8Eg (IV, 38) = jzögvai. 

50. ojto8r]GiXavQa (IV, 67) = »y zag 68ovg rgißovaa, 1} iv zaTg 68oTg ZQißo/iEvr]. 

51. azazrj (IV, 71) = nÖQVf]. 
ozQazrj = ■jz6qv7], prostibulum. 

52. oTEyTziv (IV, 73) = ^^'' ji6qv>]v. 

53. ovyxoizdXiov (IV, 91) = ovyxoizov. 
ovyxoiziov = izaiga ovyxoif.ir}d£io(j]) (xiadoi/ia. 

54. 2'^/*"'^^'^'? (IV, 272) = jzoQVT) äSo^og. 

55. ;^a^i£ra<ptV (IV, 273) ^ ?; sioQvt]. 

56. noQVOXOTiog (IV, 362) ^ EzaiQOXQOipog, JioQvog. 

4. 8Qd^o)v (I, 534) = jioQvoßooxog. 

5. xdgßig (II, 411) = fiaozQOJzog. 

6. XOQLV&ld'QElV (II, 517) ^ fiaOXQOJZEVElV, haiQEVElV. 

7. /laoxQOJzög (III, 75) = 8ioxQOJzog. jzavovQyog. djiaxEcöv 6 t«? yv%'aTxag y 
av8Qag JiQooxaXMV xal fxavXi^wv, i) TtQoaycoyog. 

8. TiQOJiaiooi (III, 383) = jTßoaj'ajj'o?, [A.aoxQon6g. 



— 527 — 

9- TtQoiiaXyaTEVEiv (IIT, 381) = fisTazoojievsiv, uaaToojieveiv. 

10. :T(>oayo)y6g (III, 372) = diödaxaXog y.axöiv, xal /naazQOJiög. 

Höchst interessant sind die Synonyme für die Päderastie und 
das Kinädentum, deren grosse Zahl (74 Ausdrücke!) bezeichnend 
ist für die Verbreitung- und Bedeutung' der Männer- und Knabenliebe 
bei den Griechen. Die Namen und Epitheta geben uns wichtige 
Aufschlüsse über die mannigfaltigen homosexuellen Beziehungen und 
Praktiken. Folgende seien aus der langen Reihe besonders hervor- 
gehoben : 

1. Xaxojvi^eiv (III, 9) = jTaiSi'oig XQ^^^'^'- h'g^- liierzu Nr. 2 u. 25]. 

2. Aaxoivixov zoojiov = xo uEQaivEiv xal jimdEgaazETr, z6 TiagEy^Eiv kavzag 
zoTg ^Evoig. fjxioza yctg <pvldzrovoi Ädxw^'Eg zag yvvaixag. 

4. ßaödg {I, 350) = xiraidog. wg 'Afisgiag. 

5. BdzaXog (I, 364) = y.azoucvycov xal dvÖQÖyvvog. xt'raidog. sxXvzog. 

6. Afjfiog xaXög (I, 482): UvoddinTZOvg viog f]v ovzog Afjfiog 6vo/xa xal zi)v 
djgav xdlXiozog. k'ßog 8e j)v zoTg sgaazaig ijiiygdqiEcv Jiavzaxov zd zcöv Jiaidcov 
ovd^iaza. 

11. xaza.-Tvyov (II, 432) = xiraiSov ijyovr dosXyovg. 

12. xEvxavooi (II, 463) = Tiaidsgaazai. 
15. xiraiSog (II, 484) = do£?.y7jg, Jiogvog. 

XIV 8a = TzoQvixtj doytjiiioavv)]. 
xivfjdog ^= doEXyrjg. 

21. xgijza zqojtov (II, 534) = z6 xaiöixoTg XQijoOai. 

22. xvjidzai (II, 556) = xiraidoi, /.laXaxoi. 

25. xvaoXdxojv (II, 560) = 'AgiazaQxög (jprjoi zov Kl{E)iviav ovzco XsyEodni zcö 
xvaqj XaxMvi'Corza. z6 8e zoTg jiaiSixoTg XQi'joaoOai XaxwviC^i-v eXsyov. 

28. xcoXaßol (II, 563) = Xdozavgoi. 

29. Xaijtog (III, 6) =^ xivaidog XMOzavQog. 

31. XaoLzög (III, 15) = xivaidog. 1) XEOizög = jiÖQVtj. 

32. Xrjxäadai (III, 33) = :iEoaivEodai. 

33. Maoixav (111,72) = xivaiöov. 01 ds vjioxÖQia/iia Jiaidi'ov ciggsrog ßaqßanixov. 

34. %>avvaQig (III, 139) = xivaidog. 

35. vsßXdgai (III, 144) = nEQalvEiv. 

36. 68dya (III, 178) = xaza:Tvyon'. TaoavzTvoi. 

37. 7iao/t]zia (III, 291) = rj atayoäg ijSovijg ijzzäzai^). 

38. jzaiSoTiiJiag (III, 255) = dooEvoßdz7]g, dv8Qoßnzrjg. 

39. jiaoiozaoßai (III, 286) = rö dojid^Eiv zovg jiai8ag. 

41. oiozvid^Eiv [jiovvidCEiv^ (III, 366) = rö jiai8ixoTg XQiiodai. Jiözviov ydg zov 
8axzvX(i)ov Xeyovai. 

43. oaxxivoavxoi (IV, 4) = 8aavjiQcoxzoi. 

44. OKjpvid^Etv (IV, 36) = xazaSaxzvXi^Eiv. 8taߣßXrjvzai yaQ 01 Züfvioi. log 
7iai8ixoig yocofisj'oi. aicpvidoai ovv z6 oxif^iaXlöai "). 

oxifiayiaai (IV, 45) = xaza8axzvXiaai. 



i) Vgl. zu dem Worte :zaoyj]Tidco und :^aay)jziaoß6g die Bemerkungen bei J. 
Rosenbaum, Geschichte der Lustseuche u. s. w., S. 177, Anm. 2. 
2) Vgl. hierzu Rosenbaum a. a. O., S. 130 — 131. 



- 5-'8 - 

45. ovxäCfi (IV, 92) = To y.riQFir h> xaig egonoiaig nfiiXiaig. 

46. ofplyxtai (IV, 115) = Ol xivaiöoi, xal djiaXoi'^). 

49. TavQog (IV, 133) = älXoi de rov JiaideQaoTtjv. xal zu yvvaixsiov. 

47. Ti/iidva^ (IV, 157) = o TZQCoxrög. 

48. Tirdv (IV, 160) = jiaidegaazijg. 

50. ^akx iSiCsiv (IV, 270) == UTio iwv xai' Evßoinr '/^alHibicov. rißsim de xal 
EJil tcöv jtai8sQaorovvro)v, Insl inXsö^'aQov naq" avTOig 01 Jiatdixol egoneg"^). 

51. yjwQog (IV, 316) = naidsQaatrjg. 

52. 8i£za{C)QiatQiai (I, 510) = yvvaixsg ai zezga/.i/Lisvai sigog zag izaigag im 
ovvovoia, (hg 01 ärdgsg. olov zgißädsg^). 

Unter den Rubriken „Alia ad rem veneream pertinentia" (21) 
und ixotioi (19) werden verschiedenartige sexuelle Bethätigungen 
und Perversionen zusammengefasst. Darunter seien hervorgehoben: 

2. ßXi^iä'Qeiv (I, 381) = tÖ zizOoXaßsTv. 

3. yvcozi^ (I, 439) = dÖEkcprj. r] ioco/ii^'ij. 
5. ivd-i'icov (II, 99) = EQOiZlxÖv. 

17. oiazQog (III, 190) = dcpgodioioiv jivQcooig, Exxavoig. 

3. daXioy^eiv (I, 457) = ^ö jiaiSl ovreTvai. ' AfiJTQaxionai. ziv'tg öe z6 fj.oi/Evetv. 
dalio}(6g (I, 457) :^ [xoiyßg. 

4. drjfiöxoivog (I, 482) =^ 8i]/x6aiog ßaaaviazrjg. Jiogvog. 

5. 'E^rjXEOzog (II, 124) = rjzaigrjxwg. od'EV xal zovg jiQOJXzovg 6f.io)VVfio}g 
'E^tjxBOzovg sXeyov. 

6. EjiaXXaxEVEZo (II, 134) ^ JiaX(X)axfj Eyqrjzo. 

7. eniJieiQsi (II, 163) = fiot^EVEzat, rj j^ioiyevEi. 

8. xaXEÖg (II, 397) = fMoiyog. 

9. xor'tJioÖEg (II, 5'3) = vjtod/j^iaza /loi/ixd. 

10. Äaxidöai (III, 8) = Örj/iiog zfjg ^ÄTZixiig, Qaq^avt^ag q^sgcov, ov ejiißoiövzai 

xazd zöjv fwiyöJv. 
Tl. ixoiyozvjzrj (III, 116) = rj vjio fiorytov zvjizofisi'tj. 

12. fioiydygia (III, II 6) = zd zfjg fioiysiag dygEV/naza. 

13. /Liv^Xög (III, 134) = oxoXiog, oyEinr'jg, Xäyvrjg, /.loiyög, dxgazrjg. 

14. oixoip^oQovg (III, 185) = fxoixovg. 

15- gaqyavidw&rjvai (III, 423) = zovg fwiyovg zaig gacpavioiv fj?Mvvov xazd zfjg 
i'dgag. 

16. oxsgoXiyyEg (IV, 42) = Xaixaazai. rj wniozai. in annotatione: „Is. Vossius, 
qui vertit „cunnilingi". 

axEgög = atdoioXEixzrjg. 

17. zEv&ai (IV, 141) = AojJTOf^t'zat. /loiyoi. 

18. rplXiTiJioi (IV, 244) = fioiyoL 

19. zoysga (IV, 162) = /.loiydg. 



i) Vgl. hierzu Rosenbaum a. a. O., S. 122. 

2) Ibidem, S. 130. 

3) Ibidem, S. 158. 



— 529 — 

Die Griechen lassen sich in Beziehung auf die Reichhaltigkeit 
der erotischen und obscönen Terminologie und den naiven Gebrauch 
derselben im gewöhnlichen Leben am meisten mit den Franzosen des 
15. bis 17. Jahrhunderts vergleichen. Auch die späteren Hellenen 
unterscheiden sich in dieser Beziehung von den gleichzeitigen Römern, 
bei denen eine merkwürdige Verschleierung erotischer Dinge durch 
Convenienz und sittliche Heuchelei zu konstatieren ist, während bei 
den auch später noch unbefangenen und aufrichtigen Griechen eine 
fast unbeschränkte Freiheit in dem Gebrauche der obscönen Aus- 
drücke fortbestand. 

Die altrömische Sprache allerdings ist in Beziehung auf Derb- 
heit und drastische Charakteristik der obscönen Dinge der griechi- 
schen bedeutend überlegen. „Keine Schriftsprache", sagt Paldamus, 
„ist so reich an Wörtern zur Bezeichnung der crudesten physischen 
Geschlechts -Beziehungen, als die ältere römische. Beweise davon 
sind die alten Glossarien, namentlich Nonius und Festus. Ich meine 
damit nämlich Wörter in ihnen wie scraptae, scrupedae u. a. bei 
Ersterem, ancunulentae, bubinare, intercutitus, strutheus und die viel- 
fachen Synonyme von stuprare bei dem Letzteren. Wörter, welche 
alle, einer geistreichen, anmutigen Frivolität ermangelnd , nur den 
Charakter einer dumpfen Sinnlichkeit an sich tragen" i). 

Obscöne Dinge mit nackten Worten nennen, hiess deshalb be- 
zeichnender Weise „latine loqui"''^). 

In späterer Zeit allerdings trat an die Stelle der derben, aber 
offenen und ehrlichen Pornologie eine verlogene Prüderie, die nicht 
nur diese Dinge nicht mehr beim richtigen Namen nannte, sondern 
auch in den harmlosesten Worten und Wortspielen etwas Unreines 
witterte, nach dem alten Worte: Castis omnia casta, incestis multa 
incesta. 

Fr. Ritter hat in einer interessanten Abhandlung^) diese der 
späteren Zeit der verfeinerten Kultur angehörige Thatsache in an- 
sprechender Weise zu erklären versucht. Ein Teil seiner Ausfüh- 
rungen sei hier wiedergegeben. 

„So hört deijenige, welcher in sinnlicher Lust seine angenehmste Befriedigung findet, 
zwar nicht ungern von den Gegenständen derselben sprechen, fühlt sich indessen in eine 



i) Hermann Paldamus, Römische Erotik, Greifswald 1833. S. 19. 

2) C. Rambach, Thesaurus eroticus linguae latinae, Stuttgart 1833, S. 167. 

3) Fr. Ritter, Übertriebene Scheu der Römer vor gewissen Ausdrücken und 
Wortverbindungen. lu: Rhein. Museum für Philologie. Alte Folge, Bd. III, Bonn 1835, 

s. 569-580- 



— 530 — 

unbehaglicbe Stimmung versetzt, wenn diese durch eine einfache Bezeichnung die Würde, 
welche sie in seinen Augen besitzen, verlieren und in ihrer Nacktheit aufgedeckt werden. 
Dagegen verschafft ihm jede Unterhaltung und Darstellung, welche seinen Sinnen 'schlüpfrige 
Bilder unter einer reizenden und dunklen Hülle vorführt, einen grossen Genuss, weil dadurch 
den Objekten seiner Begierde eine höhere Bedeutung beigelegt wird . . . Ein Volk, dessen 
Sitten noch unverdorben geblieben und dessen Bildung noch nicht in Verbildung ausgeartet 
ist, spricht gewöhnlich unbefangen oder doch nur mit einer massigen Scheu die Namen der- 
jenigen Dinge aus, welche den Menschen an sein sinnliches Dasein und das thierische Element 
seines Wesens am meisten zu erinnern geeignet sind: ist aber Üppigkeit oder eine unnatürliche 
Verfeinerung an die Stelle der alten Einfachheit und Kräftigkeit getreten, so wird die Rede- 
freiheit in dieser Beziehung einer konventionellen Censur unterworfen. Dabei bleibt man 
indessen nicht stehen; man geht noch einen Schritt weiter, und leiht einer Anzahl von 
Ausdrücken eine ihnen früher ganz fremde obscöne Bedeutung, und diese werden alsdann 
gerade so wie die eben genannten geächtet, weil man den Schein des Auslands und der 
Sittlichkeit gern noch beibehält, wenn man das Wesen derselben schon aufgegeben hat. 
In dieser falschen Scham steigt man endlich noch eine Stufe höher, und ächtet solche Wort- 
Verbindungen, wodurch die Erinnerung an ein schmutziges Wort durch einen ähnlichen 
Klang hervorgemfen werden hönnte." 

Was nun die erste Art der für die spätere Zeit so charakte- 
ristischen falschen Scham betrifft, nämlich die übertriebene Scheu, 
die Namen der geheimen Teile auszusprechen, so hat Cicero (De 
officiis, I, 35, 126) dies gewissermassen durch das Vorbild der Natur zu 
erklären versucht, die diese Teile selbst mehr ins Verborgene ge- 
rückt habe^). Noch interessanter und für unser Thema bedeutungs- 
voller sind die Aeusserungen des Cornelius Celsus, die als merk- 
würdiger Beleg dafür dienen können, daß selbst in rein wissen- 
schaftlichen und sogar in medizinischen Büchern die Benennungen 
der Geschlechtsteile als obscön galten. 

Die denkwürdige Stelle bei Celsus (De medicine, Lib. VT, 
cap. 18, I, „De obscoenarum partium vitiis") lautet: 

„Proxima sunt ea, quae ad partes obscoenas pertinent. Quarum 
apud Graecos vocabula et tolerabilius se habent, et accepta jam usu 
sunt, cum in omni fere medicorum volumine atque sermone jactentur; 
apud nos foediora verba, ne consuetudine quidem aliqua verecundius 
loquentium commendata sunt: ut difficilior haec explanatio sit, simul 

i) Principio, corporis nostri magnam natura ipsa videtur habuisse rationem: quae 
formam nostram reliquamque figuram, in qua esset species honesta, eam posuit in promtu: 
quae partes autem corporis, ad naturae necessitatem datae, adspectum essent deformem ha- 
biturae atque tuq:)em, eas contexit atque abdidit. Hanc naturae tam diligentem fabricam 
imilata est hominum verecundia. Quae enim natura occultavit, eadem onmes qui sana mente 
sunt, removent ab oculis: ipsique necessitat, dant bperam, ut quam occultissime pareant: 
quarumque partium corporis usus sunt necessarii, eas neque partes, neque earum usus suis 
nominibus appeilant: quodque facere turpe non est, modo occulte; id dicere obscoenum est. 



— 53' — 

et pudorem, et artis praecepta servantibus. Neque tarnen ea res a 
scribendo deterrere me debuit. Primum, ut omnia, quae salutaria ac- 
cepi, comprehenderem: dein, quia in vulgus eorum curatio etiam prae- 
cipue cognoscenda est, quae invitissimus quisque alteri ostendit." 

Interessant ist auch hier der von Celsus hervorgehobene 
Gegensatz zwischen der offenen, freien, ungezwungenen Redeweise 
der griechischen Aerzte und Laien und der die Naturalia verschleiern- 
den Prüderie und Heuchelei der Römer, die sogar die freie wissen- 
schaftliche Forschung beeinflusst und beeinträchtigt hat. Allerdings 
muss man in letzterer Beziehung vorsichtig urteilen. Denn Celsus 
war kein Arzt, sondern ein universell gebildeter Laie^), dessen An- 
sichten über diesen Punkt vielleicht besonders deutlich aus seiner laien- 
haften konventionellen Auffassung des Geschlechtlichen entspringen. 
Uebrigens hat neuerdings Sepp-) die seltsam rückständigen An- 
schauungen des Celsus daraus abgeleitet, dass er der Schule der 
pyrrhoneischen Skepsis angehörte, deren ngaoDjg und sTtox/] sich mit 
solchen Dingen nicht vertrugen, und die Skeptiker sowohl die direkte 
Aussprache aller auf die Genitalien bezüglichen Dinge scheuten als 
auch die Behandlung dieser Krankheiten. Dieser spezifische Stand- 
punkt kommt besonders in den Schlussworten des oben wieder- 
gegebenen Ausspruches zum Ausdruck. Er darf gewiss nicht ver- 
allgemeinert werden, wie dies Rosenbaum 3) gethan hat, der daraus 
die kühne Schlussfolgerung zog, dass die antiken Aerzte nur sehr 
selten Gelegenheit zur Behandlung von venerischen Leiden gehabt 
hätten, weil diese falsche Schamhaftigkeit die Patienten ferngehalten 
habe. 

Diese irrige Annahme weist schon Dietrich in seiner Be- 
sprechung des Rosenbaum'schen Buches (Neue medizinisch-chirur- 
gische Zeitung, herausg. von J. N. Ehrhart, Innsbruck 1840, Bd. III, 
S. 250) zurück. Sehr treffend meint er: „Selbst gesetzt, aber nicht 
zugegeben , jene seien vermöge der vom Verfasser angeführten 
Gründe der Beobachtung und Behandlang der Aerzte entzogen ge- 
wesen, müssen wir nicht vergessen, dass Aerzte auch Menschen sind, 
Leidenschaften wie Schwächen und Laster mit diesen teilen. Und 



i) Vgl. Iwan Bloch, Artikel ,, Celsus" in Neuburger-Pagel, Handbuch der 
Geschichte der Medizin, Jena 1902, Bd. I, S. 417. 

2) Sepp, Pyrrhoneische Studien, Freising 1893, S. 19. — Dieser Schule war sogar 
das Wort ,,hemia" ein nomen indecorum (Celsus VII, 18). — Vgl. über die Prüderie des 
Celsus auch Quintilian, Inst. Or. VIII, 3, 47. 

3) Rosenbaum a. a. O., S. 398 ff. 



— 532 — 

sollten da keine Selbstbeobachtungen beim Unterliegen dieser Krank- 
heit, und infolge dessen auch Schilderungen des Uebels zum Besten 
der leidenden Menschheit hervorgetreten sein?" 

Auch die Frage ist am Platze, ob denn jene angebliche Scham- 
haftigkeit grösser gewesen sei als die heftigen Schmerzen lokaler 
venerischer Leiden, wie des Trippers und Schankers, die ganz von 
selbst den Patienten zum Arzte treiben mussten. Das bezeugt ja 
schliesslich auch Celsus selbst durch die von ihm gegebene inte- 
ressante Beschreibung dieser örtlichen Genitalleiden, auf die wir 
später zurückkommen ^). 

Die römischen Dichter nahmen jedenfalls in dem Gebrauche 
der sogenannten freien Ausdrücke einen anderen Standpunkt ein als 
jene wissenschaftlichen Autoren vom Schlage des Celsus. Bei 
Horatius, CatuUus, Martialis finden wir Ausdrücke wie „mentula", 
„penis", „cunnus" etc. frank und frei, sans gene gebraucht. Nach 
Ritter waren diese Männer durch eine g'riechische Bildung über 
die römische Convenienz erhoben worden. Das Studium der lateini- 
schen erotischen Terminologie beweist diesen griechischen Einfluss, 
wie dasjenige der Inschriften und der sogen. Mauerpornographie, 
z. B. von Pompeji die weite Verbreitung obscöner Ausdrücke auch 
im Volke bestätigt und die Versicherung des Carmen Priapeum XXIX 

Obscenis, peream, Priape, si non 
uti me pudet improbisque verbis 

ist nur cum grano salis zu nehmen. 

Freilich trieb die den Römern eigene Prüderie — in dieser 
Beziehung sind sie die Engländer des Altertums — seltsame Blüten. 
So wurden gewisse Worte verpönt, weil sie bei älteren Autoren in 
irgend einem erotischen Zusammenhange vorgekommen waren. Z. B. 
ductare oder patrare, weil bei PI au tu s oder Terentius der Aus- 
druck ductare meretricem oder amicam in der Bedeutung von con- 
cumbere vorkommt. Darüber äussert sich Quintilian (Instit. Or. VIII, 
3, 44) folgendermassen: 

Sed quoniam vitia prius demonstrare aggressi sumus, vel hoc vitium sit, quod 
y.ay.EjKpaJor' vocatur; sive mala consuetudine in obscoenum intellectum sermo detortus est, 
ut „ductare exercitus" et „patrare bellum" apud Sallustium dicta sancte et anlique videntur 
a nobis (quam culpam non scribentium quidera iudico sed legentium, tarnen vitanda, qua- 
tenus verba, et vincentibus etlam vitiis cedendum est); sive iunctura deformiter sonat. 



i) Vgl. auch die kritischen Bemerkungen von F. A. Simon, Kritische Geschichte etc. 
der Syphilis etc., Hamburg 1857, Bd. I, S. 242. 



Das Wort „patrare" bezeichnet schon Cicero (De officiis I, 35) 
als ein von der Convenienz geächtetes. Es bezeichnet auch ticuöo- 
jioisTv, abgeleitet von pater. Deshalb sagt Cicero an der erwähnten 
Stelle: liberis dare operam re honestum est, nomine obscoenum. 

Ebenso erinnerten sich die Römer bei dem Zahlwort „bini" an 
das obscöne griechische ßivel Deshalb sprach ein Urbanus dieses 
Wort nicht aus (Cicero ad Famil. IX, 22). 

Das Allerschlimmste aber war die Scheu der Römer vor obscönen 
— Lauten! So wurde die Wortverbindung „cum nobis" ängstlich 
vermieden, da sie „cunnobis" ausgesprochen wird und dies an „cun- 
nus" erinnert hätte. Deshalb sagte man statt dessen ,,nobiscum". 
(Vgl. Cicero, Orator c. 45, § 154, ad Famil. IX, 22; Ouintilianus 

VIII, 3, 45.) Ueber das Wort „penis" bemerkt Cicero (ad Famil. 

IX, 22): „Hodie penis est in obscoenis. At vero Piso ille Frugi in 
Annalibus suis queritur adolescentes peni deditos esse. Quod tu in 
epistola appellas suo nomine, ille tectius penem". 

Wenn man zur Zeit des Cicero ein obscönes Wort gebrauchen 
wollte, sagte man entschuldigend: sit venia verbo, bonos auribus sit 
(unser „mit Respekt zu melden"). Das hiess „honorem praefari" ^}. 
Daher nennt Quintilianus (VIII, 3, 45) obscöne Ausdrücke und 
Wort- Verbindungen „praefanda" (griechisch y.axejLKparov). 

Reichhaltiges Material für den vulgären Gebrauch obscöner 
Ausdrücke liefern die pompej an i sehen Wandinschriften 2), von 
denen wir ein sehr drastisches anführen wollen: 

Hie ego nu[nc fjutui. 
formosa(m) fo[r]ma puella(m), 
Laudata(m) a multis, set lutus intus erat. 

(Garrucci A No. 2.) 

Die Unsitte dieser obscönen Inschriften^), auf deren speziellen 
Inhalt wir noch öfter zurückkommen werden, wird auch im Carmen 
Priapeum XLIX erwähnt: 



i) ,,Si dicimus „ille patrem strangulavit", honorem non praefaniur. Sin de Aurelia 
aliquid aut LoUia, honos praefandus est. (Cicero ad Famil. IX, 22.) 

2) Vgl. F. Buche 1er, Die pompejanischen AVandinschriften (Rhein. Museum für 
Philologie, N. F., Bd. XII, Frankfurt a. IM. 1857, S. 241 — 260); Raphael Garrucci, 
Inscriptions gravees au trait sur les murs de Pompei, Brüssel 1854 (besonders Anhang, 
Tafel A). 

3) Vgl. über diese auch den Index zu Zange meister. Corpus Inscriptionum Lati- 
nanun, Berlin 1871, Bd. IV. 



— 534 — 

Tu, quicunque vides circa tectoria nostra 
non nimium casti caimina plena ioci. 
versibus obscenis offendi desine: non est 
mentula subducti nostra supercilii. 

Dem Exhibitionismus in Gebärde, Wort und Schrift entsprach 
derjenige durch die Kleidung und den Körper. Die durchsich- 
tigen Gewänder, die die intimsten Reize in halber Verhüllung nur 
um so lockender zeigten und vielleicht auf ägyptischen Ursprung 
zurückzuführen sind^), wurden besonders in der hellenistischen Epoche 
und in der römischen Kaiserzeit allgemeine Volkstracht. Musseline 
und chinesische Seide wurden für diese durchsichtigen Zeuge haupt- 
sächlich verwendet und nicht nur von Frauen, sondern auch von 
weichlichen Männern getragen ''^). Solche Kleider waren natürlich 
namentlich bei den Hetären beliebt. Von den Flötenspielerinnen, 
welche bei der Hochzeit des Makedoniers Karanos auftraten, sagt 
Hippolochos (Athen. IV, p. i2gA), dass sie ihm völlig nackt 
erschienen seien, bis einige der Gäste ihn belehrten, dass sie Chitonen 
trügen. Dass auch anständige Frauen solche tricotartige, durchsich- 
tige Gewänder trugen, beweist eine Aeusserung des Theokrit 
(Idyll. XXII [XXVIII], lo), wo es von der Spindel, die er der 
Gattin seines Freundes Nikias schenkt, heisst: 

avv zq ji6)J.a fiev F'gy exzeXeosig dvdoetotg TiEJiXoig, 

nöU.a d'ola yvvaiy.sg (joosoia' {'ddrira [durchsichtige] ßQaxrf. 

„Eine Reihe von Thatsachen aus dem Leben", sagt Helbig^), 
„bezeugt, wie die Griechen seit der Mitte des vierten Jahrhunderts 
vor Christo in der emanzipiertesten Weise der Lust an der weib- 
lichen Nacktheit huldigten. Bei dem Feste von Eleusis entkleidete 
sich Phryne und stieg unter dem Jubel der Versammelten zum 
Bade in den Fluss hinab (Athen. XIII, p. 590 F). Hypereides soll 
dieselbe Hetäre bei einem Prozesse vor der Verurteilung gerettet 
haben, indem er ihren Chiton zerriss und die Richter durch den 
Anblick ihres Busens verwirrte (Stelle bei Becker, Charikles II •^, 
S. 55). Dem Anaxarchos, dem Schmeichler Alexanders des Grossen, 
wartete ein schönes Mädchen, vollständig nackt, als Mundschenkin 



i) Vgl. J. G. Wilkinson, Manners and customs of the Ancient Egyptians, Lon- 
don 1837, Bd. II, S. 333. 

2) Ludwig Friedländer, Darstelhmgen aus der Sittengeschichte Roms, 6. Aufl., 
Leipzig 1890, Bd. III, S. 68. 

3) Wolfgang Heibig, Untersuchungen über die campanische Wandmalerei, Leipzig 
1873, S. 262. 



— 535 — 

auf (Klearchos von Soloi bei Athen. XII, p. 548 B). Während 
eines Gastmahles, welches König Antigonos Gonatas zu Ehren 
einer arkadischen Gesandtschaft gab, zeigten thessalische Tänzerinnen, 
nur mit einem Gurte bekleidet, ihre Künste (Athen. XIII, p. 607 C). 
Bei der Hochzeit des Makedoniers Karanos, die wir aus der Be- 
schreibung eines Augenzeugen, des Hippolochos, kennen, traten 
nackte Gauklerinnen auf, welche mit blanken Schwertern gefährliche 
Kunststücke anstellten und Feuer spieen (Athen. IV, p. 120D). Die 
späteren Vasenbilder, auf welchen Gauklerinnen dieser Art, ganz 
nackt oder nur mit einem Schurze oder mit einer durchsichtigen 
Hose bekleidet, öfters vorkommen (Archäol. Zeitung 1850, Taf. 21; 
O. Jahn, Arch. Beitr., S. 332), bezeugen, dass solche Schaustellungen 
in der hellenistischen Epoche allgemein beliebt und verbreitet waren. 
Bekannt ist endlich, wie die damaligen Hetären die reflektierte Ent- 
blössung in ein System gebracht hatten (Alexis bei Athen. XIII, 
p. 568)". 

Die Vasenmalerei der alexandrinischen Zeit sowie besonders die 
bildhchen Darstellungen auf den späteren etruskischen Spiegeln und 
den praenestiner Cisten schwelgen in der möglichst raffinierten Dar- 
stellung der weiblichen Nacktheit, für die auch im Leben die Hetären, 
Gauklerinnen und Flötenspielerinnen die meisten Vorbilder lieferten. 
In Rom waren die berüchtigten, nichts verhüllenden kölschen Flor- 
kleider hauptsächlich eine Tracht der Prostituierten i). 

3. Was die Erscheinung des sexuellen Elementes in der Litte- 
ratur betrifft, so kann man — trotz der Existenz raffinierter Lehr- 
bücher der Ars amandi bei den Indern — die Griechen als die 
eigentlichen Schöpfer der sogen, „erotischen" Literatur und der Porno- 
graphie im engeren Sinne bezeichnen. Darin wurden sie die Vor- 
bilder der Römer, des Mittelalters und der Neuzeit, deren bekannteste 
Produkte auf diesem Gebiete überall Anklänge an die griechisch- 
römische Erotik verraten. Es ist klar, dass diese Literatur bei den 
Alten ganz anders beurteilt werden muss als bei den Neueren, da 
sie bei jenen aus einer viel naiveren und freieren Auffassung des 
Geschlechtlichen entsprang und selbst raffinierte Perversitäten ihnen 
in anderem Lichte erschienen als später, wo der durch das Christen- 
thum scharf betonte Dualismus von Körper und Seele das rein Ge- 
schlechtliche als minderwertig und sündhaft stigmatisiert hatte. Mit 
Recht bemerkt Friedländer 2), dass die damaligen völlig von den 

1) Horat. Sat. I, 2, loi vgl. Friedländer a. a. O., I, 489. 

2) a. a. O., I, 481. 



— 536 — 

unsrigen verschiedenen Anstandsbegriffe ehrbaren Frauen Vieles un- 
bedenklich erscheinen liessen, was heute jedes weibliche Schamgefühl 
empören würde. Es ist sogar in dieser Beziehung charakteristisch 
für die antike Erotik, dass unter den überlieferten Namen v^on Porno- 
graphen mehrere weibliche sich befinden, ganz abgesehen von der 
fabelhaften Astyanassa, der Magd der Helena, die nach Suidas 
zuerst über die Figurae Veneris geschrieben h^lben soll '). 

Als eigentlicher Schöpfer der nach ihm genannten „sotadischen" 
Literatur gilt Sotades aus Maronea, ein Zeitgenosse des Ptole- 
maios Philadelphos (Athen. XIV, p. 620). Er führte den Beinamen 
xivaidoXoyog fj ImviKoloyog, da er der Hauptrepräsentant der lasciven 
Possenreisserpoesie in ionischen Versen war. Nach Christ 2) knüpfte 
diese Kinädenpoesie zunächst an die Trinklieder des loniers Pyther- 
mos und die unzüchtigen Tänze der alten lonier (motus ionici) an, 
die wie auch später noch zu Petrons Zeit (Petron. c. 23) von ge- 
meinen, unflätigen Possenreissern {xivaidoi) auf öffentlichen Plätzen 
oder bei Weingelagen zur Belustigung des Volkes und der Zech- 
genossen aufgeführt wurden. Die sotadische Poesie war ursprünglich 
als ein diese obscönen Tänze begleitender (jesang gedacht. Schon 
vor Sotades hatten Alexander Aetolus, Pyres von Milet, 
Alexis und andere solche Lieder gedichtet (Athen. XIV, p. 620 c). 
Die Darstellungen erotischer Scenen in diesen Tänzen veranlasste 
dann wohl die verschiedenen litterarischen Produkte über die sogen. 
Figurae Veneris, die Stellungen beim Coitus. So wird der Philänis 
von Samos ein Buch jisgl noiKiXaiv oyi]fA,uxa>v acpQodioicov zugeschrieben 
(Priap. LXIII, 17; Lukian. pseudol. c. 24), das aber nach Aeschrion 
(Athen. VIII, 335 c) den athenischen Sophisten Polykrates zum 
Verfasser haben soll. Nicht bestritten wird die Autorschaft der 
Elephantis, die verschiedene Bücher über die Figurae Veneris und 
die Liebeskunst schrieb, an deren üppigen Darstellungen sich u. a. 
der Kaiser Tiberius (Sueton. Tiberius c. 43) ergötzte, der sein Schlaf- 
zimmer mit diese vSchilderungen illustrierenden lasciven Bildern aus- 
schmücken liess. Auch im vierten Carmen Priapeum ist von der- 
artigen schamlosen Zeichnungen aus den Büchern der Elephantis die 
Rede, die Lalage dem Priapos mit der Bitte um Nachprüfung dar- 



i) Citat aus Suidas bei Antonii Panormitae Hermaphroditus cd. F. C. Forberg, 
Koburg 1824, S. 207. 

2) Wilhelm Christ, Geschichte der griechischen Litteratur bis auf die Zeit Justi- 
nians, Nürdlingen 1889, S. 413. 



— 537 — 

bringt, ob sie als eine gelehrige Schülerin alle diese abgemalten 
Varianten des Coitus getreulich nachmachen könne. Auf diese 
Schilderungen beziehen sich auch Ovid's Worte (de arte amator. 
II, 680): 

. . . Venerem iungunt per mille figuras, 

Inveniat plures nulla tabella modos. 
vSuidas erwähnt das „diodexäreivov jteqI tojv aioxQ&v ox'>]fio.Tcov" eines 
gewissen Paxamos und die mit dem Beinamen AwÖEKafirixavog aus- 
gezeichnete Hetäre Kyrene, weil sie den Beischlaf in zwölf erlei 
Weisen vollzog (cf. Aristoph. Ranae 1326 — 1328, Thesmophor. g8). 
In der hellenistischen Zeit blühte auch die I.itteratur der Knaben- 
liebe, wofür die melancholischen "Egcorsg f) xaXoi des Phanokles und 
die lüsternen Epigramme des Rhianos ein Beispiel sind^). Diese 
homosexuelle Dichtung wird auch in einem bekannten Epigramm des 
Martial (XII, 95) gekennzeichnet, wo von derartigen Büchern des 
Musaeus die Rede ist: 

Musaei pathicissimos libellos, 

Qui certant Sybariticis libellis. 

Et tinctas sale pruriente Chartas 

Instanti lege Rufe; sed puella 

Sit tecum tua, ne talassionem 

Indicas manibus libidinosis 

Et fias sine femina maritus. 
Eine andere erotische Spezialgattung war die Hetärenlitte- 
ratur, als deren Vertreter Athenaios (XIII, c. 21, p. 567 u. 583) 
den Aristophanes, Apollodoros, Ammonios, Antiphanes und 
Gorgias nennt. Diese Bücher scheinen nach den Aeusserungen des 
Kynulkos bei Athenaios nähere Angaben über die Reize und Be- 
sonderheiten berühmter Hetären enthalten zu haben, da sie in Ver- 
bindung mit Kupplern genannt werden. Sie gehören zur Gattung 
der pornographischen Litteratur, wie an der erwähnten Stelle aus- 
drücklich hervorgehoben wird. Das berühmte Werk des Kallistra- 
tos TZEQi haigcov (Athen. XIII, p. 591) war besonders hervorragend 
durch seine Wahrheitsliebe, während Machon (Athen. XIII, p. 578 
bis 583) ein rein anekdotisches Werk über die bekanntesten Hetären 
herausgab. Als „Hetärendramen" erwähnt Athenaios (XIII, 
p. 567 c) die „Thalatta" des Diokles, die „Korianno" des Phere- 
krates, die „Anteia" des Eunikos oder Philyllios, die , Thais" 



I) Vgl. Heibig a. a. O., S. 249. 



- 538 - 

und ,,Phanion" des Men ander, die „Opora" des Alexis und die 
„Klepsydra" des Eubulos, 

Das berühmteste Werk der hellenischen Hetären litteratur sind 
des Lukianos realistische 'EraiQixol diäXoyoi, in denen die Künste 
und Schliche der Buhlerinnen höchst anschaulich geschildert werden^). 

Als besondere Gattung der griechischen Erotik seien noch die 
egcoriyMi ejiioTolai erwähnt. Solche verfassten Lesbonax, Philo- 
stratos, Zonaios, Melesermos, Alkiphron und Aristainetos. 

Früh hat sich auch bei den Römern die erotische Litteratur 
entwickelt. Aufzählungen erotischer Dichter und Schriftsteller finden 
sich bei Gellius (Noct. att. XIX, g, 7; 9, 10), Plinius (Ep. V, 3, 5), 
Ovid (Trist. II, 413 ff.). Es scheint auch sehr früh schon eine ero- 
tische Anthologie veranstaltet worden zu sein, woraus jene Autoren 
ihre speziellen Kenntnisse auf diesem Gebiete schöpften ^). Nur einige 
bedeutendere Namen der römischen Erotiker sollen hier angeführt 
werden. 

Von verschiedenen Autoren wird ein sechs Bücher umfassendes 
erotisches Werk des Laevius „Erotopaegnion libri" erwähnt^), als 
Hauptvertreter der derb erotischen atellanischen Volksprosa gelten 
Novius und Lucius Pomponius, deren Scenen ebenso wie einzelne 
Stücke des Plautus zum Teil im Bordell und bei Kupplern spielen 
und „zahlreiche Obscönitäten und sonstigen Schmutz" enthalten*), als 
Uebersetzer der lasciven Erzählungen ,,Milesiaca" des Aristides der 
Pornograph Sisenna (Ovid. Trist. II, 443). Die Blüteperiode der 
römischen Erotik beginnt mit der augusteischen Epoche. Auf diese 
Zeit geht die Sammlung obscöner Gedichte zurück, zu denen der 
custos hortorum, Priapus, Anlass gab: das sogen. „Corpus Pria- 
peorum". Ueber dieses äussert sich Paldamus^): „Die poetische 
Auffassung des Pöbelhaften und Gemeinen, welche wurzelnd in den 
Fescenninen, weiter ausgebildet in den Priapeen, ihren Culminations- 
punkt im Petronius erreicht. In der Zeit wie im Geiste stehen die 
Verfasser der unter dem Namen „Priapeen" bekannten Gedichte, so 
weit sie echt sind, der Blüte des römischen Staates zunächst. Ihre 
Berüchtigtheit verdanken sie dem schrankenlosen, überkecken Mut- 



1) Vielleicht bezieht sich auch der Ausdruck „Didymae puellae" bei Martial XII, 
43 auf ein Hetärenbuch mit Anweisungen zur ars amatoria. 

2) Vgl. W. S. Teuf fei, Geschichte der römischen Litteratur, Leipzig 1875, S- 4^- 

3) Ibid. S. 241 — 243. 

4) Ibid. S. 244. 

5) H. Paldamus, Römische Erotik, Greifswald 1833, S. 84. 



— ■ 539 — 

willen und der dem Altertum überhaupt eigenen und hier besonders 
schroff hervortretenden Unbefangenheit, mit welcher nicht bloss sinn- 
liche, sondern auch rein physische Dinge geschildert werden." Die 
Autoren der priapischen Gedichte sind unbekannt, nur Priap. III 
stammt zweifellos von Ovid (Seneca contr. I, 2, 22) und Priap. 
LXXXII und LXXXIII von Tibull (ed. Bücheier S. 155). Vielleicht 
sind hier auch Ticidas und Memmius zu nennen, von denen Ovid 
(Trist. II, 433) sagt: quid referam Ticidae, quid Memmi Carmen, apud 
quos rebus abest nomen nominibusque pudor?, ferner Catullus, den 
Propertius (III, 32, 87) und Ovid (Trist. II, 427) den „lascivus Ca- 
tullus" nennen. Die Berechtigung dieses Epithetons geht aus den 
uns erhaltenen obscönen Gedichten hervor. 

Ovid selbst hat in seiner berühmten „Ars amatoria" die ge- 
samte antike Liebeskunst in ein System gebracht, das auf rein sinn- 
licher Basis aufgebaut ist, wie er es selbst erklärt (Trist. II, 303). 

,,Wir erblicken in ihr", sagt Pa Idamus, ,,was tausend Menschen der Zeiten Lud- 
wigs XIV. und der Regentschaft als Einzelheiten und zur Charakterisienmg von Individuen 
erzählen, in ein System, eine Theorie mit Abstraktion von allen Persönlichkeiten gebracht. 
Er ist der erste und einzige römische Dichter, welchem sich die Liebe ganz theoretisch und 
objektiv darstellte, und sein Einfluss auf alle Zeiten ist daher, wie der des IMacchiavell, un- 
berechenbar gewesen. Und zwar stellte er eine Liebe dar, welche, erwachsen und wurzelnd 
auf sinnlichen und materiellen Interessen geleitet ward vom Verstände und nur flüchtige 
Buhlschaft ist. Denn eine gesunde, allmählich reifende Gefühlsentwickelung hatten die 
Römer nie gekannt"^). 

Aehnhche Bedeutung wie Ovids Ars amatoria haben für die 
Kenntnis des römischen Liebeslebens die satirischen Darstellungen, 
wie sie in den Werken eines Petronius, Juvenalis und Martialis 
uns erhalten sind und für die Kaiserzeit ungefähr die Stelle der 
älteren Fescenninen, Mimen und Atellanen einnehmen, was die Kritik 
der allgemeinen Korruption und der Laster einzelner Personen be- 
trifft. Petronius „gefällt sich im Schmutze, aber er weiss, dass es 
Schmutz ist, und bewegt sich frei und leicht darin" (Paldamus). 
Sein satirischer Roman schildert in grellen Farben die sittliche Ver- 
kommenheit der neronischen Zeit. Nur die berüchtigte sechste 
Satire des Juvenalis erreicht ihn an furchtbarer Gegenständlichkeit 
der Schilderung des Lasters und an Realismus. Eine vielleicht noch 
reichere Quelle für das Studium der sexuellen Korruption und der 
Psychopathia sexuaHs in der Kaiserzeit bilden die Epigramme des 
Martialis in 14 Büchern. Martial selbst nennt als seinen Vor- 
gänger den Domitius Marsus, einen Zeitgenossen des Horaz, und 
weist auf die gleiche lasciva verborum veritas hin (Lib. I praef.). 

i) Paldamus a. a. O. S. 73- 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. "^^ 



— 540 — 

Als poetischen Schilderer üppiger Figurae Veneris nennt Mar- 
tial ferner den Sabellus, dessen Pornographie er in dem folgenden 
Epigramme (XII, 43) näher charakterisiert: 

Facundos mihi de libidinosis 
Legisti nimium, Sabelle, versus, 
Quales nee Didymae sciunt puellae 
Nee molles Elephantidos libelli. 
Sunt illic Veneris novae figurae, 
Quales perditus audeat fututor, 
Praestent et taceant quid exoleti. 
Quo symplegmate quinque copulentur 
Qua plures teneantur a catena, 
Extinctam liceat quid ad lucernam. 
Tanti non erat, esse te disertum. 

Auch die Kaiser Tiberius (Plin. Epp. V, 3, 5) und Hadrian 
(Apulej. Apol. c. II, p. 410 ed. Oudendorp) werden als Verfasser 
lasciver Gedichte genannt, und aus späterer Zeit sind Maximianus^) 
und Ausonius, der Verfasser des „cento nuptialis", als Verfasser 
erotischer Poesien zu erwähnen. 

Interessant sind Aeusserungen des Martialis über die drastische 
Wirkung obscöner Lektüre (XII, 95) und die Vorliebe der Frauen 
für solche (III, 68). Der Arzt Theodorus Priscianus empfahl in 
seinen Res Medicae (lib. II, c. XI, p. 22 C der ed. Argentorat. 
1532 fol.) sogar die Lektüre erotischer Bücher zur Heilung der männ- 
lichen Impotenz. 

4. Wie die Litteratur, so wurde auch die bildende Kunst bei 
den Alten im weitesten Umfange in den Dienst des sexuellen Genuss- 
lebens gezogen. Die Massenhaftigkeit der antiken künstlerischen 
Produktion machte sich auch auf erotischem Gebiete geltend. 

„Das idassische Altertum", sagt Eduard Fuchs-), „ist für die Geschichte der ero- 
tischen Kunst schon deshalb ein unerschöpfliches Gebiet, weil hier infolge verschiedener 
Umstände das gesamte Kunstschaffen geradezu eine ununterbrochene Beweiskette für das 
Gesetz, dass Kunst Sinnlichkeit ist, darstellt ... Es giebt kaum eine andere Epoche, aus 
der uns ein ähnlich reichhaltiges Material an ausgesprochen erotischen künstlerischen Dar- 
stellungen zur Verfügung steht. Nirgends so wie beim Altertume häuft sich heute noch in 
ähnlicher Unerschöpflichkeit das Material von Tag zu Tag. Wo der Spaten ansetzt, fördert 
er auch auf diesem Gebiete neue Belegstücke zutage, ganz gleich, ob man in Aegypten, in 
Griechenland oder in Italien den alten Schutt wegräumt, um die grosse Vergangenheit aus- 
zuschachten. Aus diesem Grunde findet sich auch heute selbst in jeder grösseren Privat- 
sammlung eine Reihe von beachtenswerten Werken: Broncen, Terrakotten, Münzen, Gem- 
men, Fresken, Marmorskulpturen u. s. w., insgesamt ein unerschöpflicher Reichtum an ver- 



i) Paldamus a. a. O. S. 88—89. 

2) Eduard Fuchs, Geschichte der erotischen Kunst, Berlin 1908, S. 80- 
S. 143— 151. 



— 541 — 

bluffenden Motiven und künstlerisch starker Gestaltungskraft. Nach den erotischen Schöpfungen 
der Alten sucht man aber auch in öffentlichen Sammlungen nicht vergeblich. Manche be- 
sitzen sogar umfangreiche und besondere Abteilungen oder Schränke dafür, wie das Museo 
nazionale in Neapel und das Vatikanische Museum in Rom . . . 

Im Rahmen eines solchen Bildes (des römischen Genusslebens) wäre das Fehlen direkt 
erotischer Darstellungen schon deshalb undenkbar, weil die bildliche und figürliche Vor- 
führung wollüstiger Scenen sich immer als ein wirkungsvolles Stimulansmittel erwiesen hat; 
im Dienste der Verführung sowohl, wie um die erotischen Freuden zu erhöhen. Man hat 
dieses Mittel darum auch im Rom jener Zeit in starkem Maasse genützt. Und zwar offen 
vor aller Welt imd sozusagen in demonstrativster Weise. Anders kann man z. B. die An- 
bringung grosser erotischer Freskogemälde nicht nennen. Besonders die Wände der Speise- 
säle zierten häufig solche Fresken ... In den Häusern der Hetären, von denen der vor- 
nehmsten bis herab zu denen der Winkelhuren, waren die Wände ebenfalls häufig mit 
stark gepfefferten erotischen Bildern geschmückt. Den Beweis dafür liefert die Strasse der 
Lupanare in Pompeji. In den dort befindlichen Dirnenwohnungen hat man bei den Aus- 
grabungen eine ganze Reihe gut erhaltener erotischer Wandgemälde aufgefunden. Speziell 
über den Lagern, die ehedem als Betten dienten, fand man solche Bilder. „Praktische Ein- 
führungen in die Technik der Liebe" könnte man die hier aufgefundenen Darstellungen be- 
zeichnen . . . 

Dass die Herstellung direkt erotischer Kunstwerke im klassischen Altertum ein über- 
aus blühendes Gewerbe gewesen ist und niemals blosse Gelegenheitsarbeit für einige wenige 
raffinierte Liebhaber, das beweist u. a. auch die grosse Zahl erotischer Mosaiken, die man 
im Laufe der Jahre aufgefunden hat. In Neapel wird eine erotische Mosaik aufbewahrt, 
die nicht weniger als etwa 4 Quadratmeter umfasst. In ziemlich grossen schwarzen und 
weissen Würfeln ausgeführt, stellt sie Liebesspiele auf dem Nil dar. In drei Kähnen hul- 
digen ebensoviel Liebespaare den intimsten Freuden der Wollust. Dasselbe Motiv, nur in 
kleinerem Massstabe, wurde in Pompeji auch noch als Freskogemälde aufgefunden . . . 

Waren die Wände der Lusthäuser reicher Römer und reicher Hetären mit zum Teil 
äusserst kostbaren erotischen Freskogemälden geschmückt und in die Fussböden ebensolche 
Mosaiken eingelassen, so standen auf den Säulen und Kapitalen, die überall angebracht 
waren, erotische Gruppen aus Marmor und Bronce. Von solchen Stücken, die zugleich die 
künstlerischsten erotischen Dokumente der Antike repräsentieren, hat sich infolge der Un- 
vcrgänglichkeit des Materials eine noch grössere Zahl erhalten, und es bedürfte fürwahr 
eines umfangreichen Bandes für sich allein, wollte man auch nur diesen Teil der erotischen 
Kunst der Antike erschöpfend katalogisieren und behandeln . . . 

Selbstverständlich blühte auch in der Kleinkunst das Erotische aufs üppigste. Alles, 
was zum täglichen Gebrauche gehörte, war mit erotischen Darstellungen geziert. Vor allem 
das Tafelgeschirr, und die Tonvasen, dieser Hauptartikel der antiken Industrie. Vasen mit 
erotischen Darstellungen findet man nach Hunderten, zahlreiche Museen und auch viele 
Privatsammlungen besitzen solche Stücke. Erotische Darstellungen auf Vasen sind überaus 
alt, so sind aus den Gräbern von Apulien, die wohl etruskischen Urspnmges sind, zahlreiche 
Tonvasen mit erotischen Darstellungen ausgegraben worden . . . 

Zur Kleinkunst gehört auch der Steinschnitt, der bekanntlich niemals sonst eine ähn- 
liche Höhe erreicht hat wie in der Antike. In den Steinschnitten begegnet man wohl den 
allermeisten erotischen Darstellungen. Die Hauptgegenslände der Darstellung waren hier die 
galanten Liebesaffären der Götter, besonders häufig Leda mit dem Schwan, Bacchuszüge 
mit erotischen Orgien, Friapsfeste, die verschiedenen Stellungen beim Liebesgenuss und selbst 
Tierbegattungsscenen. Die erotische Gemme war zweifellos ein Haupthandelsartikel in der 
Antike . . . 

35* 



— 542 — 

Man hat dem Priapus als einzigem Gott keine eigenen Tempel errichtet. Dafür 
opferte man ihm an jedem Strasseneck, an jedem öffentlichen Platz, in jedem Winkel, in 
jedem Garten stand die Säule des Gottes von Lampsakus, strotzend vor Uebermut, und 
grinste frech jedes Alter an, Kind und Jungfrau, Jüngling und Mann . . . 

Die Zahl der phallischen Grotesken und ebenso die Mannigfaltigkeit ihrer Formen 
ist unerschöpflich. In der Mehrzahl sind sie zweifellos religiös-mj-stischen Charakters. In 
hunderterlei Formen weihte man dem Gotte Priapus sein Abbild und groteske Darstellungen 
seines Attributes, um ilin in irgendwelcher Weise günstig zu stimmen. Religiös-mystisch 
war auch die Anwendung von phallischen Grotesken als Amulette: Die Zahl dieser Stücke 
und ihre Anwendung muss allem Anscheine nach ganz ungeheuer gewesen sein, denn gerade 
sie findet man heute noch überall, wo in ehemaligen griechischen und römischen Nieder- 
lassungen Ausgrabungen vorgenommen werden . . . Neben diesen phallischen Grotesken 
religiös-mystischen Charakters gab es noch solche sozusagen rein weltlicher Art. Als Spiel- 
zeug oder Gebrauchsg^enstand. Das Priapszeichen wurde als figürlicher Schmuck nach- 
weisbar an einer Menge von Gegenständen im Privatgebrauche verwendet . . . Überschaut 
man diese unendliche Fülle von Anwendungsformen und Anwendungsgelegenheiten des 
phallischen Motivs in grotesk - karikaturistischer Gestaltung und bedenkt dabei, dass selbst 
die züchtigsten Blicke bei tausend Gelegenheiten diesem Gegenstande begegnen mussten, 
indem er ihnen ständig unter die Augen trat, und dass ein Ausweichen einfach ein Ding 
der Unmöglichkeit gewesen wäre, so ergiebt sich daraus der Schluss, dass die öffentliche 
Darstellung in jenen Zeiten als etwas ganz Natürliches angesehen worden sein musste." 

Wenn Hart.wig den Unterschied zwischen antiken und mo- 
dernen Darstellungen darin erblickt^), dass bei ersteren nie der Be- 
schauer als Supplement der Darstellung gedacht ist und sie rein 
objektiv sind, so gilt das nur für die ältere Zeit, nicht für die spätere, 
wo es auf die Reizung der raffiniertesten Sinnlichkeit abgesehen ist, 
auch gilt es mehr für die sakrale als für die profane erotische Kunst. 

Hierüber bemerkt Otto Jahn: „Es finden sich unter den Vasen- 
bildern mit roten Figuren einzelne widerwärtig obscöne. Diese sind 
nicht auf eine Linie zu stellen mit den Brutalitäten, welche auf Vasen- 
bildern des ältesten und alten Stils namentlich im Gefolge der 
bacchischen Lust in unverhüllter Nacktheit sich zeigen; was dort aus 
Rohheit hervorgeht, erscheint hier als die Folge einer verfeinerten 
raffinierten Sinnlichkeit. Damit stimmt es, dass solche Darstellungen 
meistens fein und sauber ausgeführt sind — für Liebhaber, die es 
sich etwas kosten Hessen. Wir wissen ja auch, dass selbst ausge- 
zeichnete Maler, wde Parrhasios, sich herbeiliessen, solche libidines 
zu malen, die meist auf Figurae Veneris hinauslaufen, und dass auch 
die Alten ihre quarante manieres hatten. Dergleichen Verirrungen 
von Lüstlingen soll man weder leugnen noch beschönigen; allein sie 
in eine Klasse bringen mit Aeusserungen einer frischen Sinnlichkeit, 
die sich unbefangener und natürlicher ausspricht als wir es jetzt ge- 



i) Paul Hartwig a. a. O., S. 347. 



— 543 — 

wohnt sind, ohne verderbt oder verkehrt zu sein, oder mit Vor- 
stellungen, die auf einer eigentümlichen, nicht hinreichend geläuterten 
religiösen Anschauung beruhen, und daraus eine allgemeine Charak- 
teristik der alten Kunst ziehen, ist ebenso unberechtigt als unrecht". 

Wenn allerdings schon Aristoteles es für nötig hielt (Polit. 
VII, 17, 14, II p. 1336, Bekker), den Behörden Massregeln zu emp- 
fehlen, damit die Jugend nicht durch den Anblick lasciver Bilder 
und Statuen verdorben werde, so dürfen wir annehmen, dass solche 
Kunstwerke bereits zu seiner Zeit allgemein verbreitet waren. Die 
alexandrinische Epoche war jedenfalls eine der Blütezeiten der antiken 
erotischen Kunst, und die meisten Motive der Kaiserzeit sind dieser 
Epoche entnommen. Das gilt besonders von Mosaiken und Ge- 
brauchsgegenständen i). Was allerdings die obscönen Darstellungen 
auf Vasen betrifft, so reichen sie in sehr viel frühere Zeiten hinauf. 
Brygos z. B. (um 500 v. Chr.) hat diese Gattung von Darstellungen 
zu einem besonderen Zweige seiner Malerei ausgebildet. Obscöne 
Darstellungen kommen in Menge schon auf älteren Gefässen vor. 
Hartwig^) zählt solche auf. So z. B. sieht man auf der Schale des 
Epilykos im Louvre (Gazette archeol. 1888, p. 172) obscöne Gruppen 
der unflätigsten, meist widernatürlichen Art, zwischen Männern 
und Frauen. Eine andere Schale mit dem Schlagworte moirjoev in 
der Sammlung Bourguignon in Neapel stellt folgendes Sujet dar: 
Ein Mann sitzt vor einer nackten Frau und fasst an ihre Scham, in 
dieselbe mit der Rechten einen undeuthchen Gegenstand, wohl einen 
künstlichen Phallos einführend. Um eine „schmerzhafte" Operation, 
wie man gemeint hat, handelt es sich hier sicher nicht. Die Gesten 
der Hetäre beweisen das Gegenteil. — Auf einer Schale mit dem 
Schlag Worte jiQooayooevco im Musee royal zu Brüssel sieht man einen 
onanierenden bekränzten Jüngling. Ganz allgemein hat A. Schneider 
(Athen. IMitteilungen 1889, S. 339 Anm.) darauf aufmerksam gemacht, 
dass sich unter den Scherben aus den Aufschüttungen der Akropolis 
Obscönitäten und Symplegmata auffällig häufig finden. Das Volk 
Athens scheint in der Wahl seiner Weihgeschenke an die Götter der 
Burg nicht sehr bedenklich gewesen zu sein 3), 

In der Plastik ist das älteste Werk schlüpfrigen Inhalts, von 
dem wir hören, das S3aTiplegma des Kephisodotos (Plin, n. h. 
XXXVI, 24). Der Bildhauer Heliodoros, der ein anderes berüch- 



1) Vgl. L. Friedländer a. a. O., III, S. 291. 

2) Hartwig a. a. O., S. 345 Anm. 2. 
i) Vgl. Hartwig a. a. O., S. 343—354- 



— 544 — 

tigtes Symplegma schuf (Plin. n. h. XXXVI, 35) gehört vermuthch 
in die Zeit nach Alexander. Drei berühmte Maler der Alexander- 
epoche, Aristeides, Pausias und Nikophanes werden von Pole- 
mon (bei Athen. XIII, p. 567 B) ausdrücklich als „Pornographen" 
bezeichnet. Diese Richtung äussert sich dann auch in der späteren 
Vasenmalerei, die, wie es durch eine Reihe von Gefässen sogenannten 
neuattischen und unteritalienischen Stiles bezeugt wird, vollständig 
die Fähigkeit besass, unzüchtige Gegenstände in einer die Sinne 
reizenden Weise zu behandeln. Besonders zahlreiche Beispiele hier- 
für liefert die Sammlung Pourtales^). Auf den lasciven Bildern der 
campanischen Wandmaler sind die Träger der Handlung Satyrn, 
Pane, Bacchantinnen und der Hermaphrodit in unzweideutig wollüs- 
tigen Situationen. Von diesen mythologischen obscönen Bildern 
unterscheiden sich die realistischen, dem wirklichen Leben entnom- 
menen. Jene erscheinen nach Heibig als in die Welt der Fabel 
entrückt weniger anstössig, da die ideale Sphäre die Entwickelung 
hinreichend schöner Formen und Geberden gestattet. Bei der zweiten 
Gruppe giebt der Maler irdische Erscheinungen mit allen Mängeln 
und Zufälligkeiten wieder. Der andere Unterschied zwischen den 
beiden Richtungen zeigt sich in der Wahl des darzustellenden Mo- 
mentes. Die realistische Richtung wählt mit Vorliebe das Symplegma 
selbst, die mythologische die dem eigentlichen Akte vorhergehende 
Scene^). 

Man kann sagen, dass wir besonders durch die zweite realis- 
tische Richtung- einen höchst anschaulichen Einblick in das gesamte 
Unzuchts- und Genussleben des Altertums bekommen haben, der alle 
litterarischen Nachrichten darüber durchaus bestätigt. Erotische Sym- 
posien, das Prostitutions- und Bordellleben und die Ausübung sämt- 
licher sogenannter sexuellen Perversitäten werden uns so im Bilde 
vorg-eführt. Die erwähnten Werke von Eduard Fuchs, Hartwig, 
Heibig, Gerhard, sowie die ,,Raccolta pornografica" von P^iorelli 
und das berüchtigte „Musee secret"^) erschöpfen die Reichhaltigkeit 
der Ueberreste der antiken erotischen Kunst noch lange nicht. 



1) W. Heibig a. a. O. 

2) Vgl. W. Heibig, Untersuchungen über die campanische Wandmalerei, Leipzig 
1873, S. 86—87; S. 250. 

3) Herculanum et Pompei. Recueil Genecal des peinlurcs, bronces, mosaiques etc., 
decouverts jusqu'ä ce jour, et reproduits d'apres le Antichitä di Ercolano, il Museo Borbo- 
nico et tous les ouvrages analogues. Augmente de sujets inedits graves au trait sur cuivre 
par H. Roux Aine. Et accompagne d'un texte explicatif par M. L. Barre. Musee 
Secret. Paris 1862. Gr. 8", 260 S., 60 Tafeln. 



— 545 — 

§ 39 Prostitution und Psychopathia sexualis. 

Die Geschlechtskrankheiten sind in ihrer Verbreitung und Er- 
scheinungsweise g-anz und gar abhängig von der Prostitution und 
von der Art und Weise der geschlechtlichen Bethätigung. 
Wenn wir also über die Natur und die Arten der venerischen Krank- 
heiten im klassischen Altertum eine richtige Vorstellung gewinnen 
wollen, so müssen wir das Studium der Prostitutionsverhältnisse und 
der Psychopathia sexualis vorausgehen lassen. Das ist ein durchaus 
richtiger Grundgedanke des Buches von Rosen bäum. Die Prämisse 
ist richtig, nur seine Schlussfolgerungen sind falsch, wie wir sehen 
werden. 

Die Griechen^), bei denen sich die Einführung der legalen 
Prostitution an den Namen Solons (Athen. XIII, p. 569) knüpft, 
unterschieden ausser den Bordelldirnen und gemeinen Prostituierten, 
den jioQvai, noch die Hetären, haigai, die sie streng von den übrigen 
Frauen trennten-). Die Dirnen waren meist Sklavinnen, die Hetären 
teils ebenfalls solche, teils freie Frauen. Jene waren verachtet, diese 
genossen vielfach grosses Ansehen. Als Kulturfaktor machte sich 
das Hetären wesen allerdings erst seit Alexander dem Grossen geltend. 
Erst in der Alexanderepoche erscheinen die Hetären als der regel- 
mässig'e Mittelpunkt der gesellschaftlichen Vergnügungen der Jugend. 
Damit hängt auch der Beginn des Frauenkultus und der Galanterie 
in der hellenistischen Zeit zusammen. 

,, Viele unter ihnen (den Hetären) zeichnen sich durch feine Bildung und schlag- 
fertigen Witz aus, wissen die ausgezeichnetsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit, Feld- 
herren, Staatsmänner, Litteraten, Künstler, dauernd an sich zu fesseln und veranschaulichen 
in der bezeichnendsten Weise die aus feinen geistigen und sinnlichen Genüssen gemischte 
Existenz, welcher die Mehrzahl der damaligen Griechen huldigte. Fast bei jeder bedeuten- 
deren Persönlichkeit, welche in der Geschichte des Hellenismus hervortritt, sind bekannte 
Hetären nachweisbar. Die Mehrzahl der Zeitgenossen fand darin nichts Anstössiges. Pto- 
lemaios VII., Euergetes II (Athen. XIII, p. 576 E) unterliess nicht in seinen Hypomne- 
mata die Hetären anzuführen, mit denen sein königlicher Vorgänger Umgang gepflogen. 
Zur Zeit des Polybios (Polyb. XIV, 11, 2) waren die schönsten Häuser in Alexandreia 
mit den Namen berühmter Flötenspielerinnen und Hetären bezeichnet. Porträtstatuen 
solcher Frauen wurden in Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden neben denen ver- 
dienter Feldherren und Staatsmänner aufgestellt, ja, das gesunkene Ehrgefühl der griechi- 



i) Vgl. van Limburg Brouwer a. a. O., II, 174 — 223; Fr. Jacobs, Die He- 
tären. Griechische Freudenmädchen. Leipzig o. J. (S.-A. aus Jacobs, Vermischte 
Schriften III, Leipzig 1830, S. 311 — 554); Rosenbaum a. a. O., S. 90 — 100. 

2) Bekannt ist die Stelle bei Demosthenes c. Neaer. (Orat. Att., T. V, p. 578 
und Athen. XIII, 31): rag /lisv hatgag fßovfjg erey.' k'/ufisv, tö? 8s jiaXXay.ag >ca&' rji-iiQav 
&EQaJt£iag rov ocöjiiaTog, zag de yvvaiy.ag rov jraidojioisToßai yvi]akog, aal ro)v k'vSov (pv- 

/MXa JllOT?]V E](E11'. 



- 546 - 

sehen Freistaaten liess sich sogar lierbei, Hetären, die mächtigen Persönlichkeiten nahe stan- 
den, durch Kränze und bisweilen selbst durch Altäre imd Tempel zu ehren (Athen. VI, 
p. 253 A 13)"^). 

Sehr interessant ist die Schilderung der Gefahren des Um- 
ganges mit Hetären von Anaxilas (Athen. XIII, p. 558), in der 
hauptsächhch ihre unersättliche Habsucht und die Ausplünderung der 
Männer erwähnt werden, aber von der naheliegenden Gefahr vene- 
rischer Ansteckung nicht die Rede ist. Auch die Beschreibung eines 
Hetäreninstitutes, d. h. eines vornehmen Bordells, die uns in einer 
Komödie des Alexis erhalten ist (bei Jacobs a. a. O., S. 47) und 
in der die Toilettenkünste der Insassinnen geschildert werden, über- 
geht die Krankheiten der Hetären mit Stillschweigen. 

Solon soll, wie erwähnt, zuerst die gewöhnlichen Bordelle 
{noQVEia, oixijjuara) eingeführt haben (Athen. XIII, p. 569). Aus dem 
Stücke ''ÄdelcpOL des Dichters Philemon erfahren wir, dass die Dirnen 
in diesen Bordellen nackt für die Besucher zur Schau standen, damit 
jeder sähe, mit wem er es zu thun habe, und nach Belieben wählen 
könne. Der Preis war auf einen Obolus festgesetzt (Athen. XIII, 
p. 569). Die eigentliche Bordellgegend in Athen war am Keramei- 
kos-). Auch das Quartier Skiron genoss einen sehr schlechten Ruf 
wegen der zahlreichen Dirnen, die hier vor den Thüren sassen^). Die 
Agora im Kerameikos war ein lebhafter Verkehrsort der niederen 
Hetären. Schon ein altes Solonisches Gesetz erwähnt die Thatsache, 
dass diese Dirnen auf dem Markte offen sich anboten. Plutarch 
(Solon 23) giebt die Strafen an, die Solon auf yior/da setzte. Und 
noch später wird erwähnt, dass die Dirnen mit Vorliebe sich in der 
Nähe des Leokorions, an der Nordseite der Agora, umhertrieben 
(Alkiphron III, 5, i). Die öffentliche Prostitution und die Bordelle 
standen unter der Aufsicht der Astynomen"*), die für die Aufrecht- 
erhaltung des öffentlichen Anstandes zu sorgen hatten. Der Bordell- 
betrieb selbst stand unter der Leitung eines jiogvoßooxog, der an die 
Stadt eine jährliche Steuer, TcAog noovixov, zu zahlen hatte, die aus 
den sehr verschiedenen Honoraren der Dirnen aufgebracht und von 
besonderen „Hurenzinspächtern" (üxoQvoTelvnn]q) eingetrieben wurde 
(Aeschines in Timarch., p. 134, ed. Reiske). Der Dirnenlohn {juio&cojua, 
öidyQajiiua) wurde für jede einzelne Prostituierte von den Agora- 



1) Heibig a. a. O., S. 195 — 196. 

2) Kurt Wachsmuth, Die Stadt Atheit im Altertum, Leipzig 1890, Bd. II, 
Abt. 1, S. 259 — 260. 

3) Ebenda, S. 230. 

4) Ebenda, II, i, 270. 



— 547 — 

nomen bestimmt (Suid s. v. didyga/u/ua) und schwankte zwischen 
Obolen, Drachmen und Stateren. 

Zahlreich waren auch die Kategorien der nichtkasernierten Pro- 
stituierten (vgl. dazu oben S. 525 — 527). Dazu gehörten die leicht- 
fertigen Flöten- und Zitherspielerinnen, die haloai /uovoiyMi, avh]TQtöeg, 
xiiJagioroideg, die Hafendirnen d£iy.T7]giädeg (Athen. XIII, p. 576), die 
Gassendirnen, ya^uauvTiai (Athen. XIII, p. 570), die Dandstrassenhuren, 
OTioörjodavQai (Hesych. lY, 67). Zum Zwecke der Unzucht begaben 
sich diese freien Dirnen in bestimmte Kupplerhäuser, i^iarov/leia 
(Hesych. III, 76), juaoxQoma, yr^oa/oj^aa (Hesych. III, 372), Hurenwinkel, 
XajuaiTVTieia, und Absteigequartiere, TEyog, wo sie „Geld für die Stube", 
h'oixiov, oreyavojuiov (Athen. I, p. 8; Pollux Onomast. I, 75) zahlten. 
Solche Stätten der Unzucht waren hauptsächlich die Wirtshäuser 
[xaTiiiXeTov] der Hafengegend (Philostrat. epist. 23; Athen. XIII, p. 567), 
wo allerdings meist nur der Abschaum der männlichen Bevölkerung 
und fremde Matrosen verkehrten. 

Mit Recht hat Rosenbaum (a. a. O. S. 94) darauf hingewiesen, 
dass trotz der sehr eingehenden gesetzlichen Regelung des Bordell- 
und Prostitutionswesens in Athen von einer sanitätspolizeilichen 
Aufsicht bezw. einer Gesundheitskontrolle der Prostituierten nichts 
gesagt wird und eine solche auch sicherlich nicht bestand. Aller- 
dings könnte die oben erwähnte Schilderung Philemons über die 
Prüfung der nackten Dirnen durch die Klienten darauf hindeuten. 
Wahrscheinlich bedeutete dies aber mehr ein Entgegenkommen in 
Bezug auf den Schönheitssinn der Hellenen als eine hygienische 
Rücksichtnahme. Jener wurde natürlich auch durch Unsauberkeit und 
sichtbare Krankheitserscheinungen (z. B. Hautkrankheiten, Geschwüre, 
Ungeziefer) beleidigt. Ob aber bei dieser Zurschaustellung der Dirnen 
an eine Ansteckung gedacht wurde, ist mehr als zweifelhaft. 
Rosenbaum ist im Rechte, wenn er das äocpalibg in dem Bruch- 
stücke des Eubulos (Athen. XIII, p. 568), wo von den Bordell- 
dirnen gesagt wird: 

nao d)v ßeßalcog do(palcüg t' e^eoxi 001 
jiiiy.oov Tiqidodai y.eQjiiarog t))v f]dov/]v 
daraus erklärt, dass man sich diese gemeinen Dirnen nicht den He- 
tären, sondern den freien Bürgerinnen gegenübergestellt denkt, mit 
denen der ausserehehche Beischlaf stets gefährlich war, da er als 
Schändung oder Ehebruch bestraft wurde. Das beweist über- 
zeugend die Stelle bei Diogenes Laertius (VI, c. 4), wo es heisst: 
Als Antisthenes einen des Ehebruchs Angeklagten sah, sagte er 
zu ihm: Unglücklicher, welcher grossen Gefahr hättest Du mit einem 



- 548 - 

Obolus entgehen können (w övoTvyijq, TiiiXIy.ov xiröwov oßoXov ()iarpv- 
ynv idvraoo). Auch die Stelle des Xenarchos (Athen. XIII, p. 56g) 
gehört hierher: xai rojv d' exdox^p' eorlv ädecog, evTeXcög^). 

Was nun die Verhältnisse der Prostitution bei den Römern 
betrifft, so sei zunächst hervorgehoben, dass das griechische He- 
tärenwesen auch bei ihnen Eingang fand. Auch hier gab es in 
der späteren Zeit durch geistige Bildung ausgezeichnete Buhlerinnen, 
die zwischen der römischen Matrone und der öffentlichen Dirne stan- 
den -). Diese Buhlerinnen wurden, ganz wie im 18. Jahrhundert, den 
Ehefrauen vorgezogen (vgl. das bezeichnende Epigramm Martials 
III, 70). Diese ,,amicae, pretiosae, delicatae, famosae" rekrutierten 
sich hauptsächlich aus dem Stande der Schauspielerinnen, zu denen 
schon dem Sulla, Verres und Cicero Beziehungen galanter Natur 
nachgesagt werden '^). Dass Schauspielerinnen Prostituierte waren, 
geht auch aus einer Stelle des Plautus (Casin. 82) hervor. Den 
Uebergang vom Hetärentum zur gewöhnlichen Prostitution bildeten 
ferner die Tänzerinnen, die in obscöner Darstellung- Erstaunliches 
leisteten'*), die Harfen- und ]\Iusikmädchen (Plautus, Rudens 43; 
Terent., Eunuch. I, 2, 53; Horat., Epist. I, 14, 21; Horat, Od. II, 
II, 21) und „Ambubajae" (Horat., Sat. I, 2, i; Sueton., Nero c. 27), 
die weiblichen Modelle in den Künstlerwerkstätten ■'), die ,,bustuariae" 
u. a. m. 

Die gewerbsmässigen Prostituierten par excellence lagen zum 
grössten Teile in den Bordellen ihrem Gewerbe ob, die schon in 
der älteren Zeit zahlreich vorhanden waren, wie wir das aus der 
häufigen Erwähnung bei den älteren Tustspieldichtern schliessen 
können. Diese Bordelle, „lupanaria" (Juvenal. VI, 120, 131; 
Catull. XLII, 13; Petron., Sat. 7; et3miologisch von „lupa" abgeleitet, 
cf. Lactantius, divin. instit. I, 20), „fornices" (Tit. Livius XXXVI, 
23; XLIV, 11; Horat, Sat. II, 30; Mart. XI, 62; Petron., Sat. 7, 
abgeleitet von „fornix" oder von jioovixov, cf. Rosen bäum a. a. O. 
S. 105), ,,tabernae meritoriae" (Val. Max. I, 7) lagen hauptsäch- 
lich in der Nähe der Stadtmauer (daher der Name „Summoenianae" 
= Prostituierte bei Mart. III, 82; XI, 62 u. ö.), in dem daran an- 
grenzenden Stadtteile Suburra, im vicus Patricius und unter den Ar- 



i) Vgl. hierzu auch van Limburg Brouwer a. a. O., Bd. II, S. I79. 

2) Vgl. die ausführliche Darlegung bei Paldamus a. a. O. S. 45 — 48. 

3) Georg Grupp, Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit, IMünclicn 1903, 
Bd. I, S. 192 u. 323. 

4) Vgl. Sittl a. a. O. S. 224 — 252 und Martial. V, 78; XIV, 203. 

5) Vgl. Friedländer a. a. O. III, 302. 



— 549 — 

kaden des Circus maximus (Juven. III, 65; Mart. XI, 7g; Priap. 40), 
auch ausserhalb der Stadtmauern („meretrices extramuranae" vit. He- 
liogab. 27). 

Das Innere eines römischen Bordells kann nach den erhaltenen 
Berichten so ziemlich rekonstruiert werden. Am anschaulichsten ist 
die Schilderung des Petronius (Satin 7. 8. ed. Buecheler): ,,subinde 
ut in locum secretiorem venimus, centonem anus urbana reiecit et 
„hie" inquit „debes habitare". cum ego negarem me agnoscere do- 
mum, Video quosdam inter titulos nudasque meretrices furtim 
spatiantes. tarde, immo iam sero intellexi me in fornicem esse de- 
ductum. execratus itaque aniculae insidias operui caput et per me- 
dium lupanar fugere coepi in alteram partem . . . iam pro cella mere- 
trix assem exegerat". 

Hieraus erhellt, dass die Bordelle eine Anzahl ^•on Kammern, 
Zellen, cellae hatten (vgl. auch Juven. VI, 122, 127), über welcher 
der Name der betreffenden Dirne, meist ein nom de guerre, sich 
befand, der „titulus" (Seneca Controv. I, 2; Martial. XI, 46; 
Juven. VI, 122). Wenn die betreffende Zelle besetzt war, wurde 
dies durch das Wort „occupata" auf einer Tafel verkündet (Plaut. 
Asin. IV, I, 15) im Gegensatz zur unbesetzten Zelle „nuda" (Mart. 
XI, 62). Eine Laterne „lucerna" erleuchtete das Gemach (Juven. 
VI, 131; Horat. Sat. II, 7 v. 48; Tertullian. ad Uxor. II, 6), die oft 
mehr Russ als Licht verbreitete (Seneca, Controv. I, 2). Die meist 
vöUig nackt zur Schau stehenden Dirnen gaben sich auf einem mit 
einer Decke „lodicula" versehenen Lager „pavimentum" oder „pul- 
vinar" den Männern hin (Petron. 20; Juven. VI, 130). 

Im allgemeinen herrschte eine grosse Unsauberkeit und Unrein- 
lichkeit in den römischen Lupanaren, wie sich nach verschiedenen 
Anspielungen der Dichter und Schriftsteller annehmen lässt (z. B. 
Juvenal. VI, 130; Prudentius contr. Symmachum 1. II; Horat. 
Sat. I, 2, 30; Seneca Controv. I, 2). 

Wie erwähnt, trieben sich die Dirnen nackt vor oder in den 
Bordellen umher, entweder stehend „prostibula" oder sitzend „pro- 
sedae" (Plaut. Poenul. I, 2, 54). 

Wenn sie einen Klienten ergattert hatten, wurde die betreffende 
Zelle meist sorgfältig verschlossen, wie das anschaulich Martial 
(XI, 45) schildert: 

Intrasti quotiens inscriptae limina cellae, 
Seu puer arrisit sive puella tibi, 
Contentus non es foribus veloque seraque, 
Secretumque pubes grandius esse tibi: 



— 550 — 

Oblinitur minimae si qua est suspicio riiiiae 
Punctaque lasciva quae terebrantur acu. 
Nemo est tarn teneri tarn sollicitique pudoris, 
Qui vel paedical, Canthare, vel futuit. 

Die Bordelle waren meist im Besitze eines Bordellwirtes, 
leno, oder einer Kupplerin, lena, die das Kuppeleigewerbe, leno- 
cinium, mit den meist als Sklavinnen von ihnen gekauften Mädchen 
betrieben. 

,, Kuppler, Kupplerinnen und im Bunde mit ihnen Wucherer, allgemein bekannte 
Persönlichkeiten, wählte sich mit Vorliebe schon die ältere Komödie zu Helden. Der 
Kuppler, ein Ausbund aller Hässlichkeit, dessen körperliche Unforni geistige Hässlichkeit 
widerspiegelt, erscheint hier als frech oder feige und scheu, je nachdem, als eidbrüchig, 
jedoch abergläubisch, und um nichts besser die Kupplerin, meist eine Weinsäuferin. Im 
Bunde mit ihnen steht gewöhnlich der Geldwechsler, Wucherer, dessen Buden Dirnen um- 
schwärmen, ihnen junge Leute zuzujagen. Im übrigen scheuten sich auch bessere Stände 
nicht, aus diesen Dingen einen Erwerb zu ziehen, und selbst IVIänner wie Brutus, Cato 
hielt keine Scham ab, Sklaven zu Wucherzinsen auszuleihen, da der Verdienst sich lohnte 
— der Freudenlohn betrug fast das Dreissigfache des Arbeitslohnes^) — und bessere, ja 
vornehme Leute nährten sich sogar von diesem Erwerbe (Dig. 3, 2, 4). Um üblen Nach- 
reden und den Censuren zu entgehen, liess man schlechte Orte durch eigene Sklaven und 
Freigelassene halten. Mit erschreckender Offenheit sagt Ulpian, auf den Gütern vieler 
Vornehmer werden schlimme Anstalten gehalten (Nam in multorum honestorum virorum 
praediis lupanaria exercentur; Dig. 5, 3, 27), und ebenso offen erhob der Staat Steuern 
(Suet. Cal. 40; Senec. controv. i, 2) und verschenkte zum Vergnügen des süssen Pöbels 
Freischeine (,,nomismata lasciva" Stat. sylv. i, 6, 79), die wie andere Marken unter die 
Masse geworfen wurden" ^). 

Die Lustsklavinnen („quaestuaria mancipia" Dig. III, 2, 4) waren 
meist fremder Herkunft, aus Spanien, Syrien, Aegypten, Sehr an- 
schaulich beschreibt Seneca (Controv. I, 2) den Ankauf der Mädchen 
für solche Zwecke: „Nuda in litore stetit ad fastidium emptoris, omnes 
partes corporis et inspectae et contrectatae sunt. Vultis auctionis 
exitum audire? Vendit pirata, emit leno . . . Ita raptae pepercere 
piratae, ut lenoni, venderetur: sie emit leno, ut prostituerit". Noch 
andere Einzelheiten bezüglich des Verkaufes von Mädchen zu Pro- 
stitutionszwecken erfahren wir aus dem interessanten Epigramme 
Martials (VI, 66): 

Famae non nimium bonae puellam 
Quales in media sedent Subura, 
Vendebat modo praeco Gellianus. 
Parvo cum pretio diu liceret, 
Dum puram cupit approbare cunctis, 



i) Eine Arbeitssklavin war oft nur 120 Mark wert, eine Lustsklavin über 4600 Mark 
(Plaut. Persa 4, 4, 113). 

2) G. Grupp, Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit, Bd. I, S. 324 — 325. 



— 551 — 

Attraxit prope se manu negantem 
Et bis terque quaterque basiavit. 
Quid profecerit osculo, requiris? 
Sescentos modo qui dabat, negavit. 

Daraus geht hervor, dass offenbar auch ein Handel mit jung- 
fräulichen Mädchen betrieben wurde, deren Preis ein höherer war 
als der bereits deflorierter Mädchen. Ausser wie hier in der Subura 
gab es Prostitutionsmärkte auch in anderen Stadtteilen, z. B. in der 
Nähe des Venustempels (Plaut. Poenul. 305). 

Viele Wirte und Inhaber von Garküchen und Bäckereien ^) 
hielten Dirnen für ihre Gäste (vgl. Horat. Epist. I, 14, 21), die meist 
zugleich durch Tanz und Flötenspiel für die Unterhaltung sorgten. 

Als gewerbsmässige Kuppler g-alten ferner die Priester, Priester- 
innen und Tempeldiener der Isi Stempel'-^); auch andere Tempel, in 
denen Frauen ein- und ausgingen, waren als Orte der Unzucht ver- 
rufen. Es gab nach Juvenal (IX, 22 — 26) keinen, in dem Frauen 
nicht feilgeboten wurden. In den Tempeln wurde nach Minucius 
Felix (Octav. p. 67, Muralt.) und Tertullian (Apol. c. 15) zwischen 
den Altären Kuppelei geübt, und in den von Weihrauch duftenden 
Zellen der Tempelwächter und Priester ging es zu wie in Bordellen. 

Wahrscheinlich existierten auch eigene Bestellhäuser, maisons 
de passe, wo freie Frauen sich prostituieren konnten nach dem be- 
rüchtigten Beispiele der Messalina (Juven. VI, 116 ff.) und ver- 
schiedener Kaiser, die Bordelle für ihren und ihrer Freunde Privat- 
gebrauch einrichteten. 

Sehr gross war endlich die Zahl der ausserhalb aller dieser 
Etablissements befindlichen vagierenden Prostituierten, der 
„scorta erratica", noctilucae, noctivigilae, nonariae, ambula- 
trices, circulatrices, casalides, bustuariae, diobolariae, gal- 
linae, lupae, bliteae, schoeniculae, putae, limaces" und der 
anderen ebenso bezeichnende Namen wie diese „Nachtfalter", „Pflaster- 
treterinnen", „Wanderinnen", ,, Gräberdirnen", „Pfennigdirnen" tragen- 
den Strassenhuren. Sie führten ihre Klienten entweder in eigne 
oder gemietete Wohnungen oder gaben sich ihnen auf offener Strasse 
in dunklen Ecken (Catull. c. 58) oder zwischen den Gräbern (Mart. 
I, 34) oder in den Bädern (Mart. III, 93) preis. Viele waren unter 
gewissen „noms de guerre" bekannt, die sie beim Eintritt in das 



ij In Pompeji hat man eine Reliefplatte über der Thür eines Bäckerbauses ge- 
funden, mit grobem abgeplattetem Phallus und der Inschrift: „Hie habitat Felicitas". Vgl. 
E. Gerhard, Neapels antike Bildwerke, S. 464. 

2) Friedländer a. a. O., I, 501. 



—• 552 — 

Prostitutionsgewerbe angenommen hatten (Plaut. Poenul. V, 3, 20 — 21; 
Juvenal. VI, 122). Als Kennzeichen trugen die römischen Prostituierten 
bunte, grellfarbige Kleider oder die männliche Toga — daher hiessen 
sie „togatae" (Horat. Sat. I, 2, 63 und 80 — 83) — , ferner wie die 
modernen Dirnen vielfach blonde Perrücken (Juvenal. VI, 119). 

Was das Honorar der Prostituierten in den Bordellen betrifft, 
so scheint dieses vor dem Eintritt in die betreffende Zelle entrichtet 
worden zu sein. Jedenfalls wurde es vorher verlangt (Juvenal. VI, 
125). Jacquot (Gazette medicale de Paris 1850, Nr. 27) erwähnt 
Denkmünzen aus Terracotta oder Knochen, die in den pompejanischen 
Lupanaren gefunden wurden, und deren Bedeutung und Gebrauch 
aus einem Freskogemälde hervorg-eht. Es waren das Marken für 
den Eintritt in die öffentlichen Häuser. Man abonnierte sich damals 
im Bordell wie heutzutage in den Badeanstalten ^). Name und Preis 
der Dirne war über der Thür ihrer Zelle notiert (Seneca, Controv. 
I, 2), der g-eringste Lohn betrug ein Ass-) oder zwei Obolen, daher 
der Name „diobolaria, scorta" (Plautus Poenul. i, 2, 58), ausserdem 
kostete die Benutzung der Zelle ein weiteres Ass (Petron. Sat. 8: 
„iam pro cella meretrix assem exegerat"). Angaben über Dirnen- 
honorare macht besonders Marti al (II, 53: 2 Asse; IX, 32: 2 Denare). 
Auf der Wand eines Lupanars in Pompeji haben drei Soldaten ver- 
merkt, dass sie jeder 5 Asse gezahlt haben ^). Für die Habitues der 
Bordelle, die „adventores meretricum" (Plaut. Trucul. II, 7, 55), zu 
denen auch vielfach Sklaven gehörten (Columella r. r. I, 8), gab 
es ohne Zweifel Abonnementspreise. Der Dirnenlohn („captura", 
„quaestus meretricius", „pretium stupri") musste meist im ganzen an 
den Leno abgeliefert werden. 

Die pekuniäre Seite des Prostitutionsgewerbes war die Haupt- 
ursache der Verachtung derselben bei den Römern. Rossbach 
bemerkt darüber:" „Allen Ingenui war verboten, eine in adulterio de- 
prehensa und eine lena et a lenone lenave manumissa zur Ehe zu 



i) F. Jacquot, Lettres d'Italie, in: Gazette medicale de Paris 1850, Nr. 27, S. 528. 

2) Unter Umständen wohl noch weniger. Denn wenn, worauf mich Herr Dr. phil. 
W. Schonack gütigst aufmerksam macht, Cicero pro Caelio § 62 in Bezug auf die 
Clodia, die bekannte Geliebte des Catulhis, von einer ,,quadrantaria permutatio" redet, so 
dürfte dies wohl kaum (wie A. Riese, Einl. z. Cat. Ausg. p. XIII meint) ,, frivoler 
Scherz" sein, sondern wird sich darauf beziehen,^ dass in den Badstuben gewisse Dirnen 
auch für ^/^ Ass (d. i. quadrans) zu haben waren. Cf. jetzt die Bemeikung J. v. Wage- 
ningen s in seiner Ausg. der Caeliana p. 99 (M. Tullii Ciceronis oratio pro M. Caelio, 
rec. atque interpretatus est Jacobus van Wageningen, Groningae 1908). 

3) Jacquot a. a. O., S. 528. 



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nehmen, dem Senator und seinen zur Agnation gehörigen Descen- 
denten war ausserdem auch die Ehe mit einer corpore quaestum fa- 
ciens untersagt"^). Das Bordell war unrein wie ein Abtritt und die 
Berührung damit galt als Schande. Als Tiberius den Anklagesenat 
für Majestätsverbrechen einsetzte, erklärte es letzterer für eine besonders 
schwere Form der Majestätsbeleidigung-, eine Münze oder einen Ring 
mit dem Bilde des Kaisers auf dem Abtritt oder in einem Lupanar 
getragen zu haben (Sueton. Tiber. 58). Doch konnten Kuppler 
römische Bürger werden und letztwillige Verfügungen treffen (Juv^enal. 
VI, 217). Die Bordelle galten als minderwertige Häuser (Priap. XIV) 
und in Miets- und Kaufverträgen, wie sich solche in Pompeji gefun- 
den haben, wurde meist die Benutzung eines Hauses als Lupanar 
von vornherein ausgeschlossen -). 

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass bei den Römern 
eine sorgfältige Hygiene der Prostitution bestand, wenngleich sich 
eine nähere Beziehung derselben zu den venerischen Krankheiten 
kaum nachweisen lässt. Schon der früher erwähnte Modus des An- 
kaufs und Verkaufs der Prostituierten (geschildert von Seneca, Con- 
trov. I, 2), wobei eine g-enaue Inspektion und Palpation aller 
Körperteile der nackt zur Schau gestellten Prostitutionsrekrutinnen 
stattfand („nuda in litore stetit ad fastidium emptoris, omnes partes 
corporis et inspectae et contrectatae sunt") lässt darauf schliessen, 
dass dabei auch auf eventuelle Krankheiten, sieht- und fühlbare, ge- 
fahndet wurde, wozu auch lokale Geschwüre und Exkrescenzen an 
den Genitalien und am After gehörten, sowie palpable Bubonen und 
Abscesse. Auf die Vorteile dieser ungenierten Besichtigung der 
nackten Prostituierten vor dem Genüsse spielt auch Horatius (Sat. 
I, 2, 81 — 85, loi — 105) an, obgleich aus seinen Angaben: 
Altera nil obstat: Cois tibi bene videre est 
Ut nudam; ne crure malo, ne sit pede turpi, 

Metiri possis oculo latus 

eher auf Schönheits- als auf Gesundheitsfehler geschlossen werden 
muss. Letztere wurden sicher mehr vom ästhetischen als vom 
hygienischen Standpunkte aus betrachtet. 

Während der Ausübung ihres schmutzigen Gewerbes musste 
vor allem die Prostituierte darauf bedacht sein, durch häufige Bäder 
und Waschungen nach jedem coitus impurus sich gesund zu erhalten 



i) August Rossbach, ,, Untersuchungen über die römische Ehe", Stuttgart 1853, 
S. 46;. 

2) Jacquot a. a. O., S. 528 (Mietskontrakt der Julia Felix). 



— 554 — 

(Plaut. Poenul. 21g, 244), wofür vielfach eigene Diener „aquarioli", 
„baccariones" zur Verfügung standen (Tertullian, Apologet, 
c. 43; Juvenal. VI, 332). 

Eine sanitätspolizeiliche Ueberwachung der Prostitution existierte 
nicht im alten Rom, jedoch musste die „licentia stupri" von den 
Aedilen eingeholt werden (Tacitus, Annal. II, 85), denen die Auf- 
sicht über die öffentliche Sittlichkeit oblag. 



Noch wichtiger als die Betrachtung der Prostitution ist die 
Kenntnis der antiken Psychopathia sexualis, der mannigfaltigen 
geschlechtlichen Bethätigungen ausserhalb des natürlichen Geschlechts- 
aktes. Es wäre falsch, von sexuellen „Verirrungen" schlechthin zu 
sprechen. Denn ohne Zweifel wurden manche uns heute als solche 
erscheinenden Akte, wie z. B. die mit der Knabenliebe verbundene 
Pädikation, der Coitus per anum, ganz allgemein, ohne Scheu und 
Scham, ausgeübt. Trotz gegenteiliger Behauptungen steht es für 
mich fest, dass die Alten nicht unseren ethisch -moralischen Mass- 
stab an diese widernatürlichen sexuellen Akte legten, sondern, wo 
sie diese verdammen und verspotten, dies viel eher aus ästhetischen 
und hygienischen Rücksichten thun. Auch ist es stets das Ueber- 
mass und das Extrem, was gegeisselt wird, z, B. von Martial. 
Man hatte auch sehr wohl die gesundheitlichen Schädigungen, z. B. 
des analen Coitus, erkannt. Deshalb sind die Beziehungen der per- 
versen sexuellen Bethätigungen zu venerischen Erkrankungen sehr 
innige, deshalb hatte Rosenbaum mit vollem Rechte die Psycho- 
pathia sexualis der Alten in den Mittelpunkt seines berühmten Wer- 
kes gestellt. Wie schon oben erwähnt, war diese seine Prämisse 
durchaus richtig, aber seine Schlussfolgerung war falsch und musste 
es sein, weil zu seiner Zeit Syphilis, Gonorrhoe, Ulcus moUe, Condy- 
lomata acuminata, Herpes und andere an den Genitalien lokalisierte 
Affektionen noch nicht streng von einander geschieden waren. Wenn 
also Rosen bäum aus dem häufigen Vorkommen sexueller Per Ver- 
sionen und vor allem aus ihrer häufigen Bethätigung den Schluss 
auf die Existenz der Syphilis bei den Alten zieht, so besteht nach 
unserer heutigen ärztlichen Auffassung zwischen diesen beiden kein 
notwendiger Zusammenhang. Wohl aber besteht ein solcher 
Causalnexus zwischen jenen perversen Praktiken und den 
pathologischen Veränderungen, z. B. am After, wie sie uns 
klar und deutlich von den antiken Aerzten und Schrift- 
stellern beschrieben werden. Wenn wir also erfahren, dass die 



— 555 — 

Pädikation bei den Alten überaus häufig, jedenfalls weit häufiger 
als in der Neuzeit geübt wurde, dann werden wir allein hieraus 
und nicht aus einer supponierten, aber nicht bewiesenen und nie be- 
weisbaren Syphilis das häufige Vorkommen krankhafter Affektionen 
der Regio analis erklären. Die bis heute beliebte Art der medizi- 
nischen Logik, die aus der Häufigkeit der Schilderungen solcher Anal- 
affektionen auf ihre „syphilitische" Natur schloß, ist falsch. Die 
moderne Forschung, wie sie besonders im vorigen Kapitel über die 
pseudosyphilitischen Affektionen dargestellt wurde, hat diesen Trug- 
schluß aufgedeckt und ihm für immer ein Ende gemacht. 

Nichtsdestoweniger ist es ein großes Verdienst Rosenbaums, 
das gegenüber gewissen wissenschaftlichen Puritanern und Moralisten 
mit Nachdruck hervorgehoben sei, daß er zuerst die große Bedeutung 
der Psychopathia sexualis für die Entscheidung der Frage der Exis- 
tenz oder Nichtexistenz der S3'philis erkannt hat. Daß er diese Frage 
unrichtig beantwortet hat, ist weniger seine Schuld als die der Un- 
voUkommenheit und Mangelhaftigkeit der venereologischen Wissen- 
schaft seiner Zeit. 

Wenn man die antike Psychopathia sexualis richtig beurteilen 
will, so muss man genau beachten, dass sie gewissermassen aus zwei 
Quellen gespeist wurde, die allerdings im Laufe der Zeit immer mehr 
zusammenflössen. Zunächst sind die sexuellen Perv^ersionen bei 
Griechen und Römern genau so als allgemein anthropologische 
Erscheinungen aufzufassen, wie bei allen anderen Völkern. Ich habe 
in dem Kapitel „Die anthropologische Betrachtung der Psychopathia 
sexualis" meines Werkes „Das Sexualleben unserer Zeit" dargelegt, 
daß die hierher gehörigen Erscheinungen sich überall und zu allen 
Zeiten finden, und dass Kultur, Zivilisation, Krankheiten und Dege- 
neration dabei nur die Rolle von begünstigenden , modifizierenden, 
intensitätssteigernden Faktoren spielen. Wir werden also von vorn- 
herein erwarten dürfen, auch bei den Alten dieselben Formen und 
Aeusserungen der Ps3^chopathia sexualis anzutreffen, wie sie bei allen 
Völkern, sowohl primitiven wie zivilisierten, beobachtet werden. Es 
läßt sich aber nicht leugnen, daß gewisse sexuelle Perversionen bei 
manchen Völkern in einer Massenhaftigkeit der zeitlichen und ört- 
lichen Verbreitung sich finden und bei so zahlreichen Individuen auf 
einmal zur gleichen Zeit auftreten, dass diese auffallende Frequenz 
nur als Resultat einer allgemeinen Suggestion und Nachahmung, 
kurz einer Volkssitte erklärt werden kann. Diese zweite Quelle 
der sexuellen Perversionen tritt bei den Alten und besonders bei 
den Griechen sehr auffällig in die Erscheinung. So läßt sich nur 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 36 



- 556 - 

ein relativ geringer Bruchteil der antiken Homosexualität als eine 
angeborene Erscheinung auf allgemein anthropologischer Grundlage 
erklären, der grössere Teil beruht auf einer uralten Volkssitte 
wahrscheinlich fremden Ursprungs, die so tief eingewurzelt war, dass 
sie von allen Männern, auch den typisch Heterosexuellen, be- 
folgt wurde. Und wie eine solche Perversion als Volkssitte von 
einem Volke zu einem anderen übergehen kann, dieses gewisser- 
massen durch jenes infiziert werden kann, beweist das Beispiel der 
Römer, die nicht nur die Knabenliebe in ihrer Bethätigung, son- 
dern auch die Terminologie der Homosexualität von den Griechen 
übernahmen, um sie freilich noch mehr ins Grobtierisch -Sinnliche 
herabzuziehen, als dies die Hellenen bereits gethan hatten, bei denen, 
wie wir sehen werden, der physische Charakter der Päderastie den 
idealen stets begleitete, meist überwogt). 

Diese Thatsache, die ja von allen neueren Forschern anerkannt 
worden ist — ich erinnere z. B. an die weiter unten zu berück- 
sichtigende Arbeit von Bethe über die dorische Knabenliebe — 
wird uns nicht weiter verwunderlich erscheinen, da ja, wie oben 
(S. 509 ff.) ausgeführt wurde, auch in der natürlichen heterosexuellen 
Liebe das sinnliche Moment bei den Alten durchaus überwog und 
der sinnliche Liebesgenuss die Voraussetzung für den geistigen 
war, während die moderne Liebe umgekehrt den letzteren zur Vor- 
aussetzung des ersteren macht. Woraus sich dieses Vorherrschen des 
physischen Geschlechtsgenusses erklärt, ist schon früher angedeutet 
worden (S. 510 — 511). Es hängt das auch innig mit der Irradiation 
des geschlechtlichen Momentes in alle Lebensverhältnisse zusammen^ 
wie wir sie in dem Abschnitte „Die sexuellen Phänomene im öffent- 
lichen Leben der Alten" kennen gelernt haben (S. 513 — 544). 

Unter den verschiedenen sexuellen Perversionen der Alten 
nimmt die Homosexualität"^) bezüglich ihrer Bedeutung für die 
Kritik der Lehre von der Altertumssyphilis die erste Stelle ein. 

Es ist das Verdienst von E. Bethe^), durch eine sorgfältige 
kritische Untersuchung neuerdings ein g-anz neues Licht über Ursprung 
und Bedeutung der griechischen Knabenliebe verbreitet zu haben. 

i) Das betont schon W. Wachsmuth, Allgemeine Kulturgeschichte, Leipzig 1850, 
Bd. I, S. 199 — 200. 

2) Aeltere Literatur: M. H. E. Meier, Artikel „Päderastie" in Ersch u. Gruber» 
Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, Leipzig 1837, Sekt. III, Teil IX, 
S. 149 — 152; Forberg a. a. O., S. 234 — 277; Rösenbaum a. a. O., S. 119 — 227. 

3) E. Bethe, Die dorische Knabenliebe. Ihre Ethik und ihre Idee. In: Rhei- 
nisches Museum für Philologie, Frankfurt a. M. 1907, Neue Folge, Bd. LXII, Heft 3, 

s. 438-475- 



— 557 — 

„Ist es nicht", so fragt er mit Recht, „die wunderbarste Erscheinung in der Ge- 
schichte menschlicher Kultur? Eine Handlung überheisser Sinnlichkeit, unnatürlich, wider- 
wärtig, wird zur Sitte, wird anerkannt, geachtet, geheiligt, sie wird das Fundament reinen 
Strebens, unbedingter Treue, unbegrenzter Aufopferung, hoher Sittlichkeit." 

Bethe weist die grosse Bedeutung der Päderastie für das an- 
tike Mittelalter, das siebente, sechste und den grösseren Teil des 
fünften Jahrhunderts nach, wo sie neben der Sinnenlust auch eine 
„lautere Quelle zarter inniger Empfindungen, aufopfernder Hingabe, 
idealer Erhebung" gewesen sei. Die Knabenhebe war damals eine 
öffentlich anerkannte kulturfördernde Institution. Sie wurde von 
den Dorern, den zuletzt in Griechenland eingewanderten rohen Ge- 
birgsstämmen eingeführt, die sich von Nordwesten her über das 
Alutterland und die südlichen Inseln bis nach Kleinasien ausbreiteten 
und dann als Eroberer die älteren Bewohner knechteten. Auch 
Bethe bemerkt mit Recht, dass auch vor den Dorern ein mann- 
männlicher Verkehr in Griechenland existiert hat, dass aber die Dorer 
die Knabenliebe als öffentlich anerkannte und ehrenwerte 
Einrichtung brachten. Homer erwähnt niemals ein päderastisches 
Verhältnis. Aber schon Solon (fr. 25 B 4) schildert die Päderastie 
als harmlose Jugendfreude, und in der Blütezeit von Hellas waren 
Männer wie Sophokles, Aischylos und Plato Päderasten. Der 
angeblieh mehr ideale Charakter der Päderastie in Sparta und Kreta 
im Gegensatze zu den homosexuellen sinnHchen Ausschweifungen in 
EHs und Böotien wird von Bethe mit Recht bestritten. Er weist 
auf Plato's herbe Worte (Gesetze, p. 636 und p. 836 ff.) und di& 
Bemerkung des Aristoteles (Politik II 10, p. 1272 B 25) hin, dass 
der kretische Gesetzgeber die Knabenliebe eingeführt habe, um die 
Uebervölkerung zu verhindern. Im weiteren Verlaufe beruhte dann 
die Erziehung zur dgeri] in der Herrenkaste bei den Dorern in Sparta,. 
Kreta und Theben auf der Päderastie. In Sparta waren die Lieb- 
haber für ihre Geliebten, die vom zwölften Jahre an mit ihnen ver- 
kehrten, so sehr verantwortlich, dass für eine unehrenhafte Handlung 
ihres GeHebten sie, nicht dieser, bestraft wurden (Plutarch, L3xurg 
17 a A und 18 a E); auch kämpften sie in der Schlacht zusammen 
(daher der kretische Name des geliebten Knaben: naQaoraMvg). Die 
Verbindung geschah durch einen feierhchen Akt, bei dem der Ge- 
schlechtsakt thatsächlich vollzogen wurde. 

„Die Verlobung oder vielmehr fleischliche Vereinigung am heiligen Orte selbst unter 
dem Schutze eines Gottes oder Heros steht für Thera und für Theben sicher. In Thera 
reden eine nicht missverständliche Sprache die hocharchaischen Felsinschriften doch wohl 
des siebenten Jahrhunderts, Hillers kostbarste Entdeckungen, mit gewaltigen Buchstaben 
eingemeisselt auf dem Götterberge unmittelbar unter der Stadt, nur 50 bis 70 Meter vorn^ 

30* 



— 55» — 

Tempel des ApoUon Karneios und von heiligen Stätten des Zeus, Kures, Chiron, der Athena, 
Ge, Artemis entfernt, dicht an einem alten Rundbau und einer natürlichen Höhle, die 
später beide durch den Gymnasionbau vereint worden sind, auch in jener alten Zeit offenbar 
die Stätten der dorischen Gymnastik und der Knabentänze. Da heisst es (J. G. XII 3, 
537)- l^öv dsTra] ral j cov j Asktpauor h [o ?] Kgl/xo»' xe[T\dE ohh/ie :iatöa Ba&vx/Jog, 
dds?i.jihed[y'\ de xov öeTva. An heiliger Stätte unter Anrufung des Apollon Delphinios hat 
hier Krimon seine Verbindung mit dem Sohne des Bathykles vollzogen, und er hat sie 
stolz der Welt verkündet und ihr ein unverwüstliches Denkmal gesetzt. Und viele Theräer 
mit ihm und nach ihm haben an derselben heiligen Stätte den heiligen Bund mit ihren 
Knaben geschlossen. Ich zweifle nicht, dass wir von diesem festen und unzweifelhaften 
Zeugnis aus auch die noch zu Aristoteles' Zeiten bestehende, von ihm vermerkte Sitte der 
Thebaner verstehen müssen [Aristoteles bei Plutarch Pelopidas 18 (und Erotic. 761 D/E) 
lAoiOTotskrjg ök xai y.aß^' avtov sit (pjjal . . . etcI rov täq^ov zov 'löÄsco rag xaxasiioidiosig 
TTOieTo^ai rovg iQO}f/.h'ovg xai xovg sgacxäg^ Auf dem Grabe des Heros Jolaos, hat er 
geschrieben, machen die Liebhaber und ihre geliebten Knaben noch jetzt ihre Treuver- 
sprechimgen. Plutarch fügt hinzu, weil Jolaos der Geliebte des Herakles gewesen und des- 
halb an seinen Kämpfen als sein Schildknappe teilgenommen hat. Damals wird man sich 
in Theben ja wohl mit einer feierlichen symbolischen Form begnügt haben, die der Ehe- 
schliessung vor göttlichen Zeugen entspricht. Ursprünglich aber dürfte auch in Theben 
gerade auf dem heiligen Platze im Angesicht des heroischen Vorbildes und Schützers der 
Knabenliebe der Akt wie in Thera ausgeübt worden sein. Den Namen der heiligen Schar 
aus der Heiligkeit des Päderastenbundes zu erklären, liegt nunmehr sehr nahe"^). 

Aehnlich wurde auch in Megara und in Sparta die physische 
Vereinigung des Mannes mit dem Knaben gefeiert. In Theben und 
in Thera ist diese Sitte bis ins 4. Jahrhundert nachweisbar. Bei den 
Dorern war die Tapferkeit und Tüchtigkeit des Knaben (d Trat? 
ayadog) die Ursache für die Knabenliebe, wie die Inschriften von 
Thera beweisen. In Athen war es mehr die Schönheit (d nalg xaXog). 
Diese Tüchtigkeit wurde \'on dem Manne auf den geliebten Knaben 
übertragen. So berichtet Aelian (Var. Hist. III, 12): die spartia- 
tischen Knaben hätten einen anerkannt tüchtigen Mann gebeten, 
eiojiveiv avToig, was der spartanische Ausdruck für „lieben" ge- 
wesen sei. Die Intensität dieses eigenartigen physisch-seelischen Ver- 
hältnisses zwischen Mann und Knaben war so gross, dass sie bis zur 
Selbstverstümmelung ging. Plutarch erzählt im Eroticus 761 C 
von einem Thessaler Theron, der sich selbst die linke Hand ab- 
schlug, um den Nebenbuhler beim geliebten Knaben auszustechen. 
Das deutet auf eine Individualisierung der päderastischen Liebe, wie 
sie in der Neuzeit die heterosexuelle Liebe erfahren hat. Jedenfalls 
ist es sicher, dass das antike päderastische Verhältnis bedeutend in- 
dividueller war als die damalige heterosexuelle Liebe zwischen Mann 
imd Frau. 



1) Bethe a. a. O., S. 449 — 451. 



— 559 — 

Ueber die Xatur jenes eigentümlichen Verhältnisses bemerkt 
Bethe: 

„Die Eigenschaften des Mannes, sein Heldentum, seine ägerr) werden durch die 
Liebe irgendwie auf die geliebten Knaben fortgepflanzt. Deshalb hält die Gesellschaft, ja 
dringt der Staat darauf, dass tüchtige Männer Knaben lieben, deshalb bieten sich Knaben 
dem Helden an; deshalb teilen Erastes imd Eromenos Ruhm und Schmach, deshalb wird 
der Erast für die f~eigheit seines Geliebten verantwortlich gemacht, deshalb ist er auch der 
legitime Vertreter seines Knaben neben dessen Blutsverwandten; deshalb sieht der Mann 
vor allem auf die tüchtigen Anlagen des Knaben, den er sich erwählt, und noch schärfer 
wird die aoETrj des Mannes geprüft, ob sie wert sei der Uebertragung ; deshalb war's 
Schande für den Knaben, keinen Liebhaber zu finden, und andererseits eine — in Kreta 
öffentlich und von der Familie gefeierte — Ehre für den Knaben, einen ehrenwerten Lieb- 
haber gefunden zu haben und ihm feierlich verbunden worden zu sein. Daher der Ehren- 
titel H/.1JV01 für die Knaben, die der Liebe eines Mannes teilhaftig geworden waren, daher 
ihr Ehrenkleid, ihre Ehrung bei jeder öffentlichen Gelegenheit, nicht einmalige, sondern 
dauernde; denn diese Knaben sind durch die Liebe in den Besitz der dosz/j gekommen, 
der diese Auszeichnungen zustehen. Wie tief eingewurzelt dieser Glaube an die Veredelung 
des Knaben durch die Mannesliebe und wie allgemein er verbreitet war, zeigt deutlich Plato. 
Lässt er doch im Symposion den Aristophanes aussprechen: nur diejenigen würden tüchtige 
Männer im Staate, die als Knaben eines Mannes Liebe erfahren haben (Symp. 191 E, 
192 A). Und zwar ist es die sinnliche Knabenliebe, von der hier allein die 
Rede ist"*). 

Das ist der springende Punkt in der Erklärung der griechischen 
Knabenliebe, das Ergebnis, zu dem Bethe im Gegensatze zu den 
früheren idealisierenden Erklärungen der Päderastie gelangt ist. In 
sehr scharfsinniger Weise weist er nach, dass in dem spartanischen 
Terminus technicus eiotiveZv = ioäv = „die Seele im Liebesakte ein- 
hauchen" das ursprüngliche Motiv für den unzweifelhaft als Volks- 
sitte eingewurzelten Akt der Pädikation zu suchen ist. Diese 
beruht nach Bethe auf dem uralten Glauben, dass durch die Im- 
missio membri in anum und die Ejaculatio seminis in anum die Seele, 
der Geist, das Wesen des Liebhabers auf den Knaben übertragen 
wird. So entsteht aus dem tierisch - sinnlichen Akte ein seelisches 
Wechselverhältnis. Bezüglich der näheren, durchaus überzeugenden 
Beweisführung sei auf Bethe's Abhandlung verwiesen, die ja nur 
als eine theoretische Erklärung für die, wie wir noch sehen werden, 
ungemeine Häufigkeit der Pädikation, des analen Coitus bei der 
Knabenliebe zu betrachten ist, in dem Sinne, dass jetzt diese Pädi- 
kation das Primäre bei jedem päderastischen Verhältnis war, wäh- 
rend die idealisierenden Autoren -), die ihr häufiges Vorkommen ja 



i) Bethe a. a. O., S. 457—458. 

2) Z. B. J. P. Mahaffy, Social Life in Greece from Homer to Menander, London 
1874, S. 306—311. 



— 560 — 

auch nicht leugnen konnten, sie für das Sekundäre, für eine Folge 
der „Entartung" der ursprünglich rein idealen Knabenliebe erklärten. 
Ohne Zweifel ist Bethe vollständig im Rechte, wenn er am Schlüsse 
seiner gediegenen Arbeit die hellenische Knabenliebe als eine „allge- 
mein geübte Lust" bezeichnet, die durch das ganze Altertum und 
im ganzen weiten hellenistischen Kulturgebiet geradezu als ein not- 
wendiges Element des eleganten, griechisch gebildeten Lebens galt, 
und als solches auch bei den Römern Eingang gefunden hat^). 

Unsere Aufgabe ist weniger eine theoretische Erklärung der 
Pädikation, als der Nachweis ihres überaus häufigen Vorkommens 
und ihrer Aequivalenz mit dem normalen heterosexuellen Coitus. 

Was die Ursachen für die grosse Verbreitung- des mannmänn- 
lichen Geschlechtsverkehrs bei den Alten betrifft, so waren sie wahr- 
scheinlich verschiedener Art. Die von Mantegazza und anderen 
Autoren supponierten anatomischen Ursachen der Päderastie in 
Südeuropa, beruhend auf einer stärkeren sexuellen Erregbarkeit der 
Regio analis, zum Teil infolge abnormen Nervenverlaufes, kommen 
wohl nur wenig oder gar nicht in Betracht. 

Wichtiger sind die socialen Ursachen, auf die z. B. Schmoller-) 
hinweist. Wenn sich auch vielleicht ein Zusammenhang der Päde- 
rastie mit der staatlichen Regulierung der Kinderzahl nachweisen 
lässt, als ein Mittel der Hemmung des zu grossen Bevölkerungs- 
zuwachses, so konnte dies nicht der einzige ursächliche Faktor für 
die Ausbreitung der Knabenliebe sein, da ja der physische Akt der 
die Nachkommenschaft vermeidenden Pädikation auch beim Weibe 
ausgeführt werden konnte. Es muss also mindestens noch ein Um- 
stand hinzukommen, der die Bevorzugung des Knaben erklärt. 

Bedeutsamer ist die von Hueppe-') mitgeteilte Thatsache, dass 
Griechenland das einzige Land in Europa ist, in dem die Zahl der 
männlichen Geburten die der weiblichen stark übertrifft 
und dieses Verhältnis durch alle Altersstufen sich erhält. Wahr- 
scheinlich war dies im Altertum auch der Fall, woraus sich das Auf- 
kommen der Knabenliebe miterklären würde, das damals durch die 

1) Die gleiche Anschauung von dem durchaus sinnlichen Charakter der griechischen 
Knabenliebe vertritt O. D. (=: Octave Delepierre) in seiner interessanten Broschüre 
„Un point curieux des moeius privees de la Grece", Athen (= Briissel) 187 1, 8", 24 S., 
während J. A. Symonds, „Die HomosexuaHtät in Griechenland" (in: Das konträre Ge- 
schlechtsgefühl von Havelock Eilis und J. A. Symonds, Leipzig 1896, S. 37 — 126) 
mir das ideale Moment zu sehr in den Vordergrund zu stellen scheint. 

2) Gustav Schmoller, Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Leipzig 
1901, Bd. I, S. 173. 

3) P'erdinand Hueppe, Zur Rassen- und Socialhygiene der Griechen, Wiesbaden 
1897, S. 52. 



- 56i - 

strenge Ausschliessung der Frauen aus dem öffentlichen und 
gesellschafthchen Leben ohne Zweifel stark begünstigt wurde. 

Die eigentliche und Hauptursache der antiken Knabenhebe ist 
die Thatsache, dass der Knabe und der Mann ästhetisch, geistig 
und erotisch höher geschätzt wurde als das Weib. 

Einen Anhaltspunkt dafür liefern schon die sogenannten Vasen 
mit „Lieblingsinschriften", über die Wilhelm Klein ^) sich folgender- 
massen äussert: 

..Die Minderzahl der Frauennamen ist so auffällig — es sind im ganzen 30 
Gefässe gegen 528 mit männlichen — namentlich wenn wir noch beachten, dass ihr Vor- 
kommen auf Gefässen, die ihren Toilettebedürfnissen entsprechen, überwiegt, dass wir sie 
ohne Gefahr vernachlässigen köimen". 

Es wurde also fast ausschliesslich auf diesen Vasen der 
männlichen Schönheit gehuldigt — rj Jiäig xaXy kommt nur sehr 
selten gegenüber dem 6 Ttaig y.aXög vor — die weiblichen Reize galten 
nichts in Vergleichung mit denjenigen der Knaben, die, wie ein 
älterer Arzt-) sich ausdrückt, eine „Aufregung der feineren Sinne 
der Wollust" bewirkten. Ausgebildet wurde dieser Sinn für die 
Schönheit der männUchen Formen in den Gymnasien und an anderen 
öffentlichen Orten, wo die Jugend nackt sich tummelte und gemein- 
schaftlichen Leibesübungen oblag, oder bei den grossen Festen und 
im Theater, wo man ebenfalls männliche Kraft und Schönheit be- 
wundern konnte. Dies hebt ausdrückhch Cicero (Tusc. Quaest. IV. 
33) hervor, aus diesem Grunde liess der der Knabenliebe feindliche 
Polykrates die Gymnasien und Palästren schliessen (Athen. XIII, 78). 
Es sei auch an den enthusiastischen H3-mnus auf die Knabenschönheit 
bei Xenophon (Sympos. IV, 10 ff.) und bei Isokrates (Oratt. Att., 
Tom. IL p. 243) erinnert, welcher letztere ausdrücklich auf die Er- 
regung der Wollust durch die physische Schönheit des Knaben auf- 
merksam macht 3). Nach Lukianos (Amor. 33 ff.) entspringt die 
Knabenliebe allein aus dem Gefühle für das Schöne, deshalb kennen 
die Tiere sie nicht, weil ihnen dieses Gefühl fehlt ^). 

Von den Griechen übernahmen die Römer diese höhere phy- 
sische Schätzung der Mannes- und Knabenschönheit wie das am 
augenfälHgsten in einem sehr interessanten Epigramme des Mar- 
tialis (XI, 43) zum Ausdruck .kommt: 



i) Wilhelm Klein, Die griechischen Vasen mit Lieblingsinschriften, 2. Aufl., 
Leipzig 1898, S. 2. 

2) Landsberg in HenscheTs „Janus", Neue Folge, Bd. II, S. 617. 

3) Vgl- *ii^ Stelle bei van Limburg Brouwer a. a. O., Bd. IV, T. II, S. 257. 

4) Vgl. weitere Citate bei van Limburg Brouwer ib. S, 274. 



- 562 - 

Deprensum in puero tetricis me vocibus, uxor, 
Corripis et ciilum te quoque habere refers. 
Dixit idem quotiens lascivo Juno Tonanti ? 
nie tarnen grandi cum Ganymede iacet. 
Incurvabat Hylan posito Tirynthius arcu: 
Tu Megaran credis non habuisse nates ? 
Torquebat Phoebum Daphne fugitiva: sed illas 
Oebalius flammas iussit abire puer. 
Briseis multum quamvis aversa iaceret, 
Aeacidae propior levis amicus erat. 
Parce tuis igitur dare mascula nomina rebus, 
Teque pula, cunnos, uxor, habere duos. 

Ueber die thatsächliche Häufigkeit des homosexuellen Ge- 
schlechtsverkehrs durch Pädikation giebt schon die oben mitgeteilte 
griechische Terminologie (S. 527 — 528) Aufschluss, wo die verschie- 
denen Worte, die sich auf den Missbrauch des Afters beziehen, mit- 
geteilt sind. Auch die Dichter deuten mit unzweideutigen Worten 
darauf hin, z. B. Theokrit (Id. V, 41): 

'ÄviyJ' ejivyiCov rv, rv d^äkyeeg 
ferner ebendas. Vers 87 und Vers 116; Straton von Sardes (Epigr. 6, 
5") 77» 95. cit. nach Limburg Brouwer a. a. O., S. 233); Aristo- 
phanes (Plut. 149 — 152). 

Eine noch deutlichere Sprache reden die Abbildungen auf 
griechischen Vasen und Gefässen. Roulez^) hat zuerst darauf 
hingewiesen, in wie unzweideutiger Weise alle bildlichen Darstellungen 
diese physischen Beziehungen zwischen Mann und Knaben wiedergeben. 

Sehr bemerkenswert ist eine päderastische Scene auf einem von 
Gerhard und Panofka-) beschriebenen Gefäss von gebrannter Erde. 

Ein vorwärts gebückter Jüngling ist am Bauche des Gefässes 
dargestellt, mit ausgestreckter Rechten die Finger wie geöffnet, in 
der Linken ein Gerät auf dem Boden haltend wie einen Reifen; 
hinter ihm ein Jüngling, der ihn rückwärts unzüchtig bedroht. 
Vielleicht musste in dem hier dargestellten Spiel derjenige, bei dem 
der Reifen niederfiel, sich diesen Dienst gefallen lassen, wie etwa 
bei unserem Erraten, in wessen Hand der Ring sich befindet, der 
Inhaber des Ringes nicht selten einem Kusse sich unterwerfen muss. 

Das würde allerdings für eine unglaubliche Häufigkeit des Pä- 
dikationsakles sprechen, wenn er als blosse Prämie bei solchen Spielen 
zur Ausführung kam. Doch ist diese Deutung fraglich. 



i) J. Roulez, Choix de vases peints du musee d'antiquites de Leide, Gent 1854, 
S. 69. 

2) E. Gerhard und Th. Panofka a. a. O., S. 463. 



— 5Ö3 - 

Eine undeutliche Gruppe unzüchtiger Männerliebe auf einem ponipejanischen Terra- 
cottagefässe wird von denselben Autoren') unter Nr. 21 beschrieben. 

Nach F. Bücheier '•^) muss das Wort „Paedicatio" eigentlich 
„Pedicatio" von „pedicare" heissen, da dieses nicht mit jialg zusammen- 
hängt, sondern mit pedo, podex, wie dies auch nach Bücheier die 
Autorität der Priapea ergiebt und das „Pedicare" auf pompejanischen 
Wandinschriften. So enthält Priap. LXVII ein verstecktes Anagramm 
„Pedicare", nämlich: 

Penelopes primani Didonis primam sequatur 
et primam Cadmi syllaba prima Remi, 
quodque fit ex illis, mihi tu deprensus in horto, 
für, dabis: hac poena culpa luenda tua est. 

Demgegenüber verficht Otto Keller^) die Anschauung, dass 
„pedicare", dessen e statt ae auffallend sei, in der That von jtaidixa. 
herkommt. Man hätte das nie bestreiten sollen. 

,, Vielmehr", meint er, ,,lag die Aufgabe vor, dass man die auffallende Orthographie 
wie bei obscenus volksetymologisch, mit anderen Worten eben durch falsche Etymologie 
erklären musste. Es ist nun eigentlich doch leicht begreiflich, dass pedicare und pedere 
in einen gewissen Ideenzusammenhang gebracht wurden, ähnlich wie mingere und fj-oi^ög 
in Zusammenhang gebracht sind, nur dass es sich bei letzteren \\m wirklich naive urindo- 
germanische Ideenassociation handelt, während bei pedicare und pedere wesentlich der 
rein zufällige äussere Gleichklang für eine späte etymologische Hypothese bestimmend ge- 
wesen sein dürfte. Es ist übrigens bezeichnend und bildet eine genügende Entschuldigung 
für die altrömische Volksetymologie, dass man bekanntlich neuerdings mit grossem Eifer die 
faktische Herkunft des pedicare von ped-, woher pedere und podex, verfochten hat." 

Auf einer pompejanischen Wandinschrift heisst es: 

Accensum qui pedicat, urit mentulam^). 

Eine sehr deutliche Schilderung des Pädikationsaktes bringt 
Priap. XI: 

Ne prendare, cave. prenso nee fuste nocebo, 
saeva nee incurva vulnera falce dabo: 
traiectus conto sie extendere pedali 
ut culum rugam non habuisse putes. 

Aehnliche Schilderungen giebt Martial II, 51: 

Infelix venter spectat convivia culi 
Et semper miser hie esurit, ille vorat. 

ferner IX, 69: 



1) E. Gerhard und Th. Panofka a. a. O., S. 468. 

2) Rhein. Museum für Philologie, N. F., Bd. XIII, Frankfurt a. M., S. 153—155. 
— Vgl. auch die pompejanische Inschrift .,Phoebus Pedico" bei Zangemeister, Corpus 
Inscriptionum Latinarum, Berlin 187 1, Bd. IV, S. 139 (Nr. 2194). 

3) Otto Keller, Lateinische Volksetymologie und Verwandtes, Leipzig 1891, 
S. 76-77. 

4) F. Bücheier, Die pompejanischen AVandinschriften a. a. O., S. 259. 



— 564 — 

Cum futuis, Polycharme, soles in fine cacare. 
Cum paedicaris, quid, Polycharme, facis? 

was Priap. LXVIII näher erläutert wird, wo es u. a. heisst: 

/usgöaksov certe nisi res non munda vocatur, 
et pedicorum mentula merdalea est. 

Für „pedicare" finden sich auch noch charakteristischere und 
plastischere termini technici, z. B. „scindere podicem" (Priap. LXXVII), 
,.nates praebere" (Priap. XXII), ,,nates pervellere" (Plaut. Pers. V, 
2, 66). Ja, bei Persius (IV, 34 ff.) wird der Podex direkt als die 
Vulva der Kinäden bezeichnet. In dem Fragment 195 des Archi- 
1 och OS wird der Podex roäjiug genannt. „Quo a verbo derivantur 
TEOTXoxQäfiiq, is qui podice gaudet, und didroajuig is qui podicem ut 
cinaedus levem habet" ^). 

Dass die Pädikation von der hellenischen Knabenliebe unzertrennlich war, lehrt eine 
flüchtige Durchsicht der griechischen Dichtung, wo wir dieselben Poeten die ideale und 
die rein physische Seite der Päderastie verherrlichen sehen. Neuerdings haben Paul 
Brandt") und Otto Knappt) die betreffenden Stellen in erschöpfender Weise zusammen- 
gestellt. Aus dem von diesen Autoren gesammelten Material seien die bemerkenswertesten 
Belegstellen herausgehoben. 

Bei Athenaios (XIII, 604 d) wird von Sophokles erzählt, dass er mit einem 
schönen Knaben „vors Thor" gegangen sei, um dort mit ihm zu verkehren. Der Junge 
habe seinen eigenen Mantel auf das Gras gebreitet und mit dem des Sophokles hätten sie 
sich zugedeckt. 

Im Fragment 66 des Anakreon heisst es drastisch: 

'AXXa jiQOJitva 
Qadivovg, c5 <piks, /.irjQovg. 

Die fünfte Idylle des' Theokritos enthält den Wettgesang zwischen dem Ziegen- 
hirten Komatas und dem Schafhirten Lakon. Beiden sind die Freuden der männlichen 
Liebe, auch in ihren letzten Konsequenzen, durchaus bekannt. Komatas muss sich die An- 
rede CO xivabog gefallen lassen (V. 25), doch auch er kann sich rühmen, die kallipygischen 
Reize des anderen nicht bloss mit den Augen genossen zu haben (V. 41 — 44). Desgleichen 
gesteht auch Lakon seine erotischen Spiele mit einem är>]ßo; .-zalg ein {V. 8;). Noch 
einmal prahlt Komatas mit seinen an Milon vollzogenen Heldenthaten et dicit Milonem cum 
permoleretur pulchre cevisse (podicem crebro motu agitavisse ob insignem voluptatem) (V. 
117 — 119). 

Ebenso rühmt sich in Epigramm 317 der Palatinischen Anthologie ein Ziegenhirt 
einem anderen gegenüber der Pädikation eines dritten Hirten. 

In Epigramm 330 derselben Anthologie hören wir von einem Standbild des Pan 
neben einer schönen Quelle, der den Wanderer belehrt, er dürfe von dem Wasser schöpfen. 



i) Citiert nach Paul Brandt, Der Tiaidow soco; in der griechischen Dichtung. 
In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, herausg. von M. Hirschfeld, Leipzig 1906, 
Bd. VIII, S. 636. 

2) Paul Brandt, Der .-^aiöcov socog in -der griechischen Dichtung. In: Jahrbuch 
für sexuelle Zwischenstufen, Leipzig 1906 u. 1907, Bd. VIII, S. 619 — 684 und Bd. IX, 
S. 213—312. 

3) Otto Knapp, Die Homosexuellen nach hellenischen Quellenschriften. In: An- 
thropophyteia, herausg. von Friedrich S. Krauss, Leipzig 1906, Bd. III, S. 254 — 260. 



- 5^5 - 

so viel er Lust habe, es aber nicht zum Baden benutzen; wenn er es doch thue, würde er 
die dem Pan eigene Strafe der pedicatio erleiden. Doch falls ihn dies vielleicht gar 
noch anlocke, so wisse er auch noch andere Strafen, die ihm weniger gefallen würden. 

Aehnliche Motive kommen ja überaus häufig in den Carmina Priapea vor, wo die 
Pädikation als die gewöhnliche Strafe den Gartendieben angedroht wird. 

Buch XII der Palatinischen Anthologie enthält 94 Gedichte des Straton aus Sardes 
aus dessen Sammlung von Epigrammen auf schöne Knaben. Ueber die Motive des Coitus 
analis mit Knaben belehrt uns Epigramm 7 des Straton in nicht misszuverstehender Weise: 

2(piyy.zi]Q ovH soriv Tiagä Jiag&h'M, ovds q)ü.7jfia 

ä:T?.ovv, ov qpvaiJti) ygoitog kvnvotrj, 
Ol) }.6yog rjdvg sxeTvog 6 :Togvi>i6g, ovo' axegaiov 

ß^Jf^fia, Siöaaxofxh'ij ö' sozi xamoriga. 
yw/Qovvzai b'oTiidev jtäoar z6 Se jlisiCov exeTvo, 
ol'x Eoziv nov -d-fig zl]v yjoa -rla^oixh'rjv. 
Als Motive für die Pädikation von Knaben und Männern galten : die grössere Kraft 
■des männlichen Sphinkters gegenüber dem des Weibes, der angenehmere männliche Geruch, 
<lie raffiniertere Ars amandi (durch Küsse, obscöne Reden), die Möglichkeit der Mastur- 
bation des Gliedes des pädicierten Knaben. Aehniich äussern sich Lukianos (eQont:g, 
p. 457) und Achilles Tatius II, 35 — 38 über die Vorzüge der Knabenliebe vor der Liebe 
zu Frauen. 

Die Ausfühmng der Pädikation schildert Epigramm 206 des Straton, dessen Schluss 
lautet : 

'OyJ.ov xai f^ers, KvQi, y.ai ifißd/J.orzog dvda/ov 
:;ioü)zor avjLifiE/^zär y /is/.szär ua&iTio. 
In Epigramm 245 wird der Vorzug des ausschliesslich auf Knaben bezogenen 
^vyi^Eiv vor dem blossen ([.lövov) ßirsiv hervorgehoben. Bei älteren, behaarten Kinäden 
war das tiv/iCecv weniger angenehm, wie aus einem drastischen Epigramme des Meleagros 
{Anthol. Palat. XII, 41) erhellt: 

Ovxht fioi Qijocov ygäffEzai y.a/.og ovo" 6 Tivoavyijg 

:zoiv :iozE, vvv d'ijd?] öa/.ög, 'A.-ro/./.ödorog. 
Szigyoi &rj/.vv Egojza' daovzgojyXoiv de jziEOfia 
?.aozavQ(ov fis/.EZoj .-roifiiaiv atyoßdzaig. 
Denselben Inhalt hat ein Epigramm des Aikaios aus Messen e (Anthol. Palat. 
XII, 30), während das folgende Epigramm des Rhianos (Anthol. Palat. XII, 38) die 
jugendlichen Reize der ni'yi] des Knaben schildert: 

^Qgai xal Xdgizeg ze xazd y?.vxv ysvav s'Xacov, 

& jivyd' xvcöooeiv d' ovöe yegovzag säg. 
AeSov fioi xivog ioal fidxaiga zv, xai rira naiboiv 
xoo/ieig; d nvyd 8' sitze' Msvsxgdzsog. 
Es mussten also die älteren Kinäden in dieser Beziehung den jugendlichen zu gleichen 
suchen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das ist der Ursprung der von den römischen 
Dichtern, besonders Martial, so oft hervorgehobenen Depilation des Gesässes, die sie 
an dieser Stelle nicht bloss den Weibern, sondern auch den Knaben ähnlich macht, daher 
nicht als blosse Effemination aufgefassl werden kann. 

Die Thatsache, dass der Coitus analis die gewöhnliche Art des 
Geschlechtsverkehrs bei der antiken Männer- und Knabenliebe war, 
gewinnt noch eine besondere Bedeutung und innige Beziehung zu 



— 566 — 

den venerischen Krankheiten, wenn wir mit ihr die zweite Thatsache 
einer ausgebreiteten männlichen Prostitution, des „Kinäden- 
tums", in Verbindung bringen. Diese musste sich mit dem Augen- 
blicke entwickeln, wo das individuelle Verhältnis zwischen Mann und 
Knaben durchbrochen wurde und ein Knabe mehreren oder vielen 
Männern als Lustobjekt diente, was nach der Erklärung des Cor- 
nelius Nepos (Praef. § 4): l^audi in Graecia ducitur adolescentibus 
quam plurimos habere amatores, unzweifelhaft der Fall war. Hier- 
aus entwickelte sich dann naturgemäss sowohl in Hellas als auch in 
noch grösserem Masse in Rom die männliche Prostitution. Diese 
rjxaigrjxÖTsg oder jiöqvoi (Aeschines contra Timarch. 137, p. 294) wur- 
den allerdings in der Blütezeit streng von den ehrbaren igw/bievoi 
unterschieden und politisch degradiert. Doch schon Aristophanes 
erwähnt Uebergangsformen zwischen beiden, die er ironisch 01 xQi]OToi 
nennt (Aristoph. Plut. 155^ — 159)) die grosse Geschenke für ihre 
sexuellen Dienstleistungen nehmen. Auch Straton von Sardes 
äussert sich in einem Epigramm (Anth. Palat. XII, 212, bei Brandt 
a. a. O. IX, 247): 

Weh mir, was soll die Thräne im Aug', was bist du so traurig? 

Sage doch, was dir fehlt, Junge, und was du begehrst. 
Nunmehr streckst du mir hin die Hand, die hohle, o Jammer! 

Also verlangst du Geld! Wer hat dich dieses gelehrt? 
Bist nicht mehr mit Gebäck, mit Honigkuchen zufrieden, 

Nicht mit Nüssen wie sonst, die ich zum Spiele dir gab. 
Nein, du denkst an Geld und Gewinn! O Fluch über jenen, 

Der dich dieses gelehrt und deine Liebe mir nahm. 

Noch bezeichnender ist Epigramm 214: 

Gieb dich und nimm dies Geld, ich werde zufrieden dich stellen; 
Und es wird mir dafür königlich lohnen dein I^eib. 

Ein drittes (Epigr. 23g) spielt auf das Feilschen über den Preis 
der Hingabe an; 

Forderst du fünf? Ich gebe dir zehn, ich gebe auch zwanzig. 
Bist du zufrieden damit? Danae war' es gewiss. 

Vielfach bestanden diese Geschenke, mit deren Hülfe die egaorai 
die eQMjuevoi zu gewinnen suchten, aus verschiedenen Tieren: Tauben, 
Enten, Pfauen, Hähnen, Jagdhunden, Pferden u. s. w. Roulez^) 
beschreibt mehrere Vasenbilder mit Darstellungen von Päderasten, die 
solche Geschenke den Eromenen übergeben. 

Aus diesen Verhältnissen entwickelte sich dann die männliche 
Prostitution in der typischen Erscheinung des Kinädentums, der 
Pathici {yJvaidoi. xvTidrm, Xaoiroi, otfiyy.jat). 

i) Vgl. Roulez a. a. O., S. 70, besonders auch Tafel XVII daselbst. 



- 5b7 - 

Nach der Zusammenstellung von Rosenbaum M waren ausser 
den Gymnasien und Palästren die Barbierstuben, y.ovqela (Demosth. 
contr. Aristogit. 7S6, 7; Theophrast. Charact. VIII, 5; Plut. Sympos. 
V, 5; Aristoph. Plut. 339), die Salbenläden, fxvooTxoiXela (Aristoph. 
Equit. 1380)-), die Arzneibuden, largeTa (Aeschines contr. Timarch. 
§ 40; Aelian. Var. bist. VIII, 8), die Wechselbuden, rQdjieCai (Theo- 
phrast. Charact. V, ed. Ast p. 183), die Werkstätten, eoyaoT/joia, die 
Badehäuser (Theophrast. Charact. VIII, 4) Versammlungsorte für 
die männliche Prostitution und ihre Kuppler {TtQoaycoyoi. jnaoTQOJioi). 
Auch der Kerameikos diente diesem Zwecke-''). An einsamen dunklen 
Orten, hauptsächlich auf der Pnyx, gaben die männlichen Prosti- 
tuierten sich ihren Kunden hin (Aesch. contra Timarch. p. 35, p. go, 
p. 104, p. 112; Plato Sympos. p. 217b). 

Die körperliche Erscheinung suchte natürlich meist die Merk- 
male des Knaben nachzuahmen , w'as besonders in der Epoche 
Alexanders des Grossen hervortrat, von der an eine allmähliche 
Umgestaltung des männlichen Schönheitsideals bei den Griechen 
überhaupt eintritt. 

„Um die Alexanderepoche wird es Mode, das Gesicht zu rasieren, und tritt an die 
Stelle der vollbärtigen Hellenen ein glattwangiges Geschlecht, welches auf künstlichem Wege 
ein Scheinbild jugendlicher Zartheit festzuhalten trachtet. (Vgl. Becker, Charikles III-, 
p. 242 ff.). Die Toilettenkünste, das Blondfärben des Haares (Menander bei Meineke, 
Fragm. Menandri et Philemonis p. 235 und Fragm. comicor. gr. IV, p. 265, 133. Nikias, 
Anth. pol. XI, 398. Vgl. Becker, Charikles HI-, p. 248 ff.), die Herstellung künstlicher 
Haarputze (Diphilos bei Meineke, Fragm. comicor. gr. IV, p. 409); das Malen der 
Augenbrauen (Ale.xis bei Athen. XIII, p. 568 A), die Zubereitung feiner Schminken 
(Alexis bei Athen. XIII, 568 A; Theokr. idyll XV, 16; Duris von Samos bei 
Athen. XII, 542 D) und Salben (Apollonios bei Athen, XV, p. 689 A) werden mit 
grossem Raffinement gepflegt. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer suchten durch 
solche Mittel der Natur nachzuhelfen. Der Phalereer Demetrios von Samos färbte sein 
Haar und schminkte sein Gesicht, um, wie Duris von Samos (Athen. XII, p. 542 D) 
sich ausdrückt, ein heiteres und zartes Aussehen zu haben. So erschien die Durchschnitts- 
masse der damaligen Griechen weichlich und weibisch (Klearch bei Athenaios XV, 
p. 687 A: vi'v 8s Twr ä^'^gcoiicov ov^ ai oofiai fxövov &g qirjoi KXeagxog iv tqitco jibqI 
ßion>, d/Aä y.al ai yooixl TOV<fSo6v eyovaai ti ovv£y.'&i]).vvovai xovg fiEzayeigi^ofih'Ovg). 

Die Lieblingsfiguren der hellenistischen Dichtung sind zarte Jünglinge mit milch- 
weisser Hautfarbe, rosigen Wangen und langen weichlichen Locken. Wie an Klei tos, 
dem Genossen Alexanders, der weisse Teint bewundert wurde, hebt Bion die schneeweisse 
Haut des Adonis hervor (Athen. XII, p. 532 C; Bion idyll, I, 7, 10). Pausanias 
(HI, 19, 4) urteilt über den Hyakmthos des Nikias, der Künstler habe den Jüngling 
allzu zart geschildert, um dadurch auf die Liebe des Apoll zu demselben hinzudeuten"*). 

i) J. Rosenbaum a. a. O., S. 128 — 129. 

2) Vgl. auch Wachsmuth a. a. O., II, i, S. 484. 

3) Kurt Wachsmuth a. a. O., Bd. II, Abt. i, S. 259 — 260. 

4) Heibig a. a. O., S. 257 — 258. 



— 568 — 

Diese Vorliebe für effeminierte Männer lässt sich auch in der 
späteren Vasenmalerei Unteritaliens und ebenso an den Wandbildern 
nachweisen. Von einem Wandbilde, das Phrixos darstellt, wurde 
Heibig der Zweifel mitgeteilt, ob die Figur desselben nicht vielmehr 
weiblich sei. Doch konnte er nach einer genauen Untersuchung 
des Originals im Juli 1872 versichern, dass „an derselben noch gegen- 
wärtig deutliche Spuren des männlichen Gliedes ersichtlich sind"^). 

Der Mythos von Apoll und Admetos wird auf den kampani- 
schen Wandbildern nach der alexandrinischen Version behandelt, der 
zufolge der Gott in den schönen Jüngling verliebt war. Die üppig 
schwellenden Fleischmassen und beinahe weiblichen Formen, welche 
auf einem dieser Bilder dem Admetos eigentümlich sind, lassen,, 
verglichen mit der folgenden von Rhianos gegebenen Schilderung 
der Reize eines von ihm begehrten Jünglings (Anthol. palat. XII, 93, 3): 

rf] jukv yäg Oeodcooog äyei norl niova oaoxog 

äxjurjv, xal yviwv äv&og äxrjQaoiov 
darauf schliessen, dass der Maler von einer ähnlichen Absicht be- 
stimmt war, wie sie Pausanias bei dem Hyakinthos des Nikias 
hervorhebt. Aehnlich wurden Ganymedes, Phrixos und Nar- 
kissos dargestellt. 

Die Maler der Kaiserzeit folgten dem Vorgange der Alexander- 
und Diadochenperiode. Sogar der Cyklope Polyphemos wurde 
als bartloser Jüngling dargestellt-). Ja, man kann sagen, dass erst 
die römische Kaiserzeit die Effemination der Männer in einem gross- 
artigen Massstabe entwickelt hat, wie wir das aus den zahlreichen 
Anspielungen des Martialis, aus den Schilderungen des J u Ve- 
na lis (II, 84 ff.) und Petronius, den Berichten des Suetonius 
und der Kaiserbiographen entnehmen können. Allerdings hatte sich 
schon weit früher durch Berührung mit der griechischen Kultur das 
typische Kinädentum in Rom entwickelt^). Schon Varro verspottete 
in seiner .Satire „Eumenides" die weibischen Moden der Männer^ 
spricht von den „partim venusta muliebri ornati stola" und vergleicht 
diese Effeminierten wegen ihrer durchsichtigen Gewänder mit Najaden^). 



T) Heibig a. a. O., S. 260. 

2) Ibidem, S. 2bo — 261. 

3) Vgl. darüber Meier a. a. O., S. 151 — 152. 

4) Vgl. O. Ribbeck, Ueber Varronische Satiren. In: Rhein. Museum für Philo- 
logie 1859, Bd. XIV, S. 107. Als Gegenstück' dazu geisselt Varro in den „Meleagri" 
die männliche Kleidimg von Frauen (ibid. S. 128) und beschreibt das Kostüm einer ä la 
Atalanta aufgeschürzten Jägerin : non modo suris apertis, sed paene natibus apertis ambu- 
lans; cum etiam Thais Menandri tunicam demissam habeat ad talos (ähnlich Juvenal. VI, 446). 



569 — 



Jedenfalls hat die Päderastie, gegen die schon 169 v. Chr. die 
lex Scantinia sich richtete, sich wesentHch unter griechischem Ein- 
flüsse entwickelt. Das beweisen die vielen Namen griechischer Her- 
kunft für die Homosexuellen beiderlei Geschlechts, wie „malacus" 
(Plaut., Mil. III, I, 74; Plaut, Trucul. II, 7, 48), „cinaedus" 
(Lucil., Fragm. II, 10; Juven. II, 9 u. a.), „pathicus" (Juven. 
IX, 130 u. ö.)i), „catamitus" (Plaut., Menaechm. I, 2, 35; Auson., 
Epitaph. XXXIII), „draucus" (MarL I, 97, 11 ff.; Mart. VII, 67, 
4 ff.), „ephebus" (Mart. IX, 36, 3), „parectatus" („tum ephebum 
quemdam quem vocant parectaton", Lucil., Fragm. XX, 8), „andro- 
gynus" (Auson. LXVIII, 15). Erwähnt w^erden ferner noch „ma- 
lacissare" (Senec, Epist. 66; Plaut., Bacch. I, i, 31), „coprea", 
„lastaurus", „maltha" (Horat., Sat. I, 2, 24), „patula" als pä- 
derastische Bezeichnungen -). 

Jedoch hat auch die lateinische Sprache schon seit der plautini- 
schen Epoche eine reiche homosexuelle Terminologie entwickelt^). 
Wir führen nur an: 

,,Abronis vitam agere'- = Pathicus, pathice vivere. 

„All ex viri" = cinaedus, paedico. Ab „allicere" (Plaut., Poenul. V, 5, 31). 

„Amator" (Senec, Controv, I, 5). 

,,Amatus" pro catamito (Gellius, Noct. Att. XVI, ig). 

,,Ambulare in masculos" de paediconibus (Senec, Controv. I, 5). 

„Amores" pro catamitis (Plaut., Mostell. arg. i ff.). 

„Bell US" pro molli et effeminato (Mart. III, 63). 

„Blax", moilis, lascivus, delicatus (Festus bei Rambach, S. 57). 

„Caedere" ^ pedicare (Plaut., Casin. III. i, 14). 

„Calamistratus" = moilis, effeminatus (Plaut., Asin. III, 3, 37). 

„Capillati" pro catamitis (Mart. III, 58, 31). 

„Cathedralitii", molies, efTeminati (Mart. X, 13, i). 

„Clunes tor quere" specialiter dicebatur de patiente in pedicatione (Arn ob. 
1, 2; Juven. II, 19 sqq.). 

„Comati", molies, cinaedi, pathici (Juven. II, 15; XI, 149). 

„Concubinus", pusio, catamitus (Suet. in Galb. 22; Mart. VIII, 44, l" 
Catull., c 61, v. 126 u. ö). 

„Conquiniscere", inclinari ad patiendam pedicationem (Plaut., Cistell. IV, i, 5), 

„Culex" paedico (Hadrian., Epigr. apud Spartian. Rambach 93). 

„Culus" podex: frequentissime de pathicis (Mart. II, 51, 5; Catull. XXXI, 
I sqq.). 

„Cymbala pulsans" pro cinaedo, ex Gallis, Cybeles sacerdotibus, more cinae- 
dio, et cymbala pulsare solitis (Juven. IX, 60 sqq.). 

„Dalraaticus" pro cinaedo (Lamprid. in Commod. Ramb. 97). 



1) Dem entsprechend heissen die sich gewerbsmässig der Pädikation hingebenden 
Frauen „pathicae" (Priap. XL; LXXIII). 

2) Vgl. Saalfeld, Hellenismus, S. 35, zitiert nach G. Grupp a. a. O., I, 326. 

3) Vgl. die Wörterbücher von Pierrugues, Blondeau und Rambach. 



— 570 — 

„Delicatus", moUis (Cicero ad Attic. I, i6; Catull. X\'1I, 14 sqq.). 

,,Delumbis", mollis, effeminatus (Pers. I, 104 sq.). 

„Depilatus", mollis, pathicus (Senec. de Constant. sap. i, 7). 

„Destituere nudum-', pedicare (Cicero ad Fani. IX, 22). 

,,DigituIo Caput scabere", sigmim pathicorum (Senec, Epist. 52; Juven. 

IX, 131 sqq.). 
„Discinctus" = mollis, pathicus (Sueton. in Jul. Caesarem 45; Seiiec, 

Epist. 92; Pers. IV, 21 sqq.; Horat., Sat. II, i, 73 sq.). 
„Divellere pilos", Cultus mollium et semivirorum. \'ellebant praesertim pa- 
thici (Juven. XIV, 194 sq.; Senec, Epist. 115; Juven. IX, 12 sq.; 
Mart. III, 74, i; IIT, 63, 3 — 6; V, 41, 6; Ovid., Art. am. I. 520; 
Auson., Epigr. CXXIII, I sq.; Mart. IX, 27, i sq.). 
„Diviso res" pro paediconibus (Ramb. 98). 
„Dominus" pro catamito (Mart. XI, 71, i sq.). 
„Effeminatus" (Priap. 58, 2). 

„Emasculator", qui de viso mulierem facit (Apulej. in Apolog.-Ramb. 113). 
,,Evirare" effeminare (Mart. V, 41, i ). 
„Exoleti" (Sueton. in Tib. 43; Plaut., Poenul. Prolog. 17 sq.; Mart. XII, 

43, 7 sq.; XII, 91, I sq.; Senec, Epist. 66). 
„Exossus", mollis, effeminatus (Apul., Met. i). 
„Fluxus", mollis, pathicus (Mart. V, 41, i sq.). 

„P'ornix" pro pathico. Sic Curio Caesarem vocavit (Sueton. in Caes. 149). 
„Fragilis", de viro prostituto, patiente in venerem (Horat., Sat. I, 8, 38 sq.). 
„Galbanatus" pro molli et pathico (Mart. III, 82, i sq.). 
,, Gemelli", cinaedi, pathici (Catull. I, III, i sq.). 
„Glabri" pro mollibus et cinaedis, qui, muliebria patientium more, se totum 

corpus levigabant (Mart. XII, 38, 4 sq.). 
,,Ignavus" delicatus, mollis (Plaut., Casin. II, 3, 23). 
„Imbulbitare" puerili stercore inquinare, quod accidit pedicantibus (Lucil., 

Incert. Fragm. 36). 
,,Inclinare", incurvare ad puerile officium (Juven. X, 220 sq.). 
„Incubitatus", paticus in paedicatione, inclinatus (Plaut., Pers. II, 4, 3). 
„Incurvare", flectere ad puerile officium (Mart. XI, 43, 5 sq.). 
„Integri pueri", nondum viliali (Catull. XXXII, i sq.). 
„Internuculus", catamitus, pedicatus (Petron., Ramb. 160). 
„L'evis",. saepe pro molli et pathico (Pers. I, 82 sq.). 
„Lumbus tener", mollis (Juven. VIII, 16 sq.). 
,,Manicatus, Manuleatus", mollis, effeminatus, mulierculus (Senec, Epist. 

I, 33; Stat., Theb. VII, 657 sq.). 
„Massilienses" = molles, paedicones (,,ubi tu es qui colere mores massi- 

lienses postulas? Nunc, tu si vis subigitare me, proba est occasio" (Plaut., 

Cas. V, 4, I sq.). 
„Meritorii pueri", catamiti (Juven. III, 234). 
,, Mollis", pathicus (Cael. Aurelian., Chron. morb. IV, 9; Mart. IX, 47, 

5 sq.). 
„Morbus" de postera venere (Juven. II, 16 sq., 50; IX, 48 sq.; Auson., 

Epigr. CXXII, 5 sq.). 
„Morbosus", cinaedus, pathicus (Catull. LH, i sq.). 
„Muliebris patientia", de pathicis et catamitis (Petron., Sat.; Auson., 

Epigr. CXXII, 5 sq.). 



— 571 — 

„Muliebrosus", mollis, effeminatus (Plaut., Poenul. V, 5, 24). 

„Ocquiniscere", inclinare (Rambach 211). 

„Officium puerile", patientia pueri paedicati (Plaut., Cist. IV, i, 5; Mart. 

IX, 67, I sq.). 
„Opus muliebre", patientia paedicati (Petron., Satir.). 
„Paedagogium", paedicatio (Sueton. in Neron. 28). 
,, Passivus", pathicus (Jul. Firmic. in Math. 4). 
„Perforare", praesertim de paedicante (Priap. LXXVIII, 3 sq.). 
„Percidere", pedicare (Mart. VII, 62, i sq.; Priap. XIV, 5 sq.). 
„Praetextatus", saepe pro impuro, a puerorum flagitioso officio (Juven. II, 171). 
„Puellascere", effeminari (Varro, Sat. Menipp. 44). 
„Pullarius", cinaedus ^). 

„Pullus" catamitus (Plaut., Poenul. V, 5, 13 sq.). 

„Pulliprerao", qui pueros premit et subigit (Auson., Epigr. LXX, 8). 
„Pusio" pro catamito (Juven. VI, 34). 
„Resinatus", mollis, pathicus, quod libidinosi hujus farinae resina pilos evelle- 

bant pudendorum (Juven. VIII, II4). 
„Resupinati". molles, infames (Juven. VIII, 176). 
,,Scarabaeus'', paedico, a more scarabaeorum qui stercore gaudent (Auson., 

Epigr. LXIX, 9 sq.). 
„Scindere", pedicare (Priap. LXXVII, 9). 
„Scortum", pro puero catamito (Plaut., Poenul. prolog. 17 sq.; Sueton. in 

Vitell. 3). 
„Socraticus", cinaedus, pathicus, qui muliebria patitur (Juven. II, 10). 
„Sponsa" pro catamito (Mart. VI, 64, 5; Juven. I, 78). 
,,Stabulum" pro pathico (Sueton. in Caes. 49). 
„Subulo", paedico, a subula qua sutores corium pertundunt (Auson., Epigr. 

LXIX, 8). 
„Suppedere", pedicare (Cicer. Ep. ad Famil. III, 22). 
„Supplicium puerile", patientia in pedicatione (Mart. II, 60, 2). 
„Testiculare", pedicare (Plaut., Amph. II, 2, 193 sp.). 
„Unguentatus", pro moUi et cinaedo (Catull. LVI, 142). 
„Usurarius", catamitus (Plaut., Curcul. Itl, i, 12 sq.). 
„Vesica" de podice; sensu pedicationis (Plaut., Casin. II, 8, 21 sq.). 
„Parum vir", effeminatus (Quintil., Inst. orat. V, 9; A. Gellius I, 5; 

Mart. II, 36, 4). 
„Virum quaerere", quem videbant hominem, vestitu, victu, incessuque möllern, 

more pathicorum, de eo dicebant: „hie virum quaerit" (Petron., Sat. 119, 27). 

Es ist kein Zweifel, dass in der Kaiserzeit die Päderastie und die 
männliche Prostitution fast den gleichen Umfang angenommen hatte 
wie die Prostitution der Weiber. Die Bordelle dienten beiden Zwecken 
(Petron., Sat. 8; Mart. XI, 45, 2), ausserdem gab es eigene Knaben- 
bordelle (Cod. Theodos. IX, 7, 6). In der Oeffentlichkeit spielten 



i) Von „pullus" junges Thier, junges Huhn; vgl. Otto Keller, Lateinische 
Volksetymologie etc., Leipzig 1891, S. 178. AusonLus hat ,, felis pullarius" Hühner- 
marder = :jai8eQaoTtjg (Epigr. LXX, 5); GIoss. Cyrill., p. 564, iq: jiaiSeQaoTrjg, pullarius. 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. O' 



— / ^ — 

bei gewissen Festen die Päderasten dieselbe Rolle wie bei anderen 
die Prostituierten. So schildert Petronius (Sat. 2;^) das schamlose 
Treiben der Kinäden beim Priapusfeste, wo einer von ihnen das 
folgende bezeichnende Lied singt: 

huc huc cito cotivenite nunc, spatalocinaedi, 
pede tendite, cursum addite, convolate planta 
femoreque facili, clune agili et manu procaces, 
moUes, veteres, Deliaci manu recisi. 

Apulejus macht uns (Metamorph. L. VIII) in eingehender 
Weise mit dem päderastischen Kulte der Kybelepriester bekannt, 
die als Pathici sich öffentlich jungen Männern hingaben. Das gleiche 
mussten die schön gelockten Pagen des kaiserlichen Hofes und an- 
derer vornehmer Herren thun. Sie standen nach dem Diner bereit, 
um sich von den Gästen missbrauchen zu lassen. Sie waren in 
durchsichtige Gaze gekleidet, um die Wollust anzureizen ^). Sicher 
gab es geheime Päderastenklubs. Das Fest eines solchen schil- 
dert Juvenal (Sat. II, 84 ff.), bei dem die Kinäden die Feier der 
Bona Dea in weiblicher Kleidung und unter Anwendung aller weib- 
lichen Toilettenkünste begingen, unter Ausschluss von Frauen, also 
ganz nach Art unserer modernen „Männerbälle". Ja, er erwähnt 
sogar die Hochzeit eines gewissen Gracchus mit einem Hornbläser 
(Juven. II, 117 — 120), bei der die Gäste die Glückwünsche darbringen, 
während die „Braut" im Schoosse des Gatten liegt! Diese Männer- 
hochzeiten waren nichts Aussergewöhnliches. Haben doch auch 
Kaiser wie Nero, der sich mit Sporns und Doryphorus ver- 
mählte, wie Heliogabalus öffentliche Hochzeiten mit Männern ge- 
feiert, bei denen Brautschleier, Zeugen, Mitgift, Brautbett und Hochzeit- 
fackeln und schliesslich sogar die öffentliche Schaustellung der Paedi- 
catio nicht fehlten! (Tacit, Annal. XV, 37; Sueton., Nero 28, 29; 
Lampridius, Heliogabalus 10). Auch das aus Lustknaben bestehende 
sogen. „Paedagogium" der Kaiser muss hier erwähnt werden'-*). 

Es ist nun interessant und von Bedeutung für die Kenntnis der 
Beziehungen zwischen Pädikation und venerischen Krankheiten, die 
physischen Merkmale der passiven Päderasten und andere Kenn- 
zeichen ihrer sexuellen Bethätigung zusammenzustellen. 

I. Depilation. — Während die männlichen Kinäden das 
Haupthaar nach Frauenart lang wachsen und herabwallen Hessen, 



i) Seneca, Epist. 123, 15 f. Vgl. Theodor Birt, Zur Kulturgeschichte Roms, 
Leipzig 1909, S. 146. 

2) Vgl. Th. Birt, De amorum in arte antiqua simulacris et de pueris minutis apud 
antiquos in deliciis habitis. Marburg 1892. 



— 0/ — 

pflegten sie um so sorgfältiger alle übrigen Körperhaare, an Lippen, 
Extremitäten, Brust und Bauch, an den Genitalien und vor allem 
am After zu entfernen, durch Ausrupfen mit den Fingern oder 
Pincetten oder durch Anwendung künstlicher Enthaarungsmittel^). 
Besonders das glatte, haarlose Gesäss ist ein Hauptkennzeichen des 
Pathicus. (Vgl. über die Depilation der Kinäden Mart. 11, 29 u. 62; 
VI, 56; IX, 27 u. 47; Sueton., Galba 22; Sueton., Otho 12; Persius 
IV, 37 — 41; Mart. III, 63 u. 74; Mart. V, 41 u. 61; Juvenal. IX, 
12; Catull. XXXIV; Julius Capitolinus, Pertinax 8; Spartianus, 
Hadrianus 4.) 

2. Das ,,cevere". — So nannte man eine wollüstige Bewegung 
des Gesässes, womit der Kinäde entweder beim Gehen Männer an- 
lockte oder beim Coitus das Weib nachahmte. 

et de virtute locuti 

Clunem agitant. Ego te ceventem, Sexte, verebor? 
(Juvenal. II, 20 — 21; vgl. ferner Juvenal. IX, 40; Mart. III, 05; 
Plautus, Pseudol. III, 2, 75). Deshalb hat wohl Suidas nicht mit 
Unrecht das Wort „Kinäde" von xtreiv to. aldöla abgeleitet. 

3. Aeussere Erscheinung, Gang, Blick, Stimme. — Die 
weibische, nervöse Erscheinung des Pathicus, seinen tänzelnden, wie- 
genden Gang, seine feine, dabei aber durchdringende Stimme schil- 
dert vorzüglich Polemon (Physiognom., lib. II, g, i c, p. 290): 

.,Der Androg)-ne hat einen schmachtenden und lüsternen Blick, und verdreht die 
Augen und lässt sie umherschweifen, zuckt mit der Stirn und den Wangen, die Augen- 
brauen ziehen sich auf einen Fleck ztisammen, der Hals wird gebogen, die Hüfte ist in 
beständiger Bewegung; alles zuckt, Kniee und Hände scheinen zu knacken, wie ein Stier 
schaut er um sich und vor sich nieder. Er spricht mit feiner (qxovsl Xsjitov), aber kräch- 
zender und kreischender, sehr verdrehter und zitternder Stimme." 

(Uebersetzung von J. Rosenbaum.) 

Aehnlich schildert Adamantus (Physiognom., lib. II, 38, I c, 
p. 440), der auch die (pcovrj Xejmq herv^orhebt, den Kinäden. Als 
Kivaidov 07]jueia bezeichnet Aristoteles (Ph3'siognomicon, cap. 3 in 
Scriptores Physiognomiae veteres, ed. J. G. Fr. Franz ius, Altenburg 
1780, p. 51) das „gebrochene" Auge, einwärts gebogene Kniee, schlaffe 
Bewegungen der Hände, Uebereinanderschlagen der Schenkel beim 
Gehen, Umherwerfen der Augen -). 



1) Das Enthaaren der Männer wurde als Gewerbe von Frauen, den ,,ustriculae", 
betrieben (Tertull., De pallio, c. 4). 

2) Deshalb bezeichnet auch Aristophanes solche Weichlinge als Frauen, z. B. 
Sostrate und Cleonyme statt Sostratos und Cleonymos (Wolken 678 und 680), ferner 
Horat., Sat. I, 8, 39 („Pediatia" statt „Pediatius'"). Vgl. auch Cicero. De oratore H, 68, 277. 

37* 



— 574 — 

Nach Lukianos (adversus indoctum, c. 23) gab es ein Sprich- 
wort, wonach es leichter sei, fünf Elephanten unter den Achseln zu 
verbergen, als einen Kinäden, so sehr werde dieser durch Kleidung, 
Gang, Blick, Stimme, gebogenen Hals, Schminke etc. charakterisiert. 

4. Körperliche Anzeichen der passiven Päderastie. — 
Dass der Geschlechtsverkehr zwischen Männern in Vergleichung mit 
dem normalen Geschlechtsverkehr etwas Unnatürliches, Gewaltsames 
ist und mit viel mehr Anstrengung verbunden ist, das haben die 
antiken Aerzte wohl gewusst. Dafür spricht die folgende, sehr in- 
teressante, bisher gar nicht beachtete Stelle des Ruphos von Ephe- 
sos bei Oreibasios VI, 38 (ed. Bussemaker et Daremberg, 
Bd. I, S. 540), wo er den heterosexuellen mit dem homosexuellen 
Beischlaf, der offenbar etwas ganz gewöhnliches war, vergleicht: 

Ka'&oXov juev al julieig ipvxQoregov t6 nw/xa änegya^ovrai. 'Hooov 
jusv eloi ßiaioi al 7106g t6 d^rjXv yivojuevac öio xal )]OOov kvnrjQai al 
de JiQog 16 olqqev ovvtovoi jtiev' Jioveiv de jueiCovwg dvayxdCovoiv. („Im 
Ganzen kühlen die Begattungen den Leib ab. Die mit Frauen vor- 
genommenen sind weniger wider die Natur, deshalb auch weniger 
beschwerlich. Dagegen die mit Männern anstrengend imd notwendig 
mit grösseren Schmerzen verbunden".) 

Das Wort „novelv"- ist der allgemeine terminus technicus für 
die Schmerzen und die Leiden infolge der Pädikation. Das 
ward bestätigt durch ein sehr interessantes, neuerdings von Sudhoff 
in seiner wertvollen Studie „Aerztliches aus griechischen Papyrus- 
Urkunden" i) reproduziertes Papyrusblatt, das den Hüllen einer Kro- 
kodilmumie von Tebtynis im südlichen Faijüm entstammt, bei den 
Grabungen aus Mitteln der Mrs. Phoebe A. Hearst-Stiftung gefun- 
den und etwa im Jahre 100 v. Chr. beschrieben wurde. Darauf steht 
das folgende „Sprüchlein perverser Sexualität": 

(pikojivyiojijg T[t?] äno^vrjoxoiv \ß.vei:eika'\ to xoig yvmgifioig. 
xaraxavoare rd ö[o]rdQid /uov y.al xaTd\ßare~\ 
xai xotpare [i'^va zoig rd eixTivyia novovoi 
eninaGdfi (bg (p\dQ\fiaxov . 

(Tebt. Papyri, Part. I, S. 5, No. i, Zeile 17!), 

was Sudhoff übersetzt: 



i) Karl Sudhoff, Studien ziu- Geschichte der Medizin, herausg. von der Pusch- 
mann-Stiftung an der Universität Leipzig, Heft 5/6: Aerztliches aus griechischen Papyrus- 
Urkunden. Bausteine zu einer medizinischen Kulturgeschichte des Hellenismus, Leipzig 1909, 
S. 109 — HO. 



— 575 — 

„Ein Päderast befahl seinen Freunden auf dem Sterbebette: 
Verbrennt meine Gebeine und brecht und zerstosst sie, damit sie 
denen, die in der Aftergegend krank sind, als „Arznei" dienen." 

Sudhoff begleitet diese höchst interessante Stelle mit folgendem 
Kommentar (a. a. O.. S. iio): 

.."Wer nicht von der veritas novantiqua felsenfest überzeugt ist, dass die Spirochaete 
pallida erst mit Kolumbus' erster Rückkehr ihren Einzug in die Alte Welt hielt, der wird 
etwa an breite Kondylome denken, die der Lüstling mit seiner Asche noch bekämpfen will; 
es steht aber natürlich nichts im Wege, Rhagaden, spitze Kondylome, Hämorrhoiden etc. 
in dieser Region anzunehmen, die im harmonischen Anklang an modernste opotherapeutische 
„Ideen" mit der Asche dieses ,, Homosexuellen'' geheilt werden sollen, damit sie den pas- 
siven Päderasten zum Werke nicht unfähig machen." 

Es liegt aber gar kein Grund vor, wie Sudhoff es hier thut, 
die Syphilis hier überhaupt in Betracht zu ziehen. Das zeigt die 
Wahl des Wortes „Ttoveiv"'. Denn dieses bedeutet, wie aus der von 
mir beigebrachten Stelle des Ruphos erhellt, nichts weiter als eine 
direkte Erkrankung infolge des anstrengenden, schmerz- 
haften analen Coitus (daher gerade der terminus technicus ,,n:om>'"), 
sei es durch rein mechanische Läsionen beim mehr oder weniger ge- 
waltsamen Eindringen des Membrum in die Analöffnung oder durch 
direkte Uebertragung einer lokalen Affektion des Gliedes auf After 
und Mastdarm, wobei man hauptsächlich an Ulcus molle, Tripper, 
spitze Kond^■lome und ansteckende Formen der Balanitis zu denken 
hat. Wenn man das rolg xä lixTivyia tioyovoi übersetzt: „die in der 
Aftergegend infolge eines analen Coitus krank sind", entsprechend 
der wahren Bedeutung des Tiovtiv^ so ergiebt sich die Richtigkeit der 
obigen Erklärung von selbst. 

Es ist überhaupt sicher, dass die Alten, Aerzte und Laien, die 
krankhaften Folgen der Päderastie entweder auf den Coitus analis 
beziehen und in diesem Falle deutlich auf die Affektionen der Regio 
analis hinweisen oder auch auf den Coitus in os und dann ebenso 
deutlich lokale Affektionen des Mundes und Rachens daraus ableiten, 
z. B. den üblen Mundgeruch, während der allgemeine Typus des 
Pathicus aus der fortschreitenden Effemination und f.iakay.ia, also aus 
einer mehr psychischen Aetiologie sich entwickelt. 

Wie genau der Zusammenhang zwischen Affektionen des Anus 
und der Pädikation bekannt war, geht aus dem in dieser Beziehung 
nicht misszuverstehenden Epigramm des Martialis (Epigr. III, 71) 
hervor : 

Mentula cum doleat puero, tibi, Naevole, culus, 

Non sum divinus, sed scio quid facias. 



- 576 - 

Man hat dieses Epigramm so gedeutet, als ob der Pathicus 
Naevolus an einer Anusaffektion gelitten und diese dann auf den ihn 
pädicierenden Knaben übertragen habe. Das ist natürlich möglich; 
z. B. kann eine Rectalgonorrhoe des Naevolus bei dem Knaben 
einen schmerzhaften Harnröhrentripper hervorgerufen haben, der so 
oft zu schmerzhafter entzündlicher Schwellung des Penis führt. Ich 
erkläre den Sinn des Epigramms einfacher aus den Schmerzen, die 
durch das Missverhältniss zwischen Membrum und Orificium ani und 
die für die Ueberwindung des Sphincter ani nötige Anstrengung so- 
wohl beim passiven als beim aktiven Päderasten hervorgerufen wer- 
den, und aus den oft bei diesem Akte entstehenden Einrissen und 
Erosionen am Anus und an der Präputialschleimhaut ^). Auf dieses 
Missverhältniss und diese Schmerzen bei der Pädikation spielt auch 
das folgende Epigramm des Martial (III, 89) sehr durchsichtig an: 

Utere lactucis et mollibus utere malvis: 
Nam faciem durum, Phoebe, cacantis habes, 

deuten ferner die termini technici ,,scindere" (Priap. LXXVII, 
Mart. III, 94), „pervellere" podicem (Plaut., Pers. V, 2, 66). Gegen- 
über dem aktiven ist der passive Päderast wirklich ein „fragilis" 
(Horat., Sat. I, 8, 39). Auch die Stelle bei Petronius (Sat. 24, 
ed. Bücheier, p. 24) „ab hac voce equum cinaedus mutavit transituque 
ad comitem meum facto clunibus eum basiisque distrivit", ist be- 
zeichnend genug. Wohin die wiederholten mechanischen Verletzungen 
durch ein Membrum permagnum führen können, sagt in krassen 
Worten Martial (VI, 37): 

Secti podicis^) usque ad umbilicum 

Nullas relliquias habet Charinus, 

Et prurit tamen usque ad umbilicum, 

O quanta scabie miser laborat! 

Culum non habet, est tamen cinaedus. 

Aehnliche Folgen langjähriger gewohnheitsmässiger passiver 
Päderastie werden in Lib. IX, Epigr. 57 des Martialis beschrieben 



i) Mit Recht sagt P. Meniere (Etudes medicales sur les poetes latins, Paris 1858, 
S. 433) mit Beziehung auf Martial III, 71: ,,I1 indiquait clairement une cause evidente 
de maladie; les deux coupables souffraient en meme temps, le diagnostic etait facile, mais 
rien ne prouve qu'il y eüt lä autre chose qu'une lesion materielle, mecanique, dont on 
pourrait retrouver l'analogue dans des conditions legitimes, et que Martial lui-meme a sig- 
nalees un grand nombre de fois". 

2) Auch Lib. IX, Epigr. 47 enthält eine deutliche Anspielung auf den ,,sectus 
podex" des Pathicus. 



— 577 — 

(„culus tritior") und in dem folgenden Epigramm 131 des Ausonius 
{ed. Peiper, p. 346): 

Inguina quod calido laevas tibi dropace, causa est, 

Irritant volsas laevia membra lupas. 

Sed quod et elixo plantaria podice vellis, 

Et teris incusas pumice Clazomenas, 

Causa latet, bimarem nisi quod patientia morbum 

Appetit, et tergo femina, pube vir es. 
Das Wort „Clazomenae" ist hier mit Absicht gewählt, um den 
desolaten Zustand eines oft pädicierten Gesässes zu bezeichnen. Bei 
Pierrugues bezw. Rambach heisst es (S. 73): „Clazomenae. — 
Scissurae podicis paedicatione triti et lacerati; inter morbos venereos: 
a Clazomenis, Joniae asiaticae civitate, postera venere famossissima; 
vel a xkdCeo§ai, frangi et dividi". In der deutschen Ausgabe 
der Forberg'schen „Apophoreta" zum „Hermaphroditus" (Leipzig 
1908, S. 222) bemerkt der Uebersetzer zu dieser Stelle, daß noch 
heute in Italien der Pathicus allgemein mit dem Schimpfwort „Culo 
rotto" bezeichnet werde, was den „Clazomenae" des Ausonius voll- 
kommen entspricht. 

Von grösster Bedeutung für die richtige Auffassung der Worte 
„ficus" und „mariscae", die von den Anhängern der Altertumssyphilis 
als „syphilitische Feigwarzen", als sogenannte „breite Kondylome" 
aufgefaßt werden, ist die unwiderlegbare Thatsache, dass sie als 
direkte Folgen der Pädikation aufgefasst wurden und in eine 
unmittelbare Beziehung zur Einführung des Penis in den After 
gebracht wurden. 

Die Analogie zwischen der Feig-e und den feigenähnlichen Aus- 
wüchsen am After ist hellenischen Ursprungs. 

Das beweist der Inhalt eines Epigramms des Philippos der 
„Anthologia Planudea" (IV, 240), in dem gleichfalls das Wort loidg 
zugleich „Feige" und „Feigwarze am Anus" bedeutet. 

Das Epigramm (Anthologia Palatina ed. Dübner, Paris 1872, 
Bd. II, S. 377), Zwiegespräch zwischen a und ß lautet: 

a. coQaiag y ioooco mg lo^ddag ei' ye Xaßelv juot 
ovyx,o)QeTg öXiyag . . 

ß. &iyyavE jurjöejuiäg. ooyiXog cbg 6 IJghjjiog igeTg' Ihi xal xevog 
ijieig. 

a. val kkojuai, öog juoi. 

ß. xal ydg eycb dio/uai. 

a. XQIJ^^'^'^ y^Q> ^^7^ /"^'j jra^' ijuov Tivog; 



— 57« — 

ß. soTi vojuog Jiov „doq Xdße". 

a. xal ■&edv a>v dgyvQiov ob y^.iyj]] 

ß. äk?.o ri yorjjua cpiXö). 

a. 71010V rode; 

ß. räjud xaxeo'&oiv 

ovxa, öog evßvjucog ioydöa rip> ömooj. 

In philologisch genauer (von Herrn Dr. phil. W. Schonack 
freundlichst mitgeteilter) Übersetzung: 

a. Ich sehe, daß die Feigen reif sind, wenn du doch mir ge- 
statten möchtest, wenige zu nehmen ... ß. Rühre keine an! du 
sprichst zornig wie Priapus; noch dazu willst du sogar mit leeren 
Händen kommen ... a. Ja, ich bitte darum, gieb mir . . ß. Auch 
ich habe eine Bitte, a. Du wünschest nämlich, sag' mir, was von 
mir? ß. Irgendwo steht die Bestimmung: „gieb und nimm!" a. Ob- 
wohl ein Gott, verlangst du Geld? ß. Etwas anderes möchte ich. 
a. Welcher Art ist dies? ß. Wenn du meine Feige essen willst, so 
gieb mir wohlgemut die „hintere" Feige! — 

Es handelt sich also um ein Gespräch zwischen Priapos und 
einem fremden Besucher des Gartens. Der Fremde möchte von den 
schönen reifen Feigen einige haben, was der Gott zunächst rundweg 
ablehnt, aber schliesslich gegen entsprechende Gegengabe erlaubt. 
Erstaunt fragt der Fremde, ob denn ein Gott nach Geld verlangt; 
doch der Gott belehrt ihn, dass er vielmehr des Fremden 
eigene „Feige" begehrt. 

Derselbe Gedanke wird im carmen Priapeum V ausgeführt: 
Quam puero legem fertur dixisse Priapus, 
versibus hie infra scripta duobus erit: 
'quod meus hortus habet, sumas impune licebit, 
si dederis nobis, quod tuus hortus habet'. 

Hieraus geht hervor, dass auch das von Priapos zum Genüsse 
begehrte Gesäss als „Feige" bezeichnet wurde, dass also loxdg bezw. 
ficus auch für den ganzen Teil ohne Rücksicht auf etwaige krank- 
hafte Veränderungen gesetzt wurde. Vielleicht hat dann das „ficosus" 
in dem berühmten und von den Vertheidigern der Altertumssyphilis 
als Hauptargument angeführten Epigramm des Martialis VII, 71 
auch die Nebenbedeutung: „den Hintern preisgebend". Dass es sich 
auf die Pädikation bezieht, ist zweifellos, wie wir weiter unten sehen 
werden. 

Dass „Ficus" auch im Sinne von feigenähnlicher Exkrescenz 
am Anus, von „Feigwarze" genommen wurde und dass diese als 



— 570 — 

•eine direkte Folge des Coitus per anum aufgefasst wurde, dafür 
liefert Epigramm 49 des 6. Buches des Marti alis den stringenten 
Beweis : 

Non sum de fragili dolatus ulmo. 
Nee quae stat rigida supina vena. 
De ligno mihi quolibet columna est, 
Sed Viva generata de cupressu: 
Quae nee saecula centies peracta 
Nee longae cariem timet senectae. 
Hanc tu, quisquis es, o malus, timeto. 
Nam si vel minimos manu rapaci 
Hoc de palmite laeseris racemos, 
Nascetur, licet hoc velis negare. 
Inserta tibi ficus a cupressu. 
Hier wird also klar und deutlich unter dem Bilde des pria- 
pischen Holzmembrum die Auffassung zum Ausdrucke gebracht, dass 
die Feigwarzen durch die Einführung des Penis in den Anus ent- 
stehen (,, nascetur inserta tibi ficus a cupressu"). Wo bei den Sati- 
rikern die „fici" und „mariscae" vorkommen, g'eschieht das immer, 
um den Vorwurf und Spott über die passive Päderastie ihres Trägers 
auszudrücken. Der Sinn ist: „aha, der hat Feigwarzen, also ist er 
ein Pathicus!" Wer diesen offen am Tage liegenden Zusammenhang 
erkannt hat, der liest die folgenden Epigramme ganz anders als die 
Anhänger der Lehre von der AltertumssyphiHs: 

Ut pueros emeret Labienus, vendidit hortos 
Nil nisi ficetum nunc Labienus habet. 

(Mart. XII, 33.) 
d. h. Labienus verkaufte seine Gärten, um Knaben zu kaufen, von 
denen er sich pädicieren liess, und hat jetzt statt der Gärten ein 
„Feigenbeet", d. h. ein Beet von Feigwarzen '). 
Ferner: 

castigas turpia, quum sis 

Inter Socraticos notissima fossa cinaedos. 
Hispida membra quidem et durae per brachia setae 
Promittunt atrocem animum; sed podice levi 
Caeduntur tumidae medico vidente mariscae. 

(Juvenal. IL 9—13.) 

l) Zur Erläuterung vgl. man noch die den Labienus betreffenden Epigramme II, 62, 
■VFO erwähnt wird, dass er sein Gesäss enthaare, um sich pädicieren zu lassen, und XII, 16, 
wo er als aktiver Pädikator verspottet wird, mit ganz ähnlicher Beziehung des „agellus" wie 
des „ficetum" im obigen Epigramme. 



— 58o — 

Hier wird ein heuchlerischer Pathicus gegeisselt, der äusserlich 
rauhe Männlichkeit hervorkehrt, wofür auch die starke Behaarung 
des Leibes und der Arme spricht, jedoch der Arzt erkennt 
lachend den wahren Sachverhalt, als er ihm von dem glatten, 
enthaarten After die üppig ins Kraut geschossenen Feigwarzen ^) ent- 
fernt! Wie man hier das Lachen des Arztes auf eine ganz und gar 
hypothetische Syphilis beziehen will, ist mir unerfindlich, es bezieht 
sich doch nur auf die überraschende Entdeckung, dass der Mann, 
der äusserlich den Biederen und Virilen par excellence spielte, sich 
nach Besichtigung seiner Posteriora als langjähriger Pathicus ent- 
puppt. Darauf bezieht sich auch das „frontis nulla fides" in Vers 8. 
Kein Wunder, dass der Arzt über diesen plötzlich sich ihm darbie- 
tenden Kontrast lacht und mit Heiterkeit die Verlogenheit des alten 
Heuchlers und Tugendprotzen konstatiert. 

Das schon erwähnte Epigramm VII, 71 des Martial, das man 
so oft auf Syphilis bezogen hat, muss ebenfalls in diesem Sinne inter- 
pretiert werden. Es lautet: 

Ficosa est uxor, ficosus et ipse maritus, 
Filia ficosa est et gener atque nepos. 
Nee dispensator nee vilicus ulcere turpi 
Nee rigidus fossor, sed nee arator eget. 
Cum sint ficosi pariter juvenesque senesque, 
Res mira est, ficos non habet unus ager. 

Es handelt sich um die mit Feigwarzen am Anus behaftete 
Familie und das Gesinde eines Gutsbesitzers, alle sind davon be- 
troffen, die Frau, der Gatte, die Tochter, Schwiegersohn und Enkel -), 
ebenso der Hausverwalter, der Meier, der Gräber, der Pflüger, kurz 
alt und jung; deshalb, so spottet Martial, ist es ein Wunder, dass 
kein einziger Acker „Feig-en" trägt ^). Es herrscht eben — das ist der 
wahre Sinn des. Epigramms — in dieser ländlichen Hausgenossen- 
schaft eine zügellose geschlechtliche Promiskuität und alle 
haben sich pädicieren lassen, Männer sowohl als auch Frauen. Weiter 



i) ,,inarisca" ist ebenfalls eine Art grosser Feigen. Das Wort ist hier absichtlich 
gewählt, um die üppige Wucherung der Kondylome zu bezeichnen. 

2) Den Missbrauch ganz junger Knaben geisselt auch Epigr. IX, 6 und besonders 
IX, 8 des Martial. Bekanntlich brachte Domitian die lex Scantinia de nefanda Venere 
(Valer. Maxim. VI, i, 7) wieder in Anwendung (Sueton., Domit. 8). 

3) „Ager" ist hier im zweifachen Sinne genommen. Martial denkt neben dem wirk- 
lichen Acker, der keine Feigen trägt, an den ungenannten (= Gesäss), der solche reichlich 
hat. Dies erhellt deutlich aus XII, 16, wo ,,agellus" einmal in jenen, einmal in diesem 
Sinne gebraucht wird. 



- 58i - 

unten werden wir sehen, wie häufig auch Frauen sich der Pädikation 
hingaben. Das „Ulcus turpe" bezieht sich wohl mehr auf die starke 
Absonderung der Feigwarzen als auf den geschwürigen Zerfall. 
Natürlich kann auch ein eiterndes Ulcus molle als Folge der Pädi- 
kation auftreten und in dem Sammelbegriff „ficus" mitenthalten sein. 
Auf die medizinische Terminologie der Analaffektionen kommen wir 
später noch zu sprechen. Hier soll nur der Nachweis des Zusammen- 
hanges der fici mit der passiven Päderastie erbracht werden. Dieser 
Zusammenhang erhellt auch aus IV, 52 des Martialis, das ich an- 
ders erkläre als Rosen bäum (a. a. O. S. 137) es thut. Das Epi- 
gramm lautet: 

Gestari iunctis nisi desinis, Hedyle, capris, 
Qui modo ficus eras, iam caprificus eris. 
Rosenbaum bemerkt hierzu: 

„Wenn capra hier die Bedeutung von Scortum hat, wie es kaum anders sein 
kann, so ist diese Stelle ein unzweideutiger Beweis, dass die Feigwarzen eine Folge des 
Beischlafs mit gemeinen Huren waren, und letztere gewöhnlich damit behaftet waren." 

Rosenbaum hat bei dieser Stelle übersehen, dass derselbe 
Hedylus in einem späteren Epigramm (IX, 57) als eingefleischter 
Pathicus verhöhnt wird und dass hierdurch der Sinn des obigen 
Epigramms sich ganz einfach so erklärt: „Bis jetzt warst Du, Hedylus, 
nur ein „ficus", d. h. ein passiver Päderast. Wenn Du aber nicht 
bald aufhörst, Dich mit den beiden Ziegen (oder Ziegenböcken) abzu- 
geben, so wirst Du bald ein „caprificus" sein. Caprificus bezeichnet 
eine besondere Art von wilden Feigen, wird also hier als ein geist- 
reiches Wortspiel gebraucht. Es ist möglich, dass es sich bei „capris" 
um ein paar Huren handelt, möglich aber auch, dass Hedylus mit 
Ziegen Sodomie trieb, und dass sich das Wortspiel auf diese Verbin- 
dung von passiver Päderastie und Sodomie bezieht. Jedenfalls be- 
zeichnet „ficus" auch hier wieder den passiven Päderasten, wie die 
derbe Charakteristik des Hedylus als solchen in IX, 57 das schlagend 
beweist ^). 

Wie Hedylus ist auch Caecilianus, dessen laxe Sitten Martial 
(IX, 70) geisselt, ein mit Feigwarzen behafteter Pathicus. Das ist 
der Sinn von Epigramm I, 65: 



l) Erwähnt sei noch die rein wörtliche Erklänmg des Epigramms IV, 52 bei Paul y 
Wissowa, Real-Encyclopädie der klassischen Altertumswissenschaft. Neue Bearbeitung, 
12. Halbband, Stuttgart 1909, Spalte 2142 (Artikel „Feige"): „Durch schlechten Umgang 
verdorben wird jemand aus «iner fiais eine (unfruchtbaie) caprificus". Das erschöpft nicht 
den Sinn des Epigramms, der wie oben gedeutet werden muss. 



- 5B2 - 

Cum dixi ficus, rides quasi barbara verba 
Et dici ficos, Caeciliane, iubes. 
Dicemus ficus, quae scimus in arbore nasci, 
Dicemus ficos, Caeciliane, tuos. 
„Ficus" heisst nach der vierten Deklination Feige, nach der 
zweiten Feigwarze. Rosen bäum zitiert hierzu die folgenden Verse 
der alten Grammatiker: 

Haec ficus, fici vel ficus, fructus et arbor. 
Hie ficus, fici, malus est in podice morbus. 
Es war, wie GeigeP) treffend bemerkt, der „abenteuerliche" 
Sitz am After, der diese Feigwarzen zum Gegenstande des Spottes 
bei den Satirikern machte, weil er die Diagnose des widernatürlichen 
Geschlechtsverkehrs sicherstellte. Deshalb werden die durch den natür- 
lichen Geschlechtsverkehr erworbenen Feigvvarzen an den Genitalien 
von den Satirikern fast gar nicht erwähnt, wenn sie den Laien auch 
ebenso bekannt waren, wie den Aerzten, wie z. B. Carmen Priap. L 
beweisen würde, falls die Lesart „ficosissima" richtig wäre. Nach der 
gegenwärtig besten Edition der Priapea von Buecheler lautet das 
Gedicht: 

Quaedam si placet hoc tibi, Priape, 
fucosissima me puella ludit 
et nee dat mihi nee negat daturam, 
causas invenit usque differendi. 
quae si contigerit fruenda nobis, 
totam comparibus, Priape, nostris 
cingemus tibi mentulam coronis. 
Buecheler hat, wie schon vor ihm Haupt („Conjectanea", 
Hermes 1874, VIII, 241), ganz richtig erkannt, dass ficosissima hier 
nicht am Platze ist, da der zum Priapus betende Mann schwerlich 
sich für ein mit- Feigwarzen behaftetes Mädchen derart begeistern 
konnte, dass er um jeden Preis sie, die in raffinierter Koketterie 
(fucosissima, dafür Haupt: tricosissima) mit ihm ihr Spiel treibt (ludit), 
besitzen möchte. Das wäre, selbst wenn man eine Kenntnis der 
Ansteckungsfähigkeit ausschliesst, aus denselben ästhetischen Grün- 
den unbegreifUch, die im Carmen Priap. XLVI den Liebhaber vor der 
schmutzigen, mit Ungeziefer behafteten Dirne zurückschrecken lassen. 
Auf eine andere Folge der passiven Päderastie scheint Martial 
XI, 88 zu deuten: 



I) A. Geigel, Geschichte, Pathologie und Therapie der Syphilis, Würzburg 1807, 
S. iq8, Anmerk. 2. 



- 583 - 

Multis iam, Lupe, posse se diebus 
Paedicare negat Charisianus. 
Causam cum modo quaererent sodales, 
Ventrem dixit habere se solutum. 

Auf die Frage, weshalb er seit vielen Tagen nicht mehr pädicire, 
antwortet Charisianus, er habe Durchfall. Berg^) erklärt in seiner 
Uebersetzung des Martialis, dass dieser Ausdruck bedeute: er w^ar 
selbst Kinäde. Der ,, Durchfall" sei also eine Folge der Reizung bei 
der passiven Päderastie. Vielleicht aber ist das, wie Rosenbaum 
(a. a. O., S. 134) meint, nur eine Ausrede des Charisianus, und es 
verbirgt sich dahinter ein ernsteres Uebel des Pathicus, z. B. ein 
Mastdarm tripper. 

Dass jedenfalls die Pädikation für den Pathicus mit unange- 
nehmen, oft unerträglichen Beschwerden verbunden war, scheint auch 
die dunkle Andeutung bei Spartianus (Hadrian., c. 14) über die 
Ursache des Selbstmords des schönen Knaben Antinous anzudeuten: 

,,Antinonm suum, dum per Nilum navigat, perdidit, quem muliebriter flevit. de quo 
varia fama est, aliis eum devotum pro Hadriano adserentibus, aliis quod et forma ejus 
ostentat et nimia voluptas Hadriani." 

Die „allzu grosse Wollust" des Kaisers Hadrian, die w^ohl 
allzu häufigen unnatürlichen Beischlaf zur Folge hatte, war also die 
Ursache des Selbstmordes des Knaben, wobei es dahingestellt bleibt, 
ob auch eine Erkrankung vorhanden w'ar und zum Selbstmorde führte. 

Kaum weniger häufig als die Pädikation der Männer war die- 
jenige der Frauen durch Männer, sowohl bei den hellenischen Ver- 
ehrern der Aphrodite Kallipygos (Athen. XII, 554 c) als auch bei 
den Römern. 

Interessant sind . in dieser Beziehung verschiedene Zitate aus dem Dichter Machon 
bei Athenaios (Lib. XIII ed. Meineke, Vol. III, p. 43 ff.), aus denen hervorgeht, dass 
berühmte Hetären sich pädicieren Hessen, z. B. die Mania: 

ahovfjLEvrjv Xsyovoi zrjv Jivyriv Jiore 
VTio Tov ßaoiXscog Maviav Ar]/zrjrQiov 
dvta^tcöoai Scogsav xavxöv riva. 
dovrog 5' ejiiaxoixi>aaa /nsia fiixgov Äeysi, 
jiyafiifivovog nai, vvv exeTv e^eoii 001 

(Athen. XIII, 579 a) 
femer die Gnathaina: 

Aeyovoi jiovTixöv ri (lEtQaxvlhov 
a.va:!iav6f^iEV0v fiSTO. rr/g Fva&aivrj a^iovv 
jTQog ECO y£v6i.i£vov, moxe xi]v TivyrjV ana^ 



i) Die Epigramme des Marcus Valerius Martialis in den Versmassen des Originals 
übersetzt und erläutert von Alexander Berg, Stuttgart 1865, S. 419. 



i84 



avTÖi craQuo/Eiv zijr Sk tovt' emsTv, zd/.av, 
sjisiza tfjv :jvyi]v /ne vvv alxeig, ozs 
zag vg i.-rl roiLajv xaigög soziv sSäyeiv; 

(Athen. 580 f.) 



die Niko: 



/.iyezai 6' ey.Ei%'ip- zijv yvvaifi' sa'/i]y.svai 
7ivyi]v jidvv y.aXrjv, fjv Jioz' rj^iov kaßsTv 
o Ai]/xo(fcör. fj S' sine ye}.6.aaa\ sv y''iva 
2oq?0}ileT ),aßibv öwg, qrjai', nao' sfiov, (pü.zaze; 

(Athen. 582 f.) 
und endlich die Gnathainion (Athen. XIII, 581c). 

Besonders die Gnathaina scheint in diesem Rufe gestanden zu haben. Ein Soldat, 
der sie aushielt, nannte sie /.dy.xog („Cisterne"). Welchen üblen Nebenbegriff man damit 
verband, zeigen die Zusammensetzungen /.axHOTTQwy.zog , Synonjin von svovngoyxzog, laxy.6- 
nvyog und ).ay.xojiQO)Hzia ^). 

Dass sich aber dieser -widernatürliche Verkehr keineswegs auf die Hetären be- 
schränkte, sondern auch zwischen Ehegatten häufig vorkam, zeigen zahlreiche Stellen bei 
römischen Schriftstellern. Z. B. bemerkt der Rhetor Seneca (Controv. I, 2): „Novimus 
istam maritorum abstinentiam qui, etiam si virginibus timidis remisere noctem, vicinis tarnen 
locis ludimt". Oft erwähnt Martial die Pädikation der Gattinnen und Buhlerinnen, z. B. 
lässt er XI, 104, 17 ff. einen Lebemann zu seiner Gattin sagen: 

Paedicare negas: dabat hoc Cornelia Graccho, 

Julia Pompeio, Porcia, Brüte, tibi; 

Dulcia Dardanio nondum miscente ministro 

Pocula Juno fuit pro Ganymede Jovi, 
und schildert IX, 67 deutlich die Pädikation als Folge des sexuellen Variationsbedürfnisses: 

Lascivam tota possedi nocte puellam, 

Cuius nequitias vincere nemo potest. 

Fessus mille modis illud puerile poposci: 

Ante preces totas primaque verba dedit, 
genau wie bei Apulejus (Metamorph. III, c. 20): „Sic nobis gannientibus libido mutua 
et animos simul et membra suscitat, et omnibus abjectis amiculis hactenus denique intecti 
bacchamur in Venerem, cum quidem mihi jam fatigato de propria liberali- 
tate Fotis puerile obtulit corollarium". 

Vgl. ferner Mart. X, 81; XI, 79, 5; Ausonius, Epigr. LXXIX, p. 341 Peiper. 
Interessant ist besonders XI, 99 des Martial durch den Spott auf das übermässige Klaffen 
des Anus bei der sich der gewohnheitsmässigen Pädikation hingebenden Lesbia, die weder 
sitzen noch stehen kann luid schliesslich von den eigenen — Kleidern pädiciert wird. 
Nicht selten wurden Mädchen gleich den Knaben schon im Kindheitsalter pädiciert, wie 
z. B. die Theodora, von der Prokop in den ^Avsxöoza (ed. Isambert, Paris 1856, 
p. 104 — 107) berichtet: Tecog /u.sv ovv äcogog ovaa, rj 0sodcÖQa ig xoizrjv dvdQi ^vyisvai 
ovöafirj el^sv ovöe ola yvvi] [xiyvvodai' »; 8e zovg xaxodaif^ovovatv dvögiav 
riva fiiorfzrjv avs/uioyszo, xai zavza SovÄoig, oaoi zoTg y.sxzrjjLisroig sjiöfievoi ig z6 
veazoov ndgegyov, xfjg ovorjg avzolg svxaigiag, zöv ökeßgov zovxov etoydCovzo s'v zs 
fiaozQojTisiw n:o).vv ziva ygovor, inl zavzi] 8y zy nagd (pvoiv igyaoia zov 
ooj/Liazog , öiazgißrjv ei •/£%>. 



ll Vgl. Friedrich Jacobs, Vermischte Schriften, Leipzig 1830, S. 551. 



- 585 - 

Von bildlichen Darstellungen der paedicatio von Frauen seien erwähnt: 

1. Ein Vasenbild im Museo Nazionale zu Neapel, auf dem ein bekränzter Satyr eine 
auf der Erde knieende Frau pädicieren will ' ). 

2. Auf einer Amphora aus Tharros sieht man nicht weniger als vier Männer mit der 
Pddikation ihrer Frauen beschäftigt"). 

3. Ein Krater mit rötlichen Figuren schönsten Stiles. Dionysos mit Thyrsus steht 
einer Frau („Mänade") mit Kalathos gegenüber, ein ithyphallischer SatjT einer bekleideten 
Bacchantin, welche ihr Gewand nach Art der Venus Kallipygos erhebt, offenbar zum Zwecke 
der Pädikation ^). 

4. Pelike im Museo Tarquiniese in Corneto. Ein Mann sitzt vor einer Frau, die 
das Gewand emporhebt. Auf der anderen Seite benützt er die Frau in unnatürlicher 
Weise*). 

5. Auf einer Kline, vor der ein dreibeiniger Tisch mit Gefässen und Trinkhörnern 
steht, liegen zwei Jünglinge, beide unterwärts mit ihren Mänteln bedeckt, bekränzt und mit 
Guirlanden um den Hals geschmückt: der eine hat in der Linken eine Schale, der andere 
einen Zweig. Beide wenden die Köpfe um zu einer am Kopfende der Kline abgewandt 
vor ihnen stehenden Frau, welche, bekleidet und beschuht, umblickt und ihnen, das Ge- 
wand aufhebend, ihr Gesäss zeigt"). 

6. Auf einem pompejanischen Gemälde sieht man eine nackte Frau, den Kopf an 
das Polster eines Triklinium gelehnt, den Hintern nach einem hinter ihr stehenden nackten 
Jüngling gewandt*'). 

Die Feststellung der Häufigkeit des an Männern und Frauen 
vorsrenommenen Pädikationsaktes im Altertum Hess auch, wie wir 
gesehen haben, seine unmittelbare Beziehung zu rein lokalen mecha- 
nischen oder pathologischen Alterationen der Regio analis erkennen, 
die, wie wir ebenfalls sahen, sehr deutHch als eine Folge jenes Aktes 
geschildert werden. Wir haben oben (S. 418 — 421 und S. 426 — 428) 
bereits die zahlreichen nichts3^philitischen Affektionen und Lä- 
sionen beschrieben, die durch die Pädikation hervorgerufen werden, 
und müssen den Leser darauf verweisen. Diese sind heute noch 
häufiger, mindestens aber ebenso häufig wie die syphilitischen 
Affektionen. In dieser Beziehung ist die Mitteilung eines homo- 
sexuellen Arztes interessant, der selbst mehrere passive Päderasten 
behandelte und berichtet, daß er zwei syphilitische, einen lokalen 
Schanker, mehrere Fissuren und einen Fall von spitzen Condylomen 



i) H. Heydemann, Die Vasensammlung des Museo Nazionale zu Neapel, Berlin 
1872, S. 620 (Nr. I B). 

2) F. von Decker, Sardinische Reiseerinnerungen, namentlich aus Tharros. In: 
Strena Helbigiana (Festschrift für W. Heibig), Leipzig 1900, S. 64. 

3) S. Birch, „Vasen des Herrn Hope" in: Archäolog. Anzeiger, Oktober 1849, 
Nr. 10, S. q8 — 99. 

4) Paul Hartwig, Die griechischen Meisterschalen der Blütezeit des strengen rot- 
figurigen Stils, S. 457. 

5) H. Heydemann, a. a. O. S. 407 (Nr. 2855). 

6) E. Gerhard und Th. Panofka, Neapels antike KunstMCrke, S. 461. 



- 586 — 

am Anus behandelt habe. Im letzteren Falle bestand eine grosse 
blumenkohlförmige Geschwulst^). Fügt man die oben (S. 421 ff.) er- 
wähnten Analulcerationen gonorrhoischen oder staph3dogenen Ur- 
sprungs, die abscedierenden und hypertrophierenden Prozesse der 
Analregion infolge der Pädikation hinzu (vgl. S. 429 und S. 430), so 
braucht man nicht mehr zu der Hypothese von der „syphilitischen" 
Natur der von Martial und Juvenal erwähnten „fici" und „maris- 
cae" seine Zuflucht zu nehmen, über deren meist nichtsyphilitischen 
Charakter sich erfahrene Gerichtsärzte längst klar sind (vgl. oben 
S. 432 — 433 die Aeusserungen von E. Hofmann und Dittrich;. 

Wenn auch im öffentlichen Leben der Alten die Homosexua- 
lität der Frauen bei weitem nicht diejenige Rolle spielte wie die- 
jenige der Alan n er, hauptsächlich wegen der den Frauen auferlegten 
grösseren Zurückhaltung-), so war sie doch den Alten durchaus be- 
kannt und geläufig und man schrieb ihr einen ähnlichen mythischen 
Ursprung zu wie der mannmännlichen Liebe, wie aus einer Fabel 
des Phaedrus (IV, 14) hervorgeht, nach der die „tribades" und die 
„molles mares" dadurch entstanden sind, dass Prometheus in der 

Trunkenheit 

Adplicuit virginale generi masculo, 

Et masculina membra adplicuit feminis. 

Pia ton äussert sich im Symposion (p. 191 e) über den Ursprung 
der Tribaden etwas anders: öoai de tö)v yvvaixcöv yvvaixög TjLtrjjud eiaiv, 
ov Jidvv avxai roTg ävöodoi rov vvv noooeyovoiv, äXXd jucdXov Jigog Tag 
yvvaixag TSioajUjuevai eioi' xal al eraiQioTQiai ex rovzov rov yevovg 
yiyvovrai. 

Es ist bezeichnend, dass auch die Tribadie in grösserem Um- 
fange sich zuerst in Sparta entwickelte, wo auch der Ursprung- der 
Knabenliebe als einer dorischen Volkssitte zu suchen ist. Plutarch, 
der von der Liebe zwischen Frauen und Jungfrauen in Sparta be- 
richtet (Lycurg. 18), hat sicher an Sinnenliebe dabei gedacht, was 
ich mit Wachsmuth"^) gegenüber Welcker und K. O. Müller^) 
annehme, weil die blosse Erwähnung dieser seltsamen Thatsache 
von rein homosexuellen Liebesverhältnissen bei PYauen, für den er- 



i) R. V. Kraff t-Ebing, Psychopathia sexiialis, lo. Aufl., Stuttgart 1898, S. 243. 

2) Vgl. darüber u. a. William Mure, Historj' of Grecian Literature, London 1850, 
Bd. III, S. 497 — 499. 

3) Wilhelm Wachsmutli, Hellenische Altertumskunde aus dem Gesichtspunkte 
des Staats, 2. Aufl., Halle 1846, Bd. II, S. 387. 

4) Karl Otfried Müller, Die Dorier, Breslau 1824, Bd. II, S. 297—298. 



,-.0/ 



fahrenen Anthropologen bereits die Betonung der physischen Bethä- 
tigung einschhesst, ohne dass eine ideale Grundlage jener merkwür- 
digen Beziehungen geleugnet werden soll. 

Diese Auffassung gut auch für die seit Welcker^) vielerörterte 
Frage, ob die lesbische Dichterin Sappho nur eine rein ideale Freund- 
schaft für die von ihr besungenen und angeschwärmten Mädchen 
empfunden habe oder in einer sinnlichen Glut für sie entbrannt ge- 
wesen sei 2). Wer die Ergebnisse der neueren wissenschaftlichen 
Forschungen berücksichtigt, ist durchaus zu der Annahme berechtigt, 
dass bei angeborener, echter, originärer Homosexualität, wie das viel- 
leicht bei Sappho der Fall war, jenes von Welcker und seinen 
Nachfolgern betonte hohe ideale Gefühl sich in jeder Beziehung mit 
einer leidenschaftlichen Sinnlichkeit und deren Bethätigung verträgt, 
wie dies auch in der normalen heterosexuellen Liebe beobachtet wird. 
Der „Fall Sappho" wird m. E. am richtigsten beurteilt, wenn man 
aus den doch nun einmal nicht hinwegzudisputierenden klaren 
Aeusserungen eines Ovid (Ars amatoria, III, 331: nota sit et Sappho, 
quid enim lascivius illa? Trist., II, 365: Lesbia quid docuit Sappho, 
nisi amare puellas? Heroid., XXI, 15 — 20 u. 201: Lesbides, infa- 
mem quae me fecistis amatae), Horatius (Od., II, 13, 25: querentem 
puellis de popularibus, Epist., I, iq, 28: mascula Sappho), Martialis 
(VII, 69: Carmina fingentem Sappho laudavit amatrix: Castior haec, 
et non doctior illa fuit) und Suidas (s. v. : erdigai de avrfjg xai cpilai 
yeyovaoi rgeig, 'Ar^ig, Te}.eo(CTJza. Msydoa, 7106g ag xal diaßoX)]v eoyev 
alo/gäg (filiag) und den ihre herrliche Poesie in den Vordergrund 
stellenden Aeusserungen eines Solon (Stob., 2g, 58), Plato (Evvea 
rag Movoag cpaoiv riveg' cog ohycÖQOjg' f/viös xai Zancpcj Aeoßößev fj 
öexaTTj bei Bergk, Poetae lyrici graeci, Leipzig 1853, S. 494), Ca- 
tull. (XXXV, 16: Sapphica puella musa doctior), Philoxenos 
(Plut., Erot., 762 F), Horatius (Carm., IV, 9) und den eigenen leiden- 
schaftlichen Liedern der Sappho, mit denen sie die Liebe der 
Mädchen erfleht (vgl. besonders Fragm. 9; Fr. 12, 22, 2;^; Fr. 33: 
'Hoäjuav juev eyw oeßsv, ^'Ar&i. jtdXai Tioxa; Fr. 34; 36; 38; I-r. 40; 41; 
Fr. 58 und Fr. 70, wo von ihren Nebenbuhlerinnen bei der 
schönen Atthis die Rede ist), den einzig möglichen Schluss zieht, 



1) F. G. Welcker, Sappho von einem herrschenden Vorurteil befreit, Göttingen 1816. 

2) Vgl. F. G. Welcker, Ueber die beiden Oden der Sappho. In: Rhein. Museum 
f. Philologie, 1856, Bd. XI, S. 226 — 259; William Mure, Sappho and ihe Ideal iove 
of the Greeks, ebendas., 1857, Bd. XII, S. 564 — 593; vgl. Ovid, Ars amatoria, ed. Paul 
Brandt, Leipzig 1902, .S. 166 (Anmerk. zu III, 331) und S. 240 (neuere Literatur) und 
die alierneueste Monographie: Bernhard Steiner, Sappho, Jena 1907. 

Bloch. Der Ursprung der ."Syphilis. -^o 



- 588 - 

dass sie in der That eine Tribade war, dabei aber eine ideal empfin- 
dende Künstlerin. Zu diesem Ergebnis kommt auch Theodor Koch 
in seiner vorzüglichen Monographie über die Sappho'), wenn er bei 
aller Anerkennung des idealen Grundzuges der sapphischen Liebe 
schliesslich bemerkt: „dass diese Liebe bei einer starken, südlich- 
leidenschaftlichen Xatur körperlicher so zu sagen und sinnlicher wird 
als unter unserem phlegmatischen Himmel und als, wie man immer- 
hin gestehen mag, überall zu wünschen ist, wird niemand in Ver- 
wunderung setzen" (a. a. O., S. 45). 

Jedenfalls ist der spezielle Typus der Tri baden, als deren 
ältester Sitz neben Sparta die Insel Lesbos galt, den späteren Autoren 
durchaus geläufig, wie die besondere Terminologie beweist 
{rgißag, eraigiorgiai; Lukian., Dialog, meretr. V, 2; dieraigioTgiai, 
Hesych. i, 510 = yvvälxeg ai Tetoajujuh'ai Jigög rag haigag im ovvov- 
oiq, (hg oi ävdgsg- olov rgißddeg; tribas (Mart., VII, 67; Phaedrus, 
IV, 14); frictrix (Tertullian. de pallio, c. 4); subagitatrix 
(Plaut, Pers. II, 2, 45). 

Lukianos berichtet (Dial. meretr. V, 2) von den Weibern auf 
Lesbos vTio dvdgcov uev ovy. i&e?Mvoag avro ndo/eiv, yvvaiil de amdg 
7iX't]oia'Qovoag. cooneg dvdgag. Er teilt dort ein sehr charakteristisches 
Gespräch zwischen der Hetäre Leaina und der Tribade Megilla mit 
und schildert sehr eingehend den darauf folgenden Geschlechtsver- 
kehr zwischen den beiden. Eine andere berüchtigte Tribade ist die 
Philaenis (Lucian., Amores, c. 28): jräoa ök ))juo)v fj yvvaiy.ovTTig eoro) 
^ikaivig, dvögoyvvovg egonag doxrj^ovovoa. 

Von römischen .Schriftstellern erwähnt schon Plautus eine 
weibliche Homosexuelle, die Sophoclidisca in den Persern U, 2, 45, 
zu welcher Paegnium sagt: ne me attrecta, subagitatrix. — Sin te amo? 
— Male operam locas. Horatius spricht (Epod. V, 41) von der 
„mascula libido"_ der Folia aus Ariminum, und eine auch heute noch 
sehr häufige Complication führt uns Seneca (Controv. II in fine) vor, 
nämlich die Eifersucht des Ehemannes, dessen Frau ihn mit einer 
Tribade hintergeht: „Hybreas cum diceret controversiam de illo, qui 
tribada deprehenderat et occiderat, describere coepit mariti affectum, 
in quo non deberet exigi inhonesta inquisitio". 

Martial und Juvenal belehren uns dann über die grosse Ver- 
breitung der Tribadie in der Kaiserzeit, deren Organisation in ge- 
heimen Klubs deutlich aus der Schild-erung Juvenals (VI, 306 — 322) 
hervorgeht. Sie feierten ihre Orgien am Altar der Göttin Pudicitia 

II Theodor Koch, Alkäos und Sappho, Beriiii 1862. 



- 589 — 

und beim Feste der Bona Dea. Wie gross die Zahl der Tribaden 
in Rom war, geht auch aus dem Epitheton „tribadum tribas" hervor, 
mit dem Martial (VII, 70) die Philaenis anredet, ein richtiges 
„Mannweib", deren männliche Allüren und ausschweifendes Treiben 
in dem berüchtigten Epigramm VII, 67 so drastisch geschildert werden: 

Paedicat pueros tribas Philaenis 

Et tentigine saevior mariti 

Undenas dolat in die puellas. 

Harpasto quoque subligata ludit, 

Et flavescit haphe, gravesque draucis 

Halteras facili rotat lacerto, 

Et putri lutuienta de palaestra 

Uncti verbere vapulat magistri: 

Nee cenat prius aut recumbit ante. 

Quam Septem vomuit meros deunces; 

Ad quos fas sibi tunc putat reverti, 

Cum coloephia sedecim comedit. 

Post haec orania cum libidinatur, 

Non fellat — piitat hoc parum virile — , 

Sed plane medias vorat puellas. 

Di mentem tibi dent tuam, Philaeni, 

Cunnum lingere quae pulas virile. 

Eine andere Tribade mit männlichen Neigungen ist Bassa, der 
Epigramm I, go gewidmet ist, aus dem die die Art des homo- 
sexuellen Verkehrs beschreibenden Verse hervorgehoben seien: 

At tu, pro facinus, Bassa, fututor eras. 

Inter se geminos audes committere cunnos« 

Mentiturque virura prodigiosa Venus. 

Die Art des Verkehrs beschränkte sich also nicht bloss auf 
Küsse und Umarmungen, sondern es fand auch eine Nachahmung der 
heterosexuellen Cohabitation statt (das „equitare" des Juvenal VI, 3 1 1), 
ausserdem eine manuelle oder linguale Masturbation, die als Zeichen 
der „mascula libido" galt, oft aber, wie im Falle der Philaenis 
(Mart. VII, 67; IX, 40), auch abwechselnd bald von der einen, bald 
von der anderen Partnerin ausgeführt wurde. Dass, wie Martial 
(VII, 67) und Seneca (Epist. 95) annehmen, eine clitoris permagna 
es den Tribaden möglich macht, einen wirklichen Coitus auszuführen, 
ist ein altes, auch in neuerer Zeit oft wiederholtes Märchen ^). Dagegen 
bedienten sie sich in ihrem gegenseitigen Verkehr zweifellos schon 
sehr früh einer künstlichen Nachahmung des männlichen Gliedes 
{öXioßog), die aus Leder gefertigt war, und von Suidas s. v. öhoßog 

i) Vgl. die betreffenden ungeheuerlichen Angaben bei Martin Schur ig, Muliebria, 
Dresden 1729, S. 92. 

38* 



— 590 — 

folgendermaassen definiert wird: alödiov degjiidTO'or , cß iygcTjvTo ai 
Mih]oiai yvvaixeg , cbg igißdöeq xal aioxQOvgyoi. "Eyoüivxo de avroTg 
xai ni yf]Qai yvvaiy.sg. Darnach wurden diese künstlichen Phallen 
hauptsächlich von den jMilesiei innen, den Iribaden, sehr wollüstigen 
Frauen und Wittwen gebraucht. Nach Aristophanes (Lysistr. io8 
bis iio), der neben Kratinos am frühesten diesen ö?uaßog erwähnt, 
scheint in der That Milet Hauptfabrikationsort für diese Wollust- 
apparate gewesen zu sein : 

i^ ov yuo rjfiäQ :joovöoour Mth'jnioi, 
ovx elöov 07'd' ö/uoßov oxKo^äy-Tvlor, 
(ig rjv av >)fih' oy.vrlvi] 'jti?:o)'oi(i. 

Der Dichter Kratinos empfahl sogar nach vSuidas (s. v. jnior]Ti]) 
den allzu wollüstigen Weibern den Gebrauch des Olisbos und erwähnt 
nach Athenaios (Deipnosoph. XV. 676 f.) die vagxiooi'vovg ö)doßovg. 
Nach Otto Crusius^) sprach auch Epicharmos von Fegga Nd^ia = 
öegjudTiva aldola, gegen die er wohl zu Felde zog. Sophron spricht 
ebenfalls im gleichen Sinne von dem djuqpdhjra xvnrd'QEiv und von 
den ocoXrivEg (Spritzen) als yjjgäv yvvaiy.öjv ?uyv£Vfia (Feckerbissen der 
Wittwen) und des Blaisos ueoojgißag (halbabgerieben) gehört nach 
Bergk's Darlegungen in dieselbe Kategorie'^). 

Die bei weitem ausführlichsten Mitteilungen über Herstellung 
und Benutzung des künstlichen Lederphallus oder ßavßcov, wie er 
hier heisst, finden wir in den erst i8gi entdeckten Alimiamben des 
dem 3. Jahrhundert v. Chr. angehörigen hellenistischen Dichters He- 
rondas. Hier dreht sich der 6. Mimiambus, betitelt fßdidCovoai i) 
""Idid'Covoai („Die beiden Freundinnen oder Das vertrauliche Gespräch")-^) 
ganz» um diesen zweideutigen Gegenstand. 

Die Personen des Stückes sind Koriito, die Frau eines Ackerbürgers und ihre Freun- 
din Metro, die sich bei einem Besuche recht eifrig bei Koritto nach dem Fabrikanten eines 
,, scharlachroten Baubon" {y.oxxivov ßavß(ova) erkundigt, den sie liei einer anderen Be- 
kannten, der Nossis, gesehen habe, die ihn wiederum von der Eubule bekommen habe. Es 
stellt sich heraus, dass dieser ,,consoIateur" der Koritto selbst gehört und also, ohne ihr 
Wissen, von einer Frau zur anderen gewandert ist. Koritto bricht nämlich in die ent- 
rüsteten Worte aus : 

O diese Weiber! Dies Weib bringt mich noch um! 

Ich liess mich durch ihr Bitten und Fleh'n erweichen. 



1) Otto Crusius, Untersuchungen zu den Mimiamben des Herondas, Leipzig 1892, 
S. 129. 

2) Weitere Zitate bei Crusius a. a. O. S. 129 — 130. 

3) Herondae Mimiambi ed. O. Crusius, Leipzig 1892, S. 38—45; Die Mimiamben 
des Herondas. Deutsch mit Einleitung und Anmerkungen von Otto Crusius, Göttingen 
'893, S. 37—44- 



— 591 — 

Und gab ihn ihr, eh' ich ihn selber brauchte; 

Doch sie, als ob sie auf der Gasse ihn 

Gefunden hätte, verschenkt ihn, auch an solche, 

Die nicht dazu gehören. Eine Freundin 

Von dieser Sorte kann mir gewogen bleiben ; 

Eine andre mag sie sich an unsrer Statt 

Als Freundin suchen. Gerade der Nossis ihn 

Zu leihn! Der würd' ich doch — vermess'uer red' ich 

Als Weibern zusteht; mögst du mich nicht hören, 

Adrasteia — hätt' ich tausend, gab' ich Der 

Nicht einen ab, und wenn er räudig wäre! 

(Uebers. von Crusius.) 
Nachdem Metro den Zorn ihrer Freundin beschwichtigt hat, erfährt sie auf noch- 
maliges dringendes Befragen von ihr, dass ein kahlköpfiger Schuster Kerdon aus Chics diese 
Baubonen heimlich fabriziert. Koritto rühmt seine AVaare enthusiastisch : 

Ich wenigstens — mit zweien kam er nämlich — 

Wie ich sie erblickte, gingen mir vor Entzücken 

Die Augen über. Unsern Männern hebt sich 

— Wir sind ja unter uns — das Glied nicht so. 

Und mehr noch — weich, wie holder Schlaf, ist Alles, 

Und Wolle sind die Riemchen, keine Riemen; 

Einen Schuster, der es mit uns Frauen besser 

Als dieser meinte, kannst du lange suchen. (Crusius.) 

Metro hört dann noch, dass Artemis, die Frau des Gerbers Kandas, den Kerdon 
mit seinen zwei Baubonen zu der Koritto geschickt habe und dass diese nur einen be- 
kommen konnte, weil der andere schon bestellt sei. Deshalb geht Metro jetzt sogleich zur 
Artemis, um sich ihrer Vermittlung beim Ankauf eines ohoßo^ zu bedienen. 

Der Inhalt dieses sehr realistischen Mimus ist in mehrfacher 
Beziehung interessant. Wir ersehen daraus, dass diese künstlichen 
Glieder V) auch noch in der hellenistischen Zeit ebenso verbreitet und 
beliebt waren wie zur Zeit der älteren Komödie und dass die sie 
benutzenden Frauen eine Art von Geheimbund bildeten, von dem 
nach den Worten der Koritto alle ausgeschlossen waren, die „nicht 
dazu gehören", dass ferner diese Lederphallen von einer zur andern 
wanderten und recht oft wohl gar gemeinschaftlich benutzt wurden. 
Am merkwürdigsten ist aber die Stelle, wo Koritto den Ausdruck 
„räudig" gebraucht. Im Original steht hier: ydiwv evvzmv ev ovx äv 
öorig kengög iori jiooodcbooi. Schon vor mehr als zehn Jahren, noch 
vor dem Erscheinen des ersten Teiles dieses Werkes habe ich auf 
diese in jedem Falle bemerkenswerte Stelle hingewiesen -) und daraus 
den Schluss gezogen, dass hier eine venerische Erkrankung des 



i) Sie täuschten ganz wie moderne Erzeugnisse dieser Art sogar bezüglich der Farbe 
ein wirkliches membnim virile vor. 

2) Iwan Bloch, Kannten die Alten die Contagiosität venerischer Krankheiten? 
Ein neuer Beitrag zu einer alten Frage. In: Deutsche medizin. Wochenschr. 1899, Nr. 5. 



— 592 — 

Gliedes angedeutet. Ich knüpfte hierbei an eine Aeusserung" von 
Crusius an (Untersuchungen u. s. \v., S. 120): „Der Ausdruck XenQ6(; 
ist gerade bei dem ßavßiov sehr beziehungsvoll". Offenbar ist die 
Bezeichnung XsjiQÖg von Koritto der Wirklichkeit entnommen und 
von dem männlichen Gliede auf den künstlichen Phalhis übertragen 
worden. Die Frage ist nun, ob sich das Wort lejroög auf eine an- 
steckende Hautkrankheit bezogen hat, und welcher Art diese Haut- 
krankheit gewesen ist. Zu diesem Zwecke wiederhole ich in etwas 
abgekürzter P^orm meine schon früher an anderer Stelle \-cröffent- 
lichten kritischen Untersuchungen ^) über die Bedeutung des Wortes 
Xenga bei den Griechen. 

Der Altmeister der Aussatzforschung in Deutschland, Rudolf Virchow, dem wir 
so viele bedeutende Arbeiten über Lepra verdanken, hat auch zuerst die Frage der älteren 
Terminologie dieser Krankheit kritisch erörtert. Er konnte nachweisen, dass ,, schon vor 
den Arabern die Bezeichnung der Lepra einen allgemeineren Begriff erhalten hat". Als älteste 
Bezeichnung des Aussatzes bei den Griechen müsse der Name „Elephantiasis" angesehen wer- 
den, und dieser sei erst nach Hippokrates aufgekommen. Der Ausdruck ,, Lepra" komme 
zwar schon bei Hippokrates vor, aber ohne genauere Definition und stets neben Be- 
zeichnungen für leichtere Hautleiden. Erst Galen hat nach Virchow die Elephantiasis 
n eine ,, gewisse Verbindung mit der Lepra" gebracht, als ob diese eine geringere Porm 
oder ein Rückbildungszustand der Elephantiasis sei. Schliesslich ist dem auch auf dem Ge- 
biete der historischen Kombination so hervorragenden Forscher die wichtige Thatsache nicht 
entgangen, dass ,, schon in der griechischen Uebersetzung des Neuen Testamentes (Evangelium 
Lucä, Cap. 17, Vers I2j die Aussätzigen als lengoi aufgeführt werden und dass auch der 
alttestamentliche Aussatz überall als ,, Lepra" übertragen wurde" ■). 

Es war also von Virchow festgestellt worden, dass ,, Lepra"- die Bedeutung als 
Aussatz bereits bei den Griechen gehabt habe. Nur ging aus seinen Untersuchungen hervor, 
dass Elephantiasis die ältere Bezeichnung sei, während Lepra = Aussatz erst seit der Zeit 
des Galen gebräuchlich geworden sei. Wenn man aber die Genesis der ganzen Aussatz- 
terminologie des Altertums genau prüft, so gelangt man zu der Ueberzeugung, dass ,, Lepra" 
die ältere Bezeichnung des Aussatzes bei den Griechen war, der Name 
,, Elephantiasis" viel jüngeren Ursprungs ist, dass also unser heutiges Wort Lepra 
für den Aussatz auch vom historischen Standpunkte das einzig berechtigte ist. 

Diese Frage ist mit Sicherheit nur zu lösen, wenn sich irgend eine Beziehung zur 
Gegenwart herstellen lässt, wenn man nachweisen kann, dass eine uralte Bezeichnung des Aus- 
satzes noch heute sich in derselben Bedeutung erhalten hat. Diese Forderungen sind erfüllt 
durch die Nachrichten, welche wir aus älterer und neuerer Zeit über den Aussatz in Persien 
besitzen. Sie beweisen, dass der Name ,, Lepra" viel früher für den echten Aussatz ge- 
braucht worden ist, als der Name „Elephantiasis". 

Etwa um das Jahr 450 v. Chr. berichtet Herodot über die Ferser (Herodoti 
historiarum, lib. I, c. 138, ed. H. R. Dietsch, Leipzig 1887, S. 81): og av de tmv 



1) Iwan Bloch, Beiträge zur Geschichte und geographischen Pathologie des Aus- 
satzes. Die Bedeutung einiger Nachrichten über den Aussatz in Persien. In : Deutsche 
medizin. Wochenschr. 1900, Nr. 9. 

2) Rudolf Virchow, Die krankhaften Geschwülste. Berlin 1863, Bd. II, S. 494 ff. 



— 593 — 

uoTior 2 f'.T £)>;/• //' Xsv>t>jr f/ij, ig .Tohr oviog ov y.aTsoxsTui orSs avfi/ii'ayKiai loloi äXloioi 
TIsgoTjai. (paol öe /uv ig tot ijhor äfiagrovra xt raina F^eiv. ^sTvov Öf Jtävza tov lafi- 
ßavö/iisvov i'Jio zovro)v F^eXavvovot fx xi]g Xüiotjg. (,,Wet von den Bürgern an Lepra oder 
Lenke leidet, darf die Stadt nicht mehr betreten und nicht mit den anderen Personen zu- 
sammenkommen. Man sagt, dass der an dieser Krankheit Leidende gegen die Sonne ge- 
sündigt habe. Jeder Fremde aber, der mit dieser Krankheit behaftet ist, wird aus dem 
Lande gejagt.") 

Die zweite, fast genau mit dem Berichte des Herodot übereinstimmende Nachricht 
über den Aussatz in Persien stammt von einem der ausgezeichnetsten griechischen Aerzte, 
Ktesias aus Knidos, dem berühmtesten Gegner des Hippokrates, dem Verfasser der 
leider nur in Fragmenten noch erhaltenen wertvollen Bücher über Persien und Indien ^). 
Im Jahre 416 v. Chr. kam Ktesias nach Persien, wurde Leibarzt der Parysatis und 
des Artaxerxes IL Mnemon und hielt sich als solcher 17 Jahre in Persien auf, da er 
erst 399 V. Chr. in seine Heimat zurückkehrte. Er hat uns viele schätzbare und durchaus 
glaubwürdige Nachrichten über Persien hinterlassen, da er zu den eigenen Beobachtungen 
den Inhalt der ihm zur Verfügung gestellten Dokumente der Landesarchive hinzufügen 
konnte. Ich zitiere die den Aussatz betreffende Stelle nach der neuesten Ausgabe von 
Gilmore (,,The Fragments of the Persika of Ktesias, ed. John Gilmore, London 1888, 
p. 165: 'O ds MEyaßv'Qog jtsvts diaxQixi'ag iv xfj e^ooia ftij, ä:io(i(8QdaxFi, vjioxQidEig xov 
moäyav. Tiiadyag de ?Jysxai -Tag« ITegaaig 6 /.sjiQog, xal foxi. Jtäoiv djigö- 
otxog. (,, Nachdem Megabyzos 5 Jahre in der Verbannung verweilt hatte, entfloh er, 
indem er sich stellte, als ob er ein ,, Pisagas" sei. Pisagas aber heisst bei den Persern 
der ?,£jiQ6g, dem sich Niemand nahen darf".) 

Wenn das Wort ,, Lepra" wirklich nur eine leichte, schuppende Hautkrankheit be- 
deutet hat, ein Irrtum, auf dem z. B. Münch ein ganzes Buch (,,Die Zaraath der hebrä- 
ischen Bibel", Hamburg 1893) aufgebaut hat, so ist es eigentlich nicht zu verstehen, wie 
die Perser nach den Mitteilungen des Herodot und Ktesias, sowie nach einer interessanten 
Stelle im Zend-Avesta -) auf diese nur mit einer leichten Krankheit Behafteten so strenge 
und gewiss aus der Erfahrung ihres Nutzens abgeleitete Isolierungsmaassregeln anwenden 
konnten. Schon aus diesen Maassnahmen lässt sich mit Sicherheit der Schluss ziehen, dass 
es sich um eine schwere und ansteckende, für die Gemeinde die grössten Gefahren 
mit sich bringende Hautkrankheit gehandelt haben muss. Dass dies der Aussatz gewesen 
ist, dass der kejiQÖg. der ,, Pisagas" ein an unserem heutigen typischen Aussatze Leidender 
gewesen ist, erhellt mit der grössten Evidenz daraus, dass noch heute in Persien mit 
dem Worte „Pisagas" die wahre Lepra, unser Aussatz bezeichnet wird und 
dass noch heute die bei Herodot und Ktesias sowie im Zend-Avesta er- 
wähnten Vorschriften für Aussätzige in derselben Form in Geltung sind. 

J. E. Polak, lange Jahre Leibarzt des Nasreddin Schah, der sich von 1851 bis 
1860 in Persien aufhielt, hat im Jahre 1863, einer Anregimg Virchow's folgend, in dessen 
Archiv einen Aufsatz über die Lepra in Persien veröffentlicht '), in dem er sagt: „Den 
Individuen, die von der Krankheit befallen sind, ist es verboten, in die Städte zu kommen". 
Also dieselbe Vorschrift, die nach Herodot und Ktesias schon vor mehr als 2300 



i) Die bisher ausführlichsten Darstellungen seines Lebens bei J. Chr. F. Baehr, 
„Ctesiae Cnidii Operum reliquiae, Frankfurt a. M. 1824 und bei H. C. M. Rettig, Ctesiae 
Cnidii vita cum appendice de libris, quos Ctesias composuisse fertur, Hannover 1827. 

2) Zend-Avesta, deutsch von J. F. Kleuker, Bd. II, 1777, ^^ 167. 

3) J. E. Polak, Lepra in Persien. In: Virchow's Archiv 1863, Bd. LXXVII, 

s. 175 ff- 



— 594 — 

Jahren in Persien bestand! Und auch der Name der Krankheit hat sich unverändert er- 
halten. Polak bemerkt darüber: „Die Krankheil heisst mit dem arabischen Namen 
Dschezam, im Türkischen heisst sie Pis". Das ist insofern nicht ganz richtig, als die tür- 
kische Sprache diesen Namen aus der persischen übernommen hat. Denn in Dr. Julius 
Zenker's „Türkisch - arabisch - persischem Wörterbuch" (Bd. I, Leipzig 1866) ist Pis ^ 
lepre, Aussatz, ausdrücklich als ein j)ersisches Wort bezeichnet. Es finden sich dort auf 
Seite 234 und 235 folgende Namen: „Pist" = aussätzig, lepreux; „Pis" =^ lepre, Aussatz; 
und „Pisegi" = leprosite, Aussatz. Während das Wort ,,Pis" die Eigentümlichkeit der 
neupersischen Sprache erkennen lässt, viele Endsilben abzuwerfen, ist uns in dem Worte 
„Pisegi" ganz zweifellos das uralte, bei Ktesias sich findende Wort ,, Pisagas" erhalten. 
Damit ist aber auch der unanfechtbare 'beweis geliefert, dass das Wort 
kejTQo? in der älteren Zeit zur Bezeichnung eines Aussätzigen gebraucht 
wurde. Dass die Griechen später unter „Lepra" auch andere Hautaffektionen verstanden, 
kommt dabei ja gar nicht in Betracht. Hier handelt es sich um die Feststellung der 
ältesten Terminologie. Und für diese ist zunächst ,,/£Toa" als eine der frühesten Be- 
zeichnungen des Aussatzes anzusprechen. 

Als nun später andere Namen für den Aussatz aufkamen, wie Elephantiasis, Leon- 
tiasis, Ophiasis u. s. w., von denen einige rein symp tomatologische Bedeutung hatten, 
während die „Elephantiasis" allmählich zum allgemeinen Begriff wurde, da wurde auch 
das alte, wie wir sahen, wohlverbürgte Wort „Lepra" für eine bestimmte Form des Aus- 
satzes wieder herangezogen oder, da es wahrscheinlich in bestimmten Gegenden noch immer 
den Aussatz bezeichnete, von den alexandrinischen Nomenciatoren für die von ihnen 
ausgebildete rein symptomatologische Terminologie des Aussatzes mitverwertet. Nun erst 
versteht man die bisher ganz unbeachtet und unverstanden gebliebene, aber für die ge- 
schichtliche EntM'ickelung der Aussatz-Terminologie höchst wichtige Stelle bei Galen 
in dem Capitel über die Elephantiasis (Galeni Introduclio, cap. XIH, ed. Kühn, Bd. XIV, 
S- 757)' tit'kg Si; zöjv jiaXaiOTEQwv eig e^ SiaiQovai rö Jtä&og xovro, elg sXecpavziaoiv, 
Ifovrlaaiv, 6<piaaiv, IsjiQav xai äXmjiexiav xai ).d)ßr)v. („Einige unter den älteren 
Aerzten unterscheiden bei der Krankheit sechs verschiedene Formen, die Elephantiasis, die 
Leontiasis, Ophiasis, Lepra, Alopecie und Mutilation.") 

Wenn die Aerzte der römischen Kaiserzeit von den .laXaiöcsooi reden, so meinen 
sie stets die Aerzte der älteren alexandrinischen Schule. Ja, es lässt sich sogar über die 
Zeit der ersten wissenschaftlichen Monographieen über den Aussatz Genaueres mitteilen 
nach einer sehr wichtigen Notiz des Ruphos von Ephesus bei Oreibasios'), nach 
welcher imler den TtaXaiol, den älteren Alexandrinern, zuerst Straton, der Schüler des 
Erasi Stratos, über- die Elephantiasis geschrieben und eine Theorie der Pathogenese dieser 
Krankheit aufgestellt habe. Darnach darf man annehmen, dass etwa um das Jahr 300 v. 
Chr. das erste wissenschaftliche Studium des Aussatzes in A.lexandria begonnen und 
naturgemäss zunächst zu einer genaueren terminologischen Einteilung der einzelnen Krank- 
heitsformen geführt hat. Wahrscheinlich wurden damals die einzelnen in verschiedenen 
Ländern oder in verschiedenen Teilen von Hellas üblichen alten Namen für den 
Aussatz wie Lepra, Elephantiasis, Satyriasis, Leontiasis, Herakles-Krankheil u. s. w. in die 
neue Terminologie mit herübergenommen. Dies erhellt deutlich aus der zitierten Stelle des 
Ga lenos. 



i) ,, Oeuvres d'Oribase" ed. Daremberg et Bussemaker, Bd. IV, Paris 1862, 
S. 63 : ovdsv fiev Jiagä zmv Tialaiöjv :isqI tfjg kXscpavxiäaeoog dxr]xöa/iiev .... fxörog 
fjiÄir Ergätcov 6 rov ^Egaoiorgärot' /j.a&t]T>jg h'voiag jiaQEoye zov 7iä-&ovg, y.axoyvfxiar 
avio oro/idCcüv. 



— 595 — 

Dieser Excurs war nötig, um zu zeigen, wie auch gemäss diesem Prinzip bei den 
Alexandrinern die ,, Lepra" als Aussatz und zwar als eine bestimmte Form desselben be- 
zeichnet wurde. Asjiga ist abgeleitet von der indogermanischen Wurzel ,,lap" = schälen') 
und bedeutet eine schuppige, dabei ansteckende Hautkrankheit. Für spätere Zeiten 
steht jedenfalls fest, dass der Begriff ,, Lepra" ausser dem Aussatz auch andere ansteckende 
Hautkrankheiten mit umfasst hat. Deshalb sagt Galen: ,, Lepra heisst der Aussatz, weil 
er die Haut rauh und schuppig macht, wie man dieses bei den anderen Formen von Lepra 
sieht" (Galen a. a. O. : Xengav de rt'jy TQaxvvoi'oav x6 dsg/na xai olov ögärai sjii xwv 
XejiQcäv jzoiovfiert)7'). 

Der Gebrauch des Wortes ?,ejiQ6g in dem Gespräche der Freun- 
dinnen und mit Beziehung auf den künstlichen Phallus lässt in der 
That eine gewisse Absicht der Wahl gerade dieses Wortes vermuten, 
da ja auch jede andere Krankheit hätte gewählt werden können. 
Crusius hat es deshalb .,räudig" übersetzt, um die Uebertragbarkeit 
— denn die „Räude" ist eine übertragbare Hautkrankheit — anzu- 
deuten. Und wie die oben gegebenen kritischen Nachw^eisungen dar- 
thun, bezeichnet das Wort Xsjigog in der That eine ansteckende 
Hautkrankheit. 

Ich war früher der Ansicht, dass hier eine „v^enerische" Er- 
krankung des männlichen Gliedes angedeutet sein könne und dass 
der Ausruf der in sexuellen Dingen offenbar sehr erfahrenen Bürgers- 
frau Koritto als das erste sichere historische Dokument für die 
Kenntniss der x\lten von der Contagiosität venerischer Krankheiten 
betrachtet werden müsse, dass es aber weitere Schlüsse über die 
Natur dieser Krankheit nicht zulasse. 

Nach wiederholter eingehender Prüfung dieser in der That sehr 
interessanten Stelle glaube ich ihr jetzt die folgende Deutung geben 
zu müssen. Herondas, der ja die ägyptischen Verhältnisse genau 
kannte, wie seine eingehende Schilderung derselben (Mim. I, 27 ff.) 
bezeugt, hat bei dem ,Mjto6g" wahrscheinlich an den in Aegypten 
grassierenden, seit lange einheimischen Aussatz (Lucret., De rer. 
nat. VI, II 14: Est Elephas morbus, qui propter flumina Nili gignitur 
Aegypto in medio, neque praeterea usquam) gedacht, der gerade da- 
mals, wie wir gesehen haben (um 300 — 250 v. Chr.) von den Schülern 
des Erasistratos wissenschaftlich erforscht wurde und je nach 
seinen Symptomen mit verschiedenen Namen, u. a. auch dem ältesten, 
durch Herodot und Ktesias bezeugten; kejiga belegt wurde (Galen. 
XIV, 757). Es ist also der wirkliche Aussatz, von dem in dem Aus- 
rufe der Koritto die Rede ist. Wie oben . (S. 400) mitgeteilt wurde, 
kommen bei Lepra in über 95 "/q der Fälle krankhafte Veränderungen 



i) A. Vanicek, Griechisch- latemisches etymologisches Wörterbuch, Leipzig 1877, 
Bd. II, S. 837. 



— 596 — 

der männlichen Geschlechtsteile vor und zwar in Form von Knoten, 
Infiltraten und Geschwüren an der Eichel, der Vorhaut, der Haut 
des Penis und am Scrotum. Sie können früh auftreten und lange 
persistieren. Es ist nun mög-lich, dass Herondas das gemeint hat, 
aber ebenso gut kann er auch an den Aussatz im allgemeinen, d. h. 
am ganzen Körper, gedacht haben, an das aussätzige Individuum als 
solches, dessen Berührung streng gemieden wurde, und gewiss 
auch die bei der Cohabitation. Wie aus den oben mitgeteilten 
Stellen bei Herodot und Ktesias hervorgeht, war den Alten die 
Uebertragbarkeit des Aussatzes durch die Berührung durchaus be- 
kannt. Die Stelle des Herondas liefert also höchstens hierfür einen 
neuen Beweis, nicht aber für meine frühere Annahme, dass ein 
spezifisch venerisches Genitalleiden hier angedeutet sei. 

Der Sinn der Worte der Koritto ist also nach meiner Auf- 
fassung dieser: Dass gerade die Nossis, diese mir widerwärtige Person, 
meinen schönen „Tröster" bekommen hat, ärgert mich sehr. Der 
würde ich unter tausend nicht einen einzigen geben, auch wenn er 
aussätzig wäre und ich ihn daher aus ästhetischen und hygienischen 
Gründen nicht selbst gebrauchen könnte. 

Dass Xejioög hier einfach „schmutzig", „unappetitlich" oder ,,rauh" 
bedeutet, halte ich für ausgeschlossen. Dann wäre irgend ein anderer 
Ausdruck, der das besser bezeichnet, gewählt worden. Darin hat 
Crusius unbedingt Recht, dass gerade das Wort IsjiQfk mit Absicht 
gewählt ist. 

Uebrigens muss ganz ohne Beziehung auf diese Stelle die Mög- 
lichkeit, dass bei dem hier erwähnten gemeinschaftlichen Gebrauche 
der öXioßoi Krankheiten übertragen werden konnten, durchaus in Be- 
tracht gezogen werden. Z. B. konnte bei nicht genügender Reinigung 
sehr leicht eine gonorrhoische Infektion stattfinden. 

Von bildlichen Belegen für den Gebrauch künstlicher Phallen seien erwähnt: 
Eine Schaale des Pamphaios im Britischen Museum (verzeichnet bei Klein, 
„Meistersign.", S. 93, 14) zeigt eine scheussliche nackte Hetäre, die zwei derartige Instru- 
mente zur Hand hat; dieselbe Darstellung, trägt, wie es scheint, die Schaale des Euphro- 
nios bei Klein, ,,Lieblingsinschr.", S. 57, Nr. 7 und bei Hartwig, ,, Griechische Meister- 
schaalen", Taf. XLIV, 3. Das Motiv der letzteren Figur, einer nackten Hetäre mit einem 
Schenkelband am rechten Beine, ist die oxvzivrj sJTixovQi'a, deren sich die Hetäre bedient. 
Der eiförmige Gegenstand, welchen die Hetäre in der rechten Hand hält, kommt wiederholt 
auf den Vasen dieser Zeit vor, so z. B. in der Hand eines Epheben im Innenbilde der 
Schaale des Hieron im Louvre. Es ist ein Flacon, aus welchem die Hetäre den Phalios 
mit Oel beträufelt. 

Hartwig erwähnt ferner eine Schaale bei Aug. Costellani in Rom mit Tribaden, 
die künstliche Phalloi anwenden, ferner (S. 345) eine Schaale mit dem Schlagworte ejioirfosv, 
auf der ein Mann einen solchen in die Scheide einer Frau einführt (s. oben S. 543). 



— 597 — 

In der Vasensammlung des Berliner Museums befindet sich eine Vase (Nr. 2272) 
dem mit einer sehr interessanten Darstellung, die anzudeuten scheint, dass die Weiber sich nach 
Gebrauche eines ohaßog zu waschen pflegten. Furtwängler*) beschreibt sie folgender- 
maassen: „Eine nackte Frau ist im Begriffe, die Sandale an den linken Fuss festzubinden; sie 
beugt sich vor, zieht mit beiden Händen die roten Bänder an und hat sich, um dem Fusse 
näher zu sein, etwas ins rechte Knie herabgelassen; so ist der Raum trefflich gefüllt. Dass 
sie sich soeben gewaschen, deutet ein flaches Becken zu ihren Füssen an. Rechts vor ihr er- 
kennt man den Umriss eines grossen Phallos im freien Räume, ihr zugekehrt." 

Mehrere Terrakotten in Neapel mit solchen Sujets beschreiben Gerhard und Pa- 
nofka"-): Nr. 20. Eine sitzende nackte Frau, einen Phallus umarmend, der schlauchartig 
vorn über ihr liegt. Desgleichen Nr. 24 und Nr. 18. 

Nr. 16. Liegende, kahlköpfige Alte, den linken Arm auf das Kissen ihres Lagers 
gestützt und einen vor ihr liegenden Phallus mit Wehmut betrachtend. 

Streng genommen muss der grössere Teil der bisher geschil- 
derten homosexuellen Typen des klassischen Altertums nicht der 
eigentlichen originären Homosexualität zugerechnet, sondern muss 
unter die Rubrik „Bisexualität" eingeordnet werden. Die Homo- 
sexualität als Volkssitte in Hellas und Rom hindert nicht die 
frühere oder spätere heterosexuelle Bethätigung. Sehr oft gingen 
beide gleichzeitig nebeneinander her. Der Knabe wurde neben der 
Freundin oder der Frau im Hause gehalten. Daraus ergaben sich 
häufige Streitigkeiten, Eifersuchtsscenen u. a. m. Solche Konkurrenz 
zwischen dem homo- und dem heterosexuellen Verhältnis eines Mannes 
schildert z. B. Martial (IX, 2; XI, 43; XII, 86; XII, 96; XII, 97), 
lässt aber deutlich durchblicken, dass bei Wüstlingen der Geschmack 
wechselte (XI, 87). Wie die Männer als Weiber, so dienten die 
Weiber als Männer im Geschlechtsv'erkehre. Daraus resultierte eine 
allgemeine körperliche und seelische Labilität der Geschlechter und 
eine Indifferenz des Geschlechtsbegriffes, die zu der Conception des 
„Hermaphroditos" führte, jener mannweiblichen Wesen, die im 
x\ltertum eine so merkwürdige Rolle gespielt haben. 

Man darf annehmen, dass die hermaphroditische Idee ursprüng- 
lich aus Beobachtungen des wirklichen Lebens hervorgegangen, sei 
es solchen von körperlicher oder seelischer Hermaphrodisie, und erst 
später unter dem Einflüsse der Ausbreitung der Homosexualität 
und Bisexualität in erotisch-libidinösem Sinne umgestaltet worden ist. 
Für beide Arten haben neuerdings Meige^^) und van Römer^) er- 

1) Ad. Furtwängler, Beschreibung der Vasensammlung im Antiquarium der Kgl. 
Museen zu Berlin, Bd. I, S. 547. 

2) Neapels antike Bildwerke I, S. 466 — 467. 

3) Henry Meige, L'infantihsme, le feminisme et les hermaphrodites antiques, 
Paris 1895. 

4) L. S. A. M. V. Römer, Ueber die androgynische Idee des Lebens. In: Jahrb. 
f. sex. Zwischenstufen, herausg. von Magnus Hirschfeld, Leipzig 1903, Bd. V, S. 707 — 940. 



- 598 - 

schöpfende Belege beigebracht. Bezüglich des näheren Studiums der 
für das Verständnis der antiken Psychopathia sexualis grundlegenden 
Frage sei auf diese Arbeiten sowie auf das monumentale Werk von 
Neugebauer^) verwiesen. Wir wollen nur die interessantesten und 
für die weite Verbreitung der „androgynischen Idee" im Altertum 
bedeutsamsten Punkte hier anführen, wobei wir vielfach den Unter- 
suchungen V. Römer's folgen. 

Die griechische Mythologie ist reich an hermaphroditischeii Wesen. Zeus selbst war 
ein solches nach den orphischen Versen : 

Zfi'c: ägoip' ysrsTO, Zevg äiißgorog ejikeio vi'/Kft]. 

Er erzeugt selbst wieder androgynische Gottheiten, wie Athene, wie Agdistis und 
Dionysos. Agdistis gebiert als Kybele den Attis, der entniannnt und vom Tode wieder 
erweckt weibliche Formen annimmt. Hermaphrodit ist auch Adonis, der „ein Mann ge- 
wesen war für die Aphrodite, ein Weib aber für den Apollon" (Photius, ed. Bekker, 
Berlin 1824, S. 151, 5 b). Aus dem Kreise der Kybele stammt auch die Mise, eine un- 
züchtige mannweibliche Gottheit, deren Verehrung bei tribadischen Geheimkulten (vgl. oben 
S. 515) eine Rolle spielte (Orphica XLII). Ebenso heisst Dionysos aQQSvo^Xvg 
(loannes Lydus, ed. Bekker, Bonn 1837, lib. IV, 95), Euripides nennt ihn dtjlv- 
fj.OQ(pog, weibgestaltet, die orphische Hymne (XX, 2) 8i(pvfj, mit zwei Geschlechtern. 
Später symbolisierte Hermaphroditos die androgynische Idee, Hermes als aktive, männliche, 
Aphrodite als weibliche Kraft. In unzähligen Bildwerken, von denen viele noch erhalten 
sind, fand diese Vorstellung sichtbaren Ausdruck, und es ist kein Zweifel, dass viele 
Hermaphroditendarstellungen nach Beobachtungen im wirklichen Leben 
dargestellt wurden, besonders solchen von Feminismus beim Manne, wie dies Meige 
(a. a. O.) nachgewiesen hat. Der berühmte Physiologe Blumenbach erwähnte in 
Böttigers ,,Amalthea" (Leipzig 1822, Bd. II, S. XVII ff.) „Jünglinge und Männer mit 
weiblicher Brust", deren er selbst drei gesehen hat. .,Es lässt sich denken", meint er, ,,wie 
solche Hermaphroditen zuweilen in prodigiis und hinwiederum in deliciis habiti sein 
konnten. Namentlich ist dieser Fall der männlichen Brust in Aegypten nicht selten (Prosper 
Alpinus) und an plastischen Kunstwerken des ägyptischen Altertums bemerkbar, so dass 
auch Fea einen Pastophoros für eine weibliche Figur ansah. Auch Hessen sich' wohl 
Männer, die sich solcher Weiblichkeit schämten'), durch eine chirurgische Operation davon 
befreien (Paul. Aegineta VI, 46). Und von dieser gefälligen Abweichung des 
Bildungstriebes könnten doch wohl die alten Künstler die veredelten For- 
men ihrer Hermaphroditen entlehnt haben''. Aehnliche Ansichten über die Ent- 
stehung der Hermaphroditendarstellungen hat Raoul Rochette (Choix de peintures de 
Pompei etc., Paris 1846, Livrais. 3, p. 140, Anm. 10). Schon Diodor (IV, 6, 5) deutete 
die Sage von Hermaphroditos in diesem realistischen Sinne, wie ihn auch das Epigramm 
CVII des Ausonius wiedergiebt: 

In puerum formosum. 

Dum dubital natura, marem faceretne puellam 

Factus es, o j^ulcher, paene puella, puer. 



1) Franz v. Neugebauer, Hermaphroditismus beim Menschen, Leipzig 1908. 

2) ö'yojiEQ zaig 'ßrjlsiaig ovtoj y.ai loTg ugosoi Jiegl röv rfjg r'jßrjg '/qÖvov oi fiaoioi 
(pvaöjVTai xazä jioaöv .... Trjg yovv ü:xQiiJiEiag tyovot^g ovtibog to xnzü ri/r (-h]/.VTi]Ta 
/[eiQoi'QyEir a^iov. Paulus Aegineta, ed. Brian, Paris 1855, S. 212. 



— 59Q — 

Wie in den Hermaphroditen trat auch die androg}-nische Idee bei den religi(")sen 
Festen in die Erscheinung und zeitigte hier ebensolche sinnHch-obscöne Ausschreitungen 
wie in gewissen wollüstigen Darstellungen des Hermaphroditos (z. B. schlafender H. im 
Museo Nazionale zu Rom, Abbild. 63a und b bei v. Römer). So ahmte bei den 
„Ariadneia", den Festen zu Ehren der Ariadne, ein Jüngling das Geschrei und Bewegungen 
einer Frau in Kindesnöten nach (Plut. , Theseus, c. 20). Bei den dem Dionysos gewid- 
meten Anthesterien kleideten sich die Athener „noch weiblicher" als die Frauen des Xerxes, 
die Greise wie die Jünglinge und Epheben (Philostratos, Apollonios v. Tyana IV, 21). 
Bei den Herakleen (Plut., Quaest. graec. 58), den Thargelien und Oschophorien trugen 
Männer Weiberkleider. Die Hybristika, ein Fest der Aphrodite, wurden von den Weibern 
in Männer-, von den Männern in Weiberkleidung begangen. Eusebius (de laud. Const., 
p. 516 C) erzählt, dass auf dem Gipfel des Libanon ein Tempel der Aphrodite war, welchen 
er eine , .Schule für Liederlichkeit" nennt, ,,für alle obscönen Männer, die ihren Körper 
durch Zuchtlosigkeit beschmutzen, geöffnet. Einige Effeminierte, die eher Weiber als 
Männer genannt werden können, da sie die Würde ihres Geschlechtes ablegten und litten, 
was Weibern zusteht, verehrten sie wie die Gottheit". 

Welcker vermutet, dass auch die geflügelten androgvnen Figuren der unteritalienischen 
Vasen, welche Miliin u. a. Genius der Mysterien zu nennen beliebt haben, als Diener des 
androgynen Dionysos und des Kinädismus zu betrachten sind. 

Derselbe Autor erwähnt die Aphrodite der Knabenliebe (sonst auch die Sache des 
Pan, bei den Römern des Priapus. kommt aber als jloyvvri'>;, Göttin der Weisslinge (sum 
candidus Pers. 4, 20j, von Kratinos und Aristophanes an, nicht häufiger bei gewissen 
Dichtern vor als der d^ra^ög xal /.Evxug .-ratg. Dieselbe ist wohl auch die Venus Murcia 
(MvQy.ia)^). In diese Klasse gehört auch die SxQaxsia in zwei karischen Inschriften 
(C. J. Gr. Nr. 2693; Venus militaris bei Arnobius IV, 7)-). 

Sehr bekannt und von den Satirikern oft erwähnt sind die weibischen Priester der 
Grossen Mutter, der Kybele, Korj'banten (Juvenal. V, 25) oder ,,gaHi" genannt (nach 
einem Flusse Gallus in Galatien, Plin. Nat. hist. V, 147), die sich zu Ehren der Göttin 
nach dem Vorbilde des phrygischen Knaben Attis selbst entmannten (Ovid., Fast. IV, 
223 — 244) und gelegentlich auch andere kastrierten (Martial. III, 91), die wegen ihrer 
meist in der wollüstigen Ekstase (Martial. V, 41) begangenen sexuellen Perversitäten be- 
rüchtigt und gefürchtet (Martial. Vll, 95) waren und ein grosses Kontingent zum Ki- 
nädentum in Rom stellten, wo der Kybelekult zu Ende des 3. vorchristlichen Jahrhunderts 
eingeführt worden war (Liv. XXIX, lo). 

In enger Beziehung zum Dienste der Grossen Mutter stand der Kult der ,,Dea Syria" 
zu Hierapolis, den Lukianos in seiner Schrift TIsqI 1)]? 2vgit]g dsov geschildert hat. Im 
Kapitel 50 — 51 wird über die Gallen folgendes gesagt: 

,,An bestimmten Tagen versammelt sich das Volk in grosser Menge bei dem Tempel. 
Hier verrichten viele Gallen und die oben erwähnten heiligen Leute den mysti.schen Dienst, 
wobei sie sich in die Arme schneiden und mit den Rücken gegen einander stossen. Eine 
Anzahl derselben steht dabei und bläst auf Flöten; andere schlagen die Handpauken; wieder 
andere singen begeisterte, heilige Lieder. Alles Dieses aber geht ausserhalb des Tempels 
vor: denn so lange sie Solches verrichten, betreten sie den Tempel nicht. — An diesen 
Tagen entstehen auch Gallen. Denn während die Anderen unter Flöten tönen den heiligen 



1) Livius. I, 33. Orelli ad Arnob. 4, 16, T. 2, p. 199 fio/.xog [fwÄxöc wie 
fioh/6g und /iivkyög) eins mit i.ia/M>i6g. 

2) F. Creuzer (Zur Archäologie, Leipzig 1846, S. 297) nennt „Venus almus" als 
androgyniscbe Göttin der Römer. 



— 6oo — 

Dienst begehen, wandelt die Raserei auch Viele der Umstehenden an, und Manche, die nur 
um zuzusehen gekommen waren, verübten an sich, was ich jetzt beschreiben will. Der 
Jüngling, den dieser Zustand befällt, reisst sich die Kleider vom Leibe, rennt unter lautem 
Schreien mitten in den Kreis der Priester hinein, ergreift dort eines der Schwerter, die seit 
vielen Jahren, wie es scheint, hierzu in Bereitschaft stehen, verschneidet sich damit, und 
läuft durch die Stadt, indem er in den Händen hält, was er sich abgeschnitten. Und in 
welches Haus er es hineinwirft, aus demselben erhält er weibliche Kleidung und weiblichen 
Putz. Also verfahren sie bei der Verschneidung" M. 

Neben den eigentlichen Homosexuellen, den Kinäden und Lust- 
knaben spielten diese ..semiviri" (Varro, Sat. Menipp. 132) eine grosse 
Rolle in der Korruption des kaiserlichen Rom. Sie wurden nicht 
bloss durch die Priester der Kybele repräsentiert, sondern rekrutierten 
sich besonders zahlreich aus profanen Kreisen seit der Einführung 
des orientalischen Eunuchen wesens in Rom. Diese Verschnittenen 
wurden hauptsächlich aus Aegypten importiert -) und waren so zahl- 
reich in Rom , dass vornehme Haushaltungen deren eine Menge 
zählten (Alartial. X, 91) und im Gefolge ihrer Herrschaft einher- 
zogen, ein widriger Anblick, wie ihn besonders anschaulich Ammi- 
anus Marcellinus schildert (XIV, 6): „Zuletzt kommt eine Menge 
Verschnittener, vom Knaben- bis zum Greisenalter hinauf, von siech- 
haftem Aussehen, mit schrecklich verzerrten Gesichtszügen. Wohin 
auch Einer gehen mag, da wird er Haufen solcher v^erstümmelten 
Menschen sehen, und das Andenken jener Königin der Vorwelt, 
Semiramis, verfluchen, die zu allererst zarte Knaben entmannte, der 
Natur Gewalt anthat und sie in ihrem Laufe hemmte". 

Der heterosexuelle Geschlechtsverkehr mit Kastraten war sehr 
beliebt als antikonzeptionelles Mittel bei kinderscheuen Frauen 
(Mart. VI, 67) oder diente perversen Zwecken (Mart. III, 81). Ein- 
gehendere Mitteilungen darüber macht Juvenal (VI, 366 — 378J. 
Darnach nahm man mit Vorliebe die Kastration erst beim Beginne 
der Mannbarkeit vor, weil dadurch die Entwickeiung des Membrum 
virile nicht gehemmt, sondern angeblich gefördert würde und ein 
solcher Verschnittener ,,nec dubie custodem vitis et horti provocat" 
(VI, 375), nämlich in Bezug auf die Grösse seines Gliedes, das ihn 
nicht bloss Frauen, sondern auch Knaben g^efährlich macht (VI, 
377—378)- 



i) Lucian's Werke, übersetzt von August Pauly, Stuttgart 1832, S. 1748 — 1749. 
Vgl. auch Catull., c. 63 und Lucret. H, 610 ff.; Varro, Sat. Menipp. 132. 

2) Vgl. H. Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medizin, Jena 1875, Bd. I, 
S- 57; J- Preuss, Die männlichen Genitalien und ihre Krankheiten nach Bibel und Tal- 
mud (Wiener medizin. Wochenschr. 1898, Nr. 12 ff.). — Vgl. über antike Eunuchen 
Jules Rouyer, Etudes medicales sur l'ancienne Rome, Paris 1859, S. 81 —97. 



ÖOI — 

Häufig allerdings wurde die Entmannung schon früher und zum 
Zwecke der Züchtung effeminierter Kinäden vorgenommen, um mög- 
lichst geeignete Objekte für die Libido homosexueller Individuen zu 
bekommen. 

„Bei einigen der Art", sagt Lukianos (Amor., c. 21), ,,ging die Kühnheit ihrer 
despotischen Lebensart so weit, dass sie mit dem Messer die (männliche) Natur raubten. 
Sie fanden erst das Ziel ihrer Genusssucht, nachdem sie das Männliche den Männern ent- 
rissen hatten. Aber die Armen und Unglücklichen, damit sie noch länger Knaben sind, 
bleiben nicht weiter Männer, ein zweideutiger Ausdruck einer Doppelnatur, bewahren sie 
weder wozu sie geboren, noch wissen sie, wozu sie zu rechnen sind. Die in der Jugend 
aufbewahrte Kraft lässt sie frühzeitig im Alter entkräftet werden, denn während man sie 
noch zu den Knaben rechnet, werden sie schon Greise, und sie haben keine Zwischenstufe 
des Mannesalters. So sank die schändliche und jedes Schlechte lehrende Wollust, ein nie- 
driges Vergnügen aus dem andern schöpfend, bis zu jenem nicht mit Anstand zu nennenden 
Laster [piexQi rf)? orjdrp-ai Svraairt]; fr.Tpg.TWC röoov), so dass keine Art der Unzucht 
ihr mehr unbekannt war." 

Für unser „Laster" hat Lukianos in diesem Falle das Wort 
vöoog, Krankheit, gewählt, und es ist lehrreich, an dieser Stelle bei 
der Auffassung der Alten über die sexuellen Perversionen etwas zu 
verweilen. Wir haben schon in der Einleitung ausgeführt (s. oben 
S. 511 — 412), dass die Alten schon eine übermässige Liebe, wenn 
sie auch heterosexuell war, als etwas Pathologisches, als eine 
Krankheit ansahen, wofür die Worte morbus, vooog, vöorj/ua gewählt 
wurden. Derselbe terminus technicus nun wird auch für die Excesse 
und die extremen Formen der homosexuellen Leidenschaft ge- 
braucht. Nicht die gewöhnliche, in massigen Grenzen sich haltende 
und nur, so weit es der allgemeinen Sitte entsprach, ausgeübte 
Knabenliebe hiess so, sondern erst die gänzliche Umkehrung des 
Sexualcharakters, also die volle Verweiblichung, Effemination des 
Mannes im Korybanten- und Kinädentum, die anatomische und phy- 
siologische Nachahmung des Weibes beim Manne wurde mit der 
Bezeichnung morbus, vooog belegt und vielfach als Folge einer Rache 
der Venus angesehen, die übrigens auch noch andere Leiden ver- 
hängen konnte. Rosenbaum hat dieser Thatsache ein sehr weit- 
läufiges Kapitel seines Buches gewidmet ^), unter dem Titel Novoog 
&rjXEia, über welche von Herodot (I, 105) geschilderte Krankheit 
der Skythen vor ihm, neben älteren Autoren, hauptsächlich Stark ■^) 
und Friedreich 3) besondere Abhandlungen veröffentlicht haben. 



1) Rosenbaum a. a. O., S. 145 — 227. 

2) C. W. Stark, De vovoco t'frj/.siq apud Herodotum Prolusio, Jena 1827. 

3) J. B. Friedreich, Novaog -d-ijhia. Ein historisches Fragment. In: Analekten 
zur Natur- und Heilkunde, Würzburg 183 1, S. 28 — 33. 



— 6o2 — 

An dieser Stelle handelt es sich nur darum, die Auffassung der Alten 
hinsichtlich der krankhaften Natur des „Lasters" der Päderastie 
näher zu beleuchten. Denn heute braucht die Ansicht, dass es sich 
bei der drileia vovoog um Tripper oder gar Syphilis gehandelt habe, 
nicht ernsthaft widerlegt zu werden. Wohl aber ist es von Interesse, 
die weite Ausdehnung des Begriffes morbus, vooog kennen zu ler- 
nen, da dieser uns noch öfter begegnen wird, auch in Beziehung zur 
supponierten „Altertumssyphilis". 

Herodot (I, 105) lässt die ,, weibliche Krankheit", ■drp.siav vovaov, über die Skythen 
hereinbrechen, die den Tempel der uranischen Aphrodite in Askalon geplündert hatten, und 
nicht bloss sie, sondern auch ihre Nachkommen werden für immer damit behaftet. Dies, 
sagt Herodot, sei die Erklärung der Skythen und man könne noch heute bei ihnen diese 
eigentümliche Kategorie von Individuen, die die Skythen selbst si'agsag nennen, sehen. 

Es handelte sich also um eine Gruppe von Männern mit weiblichem Habitus. 
Die ßj'jXeia vovoog wird von dem Scholiasten zum Thukydides mit der fiaXaxia identifi- 
ziert: xai 4>iloxTi]Tt]g öia zcn' IJdgtdog &ävaror i}fj?.siav vöoov voorjoag, xal fiij (peQOiv 
xr]V aiO)[VVi]v, ojieX'd'üiv sx Trjg Tiargidog, k'xicos Jiohr, ijv dia t6 jrd'&og Makaxiav 
exclXeos. Thucyd., Lib. I, c. 12, ed. Bauer, Leipzig 1790, p. 33 (zit. nach Rosen- 
baum a. a. O., S. 151). 

Genauere Mitteilungen, als sie die aphoristische Andeutung des Herodot über 
die Effemination der Skythen darbietet, finden wir in der hippokratischen .Schrift jieqI 
äegcov ydäzcov tojicov (c. 22 der Ausgabe von Kühle wein, Hippocratis Opera, Vol. I, 
p. 64 — 66, Leipzig 1895). Sie sind, wie alle Aeusserungen des Verfassers dieser berühmten 
Schrift, höchst bemerkenswert durch die nüchterne naturwissenschaftliche Auf- 
fassung des Wesens der Krankheiten, deren natürliche Ursachen überall hervorgehoben 
werden, wie das auch in der Schrift jteqI igfjg vovoov geschieht, die wahrscheinlich von 
demselben Verfasser herrührt. 

Nachdem der Verfasser von de aere, aquis et locis in den Kapiteln 19 — 21 in sehr 
anschaulicher Weise die geringe sexuelle Differenzierung der Skythen aus der Natur 
des Landes und der Lebensweise abgeleitet hat, wobei er die häufige Impotenz der Männer 
auf das fortwährende Schütteln auf dem Pferde bemi Reiten, diejenige der Frauen auf ihre 
Korpulenz zurückgeführt hat, während letztere bei gehöriger Körperbewegung und konse- 
kutiver Abmagerung sehr leicht concipierten, wie das Beispiel der nach Griechenland ver- 
schlagenen skythischen Sklavinnen beweise, fährt er in Kapitel 22 folgendermaßen fort: 

"Eri TE jiQog xovToioiv Evrov^iai yivorrni 01 tiXeTozoi er ^xvßrjoi xal yvvaixeZa 
EQydCovrai xai c5? at yvvalxFg [ßiaiiEvriai] öialt-yorTat te öfjioicog' xaXevv- 
xal TE Ol roiovzoi 'AvögisTg. ot fiev ovv ejzixcoqioi Ttjv ahirjv jiQoaxidEaoi ■&e(Jü xal 
OEßoriai rovrovg jovg dv&QOJMovg xal jiqooxvveovoi^), ÖEÖoixöxEg ueqi ecovtwv Exaazoi. 
£/wl Ö'e xal avzcü doxsT zavra zd irdOea &ETa slvai xal zäkXa Jidvza xal ovSsv ezeqov 
EZEQOV ■&£i6z£Qov ovÖe dv&QCOJin'OJZEQor, uVm Jidvza ofioTa xal ndvza ÜEia '^}. Exaazov de 

1) Diese Heiligung der Päderasten und effeminierten Homosexuellen begegnet uns 
schon in der Bibel, wo sie ebenfalls quadesch = Heiliger genannt werden. Vgl. die Einzel- 
heiten bei J. Preuss, Prostitution und sexuelle -Perversitäten nach Bibel und Talmud in: 
Unna's Monatshefte f. prakt. Dermatologie 1906, Bd. XLIH, Nr. 9, S. 471 — 472. 

2) Vgl. fast genau den gleichen Gedanken in ganz ähnlichen Worten in den ersten 
Sätzen von :ieqI iQijg vovoov, ed. Dietz, Leipzig 1827. p. 2 ff. 



— 6o3 — 

avzwv f'xEi qwaiv tijv scovzov xal ovdh' ärsv (fvoiog yivEiai. xal tovto lo jiäd^o? &g /lioi 
doxsT yh'SO'&ai (fgäoco. vno ztjg ijijiaoirjg avToix; xsöfcara Xa/ußdvsi, ärs aiei 
XQS/na/iisvcor' djtd xmv ijijtcov roig Jiooiv ensixa djioxoiXovvrat xal sXxovrai rot loxioi., o'i 
av acpödga voa^acoon'. iöJvxai 8s acpäg avrovg tqÖjko tokoSe. Sxozav ya.Q aQxrjzai r] 
rovoog, ojita&sv zov wzog exazsQOV q^Xsßa zdfivovoiv. oxözav Sk djioQfjvfj z6 alfia, vjivog 
vJioXai^ißdvEi vjzo do&svEtt]g xal xa^evSovoiv. EJtsiza dvsysiQOVzai, ol {.iev zivsg vyisEg 
iovzeg, ol 8' ov. i/nol f^iEV oi'v 8oxsT ev zavzt] zf] u'joei 8iaq?&eiQEO&ai 6 yovog. stal ydg 
Tzagd zd cbza (pXsßEg, äg idv zig ijiizdfiy, äyovoi yivovzai oc ijiiz/Li)p9^£rzEg^). zavzag zoi- 
^'vv fioi 80XEOV01 zag (pkißag e7iizd[A,vEiv. ol 8k fiEzd zavza ijiEiSdv d<pixcovzai Jiagd yv- 
vuTxag xal fitj oioi z'stooi XQV^^'^^ ocpiaiv [aizaTg^, z6 tiqmzov ovx iv&vfiEvvzai , dX?J 
ijovxltp' s'xovai. oxözav 8e 8lg xal zglg xal Jiksovdxig avzoToi Jisigtofisvoioi [xi]8h> dXXoi- 
ÖZEQOV djioßalvi] , vofiioavzEg zc i][iaQzi]X£vai zco "ßscö, ov sjiaizioivzai, ir8vovzai ozoXip' 
yvvaiXEÜp' xazayvövzEg hovzöjv drar8Q£iijv. yvvaixi^oi'oi zf xal igydCovzai ftszd z&r yv- 
vaixwv d xal ixsTvai. — 

Tovzo Se Jidaxovoi 2xv&ecov ol nXovoioi, ovx ^* xdxiozot, dXX' ol svyevtazazoi xal 
laxvv TTlsiazrjv xExzr]^iEroi, 8id zrjv iTinaaifjv , ol 8k nEvtjzeg vjoaov ov ydg Injid- 
Covzai. xaizoi Exgi/v, ei dEtozEQov zovzo z6 v6aEVf.ia zöjv Xoijiöjv iaziv, ov zoTg yevvaio- 
zdzoig ztüv Sxvdewv xal zoTg jiXovoiwzdzoig jzgoojiijizEiv /tiovvoig, dXXd zoTg änaoiv 6/iioicog, 
xai fxäXXov zoiaiv dXiya xexzij/lievoioiv, ei 8i] zi/liw/hsvoi xo^QOvaiv ol ■d'eol xal ■dav^aCdfiEvoi 

vTi' dv&gcojioiv xal dt'zl zovzwv x^-Qi'^^ag djzo8i86aoiv xal f] zoiavzr] vovaog and 

zoiavzijg :igoqmaiog zoTg 2xvß)jai yirszai oi'ijv Ei'gijxa. f'xec 8k xal xazd zovg Xoijzovg 
dvd gcüjzovg ofxoUog. oxov ydg Ijiiidi^ovzai /tidXioza xal jzvxvözaza , exeT 
ttXeTozoi vjto XE8fidz(i}v xal iaxtd8ojv xal jio8aygiu>v dXiaxovzai xal Xay- 
VEVsiv xdxiozoi sioi. zavza 8e zoiai [rs] 2xvd't]ai ngoosozi , xal svvovxoei- 
8EOzazoi Eiaiv dv&gwnoiv 8id zavzag [re] zag jzgo<pdoiag xal ozi dva^vgi8ag 
k'xovoiv alel xal sloiv knl zcöv i'niiwv z6 jiXeiozov zov ;fßOJ'ot;, üjoze /it/jze 
XEigi äjizEo&ai zov atSoiov vjiö zs zov yvxEog xal zov xojiov ijiiX^&so&ai 
zov l/LiEgov xal zf/g /iCEi^iog xal fitj8kv nagaxivEiv Jigdzsgov i) dvav8go)&iivai. 

Aus diesem höchst merkwürdigen und zum Teil auf genaue Beobachtung gegründeten 
Berichte geht also hervor, dass es sich um ein erworbenes Leiden handelt und zwar er- 
kranken an demselben nur diejenigen Individuen, die andauernd reiten. Und dann ist 
dieses Leiden durchaus nicht etwas den Skythen Eigentümliches, sondern der 
Verfasser von jisgl dsgwv v8dzoiv zojzcov erklärt im Schlusspassus ausdrücklich, dass 
auch bei allen anderen Menschen das andauernde und anhaltende Reiten jene sexuelle 
Apathie und Impotenz hervorrufen könne, die als das Vorstadium der allerdings den 
Skythen und einigen anderen Völkern allein eigentümlichen Novoog &tjXsia zu betrachten ist. 

Nach wiederholter Lektüre der zunächst etwas rätselhaft klingenden Schilderung habe 
ich mich überzeugt, dass bei strenger Trennung des Primären, d. h. der Impotenz, von 
dem Sekundären, d. h. der Effemination, die ganze Stelle auch in klinischer Beziehung 
und für unsere moderne naturwissenschaftliche Auffassung sehr einfach und einleuchtend 
erklärt werden kann, was bisher allen früheren Autoren entgangen ist. 

Also die Vorbedingung und wesentliche Ursache der vovoog ■&^Xsia (Hero- 
dot) oder dvavSgEirj (Verfasser von de aere, aquis et locis) der Skythen ist die durch an- 
dauerndes Reiten hervorgerufene Impotenz, wie sie auch bei allen anderen Völkern 
vorkommt, aber nur bei wenigen zur Effemination führt. 



i) Vgl. hierzu Oeuvres d'Hippocrate, ed. Littr6, Bd. VII, S. 472 und über diese 
hippokratische Theorie der Impotenz Sprengel-Rosenbaum, Geschichte der Arzneikundfe, 
4. Aufl., Leipzig 1846, Bd. I, S. 362, Anm. 35 [mit Angabe der Parallelstellen]. 
Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 39 



— 6o4 — 

Zunächst beschreibt nun der Verfasser der genannten hippokratischen Schrift in sehr 
klarer und anschaulicher Weise die Entstehung dieser Impotenz als eine Folge von 
allerlei krankhaften Zufällen beim häufigen und andauerndem Reiten. Und zwar 
sind dies Zufälle verschiedener Art. 

An erster Stelle nennt er xEÖi-iata. Hienmter verstehe ich nicht wie Rosen- 
baum (a. a. O. S. 216), die bereits ausgebildete „Varicocele", den Krampfaderbruch des 
Hodens, sondern die die Bildung der Varicocele begleitenden ziehenden Schmerzen in 
der Leistengegend'). Dass es sich um solche handelt, beweist ihre Beziehung zu dem 
Herabhängen der Füsse, wodurch eine diese ausstrahlenden Schmerzen veranlassende Zerrung 
des Samenstranges hervorgerufen wird. Wenn diese Schmerzen stärker werden {01 av 
ocpöÖQO. rooyacooiv) — es kommen bei Varicocele oft heftigste Neuralgien vor — , so fällt 
den Betreffenden das Gehen schwer, sie lahmen und ihre Hüftgegend zieht sich vor Schmerz 
krampfhaft zusammen -). 

Wenn nun dieser Zustand eingetreten ist, nimmt der Trieb zum Geschlechtsverkehr 
ab, die Betreffenden werden unlustig zum Beischlaf (kayveveiv xdxiaroi etat). Das ist 
durchaus glaublich und wird durch die modernen wissenschaftlichen Beob- 
achtungen bestätigt. So sagt Theodor Kocher (a. a. O. S. 204 — 205): ,, Einzelne 
Patienten leiden an häufigen Pollutionen, andere klagen über Druck im Hoden und Ab- 
nahme des Geschlechtstriebes. Und dass alle diese Beschwerden wirklich von der 
Varicocele abhängen, zeigt das auch von uns mehrfach konstatierte Verschwinden derselben 
nach glücklicher Operation. Die Abnahme des Geschlechtstriebes mag zum Teil 
als eine Art von Schmerzlähmung aufzufassen sein, wie mir einer der Pa- 
tienten klagte, er könne überhaupt keine kräftige Anstrengung mehr aus- 
führen, weil er sofort Schmerzen in der Seite bekomme. Mit der Hebung 
der Schmerzen tritt auch Besserunji der Geschlech Isf unktionen ein." 



i) Das geht deutlich aus den Definitionen des Erotianus (Eroiiani vocum Hippo- 
X craticarum conlectio rec. Josephus Klein, Leipzig 1865, .S. 15, 11 und S. 83, 6): 
Ksd/^ia. rj y^Qovia tisqI zä äg&ga vooojdt]g öiädeaig. rivsg de (paoh' y.al zijv tisqI 
za yevvtjriau /woia, und des Galenos (raktjvov zibv 'IjiJio?<Q<izovg yXdioaoiv E^rjyrjoig, 
ed. Kühn, XIX, S. iii): Ksä/naza: zag sx Qsv/uazog ^Qoviovg 8ia&eaeig , ijzoi tieqI 
zu aQßga ov/Ujiavza Pj i^aigizcog negl za xaz' loxiov, hervor. Also eine schmerz- 
hafte, in der Gegend der Hüfte lokalisierte Affektion infolge des Reitens. 
Es ist aber eine allbekannte Erscheinung, dass der der Bildung der nicht selten durch 
Zerrung und Quetschung des Samenstranges beim Reiten oder Herabspringen vom Pferde 
entstehenden Varicocele vorausgehende charakteristische Leistenschmerz nach der Lenden- 
gegend, der Hüfte und bis in die Kniegegend ausstrahlt (vgl. Theodor Kocher, 
Die Krankheiten der männlichen Geschlechtsorgane, Stuttgart 1887, S. 204) und oft den 
Charakter einer ,, rheumatischen" oder neuralgischen Affektion annimmt, so dass die obigen 
Definitionen durchaus zutreffend sind und wir auch die Ausdrücke „Ischias" und ,, Podagra" 
verstehen. 

2) Die von Kühlewein acceptierte Emendation klxovvzai von Mercurialis und 
Ermerins giebt hier gar keinen Sinn, die alte Lesart skxovzai ist die richtige. Das beweist 
auch der Schluss des Kapitels, wo noch einmal die Symptome wiederholt werden und dabei 
ebenfalls nicht von „Geschwüren" die Rede ist, sondern nur von den verschiedenen Arten 
des Schmerzes {vjio xsöfidrcov xai laxidScov xal TiodayQiöjv). Schon Grimm-Lilienhain 
(Hippokrates Werke, Glogau 1837, Bd. I, S. 210) haben richtig übersetzt: ,,die Hüften 
ziehen sich zusaromen" (seil, schmerzhaft). 



— 6o5 — 

Dass auch dem Verfasser von de aere, aquis et locis dieser Zusammenhang klar war, 
beweist schlagend der Satz: öxov yuQ mjrdCor'zac f^idlioja xal jtvxvÖTaTa, sy.eT nXsTazoi 
vjto xsdfidicoi' y.ai toyiüdcov yai jTOÖayQiöJv ä?doxoviai xal /Myvevsiv xäxiazoi etat. Hier 
wird also die Venäsektion der Venen hinter den Ohren gar nicht in Anspruch genommen, 
um die konsekutive Impotenz zu erklären, sondern diese ist lediglich eine Folge der 
Schmerzen und der diese bedingenden V^eränderungen an Hoden und Samenstrang. 

Wie erklärt sich nun die seltsame Theorie von dem Auftreten der Impotenz infolge 
der Oeffnung der Venen hinter dem Ohre? Hier hat der sonst so scharf beobachtende 
Verfasser von de aere etc. ganz offenbar einer ähnlichen Anschauung gebuldigt wie der 
Verfasser von tisqi yoi'ijg, wo es in Kap i heisst: ,,Es ziehen sich vom gesamten Körper 
aus Adern und Nerven nach den Genitalien hin, durch deren Reibung, Erwärmung imd 
Anfüllung eine Art wollüstiger Kitzel über den Menschen kommt und Wohlbehagen und 
Wärme aus jener Gegend nach dem ganzen Körper strömt ... Es führen aus dem ge- 
samten Körper Gänge dorthin, es ziehen sich solche von dem Gehirne aus nach 
der Hüftgegend, nach dem ganzen Körper und so auch nach dem Rücken- 
marke, und auch von diesem gehen Gänge aus, so dass das feuchte Ziifluss wie Abfluss 
nach und aus demselben hat. Wenn aber der Samen nach dem Rückenmarke 
gelangt ist, geht er zu den Nieren; der Weg dorthin führt durch die Adern . . . 
Von den Nieren aber gelangt der Samen mitten durch die Testes zu den Ge- 
nitalien, und zwar geht er nicht den Weg des Urins, sondern er hat dicht daneben einen 
anderen Weg" und in Kap. 2: „Diejenigen aber, welche am Ohre zur Ader ge- 
lassen sind, können zwar den Coitus ausüben und ejakulieren auch, aber 
nur wenig und obendrein schwachen und unfruchtbaren Samen. Geht doch 
das Meiste vom Kopfe aus an den Ohren vorüber nach dem Rückenmarke; 
dieser Gang aber hat sich, wenn die Schnittwunde vernarbt ist, verhärtet"*). 

Wenn nun der Verfasser von jisqI ueqoov diese Theorie') auf die Impotenz der 
Skythen anwendet, weil er bei ihnen eine zu therapeutischen Zwecken vorgenommene Venä- 
sektion hinter den Ohren gesehen hat, so muss bei der Konstruktion des Zusammenhanges 
der Nachdruck auf die Worte e.fioi fikr oi'v SoxsT sv ravz}] ztj itjoei öia(p{^£iQso- 
dai 6 yörog und zai'zag zoirvv fioi doxfovai zag (p)Jßag sjzizdf,i7'€ir gelegt werden. Es 
ist also keineswegs sicher, dass die Skythen gerade die Venen, die nach der Theorie des helle- 
nischen Arztes mit der Potenz in Verbindung stehen, für den Aderlass benutzt haben. Aller- 
dings spricht für letzteres der Umstand, dass in anderen Schriften des hippokratischen Corpus 
die Venaesectio an dieser ominösen Stelle ausdrücklich gegen xsdfiaza (Epidem. VI, 
ed. Kühn, II, 609: KsSfidzcor zag f.v zoTaiv loaiv ojiio&sv qcJJßag oydi^siv) empfohlen wird. 
Dann würde sich die Anschauung der Verfasser von tisoI yorFjg und negl ueocor als eine 
Polemik gegen die letztere Methode darstellen. 

Mir scheint aber der Zusammenhang ein ganz anderer zu sein und jener merk- 
würdigen Beobachtung eine wahre Thatsache zu Grunde zu liegen, die den antiken 
Aerzten noch nicht bekannt war. Das ist die nach Fall auf den Kopf mit oder ohne 
Verletzung desselben auftretende Hodenatrophie und consecutive Impotenz. 



1) Hippokrates' sämmtliche Werke. Ins Deutsche übersetzt von Robert Fuchs, 
München 1895, Bd. I, S. 209 — 210. 

2) Sie findet sich auch in der hippokratischen Schrift jtsoi zöjzoiv xwv xazd m'&oco- 
710V (ed. Kühn, Leipzig 1826, Bd. II, S. 106). — Interessant ist, dass auch nach dem 
Talmud der Aderlass das Sperma verringert, besonders wenn er an den unteren Ex- 
tremitäten ausgeführt wird. Vgl. J. Preuss, Zur Geschichte des Aderlasses. In: Wiener 
klinische Wochenschr. 1895, Nr. 35. 

39* 



— 6o6 — 

„Eine auffallende Ursache (seil, der Hodenatrophie", bemerkt Englisch'), ,, bilden 
die Verletzungen des Schädels und der Wirbelsäule. So wurde Atrophie beobachtet nach 
Verletzungen am Hinterhaupte von Lallemand, Hildanus, Fischer, Smith, Gall, 
Curling, Larrey, nach Stoss, Schlag, Fall und Schusswunden. Auffallend war dabei 
die rasche Abnahme der Geschlechtsfunktion, deren Wiederherstellung nur in 
den seltensten Fällen erfolgte. Die Atrophie des Hodens erfolgt oft schon nach sehr 
kurzer Zeit (2 Monaten)". — De Montmollin stellte März 1875 der Societe medicale 
de Neufchätel eine Hodenatrophie vor bei einem 41jährigen Manne, der sich im 27. Jahre 
verheiratet und 4 Kinder gezeugt hatte. Derselbe fiel vor 10 Jahren auf den Kopf ohne 
weitere Erscheinungen als Kopfweh und Schmerzen in den Gliedern. Die Kopfschmerzen 
machten den Patienten bald arbeitsunfähig. Ein Jahr später wurde er ins Spital aufgenom- 
men wegen Diabetes insipidus. Er litt an heftigen Kopfschmerzen, Schmerzen und Zuck- 
ungen in den Gliedern. In derselben Zeit begannen die Bart- und Schamhaare auszufallen, 
und er konnte den Coitus nicht mehr wie früher ausüben. Anderthalb Jahre nach dem 
Vorfalle war er völlig bartlos, hatte keine Erektionen mehr noch Samenergüsse. Nach 
nahezu 5 Jahren war der rechte Hoden bohnengross, der linke haselnussgross, der Patient 
sonst normal, nur in der Gegend der kleinen Fontanelle sehr druckempfindlich. (Mitgeteilt 
bei Kocher a. a. O. S. 559 — 560.) 

Nun ist es sicher, dass bei einem Reitervolke wie den Skythen sehr häufig Sturz 
mit dem Pferde und Kopfverletzungen aller Art vorkommen mussten. Gegen diese Kopf- 
verletzungen nun wendete man den Aderlass und zwar möglichst in der Nähe des leidenden 
Teiles, also am Kopfe selbst und zwar an den Venen hinter dem Olire an. Auch die 
Hippokratiker wählten bei Krankheiten der oberen Körperteile als Stelle des Aderlasses 
Kopf, Hals, Zunge, Arme, bei Krankheiten der unteren die Füsse^) und im Oriente ist der 
Aderlass am Kopfe bei Kopfleiden weit verbreitet und noch heute üblich. Dr. Paris ^) 
erzählt: ,,Fast jeder Armenier, Grieche, Jude, Türke, hat eine Fontanelle und ebenso miss- 
brauchen sie das Schröpfen. Wegen eines simpeln Kopfwehs lassen sie den ersten besten 
Barbier sich eine Binde um den Hals schlagen, damit das Blut zurückgehalten werde, und 
hernach mit einem Scheermesser einige Schnitte um das Ohr herum machen, 
da dann ungefähr so viel Blut als in eine Eierschale geht, ausfliesst". ^ 

Die Tliatsache, dass auch die Skythen den Aderlass am Kopfe vornahmen, ist wohl 
nicht anzuzweifeln. Wahrscheinlich thaten sie es in den Fällen, wo es sich um Kopf- 
verletzungen und Kopfleiden infolge des unmässigen Reitens handelte. Und diese Kopf- 
verletzungen als das Primäre hatten die Impotenz zur Folge, die der Ver- 
fasser von ,-T£ßt dsgcov irrtümlich dem sekundären Aderlass am Kopfe zuschreibt! So dürfte 
sich am einfachsten und natürlichsten diese rätselhafte Stelle erklären. Es wird dadurch zu- 
gleich die Genesis der Impotenz durchaus der modernen Forschung entsprechend aufgehellt.*) 



1) Englisch, Artikel „Hoden" in Eulenburg's Real-Encyclopädie der gesammten 
Heilkunde, 3. Aufl., Wien und Leipzig 1896, Bd. X, S. 555. 

2) Vgl. J. H. Baas, Die geschichtliche Entwicklung des ärztlichen Standes, Berlin 
1896, S. 67. 

3) In Roux, Journal de Medecine, Bd. XLIV, S. 355, zitiert nach Sprengel - 
Rosenbaum a. a. O., I, S. 362, Anm. 35. 

4) Die Theorie des Zusammenhanges von Impotenz und Venäsectio findet sich noch 
bei mittelalterlichen Autoren. Vgl. Victor Tarrasch, Die Anatomie des Richardus. 
Inaug.-Diss., Berlin 1898, S. 47; Walter Schnelle, Die Chirurgie des Johannes Mesue 
jun. Schluß des 4. Buches zum ersten Male veröffentlicht. Inaug.-Diss. Berlin 1895, S. 29 
(beide unter der Ägide von J. Pagel). 



— 6o7 — 

Wie schon erwähnt, ist diese Impotenz das Primäre, die Vorbedingung und wesent- 
liche Ursache der sekundären Effemination, die sich infolge der Hodenatrophie iind sexuellen 
Passivität allmählich entwickelt und zum Teil künstlich gezüchtet wird. Auch diese 
zweite Erscheinung, die eigentliche -dtj^sia vovaog, beruht auf tatsächlichen Beobach- 
tungen und wird durch ethnologische Parallelen als ein eigenartiges, in seiner 
Art spezifisches Phänomen charakterisiert, so dass das Rätselhafte und Wunderbare 
daran einigermassen erklärt werden kann. 

Sowohl Herodot (I, 105) als auch der Verfasser von de aere, aquis et locis führen 
•die auf die Impotenz folgende Effemination auf die Beleidigung der Aphrodite oder einer 
anderen Gottheit zurück. Es war kein durch Menschen, sondern ein durch die Götter ver- 
hängtes Schicksal. Ganz ähnlich unterscheidet auch die biblisch-talmudische Auffassung den 
„saris" (Spadonen, Impotenten) durch Menschenhand von dem ,,saris chammah", dem 
„Sonnen-saris". Preuss'j bemerkt darüber: 

„Bestätigt sich die erst kürzlich ausgesprochene Vermutung des Herrn v. Oefele, 
dass auch die Äg)-pter den ,, Beschnittenen durch Ammon-Ra", den Sonnengott kennen, 
so wird der bisher nicht erklärte Name dieses ,,Sonnen -saris" verständlich. Die Gemara 
substituiert dafür die dem Monotheismus entsprechendere Bezeichnung: saris min haschamajüm, 
„durch Hand des Himmels", letzteres die Umschreibung des hebräischen Gottesnamens. 
Der Sonnen-saris entsteht sowohl infolge Stehenbleibens auf infantiler Stufe (Aplasie), als 
auch einer Erkrankung nach der Pubertät (Atrophie). Intrauterin entsteht die 
Hemmung, wenn die Schwangere bei hellem Feuer buk (nach 'Arükh „in der Sonne ass", 
chammah = Sonne) und schweren Wein trank (Jeb. 80 a). Ein „Verschnittener durch Hand 
des Himmels und Menschenhand zugleich" kann jemand werden, wenn ihm chatatin (Ex- 
crescenzen) aufgegangen sind (durch die Hand des Himmels) und er diese nun abkratzt 
(j. Jeb. 9a). R. Eliesar (noch zur Zeit des zweiten Tempels, um 50 p. Chr.) berichtet, 
dass man Sonnencastraten in Alexandrien in Ägypten heile (also impotent Gewordene?)." 

Es erscheint also auch hier die Impotenz und Verweiblichung als eine Krankheit, 
vooOi, die wiederum als göttliche Strafe angesehen wird und nunmehr in religiösem 
Sinne aufgefasst wird, weil man den natürlichen Ursprung der auf homosexueller Basis 
sich entwickelnden Effemination nicht kannte und vielfach auch wohl die relative Impotenz 
der Homosexuellen gegenüber Frauen mit der absoluten Impotenz heterosexueller Individuen 
in einen Topf warf. Man kannte eben noch nicht die natürlichen Erklärungen für gewisse 
rätselhafte Erscheinungen auf diesem Gebiete. Es ist deshalb von höchstem Interesse, dass 
sich Adolf Bastians berühmter „Elementargedanke" auf diesem Gebiete besonders auf- 
fällig und instruktiv nachweisen lässt. Stellt man die hierauf sich beziehenden Thatsachen 
in Kürze zusammen, so fällt der letzte Schleier von dem Rätsel der di)).sia vovaog und die 
Richtigkeit und Naturtreue der Schilderung des Verfassers von ;Tfot degcov wird in das 
hellste Licht gesetzt. 

Es ist das Verdienst Hammonds, in einer monographischen Studie^) die wichtigsten 
analogen Fälle zusammengestellt und dadurch die Glaubwürdigkeit der hippokratischen Schilde- 
rung endgültig bewiesen zu haben. 



1) J. Preuss, Die männlichen Genitalien und ihre Krankheiten nach Bibel und 
Talmud. In: Wiener med. Wochenschr. 1898, Nr. I2ff., S.-A., S. 11 — 12. 

2) William A. Hammond, The disease of the Scythians (Morbus Feminarum) 
and other analogous conditions. In : American Journal of Neurology and Psychiatry, August 
1882, p. 339 sq. 



— 6o8 — 

Schon Reinegg') und Klaproth'-) haben auf Zustände hingewiesen, die grosse 
ÄhnHchkeit mit der „skythischen Krankheit" haben und vor allem noch zu ihrer Zeit 
in den Gegenden beobachtet wurden, auf die auch die hippokratischc Beschreibung sich bezieht. 

Ersterer berichtet; „Der merkwürdigste aller Nomadenstämme von Cuban ist der der 
Nogays oder Mongutays. Die Angehörigen dieses Stammes unterscheiden sich von anderen 
durch ihre mongolischen Züge, welche ihren ganzen Körperbau charakterisieren. Die Männer 
sind fett, gross und dick, haben hervorstehende Backenknochen, tiefliegende Augen und spär- 
lichen Bartwuchs. Wenn sie durch Krankheit heruntergekommen sind oder älter werden, 
so wird die Haut des ganzen Körpers runzlig, der Bart verschwindet gänzlich, und sie 
sehen jetzt Weibern höchst ähnlich. Sie werden impotent und weichen im Denken 
und Handeln erheblich von den anderen Männern ihres Stammes ab. Sie müssen dann den 
Verkehr mit Männern meiden und schliessen sich in ihrem Umgang den Frauen an, deren 
Kleidung sie auch annehmen." 

Auch Chotomski (bei Daremberg, Oeuvres d'Hippocrate, Paris 1843, p. 497) sah 
viel später unter den Tartaren des Kaukasus viele Männer infolge übermässigen Reitens im- 
potent werden. Mit Recht folgert Hammond daraus, dass die Skythen der alten Zeit 
und ihre Nachkommen, die heutigen Bewohner des Kaukasus ganz besonders mit Impotenz 
behaftet waren und viele von ihnen zur Effemination neigten. 

Hammond'*) selbst konnte vor langen Jahren in Neu-Mexiko, wo er als Militärarzt 
stationiert war, bei den Puebloindianern Beobachtungen machen, die mit der ß^tjksia 
vovoog die grösste Ähnlichkeit aufweisen. Es wurde ihm die Thatsache hinterbracht, 
dass die Pueblos einen Stammesgenossen in jedem Dorfe aussuchen, den sie geschlechtlich 
impotent machen und dann zu päderastischen Zwecken benutzen. Diese Person nannte man 
einen „Mujerado", wahrscheinlich eine Umgestaltung aus dem spanischen Wort „Mujeriego", 
welches „weiblich" oder „weibisch" bedeutet. 

Der eine der Mujerados, die Hammond untersuchte, teilte ihm mit, dass er schon 
7 Jahre lang Mujerado sei, und dass er bis zu jener Zeit die sexuellen A[ttribute 
der Mannbarkeit voll besessen habe. Zuerst seien seine Hoden kleiner geworden, 
und mit ihrer Atrophie habe er den Geschlechtstrieb, sowie jeden .Sinn für männliche Be- 
schäftigung verloren und daher Frauenumgang aufgesucht. Sein Penis hatte anfangs die 
volle Grösse, aber da er nach und nach die Erektionsfähigkeit verlor, wurde das Glied auch 
bald atrophisch. Bevor er ein Mujerado wurde, halte er, wie er mit sichtlichem Stolze mit- 
teilte, einen grossen Penis gehabt, und seine Testikel waren „grandes como huevos", so 
gross wie Eier. 

Seine Stimme war hoch, dünn und versagte, besonders wenn er erregt war, was bei 
ihm sehr leicht vorkam-; ausserdem gestikulierte er mehr als irgend ein anderer Indianer. 

Bei einem zweiten von Hammond untersuchten Mujerado war die Schamgegend 
frei von Haaren, der Penis stark verkleinert. Die Testikel bestanden offenbar nur aus 
Bindegewebe, da auch bei starkem Druck kein Schmerz angegeben wurde, und die weichen 
flachen Körper, welche in der Tiefe des Scrotum lagen, nur die Grösse einer wilden Bohne 
hatten. Sonst bestand keine Deformität an den Genitalorganen. Er glich nackt mehr einem 
Weibe als einem Manne und in Frauenkleidern konnte man ihn nicht von wirklichen Weibern 
unterscheiden. 



i) Reinegg, Beschreibung des Kaukasus, Petersburg 1796, T. I, .S. 269. 

2) Klaproth, Reise im Kaukasus, Berlin 1812, 1, 285. 

3) Vgl. W. A. Hammond, Sexuelle Impotenz beim männlichen und weiblichen 
Geschlecht. Mit Vorwort von E. Mendel, Berlin 1891, S. 1 1 1 ff. 



— 6og — 

,,Es war mir schwierig", sagt Hammond, „die Atrophie der Genitalorgane, des- 
gleichen die sichtbaren Veränderungen, welche in anderen Teilen des Organismus eingetreten 
waren, zu erklären, aber schliesslich gelang es mir doch, einige Erkundigungen darüber ein- 
zuziehen, die wohl auf Wahrheit beruhen, da sie von verschiedenen authentischen Quellen, 
wie von den betieff enden Individuen in derselben Weise angegeben wurden. 

Der Mujerado ist für die religiösen Orgien, welche bei diesen Indianern ebenso wie 
bei den alten Griechen, Ägyptern und anderen Nationen gefeiert werden, durchaus unent- 
behrlich. Er führt die passive Rolle aus bei den päderastischen Gebräuchen, die einen so 
wichtigen Teil der Zeremonien bilden. Diese Saturnalien finden im Friihling jeden Jahres 
statt und werden den Nichtindianern gegenüber mit der grössten Heimlichkeit betrieben. 
Zum Mujerado wird einer der kräftigsten Männer gewählt, und an ihm täglich viele Male 
Masturbation ausgeführt. Zugleich muß er fast beständig reiten. Die Sexualorgane 
werden hierdurch zunächst in einen Zustand reizbarer Schwäche gebracht, so dass die Be- 
wegung auf dem Pferde schon hinreicht, eine Pollution hervorzurufen, während zu gleicher 
Zeit durch den Druck des Körpers gegen den Rücken des Pferdes — denn das Reiten 
geschieht ohne Sattel — die Ernährung der Genitalien beeinträchtigt wird. Allmählich 
können trotz des vorhandenen Orgasmus keine Samenentleerungen her\'orgerufen werden, 
auch wenn die Erregung noch so intensiv ist. Schliesslich wird auch die Auslösung des 
Orgasmus ganz unmöglich. Unterdessen beginnen der Penis sowie die Hoden zu schrumpfen 
und erreichen mit der Zeit den äussersten Grad von Atrophie. Die Erektionsfähigkeit ist 
dann gänzlich geschwunden. 

Die deutlichsten Veränderungen aber gehen hierbei nach und nach in dem Hang und 
in den Neigungen des Mujerado vor sich. Er findet kein Gefallen mehr an den Be- 
schäftigungen, die er früher betrieben; sein Mut schwindet, und er wird so furchtsam, dass, 
wenn er früher im Rate der Pueblos eine hervorragende Stellung inne hatte, ihm nun alle 
Macht und Verantwortlichkeit genommen und er selbst einflusslos wird. Ist er verheiratet, 
so entziehen sich- Frau und Kinder seiner Obhut . . . Übrigens wird es nicht als ein 
Schimpf betrachtet, Mujerado zu sein. Er wird von seinen Stammesgenossen beschützt, 
unterstützt, ja in gewissem Sinne geehrt, und braucht, wenn er will, nicht zu arbeiten. 
Die Männer jedoch verkehren nicht mit ihm, aber dies geschieht mehr seinen Wünschen 
und Neigungen gemäss, als dass jene ihn meiden. Er ist in der That bemüht, sich so viel 
als möglich dem weiblichen Geschlecht anzupassen und alle die geistigen und körperlichen 
Eigenschaften des Mannes los zu werden .... 

Der Unterschied zwischen den Mujerados und den 'Evagh^ der Skythen besteht 
hauptsächlich darin, dass bei den Pueblos der Verlust der Impotenz absichtlich zu einem 
bestimmten Zweck herbeigeführt wird, während die Impotenz bei den Skythen als zufälliges 
Endresultat bestimmter Sitten und Gebräuche eintritt. Im ganzen glaube ich annehmen zu 
dürfen, dass in beiden Fällen ähnliche Ursachen zugrunde liegen. 

Den Pueblos scheint es bekannt zu sein, einen wie grossen Einfluss das Reiten 
ausübt, wenn es sich darum handelt, jemanden zum Mujerado zu machen. In der That 
besitzen, wie ich aus eigener Anschauung weiss, die nomadenhaften Indianerstämme, welche 
gewissermassen die Repräsentanten der Skythen des westlichen Continents 
sind, besonders die Apachen und Novajos, kleine Geschlechtsorgane, schwachen Sexualtrieb 
und geringe Potenz. Schon in ihrer ersten Kindheit gewöhnen sie sich daran, auch bei 
den kleinsten Entfernungen zu reiten. Sie gehen selten zu Fuss, höchstens an solchen 
Stellen, wo ihre Pferde leicht straucheln können; stets halten sie sich in nächster Nähe 
ihrer Pferde auf. Ich habe selbst gesehen, wie sie, nur um den Sattel zu holen, eine 
Strecke von 25 Fuss ritten. Infolge dieser Lebensgewohnheit sind die Muskeln der unteren 



— 6io — 

Extremitäten in ihrer Entwicklung gehemmt, die Schenkel ganz dünn, und die Waden so 
flach wie eine Hand. Sie sind ganz unfähig, weite Märsche zu Fuss zu machen. 

Ich bin ganz sicher, dass Impotenz unter ihnen sehr häufig vorkommt, obwohl ich 
keine genaueren Erkundigungen darüber habe einziehen können. Oft wurde ich bei diesen 
Indianerstämmen, sobald sie erfuhren, dass ich ein „Medizinmann" war, von jungen, an- 
scheinend gesunden Männern um eine „kräftige Medizin" zur Stärkung der Potenz gebeten. 
Wie ich übrigens erfuhr, werden auch die meisten ,, Medizinmänner" ihres Stammes aus 
demselben Grunde von ihnen konsultiert. Ein Apachen- oder Novajo-Weib mit mehr als 
2 — 3 Kindern würde ein Unikum sein." 

Hammond spricht zum Schluss die Ansicht aus, dass die Opfer der ß}]XEia vovoog 
wie die Mujcados zu päderastischen Zwecken benutzt wurden. Jedenfalls bietet die in der 
hippokratischen Schrift erwähnte Verehrung der effeminierten Skythen eine auffällige 
Analogie mit dem Kultus der Mujerados, deren ganze Genesis so viele wirklich überraschende 
Ähnlichkeiten mit derjenigen der an der &r)Xsia vovoog leidenden Individuen aufweist. 

Die Mujerados sind jedenfalls insofern die alleinigen echten Repräsentanten einer 
modernen ,, Skythenkrankheit", als ihr Leiden wie das von dem Verfasser von jisgl degcov 
geschilderte sich aus den gleichen zwei Faktoren zusammensetzt, der primären 
Impotenz und der sekundären Effemination. 

Im übrigen findet man diese Faktoren isoliert recht häufig, besonders die Effe- 
mination. In Bezug auf die Impotenz durch Reiten bemerkt Johann Peter Frank*): 

,,Das Reiten des Landvolkes auf übel gebauten, von vorn mit einem einfachen, er- 
habenenen Knopfe oder mit einer schmalen Rippe versehenen Reitsattel, das allzu früh- 
zeitige Reiten der Knaben auf schwertrabenden oder unartigen Pferden, wozu solche, oft 
ohne Not, von ihren Eltern, in einem Alter, wo sie sich noch nicht zu halten wissen, auf 
dem Lande gezwungen werden, sind meistens die nächste Ursache der Quetschung der 
Hoden und der nachfolgenden Unfruchtbarkeit, oder noch schwererer Übel." 

Was die Typen der Effemination betrifft, wie sie in der üi'jkeia vovoog zutage trat, 
so finden wir solche sowohl bei den Alten wie bei anderen Völkern und zu allen Zeiten. 
So sagt z. B. Josephus von den galiiäischen Soldaten (De hello Judaico IV, 9, 10): 
„Noch triefend vom Blute verprassten sie das Geraubte, ergaben sich aus lauter Über- 
sättigung ungescheut weibischen Leidenschaften, indem sie sich das Haar frisierten, Weiber- 
kleider anzogen, sich mit Duftöl Übergossen und sich zur Zierde die Augen bemalten. Aber 
nicht allein im Putz thaten sie den Weibern nach, sondern Hessen sich auch als solche ge- 
brauchen und ersannen im Übermass der Geilheit naturwidrige Wollüste: sie wälzten sich 
in der Stadt wie in einem Bordelle und befleckten sie mit lauter Werken der Unreinigkeit^)." 

Weitere Beispiele antiker Effemination sind bereits früher erwähnt worden. Auf sie 
und die analogen Verhältnisse in Nord- und Zentralamerika, wo uns ,, heilige" effeminierte 
Päderasten sehr häufig begegnen, sei nur im Vorübergehen hingewiesen. Eine ausführlichere 
Übersicht darüber giebt Adolf Bastian^). 

Zur Erläuterung des für die Effemination gebrauchten Aus- 
druckes vovoog möge auch die folgende, bisher unbeachtete Stelle 
bei Aulus Gellius (Noct. Att. Lib. IV, cap. 2) dienen: „De eunucho 



i) J. P. Frank, System einer vollständigen medicinischen Polizey, Frankenthal 1791, 
Bd. 11, S. 222. 

2) Des Flavius Josephus Werke, übersetzt von Heinrich Paret, Stuttgart 1855, 
S. 506—507. 

3) Adolf Bastian, Der Mensch in der Geschichte, Leipzig 1860, Bd. III, S. 3ioff. 



— 6ii — 

quidem quaesitum est, an contra edictum aedilium videretur venun- 
datus, si ignorasset emtor eum eunuchum esse. Labeonem respondisse 
ajunt, redhiberi posse quasi morbosum." Auch hieraus geht hervor, 
daß Effemination und Impotenz als „morbus" galten. 

Schon aus dem oben (S. 5 24 ff.) mitgeteilten Vocabularium ero- 
ticum der Griechen, das zum größten Teile teils mit Beibehaltung 
derselben Worte, teils in wörtlicher Uebersetzung in den sexuellen 
Sprachschatz der Römer überging und von diesen noch vielfach ver- 
mehrt wurde, haben wir entnehmen können, daß auch alle übrigen 
Variationen des Geschlechtsgenusses und sexuellen Perversi- 
täten bei den Alten bekannt waren und geübt wurden. Auf be- 
sondere griechische und römische Lehrbücher der Sinnenlüst wurde 
schon oben (S. 536 — 537) hingewiesen. Sie enthielten die Grundzüge 
der ovßagirixi] äoelyeia (Philo, Vit. Moys. 1,1), die „mille modi Veneris 
(Ovid., ars amat. II, 679; III, 787; Ovid, Amor. III, 14, 24; III, 7, 64). 

Die hochentwickelte hellenistisch-römische Kultur Hess die latent 
in den meisten Menschen schlummernden Neigungen zu sexuellen 
Aberrationen und Raffinements offen hervortreten und steigerte sie 
ins Ungemessene. Den Gipfel der sexuellen Korruption bezeichnet 
das erste christliche Jahrhundert, als Zeit der ärgsten Verdorbenheit 
und Entartung nennt Birt die Jahre 30 — 68 n. Chr., unter der Herr- 
schaft Caligulas, Messalinas und Neros ^), wo die Abneigung gegen 
die Ehe, die schon Augustus zu seiner berühmten Ehegesetzgebung 
veranlasste, mit der männlichen Neurasthenie, der weiblichen Hysterie 
(vgl. das charakteristische Epigramm des Martial, XI, 71) und der 
Vorliebe für Haut-goüt (klassisch geschildert von Martial, III, 77) 
sich vereinigten, um die rapide Ausbreitung geschlechtlicher Ent- 
artung herbeizuführen und zu erklären. Es war die Zeit der „Wollust- 
kommissare" 2) der römischen Kaiser, als deren ersten Sueton (Tib. 42) 
den T. Caesonius Priscus erwähnt („novum denique officium instituit 
a voluptatibus, praeposito equite romano, T. Caesonio Prisco") und 
als deren berühmtester Petronius Arbiter von Tacitus (Annal. 
XVI, 18, 3) verewigt worden ist. Sie hatten die Aufgabe, neue 
Arten der Wollust zu entdecken und zu ersinnen, wie auch die per- 
sischen Könige dem eine Belohnung zugesagt haben sollen, der ihnen 
eine neue Art des geschlechtlichen Genusses offenbarte, da sie mit 



i) Theodor Birt, Zur Kulturgeschichte Roms, Leipzig 1909, S. 146. 
2) Sie sind vergleichbar den „maitres de plaisir" fürstlicher Lebemänner und Roues 
des 18. Jahrhunderts. 



6l2 

den alten sich nicht begnügen mochten, wie die byzantinische Theo- 
dora, von der Prokop (Hist. arc. IX, 6) erzählt: }) de xdx rojv toiöjv 
rQfjirjßdroiv SQyaCojuevi], evexäXei rfj (pvoEi, dvgcpoQovjuevi] öri dt] jui] xal 
Tovg tird^ovg nim] evqvteqov i) vrv elm Tgvjxqh], OJioig xal äXXi^v hravda 
f^d^iv ejiueyväo&ai övvarrj eh]. 

Aus der folgenden kurzen Uebersicht werden wir ersehen, dass 
sämtliche auch heute bekannten Arten abnormer sexueller Betätigung 
auch im Altertum existierten und jedenfalls sehr bekannt waren, 
wenn man nach den häufigen Erwähnungen der verschiedenen Schrift- 
steller urteilt. Auch hier werden uns hauptsächlich — wie bei der 
Päderastie — etwaige Beziehungen zu venerischen Erkrankungen 
interessieren und wir werden gewisse Möglichkeiten einer besonderen 
Lokalisation venerischer Affektionen , die durch die verschiedenen 
abnorm sexuellen Betätigungen geschaffen werden, ins Auge fassen 
müssen. 

Die grösste Bedeutung kommt dabei jenen Perversitäten zu, bei 
denen der Mund (Lippen, Zunge und Mundhöhle) eine aktive oder 
passive Rolle spielt. Denn es ist klar, dass die „Mundunzucht" bei 
der zarten, leicht zu Einrissen geneigten Schleimhaut der Lippen und 
der Mundhöhle sehr häufig Gelegenheit zu venerischen Ansteckungen, 
entzündlichen und geschvvürigen Veränderungen geben kann. 

J3ie Terminologie der antiken Mundunzucht ist verschieden, je 
nachdem es sich um die männlichen oder weiblichen Genitalien handelt. 
Betrachten wir zunächst die erstere Art. 

I. Mundunzucht mit und am männlichen Genitale. — Den 
Coitus per os ausführen hiess Xeoßid'Qeiv [und zwar beim Manne 
Hesych. III, 27: Jiqbg uvÖqq oio/.iareveiv], corrumpere buccas 
(Mart. III, 75), illudere capiti (Sueton. Tib. 45), irrumare (Martial 
III, 96 u. ö.), os percidere (Mart. II, 72, 3; Plaut. Pers. II, 4, 12), 
altiora tangere (Priap. 28, 5), summa petere (Mart. XI, 46). Das 
Irrumieren galt als die spezifische Unzucht der Greise (Mart. IV, 50; 
XI, 46), seine Erduldung als ein Zeichen der Demütigung, Schande 
und Strafe (Catull. XVI, i; XXVIII, 10; XXXVII, 8; XXI, 8 
und 13; Priap. XIII). 

Hierbei spielen Mund und Mundhöhle eine mehr passive Rolle, 
während die aktive dem Membrum virile zufällt. 

Ist umgekehrt der Mund aktiv gegenüber dem Membrum, so 
bezeichnete man das mit den Namen Xeoßioeiv, leoßid'Qeiv (Aristoph. 
Ran. 1308; Vesp. 1346), da die Lesbier bzw. Lesbierinneren diese 
Unzucht, das lateinische fellare (Mart. II, 42; III, 82, 84, 87, 96; 
VI, 81 u. ö.; Catull. LIX, LXXX u. ö.) erfunden haben sollen. 



- 6i3 - 

Der Scholiast zu Aristophanes Wespen 1346 beruft sich auf die Stelle des 
Theopompos in dessen „Odysseus": i'ra fii) t6 jiaXaio^' rovro xai &Qid/.ov/isi>ov (5(' 
7J/iisTeQ(or OTO/^tdrcor EiJtco aoqyaiia, ö rfnai Jiaidag Asaßüov svqsTv. Daher Suidas 
s. V. Aeoßi'oai = /lO/S'vai t6 aröiia. Aioßioi yäg 8ießd?J.ovTO ijzi aloxQÖirjTi. Derselbe 
s. V. ai()^%-id^eiv : Xsaßiu^sn' tu zco azö/iiazi JiagavofiETv. 

Lukianos (Pseudol., c. 28) nennt Xsoßiäl^Eiv zusammen mit (foirixiCeiv = lambere 
cunnuni). 

Rosenbaum') führt zur Erläuterung dieser auf den liederlichen Timarchos sich 
beziehenden Aeusserung die folgenden Stellen aus Lukianos' Pseudologista an: 

,,Bei den Göttern, was gerätst du denn in Wut, da das Volk auch das von dir 
sagt, dass du ein Fellator und Cunnilingus seiest (jigog ^ecöv, emi fioi, ri maxei?, sjifiödr 
xäxeh'a Äsycoai 01 jiolXol, IsoßiaCen' os xal (poivixi^siv). Verstehst du auch diese Wörter 
so wenig wie das djioqrgäc ? und hältst du sie für Ehrentitel ? Oder bist du daran schon 
gewöhnt, an d.TOCjgdg aber nicht, und willst es als etwas dir Unbekanntes aus der Liste 
deiner Titel streichen? (cap. 28). — Ich weiss wohl, was du triebst in Palaestina, in 
Aegypten, in Phoenicien und Syrien, sodann in Hellas und Italien, und vor allem jetzt in 
Ephesus, wo du deinen Tollheiten die Krone aufsetzest (cap. 11). — Deine Mitbürger wirst 
du aber niemals überreden, dass sie dich nicht für den Unflätigsten unter allen, für den 
Auswurf der ganzen Stadt halten sollten. Vielleicht stützest du dich aber auf die Meinung 
der Uebrigen in Syrien, dass man dich (dort) keiner Schuld, keines Lasters geziehen habe. 
Aber beim Herkules, Antiochien sah die Geschichte, als du jenen von Tarsus kommenden 
Jüngling entführtest und — doch es würde mir nicht anstehen, dergleichen aufzurühren. 
Alle, welche dabei waren, wissen es und erinnern sich daran, indem sie dich auf den Knieen 
ruhend sahen (xal ae fisv ig yorv avyaa&^fisvov idovisg) und jenem das thun, was du 
wohl weisst, wenn du es sonst nicht ganz und gar vergessen hast (cap. 20). — Aber als 
man dich auf den Knieen des Sohnes des Küpers Oinopion liegend (toi; fiecQaxiov ev yovaoi 
xeifievov) antraf, was glaubst du da? Hielt man dich nicht für einen solchen, als man eine 
solche That sah? (cap. 28). — Wie, beim Zeus, nach einer solchen That wagst du noch 
uns zu küssen? — Eher eine Natter oder Viper küssen! Die Gefahr und den Schmerz des 
Bisses kann doch ein hinzugerufener Arzt beseitigen -). Von diesem Kusse und mit solchem 
Gifte, wer darf da sich dem Tempel oder Altare nahen? Welcher Gott würde den Flehenden 
anhören: wie viel Weihkessel, wie viel Flüsse würde man bedürfen? (cap. 24). — In 
Syrien bist du QoSoödqn'rj genannt; die Ursache zu nennen muss man sich schämen, bei 
der Athene ! •') In Palästina aber (pgay/uög (die Hecke) wegen der Stacheln des Bartes, wie 
ich glaube (vgl. Priap. 74 „barbatis non nisi summa petet"). In Aegypten dagegen avvdyxr} 
(Angina, Bräune), dies ist eine bekannte Sache. Es soll wenig gefehlt haben, dass du nicht 
erstickt wärest, als du auf den Matrosen eines Dreimasters stiessest, welcher auf dich ein- 
fallend, dir den Mund verstopfte (og ifureachv ujiE(pQa^e 001 x6 arofia)." 

Für „fellare" finden sich auch die lateinischen Ausdrücke: ore 
morigerari (Sueton., Tiber. 44), ore adlaborare (Horat, Epod. 



i) J. Rosenbaum a. a. O., S. 228 ff. 

2) D. h. hier handelt es sich für den antiken Autor um ein ärztlich angreifbares 
hygienisches Uebel, beim Kusse des Fellators aber um einen ästhetischen Ekel, den kein 
Arzt beseitigen kann wie die Giftwirkung des Schlangenbisses. 

3) Forberg a. a. O., S. 281, bemerkt dazu: Haud scio an Rhododaphnes cogno- 
mine a Syris isti tradito tecte sugilletur cunnilingus, ita quidem, ut in rosa lateat cunnus, 
in lauri folio lingua lingens. 



- 6i4 -- 

VIII, 20), lambere medios viros (Mart. II, 61; III, 81, Ausonius, 
Epigr. 81), lingere (Mart. III, 88; VII, 55), vorare (Catull., 
LXXX, 5, 6). 

Je nachdem die Mundunzucht am membrum virile von einem 
männlichen oder weiblichen Individuum ausgeführt wurde, sprach man 
von einem „fellator" (Mart. XI, 30) oder einer „fellatrix" (Corp. 
Inscr. Lat. IV, 46, Nr. 760). 

2. Mundunzucht am weiblichen Genitale (Unzucht des 
oxvla^ und cunnilingus). — Hierfür finden sich folgende griechische Be- 
zeichnungen: oxvXa^ (Hesych. IV, 52 = oyrjjua äcpooöioiaxov, cbg t6 
rcöv cpoivixi'QövTwv), (poivixiCsiv (Galen., ed. Kühn XII, 249; Lukian. 
Pseudol. 28), oxeQoXlyyeq (Hesych. IV, 42 = Xmxaorai r/' coTiioxaL 
In annotatione: Js. Vossius, qui vertit = „cunnilingi". oy.egog = 
aidoioXeixtrjg), yXcorroTtoieTv (Aristoph., Kop. 1280). 

Der Name oxvXa^ stammt offenbar von der Beobachtung der- 
artiger Dinge bei Hunden. Rosenbaum (a. a. O. S. 260) zitiert hierzu 
das Sprichwort bei Suidas: xvva öegeiv dednofievyjv xö xov 0eQexgdxovg' 
o)^f]jua de eori äxoXaoxov elg xö alöoiov. Ei'o)jxai de em xcö, älXo naoxovxcov 
nv&tg ifp olg jxenöv^aoiv fj nagoLfxia. Derselbe Autor weist darauf hin, 
dass auch die Frauen des Altertums sich der Hunde als Cunnilingi 
bedient haben dürften wie diejenigen des Mittelalters und der Neuzeit. 

Dass das Wort (poivixiCetv die Thätigkeit des Cunnilingus be- 
zeichnet, geht aus der Definition des Hesychios s. v. oxvXa^ hervor. 
Ferner hat Galen eine sehr bemerkenswerte Stelle über dieses Wort. 
Er sagt in seiner Schrift jisgl xrjg xojv äjiXöjv (paQjudxwv xgdoewg xal 
dvvdfiecog (lib. X, cap. i ed. Kühn XII, 249): jiöoig ö'iÖQCÖxog xe xal 
ovQov xal xaxajiU]viov yvvaixbg d eXyi] xal ßöeXvod .... ttoXv d'avxov ßöeXv- 
QOJxeQov i]yoviuai xijv xojiqov elvai, xal jueiCov ye öveiöog ioxiv dvßocojio) 
oaxpQOvovvxi xojiQoqpdyov dxoveiv /} aioxQOVQyov ^) 1) xivaiöov, dXXd xal 
xwv aioxQOVQycöv juäXXov ßdeXXvrxöjUE^a xovg (poivixiCovxag xöjv 
Xeoßia^ovrojv, cp (paivexai /uoi jtagaTiX^oiov xi Jidoxsiv 6 xal xaxajU7]viov 
Ttivojv. Es wird hier das cpoivtxi'Qeiv ebenso von dem XeoßidCeiv unter- 
schieden wie in der oben erwähnten Stelle des Lukianos. Offenbar 
schrieb man den Ursprung der Perversität ebenso den Phöniziern zu, 
wie denjenigen des Fellare den Lesbiern. Die Namenbildung ist die 
gleiche. Es handelt sich beide Male, sowohl bei Galen als auch bei 
Lukianos, um bestimmte sexuelle Perversitäten bzw. die Aus- 
führung einer solchen, die mit den Worten Xeoßid^eiv und cpoivixi^eiv 
bezeichnet wird. Ich halte es deshalb für gänzlich ausgeschlossen, 



i) alaxQovgyög ist der terminus technicus für ,, perverse sexuelle Akte ausführen". 



- 6i5 - 

bei dieser klaren, unzweideutigen Definition der Autoren das q?oiviyu^eiv 
mit der (poivixh] vovoog der hippokratischen Schrift IJoooQtjnxov (ed. 
Kühn I, 233) zu identifizieren, die dem ganzen Zusammenhang nach 
als eine Hautkrankheit aufzufassen ist, wahrscheinlich als typische 
Lepra nach der Erklärung des Pseudo-Galenos (Glossar, ed. Kühn 
XIX, 153)^) und mit der Thätigkeit des Cunnilingus nichts zu thun 
hat. vooog heisst eben nicht immer „Laster", sondern wird ebenso 
häufig auch für wirkliche Krankheit gebraucht, z. B. von Hippo- 
krates. Damit werden die Ausführungen Rosenbaums (a. a. O. 
S. 264 — 271) über einen etwaigen Zusammenhang des (poivixiX^eiv und 
der (foivty.h] vooog hinfällig. 

Anschaulich schildert Aristophanes (Eqiiit. 1284 — 1286) das Treiben der Cuiini- 
lingi in den Bordellen: 

Tifv yaQ aviov ylcjiiav aloygaTg ijdovaTg h'^iaiferai, 
SV xaoavgioioi Xsi/cov tov djTÖJizvazov öqooov 
y.ai fio?.vvcor zi]v vmivi]v, xal xvy.iov tol^ eoxö.Qa?, 
und (Pax 885): 

z6%' ^wfiov avzfj^ TrQoojieoiov ix/.d^iEzai. 
Forberg zitiert noch eine Anzahl von griechischen Epigrammen mit Anspielungen 
auf den Cunnilingus (a. a. O. S. 325 ff.). 

Noch häufiger wird diese Perversität von den römischen Autoren 
erwähnt, bei denen sie mit den Worten „lingere" (Mart. III, 96), 
„cunnum lingere" (Mart. I, 77; II, 84; VII, 67), „ligurire" (Sueton., 
Tib. 45), „cunnilingus" (Mart. IV, 43; XII, 85; Cicero, or, pro 
domo 18; Priap. 78), „lingua fututrix" (Mart. XI, 62), „liguritor" 
(Auson., Epigr. 120) bezeichnet wird. 

Dass einige Individuen als cunniÜngi ebenso verrufen waren wie andere als Kinäden, 
gehl nicht bloss aus der Stelle bei Cicero (pro domo i8 u. 31) hervor, sondern auch aus 
dem folgenden interessanten Epigramm Martials (II, 28), in dem die verschiedenen Per- 
versitäten und Liebesarten einander gegenübergestellt werden: 

Rideto multum qui te, Sextille, cinaedum 

Dixerit et digitum porrigito medium. 

Sed nee paedico es nee tu, Sextille, fututor, 

Calda Vetustinae nee tibi bucca placet. 

Ex istis nihil est, fateor, Sextille: quid ergo es? 

Nescio, sed tu scis res superesse duas. 
Aehnlich zeichnet Epigr. IV, 43 den selbstständigen Typus des Cunnilingus gegen- 
über demjenigen des Kinäden, und VI, 26 und XI, 47 ervvähnen diese Perversität als eine 
Folge von Impotenz"'). 



1) tpoiviy.lrj vöaog' t) y.aza ^oivly.i]v xai y.azu zd ä/.Xa dvazohy.d [a.eqj] :i),eo- 
vätovoa' bt]).ovodai de y.dvzavda SohsT 7) i/.Eq?avztaotg. Vgl. auch die durchaus zu- 
treffende Bemerkung von Robert Fuchs in seiner Uebersetzung des Hippokrates, 
München 1895, Bd. I, S. 526. 

2) Man vergleiche auch Corp. Inscr. Latin., ed. Zange meister, Berlin i8~i, 
Bd. IV, S. 79 (Nr. 1255): „Amandus Cunn. linget"; S. 88 (Nr. 1383): ,,Optime Cunnum 



— 6i6 — 

Die wichtigste Frage ist die nach den Folgen der Fellatio, Irru- 
matio und der Unzucht des Cunniling-us und nach den Beziehungen 
dieser perversen Akte zu etwaigen venerischen Erkrankungen, 
endUch nach der Andeutung letzterer bei den antiken Autoren. 

Ich verweise bezüglich der gegenwärtig beobachteten Krank- 
heiten infolge der verschiedenen Arten der Mundunzucht auf die 
früheren Ausführungen (S. 434ff.) und wiederhole nur, dass man 
folgende nichtsyphilitische Affektionen beobachtet hat: weicher Schanker, 
«Stomatitis gonorrhoica mit Ulceration, Sycosis parasitaria, spitze 
Kondylome, Angina. 

Wenn wir nun in Bezug darauf die Mitteilungen der Alten über 
die Krankheiten der Mundunzucht treibenden Individuen prüfen, so 
werden wir sehen, dass nicht eine einzige als Syphilis gedacht 
werden, vielmehr ohne Zwang als eine der obigen Affektionen erklärt 
werden kann. 

Zunächst ersehen wir aus den Bemerkungen des Galen (s. oben), 
Lukianos (s. oben), Martial (z. B. II, 42), dass die Mundunzucht 
für etwas Ekelhaftes, Schmutziges galt und mit dem xojiQocpdyeiv 
auf dieselbe Stufe gestellt wurde, was auch der Schluss des Epigr. 
III, 78 des Martial andeutet, wo über den auch in III, 81 verspotteten 
passionierten Cunnilingus Baeticus gesagt wird: 

Nescio quod stomachi vitium secretius esse 
Suspicor: ut quid enim, Baetice, saprophagis? 

Neben diesem ästhetischen Widerwillen erwähnen die alten 
Schriftsteller aber auch reale Folgen der Mundunzucht, die wir hier 
in Kürze zusammenstellen wollen. 

I. Uebler (Tcruch aus dem Munde. — Drastisch sagt Martial 
(XI, 30): 

Os male causidicis et dicis olere poetis. 

Sed fellatori, Zolle, peius ölet. 
Ebendenselben foetor oris geisselt er auch beim Cunnilingus (XII, 85): 

Paediconibus os olere dicis. 

Hoc si, sicut ais, FabuUe, verum est: 

Quid tu credis olere cunnilingis? 



linget"; S. 91 (Nr. 1425): „Clintius ciinnu[m] Jingit Itonusia linget [seil, mentulam]"; 
S. 133 (Nr. 2081): „Colepius (Pater) Cunnu[m] LingeL"; S. 46 (Nr. 763): ,,Asbeslus Cun- 
num linges"; S. 100 (Nr. 1578): ,,Linge Laidi Cunnum"; S. 142 (Nr. 2257): ,,Froto Plani 
Lingit Cunnum"; S. 151 (Nr. 2400): „Satur noli Cunnum lingere Extra Porta set intra 
Porta Rogat te Artocra ut sibi lingas mentulam At Fellator Quid". 



— 6i7 — 

Um diesen üblen Mundgeruch, der sich auf leicht erklärliche 
Weise nach der Mundunzucht einstellen konnte, zu verhindern, wurde 
der Mund mit Wasser ausgespült, wie aus Priap. XXX, Mart. III, 87 
und besonders II, 50 erhellt, wo es heisst: 

Quod feilas et aquam potas, nil, Lesbia, peccas. 
Qua tibi parte opus est, Lesbia, sumis aquam. 

Deshalb rät Martial auch zum Waschen und Untertauchen des 
Kopfes nach den Küssen eines Fellators (XI, 95). 

Ueber den spezifischen Geruch der w^eiblichen Genitalien und 
seine Uebertragung auf den Cutmilingus verbreitet sich recht drastisch 
Ausonius (Epigr. 82 und 84). 

Natürlich konnte dieser Geruch nicht bloss durch Uebertragung 
der spezifischen Geruchsstoffe der Genitalien hervorgerufen werden, 
sondern auch infolge lokaler Erkrankungen der Mundhöhle (Stoma- 
titis, Ulzeration etc.) entstehen. 

2. Bleiche Gesichtsfarbe. — Als eine Folge der Mundunzucht 
wurde auch die blasse Gesichtsfarbe betrachtet, und zwar wurde sie 
bei Fehlen anderer Krankheiten ausschliesslich dieser sexuellen Per- 
versität zugeschrieben. Das besagt Epigr. I, 77 des Martialis: 

Pulchre valet Charinus, et tarnen pallet. 

Parce bibit Charinus, et tamen pallet. 

Bene concoquit Charinus, et tamen pallet. 

Sole utitur Charinus, et tamen pallet. 

Tingit cutem Charinus, et tamen pallet. 

Cunnum Charinus lingit, et tamen pallet. 
Ebenso spielen Juvenal (II, 50) und Catullus (LXXX) auf 
die Gesichtsblässe der Feilatoren, Cunnilingi und Pathici an. Es handelte 
sich in allen diesen Fällen wohl um gewerbsmässige Prostituierte, 
denn nicht bloss der Coitus analis, sondern auch die Mundunzucht 
wurde oft durch Geld erkauft, wie aus Mart. III, 75 und XI, 66 
hervorgeht. Das ausschweifende Leben eines gewerbsmässigen Wüst- 
lings war wohl geeignet, die anämische Blässe hervorzubringen, die 
wir noch heute bei vielen männlichen Prostituierten antreffen. Daher 
wurde sie im Altertum bei beiden Kategorien als charakteristisches 
Merkmal hervorgehoben. 

3. ovvdyx^- — In der oben mitgeteilten Stelle des Lukianos 
wird die ovvdy/i] (Halsbräune, Erstickung) als Folge des Irrumiert- 
werdens angeführt. Man kann sie als Halsentzündung, Angina^), 



i) Rosenbaum (a. a. O., S. 249) sagt: „Es scheint uns, wenn wir berücksich- 
tigen, dass Timarchus nicht bloss Fellator, sondern auch Irrumator war, wahrscheinlicher. 



— 6i8 — 

besser aber wohl noch als einfache Erstickung deuten, wie dies durch 
den Nachsatz bewiesen wird. Hier ein syphilitisches Leiden anzu- 
nehmen, liegt gar keine Veranlassung vor. 

4. Zungenaffektionen. — Irrtümlich führt Rosenbaum (a. 
a. O. S. 273) die ,, Zungenlähmung" als eine Krankheit des Cunni- 
lingus an, indem er als Beweis dafür Epigr. XI, 85 des Martial 
zitiert: 

Sidere percussa est subito tibi, Zolle, lingua, 
Dum lingis. Certe, Zolle, nunc futues. 
Es handelt sich offenbar um eine Hypoglossuslähmung als 
Folge einer cerebralen Affektion, die mit der Mundunzucht keinerlei 
ätiologischen Zusammenhang zu haben braucht. 

Dagegen kann bei dem folgenden Epigramm XI, 61 die Mög- 
lichkeit eines Zusammenhanges zwischen der Erkrankung der Zunge 
und ihrer sexuellen Benutzung nicht ganz in Abrede gestellt werden. 
Das Epigramm lautet: 

Lingua maritus, moechus ore Nanneius, 

Summoenianis inquinatior buccis; 

Quem cum fenestra vidit a Suburana 

Obscena nudum Leda, fornicem cludit 

Mediumque mavult basiare, quam summum; 

Modo qui per omnes viscerum tubos ibat 

Et voce certa consciaque dicebat, 

Puer an puella matris esset in ventre: 

— Gaudete cunni; vestra namque res acta est — 

Arrigere linguam non potest fututricem. 

Nam dum tumenti mersus haeret in volva 

Et vagientes intus audit infantes, 

Partem gulosam solvit indecens morbus. 

Nee purus esse nunc potest nee impurus. 
Es handelt sich um einen gewerbs- und gewohnheitsmässigen 
Cunnilingus und Fellator, dessen üble Gewohnheiten so bekannt 
waren, dass er selbst den Bordelldirnen Ekel einflösste. Dieser ist 
plötzlich von einer Krankheit der Zunge ergriffen worden, die sie 
gebrauchsunfähig macht, sodass er nur noch mit den Lippen Unzucht 
treiben kann (nam dum tumenti mersus haeret in volva). Denn „den 



dass er diesen Namen deswegen empfing, weil er, bene vasatus, häufig Angina hervor- 
brachte, bei denen nämlich, die ihm als Feilatoren dienten". Ohne jeden Beweis bringt er 
aber diese Art der Angina mit den von Aretaios (Lib. I, c. 9) beschriebenen sXxsa ZvQiaxa 
zusammen, für deren „syphilitische" Natur übrigens ebenfalls gar kein Anhaltspunkt sich findet. 



— 6ig — 

eigentlichen begierigen Teil lähmt oder löst unziemliche Krankheit 
auf und er kann weder keusch noch unkeusch sein." Man kann mit 
Meniere^) sehr wohl das „solvere" mit „lähmen" übersetzen und 
demgemäss eine Zungenlähmung annehmen. Man kann aber „solvere" 
auch mit „auflösen" = zerstören, zerfressen übersetzen und an ein 
Zungencarcinom denken. Es ist möglich, dass der Ausdruck „indecens 
morbus" wirklich mit „maladie honteuse" (Dupouy, Buret), „un- 
anständige" Krankheit übersetzt werden muss. Dann würde dies 
doch höchstens besagen, dass der Dichter gerade die Affektionen des 
Teiles, mit dem gesündigt wurde, als eine Art von gerechter ^Strafe 
für den alten eingefleischten Cunnilingus ansah und mit dem Worte 
„indecens" in diesem Sinne, aber nur in diesem eine Art von Causal- 
nexus zwischen Zungenunzucht und Zungenaffektion herstellte. „In- 
decens" kann aber auch „ekelhaft", „übel" bedeuten, mit blosser Be- 
zeichnung des Charakters der Krankheit ohne Beziehung auf irgend 
einen sexuellen Ursprung. Handelt es sich um eine Lähmung oder 
um ein destruierendes Geschwür der Zunge, so haben wir für die 
Diagnose Syphilis keinerlei bestimmte Anhaltspunkte. 

Den letzten Vers des Epigramms hat Rosenbaum richtig erklärt, 
wenn er darauf hinweist, dass durch die Zungenaffektion nicht nur 
das arrigere, sondern überhaupt das „impurus" (Cvmnilingus) sein 
unmöglich ward. „Purus" aber war er überhaupt nicht mehr, seitdem 
er gewohnheitsmässig die Unzucht des Cunnilingus trieb, wobei für 
die Auffassung „purus" Mart. IX, 63 und Petron., Sat. 9 zu ver- 
gleichen ist. 

Dass ausser den verschiedenen Arten der Betätigung der Homo- 
sexualität und der Mundunzucht auch alle anderen heute bekannten 
sexuellen Perversitäten und abnormen sexuellen Praktiken bei den 
Alten vorkommen, mag durch folgende kurze Andeutungen erhärtet 
werden, da sich eine nähere Besprechung wegen der geringen Be- 
ziehungen der meisten dieser Perversitäten zu den venerischen Krank- 
heiten erübrigt. 

Die Koprolagnie und der Masochismus, als deren Teil- 
erscheinungen ja schon die Fellatio und die Praktiken des Cunnilingus 
aufzufassen sind, werden in drastischen Schilderungen bei Seneca 
(De beneficiis IV, 31; Epist. 87), Galen (ed. Kühn XII, 24g s. oben) 
und Catullus (Carm. 98) beschrieben. 



I) Zitiert nach Edmond Dupouy, Medecine et moeurs de l'ancienne Rome d'apres 
les poetes latins, Paris 1885, S. 339. 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 40 



620 — 

Wie sehr sadistische Neigungen, abgesehen von den harmlosen 
„Liebesbissen", deren Wollust Catull (Carm. 8), Horatius (Carm. I, 
13, 11; Tibull. I, 6, 14; I, 8, 38), O vid (Amor. I, 7, 41) u. A. besingen, 
besonders in der römischen Kaiserzeit verbreitet waren, erweisen die 
ausführlichen Schilderungen des Sueton, Tacitus und der Scrip- 
tores Historiae Augustae über die mit Grausamkeit innig ver- 
knüpften wollüstigen Exzesse eines Tiberius, Caligula, Nero, 
Heliogabal usw. 

Auch der sexuelle Fetischismus war nicht unbekannt. Be- 
sonders der Geruchsfetischismus musste in einer Zeit hervor- 
treten, die mehr als heute Parfüme und Wohlgerüche zur Körperpflege 
und sexuellen Anreizung benutzte. Die sexuelle Beziehung wird denn 
auch öfter angedeutet, z. B. von Catullus (Carm. 13) und Martial 
(IX, 62). 

Einen eigentümlichen Fetischismus, die Vorliebe für Greisinnen 
(sog. „Gerontophilie" der neueren Autoren), schildert Martial im 
Epigramm III, 76: 

Ariigis ad vetulas, fastidis, Basse, puellas, 

Nee formosa tibi, sed moritura placet. 

Hie, rogo, non furor est, non haec est mentula deniens? 

Cum possis Hecuben, non potes Andromachen ! 

welche merkwürdige sexuelle Perversion also schon Martial für etwas 
Krankhaftes, für ein Zeichen von Psychopathie erklärt hat. 

Der isolierte Kleiderfetischismus wird im Talmud (Jeb. 76a) 
erwähnt, wo es heisst, dass der Anblick von Frauenkleidern allein 
schon sexuell erregend wirken kann. 

Den Incest, der im allgemeinen im Altertum nicht ganz so 
stark verabscheut wurde wie in der Neuzeit, geisselt Martial (II, 4): 

O quam blandus es, Ammiane, matri? 
Quam blanda est tibi mater, Ammiane! 
Fratrem te vocat et soror vocatur. 
Cur vos nomina nequiora tangunt? 
Quare non iuvat hoc quod estis esse? 
Lusum creditis hoc iocumque? Non est: 
Matrem, quae cupit esse sororem, 
Nee matrem iuvat esse nee sororem. 



und XII, 20: 



Quare non habeat, Fabulle, quaeris 
Uxorem Themison? habet sororem. 



und Catull schildert (Carm. 88, 89, 90, 91) die Incestorgien des Gellius, 
der mit Mutter, Schwester, Oheim und Cousinen geschlechtlich verkehrt! 



621 

Sehr verbreitet muss nach den häufigen Erwähnungen die 
Sodomie gewesen sein, deren Vorkommen auch durch bildliche Dar- 
stellungen bezeugt wird und deren klare Definition bereits im Penta- 
teuch (Levit. XX, Vers 15 — 16; vgl. ferner Exod. XXII, V. 19; Levit. 
VII, V. 21; XVIII, V. 23; Deuteron. XXVII, V. 21) gegeben wird. 

Ueber die Sodomie als religiösen Kult berichten Herodot und 
Strabo, wo sie von der Vermischung der Weiber von Mendes in 
Aegypten mit Böcken berichten (Her od. II, 46; Strabo XVII, 802; 
vgl. auch Plut, mor. gSg). Bekannt ist auch die Sage von der 
Liebe der Pasiphae zu einem Stier (Ovid ars amat. I, 289 — 326; 
Apollodor. III, 8; Vergil., ecl. 6, 45 u. ö.). Dass in der Kaiser- 
zeit wirkliche sodomitische Exzesse von Weibern mit Thieren vor- 
kamen, beweist z. B. die bekannte Stelle des Juvenal (VI, 332 — 334) 
über die Ausschweifungen beim Fest der Bona Dea: 

. . . hie si 
Quaeritur et desunt homines, mora nulla per ipsam. 
Quo minus imposito clunem summittat asello. 

Weshalb gerade hier für die Befriedigung nymphomanischer Be- 
gierden ein Esel gewählt wird, deutet Juven.IX, 92 an, wo die Salacität 
der Esel hervorgehoben wird, auf deren Ursache von Lampridius 
(Commod. 10) angespielt wird: habuit et hominem pene prominente 
ultra modum animalium, quem onon appellabat, sibi carissimum. Eine 
sehr detaillierte Schilderung des Verkehrs zwischen Weib und Esel 
giebt Apulejus (Aletam. X, 22), der hierin ohne Zweifel das Vor- 
bild für ganz ähnliche Scenen in Voltaires „Pucelle" und Nerciats 
„Diable au corps" geworden ist. 

Auch Bühne und bildende Kunst verschmähten nicht die Darstellung der Unzucht 
mit Tieren. Nach Friedländer ^) kamen unter den mythologischen Pantomimen auch Dar- 
stellungen der Europa mit dem Stier vor, worauf Aelian (Nat. anim. VII, 4) hindeutet, 
wenn er sagt, daß Stiere abgerichtet wurden, Frauen zu tragen. Noch deutlicher und 
drastischer war nach Suetonius (Nero 12) die Darstellung der Pasiphae mit dem Stier: 
inter pyrrhicharum argumenta taurus Pasiphaen ligneo juvencae simulacro abditam iniit, ut 
multi spectantiym crediderunt (vgl. dazu auch Martial. Spect. 5). 

Berühmt ist die antike Marmorgruppe im Museo nazionale zu Neapel, die einen 
bärtigen Pan im Akte der Begattung mit einer Ziege darstellt"). 

Ein Vasenbild der gleichen Sammlung stellt den auf einem Esel reitenden Bacchos 
dar, während ein ihm folgender Satyr mit dem Esel Unzucht zu treiben im Begriffe ist^). 
Eine ähnliche Scene findet sich auf einem zweiten Vasenbilde*). 



i) L. Friedländer a. a. O., II, S. 409. 

2) Vgl. darüber Gerhard und Panofka, Neapels antike Bildwerke, Bd. I, S. 461 
und „Herculanum et Pompei etc. Musee secret", Paris 1842, S. 222 und Tafel 56. 

3) H. Heydemann, Die Vasensammlungen des Museo Nazionale zu Neapel, Berlin 
1872, S. 321 (Nr. 2501). 

4) Ebenda, S. 879. 

40* 



622 

Das Altertum hatte, wie schon früher erwähnt, eine raffinierte 
Technik des Geschlechtsverkehrs ausgebildet, die nicht bloss die 
wollüstigen Bewegungen während des Coitus (man vgl. darüber 
Priap. i8 und Lucret. IV, i246ff.), sondern vor allem die verschieden- 
artigen Stellungen, oyj]jj,aTa, Veneris figurae (Ovid., Trist. II, 
523), 'A(pQoöixi]g TQOJioi (Aristoph., Eccles. 8), deren Kombination 
in den berüchtigten spinthriae des Tiberius (Sueton., Tiber. 45) 
den Gipfelpunkt sexueller Ausschweifung erreichte. Für die Ver- 
breitung venerischer Affektionen, insbesondere einer etwaigen Syphilis, 
hatten diese Raffinements gewiss grosse Bedeutung. Das gilt be- 
sonders von denjenigen, bei denen mehr als zwei Personen sexuell 
aktiv waren. 

Es scheint, dass die Symplegmata und Spinthrien in den Bordellen auf Bildern dar- 
gestellt waren, die zur Anleitung dienten. ,, Besondere Erwähnung", sagt Helbig^), „ver- 
dient ein Bild im pompejanischen Bordell : ein nackter ithyphallischer Mann liegt auf einem 
Bette und zeigt einem neben ihm stehenden Mädchen in grüner Tunica eine an der Wand 
hängende Gemäldetafel, auf welcher ein Symplegma dargestellt ist. Die Gemäldetafel ist an 
beiden Seiten mit Klappen versehen. Diese Darstellung weist auf die praktische Anwendung 
hin, welche man von den im pompejanischen Bordell gemalten Symplegmata machte". 

Es sind zahlreiche pompejanische Symplegmendarstellungen auf 
uns gekommen. Es sei nur auf die Schilderungen bei Gerhard und 
Panofka^), Helbig'^), Roux und Barre*) u. A. hingewiesen. 

In der Kaiserzeit gelangte die Technik der Symplegmata zur höchsten Ausbildung und 
zwar bezog sie sich sowohl auf die Erfindungen gewisser Wollustapparate als auch auf die 
raffinierte Ausbildung der Symplegmen zwischen mehreren Personen in den sog. „spinthriae". 
Man schrieb hauptsächlich dem Tiberius, dem Caligula und dem Nero beiderlei Er- 
findungen zu, wie aus des Lampridius Bemerkung über Heliogabalus (Heliogabal. 33): 
„libidinum genera quaedam invenit, ut spinthrias veterum imperatorum vinceret, et 
omnes apparatus Tiberii et Caligulae^) et Neronis norat" hervorgeht. Die be- 
stimmte Angabe des Tacitus (Annal, VI, i: lunc primum ignota ante vocabula sellario- 
rum et spin thriarum , ex foeditate loci et multiplici patientia), dass Tiberius die Er- 
findung der ,,sellarii" und ,, spinthriae" gemacht habe, wird durch Sueton (Tiber. 43: 
secessu vero Capreensi etiam sellaria excogitavit, sedem arcanarum libidinum, in quam 
undique conquisiti, puellarum et exoletorum greges monstrosique concubitus repertores, quos 
spintrias appellabat, triplici serie connexi, in vicem incestarent coram ipso, ut aspectu 



i) W. Heibig, Wandgemälde der vom Vesuv verschütteten Städte Campaniens, 
Leipzig 1868, S. 371. 

2) A. a. O., S. 456, 457, 458, 459—461, 462, 465, 470 u. ö. 

3) A. a. O., S. 371 u. ö. 

4) Roux et Barre, Herculanum et Pompei, Tome VIII, Paris 1842, S. 9 bis 
zum Schluss. 

5) Von Caligula berichtet allerdings Sueton (Calig. 16), dass er die Erfinder der 
Spinthrien aus Rom verbannt habe und beinahe hätte ertränken lassen. 



— 623 — 

deficientis libidines excitaret) bestätigt. Nach Forberg ^) war die „sellaria" ein mit Polstern 
ausgestatteter Raum und die „sellarii" waren diejenigen, die auf diesen Ruhebetten sich 
gegenseitig schändeten. Es ist Forberg und anderen Autoren eine interessante Stelle in 
des Spartianus Lebensbeschreibung des Kaisers Melius Verus entgangen, die vielleicht 
etwas Licht auf die Beschaffenheit dieser für "Wollustzwecke benutzten Polsterbetten wirft. 
Spartianus sagt (Helius c. 5): fertur etiam aliud genus voluptatis, quod Verus invenerat 
nam lectum eminentibus quattuor anacliteriis fecerat minuto reticulo undique inclusum eumque 
foliis rosae, quibus demptum esset album, replebat iacensque cum concubinis velamine de 

liliis facto se tegebat unctus odoribus Persicis atque idem Apicii Caeli relata, idem 

Ovidii libros amorum in lecto semper habuisse, idem Martialem, epigrammaticum poetam, 
Vergilium suum dixisse. Wahrscheinlich handelte es sich bei der sellaria des Tiberius um 
ähnlich raffinierte Wollustlager als Vorbedingung für die Ausführung der Spinthrien. 

Der Ausdruck „spintria" oder ,,spintheria" wurde auch auf die an diesen Orgien be- 
teiligten Personen angewendet, wie aus Sueton., Vitell. 3, erhellt, wo Vitellius als einer 
der Lustknaben des Tiberius erwähnt wird: Pueritiam primamque adulescentiam Capreis 
egit inter Tiberiana scorta, et ipse perpetuo spintheriae cognomine notatus ex- 
istimatusque corporis gratia initium et causa incrementorum patii fuisse, sequenti quoque 
aetate omnibus probris contaminatus. 

In Uebereinstimmung mit dieser Stelle deutet Georges in seinem ,, Lateinisch- 
Deutschen Wörterbuch" (5. Aufl., Leipzig 1885, Sp. 2398) das Wort „spintria" als „qui 
muliebria patitur seque aliis abutendum praebet". Etymologisch wird es aus dem griechischen 
a(piyntrjQ abgeleitet. Nach Festus (Zitat bei Forberg 1. c. S. 373) ist „spinter armillae 
genus, quo mulieres utebantur brachio summo sinistro", „spintria" bezeichnet also das 
kettenartige Zusammenhängen der an dem Symplegma Beteiligten und zwar gewöhnlich 
„triplici Serie" (Sueton., Tiber. 43) die sexuelle Verbindung von drei Individuen. Solche 
„triplex series" schildern Martial (X, 81), Seneca (Nat. Quaest. I, 16), Ausonius 
(Epigr. 59), wobei sie bei jenen beiden aus einer Frau und zwei Männern, bei letzterem 
aus drei Männern besteht. Natürlich kamen auch Spinthrien zu fünf und mehr Personen 
vor, nach der Versicherung des Martial XII, 43: 

Quo symplegmate quinque copulentur 
Qua plures teneantur a catena. 

Ebenso IX, 32 (Symplegma zu vieren). 

Es braucht wohl nicht näher ausgeführt zu werden, weshalb 
gerade bei diesen Spinthrien die Gefahr einer venerischen Ansteckung 
besonders gross sein musste, grösser noch als bei allen anderen Be- 
tätigungen der antiken Psychopathia sexuahs, und weshalb auch sie 
venerische Affektionen in ungewöhnlicher Lokalisation zur Folge 
haben konnten. 

Von der Betrachtung der Prostitution und der Psychopathia 
sexuaHs im Altertum wenden wir uns nunmehr zu einer kurzen 
Uebersicht über die Faktoren, die eine Verbreitung der venerischen 
Krankheiten im Altertum entweder begünstigen oder hemmen mussten. 



6) Forberg a. a. O., S. 373. 



— 624 — 

§ 4o. Begünstigende und hemmende Faktoren für die Verbreitung 
der venerischen Krankheiten im Altertum. 

Es ist schon früher (S. 509 ff.) von der Prävalenz der physischen 
Seite in der antiken Liebe die Rede gewesen. Die hedonistische 
Lebensanschauung-, wie sie in der berühmten Grabschrift des Sar- 
danapalos (Athen, XII, 39 [p, 52 9 f.]): äxQi ecogcov xov ^Mov cpcbg eniov 
E(payov ■fjcpQodioiaoa zum Ausdruck kommt, wurde bezüglich der Liebe 
nicht nur von einigen philosophischen Sekten verbreitet, sondern war 
eine communis opinio bei Griechen und Römern. Der Geschlechts- 
genuss galt entgegen der heutigen Anschauung als genau so 
notwendig wie Essen und Trinken. Deshalb wurden schon früh 
Vorschriften über den Beischlaf in die Gesetze aufgenommen. So 
verlangte Solon drei Kohabitationen im Monat (Plutarch., Solon 
20, 6), was wohl ungefähr mit der Meinung der griechischen Aerzte 
übereinstimmt, die Celsus (I, i) wiedergibt, der sowohl allzu häufige 
wie allzu seltene Ausübung des Coitus widerrät, im übrigen bereits 
die so grossen individuellen Unterschiede in Beziehung auf die 
jedem gemässe Frequenz hervorhebt. Die sexuelle Abstinenz hielt 
man jedenfalls für gesundheitsschädlicher als den massigen Geschlechts- 
verkehr. Bezeichnend hierfür ist Horat., Sat. I, 2, 116 — 119: 

tument tibi cum inguina, num, si 

ancilla aut verna est praesto puer, impetus in quem 

continuo fiat, malis tentigine rumpi? 

non ego . . . 
Deshalb empfiehlt derselbe Dichter auch ohne Bedenken den 
Bordellbesuch zur Stillung der ,,taetra libido" und zum Schutze der 
verheirateten Frauen (Sat. I, 2, 31 — 35 und Sat. II, 7, 47 — 52). 

Ansichten wie die des Epikuros, dass der Coitus niemals der 
Gesundheit zuträglich sei ^), waren auch später unter Aerzten und 
Laien nur vereinzelt. Man legte im Gegenteil dem Beischlafe die 
grösste Bedeutung für das Wohlbefinden bei. Ich erwähne z. B. die 
interessanten Aeusserungen des Galen os und des Ruphos von 
Ephesus bei Oreibasios (ed. Bussemaker et Daremberg I, 536 — 551) 
über die Gefahren und Schädlichkeiten der sexuellen Abstinenz. Ov 
jurjv JiavTaTzaoi xdxiora, sagt Ruphos, a(pQodioia. ioriv, ei xal xov xaigöv 
xal To fX£TQov oHOTieiv ed^eXoig' (hcpeXeiai de e^ avrcbv eloiv aide. 
JiXfjOjuovijv re xevcooai, xal eXacpQOv TiaQon'/^eTv to ow/ua, xal elg av^ijotv 



i) 'A<pQo8iaicov ÖS xara fikv 'Ejiixovqov ovdsfiia XQfjoi? vyieivrj (Galen bei Oribas., 
ed. Bussemaker-Daremberg I, 536). 



— 625 — 

JiQOXQSxpai, xal ävÖQCodeoTEQOv aTioqpfjvai, xard de yjv)(i]v ovveortjxora rs 
Xoyiojuov öialvet, xal OQyfjg dxgarovg enavirjoiv öib xal r(bv [xeXayxoXix&v, 
a>g TL xal ezeQOV, l'ajua enurjöeioTarov juioyeod-ai. 

Die Frage nach der Zulässigkeit und Berechtigung des ausser- 
ehelichen Geschlechtsverkehrs wurde, ebenfalls im Gegensatz zu heutigen 
Anschauungen, von den Alten unbedenklich bejaht. Charakteristisch 
hierfür ist die erwähnte Stelle bei Horaz (Sat. I, 2, 3off.) Da über- 
haupt leidenschaftliche Liebe als etwas Krankhaftes, Unvernünftiges 
galt, empfahlen die Alten als Heilmittel gerne die Ablenkung durch den 
Geschlechtsverkehr mit Dirnen und Kokotten. „Nil nisi lascivi a me 
discuntur amores", sagt Ovid (Ars amatoria III, 27). Er giebt der 
Venus tuta, der vom Zwange des Gesetzes befreiten freien Liebe den 
Vorzug (I, 33; II, 599), und so singt auch Lucretius (De rerum 
natura IV, 1065 — 1068): 

Nee Veneris fructu caret is qui vitat amorem, 

sed potius quae sunt sine poena commoda sumit: 

nam certe purast sanis magis inde voluptas 

quam miseris .... 
In den griechischen Zauberpapyri sind nach Sudhoff ^) für die 
aktive Betätigung des normalen und perversen Geschlechtsverkehrs 
nicht selten Hilfs- und Stärkungsmittel angegeben, namentlich 
Erektionsbeförderungsmittel, z. B. in den Greek Papyri des British 
Museum (I, 1893, S. 90). So im Anschluss an Beförderungsmittel der 
Trinkfestigkeit zwei Anweisungen, wie man den Geschlechtsverkehr 
fleissig ausüben und jederzeit auf Wunsch über Erektionen verfügen 
könne: 

ta. yroAAa ßiveiv övvao^ai: ozQoßUai jievn'jxovTa jueiä ovo 

xva.'&ayv yXvxeig 

xal xoxxovg Tiejiegeayg rgixpag nie. 
iß. OTVEiv^), OTE d^eXeig: jiejteqi juerd /.leXiTog rgiyjag XQ^^ ^of t6 

Tifeljjua. 
Sudhoff verweist auf das reiche Material von ähnlichem Liebes- 
zauber, oft drastischer Art, in den magischen Texten, besonders in 
dem grossen Louvre-Papyrus, den Wessely 1888 in den Denk- 
schriften der Wiener Akademie (Bd. XXXVI, S. 44 — 126) samt dem 
Londoner „Papyrus Anastasy" (S. 127 — 139) herausgegeben hat. Viel- 



i) Karl Sudhoff, Aerztliches aus griechischen Papyrus-Urkunden, Leipzig 1909, 
S. HO — III. 

2) oxveiv = steif sein, Erektionen haben. — Oefter finden sich renommistische Aus- 
lassungen über Beweise ungewöhnlicher Potenz, z. B. bei Ovid., Amor. III, 7, 23 — 26. 



— 626 — 

leicht waren auch die in den Tebtynis-Papyri (I, No. 6, S. 58 — 65 bei 
Sudhoff a. a. O. S. 114 — 115) erwähnten äcpQoöioia Mittel zur Er- 
höhung der geschlechtlichen Potenz. 

Eine sehr interessante Zusammenstellung der gebräuchlichsten 
Erektionsmittel, ivtarixd rov aiöoiov, findet sich übrigens bei Galen os 
(ed. Kühn XIV, 487 — 489), wo ausser dem oben erwähnten Pfeffer 
noch viele andere Potenzmittel genannt werden und die vielfachen 
organtherapeutischen Anklänge ä la Brown-Sequard bemerkenswert 
sind (Genuss von tierischen Hoden, Einreibung des Membrum mit 
Stierurin, der unmittelbar nach dem Coitus gelassen ist, Genuss ver- 
schiedener Pflanzensamen). 

Von den Dichtern der Kaiserzeit werden jNIittel zur Steigerung der Potenz bezw. zur 

Beseitigung von Impotenz häufig erwähnt. So spricht Martialis (X, 4, 6) von „amatrices 

aquae", vielleicht sexuell stimulierenden kohlensauren Wässern, und zählt an anderer Stelle 

(III, 75) die in der römischen Lebewelt am meisten gebräuchlichen vegetabilischen Aphro- 

disiaca auf: 

Stare, Luperce, tibi iam pridem mentula desit, 

Luctaris demens tu tarnen arrigere. 

Sed nihil erucae faciunt bulbique salaces, 

Inproba nee prosunt iam satureia tibi. 
Von diesen scheint er die Zwiebeln für das wirksamste Mittel zu halten (XIII, 34): 
Cum sit anus coniunx et sint tibi mortua membra, 
Nil aliud bulbis quam satur esse potes. 
Zauberinnen und Hexen waren sehr erfahren in der Bereitung von Liebestränken, 
aber auch von potenzfeindlichen Mitteln (vgl. die horazische Canidia Epod. V; Sueton. 
Caligula 50; Juvenal. VI, 616), die ,,Thessala philtra" (Juvenal. VI, 610) waren be- 
sonders berüchtigt in dieser Beziehung. Meist wurden sie in Verbindung mit magischen 
Proceduren, Zaubersprüchen und Zaubergesängen angewendet (Juvenal. VI, 133). Ein 
beliebter Bestandteil der Liebestränke war das „Hippomanes", nach Theokritos (II, 48 — 49) 
ein Arkadisches Kraut, nach Vergil (Georg. III, 281 — 283) der „Brunstschleim der Stuten, 
den oft Stiefmütter sammelten und mit Kräutern und verderblichen Worten mischten", nach 
Plinius (Nat. histor. VIII, 42) ein „auf der Stirn des neugeborenen Füllens befindlicher 
schwarzer Körper von der Grösse einer Feige, welchen die Mutter sofort verschlingt oder 
die Geburt nicht an die Euter lässt". Dieses „amoris veneficium" war sehr gefürchtet. 
Caesonia soll dieses aphrodisische Gift ihrem Gemahl Caligula beigebracht und dadurch 
seinen Wahnsinn herbeigeführt haben (Sueton. Calig. 50; Juvenal. VI, 615 — 616). 

Die bei weitem ausführlichste und interessanteste Schilderung der Impotenz, ihrer 
Folgen und Behandlung findet sich bei Petronius (Sat. 126 — 139). Encolpios hat in 
Kroton unter dem Namen Polyaenus ein Liebesverhältnis mit einer vornehmen und schönen 
Dame Circe angeknüpft. Als sie aber auf dem Rasen liegen „quaerentes voluptatem robustam'', 
da versagt dem Encolpios plötzlich die Manneskraft. Erstaunt fragt Circe ihn, ob ihm etwa 
ihr Kuss oder Atem zuwider oder ob der Schweissgeruch ihrer Achseln ihn abstosse. Es 
ist interessant, dass sie nicht etwa fragt, wie-das heute vielleicht eine galante 
Dame thun würde: Oder fürchtest Du, dass ich geschlechtskrank sei?^). Er 



i) Ebenso fehlt eine solche Anspielung gänzlich in den Worten, womit die Circe 
nachher ihre Dienerin Chrysis nach der Ursache der plötzlichen Kälte des Encolpios fragt: 



— 627 — 

erwidert ,,toto corpore velut luxato", dass er behext sein müsse (veneficio contactus sum) 
und fragt sich „an vera voluptate fraudatus essem", um dann schließlich dem Giton zu sagen: 
crede mihi, frater, non intellego me vinnn esse, non sentio, funerata est illa pars corporis, 
qua quondam Achilles eram". 

Encolpios unterwirft sich sodann nach einem stärkenden Regime und dem Genüsse 
von Zwiebeln der folgenden geheimnisvollen Procedur, die die alte Hexe Proselenos mit ihm 
vornimmt. Sie umwickelt seinen Hals mit einer bunten Schnur und schmiert ihm ein Ge- 
misch von Sand und Speichel auf die Stirn, wobei sie ein Zauberlied singt. Darauf muss 
er dreimal ausspucken und dreimal Steinchen in seinen Busen werfen, die sie selbst gesegnet 
und in Purpur gewickelt hat. Dann „admotis manibus temptare coepit inguinum vires", 
was denn auch augenblicklichen Erfolg hat. Doch leider ist der Erfolg nur vorübergehend. 
Encolpios erlebt bei der Circe ein zweites, noch schmählicheres Fiasko und wird von ihren 
Sklaven aus dem Hause geprügelt. 

Die Proselenos führt ihn dann zu der Priesterin des Priapos, der Oenothea, die nun 
allerlei geheimnisvolle Proceduren vornimmt, bei denen Bohnen, ein uralter Tierschädel, drei 
Gänse, die heiligen Vögel des Priapos, Haselnüsse, die in eine Schale mit Wein geworfen 
werden, Prophezeiungen aus der Gänseleber u. s. w. eine Rolle spielen und der Becher un- 
gemischten Weines fleissig kreist. Dann geht die Oenothea zu einer sehr drastischen 
lokalen Reizung über, die folgendermaßen beschrieben wird: „Profert Oenothea scorteum 
fascinum, quod ut oleo et mmuto pipere atque urticae trito circumdedit semine, paulatim 
coepit inserere ano meo . . . hoc crudelissima anus spargit subinde umore femina mea. 
nasturcii sucum cum habrotono miscet perfusisque inguinibus meis viridis urticae fascem 
comprehendit omniaque infra umbilicum coepit lenta manu caedere." 

Es geht aus der weiteren Erzählung nicht klar hervor, ob diese Flagellationskur der 
Impotenz den gewünschten Erfolg gehabt hat. Nach den darauf folgenden Versen, die mit 
den Worten schliessen: 

me quoque per terras, per cani Nereos aequor 
Hellespontiaci sequitur gravis ira Priapi ^), 
scheint es nicht der Fall gewesen zu sein. 

Galt den Alten die Befriedigung des Geschlechtstriebes als etwas 
Notwendiges und Natüriiches und bezeugen auch zahlreiche Sentenzen 
die naive Freude am Geschlechtsgenusse (z. B.: nam quis concubitus, 
Veneris quis gaudia nescit? [Petron. 132]; siquis amat quod amare 
iuvat feliciter ardet [Ovid, Remed. amor. 13]; Vivamus, mea Lesbia, 
atque amemus [Catull. V]), so verwerfen sie doch alle Exzesse der 
Sinnenlust, vor allem den übermässigen Liebesgenuss. Diese gute 
und diese böse Seite der Liebe kommen in Aussprüchen wie dem 
des A pul ejus (Metam. ed. Altenburg 1778, S. 145): flamma saevi 



„die, Chrysis, sed verum: numquid indecens sum? numquid incompta? numquid ab aliquo 
naturali vitio (d. h. angeborener Fehler) formam meam excaeco? noli decipere dominam 
tuam, nescio quid peccavimus" (Sat. 128). 

l) Dass die Impotenz als ein vom Priapus verhängtes Schicksal galt, zeigt das vom 
Tibullus verfasste Carmen Priapeum LXXXIII, wo der Gartengott als ,,nefandus desti- 
tutor inguinuum" angeredet wird. Uebrigens enthält auch dieses Gedicht eine gute Be- 
schreibung der männlichen Impotenz. 



— 628 — 

amoris parva quidem primo vapore delectat sed fomento consuetu- 
dinis exaestuans immodicis ardoribus totos adurit homines, und dem 
bekannten Vers aus der Anthologia latina: 

balnea vina Venus corrumpunt ^) corpore nostra 

conservant eadem balnea vina Venus 
bezeichnend zum Ausdruck. Die dxQaretg und äxöXaoroi in sexueller 
Beziehung werden u. a. von Aulus Gellius (Noct. Attic. XIX, 2) 
heftig gegeisselt. 



Wir gehen nunmehr zu einer kritischen Analyse derjenigen 
Faktoren über, die im Altertum eine Verbreitung der venerischen 
Krankheiten sehr stark begünstigen und insbesondere der Aus- 
breitung der Syphilis gewaltigen Vorschub hätten leisten müssen, 
falls diese damals schon existiert hätte. 

I. Grossstadtleben und Uebervölkerung. — Es ist von 
grosser Bedeutung in Beziehung auf die Verbreitung der Geschlechts- 
krankheiten, dass auch im Altertum dieselben Verhältnisse hin- 
sichtlich der grossen Verkehrszentren und einer intensiven Städtekultur 
existierten wie heute. Auch das Altertum hatte seine Millionenstädte 
mit allen ihren Schattenseiten und sein „Wohnungselend". Besonders 
Pöhlmanns gediegene Untersuchung 2) hat diese Verhältnisse hell 
beleuchtet und legt interessante Vergleiche mit der Gegenwart nahe, 
die für unser Thema insofern bemerkenswert sind, als die moderne 
Statistik die grossen Städte als die eigentlichen Herde und Central- 
punkte für die Verbreitung venerischer Krankheiten erwiesen hat^). 

Die Schätzung der Einwohnerzahl Roms in der Kaiserzeit schwankt 
zwischen i — 2Y2 MiUionen ^), die zweitgrösste Stadt war Alexandria 
mit I Million. Grossstädte in unserem Sinne waren auch Antiochia, 
Athen, Karthago, Byzanz u. a. m. 

Sehr anschaulich hat Pohl mann die Folgen der Uebervölkerung 
in den antiken Grossstädten und ihren Zusammenhang mit den sozialen 
Uebeln der Prostitution und des Verbrechertums geschildert: 



i) Das ,,corrumpere" bedeutet hier offenbar nur eine allgemeine Schwächung des 
Körpers durch allzu viele Bäder und allzu häufigen Wein- und Liebesgenuss. 

2) Robert Pöhlmann, Die Uebervölkerung der antiken Grossstädte im Zusammen- 
hange mit der Gesammtentwickelung der städtischen Civilisation, Leipzig 1884. 

3) Vgl. mein Werk ,,Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur mo- 
dernen Kultur, Berlin 1909, 7. — 9. Aufl., S. 440. 

4) Vgl. P'riedländer a. a. O., I, 58 — 70 (Ueber die Bevölkerung Roms). 



— 629 — 

„Die übermässige Agglomeration der Menschen neben- und übereinander') war ja 
gar nicht denkbar ohne die mannigfachsten Störungen des F'amilienlebens, ohne eine Ver- 
mischung der Geschlechter und Vermehrung der Versuchungen, welche die Sittlichkeit des 
Volkes um so mehr schädigen mussten, je weniger die geringe intellektuelle und moralische 
Bildung der Massen ein Gegengewicht bot. 

Wenn wir ferner hören, dass in diesen Gebäuden, in denen sich in der Regel auch 
Schenkstuben befanden, Diebs- und Gaunergesindel aller Art seine Schlupfwinkel zu haben 
pflegte^), so würden wir schon damit auf die Annahme einer weitergehenden Verwendung 
unterirdischer Räumlichkeiten geführt, auch wenn uns nicht durch Martials gelegentliche 
Bemerkungen über diesen „clusus fomix" als Proletarierobdach (X, 5, 7) die Existenz der 
antiken Kellerwohnung zur Genüge feststände. Sehr häufig begegnen wir endlich denselben 
Räumen als Stätten der Prostitution (Juvenal. X, 239: carcer fomicis; XI, 171: olido 
fofnice; Horat. sat. I, 2, 30: olenti in fornice, cf. ep. I, 64, 21; Martial. XII, 61, 8: 
niger fomix; Seneca, vit. beat. 7, 8), und es lässt sich darnach ungefähr ermessen, welche 
Bedeutung durch die Wohnungsnot einerseits und die gewinnsüchtige Wohnungsspekulation 
andererseits gerade die Kellerwohnung für die Frage der Behausung der untersten Volks- 
schichten gewonnen haben m£^ 

Vergegenwärtigt man sich das Zusammenwirken all dieser für die Gestaltung des 
städtischen Bevölkerungszustaiides massgebenden Faktoren, so begreift man das enorme 
Wachstum der sogenannten ,, gefährlichen Klassen" in Rom, die man wohl mit einem mo- 
dernen Nationalökonomen als den ,, tiefsten Niederschlag der relativen Surpluspopulation" 
der Weltstadt bezeichnen kann, des Bettler- und Vagabundentums, des lungernden arbeits- 
losen und arbeitsscheuen Gesindels alier Art, der Prostitution, des Gauner- und Verbrecher- 
tums; Elemente, die in so unheimlicher Massenhaftigkeit hervortreten, dass es die Ver- 
hältnisse nur zu treffend charakterisiert, wenn man von der Bevölkerung Roms wie von 
einer Kloake oder einem Sumpfe sprach, der ständig der Reinigung und der Abzugskanäle 
bedürftig sei. Es ist ein düstres, aber im grossen und ganzen gewiss getreues Bild, welches 
Ammianus Marcellinus von dem römischen Volksleben seiner Zeit entwirft, von dem 
wüsten Treiben eines faulenzenden Proletariats, das sich auf Strassen und Plätzen, in den 
Schenken, im Circus und Theater breit machte (besonders XXVIII, 4: hi omne quod 
vivunt vino et tesseris inpendunt et lustris et voluptatibus et spectaculis; eisque templum et 
habitaculum et contio et cupitorum spes omnis Circus est maximus)" ^). 

Die Inanspruchnahme der meist dem Sklavenstande angehörigen 
Prostituierten in Rom wurde noch durch ein bemerkenswertes Ver- 
hältnis zwischen der freien männlichen und der freien weiblichen 
Bevölkerung begünstigt, das vielleicht auch für andere antike Gross- 
städte Geltung hatte. Dio Cassius (54, 16) berichtet nämlich, dass 
im Beginne der Kaiserzeit die weibliche freie Bevölkerung in Rom er- 



i) Bei Martial VII, 20 muss der Schmarotzer Santra 200 Stufen bis zu seiner 
Kammer steigen, was mindestens auf 10 Stockwerke schließen lässt. 

2) Sokrates, Hist. eccl. V, 18. Es erinnert, wie Pöhlmann bemerkt, an die 
Mysterien moderner Grossstädte, wenn uns Sokrates mitteilt, dass mit jenen Schenken 
häufig Bordelle verbunden waren, in welche man Fremde, besonders Provinzialen hinein- 
lockte, um sie dann mittelst einer Falltüre in den Backkeller hinab zu befördern und dort 
zeitlebens bei erzwungener Arbeit festzuhalten. 

3) Pöhlmann a. a. O. S. 105; S. 96^ — 97; S. 52. 



— Ö30 — 

heblich geringer war als die männliche. Friedländer ^) setzt die 
freie weibliche Bevölkerung Roms um 17% geringer an als die 
männliche -). Dadurch wurde ein grosser Teil der Männer von der 
Ehe ausgeschlossen und auf die Benutzung der Prostitution ange- 
wiesen, die sich wesentlich aus dem Stande der zahlreichen weiblichen 
Sklaven rekrutierte und beständig durch Einwanderung ergänzt und 
vergrössert wurde. Diese ausländischen Dirnen, die natürlich hin- 
sichtlich der Einschleppung und Uebertragung von ansteckenden 
Krankheiten, nicht nur solchen venerischer Natur, besonders gefähr- 
lich sein mussten, waren in Rom sehr zahlreich. Sie trieben ihr 
Gewerbe meist als Flötenspielerinnen und Tänzerinnen, viele stammten 
aus Asien, vorzüglich dem gräcisierten Syrien (die „ambubaiae" des 
Horatius, Sat. I, 2, i) und bildeten gewissermassen die Elite der 
römischen Prostitution, deren Manieren und Redeweise römische 
Dirnen vergeblich nachzuahmen strebten, wie Marti al dies ergötzlich 
schildert (X, 68). Dass umgekehrt die römischen Frauen eine grosse 
Vorliebe für ausländische Männer, wahrscheinlich meist Sklaven, 
hegten, und mit ihnen in geschlechtliche Beziehungen traten, lässt 
sich aus einem Epigramme (VII, 30) desselben Dichters schliessen, 
in der er Parther, Germanen, Dacer, Ciliker, Kappadocier, Aegypter, 
Inder, Juden, Alanen als Liebhaber einer Römerin erwähnt. 

Diese geschlechtliche Promiskuität war natürlich am meisten bei 
den grossen Volksfesten zu beobachten, wo die Prostitution in allen 
ihren Formen sich breit machte und wüste Orgien der Unzucht ge- 
feiert wurden. Für sie gilt das Wort Ovid's (Ars amat. I, 59): 
Quot caelum Stellas, tot habet tua Roma puellas. Er nennt als Ge- 
legenheiten für erotische Abenteuer vor allem das Adonisfest (Ars 
amat. I, 75), von dem wir ja auch sonst wissen, dass es ein Dirnen- 
fest war^), die Naumachie des Augustus (Ars amat. I, 171 — 176) 
im Jahre 2 v. Chr., von der Ovid in Bezug auf die aussergewöhn- 
liche sexuelle Promiskuität sagt: 



i) Friedländer a. a. O. I, 59. 

2) Er berechnet für das Jahr 4 v. Chr.: 

320000 freie männhche erwachsene Personen der Plebs, 
265 600 freie weibliche ,, ,, ,, ,, 

17 000 Senatoren und Ritter nebst Angehörigen, 

13 000 Soldaten, 

60 000 Fremde. 
675 600. 

3) Diphilos bei Athenaios VII, pag. 292 e: ov de vvv a'äyco, jtoQvetov iari, 
jtoXvTslcög 'Addivia äyovo^ szaiga /lis&'' szeqcov jtOQvcöv j(y8r]v. oavxov anoaä^Eig rov zs 
xöXnov ajiozQsycov. Vgl. Alciphron., ep. I, 39. 



— 631 — 

Nempe ab utroque mari iuvenes, ab utroque puellae 
Venere, atque ingens orbis in Urbe fuit. 
Quis non invenit turba, quod amaret, in illa ? 
Ehen ! quam multos advena torsit Amor ! 

ferner die Festfeier eines Feldherrntriumphes (ibid. I, 177 — 228) 
und den Fackellauf zum Dianahain (I, 25g — 262). Ueber die 
Feste der speziellen Sexualgottheiten und die Gelegenheit zur Un- 
zucht bei ihnen, ist bereits oben (S. 518 ff.) das Wichtigste mitgeteilt 
worden ^). 

Auch die in allen Provinzen stattfindenden Feste und Schauspiele zogen immer eine 
grosse Menge von Teilnehmern an. Die olympischen Spiele hatten seit alten Zeiten ganz 
Hellas versammelt und dieses Fest war noch bis zur Zeit Julians das besuchteste Griechen- 
lands (Julian., Epist. ad Themistium, p. 263 A). Nächst ihnen übten die eleusinischen 
Mysterien in Athen, die Mysterien von Samothrake die grösste Anziehungskraft auf Fremde 
aus allen Ländern aus. 

Ueber die ausgedehnte Prostitution bei solchen F'esten 
bemerkt Friedländer^): 

„Dass bei solchen Versammlungen Händler und Gewerbtreibende und überhaupt alle, 
die dort auf gewinnreiche Geschäfte hoffen konnten, sich zahlreich einfanden, ist selbst- 
verständlich. Dio von Prusa sagt, dass Kuppler mit ihren Dirnen zu der Herbstversamm- 
lung der Amphiktyonen in Pylä und andern Festversammlungen reisten (Dio Chrys., Or. 
LXXVII, p. 561 M). Ueberhaupt scheinen Kuppler viel umhergezogen zu sein; die Un- 
seligen, sagt Clemens von Alexandria, gehen zur See mit einer Fracht von Dirnen, wie von 
Weizen oder Wein (Clem. Alex., Paed., IH, 22, p. 265 Pott.). Strabo erzählt, dass in 
dem wegen seiner Bäder viel besuchten Karura (auf der Grenze von Phrygien und Karlen) 
in einem Gasthause ein Kuppler mit einer grossen Menge von Dirnen bei einem Erdbeben 
von der Erde verschlungen worden sei (Strabo XII, 8, 17, p. 578). Der erwähnte Sem- 
pronius Nikokrates (Anthol. Gr., ed. Jacobs IV, p. 284), der seine künstlerische Lauf- 
bahn aufgab, um, wie er selbst sagt, ein Händler mit schönen Frauen zu werden, dürfte 

also auch in diesem neuen Gewerbe das alte Wanderleben fortgesetzt haben Ein 

sehr bedeutender AVallfahrtsort war Comana in Pontus, wo bei dem sogenannten Auszuge 
der dort verehrten Göttin (nach Strabo) Männer und Frauen von allen Seiten zusammen- 
strömten. Der Ort, zugleich ein Hauptmarkt für den armenischen Handel, war überdies 
voll von Hetären, die grösstenteils dem Tempel angehörten, und also in jeder Beziehung 
ein Kleinkorinth (Strabo XII, p. 559). 

Besonders günstige Verhältnisse für die Verbreitung von Ge- 
schlechtskrankheiten boten naturgemäss die grossen Hafenstädte 
mit ihrem stets fluktuierenden Verkehr von Fremden und Matrosen, 
wie Brundisium, Puteoli, Korinth, Athen, Smyrna, .Alexandria u. s. w. 

Am meisten war Korinth als eine Stadt des Lasters und der Ausschweifungen be- 
rüchtigt, als ,, Durchgangspunkt für alle Menschen" (Aristid., Or. III, p. 21 sq.) und ein 



i) Ueber die Grösse des Fremdenverkehrs in Rom und die damit verbundenen 
Ausschweifungen vgl. Friedländer a. a. O., I, 23 ff. 
2) Friedländer a. a. O., II, 90. 



— 632 — 

von allen Hellenen besuchter Festversammlungsort, an dem in späterer Zeit die Hefe des 
Orients und Occidents zusammenströmte. Ein berühmtes griechisches Sprichwort hiess: 
ov Ttavrog avÖQog ig Köqiv^ov k'a^' 6 jiXovg, was Hesychios (III, 240) dahin 
erläutert: ijrsl Öoy.si roTg ig Koqiv&ov slgnleovai ^svoig )raksjii^ zig rj jiokig elvai, dia zijv 
Twr exaiQÖJv yorjTslav. iojzovda^ov yäg im tovzo 01 KoQiv&toi xal Qa&v/xa>g 8ia zovzo 
Stfjyov. Noch zu des Rhetors Ar ist i des Zeit war Korinth die Stadt der Aphrodite und 
der Hetären (a. a. O. p. 23, 5). 

Uebertroffen wurde Korinth an Ueppigkeit und A^ergnügungssucht nur durch 
Alexandria, die Welthandelsstadt des Altertums, wo zugleich eine grossartige Industrie 
sich entwickelt hatte und die mit Einschluss der Fremden und Sklaven in der Kaiserzeit 
über eine Million Menschen zählte, Aegypter, Griechen, Juden, Römer. Dazu „führte der 
Welthandel die afrikanischen und asiatischen Völkerschaften in Menge aus den weitesten 
P'ernen wie in keiner anderen Stadt der Erde zusammen; Aethiopier, Libyer und Araber 
sah man hier neben Skythen, Persern, Baktrern und Indern (Friedländer a. a. O. II, 151). 

Auch die üppigen Luxusbäder in der Nähe solcher Hafen- 
städte verdienen an dieser Stelle eine Erwähnung als „deversoria 
vitiorum" (Seneca, ep. 51), vor allem das bei Puteoli gelegene 
Bajae, ausgezeichnet durch Klima, Lage, prachtvolle Bauten und 
ein raffiniertes Genussleben (vgl. Martial. I, 63, XI, 80; Horat., 
ep. I, I, 83; Ovid, Ars amat. I, 255; Propert. I, 11), von dem 
Varro (Sat. fr. 44) sagt, dass dort nicht nur die Mädchen Gemeingut 
seien, sondern auch viele Alte zu Kindern und Knaben zu Mädchen 
würden. Aehnlichen Ruf hatte Kanobus, ein bei Alexandria ge- 
legener Badeort, den Juvenal (VI, 84; XV, 44) und Strabo (XVII, 
15 — 18, p. 799 sqq.) als Schauplatz zügellosester Ausschweifungen 
und obscöner Orgien schildern. 

2. Kriegszüge und Wanderungen der Legionen. — ■ Zu 
allen Zeiten ') haben die Kriegszüge Veranlassung zu einer unge- 
wöhnlichen Verbreitung und Verschleppung von venerischen Leiden 
gegeben. So befand sich im Gefolge des athenischen Heeres vor 
Samos eine Menge feiler Mädchen (Athen. XIII, p. 572 E), und 
Tacitus (Histor. III, 83) hat uns die Folgen einer solchen Begleitung 
in seinem wunderbaren Stile ebenso kurz wie anschaulich geschildert: 
alibi praelia et vulnera, alibi balineae popinaeque; simul cruor et 
strues corporum, juxta scorta et scortis similes; quantum in luxurioso 
otio libidinum, quicquid in acerbissima captivitate scelerum, prorsus 
ut eandem civitatem et furere crederes et lascivire. Aehnlich schildert 
Quintus Curtius Rufus (V, i, 36 ff.) die Ausschweifungen der 
Soldaten in Babylon. Ebenso erwähnen Vulcatius (Avid. Cassius 5) 



i) Das gilt auch für die Gegenwart. Es sei nur an die Scharen von Prostituierten 
erinnert, die während des russisch -japanischen Krieges das russische Heer nach der Mand- 
schurei begleiteten. 



— 633 — 

und Spartianus (Pescennius 3) die Zügellosigkeit und das Bordell- 
leben der römischen Legionen. 

Ueber die Verhältnisse der Soldatendirnen in der hellenistischen Zeit geben zwei 
interessante Urkunden der Elephantinepapyri Auskunft, die das „kaufmännisch geordnete 
Uebergeben einer Soldatendirne von einer Hand in die andere zeigen". Sudhoff*) teilt 
den Inhalt des einen Dokumentes folgendermassen mit: 

„Der frühere Besitzer entsagt mit dem Empfang der Summe allen Ansprüchen an 
die Dirne, Elaphion mit Namen, die aber ihr eigenes Siegel (ein feines Frauenköpfchen mit 
,, Melonenfrisur") führt und offenbar als rechtsfähige Person auftritt. Die Syrerin Elaphion 
also zahlt im ersten Falle dem Arkader Antipatros die „roocpsTa" in einer Höhe von 
300 Drachmen aus unter dem Rechtsbeistand des Arkaders Pantarkes, der jedenfalls die 
Summe herschiesst und damit stillschweigend in ihren Besitz tritt; denn 5 Monate später 
zahlt ihm dann wieder die Elaphion 400 Drachmen aus unter dem Rechtsbeistand des 
Dion, der also ihr dritter Besitzer wird, indem sie sich fingiertermassen von dem zweiten 
wieder loskauft. Dadurch, dass der zweite Besitzer Pantarkes lOO Drachmen mehr erhält 
als der erste Besitzer Antipatros, wird vermutlich dokumentiert, dass Pantarkes länger im Be- 
sitze der Dirne war als Antipatros." 

Neben den gewöhnlichen Kriegszügen und den das Heer be- 
gleitenden Prostituiertenscharen ist ein sehr bedeutungsvolles, bisher 
noch wenig gewürdigtes Moment für die Verbreitung und Verschlep- 
pung ansteckender und speziell venerischer Krankheiten im Altertum 
die Versetzung ganzer Legionen des römischen Heeres von einem 
oft lange Jahre hindurch innegehabten Standort nach einem weit ent- 
fernten, von einem Lande in das andere, vom Osten nach dem Westen, 
von heissen Gegenden mit ihren ganz anderen klimatischen und hygieni- 
schen Verhältnissen in den rauhen, noch ganz für sich abgeschlossenen 
Norden, endlich aus dicht bevölkerten Kulturcentren in Gegenden, 
die von der Civilisation noch nicht berührt worden waren. Es ist 
sehr interessant, an der Hand von Spezialwerken wie W. Pfitzner's 
„Geschichte der römischen Kaiserlegionen von Augustus bis Hadrianus" 
und Martin Bangs „Die Germanen im römischen Dienst bis zum 
Regierungsantritt Constantin's L" (Berlin 1906) diese wechselnde Ge- 
schichte der Legionen zu verfolgen und sie dann auch unter dem 
Gesichtspunkte einer Verschleppung von contagiösen Krankheiten zu 
betrachten. 

Wenn man sich daran erinnert wie sehr am Ausgange des 
15. Jahrhunderts die Verbreitung der Syphilis mit den Zügen der 
Söldnerheere verknüpft war, welcher Parallelismus sich da bis ins 
einzelne nachweisen lässt^), wenn man sich ferner vor Augen hält. 



i) Karl Sudhoff, Aerztliches aus griechischen Papyrus -Urkunden, S. 106 — 107 
(Das Dokument wurde im Jahre 284/283 v. Chr. ausgestellt). 
2) Vgl. darüber oben Teil I, S. 255 ff. 



— 634 — 

mit welcher Intensität noch heute die Syphilis dort auftritt, wo sie 
bisher noch nicht existierte, mit welcher Schnelligkeit sie sich unter 
bisher von ihr noch unberührten Volksstämmen ausbreitet und welche 
Verheerungen sie dann anrichtet — dann wird man zu dem berech- 
tigten Schlüsse kommen, dass gerade diese merkwürdigen Wande- 
rungen und plötzlichen Versetzungen der römischen Legionen, bei 
denen viele Male ganz ähnliche Verhältnisse gegeben waren wie bei 
der grossen Syphilisepidemie am Ende des 15. Jahrhunderts, dass 
gerade sie zu gleichen Ausbrüchen der Syphilis hätten Veranlassung 
geben müssen, wenn eben die Krankheit damals schon in der alten 
Welt existiert hätte. Es ist dies neben vielen anderen Argumenten 
ein sehr starker, ja beinahe absoluter Beweis gegen die Existenz der 
Syphilis im klassischen Altertum, zumal da andere Volksseuchen von 
den Alten selbst auf solche Verschleppungen zurückgeführt werden. 

Es seien nur einige Beispiele dafür angeführt. So wurde die von Thukydides ge- 
schilderte Pest durch das peloponnesische Heer nach Attika verschleppt (Thukyd. III, 8). 
Das Heer des Kaisers Lucius Verus verbreitete auf seinem Rückzuge von Asien nach 
Rom die blatternartige Seuche des Jahres 165 n. Chr. in allen Provinzen. Unmittelbar 
nach der Ankunft der Legionen in Rom brach auch dort die Krankheit aus (Julius 
Capitolinus, Verus c. 8). Auch Plinius erwähnt im Anfange des 26. Buches seiner 
Naturalis Historia die Einschleppung verschiedener ansteckender Hautkrankheiten nach Italien, 
wie des Mentagra, des Karbunkel und des Aussalzes, den er dem ganzen Zusammenhange 
nach auf eine Einschleppung durch die Legionen des Pomp ejus zurückführt (PI in., Nat. 
hist. XXVI, 5). 

Gerade der Aussatz, der nach den wissenschaftlichen Studien der älteren alexandri- 
nischen Ärzte, der naXaioi des Ruphos (bei Oribas. ed, Daremberg IV, 63), der 
na'kaiöxEQOi des Galen (Introduct. c. XIII ed. Kühn XIV, 757) und den mustergültigen 
Schilderungen des Aretaios (Morb. chron. II, 13) und des Archigenes (Aetius, Tetrab. 
IV, Serm. I, cap. 120 — 121) in allen seinen heutigen Formen den Alten bekannt war, 
legt die entsprechende Parallele mit der Syphilis nahe, da die antiken Schriftsteller, Laien 
wie Arzte, sich in eindeutiger und bestimmter Weise über ihn aussprechen. Wir wissen 
durch Lucretius (De rerum natura VI, 11 12 — 11 13: est elephas morbus qui propter 
flumina Nili Gignitur Aegypto in medio neque praeterea usquam), Plinius (Nat. hist. 
XXVI, 5: Aegypti peculiare hoc malum) und Galen (De methodo medendi lib. II, cap. 12 
ed. Kühn XI, 142), dass in Äegypten von jeher der Hauptherd der Lepra gewesen ist 
und von hier aus sich nach dem Westen verbreitet hat. Während noch der im ersten vor- 
christlichen Jahrhundert lebende Lucretius von dem Vorkommen des Aussatzes in West- 
europa nichts weiss, melden uns mehrere Schriftsteller des ersten und zweiten nachchrist- 
lichen Jahrhunderts das Auftreten der Krankheit in Italien, Gallien und Germanien. Plinius 
macht zweimal (Nat. hist. XX, 14 und XXVI, 5) die bestimmte Angabe, dass die Lepra 
erst zur Zeit des Po m pejus nach Italien verschleppt worden sei. Eine wertvolle Bestäti- 
gung hierfür bildet eine Mitteilung des Plutarch (Sympos. VIII, 9), wonach der Aussatz 
zuerst zur Zeit des Asklepiades in Italien vorgekommen sei, desselben Asklepiades, 
den Plinius (Nat. hist. XXVI, 7) ausdrücklich als einen Zeitgenossen des Pompejus 
bezeichnet. Plinius bezieht das Auftreten der Lepra in Italien zur Zeit des Pompejus auf 
eine Einschleppung, die offenbar mit den asiatischen Feldzügen des letzteren in Zusammen- 



- 635 - 

hang gebracht werden muß, also in die 60 er Jahre des letzten vorchristlichen Jahrhunderts 
fällt. Es müssen damals wohl sofort scharfe Isolierungsmassregeln ergriffen worden sein, 
denn Plinius berichtet an derselben Stelle (XXVI, 5), dass die Krankheit in Italien schnell 
wieder erloschen sei. Celsus, der etwa 30 p. Chr. sein berühmtes Werk über die Medizin 
verfasste, nennt {III, 25) den Aussatz eine in Italien „beinahe unbekannte" Krankheit, hat 
also wohl nur vereinzelte Fälle gekannt bezw. von ihnen gehört. Es scheint aber, als ob 
doch auch später noch die Lepra wenigstens in Rom häufiger beobachtet worden ist. Denn 
Caelius Aurelianus (Morb. chron. IV, l) berichtet, dass der in Rom lebende Begründer 
der methodischen Schule, Themison, ein Zeitgenosse des älteren Plinius, sich zuerst ein- 
gehend mit der Therapie des Aussatzes befasst und seine Schüler darin eingeführt habe. 
Und wenn wir von dem ebenfalls in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahr- 
hunderts lebenden Aretaios hören (De curat, morb. chron. II, 13), dass die Gallier und 
Gelten zahlreiche Mittel gegen den Aussatz anwenden, so dürfen wir daraus doch gewiss 
auf eine ziemliche Verbreitung der Krankheit in Italien und Gallien schliessen. 

Zu diesen bemerkenswerten Nachrichten kommt endlich noch eine interessante Stelle 
bei Galen (De methodo medendi, ed. Kühn, XI, 142), aus der wir ersehen, dass auch in 
Germanien schon damals, also im 2. Jahrhundert n. Chr. der Aussatz, wenn auch selten, 
beobachtet wurde (xaTO. ds zag Fegf^iariag te xal Mvoiag GJTaviüJzaTa tovto t6 Jiä&og 
WJirai yirofiEvoi'). Es ist dies die erste sichere Nachricht über das Auftreten der Lepra 
in Deutschland. Gerade für Deutschland lässt sich nun eine sehr bedeutsame Beziehung zu 
Aegypten nachweisen, die es höchst wahrscheinlich macht, dass die Lepra aus diesem Lande 
direkt nach Germanien eingeschleppt wurde. Nach Pfitzner') wurde nämlich ungefähr 
25 V. Chr. die Legio II (Augusta) nebst zwei anderen Legionen (III und XII) in Aegypten 
stationiert. Diese zweite Legion wurde nach der Niederlage des Varus (9 p. Chr.), also 
mehrere Decennien später an den Rhein versetzt. Statt ihrer kam die Legio XXII 
nach Aegypten. Legio II stand beim Tode des Augustus (14 n. Chr.) in Obergermanien, 
und zwar hatte sie ihr Standquartier in Mainz, wo mehrere Inschriften derselben gefunden 
worden sind. Sie nahm dann teil an den beiden Feldzügen des Germanicus in den Jahren 
15 und 16 n. Chr. Aber auch die statt ihrer anno 9 p. Chr. nach Aegypten versetzte 
Legio XXII kam nach 34 Jahren zur Hälfte ebenfalls nach Mainz (43 p. Chr.), die 
andere Hälfte kam nach Italien. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese lange Jahre in dem Aussatzherde Aegypten 
stationiert gewesenen Legionen die Krankheit direkt nach Germanien verschleppt haben, wo 
sie dann später beobachtet wurde. Es ist jedenfalls von grösstem Interesse, dass gerade 
die Gegend von Mainz, wo wir bezüglich der Invasion ägyptischer Legionen genau unterrichtet 
sind, durch eine sehr große Verbreitung des Aussatzes im Mittelalter ausgezeichnet war'^). 

Wie die von Plinius erwähnten ansteckenden Hatitkrankheiten 
und wie der Aussatz hätte auch die Syphilis durch die Legionen 
überallhin verbreitet bezw. von überallher eingeschleppt werden und 
zu zahlreichen ausgedehnten und auffälligen Syphilisepidemien Ver- 
anlassung geben müssen, wenn sie damals existiert hätte. Um so 
eher als, wie wir sahen, die Prostitution mit den Kriegszügen so eng 



1) Pfitzner a. a. O., S. 190, 222, 259. 

2) Vgl. Rudolf Virchow, Zur Geschichte des Aussatzes, besonders in Deutsch- 
land, in Virchows Archiv 1860, Bd. XVIII, S. 148. 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 4i 



— 636 — 

verknüpft und überhaupt das Luxusleben innerhalb der Legionen sehr 
stark entwickelt war^). 

3. Alkoholismus. — Wie die moderne Statistik festgestellt 
hat, ist der Alkoholgen uss in seiner häufigsten Form als akuter voll- 
ständiger Rausch oder auch nur als blosse „Anheiterung" einer der 
wesentlichsten Faktoren der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, 
der in 60^80 7o der Fälle von venerischer Ansteckung die Ueber- 
tragung vermittelt und begünstigt hat. Auch den antiken Kuppler- 
innen und Prostituierten war die die Libido sexualis steigernde und 
zugleich eine gewisse psychische Lähmung hervorrufende Wirkung 
des Alkohols wohl bekannt und wurde v^on ihnen, wie wir sehen 
werden, ebenso reichlich ausgenützt wie heutzutage. 

Pur die aligeinein verbreitete Kenntnis der sexuell stimulierenden Eigenschaften des 
Alkohols bei den Alten lassen sich zahlreiche Aeusserungen und sprüchwörtliche Redens- 
arten bei Dichtern und Schriftstellern anführen, von denen wir nur einige besonders charak- 
teristische erwähnen, so vor allem das berühmte: ,,sine Cerere et Libero friget Venus'' 
(Terent. Eunuch. 732), ferner ,,oirog tgcorog sJ.syyog" (Straten in Anthol. Palat. XII, 
135 ed. Dübncr II, 414), „oivog yäo SQCozog TQO(pi]" (Callimach. cpigr. 43), ,,solutior 
est post vinum licentia" (Senec. de ira III, 37), „KvTTQiSog 8'E?.7iig öiai'&voaEi rposvag 
ä[ifiEiyvvf.iEva Aiovvaloiai StüQOig (Bacchylides bei Athen. II, 396), „Et Venus in vinis 
ignis in igne fuit" (Ovid., Ars. amat. I, 244), „vini usus olim Romanis feminis ignotus 
fuit, ne scilicet in aliquod dedecus prolaberentur: quia proximus a Libero patre intemperantiae 
gradus ad inconcessam Venerem esse consuevit" (Valer. Maxim. II, i, 5), ,,hac Amor, 
hac Liber, durus uterque Dens" (Proper t. I, 3, (4, ähnlich Achill. Tat. II, 3, 3: 
"E^fcog y.al Aiövvaog, ovo ßi'aioi deoi). 

Neben der sexuell erregenden Wirkung des Alkohols kannte 
man auch seine lähmenden Eigenschaften, die sich sowohl in der 
langsameren Vollziehung des Coitus als auch in dem Verlust des 
kritischen Unterscheidungsvermögens und der Fähigkeit zur genaueren 
Untersuchung des Partners bekunden. Beides hat der Kenner Ovid 
vortrefflich zum Ausdruck gebracht, wenn er (Ars. amat. I, 231 — 234) 
erstens den Bacchus die Flügel Amors mit Weine netzen läßt, so 
dass er schwer, imbeweglich stehen bleibt auf dem von ihm eroberten 
Gebiete (Permanet et capto stat gravis ille loco), ein Symbol für die 
ausserordentliche Verlängerung und Erschwerung der Begattung durch 
den Alkohol 2), und wenn er zweitens (Ars. amat. I, 245—252) die Ge- 
fahren des Weingenusses hauptsächlich darin erblickt, dass unter 
seinem Einflüsse leicht Mängel und Fehler des Mädchens 



i) Vgl. darüber Friedländer a. a. O., III,* 213. 

2) In den pseudoaristotelischen Problemata (3 p. 871a No. 15) heisst es ebenfalls: 
8iu ri Ol /LisdvovrEg d(pQo8iGiü^Fiv udwarol riair. — Eine vortreffliche Schilderung des 
Alkoholismus findet sich bei Plinius (Nat. histor. XIV, 28 — 29). 



- 637 - 

übersehen werden (Vers 246: iudicio formae noxque merumque 
nocent; Vers 24g: Nocte latent mendae, vitioque ignoscitur omni), 
wozu vielleicht auch etwaige venerische Geschwüre und Excrescenzen 
gehörten^). 

Die griechischen S3^mposien, zu denen Flötenbläserinnen und 
Tänzerinnen hinzugezogen wurden (Plato, Sympos. 212D), und die 
üppigen römischen Gastmähler, bei denen erotische Lieder, Nuditäten 
und lascive Tänze ihre Wirkung auf die alkoholisierten Gäste nicht 
verfehlten (Quint., inst. or. I, 2, 8: omne convivium obscenis canticis 
strepit, pudenda dictu spectantur; Plutarch, quaest. conviv. VII, 8, 
4, 4 p. 712F: Ol de TioXXol, y.al yvvaixcov ovyy.aTay.eifiEvcov xal naidcov 
avTjßoiv, ejiiöeiy.vvvTai jiujui'jfxaTa JiQayjuaTCOv y.al Xoycov, ä jzdai]i; jiieO}]? 
TaQaxcoöeoTEQov t«? i^v^oig diari^^^oiv) und bei denen nicht selten das 
berauschende Getränk aus Gläsern in Form von Geschlechtsteilen 
(Juven., I, 2, 95: vitreo bibit ille priapo) getrunken, ähnlich gestaltetes 
Backwerk (Mart., IX, 2, 3; XIV, 6g) genossen wurde, Lampen in 
Phallusform die ausgelassene Scene erleuchteten-), gaben oft Veran- 
lassung zu sexuellen Orgien, bei denen jede Vorsicht ausser Acht 
gelassen wurde. 

Wahre Brutstätten der venerischen Krankheiten mußten aber 
jene Orte sein, an denen die Prostitution sich des Alkoholis- 
mus zur Erreichung ihrer Zwecke bediente. Das waren die Animier- 
kneipen und die Bordelle und Hetärenwohnungen. 

Die Animierkneipe (y.arT}]?.ETov Isokrat. Areiopag. 232; Athen., XIII, p. 567; 
salax taborna Catull., XXXVII, i; caiipona, cauponula, Cicer., Phil. 2, 77) war als ein 
gefährlicher Ort der Unzucht verrufen. Friedländer ^j bemerkt darüber: 

,,Uebrigens waren die Wirtshäuser sehr häufig Orte der Prostitution und die AVirte 
zugleich Kuppler. Wiederholt wird von den juristischen Schriftstellern erwähnt, dass die 
weibliche Bedienung der Tabemen sowohl in den Städten als an den Landstraßen aus feilen 
Dirnen zu bestehen pflegte und die Wirtschaft häufig nur ein Deckmantel für Kuppelei 
war (Ulpian., Dig. III, 2, 4, § 2; XXIII, 2, 43, i ib. § 9). Nach einem Erlass des 
Kaisers Alexander Severus durfte eine Sklavin, die unter der Bedingung verkauft worden 
war, dass sie nicht prostituiert werden sollte, auch nicht in ein Wirtshaus verkauft werden, 
wo die Verwendung zur Aufwartung nur ein Vorwand war, um das Gesetz zu umgehen 
(Cod. IV, 56, 3). Von der gesetzlichen Bestimmung, dass mit dem weiblichen Personal 
der Tabemen ein Ehebruch nicht begangen werden könne, nahm erst Constantin im Jahre 
326 die Wirtin selbst aus, aber nur in dem Falle, dass sie die Gäste nicht selbst bediente . . . 
Auf einem aus der Kaiserzeit herrührenden Relief von Aesernia in Samnium (Isernia) rechnet 
ein Mann in Reisekleidern, den Maulesel am Zügel führend, mit der Wirtin ab; oberhalb 
des Bildes ist das Gespräch selbst verewigt, nach welchem ausser dem Wein, der wohl 

1) Drastisch schildert Juvenal (VI, 300 — 301) diese wollüstige Umnebelung: 
.... Quid enim Venus ebria curat? Inguinis et capitis quae sint discrimina, nescit. 

2) Vgl. dazu Paul Brandt in seiner Ausgabe von Ovids Ars amatoria, S. 210. 

3) L. Friedländer a. a. O., II, 44. 

41* 



— 638 — 

umsonst gegeben wurde, für Brot l As (damals 6'/., Pfg-)» für Zukost 2 As, für das Mädchen 
8 As, für Heu 2 As zu bezahlen waren." 

Eine sehr anschauliche Schilderung von dem Treiben in einer an der Landstrasse ge- 
legenen Animierkneipe giebt Virgil in dem Gedichte „Copa", Die syrische Schenkwirtin 
(copa Syiisca) führt vor der Taberne einen wollüstigen Tanz unter Castagnettenbegleitung 
aus und preist den vorüberziehenden Wanderern im Gesänge die ihrer im Innern der gegen 
die Sommerhitze schützenden kühlen Schenke harrenden Genüsse an, besonders die ver- 
schiedenen Weine, die in schönen Gläsern kredenzt werden: 

si sapis, aeslivo recubans te prolue vitro 

seu vis crystallo ferre novos calices 
dazu ein üppiges Ruhelager und die Umarmung eines schönen Mädchens 

eia age pampinea fessus requiesce sub unibra 

et gravidum roseo necte caput strophio, 

formosus tenerae decerpens ora puellae 
und schliesst in horazischer Lebensweisheit: 

pone merum et talos. pereat qui crastina curat 

mors aurem vellens 'vivite' ait, 'venio'. 
Auch Sueton (Nero 27) erwähnt diese die Wanderer anlockenden copae. Es waren, 
wie auch die übrigen Animierkneipendirnen, meist Syrerinnen und Orientalinnen (copa Syrisca, 
ambubaja), die, wie Juvenal (III, 62 — 66) klagt, in Scharen nach Rom strömten und durch 
ihre Wollüste und sexuelle Korruption besonders verrufen und — begehrt waren. Welche 
unversiegbare (quelle für die Ausbreitung einer etwaigen Syphilis diese Art iimigster Be- 
rührung von Orient und Occident hätte abgeben müssen, liegt auf der Hand. 

Dass auch in allen Bordellen alkoholische Excesse an der Tagesordnung waren und 
der Weingenuss hier Mittel zum Zweck möglichst großer Ausbeutung der Klientel war, er- 
fahren wir aus der attischen Komödie und den Lustspielen des Plautus. So schildert 
z. B. Syncerastus im „Poenulus" (II, 9) die ausschweifenden Zechgelage in einem solchen 
Hurenhause, in dem für diesen Zweck ein Lager von sämtlichen Weinsorten in etikettierten 
Flaschen bereitsteht. Leonida wünscht sich eine Nacht bei einer Dirne nebst einem Fässchen 
Wein (Plaut., Asinar. III, 3). Ganz wie bei uns sprachen auch die Dirnen selbst eifrig 
dem Weine zu („vini modo cupidae" Plaut. Pseudolus I, 2). Von den Excessen des 
Nero in Bordellen und Anitnierkneipen haben uns Tacitus (Annal. XV, 37) und Sueton 
(Nero 27) lebhafte Schilderungen hinterlassen*). 

Als Motto für die Beziehungen zwischen AlkohoHsmus und 
Prostitution könnte das Wort des älteren Plinius (Nat. hist. XIV, 
28) gelten: Ita vina ex libidine haurivmtur, atque etiam praemio in- 
vitatur ebrietas et, si dis placet, emitur! 

4. Die Sitte des Küssens. — Die orientalische Sitte des 
Männerkusses wurde zur Zeit des Augustus in Rom eingeführt-) und 
verbreitete sich schnell unter den Kreisen der Vornehmen (PI in., Nat. 
histor. XXVI, 3), wo sie zu einer wahren Plage wurde, die Martial 
sehr lebhaft schildert: 



i) Auch Martial (III, 82, i — 3) erwähnt die Gastmähler und das Zechen in den 
römischen Bordellen. 

2) Vgl. darüber L. Friedländer a. a. O., Bd. I, S. 160 und 202 — 204. 



— 639 — 

Bruma est et riget horridus December, 

Audes tu tarnen osculo nivali 

Omnes obviiis hinc et hinc tenere 

Et totam, Line, basiare Romam . . . (VII, 95) 

Effugere non est, Flacce, basiatores. 

Instant, morantur, persecuntur, occiirrunt, 

Et hinc et illinc, usque quaque, quacunque. 

Non iilcus acre pustulaeve lucentes, 

Nee triste mentum sordidiqiie lichenes, 

Nee labra pingiii delibuta ceiato 

Nee congelati gutta proderit nasi .... (X.I, 98) 

Tantum dat tibi Roma basiorum 

Post annos modo quindecim reverso, 

Quantum Lesbia non dedit Catullo. 

Te vicinia tota, te pilosus 

Hircoso premit osculo colonus; 

Hinc instat tibi textor, inde fuUo, 

Hinc sulor modo peile basiata, 

Hinc menti dominus pediculosi. 

Nee deest hinc oculis et inde lippus, 

Fellatorque recensque eunnilingus. 

Jani tanti tibi non fuit redire. (XII, 59) 

Hieraus erhellt, dass zur Zeit Marti als diese Kusssitte bereits 
auch unter den niederen Klassen in geradezu epidemischer Weise um 
sich gegriffen und zu einer wahren Küsswut sich gestaltet hatte, die 
selbst durch offenbare Krankheitserscheinungen wie Geschwüre, 
Pusteln, Bartflechten („triste mentum sordidique lichenes"), Läuse u.s. w. 
nicht gezügelt wurde. Ebensowenig konnte man sich vor den wenig 
appetitlichen Küssen eines Fellator oder Cunnilingus, wie auch vor 
denen der Kinäden (Petron. 2:^: immundissimo me basio conspuit) 
schützen, und Tertullian (de resurrectione carnis c. 16) sagt von den 
Küssen der Tribaden und Kybelepriester, der Gladiatoren und Henker: 
et tarnen calicem non dico venenarium, in quem mors aliqua ructarit, 
sed frictricis, vel archigalli, vel gladiatoris aut carnificis spiritu in- 
fectum, quaero an minus damnes quam oscula ipsorum? 

In diesen Aeusserungen des Martial, Petron und Tertullian 
bekundet sich allerdings mehr der ästhetische Ekel und Widerwille 
gegen Küsse von derartigen Individuen als die Kenntnis der Ueber- 
tragung von ansteckenden Krankheiten durch solche Küsse. Den- 
noch ist auch diese nicht ganz unbekannt geblieben. Das 
beweisen die Mitteilungen des älteren Plinius (Nat. hist. XXVI, 
1 — 3) über die Mentagraepidemie unter der Regierung des Kaisers 
Tiberius, die ja von den Verteidigern der Altertumss3'philis immer 
wieder als Beweis für die Existenz der Lustseuche angeführt und 



— 640 — 

namentlich von Rosenbaum i) mit allen Mitteln medizinischer und 
etymologischer Sophistik als solche zu erweisen versucht wurde, im 
Lichte der modernen Forschung aber sehr bestimmt und eindeutig 
als eine nichtsyphilitische Dermatomykose diagnostiziert werden 
kann, wie wir gleich sehen werden. Der Bericht des Plinius lautet: 

Sensit facies hominum novos omnique aevo priore incognitos non Italiae modo 
verum etiam universae prope Europae morbos, tunc quoque non tota Italia nee per lUyricum 
Galliasve aut Hispanias magno opere vagatos, aut alibi quam Romae circaque, sine dolore 
quidem illos ac sine pernicie vitae, sed tanla foeditate ut quaecumque mors 
praeferenda esset. Gravissimum ex his lichenas appeliavere Graeco nomine, 
Latine, quoniam a mente fere oriebatur, — ioculari primum lascivia'j, ut est procax 
muitorum natura in alienis nnseriis, mox ex usurpato vocabulo, — mentagram, occu- 
pantem multis et intus totos utique voltus, oculis tantum immunibus, des- 
cendentem vero et in coila pectusque ac manus, foedo cutis, furfure. 

Non fuerat hacc lues apud inaiores patresque nostros, et primum Til^eri Claudi 
Caesaris principatu medio irrepsit in Italiam quodam Perusino equite Romano quaestorio 
scriba, cum in Asia adparuisset, inde contagionem eins inportante. nee sensere id maium 
feminae aut servitia plebesque humilis aut media, sed proceres veloci transitu 
osculi maxume foediore muitorum qui perpeti medicinam toleraverant cica- 
trice quam morbo. causticis namque curabatur, ni usque in ossa exustum esset, rebellante 
taedio. adveneruntque ex Aegypto geiietrice talium vitiorum medici hanc solam operam ad- 
ferentes magna sua praeda, siquidcm certum est Manilium Cornulum e praetoriis legatum 
Aquitanicae provinciae HS. CC elocasse in eo morbo curandum sese, acciditque saepius 
ut nova contra genera morborum gregatim sentirentur. quo mirabilius quid potest reperiri, 
aliqua gigni repente vitia terrarum in parte certa membrisque hominum certis vel aetatibus 
aut etiam fortunis, tamque malo eligente, haec in pueris grassari, illa in adultis, haec proceres 
sentire, illa pauperes? 

Eine kritische Analyse dieses Berichtes ergiebt Folgendes: 
Unter den neuen, nicht in ganz Europa, sondern nur an einzel- 
nen Orten epidemisch auftretenden Gesichtskrankheiten, die von aus- 
wärts eingeschleppt wurden, zwar schmerzlos und nicht lebens- 
gefährlich, aber äusserst entstellend waren, war die schlimmste 
diejenige, die die Griechen „Liehen" nannten. Von den Römern 
wurde sie wegen, ihres hauptsächlichen Sitzes und Beginnes 
am Kinn scherzhaft „Mentagra" genannt^), von dort aus verbreitete 

i) J. Rosenbaum a. a. O., S. 278 — 297. 

2) Dieses Wort bedeutet hier nicht, wie Rosen bäum meint, „Lüsternheil" oder 
,,Obscönität", sondern ,, Mutwille, Schäkerei", vgl. Georges, Kleines Lateinisches Hand- 
wörterbuch, Leipzig 1885, Sp. 1429. Es kann sich also in keinem B'alle um eine An- 
spielung auf sexuelle Perversitäten, wie die Betätigung des Cunnilingus, handeln. 

3) Da sie im Anfange nur bei den Vornehmen grassierte, die Gicht, das „Podagra" 
aber ebenfalls eine Krankheit der üppig lebenden oberen Klassen ist, so lag es für einen 
boshaften Spötter nahe, in Analogie für diese neue aristokratische Krankheit den Namen 
,, Mentagra" zu erfinden. Ein Anhaltspunkt für eine obscöne Anspielung dabei liegt nicht 
vor, es sei denn, dass man die Küsswut an sich in solchem Sinne auffasste, was freilich 
auch möglich ist. 



- 641 - 

sie sich bei vielen über das Gesicht bis zu den Augen, die aber ver- 
schont blieben und nach abwärts auf Hals, Brust und Hände. Als 
Hauptsymptom erwähnt Plinus eine hässliche, kleienartige Ab- 
schuppung. Das Mentagra wurde nach seinen weiteren Mitteilungen 
durch einen aus Perusia stammenden römischen Ritter nach Italien 
eingeschleppt, und zwar aus Asien. Dieser vornehme Mann hatte 
offenbar andere vornehme Leute inficiert, denn das Uebel verbreitete 
sich, wie Plinius ausdrücklich hervorhebt, zunächst nur unter den 
Vornehmen, bei denen allein eben die Sitte des Küssens üblich war, 
und wurde durch dieses rasch übertragen. Frauen, Sklaven, 
niederer und mittlerer Stand blieben im Anfange gänzlich davon ver- 
schont. Das Leiden war sehr hartnäckig und wurde mit energischen 
kaustischen Mitteln bekämpft, so dass Narben zurückblieben. Man 
rief ägyptische Spezialisten herbei, die in der Behandlung dieser 
Krankheit sehr erfahren waren und sich in Rom dadurch grosse 
Reichtümer erwarben. 

Unter diesen Aerzten nennt Galen den Pamphilos, der durch 
ein von ihm verordnetes exööqiov Xetxirjvcov sehr viel Geld er- 
worben habe, zur Zeit als in Rom die „Mentagra" genannte 
Krankheit herrschte^). Es war dies ein scharfes arsenikhaltiges 
Aetzmittel, das Eiterung der erkrankten vStellen hervorrief und in 
Verbindung mit nachfolgenden heissen Bähungen, Kataplasmen und 
Pflastern schliesslich die Heilung mit Narbenbildung herbeiführte. 
Sehr interessant bezüglich der Diagnose der Affektion ist dabei der 
am vSchlusse erteilte Rat, stets auch die scheinbar gesunden Partien 
der Peripherie mitzubehandeln, da auch sie oft von der Affektion 
schon ergriffen seien -). Das war die am meisten gebräuchliche Be- 
handlungsweise des Mentagra {aint] y.oiv)] eTiifieleia ifjg /iievtdygag). 

Weitere, die Angaben des Plinius durchaus bestätigende Mit- 
teilungen über das Mentagra haben wir von dem Arzte Kriton, 
der ein Zeitgenosse des Martial und Leibarzt des Kaisers Trajan 
(g8 — 117 n. Chr.) war und ein berühmtes Werk über Kosmetik ver- 
fasste 3). Zu dieser Zeit war, wie wir aus den oben zitierten Epi- 



i) Galen, jisgi ovv&eoecog (paQi-mxoiv icöv aaxa. lönovg ßißkiov V, c. 2, ed. Kühn, 
XII, 839: 'ExdÖQiov ksiX'>]VO)v. xavti] Iläfiqyuog yQtjad/nevog im ' Pcöfirjs jileTaxov ijiogi- 
aazo sjiiHQazovaTjg iv zf} Jiöksi zfjg /nevzäyoag ksyofj,svr]g. 

2) Ib. XII, 841: jiQo dk zijg icöv ix^oniow e::iideaEiog ::isQila}ißäreiv 8si za e^co&ev 
zov leix^jvog (pagfidxov d(p?.ey/iidvzov anhp'Uo, :roooyaoiCö/ierov zfj i^coidzcp yga/ufif) zov 
?.eiyj'jvog (iixqöv zl zcöv ditad^öiv aco/iidzwv. 

3) Vgl. über Kritons Schriften: Max Wellmann, Die pneumatische Schule bis 
auf Archigenes, Berlin 1895, S. 14, Anm. 7. 



— 642 — 

grammen Martials wissen, das Mentagra („triste mentum sordidique 
lichenes") auch schon in den unteren Volksklassen verbreitet. 

Die Aeusserungen des Kriton über das Mentagra fanden sich 
in dem dritten Buche seiner Koo/ut]Tixd^), und Galen hat folgende 
Beschreibung des Leidens wörtlich daraus excerpiert -): 

[KgiTOJVog Jigog zovg im zöjv yeveiojv lsix'fivag.'\ 'E(pe^fjg tovtcov, o Kqitojv eyQaips 
jigog zovg sjii zöiv yevEioiv Xeixfjvag oids 7t(og. Jtgog ^s zovg sjii zöJv yEVEiojv ?.f;i)rfjrag 
jia&og arjÖEOzazov, xal yafi }(vt]o/iovg ejtKpsQEi nal jiEfjioiaoir zmv czsjiovdözcov y.nl yJv- 
Svvov ovx oXiyov, eqjiei yuo eoziv 6'ze xaO' ö)mv zov jtQoawjtov, xal wpOaXiww ajiTEiai 
xal o^eÖov zfjg drojidzco 8vofWQ(/)iag sailv al'riov. 

Auch diese Schilderung bestätigt die Angaben des Plinius 
über den Beginn der Affektion am Kinne und das allmähliche Herauf- 
kriechen {eqjiei) nach oben, was sehr charakteristisch für eine Derma- 
tomykose ist. Kriton scheint schwerere Formen dieser Affektion 
beobachtet zu haben, da er von ihrer „Gefährlichkeit" spricht. Er 
hebt auch den Juckreiz hervor. 

Um welche Krankheit hat es sich nun beim Mentagra ge- 
handelt? Dass es nicht Syphilis war und sein konnte, haben schon 
die älteren Syphilisgeschichtsschreiber, wie z. B. Matthiolus und 
Brassavola erkannt''). 

Alles: das ursprüngliche Auftreten unter den durch die Kuss- 
sitte einer Infektion am Kinn besonders ausgesetzten Vornehmen, der 
Beginn am Kinn, die Art der Ausbreitung per continuitatem, der 
Juckreiz, die Verunstaltung des Gesichtes, das periphere Fortschreiten 
nacti Abheilung des Centrums, wie dies Galen andeutet, alles dies 
spricht für eine Dermatomykose und zwar für eine der vielen Arten 
der Trichophytie. 

Vor einigen Jahren hat schon der gelehrte Medizinhistoriker 
J. Chr. Huber diese Diagnose gestellt und treffend begründet^). 



i) Galen 1. c, ed. Kühn, XII, 827. 

2) Ib. XII, 830. 

3) Matthiolus bemerkt treffend: ,,Nani si Mentagra (qiiod morbi genus Graeci 
lichenas appellant) foeniinas, servos plebemque humilem ac mediam non invasit, verum Pro- 
ceres tantum veloci transitu osculi, Aggregator ipse viderit, quomodo rectius dicatur Galliens. 
Nam tempestate nostra, nullis immun ibus relictis. per morlales grassatur. Praemisimus 
enim Gallicum saepius in verendorum ])articulis oriri, at liehen quoniam mentum 
invaserat, Älentagrae nomen sibi vindicaverat". Petri Andreae Matthioli, De morbo 
Gallico opusculum, in: Luisinus, Aphrodisiacus, Lugduni Batavorum 1728 p. 252 (ähnlich 
auch Brassavola ebendort p. 669). 

4) J. Chr. Huber, Rezension von Rosenbaums Geschichte der Lustseuche im 
Altertume, ". Aufl., 1904 in: Münchener med. Wochenschr. 1904, Nr. 45. 



— 643 — 

Er sagt: „Auch das Mentagra Plinii hat man zu den vene- 
rischen Leiden gestellt. Diese in Histor. natur., Lib. XXVI, cap. f 
und 2 beschriebene Dermatose befiel nur Männer von Stand; Frauen, 
Sklaven und Plebs wurden verschont. Rosenbaum sieht hier eine 
venerische Krankheit des Cunnilingus. Ich halte das Leiden für 
.Sycosis parasitaria (Herpes tonsurans durch den von Gruby 1842 
und Malmsten entdeckten Pilz). Diese Ansicht vertritt auch Jean 
Breitbach (1888) in seiner Bonner Dissertation über Sycosis para- 
sitaria; somit dürfte sie auch die Ansicht des bedeutenden Derma- 
tologen Doutrelepont sein. Wie kann man ein Leiden für vene- 
risch halten, das Weiber, Sklaven und Plebs verschont und nur 
bärtige Männer der besseren Stände befällt! Auch wissen wir aus 
dem Parasitenbuche von Perroncito, dass Herpes totisurans in 
Italien häufig ist." 

Man kann in der That das Mentagra mit Bestimmtheit als eine 
der zahlreichen Formen der Trichophytie diagnostizieren, von welcher 
Dermatomykose die neuere Forschung- zeitlich, örtlich und klinisch 
sehr verschiedene Arten festgestellt hat^). 

So wissen wir, dass diese Pilzerkrankung der Haut sehr leicht 
von Person zu Person übertragen wird und auch heute noch in einer 
Art von Epidemie auftreten kann, wie denn z. B. in den Jahren 
1882 — 1885 in Leipzig und Berlin eine solche epidemische Verbreitung 
der „Bartflechte", des antiken Mentagra, beobachtet worden ist 2). 
Auch nimmt das Leiden in den südlicher gelegenen Ländern einen 
mehr akuten Verlavif^), besonders bei den tieferen Barttrichophytien, 
wie ihn schon Plinius geschildert hat. Trotzdem erstreckt sich die 
Dauer der Affektion auf Monate und Jahre. Das gilt vor allem für 
eine in Italien häufige Form, die durch das Trichophyton rosaceum 
hervorgerufen wird und trotz Behandlung länger als ein Jahr dauert^). 
Auch das Jucken, die kleienförmige Abschuppung, das peripherische 
Weiterkriechen, das ausschließliche Vorkommen bei Männern, wie 
dies von Plinius und Kriton beschrieben wird, gehört zur Sympto- 
matologie der trichophytischen Bartflechte, der Sycosis parasitaria. 



i) Man vgl. besonders die vorzügliche Abhandlung von H. C. Plaut ,, Trichophytie" 
in: Mraceks Handbuch der Hautkrankheiten, Wien und Leipzig 1909, Bd. IV, 2, S. 73 
bis 156. 

2) Vgl. Kaposi, Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten, 5. Aufl.. Berlin- 
Wien 1899. S. 1002. 

3) Plaut a. a. O., S. 74. 

4) Ibid S. 127. 



— 644 — 

Die folgende Schilderung der Sycosis trichophytica von Behrend i) 
deckt sich im wesentlichen mit derjenigen der genannten antiken 
Autoren, wobei nochmals daran zu erinnern ist, dass das Mentagra 
wohl eine besondere Form der Trichophytonerkrankung darstellt, wie 
sie im Norden nicht beobachtet wird: 

,, Gelangt der Pilz auf irgend eine Weise auf den bärtigen Teil des Gesichtes, so 
bildet sich zunächst an der Austrittsstelle des Haares ein kleines rotes Knötchen, welches 
juckt und sich alsbald mit einer kleinen Schuppe bedeckt. Schon in kurzer Zeit dehnt 
sich die Röte weiter aus, es kommt zur Entwicklung einer runden Scheibe mit etwas er- 
habenem Rande, die mit Schuppen bedeckt, sich allmählich vergrössert und den Um- 
fang eines Fünfzigpfennigstückes, eines Markstückes und darüber erreicht. Anfangs ist die 
Entzündung ziemlich oberflächlich und die Infiltration nur massig, später jedoch, etwa nach 
vierzehntägigem Bestände, dringt sie in die Tiefe, so dass es zur Entwicklung derber, tief 
in das Unterhautbindegewebe reichender und auf ihrer Unterlage frei beweglicher, knotiger 
Verdickungen des Corium kommt. In vielen Fällen bilden sich auf einer derartigen Scheibe 
und zwar dann meist an ihrer Peripherie mehrere isolierte Knoten, während das 
Zentrum blass wird und einsinkt, zuweilen aber auch wandelt sie sich in ihrer ganzen 
Ausdehnung in einen einzigen Knoten dieser Art um, der alsdann bis zum Umfang einer 
Haselnuss, ja selbst einer Wallnuss heranwachsen kann. 

Nicht immer bleibt die Affektion auf ihre ursprüngliche Stelle beschränkt, vielmehr 
wird der Pilz regelmässig, sei es durch die kratzenden F'ingcrnägel, sei es beim Abwischen 
des Schweisses mit dem Taschentuch oder beim Waschen und Abtrocknen auf weitere 
Strecken übertragen, und es können sich daher an benachbarten Stellen sehr 
bald gleiche Veränderungen herausbilden. Indes nicht überall, wohin der Pilz gelangt, kommt 
es zur Bildung von Knoten, sondern man sieht dann an vielen Stellen nur kleine Schüpp- 
chen-) an den Austrittspunkten der Haare aus den Follikeln." 

Den weiteren Verlauf des Krankheitsprozesses, der schliesslich 
zu den auch von Plinius und Kriton erwähnten schweren Ent- 
stellungen führt, führt uns Jarisch^) recht anschaulich vor Augen: 

„Allmählich kommt es zum Auftreten von isoliert oder in Haufen stehenden Fblli- 
culitiden, welche durch Ausbreitung des entzündlichen Infiltrates in die Tiefe und Fläche 
der Haut confluieren, und zur Bildung von bald nur disseminiert, bald dicht gedrängt 
stehenden und den grössten Teil des bebarteten Gesichts, besonders Kinngegend occupierenden 
Knoten zusammenfllessen. Diese erscheinen als sehr schmerzhafte, bis zu mehreren Centi- 
metern hervorragende, mehr weniger scharf umschriebene, an ihrer Oberfläche meist ver- 
krustete Tumoren. — Unter dem Einflüsse der Eiterung kommt es zur Elimination imd 
Zerstörung der Krankheitserreger und die Affektion heilt demzufolge in loco spontan ab, 
freilich nicht ohne zeitweilig mehr oder weniger umfangreiche Narbe nbildung^) und 
bleibenden Haarverlust zu hinterlassen. In der Regel werden die Patienten in Folge der 



1) Gustav Behrend, Lehrbuch der Hautkrankheiten, 2. Aufl., Berlin 1883, S. 556 
bis 557. 

2) Das ,,foedo furfure" des Plinius. 

3) A. Jarisch, Die Hautkrankheiten, Wien 1900, S. 582 — 583. 

4) Auch diese „cicatrix" erwähnt Plinius, der sie zum Teil auf die Behandlung 
mit Aetzmitteln zurückführt. 



— 645 — 

oft hochgradigen Schmerzhaftigkeit und Entstellung schon frühzeitig veranlasst, 
ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen." 

Hiernach bleibt wohl kein Zweifel mehr, dass das Mentagra 
nichts anderes gewesen ist, als eine Trichophy tia profunda, da 
es nach Lokalisation, Entwickelung und Verlauf sich durchaus mit 
dieser Dermatomykose deckt. Dass es „Syphilis" gewesen sei, wird 
ohnehin nach den mitgeteilten Daten kein ernstliafter Forscher mehr 
behaupten können ^). 

Itn Zusammenhange mit dem Mentagra und mit der Unsitte 
des Küssens muss auch die Gesichtskrankheit des Kaisers Ti- 
ber ins erwähnt werden, die viele Autoren, sogar Rosen bäum (a. a. 
O. S. 293) und Proksch (a. a. O. Bd. I, S. 202 — 203) für Syphihs 
halten. Es sei gleich bemerkt, dass auch diese Diagnose völlig 
unhaltbar ist, wenn man kritisch und unbefangen die überlieferten 
Nachrichten prüft. Gerade für die Hautaffektion des Tiberius gilt 
das Wort: simplex sigillum veri ! 

Plinius berichtet, dass das Mentagra in der Mitte der Re- 
gierungszeit des Kaisers Tiberius (14--37 n. Chr.) in Rom auftrat, 
also etwa im Jahre 25 oder 26 n. Chr. und dass es hauptsächlich 
durch das Küssen unter den Vornehmen sich verbreitete -). Hieraus 
nun erklärt sich ohne Zweifel das von Tiberius erlassene Verbot 
dieses täglichen Küssens (Sueton., Tiberius 34: cotidiana oscula 
edicto prohibuit) und höchst wahrscheinlich auch seine Abreise 
von Rom im Jahre 26 n. Chr., die wohl damit zusammenhängt, dass 
er selbst an Mentagra erkrankt war. Dies hat schon Fried- 
länder vermutet^), da Tacitus unter den Gründen, die Tiberius 
bewogen, im Jahre 26 [d. h. in dem Jahre der Mentagraepidemie !] 
Rom zu verlassen, die Entstellung seines Gesichtes durch Geschwüre 
und Pflaster erwähnt (Annal. IV, 57: erant qui crederunt in senec- 
tute corporis quoque habitum pudori fuisse: quippe illi praegracilis et 
incurva proceritas, nudus capillo vertex, ulcerosa facies ac ple- 
rumque medicaminibus interstincta). In Verbindung mit dem 



i) Erwähnt sei noch die spätere Mentagra-Epidemie zur Zeit des Soranos (Anfang 
des zweiten Jahrhunderts n. Chr.), von der Marcelius Empiricus (De med. liber c. 19, 
p. 129) berichtet: Ad lichenem sive mentagram, quod vitium neglectum solet per totam 
faciem et per totum corpus serpere et plures homines inquinare. Nani Soranus medicus 
quoiidam ducentis hominibus hoc morbo laborantibus curandis (!) in Aquitania se locavit. 

2) Deutlicher heisst es in einer späteren selbstsländigen Redaktion dieser Stelle 
(Plinii Secundi Junioris de medicina. Hb. I, c. 18, ed. Val. Rose, Leipzig 1875, S. 33: 
eos qui sie (seil, mentagra) vexantur osculari non oportet, quoniam contactus per- 
niciosus est. 

3) Friedländer a. a. O., Bd. I, S. 160. 



— 646 — 

Verbote des Küssens und dem Verlassen Roms gerade während der 
Mentagraepidemie kann in der That diese Gesichtsaffektion des Ti- 
berius zwanglos als Mentagra gedeutet werden, da ja dieses Leiden, 
wie wir oben sahen, mit Pflastern und Aetzsalben behandelt wurde. 

Der Kaiser war ja der Uebertragung- des Mentagrapilzes am 
meisten ausgesetzt, da gerade ihn die seit Augustus bestehende 
Hofetikette zwang, die Freunde erster Klasse mit einem Kusse zu 
begrüssen (Sueton., Otho, c. 6) und sein offenbar nach der Ansteckung 
erfolgtes Verbot sehr übel aufgenommen wurde (Valer. Maxim. II, 
6, 17, vergl. Friedländer a. a. O., I, 160). Deshalb wurde seine 
Erkrankung wohl besonders peinlich empfunden und die Spezialisten 
gaben sich mit der Behandlung der kaiserlichen Gesichtsaffektion 
ganz besondere Mühe und erfanden zu diesem Zwecke neue Heil- 
mittel, wie den jQOxioxog Jigög sQjiiirag Tißeoiov Kaioagog, den Galen 
{jieQi ovv&eoecog q^aQfxdxayv tcöv xarä yevr] V, c. 12, ed. Kühn XIII, 836) 
erwähnt. Wenn wir uns erinnern, dass auch vom Mentagra der Aus- 
druck egjisiv gebraucht wurde, so können sich die eQJirjxeg an dieser 
Stelle sehr wohl auf diese Affektion beziehen. Sie können aber auch 
ganz allgemein als ,, Flechten" gemeint sein, da die egjifjteg analog 
diesem deutschen Ausdrucke verschiedene peripher weiter kriechende 
Dermatosen umfassten. 

Denn ausser dem Mentagra litt Tiberius höchst wahrscheinlich 
noch an einer schon länger bestehenden Akne. Denn Sueton 
spricht offenbar von einer ganz anderen Gesichtsaffektion des Ti- 
berius als dem Mentagra, wenn er (Sueton., Tiber. 68) bemerkt: 
facie honesta, in qua tamen crebri et subiti tumores, d. h. es bil- 
deten sich häufig und plötzlich Knoten im Gesichte, wie dies bei 
der Akne und der Rosacea der Fall ist. Eingehender hat der Kaiser 
Julian in einer Beschreibung des Tiberius in der Unterwelt diese 
Affektion geschildert (Caesares in Opera omnia Parisiis 1630, Bd. II, 
S. g, zit. nach Rosenbaum 1. c. 293): 

'EjTiozQacpevrsg de JTQog zi]v y.a^eÖQav ä)q)§t]oav cbxEiXal xaza xm' vöizoi' /ivgiai 
xavzfJQEg zivkg xal ^sofiaza xal jiXtjyal /aAf.Tot xal /iü)?.o}ji£g, vjio zfjg axoXaoiag xal 
(bfioztjzog, tpcogat ziveg xal XEixfjvsg, oiov iyxExavfih'ai. Deutsch: ,,Als er sich aber gegen 
den Sitz gewendet hatte, sah man nach dem Rücken zu Tausende von Narben, Brand- 
flecke, Schaben, harte Striemen und Schwielen, von seiner Ausschweifung und Roheit 
mancherlei tpwQai und lEi^rjvEg gleichsam eingebrannt." 

In der Voraussetzung, dass dies kein Phantasiebild ist, ähnlich 
dem in Lucians „Cataplus sive Tyrannus" (c. 24 und c. 28), wo die 
Uebelthaten in der Unterwelt in Gestalt von Brandmjden und ähn- 
lichen Verunstaltungen sichtbar werden, sondern dass Julian wirklich 



— 647 — 

nach überlieferten Berichten die Affektion schildert, so wird jeder 
moderne Dermatologe sogleich die Diagnose einer sehr hartnäckigen 
und langjährigen Akne stellen, die die obere Rückenpartie in der 
geschilderten Weise zu verunstalten pflegt. Bei dem Alter desTiberius 
war sie g-ewiss noch mit einer Seborrhoe vergesellschaftet, die die 
von Sueton erwähnten häufigen Rezidive erklärt, die im übrigen 
auch durch den übermässigen Alkoholgenuss, den Sueton (Tiber. 42 
„Biberius" statt „Tiberius") geisselt, herbeigeführt sein konnten '). 

Dass man auf Grund der vorliegenden Berichte nur zu einer 
solchen Diagnose kommen kann, bestätigen auch die folgenden 
Aeusserungen eines Meisters in der modernen dermatologischen Dia- 
gnostik. 

Unna sagt von der Krankheit des Tiberius: 

„Auch die von Tacitus und Sueton geschilderte Krankheit des Tiberius ist im Lichte 
heutiger Pathologie gewiss nichts weniger als Syphilis und wird in allen Einzel- 
heiten verständlich, wenn man annimmt, dass er sein Leben lang ein derbhäutiger Sebor- 
rhoiker gewesen ist und in der Jugend an ausgebreiteter Akne, später an sebor- 
rhoischer Alopecie und Rosacea pustulosa gelitten hat. Noch heute wird das Aus- 
sehen dieser Unglücklichen im Volksnnmde stets auf unmässiges Trinken und geschlechtliche 
Ausschweifungen zurückgeführt. Hätte der alte Tiberius wirklich wegen (tertiärer) Syphilis 
Pflaster im Gesicht getragen, so wäre wohl auch vom Verschwinden seines Nasengerüstes 
oder Defekten seines Schädels in derselben Beschreibung die Rede gewesen"'-). 

Und, füge ich hinzu, würde Sueton (Tiberius 68) von einem 
von so schwerer Syphilis Heimgesuchten gesagt haben: Valetudine 
prosperrima usus est, tempore quidem principatus paene toto prope 
inlaesa, quam vis a tricesimo aetatis anno arbitratu eam suo rexerit 
sine adiumento consiliove tuedicorum? Eine Seborrhoe, eine hart- 
näckige Akne, selbst ein INIentagra braucht den allgemeinen Gesund- 
heitszustand nicht zu beeinträchtigen, wohl aber muss dies eine so 
schwere ulceröse Syphilis thun, wie sie hier angenommen wurde ^). 



1) „Ein allgemein bekanntes ätiologisches Moment der Krankheit aller und besonders 
auch des höchsten Grades von Acne rosacea ist der übermässige, gewohnheitsmässige Genuss 
von Alcoholicis". M. Kaposi, Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten, 5. Aufl., 
Wien 1899, S. 558. 

2) P. G. Unna in der Besprechung von J. K. Proksch's Geschichte der venerischen 
Krankheiten, Bd. I in: Unna's Monatshefte, Bd. XX, 1895, S. 442. 

3) Allerdings scheint Tiberius einmal von einer akuten, kolikartigen, epidemischen 
Darmerkrankung heimgesucht worden zu sein. Wenigstens berichtet Plinius (Nat. histor. 
XXVL 6): Id ipsum mirabile, alios desinere in nobis, alios durare, sicuti colum. Tiberi 
Caesaris principatu irrepsit id malum, nee quisquam id prior imperatore ipso sensit, magna 
civitatis ambage, cum in edicto eius excusantis valetudinem legeret nomen incognitum. Von 
einem schweren, chronischen, den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehenden Leiden des 
Tiberius, wie es die Syphilis gewesen wäre, ist aber nirgends die Rede. 



— 648 — 

An dieser Stelle mag noch beiläufig bemerkt werden, dass man auch den Kaiser 
Augustus für syphilitisch erklärt hat. Proksch') beruft sich auf eine Krankheitsschil- 
derung bei Sueton (Augustus, c. 80), welche, wie er meint, „an Syphilis gemahnt". Diese 
Stelle lautet: 

„Corpore traditur maculoso, dispersis per pectus atque alvum genetivis notis 
in inodum et ordinem ac numerum stcllarum caelestis ursae, sed et callis quibusdam, ex 
p rurigine corporis adsiduoqne et vehementi strigilis usu plurifariam concretis 
ad impetiginis formain." 

Das ist eine so deutliche und bestimmte Schilderung von über Brust und 
Unterleib zerstreuten Muttermälern und eines Pruritus senilis mit seinen durch 
Kratzen und den häufigen Gebrauch des Badestriegels hervorgerufenen bekannten Folge- 
erscheinungen (Hautverdickung, ekzematöse Stellen), dass man sich wundern muss, wie 
hier überhaupt an die Diagnose ,, Syphilis" gedacht werden kann. 

Uebrigens hat Sueton in den Kapiteln 80 — 82 noch einige weitere Mitteilungen 
über Ivrankheiten des Augustus gemacht, aus denen sich ergielit, dass er von angeborener 
schwächlicher Konstitution war, an Schreibkrampf des rechten Zeigefingers, Blasensteinen 
litt, verschiedene akute und gefährliche Krankheiten durchmachte, wie z. B. eine Hepa- 
titis acuta (distillationibus iecinore vitiato), die von Antonius Musa durch kalte Um- 
schläge geheilt wurde. Auch war er sehr empfindlich gegen die periodischen Witteiungs- 
wechsel, im Herbst war er sehr abgespannt (languebat), im Frühling bekam er Bronchitis 
(praecordiorum inflatione) und Schnupfen (gravedine). Deshalb sah er sich zu einem von 
Sueton (Aug. 82) ausführlich geschilderten System der Abhärtung genötigt. Von irgend 
einem Leiden, das auch nur entfernt an Syphilis erinnert, ist nirgendwo die Rede. 

Mit der Sitte des Küssens berührt sich nahe die der Benutzung 
eines gemeinsamen Bechers, wodurch ohne Zweifel mit Leichtig- 
keit syphihtische Infektionen herbeigeführt werden können, wenn ihre 
Quelle, die .Syphilis, und die dabei so häufigen Plaques muqueuses 
der Lippen und Mundschleimhaut existiert hätten. Schon von dem 
kretischen ävdo£ior> berichtet Athenaeus (T3eipnosoph. IV, 22, p. 143c), 
dass die jüngeren Tafelgenossen aus einem einzigen gerneinsamen 
Becher tranken. Auch später trank man zum Zeichen der Freund- 
schaft oder Liebe aus demselben P>echer (Achilles Tatius II, g; 
Lucian., Dial. deor. 5, 2; 6, 2). Ovid sagt, dass der Liebhaber an 
derselben Stelle aus dem Becher trinken müsse, wo ihn die Lippen 
des Mädchens berührt haben: 

Pocula, quaque bibit parte puella, bibas 

(Ars amat. I, 576). 

Sehr deutlich spielt Martial (II, 15) auf den Ekel an, den ein 
solches Zutrinken hervorrufen musste, wenn der eine Partner eine 
Mundkrankheit hatte oder Mundunzucht trieb: 



I) J. K. Proksch a. a. O., Bd. I, S. 203. 



— 649 — 

Quod nulli calicem tuum propinas, 
Humane facis, Horme, non süperbe '). 

Neben den bisher geschilderten Momenten, die unbedingt eine 
gewaltige Verbreitung der Syphilis hätten begünstigen müssen-), falls 
sie existiert hätte, giebt es aber im antiken Leben auch solche, die 
als hemmende Faktoren für die Verbreitung" venerischer Krank- 
heiten, speziell der S3^philitischen Ansteckung betrachtet werden können, 
ohne dass sie natürlich jene erstgenannten gänzlich paralysiert hätten. 

Da kommt in erster Linie die noch für die moderne Welt vor- 
bildliche und immer noch unerreichte antike Reinlichkeit in Be- 
tracht, die wie Essen und Trinken und geschlechtliche Bethätigung 
ein unentbehrHches Element des täglichen Lebensgenusses im Alter- 
tum gewesen ist^j. 

Wenn man einen Unterschied zwischen Griechen und Römern in Beziehung auf die 
Bäder machen will, so kann man ihn vielleicht darin finden, dass im ganzen bei den Griechen 
mehr das Privatbad, bei den Römern mehr das grosse öffentliche Bad dominierte, bei letz- 
teren wenigstens das öffentliche Badewesen unvergleichlich grossartiger entwickelt war als bei 
den Hellenen. Allerdings gilt das erst für die nimische Kaiserzeit, während früher das 
römische Badewesen in Vergleichung mit dem griechischen recht primitiv war'*) und sich in 
seiner späteren Ausbildung eng an die griechischen Verhältnisse anlehnt, wie dies schon die 
aus dem griechischen entlehnte Terminologie beweist (balneum = ßalavEiov, thermae = ßsQfid 
seil. ?.ovTQä). 

In der That lässl sich das griechische Badewesen bis in die mykenische und homerische 
Zeit zurück verfolgen, wie eine kurze Betrachtung der interessanten Terminologie ergeben 
wird, die uns zugleich eine Uebersicht über die wichtigsten Details der hellenischen Bäder 
geben wird. 

Schon bei Homer kommen ausser den nervenstärkenden .Seebädern [Xoetqu 'OneavoTo 
Ilias l8, 489; Od. 5, 275, näheres darüber bei Athen. I, 44, p. 24c)^) auch Hausbäder 



1) Ueber die gewiss gefährlichen ,,communia pocula" in den Bordell- und Ver- 
brecherkneipen vgl. Juvenal VIII, 177. 

2) Diese Notwendigkeit hebt auch C. v. Liebermeister hervor. Vgl. seine 
Aeusserung oben, Teil I, S. 7. 

3) Ueber Waschen und Baden bei den Griechen vgl. man die ausführlichen Mit- 
teilungen bei Iwan von Müller, ,,Die griechischen Privataltertümer" (in: Handbuch der 
klassischen Altertumswissenschaft, Bd. IV, Abteil. I, 2. Hälfte, München 1893, 2. Aufl., 
S. 132 — 135; ferner die anregende Studie von Karl Sudhoff, Aus dem antiken Bade- 
wesen. Medizinisch-kullurgeschichtl. Studien an Vasenbildern, Berlin 1910; über Rom vgl. 
E. M. vom Saal, Das Badeieben im alten Rom, Leipzig 1895; P"riedländer, Sitten- 
geschichte, Bd. III, S. 145 ff. ; Theodor Birt, Die Bäder in: Kulturgeschichte Roms, 
Leipzig 1909, S. 79 — 89; Ch. Daremberg in seiner Ausgabe des Oreibasios, Bd. II, 
S. 865—883. 

4) Vgl. darüber die lebhafte Schilderung Senecas (Epist. 86). 

5) See- und Flussbäder werden uns auch auf Vasenbildern vorgeführt. Mehrere Bei- 
spiele beschreibt Karl Sud hoff. Aus dem antiken Badewesen, Berlin 1910, S. 25 — 26. 



— 650 — 

in Badewannen (uaäfiii'üoi vgl. Athen. I, 44, p. 24d) und warme Privatbäder (Ilias 14, 
6: dsQua XoetqÖ.), sowie Fusswaschungen {jio8Üvijitqo%> Odyss. 15, 504 und 19, 343) vor. 
Die warmen Bäder scheinen gerade in der heroischen Zeit behebter gewesen zu sein als 
in der klassischen Periode, wo ein Arislophanes (Nubes 1045 — 1046) die OsQfia lovzgd 
als y.äxiocöv und deiXoraTOv lür die INIannhaftigkeit verwirft und wohl die kalten Bäder 
{if'vxQa IovxqÜ ib. 1051, Hip poerat., de vict. rat. II, Kühn I, 694) vorzieht. Erst 
später in der hellenistischen Zeit kamen sie neben den bis dahin am meisten gebräuchlichen 
kalten Bädern und Uebergiessungen wieder zur Geltung '). 

Die klassische Badeterminologie ist eine sehr reichhaltige: ßaXavsTov (Aristoph., 
Plut. 535; Eq. 1401; Plato, Rep. VI, 495 e u. ö.) Bad; o ßaXavEVQ , Bademeister, 
Badegehülfe (Aristoph., Av. 491; Plato, Rep. 1, 344d; Aristoph. Eq. 1403 u. ö.); 
ßahiviooa, Badedienerin (Anthol. Palat. V, 82 ed. Dübner I, 74; ßaXavEveiv , im 
Bade bedienen (Aristoph., Lysistr. 337) — Iovtqov, häufigei lovigä (Hippocr., De 
vict. rat. II, Kühn I, 694; Soph., Ant. 1186; Aeschyl., Prometh. 555; Antiphanes 
bei Athen. I, 32, p. 18c), das kalte Bad; XovtqÜ dF.Qfia (Hippocrat., De vict. rat. II, 
Kühn I, 694; Homer., Ilias 14, 6; Pind., Ol. 12, 21), ^F.Q^ioXovoia (Galen ed. 
Kühn XI, 181; Plut. de san. tuend, p. 394), das warme Bad; ■&s(}fioXovrQeiv , 
^EQfioXoi'TsTv (Aristot. probl. i, 29; Hermippos bei Athen. I, 32, p. i8c)"); 
6 XovTfjojv (Aeschyl., Eum. 439; Xen., Ath. 2, 10), Badehaiis; 6 XovxQOjioiög (Poll. 
7, 167: so hiess ein Stück des Anaxilas) der das Bad bereitet; 6 X.ovttjq (Athen, 
p. 199 c) Badebecken, Badetisch ■'); x6 Xovtijqiov (Aeschyl. fragm. 321) Badebecken; 
XovTQoy^öo? , wasserergiessend (iQiJiovg der dreifüssige Kessel, in dem das Badewasser er- 
wärmt wird, Ilias 18, 346; Od. 8, 433) oder der Sklave, der das Bad bereitet (Od. 20, 
297; Xenoph., Cyrop. 8, 8, 10; Athen. XII, p. 518c); to Xovzqiov (Aristoph. Eq. 
I401) das gebrauchte Badewasser. — o TiodaviTnt'jQ (Herod. 2, 172; Aristot., Pol- 
I, 12) Fussbecken, Waschschüssel'); r) jivsXog (Aristoph., Pax 843; Lucian., Lexijihan. 
5) Badewanne; >; aQVxaiva (Aristopii., Equit. 1087; Theophr., char. 9, 3) die Giess- 
kanne; 6 uqv ßaXog (Athen. XI, 783!.; Aristoph., Equit. 1094) kleineres Giessgefäss'*); 
ij xoXv fißrjO Qd (Plato, De rep. V, p. 453d; Alexis bei Athen. I, p. 18c) Ort zum 
Baden, Tauch- und Schwimmbad; ?/ 7ivi>ia (Herod. 4, 75; Plut., Symjios. 3, 10, 3), 
ro jiVQiaiia (Aristot., probl. i, 55; Poll. 7, 168) das trockene Dampfbad oder Schwitz- 
bad; 6 jiagaxvTtjg oder jisQixvztjg , jiaQUXECOv (Athen. XII, S'^*^» Oxyrhynchos 
Papyri Bd. I, p. 231 — 232; Pap. de Magdola Nr. XXXIII bei Sudhoff, Papyrus- 
Urkunden S. 89) Badediener; xa/^iydgtog (Edictum Diocletiani VII, 75 u. 76), der Gar- 
derobier des öffentlichen Bades. 



i) Vgl. den Papyrus von Magdola aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. bei Sud hoff, 
Aerztliches aus griechischen Papyrusurkunden, S. 89 — 90. 

2) Mit Aristophanes stimmen andere Dichter der attischen Komödie wie Anti- 
phanes (bei Athen, p. i8c: ovko oxeqeov xi ngäyfia dEQfiöv iad' vScoq) und Hermippos 
(ebendort) in der Verwerfung des warmen Bades überein. 

3) Der X.ovxrjQ diente auch für die Reinigung des ganzen Körpers. Ueber seine 
Formen und Verwendung vgl. Sudhoff, Aus dem antiken Badewesen, S. 29 — 43 (mit 
Abbildungen). 

4) Sie kommt schon bei Homer (Od. 15, 504; 19, 343) vor, sowie auf einer alten 
kyprischen Terrakotte (Abbildungen bei Sudhoff a. a. O., S. 4—5, vgl. ferner ebendort 
S. 15 — 16 und S. 24). 

5) Üeber den Unterschied zwischen der Arytaina und dem Arybailos vgl. die ge- 
naueren Studien von Sudhoff a. a. O., S. 26 ff. 



- 651 - 

Nicht weniger reich ist die Terminologie des römischen Badewesens: balneum, 
balineum (Piin., Ep. II, 17, 11; III, 5, 14; Senec, Dial. IV, 32, 2; Ep. 86, 9, 10 etc.; 
Celsiis I, I und II, 17), balineae (Plin. n. h. XX, 59), balneus (Petron. 41), ba- 
liscus (Petron. 42), das Bad (meist allgemein das warme); balneator (Plin., n. bist. 
XVIII, c. 44; Mart. III, 93, 14) Bademeister; lavatio (Cic, ep. 9, 5, 3) Bad; lavatio 
(Phaedr. 4, 5, 22) Badegeschirr; lavabrum, labrnm (Lucret. VI, 799, Vitruv. V, 10, 4) 
Badewanne; frigidarium, frigidaria cella (Plin., ep. V, 6, 26; II, 17, 11) das kalte 
Bad; tepidarium (Cels. I, 3 ; I, 4) das lauwarme Bad; calidarium (Cels. I, 4), cal- 
daria cella (Plin., ep. V, 6, 26) das heisse Bad; sudatorium (Senec. ep. 51, 6; 
de vita beat. 7, 3) Schwitzbad, Dampfbad; laconicum (V^itruv. V, 1 1 ; Martial. VI, 42; 
Dio Cass. 53, 27) Raum für das trockene Schwitzbad; vaporari (Petron. 73) im Dampf- 
bade sitzen; vaporarium (Senec, nat. quaest, 3, 24, 3) Dampfröhre; hypocaustum 
(Plin., ep. II, 17, 11) Heizgewölbe der Bäder; piscina (Plin., ep. II, 17, 11; V, 6, 23) 
Schwimmbassin; solium (Cels. I, 4; Petron. 73) Badewanne; in solium descendere 
(ibidem), in die (tiefer gelegene) Badewanne steigen; capsarius (Dig. I, 15, 3) Badediener. 
Die griechischen Bäder lagen meist neben den Gymnasien und Palaestren (Vitruv. 
V, 1 1). Nach U. V. Wilamowitz-Moellendorff *) waren sie, soweit sie Staatsanstalten 
waren, unentgeltlich, und ausser dem Wasser ward auch die Seife geliefert. Wahrscheinlich 
gab es aber auch reservierte Zellen und Trinkgelder für das Sklavenpersonal. Private Palaestren 
wie die des Dionysios bei Piaton, die des Timagetos auf Kos bei Theokrit werden 
nach V. Wilamowitz auch Eintrittsgeld gefordert haben. Auf einem Vasenbilde '^) steht 
die Inschrift Srjfiöaia als Bezeichnung für ein öffentliches Bad, was auf den Gegensatz l'dia 
seil. ßaXavEia für ein Privatbad hinweist. Reiche Bürger stifteten häufig Freibäder für das 
Volk oder errichteten ganze Badeetablissements zur unentgeltlichen Benutzung, manchen 
wurden auch die Unkosten für die Bäder vom Staate auferlegt''). Schon in frühptolemäischer 
Zeit bestand eine Steuer für die Benutzung öffentlicher Bäder (rö ßaXavEiov), die z. B. von 
den Tempeln entiichtet werden musste, die auf ihrem Grund und Boden Badeanstalten an- 
legten. In der Kaiserzeit zahlte man auch in öffentlichen Bädern ein kleines Eintrittsgeld, 
das zwischen einem Quadrans ('/^ As) und i As schwankte^). 

Die grossartige Entwicklung des Badewesens in der Kaiserzeit wird uns sowohl für 
die grossen als auch die kleineren Städte, ja sogar für Dörfer^) durch zahlreiche Angaben 
bei griechischen und römischen Autoren bezeugt. „Vielleicht für keinen Zweck", sagt 
Friedländer®), ,,sind in den Inschriften der Städte Italiens sowie sämtlicher Provinzen 
Stiftungen und Vermächtnisse häufiger bezeugt als für Erbammg, Erhaltung, Ausstattung und 
unentgeltliche Freigebung öffentlicher warmer und kalter Bäder für Männer und Frauen, 
zuweilen sogar für Sklaven und Sklavinnen." Auch die Kaiser waren eifrig auf die Förde- 
rung des Badewesens bedacht. So nahm Tiberius sogar transportable Badeeinrichtungen 
für seine Soldaten in den pannonischen Krieg mit (Vellej. Patercul. II, 114, 2), An- 
ton in us Pius stellte dem Volke die kaiserlichen Bäder imentgeltlich zur Verfügung (Capi- 
tolinus, Antonin. Pius c. 7), Caracalla liess die nach ihm benannten kolossalen Thermen 
erbauen (Spartianus, Carac. c. 9), Alexander Severus versorgte alle Stadtquartiere, 

1) U. V. Wilamowi tz-Moellendorf f , Antigonos von Karystos S. 268, An- 
merkung 5. 

2) Fig. 40 bei Sud hoff, Badewesen S. 51. 

3) Vg'- Sudhoff, Aerztliches aus griechischen Papyrus-Urkunden S. 77 — 78. 

4) Ibidem S. 80—81, 84. 

5) So berichtet der jüngere Plinius (Ep. II, 17, 26), dass ein kleines Dorf bei 
Laurentum drei öffentliche Badeanstalten besass. 

6) L. Friedländer a. a. O., Bd. III, S. 149. 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 42 



— 652 — 

die noch keine hatten, mit öffentlichen Bädern (Lampridius, Alex. Sever. c. 39), gross- 
artig waren auch die von dem dritten Gordianus angelegten Thermen und Privatbäder 
(Capitolin., Gordianus tertius c. 32). Im vierten christlichen Jahrhundert gab es in Rom 
nicht weniger als 856 Badehäuser und 11 Thermen und in Konstantinopel 153 Privatbäder 
und 8 Thermen^). In den Gemeindeordnungen selbst der kleinsten Städte war die Hygiene 
des Badewesens peinlich geregelt, wie die von Hübner und Mommsen veröffentlichte Lex 
metalli Vipascensis erweist, nach der in den kalten und warmen Bassins der Badeanstalt 
eines portugiesischen Dorfes Vor- und Nachmittags frisches fliessendes Wasser vorhanden sein 
und bis zu einer bestimmten Höhenmarke reichen mussle luid monatliche ausgiebige Reinigung 
der Kessel vorgeschrieben Avar''). 

Von grösstem Interesse ist aber die Thatsache, dass auch die 
Bordelle in reichlichem Masse mit fliessendem Wasser und 
Badegelegenheiten versehen waren. Plautus erwähnt die Bäder 
in Bordellen und ihre intensive Benutzung durch die Insassinnen (z. B. 
Poenul. I, 2). Später wurden Bordelle in Masse mit immer fliessen- 
dem Wasser versehen, wie dies aus der Schilderung^ des Frontinus 
(De aquis c. 76: quae nunc nos omnia simili licentia usurpata utinam 
non per offensas probaremus: agros, tabernas, cenacula etiam, cor- 
ruptelas denique omnes perpetuis salientibus instructas lu- 
ven im us) hervorgeht. 

Indem wir an dieser Stelle von der bei Celsus, Galen, Ori- 
basius ausführlich erörterten allgemeinen hygienischen und thera- 
peutischen Verwendung der Waschungen und Bäder absehen 3), wollen 
wir sie nur in ihrer Bedeutung für die Sexualhygiene der Alten 
betrachten. 

Dass beim Baden auch die Genitalien einer speziellen Reinigung 
unterzogen wurden, ersehen wir schon aus Vasenbildern. So zeigt 
ein Bild der ehemaligen Kollektion Hamilton eine auf dem Rande 
eines Tisches sitzende Frau vor dem Badebecken, die gerade mit 



i) R. Pöhlmann, Die Uebervölkerung etc. S. 144 — 145. 

2) Friedländer a. a. O., III, 149. 

3) Erwähnt sei nur ein wenig bekanntes Gedicht der griechischen Anthologie (bei 
J. G. Regis, Epigramme der griechischen Anthologie, Stuttgart 1858, S. 283, No. 304): 

Lob des Bades. 
Zu vielen guten Gaben hülfreich ist das Bad: 
Die Säfte ziehts hinunter, löst den dicken Schleim, 
Entleert von Gallenüberfluss das Eingeweid', 
Schwächt in der Haut des Juckens peinlich Reizgefühl, 
Verschärft der Augen Sehkraft um ein Merkliches, 
Schwemmt aus den Ohrkanälen fort Schwerhörigkeit, 
Bewahrt Gedächtnis, scheucht Vergesslichkeit hinweg, 
Erheitert zu Gedanken alsobald den Geist; 
Die Zunge schmeidigt's zu den Worten wolilgelenk ; 
Den ganzen Leib aufklärt es durch die Reinigung. 



- 653 - 

einem Schwämme ihr Genitale reinigt^). Vielleicht wurden von Frauen 
für diesen Zweck auch Sitzbadewannen, Bidets benutzt. Sudhoff-) 
erwähnt ein „kleines Waschgefäss, das eine Dame mitführen konnte, 
flach, ohne Fuss und in der Form einer Bidetschüssel von heute, die 
unter einer hockenden Frauenstatuette aus Cypern zur Darstellung 
kommt" ^). 

Im Liebesverkehr galt den Völkern des Altertums die „mun- 
dities", die Sauberkeit als erstes Erfordernis, wie dies Ovid sowohl 
für die Männer (Ars. amat. I, 513 — 524) als auch für die Frauen 
(ib. III, 133 ff.) ausdrücklich hervorhebt. 

Offenbar handelt es sich bei den Waschungen vor und nach dem Coitus um eine 
ursprünglich orientalische Sitte, die dann von Griechen und Römern übernommen wurde. 
So berichtet Herodot (I, 198) von den Babyloniern und Arabern, dass Mann und Frau 
nach dem Beischlaf ein Bad nehmen und sie kein Gefäss anrühren, bevor sie sich nicht ge- 
badet. Für die Aegypter bestätigt dies Clemens Alexandrinus (Citat bei Rosen- 
baum a. a. O., S. 385). Für die Juden, deren ausserordentliches Reinlichkcitsbedürfniss 
durch die in Bibel und Talmud enthaltenen Vorschriften bezeugt wird''), hat Julius Preuss 
in seiner wertvollen Studie über „Waschungen und Bäder nach Bibel und Talmud" ^) die 
betreffenden Thatsachen zusammengestellt. Darnach mussten Mann und Weib nach dem 
Coitus ein Bad nehmen (Levit. 15, 18), ebenso nach der Ejacuiatio involuntaria (Deuteron. 
23, 12)- Neben der biblischen Vorschrift, nach jedem Samenergusse zu baden, die wohl 
nur für den Verkehr mit dem Tempel bestimmt war, existierte noch eine andere Be- 
stimmung, die auf Esra zurückgeführt wird, dass der Mann nach jeder Ejakulation, ob 
intra coitum oder nicht, baden müsse, bevor er sich wieder mit der Gesetzeslehre be- 
schäftigte. Nach Preuss hatte diese „Verordnung Esras" den ausgesprochenen Zweck, 
durch die Unbequemlichkeit des Badens von allzu häufigen Cohabitationen zurückzuhalten. 
Man erzählt, ein Mann wollte ein Mädchen ,,zu einer sündhaften Sache" zwingen; als sie 
ihm zurief: ,, woher willst du nachher Wasser zum vorgeschriebenen Bade nehmen?" Hess 
er von ihr ab (Ber. 22a). Noch drastischer ist die Erzählung im palästinischen Talmud: 
Ein Weinbergswächter wollte sich mit einer verheirateten Frau einlassen; während sie nach 
einem Tauchbade suchten, kamen Leute dazu und die Sünde unterblieb" (j. Ber. 6 c 28). 
Man ersieht aus dieser Erzählung, welchen Wert man auf das Baden und die Reinigung 
nach dem Coitus legte. 

Sehr interessant ist auch die Mitteilung des Joseph us (contra Apionem II, c. 24): 
xal fiETu Ttjv i'o/iii/iidv Gvvovaiav ävÖQog xal yvvaixog ajiokovaaodai xeXevei 6 röfiog. 
ifwxy? T£ xal acöf^iarog syyivEzai fioXvofiög. Man schrieb also dem Coitus nicht bloss eine 



i) Abbildung 32 bei Sudhoff, Aus dem antiken Badewesen, S. 41. 

2) Sudhoff, Aerztliches aus Papyrus-Urkunden, S. 139. 

3) Die Statuette ist im Besitz der R. Accademia di Medicina in Turin. P. Giacosa 
hat sie auf Tafel 34 des Atlas zu seinem Werke „Magistri Salernitani nonduni ediii" 
(Turin 1901) abgebildet. 

4) Diese subtile Körperpflege bei den Juden und ihre Beziehungen zur Prophylaxe 
der Krankheiten ist schon in einer wenig bekannten alten Dissertation von Salomo Hirsch 
Burgheim behandelt: ,,De studio munditiei corporis penes Judaeos morbis arcendis atque 
abigendis apto", Leipzig 1784. 

5) Wiener med. Wochenschr. 1904, Nr. 2 ff. (S.-A. 22 Seiten). 

42* 



— 654 — 

seelische, sondern auch körperliche Verunreinigung zu, die man durch die gesetzlichen 
Waschungen und Bäder beseitigte. 

.Bezüglich der Griechen sind die Zeugnisse für die Reinigung post coituni spär- 
licher. Doch liefert die griechische Mythologie einige interessante Beispiele, die Rosen - 
bäum zusammengestellt hat (a. a. O., S. 386, Anmerk. i: Bad der Europa nach dem 
Beischlaf mit Zeus (Antigen. Carystius, hist. mirab. 179), der Aphrodite nach dem 
Beilager mit dem Vulkan (Athen. XV, p. 681), der Ceres nach demjenigen mit Neptun 
(Pausan., Arcad., p. 256). Auch Hesiod ("Egy. 731): 

fiJ]d^ aiSoia yovi) ::iS7ialayj^ievog ev8o&i oi'yov 
faTU] if(.-Te?.aS6r Traoar/ airgiisv, dXl' äXiaoßai 
und Lukian, der von den Hetären sagt (Amor. 42): vvxTa.(; im Tovzoig öirjyov/iEvai, xal 
xovg ETEQoyQcorag vnvovg nal drjlvTxrjxog svvtjv ys/novoav. ä<p' ■^ g dvacrag enaorog 
Evdv }.ovTQOv XQsTög eozi, beweisen die Sitte der Reinigung nach dem Beischlafe. 

Vielleicht gebrauchten die griechischen Frauen zur lokalen Reinigimg der Genitalien 
post coitum nicht bloss den Schwamm, sondern auch die Alutterspritze (d /^ir]rQeyyvrt]g), 
deren Gebrauch bei Ausflüssen aus den Geschlechtsteilen uns durch Soranos (II, 41; 44 
ed. Rose) und Galen (XIII, 316 ed. Kühn) bezeugt wird. Zu Vaginalinjektionen benutzte 
man die Ohrenspritze (djriHÖg nkvorriQ, Paul. Aegin., ed. Brian, p. 300). Auch 
eine Art von Irrigator wird bereits im Corpus hippocraticum beschrieben (de sterilitate, 
c. X) imd eingehend geschildert, wie die Frauen ihn selbst anwenden müssen (vgl. 
die Uebersetzung von Robert Fuchs, Bd. III, S. 602 — 603). Vielleicht kamen bei der 
Reinigung ante oder post coitum auch schon solche Hilfsmittel zur Verwendung. 

Bei den Römern war die Waschung nach dem Coitus (,,a concubitu mariti se 
purificare" sagt Sueton. Aug. 94) ebenfalls Vorschrift, der Terminus technicus dafür lautet 
,,aquam sumere, petere, poscere" (Ovid., Ars amat. III, 619; Amor., üb. III, eleg. 7; 
Petron., Satir. 94; Mart. II, 50). In den Bordellen hatten die „aquarioli" oder 
„aquarii" die Aufgabe, den Dirnen das Wasser für die nach dem Coitus notwendige 
Waschung herbeizuholen (Plaut., Poenul. I, 2, 14; Juvenal. VI, 331; Tertull. Apolog. 43). 
Man nannte sie auch baccariones. Rosenbaum citiert eine alte Glosse: baccario, 
:n:oQvo8iü.xovog, meretricibus aquam infundens; eine andere: aquarioli, ßaV.äösg, ßaV.ug 
a ßd/J.cov vöcoQ, ab aqua jaciunda. Auch die Erwärmung des Bades lag ihnen wohl ob. 
Denn wir wissen durch Philo (Opera, ed. Mangey, II, p. 265), dass zu seiner Zeit sich 
die Prostituierten häufig der warmen Bäder bedienten. 

Dass nicht bloß nach dem natürlichen, sondern auch nach dem 
widernatürlichen Geschlechtsverkehr Waschungen vorgenom- 
men wurden, ist a priori wahrscheinlich und wird durch mehrere 
Stellen bei antiken Autoren bestätigt. Rosen bäum und Lomeier 
haben wohl mit Recht aus Priap. XXX auf den Gebrauch des 
Waschens nach dem päderastischen Akte geschlossen. Für die Mund- 
unzucht bezeugt die nachträghche Reinigung mit Wasser Marti al 

11, 50. 

Bisher sehr wenig beachtete Stellen über die Beziehung 
der Mundspülung zur Unreinheit, oder vielleicht auch Krank- 
heit finden sich bei Catull. So heisst es Carm. 99 Vers 7 — 10: 
Nam simul id factumst, multis diluta labella 
Abstersi guttis omnibus articulis, 



- 655 - 

Ne quicquam nostro contractutn ex ore maneret, 
Tamquani conmictae spurca saliva lupae. 
Das Gedicht ist an Juventius gerichtet, dem Catull einen 
Kuss geraubt. „Sobald dies geschehen war, da spültest du mit vielen 
Tropfen die Lippe ab und wischtest sie ab mit allen Fingergliedern, 
damit nichts von meinem Munde, sich setzend, haften bliebe, gleich- 
sam als wäre es der unflätige Speichel einer bepissten (wohl = be- 
schmutzten) Dirne 1). 

Ganz ähnlich heisst es im Carmen 77, 7 — 8: 

Sed nunc id doleo, quod purae pura puellae 
Savia conminxit spurca saliva tua. 
Der Dichter denkt wohl in beiden Fällen bei dem Ausdrucke 
,, spurca saliva" an die Mundunzucht der Fellatrix (Carm. gg) und des 
Fellators (Carm. 77), wodurch der Kuss eines solchen Individuums 
unrein wird und den Geküssten befleckt („conmingere"). Deshalb ist 
eine sofortige Reinigung des Mundes nach einem solchen Kusse 
notwendig. Ob hierbei mehr der Gedanke an eine Mundkrankheit 
massgebend ist oder der rein ästhetische Widerwille prävaliert, bleibt 
zweifelhaft. 

Merkwürdig ist jedenfalls der Schluss des Carm. 97 des Catull, wo der Mund 
eines Fellators als ebenso abschreckend wie der Hintere eines kranken Henkers bezeichnet 
wird. Das auch sonst recht interessante Gedicht lautet : 

Non (ita me di ament) quicquam leferre putavi, 

Utrumne os an culum olfacerem Aemilio. 

Kilo mundius hoc, niloque immundior ille. 

Verum etiam culus mundior et melior: 

Nam sine dentibus est: dentes hoc (seil, os) sesquipedales, 

Gingivas vero ploxeni habet veteris, 

Praeterea rictum qualem diffissus in aestu 

Meientis mulae cunnus habere solet. 

Hie futuit multas et se facit esse venustum, 

Et non pistrino traditur atque asino ? 

Quem siqua attingit, non illam posse putemus 

Aegroti ailum lingere carnificis ? 
,,Ich war nicht der Meinung, dass es etwas ausmache, ob ich beim Aemilius den 
Mund oder den Hintern witterte. Jener ist um nichts reiner, dieser [seil, der Hintere] um nichts 
unreiner, ja der Hintere ist sogar reiner und besser. Denn ihm fehlen die Zähne, jener hat 
sechsellenlange Zähne und hat das Zahnfleisch eines alten Wagenkastens, ausserdem einen 
Rachen (eigentlich ein ,, Maulaufsperren"), wie ihn der cunnus eines pissenden Ä[aaUiers zu 
haben pflegt, der in der Hitze auseinandergetreten ist. Dieser hat viel Geschlechtsverkehr 
ausgehalten und behauptet, er sei anmutig, und er soll nicht der Stampfmühle und dem 



i) Diese sowie die folgenden wortgetreuen Uebersetzungen verdanke ich der Liebens- 
würdigkeit des Herrn Dr. phil. W. Schonack. 



- 656 - 

(den Malstein ziehenden) Esel überliefert werden? Wenn diesen (seil, den Mund) eine be- 
rührt, dürfen wir da nicht glauben, sie könne ebenso gut den Hintern eines kranken 
Schinderknechts belecken ?" 

Hier wird, wie so oft bei den Alten, das Ekelhafte und Unverständliche einer 
perversen Leidenschaft als etwas Krankhaftes aufgefasst und mit einer körperlichen Krank- 
heit verglichen. 

War die Sitte des täglichen Bades sicher ein bedeutendes Hemmnis 
für die Verbreitung venerischer Krankheiten, so darf nicht verschwiegen 
werden, dass das antike Badewesen als Bestandteil des allgemeinen 
Genusslebens ^) vielfach auch im entgegengesetzten, begünstigen- 
den Sinne wirken konnte. 

Früher hatte man eine Trennung von Männern und Frauen in den Bädern vor- 
genommen, teils durch Einrichtung besonderer Abteilungen für jedes Geschlecht in der- 
selben Badeanstalt (Varro, de ling. latin. 8, 48; 9, 64)'-), teils durch Baden der beiden 
Geschlechter zu verschiedenen Zeiten (Vormittags für Männer, Nachmittags für Frauen)^). 
So sehen wir auf den griechischen Vasenbildern Frauen und Männer getrennt baden'*). 
Trotzdem kamen auch schon bei dieser vollständigen Trennung sexuelle Beziehungen vor, 
die in den Frauenbädern teils durch mitgenommene Sklaven''), teils durch die auch in Frauen- 
bädern beschäftigten Bademeister und Badediener vermittelt wurden''). Umgekehrt gab es 
auch weibliche Badegehülfen im Männerbade, die den Männern nicht selten arg zusetzten'). 

Von einer eigentlichen Unzucht in den Bädern kann man erst seit der Zeit sprechen, 
wo die gemeinschaftlichen Bäder (,,balnea mixta", Lamprid., Alex. Sever. 24, 
drSQoyvva loviQa, Anthol. Pal. IX, 783) für Männer und Frauen eingeführt wurden. 
Dies geschah in Rom durch Agrippa im Jahre 32 v. Chr. (Dio Cass. XLIX, c. 43), von 
wo diese gemeinsamen Bäder in der Kaiserzeit sich über das ganze Imperium verbreiteten 
und auch in den hellenischen Ländern üblich wurden (Plutarch, Cato major, c. 39). 



i) So bei Petron., Sat. 72: immo iam coeperam etiam ego plorare, cum Trimalchio 
'ergo' inquit 'cum sciamus nos morituros esse, quare non vivamus? sie vos felices videam, 
coniciamus nos in balneum, meo periculo, non paenitebit. 

2) Die yvvaixeia &6kog der Papyri. Vgl. Sudhoff, Aerztliches aus griechischen 
Papyrusurkunden, S. 88. 

3) Vgl. Friedländer, a. a. O. III, S. 149. 

4) Vgl. solche das Treiben in den Frauenbädern illustrierende BUder bei Sudhoff, 
Aus dem antiken Badewesen, S. 62 — 63, 68, 69. 

5) Martial, VII, 35; Claudian., I, 106. 

6) Sudhoff führt den Badepapyrus aus Magdöla vom Jahre 220 v. Chr. an, wo 
ein männlicher Parachyt im öffentlichen Frauenbade erwähnt wird („Aus dem antiken Bade- 
wesen'S S. 49). — Im Talmud gehört der Bademeister, ballän {= ßalavEvg) ,,zur Klasse 
der Menschen, die beruflich auch mit Frauen zu thun haben und deren Trieb daher böse ist". 
Vgl. Preuss, a. a. O. S. 13. — Welche zweifelhafte Rolle auch schon damals männliche 
Masseure in Frauenbädern gespielt haben, erhellt aus Juvenals drastischer Schilderung 
der lasciven Manipulationen eines solchen ,,aliptes" (Juvenal., VI, 421 — 423). 

7) Charakteristisch hierfür ist das folgende Epigramm der Anthologia Palatina (V, 
82, ed. Dübner, Bd. I, S. 74): 

'Q ooßaQTj ßaläviaon, ri ör) jiots fi'sxjivga loveig; 
TiQiv f.CajioÖvoaoOai, zov nvQog algd'ävofxai. 



— 657 — 

Die „mulieriim balineas cum viris lavantium" geisselt Plinius (N. bist., XXXIII, 12), 
Quintilian betrachtet es als ,,signum adulteiae lavari cum viiis" (Inst, orator., V, 9, I4), 
Ovid (Ars amat., III, 639 — 640) deutet das unzüchtige Treiben bei diesen gemeinsamen 
Bädern an. Deutlicher äussert sich Martial (III, 51; III, 72; VII, 35; IX, 33; XI, 75) 
über ihren wahren Zweck, wobei seine Bemerkung für unser Thema von besonderem In- 
teresse ist, dass man im Bade ausgiebige Gelegenheit habe, den Partner nackt zu sehen und 
etwaige Körpcrfehler zu sehen (vgl. besonders Epigr. III, 72; auch III, 51). Von 
Heliogabalus berichtet Lampridius, dass er jederzeit mit Mädchen zusammen badete 
(Heliog., c. XXXI) und dass er und seine Freunde einmal zwischen jedem der zahlreichen 
Gänge eines Gastmahls sich an einem solchen balneum mixtum ergötzten (ibid., c. XXX). 
Schon zu Martial's Zeit bekamen auch die Prostituierten, sogar die gewöhnlichsten 
Strassendirnen Zutritt zu den Bädern (Mart., III, 93, 15), weshalb viele Badeanstalten bald 
nur noch als eine besondere Art von Bordellen betrachtet wurden (Lamprid., Heliogabal. 26; 
Tacit., bist., 3, 83). Zwei Epigramme der Anthologia Palatina (IX, 621 u. 622; Dübner 
II, 126) erwähnen dieses Treiben der Prostituierten in den Bädern und schildern, wie die 
Scharen der Liebhaber die Dirnen nach dem Bade erwarten, deren hier reichlicher Verdienst 
harrt. Aus Epigramm 622 scheint hervorzugehen, dass gewisse Badeanstalten für das Ein- 
trittsgeld ausser dem Bade auch die Dirne lieferten. (Vgl. über die Prostitution in den 
Bädern auch Ammian. Marcellin., XXVIII, 4). 

Trotz mehrfacher Verbote in der Kaiserzeit durch Hadrian (Dio Cass., LXIX, 8; 
Spartian., Hadr., c. 18), Marcus Antoninus (Capi tolinus, M. Antonin., c. 23), 
Alexander Severus (Lamprid., AI. Sev., c. 24) erhielt sich die Sitte des gemeinsamen 
Badens, die noch von Clemens Alexandrinus (Paedag., III, 5, § 32, p. 272 Pott) und 
Cyprianus (De habitu virginum in: Migne, Patrologie, Bd. IV, col. 471) scharf ver- 
urteilt wird '). 

Was die Reinheit des Badewassers betrifft, so wurde zwar 
sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern für ständigen 
Zufluß frischen Wassers in die Badewannen, Bassins gesorgt, auch 
häufig die unmittelbare Waschung unter Duschen und Wasseraufläufen 
vorgenommen. Dennoch badeten nicht selten mehrere Individuen in 
derselben Badewanne (Mart. II, 70), und von dem älteren römischen 
Bade sagt Seneca (Epist. 86, g): non subfundebatur aqua nee recens 
semper velut ex calido fönte currebat, nee referre credebant, in quam 
perlucida sordes deponerent. Die neuesten Ausgrabungen in Perga- 
mon deckten das Badezimmer des Oberen G3^mnasions auf, mit sieben 
grossen Marmorwaschbecken. Über jedem war ein Wasserauslauf 
angebracht, während durch alle sieben Becken das gebrauchte Wasser 
hindurchlief und erst beim letzten Rinnenbecken zum Abflusskanal 
abgeleitet wurde. Sud hoff'*) führt noch weitere Beweise zur Recht- 
fertigung seiner Meinung an, dass man zu der Reinheit des Wassers 



i) Auch im alten Aegypten war das gemeinsame Baden Brauch, wie ein bei Sud- 
hoff (Aerztliches aus Papyrusurkunden, S. 130) abgedrucktes Liebeslied aus der Zeit der 
19. Dynastie bezeugt. 

2) Aus dem antiken Badewesen, S. 53 — 54. 



- 658 - 

in dem gemeinsamen Luter kein rechtes Vertrauen zu fassen vermöge. 
Doch ist es nicht ausgemacht, ob diese Zustände die Regel waren. 
Dagegen spricht die obige Aeusserung Senecas, die beweist, welch 
grossen Wert man in der Kaiserzeit auf die Reinheit und Durch- 
sichtigkeit des Badewassers legte. Im grossen und ganzen können 
wir daher dem Urteil Birts beistimmen: „Wie vieler Hilfsmittel der 
öffentlichen Hygiene — Vakzination, Desinfektion — , deren wir uns 
heute erfreuen, hat das Altertum entbehren müssen! Aber das 
Bäderwesen trat an ihre Stelle; es war bestimmt, durch Ver- 
breitung der Sauberkeit die Volksgesundheit in allen Volksschichten 
zu garantieren. Denn es handelte sich hier thatsächlich um Volks- 
bäder für alle" ^). 

Schon Rosenbaum (a, a. O. S. 374) hat darauf aufmerksam 
gemacht, dass in Verbindung mit dem täglichen Bade auch das darauf 
folgende Salben und Einölen des Körpers bei den Alten als ein 
wertvolles Prophylaktikum gegen venerische Ansteckung betrachtet 
werden muss, wie ja auch heute noch die Einfettung der Genitalien 
vor dem Coitus als ein Schutzmittel gegen Infektion in Anwendung 
gezogen wird-). Die Sitte der Einölung des Körpers nach dem Bade 
war so allgemein, dass, wie Ulrich von Wilamowitz-Moellen- 
dorff sich ausdrückt^), die athenischen Jünglinge das Oelfläschchen, 
die Lekythos, genau so regelmässig bei sich trugen, wie wir das 
Portemonnaie. Schon bei Homer kommt die Oelfiasche {fj kiqxv&og) 
und das Salben nach dem Bade vor^); erst später aber, wohl unter 
orientalischem Einflüsse''), wurde diese Sitte ein unentbehrliches Ele- 
ment des Lebensgenusses, während sie früher mehr aus hygienischen 
Rücksichten geübt worden war. 

Auch hier hat sich eine reichhaltige griechisch - lateinische Terminologie entwickelt, 
von der wir nur das Wichtigste erwähnen: rö /livqov (zuerst bei Archilochos, Fragm. 
30 ed. Bcrgk p. 543, zitiert von Athen. XV, p. 37 p. 688c), die Salbe, Salböl; o fj.vQ- 
srpög, (AVQonoiög (Plut. Pericl. i; PoU. VII, 177; Athen. XIII, p. 608 A), Salben- 
fabrikant, Salbenkoch; 6 ixvQOJKÖXrjg (Xen. conv. 2, 4; Athen. XIII, 6i2e; XII. 552ff.), 
Salbenhändler; x6 ^vqojiwXeTov (Plut., Timol. 14; Lys. 24, 20), Salbenverkaufsbude; 
[.ivQv^eiv (Aristoph., Lysistr. 938; Aristoph., Plut. 529; Herod. i, 195), salben; 
äkEicpEiv (Oreibas. III, 170; Thucyd. i, 6; Homer., Od. 6, 227; 12, 45; Plut. 



i) Theodor Birt, Zur Kulturgeschichte Roms, .S. 84. 

2) Vgl. mein Werk ,,Das Sexualleben unserer Zeit", 7. — 9. Aufl., Berlin 1909, S. 426. 

3) U. von Wilamowitz-Moellendorff, Antigonos von Karystos S. 268. 

4) Vgl. Od. 6, 79 — 80: 8<ÖK£V 8e XQVOEr) iv Iriav&q) vyqov e)miov, sicog yvTXöiaaixo 
ovv d(xq?iji6?^oiai yvvai^iv. 

5) Plinius (Nat. hist, XIII, l) nennt die Perser als Vorbilder der Griechen und 
Römer. 



— 659 — 

Them. 3), salben; x6 ä).sii.ii.ia (Oreibas. III, 178; Athen. XII, p. 553c; Plat., Tim. 
50e; Plut., Lyc. 16) die Salbe, das Oel; z6 a).ei:iiTrjQiov (Theophr., de sudore 28) 
Gemach, Anlage zum Salben im Bade und der Palästra'j; 6 äXsiJiTijg, aliptes (Aristot., 
Eth. 2, 6, 7 ; Pol. 27, 6, i; Plut., de tuend, san. 18, p. 133 B; Corp. Inscr. Graec. I, 
no. 138311.; Cicero, ep. i, 9, 15; Juven. VI, 422), der Einsalber; o lazQa}.Ei7tz7]g , 
iatraliptes (Plin., ep. lO, 5, i; 10, 6, i), ein Arzt, der durch Salben heilt; >; larga- 
?.siJiTi>irj, seil. XEyvrj, iatraliplice (Plin., nat. hist. 29, 2), die Kunst, durch Ein- 
salben zu heilen; fj ä?.Eiyjcg (Herod. III, 22), das Salben; ygistv, XQiEa{^ai (Homer., 
II. 23, 186; Od. 4, 252; 3, 466 u. ö.; Oreibas. III, 172), salben; zu -/gTofia (Xen., 
conviv. 2, 4; Aesch, Agam. 94), Salbe, Salböl; i) ygiaig (Oreibas. III, 172), das 
Salben; rö iXaiov (svcöÖEg , Hom., Od. 2, 333; nodoEV, II. 93, 186; Oreibas. III, 172), 
das Salböl; iXatöco (Pind., fragm. 274), mit Oel salben; ro iXaio&ioiov (Vitruv. 

5, II, 2), das Sal!)zimmer in der Ringschule und im Bade-); ^ Xrjxv&og (Hom., Od. 

6, 79; Aristoph., Av. 1588; Plat., Charm. 161 e; Aristot., Eth. 4, 5), Oelf lasche ^) ; 
rö Xrjxv&iov (Aristoph., Ran. 1200 ff.), Oelfläschchen; o Xrjxv&OJioiög (Strab. XV, 
717; Poll. 7, 182), Oelflaschenfabrikant; o Xt]HV&0Ji(oX7]g (Poll., 7, 182), Oelflaschen- 
verkäufer; d dXdßaozgog, z6 nXdßaazQov, alabasler, alabastrum (Herod. 3, 20: 
Plut., Timol. 15; Theoer. 15, 114; Plin., nat. hist. 13, 19), oben spitz zulaufendes 
Salbfläschchen ; z6 vaQ&t'jX lov , narthecium (Cicero, de fin. 2, 22), Salben- und 
Arzneikästchen. 

Ungere (Cels. I, 3), salben; unguenlum (Cels. III, 18; Senec, ep. 86, 12 
und 13), Salbe, Salböl; unctio (Cels. I, 2, I, 3, II, 14, IV, 15; Senec, ep. 53, 5), die 
Salbung; unctor, reunctor (Senec, ep. 123, 4; Senec, fragm. 36; Plin., nat. hist. 
29, 2), der Salber; unctorium (Plin., ep. 2, 17, 11), Salbenzimmer im Bade; unguen- 
tarium (Plin., ep. 2, 11, 23), das Salbengeld; unguentarius (Senec, ep. 88, 18), 
Salbenhändler; unguentaria taberna (Senec, ep. 108, 4), Salbenverkaufsbude; ungu- 
entati (Senec, fragm. 114), die Gesalbten; oleum (Senec, ep. 15, 3; 53, 5), Salböl. 

Wie erwähnt, war die Einsalbung oder besser Einölung^) mit 
meist wohlriechenden Salben in der späteren Zeit mehr ein Mittel des 
Genusses als der Hygiene geworden, so dass ein Mann wie Seneca 
abfällig von den „homines inter oleum et vinum occupati" spricht 
(Ep. 15, 3) und sich selbst der Salben enthielt (Ep. 108, 16); wie die 
Essener, von denen Josephus (Bell, judaic. II, 8, 3) sagt: „Oel halten 
sie für etwas Verunreinigendes, und wenn einer ohne seinen Willen 
gesalbt worden ist, so wischt er seinen Leib ab; denn in rauhe Haut 
setzen sie eine Ehre". Aus ähnlichen Gründen sollen die Lacedämonier 
früher die Salbenhändler ausgewiesen haben (Athen. XV, p. 686 f.; 



1) Als eignes stattliches Gebäude erscheint das dXEin.zriniov auf einer Inschrift in 
Smyrna, Corp. Inscr. Graec. no. 3148, Z. 16 u. 20. 

2) Vgl. über das Elaeothesium A. Rieh., A Dictionary of Roman and Greek Anti- 
quities, London 1860, S. 255 und Abbildung, ebenda S. 142. 

3) Hiermit hängt wohl das Wort .,celuch itha" im Talnuid zusammen (j. Schebi 
VIII, 38a, 26), das Preuss a. a. O. S. 16 als ,,Oelflacon" erwähnt. 

4) Dass es sich meist um Salben von sehr flüssiger Konsistenz gehandelt hat, 
bemerkt schon Hans Locher, Die chirurgischen und medizinischen Krankheiten des 
Schädels und Gehirns. Erlangen 1869, T. I, S. 219. 



— 66o — 

Senec, Nat. Quaest. IV, 13, g). Allerdings meint Seneca an an- 
derer Stelle (Ep. 80, 3), dass der Körper viel Salböl nötig habe, und 
dass dieses eine Art von Stärkungsmittel sei („ut corpus unctione 
recreavi", ep. 53, 5). Jedenfalls wurde in der Kaiserzeit das Ein- 
salben zwei bis drei Mal am Tage wiederholt (Senec., ep. 86, 12) 
und es wurde in Verbindung mit den Bädern, der Massage 
und der Gymnastik zu einer speziellen Heilmethode ausgebildet, 
der „ars iatraliptice", als deren Erfinder Plinius (Nat. hist. 29, 2) 
den Herodikus (Prodicus?) von Selymbria nennt. Der „aliptes" 
wird bei Celsus (I, i: sanus homo, qui et bene valet, et suae spontis 
est, nullis obligare se legibus debet; ac neque medico, neque 
alipta egere) dem Arzte gegenüber gestellt'), war also wohl meist 
ein Nichtarzt, der vielfach überhaupt die rationelle Erziehung zu über- 
wachen hatte 2). 

Die Thätigkeit des Jatralipten war eine sehr umfangreiche und 
bedeutende, seitdem die einst von Archidamos aufgeworfene Frage, 
ob die Einreibung {rglyng, frictio)'^) trocken, als sogenannte ^rjQOTQißi'a 
oder mit Oel vorgenommen werden solle, zu Gunsten der letzteren 
Methode schon von seinem Sohne Diokles von Karystos und 
später besonders ausführlich von Galen beantwortet wurde '). Diokles 
war wohl auch derjenige Arzt, der zuerst die Einsalbung am frühen 
Morgen zu hygienischen Zwecken empfahl ^). Später wurde die 
Salbung in eine innige Verbindung mit der Gymnastik, mit dem 
Bade und mit dem Geschlechtsverkehr gebracht. Man unterschied 
eine präparatorische {nuQaoxevaotixri igTipig, Galen VI, 117, 122; 
Oreibas. I, 470) und eine apotherapeutische Salbung und Massage 
{äjioi^egajievzixij tq., Galen VI, 116, 122; Oreibas. I, 483, 488). 
Wie diese prophylaktische und hygienische Methode auch 
beim Coitus in Anwendung gebracht wurde, hat Galen aus- 
führlich geschildert (Gal., de sanit. tuenda III, c. 11 — 12, ed. Kühn, 
Bd. VI, S. 221 ff.). Dass in der That bei Hellenen und Römern 



i) Aehnlich Cicero, ep. ad fam. I, 9, 15: vellem non solum salutis meae quem- 
admodum niedici, sed ut aliptae, etiam viriuin et coloris rationem habere vokiisscnt. 

2) Im Corp. Inscr. Latinar. III, 2, 110. 1434 wird ein äXstjirrjg jiaidcov Kaiaagog 
erwäiint. 

3) Die XQixjJig, frictio, Einreibung, Massage ist von dem blossen Ueberslrcichcn mit 
Salbe, der ;^ßro«?, unctio, wohl zu unterscheiden, was schon Celsus (II, 14) ausdrücklich 
hervorhebt: Inter unctionem autem et frictionem multum interest. 

4) Vgl. M. Wellmann, Die Fragmente der sikelischen Aerztc Akron, Philistion 
und des Diokles von Karystos, Berlin 1901, .S. 67. 

5) Oribasius, ed. Bussemaker et Daremberg, Bd. III, S. 169. Vgl. auch Well- 
mann a. a. O. S. 178. 



— 66i — 

reichliche Einölung vor dem Coitus schon früh übhch war, ersehen 
wir aus dem „Poenukis" (III, 3) des Plautus, wo der Kuppler Lycus 
dem Collybiscus ausser dem Mädchen auch eine überreichliche Ein- 
ölung verspricht: 

Ibi te replebo usque unguentum eccheumatis. 

Quid multa verba? faciam, ubi tu laveris, 

Ibi ut balneator faciat unguentariam. 

Wir ersehen daraus, dass auch in den Bordellen, dem Haupt- 
herde der venerischen Krankheiten, die Einsalbung vor und nach 
dem Coitus in reichlichstem Maasse vorgenommen und dadurch als 
ein bedeutsames Prophylaktikum der venerischen Ansteckung regel- 
mässig wirken konnte. 

Als eine besondere P'orm der Reinlichkeit erwähnt Rosenbaum (S. 370—375) 
noch die künstliche Enthaarung, yii?.cooig, o nagazikfiög , jiagatikkco , djto- 
ziXXoi (Aristoph., Lysistr. 89, 151, 578; Ran. 516; Eccles. 724; Athen. X, p. 442a, 
XIV, p. 638 f. u. ö.), depiiatio, depilare, pilare, vellere, devellere (Marl. IX, 
28; II, 62; XII, 32; X, 90; Sueton., Doniitian. 22 u. ö.). Diese Depilation wurde 
entweder mit Haarzangen (volsella, Mart. IX, 27, 5; forceps adunca, Pers. IV, 
40; xvfjazQOV aidoiov, Edict. Dioclet. XIII, 7; rgi^o^aßig, zQixoXdßiov, tQixo?Mßi- 
810V, vgl. Sudhoff, Aerztliches aus Papyrusurkunden, S. 96) oder mit heisseni Harze oder 
Pechpflaster (resina, Plin., nat. hist. XIV, 20, Mart. XII, 32, davon resinare, 
Juven. VIII, 114, 6 ÖQWjia^, dropax, Gal. VI, 416, Mart. III, 74, X; 65, öqw- 
TiaxiCsiv, Luc, Demon. 50, z6 yjilco&Qov, psilothrum, Galen. XI, 826, XII, 
450 ff., XIV, 142, 394; Mart. III, 74; Senec, Controv. 7 praef. § 3) vorgenommen, 
war hauptsächlich bei Frauen üblich, während sie bei Männern als Zeichen der Effemination 
galt (Plin., nat, hist. XIV, 20: pudelque confiteri maximum jam honorem eins esse in 
evellendis virorum corpori pilis) und hauptsächlich bei Homosexuellen gebräuchlich war. 

Uns interessiert natürlich vor allem die Depilation der Schamhaare. Ueber deren 
Bedeutung für die Verhütung venerischer Ansteckung äussert sich Rosenbaum (a. a. O. 
S. 370) folgen dermassen : ,,Da die Haare bekanntlich eine grosse Neigung haben Feuchtig- 
keiten an sich zu ziehen und festzuhalten, so werden sie dies auch mit den gesunden und 
kranken Genitalsekreten thun, wenn sie mit ihnen in Berührung kommen und diese Sekrete 
werden um so leichter nachteilig einwirken als jedes Haar zugleich mindestens von zwei 
Hautdrüsen begleitet wird, welche zum Teil einen gemeinschaftlichen Ausführungsgang mit 
ihm haben und an den Stellen, wo sich häufiger und starker Haarwuchs, eine bedeutend 
erhöhte Thätigkeit entwickeln, welche sie ohnehin in heissen Ländern zeigen." 

Dass diese Form der örtlichen Depilation in der That eine Beziehung zum Ge- 
schlechtsverkehr hatte, beweist Epigramm X, 90 des Martial: 

Quid vellis vetulum, Ligia, cunnum? 

Quid busti cineres tui lacessis? 

Tales munditiae decent puellas. 
Hieraus ersehen wir, dass die Entfernung der Schamhaare nur bei den Frauen üblich 
war, die noch sexuellen Verkehr pflegten. Deshalb ruft der Dichter der alten Ligia zu: 

Erras si tibi cunnus hie videtur, 

Ad quem mentula pertinere desit. 



— 662 — 

Plinius (nat. bist. 29, 8) geisselt die ,,piIoriim eviratio instiluta resinis eorum 
ilemque pectines in feminis quidem publicati" als „Ines moruin" und als eine Er- 
findung der griechischen Aerzte, vor denen schon der alte Cato gewarnt habe. 
Es scheint also auch die griechische Medizin die Depilation der Genitalien für den Ge- 
schlechtsverkehr empfohlen zu haben, da Plinius sie zusammen mit dem Ringkampf, dem 
Salben des Körpers, den heissen Bädern und Brechmitteln als Bestandteile der ihm so ver- 
hassten griechischen Hygiene nennt. Dass die Enthaarung der weiblichen Geschlechtsteile 
altgriechischer Brauch war und hier ebenfalls eine sexuelle Bedeutung hatte, geht aus ver- 
schiedenen Aeusserungen des Aristophanes hervor, z. B. Lysistr. 149 — 152: 

st yäg ?ca&rjfts&' Evdov ivTsigi/nf^ievai 

xäv zoTg )['-''^wvioioi zoTg afiogyivotg 

yv[A.val jiaQioifisj', dsi.xa JiaQazEiil/iEvai 

arvoivz' äv ävdgeg Hiijud v fioiev jilexovv. 

Aehnlich Eccies. 12, Lysistr. 89, Ran. 516. 

Es ist wahrscheinlich, dass die Hellenen diese Sitte aus dem Orient überkommen 

haben, wo sie sich namentlich in Aegypten , Indien und Persien bis auf den heutigen 

Tag erhalten hat '). 

Als eine wirksame prophylaktische Maassnahme muss ferner die 
Beschneidung, circumcisio, jieqitojui]'-) angesehen werden, die 
zwar eine rein orientalische Sitte war, aber doch auch indirekt für 
die gesamte griechisch-römische Kulturwelt, die so viele Beziehungen 
zum Orient hatte, eine grosse Bedeutung gewann. Der alte Streit, 
ob das ursprüngliche Motiv der Beschneidung als Volkssitte ein reli- 
giöses oder ein hygienisches gewesen sei, geht uns hier nichts an. 
Es sei nur darauf hingewiesen, dass nach Buschmann wesentlich 
vier Motive für die Beschneidung in Betracht kommen: i. Erleich- 
terung und Erhöhung der Sexualthätigkeit und dadurch bewirkte 
grössere Fruchtbarkeit; 2. Opfer eines Teiles des Genitale, um den 
Segen der Götter und Erlösung vom Leiden zu gewinnen; 3. Reli- 
giöses und nationales Merkmal und Zeichen der Unterwerfung unter 
einen Despoten; 4. Zur Erhaltung der Gesundheit und als Pro- 
phylaktikum. Nur der letztere Punkt kommt für uns in Betracht. 



i) Näheres bei Otto Stoll, Das Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie, Leipzig 
1908, S. 227 ff., wo auch das Motiv der besseren Reinhaltung der Genitalien hervorgehoben 
wird. 

2) Vgl. Rosenbaum a. a. O. S. 375 — 383 (dort ist auch die ältere Literatur ver- 
zeichnet); ferner O. Stoll a. a. O. S. 499 — 531; H. Welcker, Untersuchung des Phallus 
einer altägyptischen Mumie nebst Bemerkungen zur Frage nach Alter und Ursprung der Be- 
schneidung (Archiv f. Anthropologie 1877, Bd. X, Heft 1/2, S. 123 ff.); Th. Pusch- 
mann, Alter und Ursachen der Beschneidung (Wiener med. Presse 1891, Nr. 10 — 12); 
J. Preuss, Die Beschneidung nach Bibel und Talmud (Wiener klin. Rundschau 1897, 
Nr. 43 — 44); Carl Alexander, Die hygienische Bedeutung der Beschneidung, Breslau 
1902; K. Sudhoff, Aerztliches aus griechischen Papyrusurkunden, Leipzig 1909, S. 165 
bis 180 (enthält auch die neueste Literatur). 



- 663 - 

Seine Bedeutung wurde schon im Altertume erkannt. Die 
klassische Stelle hierfür ist Philo, De circumcisione (Opera, ed. Tho- 
mas Mangey, London 1742, Bd. II, p. 211). Er nennt unter den 
Beweggründen für die Beschneidung vor allem die „Verhütung 
einer heftigen Krankheit und eines schwer zu heilenden 
Leidens, welches man Anthrax nennt, eine Benennung, die, 
wie ich glaube, von dem darin glimmenden wütenden Brennen her- 
genommen ist, und leicht bei denen entsteht, welche ihre Vor- 
haut haben. Zweitens wegen der für die Priesterkaste erforderlichen 
Reinheit des ganzen Körpers. Daher scheren auch die Priester in 
Aegypten ihren Körper; denn es sammelt sich und zieht sich etwas 
sowohl unter den Haaren als auch unter der Vorhaut zusammen, 
was entfernt werden muß". (Uebersetzung von Rosenbaum) '). 

Unter „Anthrax" ist der ganzen Schilderung nach hier wohl 
kaum etwas anderes zu verstehen als ein rein örtlicher gangränes- 
cierender Schanker, der wegen der entzündlich - alcerösen Verände- 
rungen als ävd^oa^, wegen des serpiginösen, fortschreitenden Charak- 
ters als VOJU7], noma bezeichnet wurde (rd o}]7iedovc6öi] tcöv iXxcöv^ 
orav E7iivejLir]Tai rovg tieql^ jojtovg, dvojud^ovoiv löicog vofidg, 
Galen. XIII, 851, ed. Kühn). Der Midrasch erwähnt die „noma 
am Fleische" (i. e. am Penis), wegen der „der Arzt die Beschnei- 
dung anordnet. Es ist unzweifelhaft das griechische vojlu'j (lat. noma). 
Die Gemara kennt ausserdem noch eine Beschneidnng des Heiden, 
also des Erwachsenen, weg'en ,,moräna". Das Wort wird sonst im 
Talmud als Bezeichnung eines Wurmes gebraucht und hat vielleicht 
auch hier diese Bedeutung 2). 

Dass in Südeuropa und im Orient Geschwüre sehr leicht phagedänisch und ser- 
piginös werden, hat schon Rosen ha um (a. a. O. S. 318) hervorgehoben. Man ver- 
gleiche darüber auch die Beobachtungen von Wem ich ^). 



i) "Ev fisv, x*^?^^Jii}? vöoov xal Svoidrov jiädovg anaXXayip' , fjv ävßgaxa xaXovaiv, 
ano xov xaieiv h'tvq^ofCEvor; <bg oi/iiac, lavTtj? Tijg JiQooijyoQiac TV^orzog, rjzt? ov xoXw- 
XEQOV xoTg rag äxooTToa&iag Ey^ovaiv syyivEzo' Aevzeqov, zrjv 81' oXov zov ow^iaroi; y.adu- 
QÖzrjza TiQog zö aQfiozzeiv zä^si lEQCOfiEVi]. IJag' o xal ^vQÖJino xa awfiaxa jtqoovjieq- 
ßdXXovzE? Ol EV AlyvjTzcü zü)v lEQECov. vjioai^XXEyEzo yäg xal vjzoozsXXei xal ßgi^l xal 
Tzoo^iaig svia xcöv öcpEiXövxwv xadaiQEodai. 

2) J. Preuss, Die Beschneidung nach Bibel und Talmud, S.-A., S. 13. Im Mi- 
drasch (Genes, r. 46, fol. 95c) heisst es: Die Söhne des Königs Thalme hatten sich heim- 
lich beschneiden lassen. Die Mutter, die von ihrem Manne nachträglich die Erlaubnis dazu 
erlangen will, sagt ihm: ,, Deinen Söhnen ist eine Noma an ihrem Heische (Penis) aufge- 
gangen, und der Arzt (rophe) hat angeordnet, dass sie beschnitten werden sollen". 

3) A. Wernich, Artikel ,, Endemische und epidemische Krankheiten" in Eulen- 
burg's Realencyklopädie, 3. AufL, Bd. VI, S. 650; vgl. femer J. L. C. Ziermann, Ueber 
die vorherrschenden Krankheiten Siciliens etc., Hannover 18 19, S. 195. 



— 664 — 

Auch wirkt im südlichen Klima die dort meist sehr reichliche 
Absonderung des Smegma als ein Irritament, das die Intaktheit der 
Haut und Schleimhaut schädigt und durch Zersetzung Balanitis und 
Ekzeme hervorruft und dadurch eine venerische Infektion ungemein 
begünstigt. Ist die Vorhaut durch die Beschneidung entfernt worden, 
so hört damit auch jene Absonderung auf und die Eichelschleimhaut 
wandelt sich in eine derbe, allen Reizen und Infektionserregern weit 
weniger zugängliche Haut um. 

Welche Bedeutung dies für die venerische Ansteckung hat, ergiebt 
sich aus folgenden von Alexander (a. a. O. S. 15) mitgeteilten Daten: 

Aus einer Veröffenüichung des Städtischen Krankenhauses in Kopenhagen von 
Haslund über die dortigen venerischen Erkrankungen ergiebt sich, dass von 891 in 
einem Jahre dort behandelten Männern bei 140, also bei i / "/q, reine Vorhaut- 
erkrankungen bestanden. Auf Grund der umfassenden Statistiken der berühmten Syphihs- 
forscher Hutchinson, Fournier u. A. kommt E, II. Freeland zu der Berechnung, 
dass das Primärsyphihd in 73 "/„ aller Fälle auf der Vorhaut oder in der Vorhautfurche 
sitzt, d. h. also, dass in 7 3 7o sämtlicher zur Beobachtung gelangter Fälle die 
Syphilisübertragung an der Vorhaut stattgefunden hat. Alexander fand sogar 
i" 7 9°i\, seiner Fälle von geschlechtlichen Erkrankungen Affektionen der Vorhaut bezw. 
den Ursprung der Erkrankung im Präputium. Freeland sah als Schiffsarzt im Orient von 
den mit ihm in Berührung kommenden Matrosen die Kaskaren, die als Mohamedaner be- 
schnitten sind, im Gegensatz zu der übrigen stark verseuchten Mannschaft 
fast niemals an Schanker erkranken. Breitenstein hat 15 000 eingeborene be- 
schnittene und 18000 europäische unbeschnittene Soldaten der holländisch-indischen 
Armee gegenübergestellt, die unter gleichen örtlichen, sozialen und hygienischen Verhält- 
nissen lebten. Von ihnen eikrankten nun im Jahre 1895: an Geschlechtskrankheiten 
im allgemeinen lö^/^ von den beschnittenen, 41 "/o ^"" ^^^^ unbeschnittenen Soldaten! 
An Syphilis 0,8 °/y von den ersteren, dagegen 4, 1"/^, also fünfmal so viel, von den 
letzteren. 

Wie also die Beschneidung sicherlich schon im Altertum als 
ein vortreffliches Prophylaktikum gegen venerische Ansteckung ge- 
wirkt hat, so steckte auch in dem uralten Aberglauben von der 
Giftigkeit und Schädlichkeit des Menstrualblutes i) und dem daraus 
resultierenden Verbote des Coitus mit einem menstruierenden Weibe 
ein wahrer Kern, insofern erfahrungsgemäss gonorrhoische Prozesse 
während der Zeit der Menses intensiver auftreten und reichlichere 
Sekretion zur Folge haben -) und bei Chronicität der Krankheit während 
der Menses sehr häufig akute Exacerbationen sich bemerkbar machen. 



i) Vgl. hierüber J. Preuss, Materialien zur Geschichte der biblisch -talmudischen 
Medizin, XVI. Die weiblichen Genitalien. In: Allgem. Medizin. Central-Zeitung 1905, 
Nr. 5 ff., S.-A. S. 15 — 29; Ploss-Bartels, Das -Weib in der Natur- und Völkerkunde, 
8. Auflage, Leipzig 1905, Bd. I, S. 458 — 475. 

2) Vgl. E. Finger, Die Blennorrhoe der Sexualorgane, 4. Aufl., Leipzig- Wien 1896, 
S- 325, 354- 



— 665 - 

§ 4'- Allgemeine medizinische Anschauungen der Alten 
über die venerischen Krankheiten. 

Indem wir uns nunmehr der Betrachtung der allgemeinen An- 
schauungen des Altertums über die Geschlechtskrankheiten zuwenden, 
haben wir zunächst die Behauptung Rosenbaum's zu prüfen, *dass 
die griechischen und römischen Aerzte im grossen und ganzen keine 
Gelegenheit gehabt hätten, wirkliche Erfahrungen über venerische 
Krankheiten zu sammeln, weil die mit solchen behafteten Patienten 
(männliche und weibliche) sich teils aus Scham, teils aus Angst lieber 
an männliche und weibliche Kurpfuscher, Hebammen, Rhizotomen etc. 
gewandt hätten. Diese Ansicht, die Rosen bäum aber nur für 
Griechenland und Rom aufstellt, ist gänzlich irrig, was die rein 
klinischen Erfahrungen betrifft. Wir werden sehen, dass gerade 
diese den Aerzten in reichlichstem Masse zur Verfügung standen und 
dass die medizinische Kenntnis der venerischen Affektionen sicher 
eine bedeutend umfangreichere war als die ,, Erfahrung" der Laien. 
Sind nicht auch heute noch gerade die sexuellen Leiden eine Lieb- 
lingsdomäne des gesamten Kurpfuschertums? Wenden sich auch 
nicht jetzt noch sehr viele Leute aus Scham und Angst zuerst an 
Charlatane auf diesem Gebiete, bevor sie einen approbierten Arzt 
konsultieren? Und doch köiuite Niemand daraus den Schluss ziehen, 
dass letzterer weniger Erfahrung besitzt als der Quacksalber. Die 
Sache ist vielmehr die, dass zu allen Zeiten und trotz der immensen 
Fortschritte der Venereologie das Kurpfuschertum gerade Sexual- 
leiden immer mit Vorliebe in den Bereich seiner Thätigkeit gezogen ') 
und die wissenschaftliche Therapie in den Augen des Publikums ver- 
leumdet und diskreditiert hat, zumal in der römischen Kaiserzeit, wo 
das Interesse der Laien an medizinischen Dingen sehr gross war 
und durch Schriften, wie diejenigen des Celsus, befriedigt wurde, 
der doch die Bedeutung der wissenschaftlichen Medizin vollauf ge- 
würdigt hat, im Gegensatze zum älteren Plinius, diesem typischen 
Vertreter des Charlatanismus, wie aus seiner leidenschaftlichen und 
gehässigen Verurteilung der medizinischen Heilmethode im Anfange 
von Buch XXIX seiner Naturgeschichte hervorgeht-). 



1) Vgl. über die sexuelle Kurpfuscherei mein „Sexualleben unserer Zeit", Berlin 1909, 

s. 784-785- 

2) Neuerdings sucht Raben hörst („Der ältere Plinius als Epitomator des Verrius 
P^laccus", Berlin 1907) den Nachweis zu erbringen, dass der Encyclopädist V e r r i u s Flaccus 
der Verfasser des Pamphletes gegen die medizinische Wissenschaft sei. Vgl. J. Ilberg, 
A. Cornelius Celsus und die Medizin in Rom. In: Neue Jahrbücher für das klassische 
Altertum, Leipzig 1907, Bd. XIX, S. 406 — 407. 



— 666 — 

Das Laienwissen über ärztliche Dinge ging überall auf 
die Lehren der offiziellen Medizin zurück und ganz wie heute 
lassen sich überall im medizinischen Volksglauben die Elemente der 
wissenschaftlichen Heilkunde in Praxis und Theorie nachweisen. 
Niemals haben Laien über irgend ein Gebiet der Heilkunde „mehr" 
gewusst als die Aerzte selbst. Das gilt ganz gewiss auch für die 
Geschlechtskrankheiten. Es ist hier nicht der Ort im einzelnen die 
sehr interessante Geschichte der medizinischen Aufklärung 
der antiken Laien weit durch Vorträge, Demonstrationen und po- 
pulärmedizinische Werke darzustellen. Es seien nur einige wichtige 
Punkte hervorgehoben, die beweisen, dass als hauptsächliche Quelle 
dieser Aufklärung- die wissenschaftliche Medizin selbst in Betracht 
kommt. 

Schon in der älteren griechischen Medizin machte sich dieses Interesse der Laien an 
der Medizin bemerkbar, wie Piaton's ,,Tiniaens" und die Schriften des Aristoteles be- 
zeugen. Plutarch berichtet (Alcxandr. 8, i), dass Alexander der Grosse von Aris- 
toteles für die Arzneiwissenschaft interessiert worden sei und diese nicht nur theoretisch 
studiert, sondern auch praktisch in Krankheitsfällen bei seinen Freunden ausgeübt habe. In 
Rom wurde die Medizin ein Gegenstand der allgemeinen Bildung [kyxvxhog Tiaidsia, oibis 
doctiinae) und als solcher zuerst von Varro in seinen ,,Disciplinarum libri XIX" be- 
handelt'). Und das berühmte Werk des A. Cornelius Celsus „De medicina" war nur 
ein Teil einer grossen Encyclopädie, die den Titel „Artes" führte, mit der Landwirtschaft 
begann-) und für das Laienpublikum berechnet war. Kurz nach Celsus trat der hervor- 
ragendste Apostel der populären medizinischen Aufklärung auf, der unter dem Kaiser 
Claudius lebende Athenaios, der Stifter der pneumatischen Schale. Er war der erste 
energische Vertreter einer umfa-isenden hygienischen Aufklärung der Jugend. In seiner 
Schrift jiSQi vyiEtrijg diaiirjg äussert er sich u. a. folgendermassen (bei Oribasius, ed. 
Bussemaker et Daremberg, Bd. III, S. 164): 

„Es ist für alle Menschen nützlich oder besser notwendig, dass sie von diesem Alter 
(dem 14. Lebensjahre) an zugleich mit den anderen Wissenschaften auch die Heilkunde 
sich zu eigen machen und ihre Vorschriften kennen lernen, damit sie in Bezug auf ihre 
eigene Gesundheit sich selbst in vorzüglicher Weise beraten können. Denn es giebt beinahe 
keinen Augenblick in der Nacht und am Tage, wo wir diese Kunst nicht nötig hätten, 
beim Spazierengehen,- beim Sitzen, Salben, Baden, Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, 
kurz bei allem, was wir während unseres ganzen Lebens thun und ausführen, immer haben 
wir die Medizin für eine gesunde und unschädliche Lebensführung nötig. Es ist aber zu 
mühselig und unmöglich, über alle diese Dinge immer die Aerzte zu Rate zu ziehen." 

Durch Athenaios angeregt vertritt Plutarch in den 'YyiF.ivu naQayyskfiara die 
Ansicht, dass der Philosoph ausser der Geometrie, Dialektik und Musik auch den eigenen 
Körper genau kennen müsse. Er sagt cap. 25: ,,Das ist doch wahr, dass Niemand ohne 
Kenntnis der Beschaffenheit seines Pulses sein soll, da die Verschiedenheit hier bei jedem 
Einzelnen gross ist. Auch soll Jeder die Mischung von Wärme und Trockenheit, welche 



i) Vgl. Ilberg a. a. O. S. 381—382. 

2) Vgl. Iwan Bloch, ,, Celsus" in: Puschmann's Handbuch der Geschichte der 
Medizin, Jena [902, Bd. I, S. 416 — 417. 



— 667 — 

sein Körper besitzt, kennen, sowie die Dinge, deren Gebrauch seiner Natur nützlich oder 
schädlich ist", und cap. i : ,, Unter den freien Künsten steht die Heilkunde keiner in Ab- 
sicht auf das Glänzende, Treffliche und Angenehme nach, und denen, die sie lieben, verleiht 
sie in der Gesundheit und dem Wohlbefinden eine reiche Belohnung". 

Dass diese medizinischen Dilettanten, die (pMargoi, bisweilen mehr wussten als 
unwissende Aerzte, largoP), die den Fortschritten der Wissenschaft nicht gefolgt waren, 
darf nicht dahin generalisiert werden, dass die Laien überhaupt in der Medizin ebenso gut 
oder besser beschlagen gewesen seien. Die (piUargoi waren doch immer nur vereinzelt 
gegenüber der grossen Masse der in medizinischer Hinsicht gänzlich unwissenden tSiwrai 
(Galen VII, 477). Aus der vorzüglichen Darstellung, die Iwan von Müller der popu- 
lären Medizin der Kaiserzeit gewidmet hat^), geht hervor, dass dieses grosse Interesse des 
Laienpublikums an der Medizin und den Streitigkeiten der medizinischen Sekten ein mehr 
sekundäres, passives und theoretisches war. Die für diesen Zweck verfassten Kompendien, 
für die die 'lazgiyJ] ovvayoiyi) des Menon das Vorbild war^), das Werk des Celsus und 
ähnliche Schriften, geben immer die Anschauungen und Erfahrungen von Aerzten wieder! 

Was nun die speziellen Erfahrungen der wissenschaftlichen Aerzte 
auf dem Gebiete der Geschlechtskrankheiten betrifft, so werden wir 
ja sehen, dass die gesamte antike Venereologie von ihnen ge- 
schaffen wurde und nicht von den Laien, dass also nicht das 
„Nichtwissen" der Aerzte die Ursache des völligen Schweigens über 
die Syphilis sein kann. Wenn Rosenbaum ferner meint, dass die 
Aerzte wegen der grossen Schamhaftigkeit der Patienten, beson- 
ders der weiblichen, keine Gelegenheit gehabt hätten, die Geschlechts- 
leiden genauer zu erforschen, so wird dieses Argument erstens da- 
durch widerlegt, dass sie doch alle möglichen Leiden der Genitalien 
gesehen haben müssen, da sie sie individuell beschreiben, und 
zweitens wird es dadurch hinfällig, dass das zweifellos vorhandene 
Schamgefühl, namentlich der Frauen'^), das ja auch heute noch ein 



1) Das galt besonders von Landärzten, wie z. B. jenem Arzte, den Aulus 
Gellius bei einer fieberhaften Erkrankung rufen liess und der den Unterschied von Vene 
und Arterie nicht kannte und hierüber von dem anwesenden Freunde des Gellius, dem 
Philosophen Calvisius Taurus belehrt werden musste. Auch Gellius will die Heilkunde 
zu einem Zweige der allgemeinen Bildung gemacht wissen (Noct. attic. XVIII, 10). 

2) Iwan V. Müller, Ueber die dem Galen zugeschriebene Abhandlung Üeq! tj/? 
dgioTtjg aigeascog in: Sitzungsberichte der philosoph. u. histor. Klasse der Kgl. Bayer. Aka- 
demie der Wissenschaften 1898, S. 53 — 63 (I. Die Popularität der medizinischen Ueber- 
sichtslitteratur). 

3) Ueber die früheren doxographischen Uebersichten medizinischer Lehren vgl. H. 
Dl eis, ,, Ueber das physikalische System des Straten" in: Sitzungsber. d. kgl. preussischen 
Akad. d. Wissensch. 1893, S. loi ff. 

4) Beispiele hierfür bei Celsus (Prooemium S. 9, i ff. der Ausg. von Darem- 
berg), wo es sich um die ,,verecundia" einer vornehmen Dame bei einem Gebärmuttervorfall 
handelt, und bei Galen (XI, 341 u. XIV, 641 ff.), wo die an govg yvvaixsTo? erkrankte 
Frau des Konsulars Flavius ßoethos sich vor den Aerzten schämt und zuerst die besten 
Hebammen Roms zu Rate zieht, bis sie durch die Verschlimmerung des Leidens gezwungen 

Bloch, Der Ursprung der Syphilis. 43 



— 668 — 

so grosses Hindernis für die rechtzeitige ärztliche Diagnose und 
Therapie ist, wohl meistens überwunden worden ist ^), da wir von 
zahlreichen Untersuchungen männlicher und weiblicher Geschlechts- 
teile hören und die Anwendung des Mutterspiegels gang und gäbe 
war. Auch konnte von einem die ärztliche Erfahrung einschränken- 
den Schamgefühl doch nur bei freien Individuen die Rede''*) sein. 
Bei Sklaven wurde keine Rücksicht genommen. Nicht bloss traten 
Faustkämpfer, Fechter und Athleten nackt auf. Schon beim Ankauf 
wurde der Sklave oder die Sklavin in völlig nacktem Zustande auf 
einem drehbaren Gestelle, der catasta, oder auch einer Steinplatte 
vom Kopfe bis zu den Füssen eingehend besichtigt. 

Es hiess im allgemeinen: einen Sklaven von der Catasta („Staberius Eros suomet 
aere emptus de catasta", Sueton., de grammaticis 13) oder auch von der Steinerhöhung 
(„de lapide emptus", Cic. in Pis. 15; Plaut., Bacch. IV, 7, i") kaufen. Die Catasta 
Hess sich im Kreise drehen, so dass der Sklave oder die Sklavin von allen Seiten geprüft 
werden konnte: 

Non te barbaricae versabat turbo catastae 

(Statins, Silv. II, i, 72). 

Der Käufer hatte das Recht, den Sklaven vollständig nackt zu sehen und genau zu 
inspizieren und zu befühlen [ne qua vitia corporis lateant, wie Seneca sich aus- 
drückt (Senec, ep. 80, 8 — 9)], was nöthig war, da die Verkäufer oft trotz Verbotes durch 
ein Edikt der Aedilen, diese Körperfehler und Krankheitszustände des männlichen und 
weiblichen Sklaven zu verbergen suchten (ibidem und Cicero, de officiis III, 17: sed etiam 
in mancipiorum venditione fraus venditoris omnis excluditur, qui enim scire debuit de sa- 
nitate, de fuga, de furtis, praestat edicto aedilium). In diesem Erlass der kurulischen 
Aedilen hiess es: ,,Man soll Sorge tragen, dass das Verzeichnis von jedem einzelnen Sklaven 
so (ausführlich) angefertigt sei, dass man daraus genau ersehen könne, an welcher Krank- 
heit oder an welchem Gebrechen (quid morbi vitiive cuique sit) einer leide, 
ob emer ein Ausreisser oder ein Landstreicher sei, oder überhaupt noch mit einer Strafe 
im Rest stehe". Bei Gellius (Noct. att. IV, 2), der diese Stelle mitteilt, wird dann aus- 
geführt, dass eine Krankheit sich mitunter auf den ganzen Teil des Körpers erstrecke, mit- 
unter nur auf einen Teil des Körpers. Als Beispiel für das erstere wird „phthisis aut 
febris", für das letztere „caecitas aut pedis debilitas" angeführt. Es ist interessant, dass 
unter die „morbosi" auch Individuen mit geschlechtlichen Fehlern, wie Eunuchen 
und Frauen mit angeborener (nativa sterilitas) oder erworbener Unfruchtbarkeit (at si 
valetudo offendisset, exque ea viiium factum esset, ut concipere fetus non posset) gerechnet 
wurden. 



wird, verschiedene Aerzte, darunter auch Galen, herbeizurufen, Aeusserungen über das 
weibliche Schamgefühl gegenüber Aerzten bei Herodot III, 133 und Euripides, Hippolyt. 
293 ff. Vgl. auch Robert Fuchs, Geschichte der Heilkunde bei den Griechen in: Hand- 
buch der Geschichte der Medizin von Neuburger-Pagel, Jena 1901, Bd. I, .S. 190. 

i) Vgl. oben S. 531 und S. 532. 

2) In älterer Zeit war auch hier die Unbefangenheit grösser, wie denn bei den Spar- 
tanern Lykurg angeordnet haben soll, dass die Mädchen und Knaben bei Gelegenheit von 
Festen sich einander in nacktem Zustande zeigten (Flut., Lycurg. 14). 



— 66g — 

Durch die griechischen Papyrus-Urkunden sind viele Kaufverträge über Sklaven auf 
uns gekommen. Sudhoff, der die in medizinischer Beziehung wichtigsten Stellen zu- 
sammengestellt hat ^), bemerkt: ,,Noch wichtiger war die Garantie der Gesundheit beim Ein- 
kauf eines Sklaven oder einer, auch für die Fortpflanzung bestimmten, Sklavin. Aeusserlich 
sofort leicht erkennbare Leiden oder Fehler musste allezeit der Käufer selbst beachten bezw. 
sich hierin selbst davor schützen, indem er die Augen aufmachte, dass er nicht betrogen 
wurde. Nur über verborgene innere Leiden muss der Verkäufer eine Erklärung abgeben 
und für eine gewisse Zeit eine Garantie leisten. Solche ,, rückgängige Fehler", wie es heute 
noch beim Pferdekauf heisst, waren in alexandrinisch-hellenistischer Zeit beim Sklaven vor 
allem Fallsucht und Aussatz, die denn auch in unzähligen Sklaven Verkaufsverträgen als 
nicht vorhanden an Eidesstatt betont werden." 

Die Erklärung über ein solches y.QVTzxov :jddo; fehlt niemals. Der Verkäufer haftete 
für 6 Monate für Fallsucht, alte Schäden und verborgene Leiden. Sudhoff verweist auch 
auf die einschlägigen Bestimmungen der Digesten über die meldepflichtigen Krankheiten der 
Sklaven. Für unser Thema von Interesse sind folgende Stellen'): 

Dig. XXI, I, 6 u. ": Trebatius ait, impetiginosum morbosum non esse, si eo mem- 
bro, ubi Impetigo esset, aeque recte utatur; et mihi videtur vera Trebatii sententia. 

Spadonem morbosum non esse, neque vitiosum, verius mihi videtur, sed sanum esse, 
sicuti illum, qui unum testiculum habet, qui etiam generare potest — sin autem quis ita 
spado est, ut tarn necessaria pars corporis ei penitus absit, morbosus est. 

Dig. XXI, 1, 12: Qui clavum habet, morbosus est; sed et polyposus ... Is, cui 
OS oleat, an sanus sit, quaesitum est; Trebatius ait, non esse morbosum, os alicui olere, 
veluti hircosum, strabonem; hoc enim ex illuvie oris accidere solere; si tamen ex corporis 
vitio id accidit, veluti quod iecur, quod pulmo, aut aliud quid similiter dolet, morbosus est. 

Dig. XXI, I, 14: Ouaeritur de ea muliere, quae semper mortuos parit, an morbosa 
sit; et ait Sabinus, si vulvae vitio hoc contingit, morbosam esse . . . De sterili Caelius 
distinguere Trebatium dicit, ut, si natura sterilis sit, si vitio corporis, contra. Item de eo, 
qui urinam facit, quaeritur; et Pedius ait, non ob eam rem sanum non esse, quod in lecto 
somno vinoque pressus, aut etiam pigritia surgendi urinam faciat; sin autem vitio vesicae 
collectum humorem continere non potest, non quia urinam in lecto facit, sed quia vitiosam 
vesicam habet, redhiberi posse. 

Dig. XXI, I, 15: Quae bis in mense purgatur, sana non est; item quae non pur- 
gatur, nisi per aetatem accidit. 

Während merkwürdiger Weise Aussatz und Epilepsie in den Digesten nicht erwähnt 
werden, sehen wir, dass verschiedene für den Dermatologen und Venereologen interessante 
Leiden beim Sklavenkauf berücksichtigt wurden, wie die Impetigo, welcher Begriff wohl 
ausser Ekzem vielleicht auch Psoriasis und Ichthyosis umfasst (vgl. die Schilderung bei 
Celsus, Lib. V, c. 28, 17 — 18), der komplete Eunuchismus, Warzen und Polypen, übler 
Mundgeruch, sobald er mit einem inneren Leiden (der Lunge oder des Intestinaltractus) 
zusammenhing, habituelle Totgeburt infolge Erkrankung oder fehlerhafter Beschaffenheit der 
weiblichen Geschlechtsorgane, Sterilität infolge einer Krankheit, Enuresis bei Erkrankung 
der Blase, Dysmenorrhöe. 

In ähnlicher Weise wie beim Sklavenkauf wurde bei der Unter- 
suchung der Militärdienstpflichtigen auf Krankheiten gefahndet, wie 



i) ,, Sklavenwesen'' in: Aerztliches aus griechischen Papyrus-Urkunden, S. 142 — 149. 
2) Ich zitiere nach der Ausgabe des „Corpus Juris civilis" von Kriegel, Herr- 
mann und Osenbrüggen, Leipzig 1858. 

43* 



— 670 — 

dies ebenfalls die Papyrusurkunden bezeugen ^). Das Gleiche galt 
von der Besichtigung der Priesterkinder vor der Beschneidung 2). 

Trifft es also nicht zu, dass, wie Rosenbaum behauptet, die 
heimischen Sitten die Aerzte daran hinderten, grössere Erfahrungen 
über geschlechtliche Erkrankungen zu sammeln, so war das Wander- 
leben vieler Aerzte und ihre Zerstreuung über das ganze Imperium 
nur in höchstem Maasse geeignet, ihnen die etwa noch mangelnden 
Erfahrungen auf diesem Gebiete reichlich zuzuführen. 

Bis tief in die byzantinische Zeit zogen diese jiEQioöevrai, circulatores von 
Ort zu Ort. In der Grabschrift des freigelassenen Arztes P. Scribonius Primigenius 
heisst es, dass er, in Iguvium geboren, viele Orte besucht habe und überall durch seine 
Kunst, noch mehr durch seine Zuverlässigkeit bekannt sei (Antholog. latin., ed. Meyer 1430). 
Aehnlich nennt die Grabschrift eines Arztes aus Nicäa bei Doliche in Thessalien ihn 
„jio?M]v &dXaooav xal yaiav jieQivooxrjoag^^ (Kaibel, Epigr. Gr. 509). Neuerdings teilt 
Oehler^) die Grabschrift des Arztes Hedys mit, der auf seinen Reisen die Länder Asiens, 
Europas und Afrikas und die Strömungen des Okeanos gesehen hat und dessen Gebeine in 
Nikaia ruhen. 

Zu diesen vielgereisten Aerzten gehörten auch die Militär- 
ärzte^), denen schon im Corpus hippocraticum (De medico, c. 14) 
empfohlen wird, fremden Söldnerheeren zu folgen, die Schiffsärzte ^) 
und die Festärzte''). Die weite Verbreitung griechischer Aerzte 
im Bereiche der antiken Welt zeigt die Zusammenstellung von Oehler 
nach Orten und Namen (a. a. O. S. 5 u. 20 — 25). 

Nicht zu vergessen ist endlich bei der allgemeinen Beurteilung 
der antiken Kenntnis der venerischen Leiden, dass es wahrscheinlich 
auch auf diesem Gebiete Spezialisten gab. Meist stammten sie 
wohl aus Aegypten, der Urheimat des ärztlichen Spezialistentums 
(Herodot. II, 84)'^). Dort entwickelte sich unter den Ptolemäern 



1) Vgl. Sudhoff, a. a. O. S. 252—253. 

2) Ibidem S. 176. 

3) Johann Oehler, Epigraphische Beiträge zur Geschichte des Aerztestandes. In: 
Janus, Bd. XIII, 1908, S.-A., S. 4. 

4) Ueber die griechischen Militärärzte vgl. Robert Fuchs, a. a. O. S. 183 — 184; 
Rudolf Pohl, De Graecorum medicis publicis, Berlin 1905, S. 63 — 64; über die römischen 
vgl. Iwan Bloch, Uebersicht über die ärztlichen Standesverhältnisse in der west- und ost- 
römischen Kaiserzeit, in: Puschmann, Handbuch, 1902, Bd. I, S. 586 — 587; Theodor 
Meyer, Geschichte des römischen Aerztestandes, Kiel 1907, S. 48 — 51. 

5) Iwan Bloch, Schiffsärzte in byzantinischer Zeit. In: Janus, Bd. VII, 1902, 
S. 15 — 16; Oehler, a. a. O. S. 9, 

6) Pohl, a. a. O. S. 64. Auf einer Inschrift von Olympia 62 wird auch ein Arzt 
erwähnt, der für die in Olympia zusammenströnienden Fremden bestimmt war. Andere 
Inschriften über Festärzte bei Oehler, a. a. O. S. 10. 

7) Galen (Introductio, cap, i, ed. Kühn, XIV, 675) sucht auch die Quelle der 
griechischen Medizin in Aegypten. 



— 67 1 — 

ein reges wissenschaftliches Leben. Die Alexandrinerzeit war die 
Epoche der ersten medizinischen Monographien. 

Erwähnt seien Andreas von Karystos, der ein grosses Werk über Pharmakologie, 
vdgdT]^ (Galen XI, 795; XIX, 105; Plin., n. h. 20, 200) und eine Abhandlung über 
den Biss giftiger Tiere, Jisgt Saxsriov (Galen XIV, 180) schrieb, Kleophantos (Ueber 
den Wein, Plin., n. h. 26, 14), Apollonios Mys (Ueber Salben, jteqI fivQCOV, Athen., 
p. 688 e ff.), Demosthenes Philalethes (Ueber Augenheilkunde, 6<p&a?^/Liix6g, Aet. II, 
3, 12, 16, 44 u. ö.), Gaius (Ueber Wasserscheu, Cael. Aurelian., ac. morb. III, 14), 
Dioskurides Phakas (Ueber die Lybische Pest, Oreibas. III, 607), der Erasistrateer 
Straton (Ueber den Aussatz, eXsq^avxiaaig , Oreibas. IV, 63), Asklepiades über Alo- 
pecie (Galen XII, 410) u. a. m. 

Es war nichts Ungewöhnliches, dass man bei neuen Krank- 
heiten die vielerfahrenen ägyptischen Spezialär